Bunyan, John - Die überschwängliche Gnade - V. Kapitel. - Die große Prüfung seiner Liebe zu Christo.

Bunyan, John - Die überschwängliche Gnade - V. Kapitel. - Die große Prüfung seiner Liebe zu Christo.

1652-1653.

Nachdem der Herr mich auf solche Weise gnädiglich von dieser schweren und schmerzlichen Versuchung erlöst, und mir den festen Trost und die theure Gewißheit gegeben hatte, daß ich auch an Seiner Liebe in Christo Antheil habe: kam der Versucher wieder über mich und zwar mit einer schmerzlicheren und schrecklicheren Versuchung als je zuvor. Und das war diese: Ich sollte meinen hoch gelobten Herrn und Heiland verkaufen und dahin geben für die Dinge dieses Lebens ja, für irgend Etwas. Diese Versuchung lag ein Jahr lang auf mir und verfolgte mich so beständig, daß ich mich ihrer nicht einen Tag im Monat, ja, manchmal nicht eine Stunde in vielen Tagen erwehren konnte, außer wenn ich schlief.

Obgleich ich, nach meinem Urtheil, überzeugt war, daß diejenigen, welche einmal wahrhaft in Christo sind (wie ich auch durch Seine Gnade zu sein hoffte), Ihn in Ewigkeit nicht mehr verlieren können, (denn „So sollt ihr nun das Land nicht verkaufen auf immerdar, denn das Land ist mein, spricht Gott“; 4. Mose 24.23.) so war es mir doch eine beständige Qual, daß ich auch nur einen solchen Gedanken hegen sollte gegen einen Jesus, einen Heiland, der so viel für mich gethan hatte; und doch hatte ich damals fast keine andere, als solche gotteslästerliche Gedanken.

Er konnte jedoch weder mein Widerwille gegen diesen Gedanken, noch mein Verlangen und Bestreben ihm zu widerstehen, die Dauer oder Stärke und Macht desselben im Geringsten erschüttern oder vermindern.

Denn er mischte sich in fast Alles, was ich dachte. Dies war so sehr der Fall, daß ich weder meine Speise essen, noch mich bücken konnte, um eine Stecknadel, Span oder Stöckchen aufzuheben, oder meine Augen auf dies oder das werfen, ohne daß die Versuchung kam: „Verkaufe Christum für dies! Verkaufe Christum für das! Verkauf Ihn! Verkauf Ihn!“ Manchmal rief es in meinen Gedanken hundertmal ist nicht zu viel gesagt in Einem fort: Verkauf Ihn! Verkauf Ihn! wogegen ich dann, ich mag wohl sagen Stunden lang, gerüstet stehen und meinen Geist dagegen stemmen mußte, damit nicht, ehe ich mich's versähe, irgend ein böser Gedanke in meinem Herzen entstehen und ich damit einstimmen möchte! Manchmal machte mich der Versucher in der That glauben, ich hätte meine Zustimmung dazu gegeben, und dann wurde ich auch wieder ganze Tage lang wie auf der Folter gequält, ich möchte etwa mich dazu verleiten lassen. Diese Befürchtung, überwunden werden, ängstigte mich so sehr, daß durch die Gewalt, die mein Gemüth zum Widerstehen anwendete, selbst mein Leib in Thätigkeit oder Bewegung gesetzt wurde, indem ich mit meinen Händen oder Ellenbogen abwehrte und zurückstieß; während ich immer, so schnell der Versucher auch sagte: Verkauf Ihn! Verkauf Ihn! dagegen antwortete: „Ich will nicht; ich will nicht; ich will nicht; nein, nicht für tausend, tausend, tausend Welten“; (so rechnete ich, damit ich ja keinen zu geringen Werth auf Ihn setzen möchte). So ging's fort, bis ich nicht mehr recht wußte, wo ich war, oder wie ich wieder ruhig werden sollte. Zu Zeiten ließ mich der Versucher nicht mit Ruhe essen, sondern oft, wenn ich mich zu Tische gesetzt hatte, um zu essen, mußte ich weggehen, um zu beten; „ich müßte mein Essen jetzt verlassen, gerade jetzt;“ so fälschlich heilig war dieser Teufel! Wenn ich so versucht wurde, sagte ich etwa in mir selbst: „Jetzt bin ich am Essen; laß mich erst fertig werden.“ „Nein,“ sagte er, „du mußt es jetzt thun, oder du mißfällst Gott und verachtest Christum.“ Darum war ich sehr geplagt.

