Binde, Fritz - Eine notwendige Operation

Binde, Fritz - Eine notwendige Operation

„Höret, ihr Tauben! und ihr Blinden, schauet her, um zu sehen! Wer ist blind als nur mein Knecht und taub wie mein Bote, den ich sende? Wer ist blind wie der Vertraute, und blind wie der Knecht Jahwes? Du hast vieles gesehen, aber du beachtest es nicht; bei offenen Ohren hört er nicht. “

Jesaja 42,18-20

Die Bibel ist ein sonderbares Buch. Sie sagt so ziemlich in allen Dingen das Gegenteil von dem, was der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ sagt. So auch hier. Welch eigenartiger Aufruf: die Tauben sollen hören, die Blinden sollen schauen, um zu sehen. Als ob das möglich wäre! Und doch soll es geschehen. Wer sind die Tauben und Blinden? Antwort: Das Volk Israel im besonderen und alle Menschen im allgemeinen. Wem gegenüber sind sie taub und blind? Gott und seinem Gesalbten gegenüber. Laßt uns dreierlei erkennen:

- die Tatsache der menschlichen Taub- und Blindheit, - die göttliche Heilung derselben, - was hören und sehen sie dann?

I.

Die Tatsachen der menschlichen Taub- und Blindheit Gott gegenüber.

„Papier ist geduldig!“ meinte ein junger Gottesleugner, „da schreiben sie von Gott, und hat ihn doch noch kein Mensch gesehen! Da heißt es immer: ,Und Gott sprach‘ – wenn es einen gibt, warum läßt er sich denn heute nicht mehr hören?“ – „Haben Sie vor zehn Jahren einen Freund gehabt?“ fragte ich ihn. „Mehr als einen. “ – „Wo wohnen die jetzt?“ – „Ja, wenn ich das wüßte! Da bin ich längst mit auseinander. “ – „Wie kam das denn?“ – „Na, der eine ging hierhin, der

andere dorthin. Dann schrieb man sich noch ein paarmal, und dann hat man nichts mehr voneinander gehört. “ – „Wissen Sie auch keine Adresse mehr?“ – „Nein, dazu ist’s schon zu lange her. Ich weiß ja gar nicht, ob die überhaupt noch in der Welt sind! Aber warum wollen Sie das alles wissen?“ – „Um Ihnen zu sagen, daß es genau so mit Gott geht. Erst kannten ihn die Menschen, dann kamen sie mit ihm auseinander, dann haben sie sich hier und da noch einmal seiner erinnert, denn was ihn anbetraf, so schrieb er ihnen sehr fleißig. Aber sie haben immer seltener geantwortet, und schließlich die meisten gar nicht mehr. Ja, sie haben seine Briefe einfach ungelesen zurückgeschickt, indem sie die Annahme verweigerten. Mittlerweile haben sie sogar seine Adresse vergessen. Und nun wissen sie schon nicht mehr, ob er überhaupt noch in der Welt ist oder jemals in der Welt war. Es ist schon so lange her, sagen sie, daß er nichts von sich hat hören lassen. “ –

So sind die Menschen immer tauber und tauber, blinder und blinder geworden Gott gegenüber. Das heißt, sie haben ihm gegenüber, infolge mangelnder Übung, verkümmerte Sinne bekommen, die nun nicht mehr fähig sind, Gott wahrzunehmen. Wenn aber solche, die sich im Gebrauche ihres Sinnes für Gott fleißig übten und ihn auf dem Wege, auf dem er heute allein zu finden ist, gefunden hatten, so daß sie bezeugen konnten: „Wir kennen ihn“ – dann wurden sie von den anderen einfach ausgelacht.

Ein Missionar geht mit seinem schwarzen Gehilfen über eine afrikanische Ebene. Plötzlich bleibt der Schwarze stehen, reckt sich, legt die Hände hinter die Ohren, lauscht, reißt die Augen auf, sieht, öffnet den Mund zu einem antwortenden Ruf – zweifellos, er sieht, hört einen Menschen, ja unterhält sogar mit ihm ein Gespräch. Der Weiße reckt sich auch, legt auch die Hände an die Ohren, reißt auch die Augen auf, lauscht, lugt, sieht und hört – nichts. Der eine hat für das Sehen und Hören in die weite Ferne geübte Sinne, der andere nicht. Ähnlich ist’s im geistlichen Verkehr mit Gott. Der eine verkehrt mit Gott auf Grund der biblischen Offenbarung und seines wohlgeübten innerlichen Hörens und Schauens inniger als mit Weib und Kind, und könnte nicht mehr leben ohne betendes Zwiegespräch mit dem immer nahen Gott; dem anderen ist’s lächerlich. Er gehört zu den Tauben und Blinden.

Es gibt jedoch zweierlei Taub- und Blindheit: eine angeborene – indem die verkümmerten Sinne Gott gegenüber dem ganzen Menschengeschlechte mehr oder weniger wesenhaft geworden sind – und eine künstliche. Wenn eines Menschen inneres Ohr und Auge angefangen hat, für Gott offen zu werden und der Mensch verschließt beides absichtlich von neuem gegen Gott, so leidet er an künstlicher Taub- und Blindheit. Solche Leute kuriert Gott oft ganz seltsam. Ich las von einem Manne, der gerne Orgel- oder Harmoniumspiel hörte, sich aber jedesmal beide Ohren vermittels der Finger verstopfte, wenn die Predigt begann. Diesem Manne setzte Gott eine Fliege auf die Nase, die ihn immer unerträglicher belästigte. So blieb ihm nichts anderes übrig, als den Finger aus dem einen Ohre zu ziehen und die Fliege zu verjagen. Im selben Augenblick hörte er, wie der Prediger ausrief: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

Flugs flog auch der andere Finger aus dem anderen Ohr, und der heilsam erschreckte künstlich Taube wurde endgültig geheilt.