Aber um kurz zu sein: Eines Morgens, als ich in meinem Bette lag, wurde ich, wie zu andern Zeiten auch, auf's Heftigste überfallen von der Versuchung, Christum zu verkaufen und hinzugeben, indem der böse Vorschlag, so schnell ein Mensch reden kann, in mein Gemüthe strömte: „Verkauf Ihn, verkauf Ihn, verkauf Ihn, verkauf Ihn;“ wogegen ich auch wieder, wie zu andern Zeiten, ebenso schnell, wenigstens zwanzigmal, antwortete: „Nein, nein, nicht für Tausende, Tausende, Tausende!“ Aber endlich, nach vielem Kämpfen, bis ich fast außer Athem war, fühlte ich, daß der Gedanke durch mein Herz ging: „laß Ihn gehen, wenn Er will,“ und ich meinte auch, daß mein Herz willig damit einstimmte. O, des Eifers Satans! O! der Verwegenheit des menschlichen Herzens!

Nun war der Sieg erlangt, und hinab fiel ich, wie ein Vogel vom Gipfel eines Baumes, in große Schuld und fürchterliche Trostlosigkeit. Auf sprang ich, heraus aus meinem Bette und eilte in tiefen Gedanken hinaus in's Feld, aber, Gott weiß es, mit einem so schweren Herzen, wie ein, Sterblicher, nach meiner Meinung, es nur tragen kann und zwei Stunden lang war ich, wie Einer, der des Lebens beraubt ist; ich hielt mich nun unwiederbringlich verloren und der ewigen Strafe übergeben.

Zugleich ergriff folgende Schriftstelle meine Seele: „Oder ein Unheiliger, wie Esau, der um einer Speise willen seine Erstgeburt hingab; denn ihr wisset, daß er hernach, da er den Segen ererben wollte, verworfen ist denn er fand keinen Raum zur Buße wiewohl er den Segen mit Thränen suchte.“ Hebr. 12.16,17. Nun war ich wie ein Gebundener. Ich fühlte mich, wie wenn ich zum zukünftigen Gericht aufbewahrt würde. Nichts wollte, zwei Jahre lang, bei mir haften, als Verdammniß und eine Erwartung der Verdammniß. Ich sage, nichts als dies wollte nun bei mir haften, ausgenommen in einigen Augenblicken der Erleichterung, wie der Ausgang zeigen wird. Diese Worte waren meiner Seele wie eherne Bande an den Füßen; ich hörte sie mehrere Monate lang beständig erschallen. Aber um zehn oder elf Uhr jenes Tages, als ich gerade (Gott weiß es, voll Kummer und Schuld) unter einer Hecke ging, mich selbst bejammernd wegen meines harten Schicksals, daß mir ein solcher Gedanke gekommen wäre, da sie mir plötzlich das Wort ein: Und Christi Blut nimmt alle Schuld hinweg.„ Hierbei stand ich still im Geist. Es ergriff mich das Wort: „Das Blut Jesu Christi, Seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde,“ 1. Joh. 1.7. Nun fing ich an, Frieden in meiner Seele zu empfangen, und es schien mir, als sähe ich den Versucher, beschämt über sein Werk, sich von mir wegschleichen und wegstehlen. Zugleich wurde mir meine Sünde und das Blut Christi so vorgestellt, daß erstere gegen dieses Blut nicht mehr war, als ein Klümpchen oder ein Stein gegen das große und weite Feld, das ich vor mir sah. Dies gab mir zwei oder drei Stunden lang guten Trost, denn ich sah in dieser Zeit durch den Glauben den Sohn Gottes, wie Er für meine Sünden gelitten habe. Da es aber nicht so blieb, so versank ich im Geist wieder in überaus große Sündenschuld. Dies geschah hauptsächlich durch die vorhin angeführte Schriftstelle, von Esau's Verkauf seiner Erstgeburt, denn diese Worte pflegten den ganzen Tag auf meinem Gemüth zu liegen und mich so darnieder zu drücken, daß ich mich auf keine Weise aufrichten konnte. Denn wenn ich mich bestrebte, mich zu diesem oder jenem Schriftworte zu wenden, um mich daran zu trösten, so hörte ich bald den Spruch in mir erschallen: „Denn ihr wisset, daß er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen ist denn er fand keinen Raum zur Buße, wiewohl er sie mit Thränen suchte.“ Manchmal zwar hatte ich ein Gefühl dem Wort Luc. 22,32: „Ich habe aber für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre;“ aber es wollte nicht bei mir haften; noch konnte ich, wenn ich meinen Zustand betrachtete, einen Grund entdecken, warum ich im geringsten glauben dürfte, daß diese Gnade in mir wurzeln sollte, der ich so gesündigt hatte. Nun wurde ich viele Tage lang in meinem traurigen Zustande hin und her gerissen.