Wieviel künstlich Taube und Blinde mögen jetzt hier sitzen! Sie haben bereits Wahrnehmungen von Gott und seinem Gesalbten gemacht, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Gegen weiteres Hören und Sehen verschließen sie sich absichtlich, damit Gott ihnen nicht zu übermächtig werde. Sie hören vielleicht noch gewohnheitsmäßig Gottes Wort, aber sie hören doch nicht; sie sehen Gottes Eingreifen in ihr Leben, aber sie sehen doch nicht. Gott hat sie wiederholt angeredet und angeschaut, aber nun halten sie sich krampfhaft Augen und Ohren zu. Weil sie aber sehr wohl um ihre Taub- und Blindheit wissen, wird – wenn sie sich durchaus nicht heilen lassen wollen –Gott selbst sie völlig und endgültig betäuben, verblenden und dahingeben (Matth. 13,13). Es sind die Leute, denen Jesu Wort gilt: Ihr habt nicht gewollt (Luk. 13,34). Gilt es dir, dann lerne jetzt erschrecken, Menschenkind, vor den ewigen Folgen deiner künstlichen Taub- und Blindheit!

Indes ist es das Verhängnisvollste der angeborenen Taub- und Blindheit, daß der damit behaftete Mensch – im Gegensatz zum künstlich Tauben und Blinden – gar nichts von seiner Taub- und Blindheit weiß. Er ist also taub gegen seine Taubheit und blind gegen seine Blindheit, das heißt, er meint, er sei sehr gut bei Sinnen und habe in bezug auf Gott ein recht gesundes Urteil, wenn er sagt:

Ich habe noch nie etwas von ihm gesehen noch gehört! Welch ein Jammer! Denn Gott kann keinen hörend und sehend machen, der nicht zuvor erkannt hat, daß er taub und blind ist. Es war das Unglück der damaligen Pharisäer, daß sie Jesus überlegen fragten: Sind denn auch wir blind? Sie hielten sich also für sehend, litten mithin an angeborener Blindheit, und da sie doch Jesus bis zu einem gewissen Grade als Sohn Gottes erkannt hatten, aber dieser Erkenntnis nicht gehorsam sein wollten, so litten sie zugleich an künstlicher Blindheit. Doppelt unheilvolle Verblendung! Die ganze Namenchristenheit leidet an ihr.

Ich las vor Jahren ein Drama des flämisch-französischen Dichters Maeterlinck, „Die Blinden“ betitelt. Dieses Werk eines ungläubigen Schriftstellers half mit, mich zum Christen zu machen. Es malt nämlich das grausige Elend einer blinden Menschheit. Und zwar ungefähr so:

Auf einer einsamen Insel wohnen zwölf Blinde, sechs Männer – darunter ein Tauber – und sechs Frauen. Alle, mit Ausnahme von dreien, sind blind geboren. Sie hausen in einem Hospiz für Blinde, einem alten Kloster. Ein steinalter Priester mit zwei uralten Schwestern sind ihre Führer und Wärterinnen. An einem sonnigen Spätherbsttag hat sie der steinalte Priester in den uralten Forst der Insel geführt. Da sitzen sie jetzt noch, spät in der Nacht, den Führer vermissend, der sie heimbringen soll. Er ist nämlich plötzlich gestorben und sitzt als Leiche unter ihnen, aber sie wissen es nicht, sondern meinen, er sei weggegangen, um wiederzukommen. Sie wissen auch nicht, daß es bereits tiefe Nacht ist, noch wo sie überhaupt auf der Insel sind. „Wüßten wir nur, wo wir sind“, jammern sie, aber es weiß keiner, wo sie sind. Drei alte blinde Frauen beten und wehklagen, aber ein Blinder meint, es sei jetzt nicht der Augenblick zum Beten. Andere meinen, man müsse warten und schweigen. „Wir sind doch hier in keiner Kirche“, entgegnet einer. „Ich fürchte mich, wenn ich nicht rede“, bekennt ein anderer. Einer der Männer ruft: „Erbarmt euch derer, die nicht sehen!“ Doch gleich straft ihn ein anderer: „Wer redet hier so sinnlos?“ Dazwischen tauschen sie ihre Vermutungen aus, wo der Führer hingegangen sein könne, wie spät es wohl sein möge, wie weit das Meer entfernt sei, ob einer von den nicht blind Geborenen die Insel jemals gesehen habe und sie kenne, um den Weg heimwärts zeigen zu können, usw. Aber keiner kennt die Insel. „Wir waren alle blind, als wir hierher kamen“, berichten sie einander. Ja, noch mehr! Einer spricht es aus: „Wir haben uns alle nie untereinander gesehen. Wir fragen uns, und wir geben uns Antwort; wir leben zusammen, aber wer wir eigentlich sind, das wissen wir nicht!. .. “ „Wir fürchten uns schon lange“, sagt eine junge Blinde. So wird es Mitternacht. Das Meer rauscht. Nachtvögel streichen durch die Bäume. Totenblumen duften. Die alten Frauen beten unaufhörlich weiter. Der Hunger beginnt zu quälen. Es wird immer kälter, und der Führer kommt noch immer nicht. – Eine junge, irrsinnige Blinde, die ihr säugendes Kind bei sich hat, beginnt zu weinen. Das Meer rauscht mächtiger und näher. Wüßte man nur, wo auf der Insel der Leuchtturm sich befindet. Man lauscht dem Anprall der Wogen. Man hört etwas kommen. Es ist der Hund des Hospizes, der seinen Herrn sucht. Alle Hoffnung klammert sich nun an das Tier, das ihnen den Weg heimwärts weisen soll. Doch der Hund führt sie nur zur Leiche des Priesters, die sie mit Entsetzen entdecken, und ist von da nicht mehr wegzubringen. Schaudernd beginnen die Blinden ihr Schicksal zu ahnen. Sie kamen auf diese Insel, um, wie sie berichten, durch den alten Priester geheilt zu werden, und nun ist er tot, sowohl als Helfer, als auch als Führer ins Hospiz zurück. Die uralten Schwestern gehen nachts nicht aus; so ist jede Hoffnung geschwunden heimzugelangen. Hunger und Kälte nehmen zu. Langsam fallen große Schneeflocken nieder. Da erinnert man sich des Kindes der irrsinnigen Blinden. „Das Kind allein kann sehen, wo wir sind. “ Das Kind soll den Weg zeigen. Man glaubt Schritte zu hören. Das Kind wimmert in die Nacht hinaus. Man hebt es hoch. Es muß jemanden sehen. Die junge Blinde hebt das wimmernde Kind noch höher. Es muß jemand kommen. „Wer bist du?“ „Erbarmen!“ Schweigen. Wer da kommt, das ist – der Tod.