Dann fing ich an, die Natur und Größe meiner Sünde mit einem betrübten und sorgenvollen Herzen zu betrachten und das Wort Gottes zu durchsuchen, ob ich nicht irgendwo ein Wort der Verheißung entdecken möchte, durch welches ich mich trösten könnte. Zuerst betrachtete ich das Wort in Marc. 3.28: „Alle Sünden werden vergeben den Menschenkindern, auch alle Lästerungen, damit sie Gott lästern.“ Diese Stelle enthielt, wie es mir auf den ersten Blick schien, eine große und herrliche Verheißung der Vergebung für große Verbrechen. Da ich sie aber genauer betrachtete, schien es mir, daß sie sich mehr auf Diejenigen beziehe, welche solche Sünden, wie sie da genannt werden, in ihrem natürlichen Zustande begangen hätten; und nicht auf Einen, der schon Licht und Gnade empfangen, und dann, im geraden Widerspruch damit, Christum so zurückgesetzt hätte, wie ich gethan. Ich fürchtete daher, daß diese meine böse Sünde die unverzeihliche Sünde sein möchte, von welcher Er am angeführten Orte so spricht: „Wer aber wider den heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung ewiglich; sondern ist schuldig einer ewigen Sünde.“ Marc. 3.29. Dies zu glauben war ich um so geneigter, als ich mich zu gleicher Zeit des Spruches an die Hebräer erinnerte: „Denn ihr wisset, daß er hernach, da er den Segen ererben wollte, verworfen ist, denn er fand keinen Raum zur Buße, wiewohl er den Segen mit Thränen suchte.“ Und dieses ließ mich gar nicht los.

Nun war ich mir selbst eine Last und ein Schrecken; nun war ich des Lebens müde und fürchtete mich doch, zu sterben. O! wie gerne hätte ich mit Einem, wer er auch sei, getauscht! wie gerne wäre ich irgend etwas anders gewesen, nur kein Mensch! in irgend einer Lage, nur nicht in der meinigen! Denn kein Gedanke ging häufiger durch mein Gemüth als der, daß es unmöglich für mich sei, Vergebung meiner Uebertretungen zu erhalten und von dem zukünftigen Zorne erlöset zu werden.

Und nun fing ich an, die vergangene Zeit zurück zu rufen; ich wünschte tausend und aber tausendmal, es wäre noch nicht geschehen und der Tag sollte erst noch kommen, an dem ich zu solch einer Sünde versucht werden sollte und beschloß mit großem Unwillen, beides gegen mein Herz und gegen alle Angriffe von Versuchungen, daß ich mich dann lieber in Stücke zerreißen lassen wolle, als damit einstimmen. Aber ach! diese Wünsche und Vorsätze kamen nun zu spät, um mir etwas zu nützen und der Gedanke ging durch mein Herz: „Gott hat mich losgelassen und ich bin gefallen.“ O, dachte ich, daß ich wäre, „wie in den vorigen Monden, in den Tagen, da mich Gott behütete.“ Hiob 29. 2. Dann wieder fing ich an, meine Sünde mit andern zu vergleichen, ob ich nicht Einige unter den Erretteten finden könnte, die es eben so schlimm wie ich gemacht hätten. Ich betrachtete also Davids Ehebruch und Mord und erkannte sie als die abscheulichsten Verbrechen, die noch dazu gegen empfangenes licht und Gnade begangen worden waren. Allein bei genauerer Betrachtung bemerkte ich, daß seine Uebertretungen nur gegen das Gesetz Mosis waren, von welchen der Herr Christus, in Uebereinstimmung mit seinem Worte, ihn erlösen konnte; die Meinige aber war gegen das Evangelium, ja gegen den Mittler desselben, ich hatte meinen Erlöser verkauft! Nun war es wieder, als ob meine Seele gerädert würde, wenn ich zugleich erwog, daß ich, abgesehen von der Schuld, die mich umfangen hielt, so leer von Gnade, so bezaubert war! „Was, dachte ich, konnte es keine andere Sünde sein als diese? Mußte es nothwendig die große Uebertretung“ sein? Psalm 19. 13. Mußte der Arge meine Seele antasten?“ 1. Joh. 5.18. O, welchen Stachel fühlte in allen diesen Aussprüchen! „Was, dachte ich, gibt es nur eine unverzeihliche Sünde? Nur eine Sünde, die die Seele außer dem Bereich der Gnade bringt und mußte ich ihrer schuldig werden? Gibt es unter so vielen Millionen von Sünden nur eine, für die es keine Vergebung gibt, und mußte ich diese eine begehen? o unglückselige Sünde! O unglückseliger Mann, der ich bin!“ Diese Dinge pflegten meinen Geist so zu stören und zu verwirren, daß ich manchmal dachte, sie würden mir den Verstand nehmen. Und um mein Elend zu vermehren, erschallte mir immer das Wort im Gemüth: „Denn ihr wisset, daß er hernach, da er den Segen ererben wollte, verworfen ist.“ O, Niemand, außer mir, weiß die Schrecken jener Tage.

Nach diesem fing ich an, Petri Sünde zu betrachten, die er mit der Verläugnung seines Meisters begangen hat. Und in der That, diese war von allen, die ich finden konnte, der meinigen am ähnlichsten; denn er hatte, wie ich, seinen Heiland verleugnet, nachdem er schon Licht und Gnade empfangen hatte; ja, und noch dazu, nachdem er gewarnt worden war. Ich erwog auch, daß er es einmal und abermal gethan, und zwar, wo er doch Zeit hatte, sich inzwischen zu bedenken. Aber obgleich ich alle besondern Umstände zusammen stellte, um, wenn möglich, Erleichterung zu finden, so erwog ich doch wieder, daß seine Sünde nur eine Verleugnung seines Meisters, meine aber ein Verkauf meines Heilands gewesen war. Darum dachte ich bei mir selbst, ich wäre dem Judas ähnlicher als dem David oder dem Petrus. Hier brach wieder meine Qual in hellen Flammen hervor, ja, zermalmte mich völlig, wenn ich die Bewahrung Gottes an Andern betrachtete, während ich doch in die Schlinge gefallen war; denn ich konnte deutlich sehen, daß Gott sie, trotz ihrer Sündhaftigkeit, erhalten hatte, und sie nicht hatte werden lassen wollen, was Er mich werden ließ: ein Kind des Verderbens.

Aber O, wie theuer achtete meine Seele zu der Zeit die Bewahrung und Erhaltung, mit der Gott Sein Volk beschirmt! O, wie sicher sah ich die wandeln, die Er umzäunt hatte! Sie waren unter Seiner Fürsorge, Beschützung und besondern Vorsehung; obgleich sie vollkommen so böse wie ich von Natur waren, so ließ Er sie doch nicht aus dem Bereich Seiner Gnade fallen, weil Er sie liebte; aber mich, mich wollte Er nicht bewahren, noch erhalten, sondern ließ mich, weil ich verworfen war, fallen, wie ich gefallen war. Nun leuchteten die gesegneten Stellen, die von Gottes Bewahrung Seines Volks handeln, wie die Sonne vor mir; obgleich nicht, um mich zu trösten, aber doch um mir den herrlichen Stand und das Erbtheil Derer zu zeigen, die Gott gesegnet hatte. Nun sah ich, daß wie Gott Seine Hand in all den Führungen und Erlebnissen habe, die Seine Auserwählten betreffen, so habe Er sie auch in all den Versuchungen zur Sünde wider Ihn; ich erkannte auch, daß er sie eine Zeit lang solchen Versuchungen hingebe, doch nicht, daß sie durch dieselben verderbet, sondern gedemüthigt würden, daß diese sie nicht außer dem Bereich, sondern in den Weg der Erneuerung Seiner Gnade bringen müssen. O! welche Liebe, welche Fürsorge, welche Güte und Barmherzigkeit sah ich nun, sich mit den ernstesten und schrecklichsten Führungen Gottes mit Seinem Volke vereinigen! Er hatte David, Hiskia, Salomo, Petrus und Andre fallen lassen, aber nicht in die unverzeihliche Sünde, noch in die Hölle für die Sünde. „O!“ dachte ich, „dies sind die Menschen, die Gott geliebet hat; dies sind die Menschen, die Gott, wenn Er sie auch züchtiget, doch bei Ihm in Sicherheit erhält.“ Ale diese Gedanken aber vermehrten nur meine Sorge, meinen Kummer und Schrecken; Alles, woran ich auch denken mochte, war tödtend für mich; wenn ich erwog, wie Gott die Seinen bewahrte, so schlug es mich darnieder; wenn ich erwog, wie ich gefallen war, so erstarrte mein Herz in mir. So wie alle Dinge zum Besten zusammenwirken und zum Guten dienen denen, die nach dem Vorsatz berufen sind, so dachte ich, wirkten alle Dinge zu meinem Schaden und zu meinem ewigen Untergang.