Kann man schauerlicher das Elend der blinden Menschheit veranschaulichen? Auf der Erde, der einsamen Insel im unendlichen Meere des Weltenraumes wohnen sie. Blind sind sie dahin gekommen. Auf wieviel gebrechliche Priester, Menschen wie sie, denen selbst die Augen längst dunkel geworden sind, haben sie nicht ihre Hoffnung gesetzt, durch sie sehend zu werden. Vergeblich! Ja, die Priester sind wie Leichen unter den Blinden. Indes sprechen die Blinden ihre Vermutungen über die Insel und das sie umrauschende Meer, über Sterne, Sonne, Bäume, Blumen und über sich selber aus und nennen das ihre Wissenschaft. Etliche beten; ein jammerndes, zielloses Beten! Tiere und Kinder studiert man, um den Weg heimwärts zu finden, als man den Tod des Priesters entdeckt hat. Von einem Leuchtturm auf der Insel hat man gehört, aber keiner weiß ihn zu finden. So vergeht die Zeit. Der Hunger nach Licht, Brot und Heimat nimmt zu. Die Nacht rückt vor. Schauerlich und immer näher rauscht das Meer der Ewigkeit. Ihre letzte Hoffnung klammert sich an einen, den sie kommen hören. Der aber kommt, ist der Tod. – Daß sie blind, verirrt, verhungernd an Seele und Leib auf dieser dunklen Erde sterben und verderben müssen, das ist ihre letzte Wissenschaft. – Tatsächlich muß ein bekannter Kulturhistoriker, der als einer der ersten den Darwinismus auf die Geschichte angewandt hat, am Schlusse seines zweibändigen Werkes ausrufen: „Wenn einst die Reaktion des heißen Kernes gegen die Rinde durch gleichmäßige Abkühlung ihr Ende erreicht und der Angriff des Wassers und der Atmosphäre gegen den festen Erdkörper durch chemische Verbindung oder Absorption in Fesseln gebannt ist: dann wird die ewige Ruhe des Todes und des Gleichgewichtes über der Erde herrschen. Dann wird die Erde, ihrer Atmosphäre und Lebewelt beraubt, in mondgleicher Öde um die Sonne kreisen wie zuvor, das Menschengeschlecht aber, seine Kultur, sein Ringen und Streben, seine Schöpfungen und Ideale sind gewesen. Wozu?“

Ja: Woher? Wohin? Wozu? Keiner der blinden Menschen kann die Antwort geben. Sieh jetzt hinein in das Elend derer, die keine Hoffnung haben, weil sie Gott nicht kennen! (Eph. 2,12). Ist es noch dein Elend? Begreifst du jetzt, warum du deine Blindheit leugnen mußt? Du müßtest, gleichwie jene Blinden, verzweifeln, wenn du ehrlich gegen dich selbst werden würdest. Siehe, der blinde Unglaube kann dir zuletzt immer nur dreierlei anbieten (Eigentlich noch ein viertes, nämlich wie der Dichter der „Blinden“, die Blindheit erkennend, sich an dem Grausen der eigenen Blindheit ästhetisch-mystisch berauscht). Entweder er sagt, du müßtest dich wie ein Held durch dies Leben durchschlagen oder es wie ein unabänderliches Übel mit Fassung ertragen oder sonst dem Leben freiwillig entsagen, und das heißt – verzagen. Welch eine Armut aller Blinden! Welch ein Bankrott aller blinden Wissenschaft! Welch eine Bestätigung der allgemeinen tatsächlichen Taub- und Blindheit Gott gegenüber!