Dann fing ich an, meine Sünde mit der des Judas zu vergleichen, damit ich wo möglich doch sehen möchte, daß sie verschieden wäre von der, welche in Wahrheit unverzeihlich ist. „Und o!“ dachte ich, „wenn sie nur ein Haar breit davon verschieden wäre, in welchem glücklichen Zustande wäre dann meine Seele. Bei dieser Betrachtung sah ich, daß Judas vorsätzlich gesündigt hatte, ich aber trotz meiner Gebete und meinem Widerstande; er beging seine Sünde mit viel Vorbedacht, ich die meinige in schrecklicher Geschwindigkeit, ganz plötzlich. Während auf dieser Zeit wurde ich hin und her geschleudert, wie eine Heuschrecke, und aus einem Kummer in den andern geworfen; wobei ich immer das ernste Wort von Esau's Fall und dessen schrecklichen Folgen in meinen Ohren hörte. Doch war mir die Betrachtung von Judas Sünde für eine Weile eine kleine Erleichterung; indem ich sah, daß ich nach den Umständen nicht so schwer gesündigt hätte wie er. Aber dies war auch bald wieder weg; denn ich dachte bei mir selbst, die unverzeihliche Sünde möchte auf mehr als eine Weise begangen werden können; ebenso dachte ich, es möchte verschiedene Grade dieser sowohl, wie anderer Uebertretungen geben; darum könnte meine Sünde doch immer eine solche sein, die nimmer übergangen würde. Ich schämte mich jetzt oft, daß ich einem solchen abscheulichen Menschen, wie Judas, gleich sein sollte. Ich gedachte auch, wie verabscheuungswürdig ich allen Heiligen am Tage des Gerichts sein würde. Es drückte mich dies so, daß ich jetzt schon kaum einen frommen Menschen ansehen konnte, von dem ich glaubte, er habe ein gutes Gewissen, ohne daß mein Herz erbebte, so lange ich bei ihm war. O! jetzt sah ich, wie herrlich ein Wandel mit Gott sei, und welche Gnade es sei, ein gutes Gewissen vor ihm zu haben.

Ich wurde zu der Zeit versucht, mich zur Annahme einiger falschen Ansichten herzugeben; als da sind: daß es keinen Tag des Gerichts gebe, daß wir nicht auferstehen würden, und daß die Sünde nichts so Abscheuliches wäre; indem mir der Versucher so vorsprach: „Selbst wenn diese Dinge wahr wären, so würde es dir doch für jetzt Erleichterung geben, wenn du anders glaubtest. Wenn du auch verderben mußt, so quäle dich doch nicht so lange vorher. Vertreibe den Gedanken an die Verdammniß aus deinem Gemüth, und beruhige dich mit irgend einer solchen Ansicht, womit die Gottesleugner und die Ranters sich zu helfen suchen.“ Aber ach! wenn solche Gedanken durch mein Herz gingen wie standen da Tod und Gericht gleichsam nur einen Schritt weit vor meinem Blicke! Mir schien, der Richter stehe vor der Thür. Es war mir, als ob das Gericht schon gekommen wäre, und so konnten solche Dinge keine Aufnahme bei mir finden. Aber es scheint mir, nach diesem zu urtheilen, daß der Satan alle erdenklichen Mittel zu gebrauchen pflegt, um die Seele von Christo fern zu halten; er liebt keinen erweckten Zustand des Geistes; Sicherheit, Blindheit, Dunkelheit und Irrthum sind das eigentliche Königreich und Erbtheil des Bösen.