II.

„Ja, es wär zum Weinen,
Wenn kein Heiland wär.
Aber sein Erscheinen
Bracht den Himmel her. “

Das zweite, das wir erkennen wollten, war: Die göttliche Heilung der menschlichen Taub- und Blindheit.

Es gehört mit zum Elend des Menschen, daß er sich nicht selber von seiner angeborenen Taub- und Blindheit Gott gegenüber heilen kann. Es bleibt dabei, er ist verirrt und findet den Weg allein nicht heimwärts. Er bedarf eines Führers, der nicht blindgeboren auf diese Insel kam; eines Führers, der die Heimat kennt und den Weg zu ihr; eines Führers, der aus der Heimat kommt und ihr ewiges Licht in Augen trägt, die nie dunkel werden; eines Führers, der Worte mitbringt, die nie ein Mensch geredet; eines Führers, der Vollmacht hat von oben her, heimzuführen zu Gott, weil Gott selbst ihn gesandt hat, zu suchen und zu erretten das Verirrte, das verloren ist.

Du weißt, von wem ich rede. Du kennst sogar den Klang seiner Stimme. Sonderbar, daß dieser Klang dir noch immer in den tauben Ohren liegt! In der stillsten Tiefe deiner Taubheit klang er immer nach. Das macht, du hast diesen Klang wohl mit auf die Welt gebracht. Höre! Man erzählte mir einmal von einem Knaben, der ferne von seiner Mutter sterbenskrank im Fieber lag. Die benachrichtigte Mutter eilte herbei, ihrem Kinde zu helfen oder es wenigstens noch einmal zu sehen und anzureden. „Sie kommen zu spät“, sagten die Schwestern, „er liegt bewußtlos in hohem Fieber und kennt bereits niemand mehr. “ – „Mich kennt er doch noch!“, rief die Mutter, „lassen Sie mich zu ihm; er muß mich kennen!“ Bald darauf beugte sie sich über des Knaben entstelltes Angesicht. Um zu zeigen, wie bewußtlos das Kind ist, ruft die Wärterin seinen Namen. Der Knabe bleibt taub gegen alles Rufen. Da legt ihm die Mutter, wie sie früher getan, ganz leicht die Hand auf die Stirne und haucht ihm denselben Namen ins Ohr. Wunderbar! Urplötzlich läuft ein Strom des Lebens über das kranke Gesicht, die Augen öffnen sich, und der Mund spricht: – „Mutter!“

Du verstehst jetzt auch diese Geschichte. Du kennst die Hand, die sich dir, dem verirrten, kranken Tauben, Blinden, auf die Stirne legen möchte. Sobald seine Stimme nur dein taubes Ohr anhaucht, weißt du; Jesus, Jesus, Jesus!

Siehe, weil du für ihn bestimmt bist vor Grundlegung der Welt, weil dein Innerstes gestimmt ist auf ihn, so braucht nur der Hauch seiner Stimme dich anzurühren, und dein Innerstes klingt mit, gibt tönend Antwort, wie ein Musikinstrument dem anderen im selben Zimmer tönend Antwort gibt, sobald nur der rechte Ton erklingt.

Er allein ist dein Führer. Denn in ihm allein hast du Leben. Eine ewige Wahlverwandtschaft besteht zwischen dir und ihm. Du bist nicht nur durch, du bist auch für ihn geschaffen. Denn es ist das ewige Wort, das alle Dinge rief und trägt (Joh. 1,1-3; Kol. 1,16; Hebr. 1,1. 3). Vor dem Worte seiner Macht weicht deine Taubheit, wenn du dem Ton in deinem Innersten nachgibst. Dann wird dir Gott offenbart in Jesu. Denn Gott hat auf mancherlei Weise zu den Menschen geredet, um ihre Taubheit zu heilen, am Ende dieser Tage aber hat er zu uns geredet im Sohne. Er, der von oben hergekommene, hat uns Kunde gebracht von Gott. Niemand hat jemals Gott gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht. „Den sollt ihr hören“, sagt Gott. Und die ihn hörten, mußten sagen: „Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser. “ Und er sagt von seiner Rede: „Wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich. Wer aus sich selbst redet, sucht seine eigene Ehre. Die Worte, die ich rede, sind Geist und Leben. “ „Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. “

Siehe, diese Rede von Gott aus dem Munde Jesu öffnet, belebt dein so lange gegen den Himmel verschlossen gewesenes Ohr, heilt den verkümmerten Gehörsinn, kuriert deine angeborene Taubheit. Bist du aus der Wahrheit, das heißt, kennst du das Gebrechen deiner Taubheit und suchst aufrichtig Heilung, so hörest du jetzt in lauschender Stille bereits seine Stimme: „Kommet her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben!“

Es ist die Stimme des guten Hirten, der das Seine sucht. Sie leitet heim zum Vater. Wer sie hört und erkennt, steht auf und folgt ihr nach. Wer in Jesu heilsamen Worten bleibt, ist wahrhaftig sein Jünger. Er ist zurückgeführt vom Wege seines Irrtums. Er hat durch Jesus Christus Gott wiedergefunden und damit ewiges Geborgensein, ewiges Leben. Und nun laß dich zu Jesus führen, daß er dir die Finger in die Ohren lege und deine Zunge anrühre und zu dir spreche: „Ephata! das ist: Werde aufgetan!“

Alsbald wirst du recht hören und reden lernen.