Es war mir jetzt eine schwere Arbeit zu Gott zu beten, denn ich ging in Hoffnungslosigkeit unter. Ich dachte, ich wäre wie vom Sturme von Gott weggetrieben, denn immer, wenn ich zu Gott um Barmherzigkeit schrie, pflegte der Gedanke zu kommen: „es ist zu spät, ich bin verloren; Gott hat mich fallen lassen, aber nicht zu meiner Besserung, sondern zu meiner Verdammniß. Meine Sünde ist nicht zu vergeben, und ich weiß von Esau, wie er, nachdem er seine Erstgeburt verkauft hatte, den Segen ererben wollte, aber verworfen ist.“

Um diese Zeit kam ich an die schreckliche Geschichte des elenden Sterblichen, Franz Spira; ein Buch, das meinem sturmbewegten Geiste war, wie Salz, wenn es in eine frische Wunde gerieben wird. Jeder Satz in diesem Buche, jedes Stöhnen dieses Mannes, jede seiner Handlungen in seinem Jammer, - seine Thränen, seine Gebete, sein Zähneknirschen, sein Händeringen, sein Sichkrümmen und Verschmachten und Verzehrtwerden unter der gewaltigen Hand Gottes, die auf ihm war - das Alles war wie Messer und Dolche in meiner Seele. Besonders war mir sein Ausspruch fürchterlich: Der Mensch weiß den Anfang der Sünde, aber wer kann ihr Ende ermessen?“ Dann fiel wieder, als Schluß des Ganzen, der früher angeführte Spruch wie ein glühender Donnerkeil in mein Gewissen: „Denn ihr wisset, daß er hernach, da er den Segen ererben wollte, verworfen ist - denn er fand keinen Raum zur Buße, wiewohl er den Segen mit Thränen suchte.“ Ich wurde dabei von einem sehr starken Zittern befallen, so sehr, daß ich manchmal ganze Tage lang meinen Leib und mein Gemüth erschüttern und beben fühlte, unter dem Gefühl des schrecklichen Gerichts Gottes, das auf die fallen wird, welche die schreckliche Sünde begangen haben, für welche es keine Vergebung gibt. Wegen dieses meines Schreckens fühlte ich eine solche Beschwerung und Hitze auf meinem Magen, daß mir zuweilen war, als ob mein Brustbein zerspalten wollte. Dann dachte ich an Judas, der „mitten entzwei geborsten und alle sein Eingeweide ausgeschüttet.“ Ap. Gesch. 1. Ich fürchtete auch, daß diese immerwährende Furcht und Angst unter der schweren Last der Schuld das Zeichen sein möchte, das Gott dem Kain machte, womit Er ihn für das Blut seines Bruders Abels belastete. So krümmte und wand ich mich unter der Last, die auf mir lag, und die mich so drückte, daß ich weder beim Gehen, noch beim Stehen, noch beim Liegen ruhig und stille sein konnte.

Doch kam manchmal der Ausspruch in mein Gemüth: „Er hat Gaben empfangen für die Abtrünnigen.“ Psalm 68.19. „Die Abtrünnigen, dachte ich, wie? das sind sicherlich solche, die einmal ihrem Fürsten unterthan waren - die, welche, nachdem sie seiner Regierung Treue geschworen hatten, die Waffen gegen ihn erhoben. Und dieses, dachte ich, ist grade meine Lage. Ich habe Ihn einmal geliebt, ihn gefürchtet, Ihm gedient; aber jetzt bin ich ein Abtrünniger. Ich habe Ihn verkauft, ich habe gesagt: „Laß Ihn gehen, wenn Er will;“ und dennoch Er hat Gaben für die Abtrünnigen - nun denn, warum nicht auch für mich?“ Ueber dieses dachte ich manchmal nach, und bemühete mich, es zu ergreifen, damit ich doch etwas, wenn auch nur ein wenig Erquickung empfangen möchte. Aber auch hierin erreichte ich meinen Wunsch nicht. Ich wurde mit Gewalt davon weggetrieben. Ich war wie ein Mann, der zur Hinrichtung an einem Platze vorbei geführt wird, wo er sich gerne verkriechen und verstecken möchte, aber es nicht vermag.