Doch noch eins! Du sollst ja nicht nur hörend, du sollst auch sehend werden. Und siehe, hörend wirst du sehend werden. Erst hört man von Jesus, dann erkennt man im stillen Aufmerken aus seinen Worten den Klang der eigenen Stimme Jesu und hört ihn selbst, und dann sieht man ihn selbst.

Denn Jesus ist nicht nur das ewige Wort, das alles ruft und trägt und auf dessen Klang alles gestimmt ist, er ist auch das Licht der Welt, in dessen Scheine Gott und Welt sich allein offenbaren. Er ist der Leuchtturm für unsere dunkle Insel, ja, für die ganze, weite Welt. Er ist das Licht der Menschen, das hineinscheint in ihre Finsternis (Joh. 1,4). Er kam, um den Blinden das Augenlicht zu bringen (Luk. 4,18). Er ruft ihnen zu: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh. 8,12).

Wie der Sonnenstrahl, der lichte Bote der Sonne, das dunkle Gewölk durchbricht, so durchbrach Jesus, der lichte Bote Gottes, die Dunkelheit, die wie eine verhüllende Wolke zwischen Gott und den von Gott abgewichenen, lichtentfremdeten Menschen lag. Er kam als Licht aus der ewigen oberen Welt des Lichtes. Er kam von Gott und brachte den blinden Menschen lichte, erleuchtende Kunde von Gott. Er selbst ist die erleuchtende Lichtskunde. Denn in ihm selbst erschien Gott. Darum lautet seine lichte, frohe Botschaft: „Während ihr das Licht habt, glaubet an das Licht. “ Und: „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat; und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin als Licht in die Welt gekommen, auf daß jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. “ Sondern: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. “ „Ich und der Vater sind eins. “ Und die Augenzeugen seiner Majestät waren (2. Petr. 1,17), bezeugen von ihm: „Wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater voller Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1,18). Und Paulus sagt: „Die ganze Fülle der Gottheit wohnt in ihm leibhaftig“ (Kol. 2,9). „Er ist“, ruft der Schreiber des Hebräerbriefes aus, „der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und der Abdruck des Wesens Gottes“ (Hebr. 1,3).

Siehe, dein blindes, lichthungriges inneres Auge hat so lange schon ins dunkle Gewirre dieser Welt gespäht, um von einem Schimmer wahren Lichtes erleuchtet zu werden, und hat nichts entdeckt als trüben Dämmerschein im weiten Umkreis und tausend Irrlichter im trügerischen Zwielicht. Blind in dir, Blinde um dich! O, du weißt es: Keiner taugte dir zum Führer, keiner konnte dir wahrhaft zurechthelfen. Blinde Blindenleiter allerwegen!

„Suche Jesus und sein Licht,
Alles andre hilft dir nicht. “

Siehe, und jetzt naht sich dir Jesus! Es mag nun dein Auge noch so stockblind sein, die Strahlen des Lichtes der Welt durchdringen deine tiefste Nacht. Sein Licht scheint auch in deine Finsternis. Nur fragt es sich, ob du das Licht mehr liebst als die Finsternis, das heißt, ob du dir mit Schmerzen der Lichtssehnsucht gestehst, wie blind du bist. Glückselig bist du dann! Die böse, finstere Nacht und Macht, die deine Augen geblendet hat, wird fliehen müssen. Der „Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, welcher das Bild Gottes ist“ (2. Kor. 4,4), wird in dein Dunkel fallen. Heil dir! denn du wirst Jesus erleben; du wirst Gott erleben! Du wirst sehend werden! – Schon berührt sein Licht deine Blindheit wie dämmerndes warmes Morgenrot. Ja, deine Sonne geht auf mit Heilung unter ihren Flügeln! Jesus steht bereits vor dir, und du lernst glauben an sein Licht, glauben an ihn selbst. Er sieht hinein in deine grausige Nacht und fragt dich nun:

„Was willst du, daß ich dir tun soll?“

Und du schreist auf mit der ganzen Sehnsucht deines blinden Elendes:

„Herr, daß ich sehend werde!“

Und Jesus spricht zu dir:

„Sei sehend, dein Glaube hat dich geheilt!“ (Luk. 18,42).

III.

Das dritte war: Und was hörst und siehst du dann?

Was will dir denn der alttestamentliche Prophet zeigen, wenn er ausruft: „Höret, ihr Tauben! und ihr Blinden, schauet her, um zu sehen!“? Sonderbar genug! –:

Einen blinden Knecht, einen tauben Boten will er dir vorstellen. „Wer ist blind“, sagt Gott durch Jesaja, „als nur mein Knecht und taub wie mein Bote, den ich sende?“ Was ist das denn für ein sonderbarer Knecht und Bote? – Nun, eben Jesus, das Wort und Licht des Lebens! Wie, nicht nur allein du blind und taub, sondern Jesus selbst blind und taub? Was kann er dir dann helfen? Lohnt sich’s da überhaupt, hörend und sehend zu werden, wenn Jesus selbst nicht hören und sehen kann? Was ist anzufangen mit einem blinden Knecht und tauben Boten!

Du ahnst, hier liegt ein Geheimnis, das dein eben ein wenig geöffneter Blick noch nicht durchschauen kann. Hier ist eine Rede, die dein kaum geöffnetes Ohr noch nicht zu fassen vermag. Was mag sie bedeuten?

Siehe, tatsächlich ist Jesus ein „blinder Knecht“, denn Gott hat ihm zur Zeit in dieser Welt einen Dienst aufgetragen, den er nur vollenden konnte mit verschlossenem Auge. Und tatsächlich ist Jesus ein „tauber Bote“, denn die Botschaft, die er von Gott zu bringen hatte, konnte er nur ausrichten mit verschlossenem Ohr.

Aber wie ist das gemeint?

Nun sieh und höre!

Jesaja sagt von ihm:

„Du hast vieles gesehen, aber du beachtest es nicht; bei offenen Ohren hört er nicht. “ (Kap. 42,20) Und schon im elften Kapitel sagt derselbe Prophet von ihm: „Er wird nicht richten nach dem Sehen seiner Augen und nicht Recht sprechen nach dem Hören seiner Ohren“ (11,3). – Beginnst du nun zu verstehen?

Du hörtest einleitend von einer „künstlichen“ Taub- und Blindheit der Menschen, die darin besteht, daß man sehr wohl Jesu Worte als Lebensworte kennt, aber sie nicht hören will; man verschließt absichtlich das Ohr gegen sie. Ebenso weiß man von Jesus als dem Licht des Lebens, aber absichtlich verschließt man die Augen gegen dieses Licht. Fluchvolles Gebaren! Ganz ähnlich Jesus, und doch das Gegenteil! Siehe, so wie du, künstlich Blinder, sein Licht nicht sehen willst, obgleich du es sehr wohl siehst, so will er deine Finsternis, das ist hier deine Sünden, nicht sehen, obgleich er sie sehr wohl sieht. Und so wie du seine heilsamen Reden nicht hören willst, obgleich du sie sehr wohl hörst, so will er dein unheilvolles, törichtes, lästerndes, fluchvolles Gerede nicht hören, obgleich er es sehr wohl hört. Verstehst du jetzt noch besser?

Siehe, du begreifst! Höre!

Jesus ist erschienen mit künstlich verschlossenem Auge, daß er deine Sünden übersehe, als ob sie gar nicht vorhanden wären. Jesus ist erschienen mit künstlich verschlossenem Ohre, daß er die irre Gottlosigkeit deiner Reden überhöre, als ob sie niemals gesprochen worden wären.

O welch heilsame, segensreiche künstliche Taub- und Blindheit!

Wie? Will es denn Jesus nicht so genau nehmen mit der Sünde?

Im Gegenteil, er nimmt es furchtbar genau mit der Sünde, so genau, daß, wenn er nach dem Maßstabe dieser Genauigkeit dich und dein Tun und Reden messen und Recht sprechen würde, er dich richten und vernichten müßte. Nun ist er aber nicht gekommen, um zu richten, sondern um zu retten, nämlich dich aus der Blind- und Taubheit deines gottentfremdeten Sündenlebens zu erretten. Darin bestand sein Dienst und seine Botschaft. Siehe, jetzt verstehst du, warum er als ein blinder Knecht kommen mußte und nicht nach dem Sehen seiner Augen richten durfte; und warum er als tauber Bote das Evangelium zu bringen hatte und nicht nach dem Hören seiner Ohren Recht sprechen durfte. Denn anders wäre er nicht unser erbarmender Erretter, sondern unser furchtbarer Richter geworden. Jetzt vergegenwärtige dir seine Liebe zu uns und schäme dich; und ich schäme mich mit dir.

Aber laß uns noch mehr sehen und hören lernen von seiner Liebe und – unserer Schande!

Seine künstliche Blind- und Taubheit hatte nämlich noch eine andere Ursache. Er blieb auch blind und taub gegen menschliche Sünde und Gemeinheit, damit er sich in keiner Weise ihrer teilhaftig machte und mit ihr befleckte. Denn es gehörte mit zu dem Dienste, den er für seinen Vater zu tun hatte, daß er dem Willen des Vaters gehorsam bliebe bis zum Tode und weder Makel noch Tadel, also keine Spur eines Ungehorsams an ihm gefunden würde. Und siehe, wie vollkommen der Knecht, Bote und Sohn Gottes diesen Gehorsam erlernte! (Hebr. 5,8) Täglich war er zwischen den Sündern, so daß die Selbstgerechten ihn „der Sünder-Geselle“ nannten, aß und trank er doch sogar mit den Sündern! Hat’s abgefärbt? Wie? – Nein! Siehe, wie sein Auge und Ohr verschlossen blieb nach unten, aber ununterbrochen geöffnet war nach oben! Was er auch äußerlich sehen und hören mußte, er sah und hörte im Grunde nichts als den Vater, dessen Willen zu tun, er seine Speise nannte. So konnte er am Ende sagen: „Wer unter euch kann mich einer Sünde zeihen?“ Und niemand konnte es, weder die Menschen noch Satan und seine Engel, noch die Engel Gottes und auch nicht Gott. Und die unter den Menschen es doch taten, wußten nicht, was sie taten. So war er der einzige Mensch, der völlig Mensch war und doch ohne Sünde. Der einzige, der auf Erden wandelte und doch niemals hineingezogen war in den Bannkreis der menschlichen Verschuldung vor Gott.

Und wozu dies alles?