Wiederum: nachdem ich so die Sünden der Heiligen in's Besondere betrachtet und eingesehen hatte, daß die meinige sie überstieg, fing ich an bei mir selbst zu denken: Wenn ich nun alle ihre Sünden nebeneinander und meine allein gegenüberstellte, würde ich dann wohl nicht Trost finden? Denn, wenn meine Sünde, obgleich größer als irgend eine von ihnen, doch nur so groß wäre, wie ihre alle zusammen, so wäre noch Hoffnung, weil das Blut, das kräftig genug war, diese alle wegzunehmen, dann auch kräftig genug wäre, die meinige wegzuwaschen.

Hierbei betrachtete ich denn wieder die Sünde David's, Salomo's, Manasse's, Petrus und der übrigen großen Sünder, und bemühte mich auch, ihre Sünden, so viel ich mit Billigkeit konnte, nach den verschiedenen erschwerenden Umständen zu erwägen, unter denen sie begangen wurden. Ich dachte bei mir selbst, daß David Blut vergoß, um seinen Ehebruch zuzudecken, und zwar durch das Schwert der Kinder Ammons - ein Werk, das nicht verrichtet werden konnte, ohne durch vorherige Veranstaltung, welches seine Sünde sehr erschwerte. Aber dann fiel mir das ein: „Ach, dies waren nur Sünden gegen das Gesetz, von welchen sie zu erlösen, Jesus gesandt wurde; aber deine ist eine Sünde gegen den Erlöser, wer soll dich davon erlösen?“ Dann dachte ich an Salomo, wie er sündigte in seiner Liebe zu ausländischen Weibern, in seinem Abfall, fremden Göttern nach, indem er ihnen Tempel baute, und daß er dies alles that, nachdem er Licht und große Gnade empfangen hatte und in seinem hohen Alter. Aber derselbe Schluß, zu dem ich in der vorigen Betrachtung kam, schnitt mir auch hier die Hoffnung ab, nämlich, daß alles dieses nur Sünden gegen das Gesetz waren, für die Gott ein Rettungsmittel gegeben hatte. Aber ich hatte meinen Heiland verkauft; und es war „kein andres Opfer mehr für die Sünden.“ Ich fügte dann zu dieser Menschen Sünden noch die Sünden Manasse's hinzu, wie er Götzenaltäre im Hause des Herrn gebaut hatte; er wählte auch Tage, gebrauchte Zaubermittel, hatte mit Zauberern zu thun, war ein Zauberer, fragte die Todten, ließ seine Kinder den Teufeln zum Opfer durch's Feuer gehen, und vergoß unschuldiges Blut in den Straßen zu Jerusalem. „Dieses, dachte ich, sind große Sünden, blutrothe Sünden; aber es überfiel mich doch wieder: „Sie sind nicht von der Natur der Deinigen; du hast Jesum dahin gegeben; du hast deinen Heiland verkauft.“ Dieser eine Punkt pflegte immer mein Herz zu lähmen: Meine Sünde war schnurgerade gegen meinen Erlöser; und dazu so groß, daß ich in meinem Herzen von Ihm gesagt hatte: „Laß Ihn gehen, wenn Er will.“ O, ich meinte, diese Sünde wäre größer als die Sünden eines Landes, eines Königreichs, oder der ganzen Welt. Nicht eine Sünde, noch alle zusammen waren der meinigen zu vergleichen, - meine überstieg sie alle.

Nun mußte ich sehen, daß mein Gemüth von Gott floh, wie vor dem Angesicht eines schrecklichen Richters; aber das war meine Qual, daß ich Seine Händen nicht entrinnen konnte. „Schrecklich ist's, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Hebr. 10. Aber, gelobt sei Seine Gnade! in diesen Flucht-Anfällen rief mir, als liefe sie hinter mir her, diese Schriftstelle nach: „Ich tilge deine Uebertretungen wie eine Wolke, und deine Sünden wie einen Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich.“ Jes. 44.22. Dies, sage ich, fiel mir in meinem Gemüthe ein, als ich von dem Angesichte Gottes floh; denn ich floh von Seinem Angesicht, das heißt, mein Gemüth und Geist flohen von Ihn, um Seiner Hoheit willen, die ich nicht ertragen konnte. Da rief mir das Wort zu: „Kehre dich zu mir.“ Es pflegte mit einer sehr lauten Stimme zu rufen: „Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!“ Dies machte mich in der That ein wenig stille stehen; und so zu sagen, über meine Schulter zurückzublicken, um zu sehen, ob ich gewahren könnte, daß mir der Gott der Gnade mit der Begnadigung in Seiner Hand nachfolgte. Aber nicht sobald konnte ich das thun, als auch wieder alles umwölkt und verdunkelt war durch den Ausspruch: „Denn ihr wisset, daß er hernach, da er den Segen ererben wollte verworfen ist denn er fand keinen Raum zur Buße wiewohl er den Segen mit Thränen suchte.“ Darum konnte ich mich nicht halten, sondern floh, obgleich es manchmal hinter mir her rief: „Kehre wieder, kehre wieder.“ Ich fürchtete mich aber, darauf zu hören, weil es etwa nicht von Gott kommen möchte; denn der andre Text, wie gesagt, erschallte noch immer in meinem Gewissen: „Denn ihr wisset, daß er hernach, da er den Segen ererben wollte, verworfen ist rc.“