Jetzt laß dir Augen und Ohren ganz weit öffnen! Denn „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist“ (1. Kor. 2,9), das hat Gott bereitet und getan, indem er jetzt den gehorsamen, blinden Knecht und tauben Boten, den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde machte und ans Kreuz von Golgatha zum Sterben für uns gab. Denn dadurch, daß der blinde Knecht und taube Bote deine Sünde übersah und überhörte, war sie ja noch nicht gesühnt und hinweggetan. Das erforderte mehr. Das erforderte, daß die Sünde als Sünde gerichtet wurde, wie es sich nach der unverbrüchlichen Gerechtigkeit Gottes gebührte. Daß du gerichtet würdest für deine Sünde, das verbot Gottes erbarmende Liebe in Jesus, der ja gesandt war, nicht, dich zu richten, sondern dich zu retten. Daß aber Jesus für deine Sünde an deiner Stelle das Gericht am Kreuze empfing, das gebot Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit. Übersah Jesus deine Sünde, so geschah es nur, weil er nach Golgatha sah, wo er für dich sterben wollte. Überhörte er die gottlose Torheit deiner dich richtenden Worte und allen Hohn und Spott derer, die sein Kreuz umstanden, so geschah es nur, weil er auf des Vaters Willen hörte, der gebot, den Kelch zu trinken und als Schlachtschaf, als Gotteslamm, unter den Händen der Menschen wie ein Übeltäter zu verstummen und zu verenden, damit der Welt Sünde hinweggetragen würde.

Und nun begreifst du, daß nur auf Golgatha vor dem Bilde des gekreuzigten blinden, tauben und nun auch stummen Knechtes deine Taub- und Blindheit völlig geheilt werden kann. Wenn dir da nicht Augen und Ohren aufgehen für Gottes Liebe und Gerechtigkeit und für deine eigene Schande und Ungerechtigkeit, dann wirst du nirgends Gott und dich selbst erkennen, wie und wo du armer Tauber und Blinder auch suchen magst. Nirgends ist Gottes Liebe augenscheinlicher geworden als auf Golgatha. Nirgends hat sein Erbarmen deutlicher geredet als dort. Nirgends hat das Licht der Welt strahlender geschienen als vom Kreuze Christi herab. Und nirgends ist die Taubheit und Blindheit der Menschen schauerlicher finster gewesen als dort.

Höre zu! „Er kam in die Welt, und die Welt ward durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht“ (Joh. 1,10). Welche Blindheit!

Höre zu! Er war das Licht der Menschen, „und die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht“ (Joh. 3,19). Welcher Fluch und welches Verderben der Blindheit!

Höre zu! „Er kam in das Seinige, und die Seinigen nahmen ihn nicht an“ (Joh. 1,11). Welch höllische Nacht der Blindheit!

Höre zu! Er redete so viele Worte der Wahrheit, des Lebens und der Güte zu ihnen, daß sie die Welt nicht fassen würde, wollte man sie alle berichten, und die Menschen hatten auf all dies nur ein Wort: Hinweg mit diesem! Kreuzige ihn! – Welch eine schmachvolle Taubheit!

Und doch, wo der Menschen Blind- und Taubheit am finstersten wirkt, da wird dies nur eine Ursache, daß Gottes Liebe und Güte am lichtesten erstrahlt und am deutlichsten redet. In der Stunde der Finsternis vollbringt Jesus Christus, verlassen, verspottet von nahezu allen, vor kopfschüttelnden Menschen die lichte Erlösung der Welt. Wo sie sich am meisten über ihn ärgern, wo er ihnen am törichsten erscheint, da liebt der Vertraute Jahwes am treuesten, da macht ihn Gott zur Weisheit aller Toren, zum Licht für alle Blinden, zum erlösenden Wort für alle Tauben. –

Und nun könnte ich schließen, denn du hast jetzt genug gehört, genug gesehen; genug, daß es dich heilen und segnen kann für die Ewigkeit, genug, daß es dich richten kann für die Ewigkeit. Aber gerade diese letztere Möglichkeit läßt mich für dich zittern. Und deshalb höre noch dies:

Siehe, man kann vor dem Worte und Bilde Jesu nicht bleiben, wie man ist! Da heißt’s: Entweder – oder! Du fühlst es. Du hast gehört, daß er all deine Sünde übersehen und überhört hat, um dich zu retten anstatt zu richten. Nun aber sollst du wissen: Eine Sünde übersieht Jesus, übersieht Gott nie, nämlich die Sünde, das Opfer von Golgatha übersehen zu wollen, – sein Kreuzessterben für dich. Du verstehst mich! Und eine Sünde überhört Jesus, überhört Gott nie, nämlich die Sünde, sein Siegeswort: Es ist vollbracht! ignorieren, überhören zu wollen. Denn beides würde bedeuten, nicht an Jesus glauben, das heißt, sein Opfer für uns ablehnen wollen. Das können nur die, die da meinen, der Buße, der Vergebung der Sünden und Versöhnung mit Gott nicht zu bedürfen. Das können nur die, die sich weder für taub noch blind halten. Ihnen gilt: „Nun ihr aber saget: Wir sehen, so bleibt eure Sünde“ (Joh. 9,41). Das heißt, da ihr nicht glaubt Sünde zu haben und nicht glaubt, daß ich hingehe für eure Sünde zu sterben, so geschieht euch nur nach eurem Unglauben, wenn eure Sünde bleibt und euch richten wird. Denn „wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes“. Weil ihre Werke böse sind, lieben sie die Finsternis mehr als Jesus, das Licht, so ist denn Finsternis ihr Gericht (Joh. 3,18-19).

Und der Tag wird kommen, wo Jesu eigener Mund allen diesen Finsterlingen ihr persönliches Gerichtsurteil sprechen wird. Dann werden sie ihn doch sehen, dann werden sie ihn doch hören müssen. Aber dann werden seine Augen sein wie Feuerflammen, deren Blitze dich davon überzeugen werden, daß keine deiner Sünden übersehen ist; und alle werden wider dich aufstehen und auf dein Haupt kommen. Und dann wird seine Stimme sein wie ein Rauschen vieler Wasser und ein Rollen starker Donner, und wird dir dein Urteil sprechen: „Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis!“

Was willst du? – Du erntest nur, was du gesät! Du liebtest die Finsternis mehr als Jesus, das Licht –: gut, so ist Finsternis dein ewiges Teil! Denn was hat wohl das Licht gemein mit der Finsternis! – Du verwarfst Jesus, das ewige Lebenswort –: gut, so muß jetzt das Wort dich verwerfen und dir ewigen Tod verkündigen. Denn wer das Leben verwirft, hat den Tod erwählt.

Blindes, taubes Menschenkind, was wirst du jetzt – jetzt – tun?

Stillhalten der notwendigen Operation oder feig fliehen?

Was hilft das Fliehen?

Einmal mußt du doch hören. Einmal mußt du doch sehen. Jetzt zur Genesung, dann zum Verderben.

Darum gib dich jetzt in Jesu heilsame Hand! Laß dir willig das Ohr öffnen! Höre ihn und dann gehöre ihm! Denn beides gehört zusammen. Als ein Operierter, als ein Geheilter, als ein Hörender werde ein Höriger, ein Leibeigener Jesu! Du weißt es ja längst: auf wen man hört, dem gehört man. Bis jetzt hörtest du auf Satan, den Vater der Lüge (Joh. 8,44), und der betrog dich schmählich. Ihm, dem Fürsten der Finsternis, gehörtest du bisher. Soll er länger dein Ohr, dich selber haben? Entscheide!

Folge jetzt dem, in dessen Munde kein Betrug gefunden worden ist (Jes. 53,9; 1. Petr. 2,22), folge Jesus!

Horche auf ihn! Gehorche ihm! Denn auch horchen und gehorchen gehören zusammen. Jesus glauben heißt auf ihn horchen und bedingungslos vertrauend ihm gehorchen.

Das ist die ganze Operation. – Und dann halte ihm jetzt auch mit deinem Auge stille!

Laß es einfältig werden in seinem Lichte (Matth. 6,22), so einfältig, daß es nichts mehr sieht und widerspiegelt als Jesus allein.

Mache dich auf und werde Licht! (Jes. 60,1).

Ein Licht im Herrn! (Eph. 5,8).

Ein Sohn des Lichts! (Joh. 12,36).

Wenn du wirklich das Licht mehr liebst als die Finsternis, so wird es jetzt helle in dir werden.

Entscheide! –

Ohren- und Augenoperationen sollen besonders schmerzhaft sein. Wieviel mehr die Öffnung des inneren Ohres und Auges! Sie enthüllt dir dein ganzes elendes Nichts, aber sie schenkt dir Jesus und dich ihm, und mit ihm das ewig bleibende Wort des Lebens, das ewig leuchtende Licht. Die große Operation lohnt sich also wunderbar. –

Es war eine bange Stunde, als ich mich endgültig seinen Händen anvertraute, nachdem ich die große Operation schon erlebt hatte. Ich stieg in die Droschke, die mich zur Bahn bringen sollte, damit ich dorthin führe, wo ich nun dem dauernd dienen wollte, dessen Stimme ich so deutlich gehört hatte; denn auch mein Auge wurde ihn nicht mehr los. Da in der Droschke wollte mich die Stimme des Lügners verwirren. Dein ganzes Leben, hieß es, war bisher eine Enttäuschung, und auch was du jetzt tust, wird dir nur Enttäuschung bringen. Deine erlebte Operation war nutzlos; du bist noch geradeso in der Irre wie vorher. Die Droschke schwankte vorwärts, viel mehr noch schwankte mein banges Herz. Da warf ich mich auf die Knie. Hin und her geworfen im eilenden Wagen schrie ich zu dem, dessen Hand mich operiert hatte: Herr, laß es keine Enttäuschung sein! Herr, bewahre mir das geschenkte Heil! Bewahre mir das neue Gehör und Licht! – Bald zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe keine Enttäuschung erlebt. Nur seine Treue, seine Treue habe ich so wunderbar kennengelernt, daß ich keine Sekunde mehr unglücklich sein konnte. Traurig oft – welcher Jünger Jesu sollte in dieser Welt voll Taubheit, Blindheit und Sünde nicht traurig sein – aber allezeit fröhlich in ihm und nie mehr unglücklich! Nicht eine Sekunde mehr! So gründlich war die Heilung, so völlig das Heil, so wirkungsvoll, so günstig verlaufen die notwendige Operation.

Und du?

Was ich erfuhr, gilt auch dir.

Ich bitte dich, halte ihm jetzt stille und erlebe auch du die notwendige Operation!

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autoren/b/binde/binde_-_eine_notwendige_operation.txt · Zuletzt geändert: von aj