Da eines Tages, als ich in dem Laden eines frommen Mannes auf- und abging und mich selbst wegen meines traurigen und jammervollen Zustandes beklagte, mich mit Selbstverachtung wegen dieses bösen und gottlosen Gedankens quälte, mein hartes Los, daß ich eine so große Sünde begangen habe, bejammerte und sehr fürchtete, daß ich keine Vergebung erlangen könnte; dazu auch in meinem Herzen betete, daß der Herr es mir doch zeigen möchte, wenn meine Sünde von derjenigen gegen den Heiligen Geist verschieden wäre; und als ich grade vor Furcht am Versinken war: da war es, als ob das Rauschen eines Windes vom Fenster her mich umwehete, aber auf eine sehr angenehme Weise, und als ob ich eine Stimme sagen hörte: „Hast du dich je geweigert durch das Blut Christi gerechtfertigt zu werden?“ Zugleich wurde mir mein ganzes Leben, seit ich Christum bekannte, klar vorgelegt, wobei es mir gezeigt wurde, daß ich mich nicht absichtlich geweigert hätte; darum antwortete mein Herz seufzend: „Nein.“ Dann fiel mir das Wort Gottes kräftig ein: „Sehet zu, daß ihr euch Deß nicht weigert, der da redet.“ Hebr. 12,25. Dies ergriff meinen Geist mit einem wunderbaren Gefühl; es brachte Licht mit sich und gebot Stille in meinem Herzen all den geräuschvollen Gedanken, die vorher wie herrenlose Höllenhunde in mir zu brüllen und zu bellen und Lärm zu machen pflegten. Es zeigte mir auch, daß Jesus Christus noch ein Wort der Gnade und Barmherzigkeit für mich habe, daß Er mich nicht, wie ich gefürchtet, ganz verlassen und meine Seele verworfen hätte. Ja, dies war eine Art von Hemmschuh auf meinem abschüssigen Wege zur Verzweiflung; eine Art von Drohung für mich, wenn ich nicht, trotz meiner Sünden und ihrer Abscheulichkeit, dennoch dem Sohne Gottes meine Erlösung zutrauen würde. Was aber nun meine Erklärung dieser wunderbaren Thatsache betrifft, so wußte ich nicht, was sie war, oder woher sie kam. Ich bin auch in zwanzig Jahren noch nicht im Stande gewesen, mir ein Urtheil darüber zu bilden. Ich dachte damals, was ich hier ungern sagen würde. Aber sicherlich war der plötzlich daherrauschende Wind als ob ein Engel zu mir gekommen wäre. Beides, diesen Vorfall und die Rettung, die mir das durch zu Theil wurde, will ich unbeurtheilt lassen bis zum Tage des Gerichts; nur das will ich sagen: Es bewirkte eine große Ruhe in meiner Seele; es überzeugte mich, daß noch Hoffnung da sei; es zeigte mir, welcher Art die Sünde sei, für die es keine Vergebung gibt; und daß meine Seele noch das segensreiche Vorrecht habe, um Barmherzigkeit zu Jesu zu fliehen. Aber ich sage, in Betreff dieses Erlebnisses wußte ich nicht, was ich davon sagen sollte, welches auch in Wahrheit die Ursache ist, warum ich zuerst in meinem Buche nicht davon gesprochen habe.1) Ich überlasse es auch jetzt Männern von gesundem Urtheil, darüber nachzudenken. Ich baue meine Erlösung nicht darauf, sondern auf den Herrn Jesum allein; dennoch, da ich hier meine Geheimnisse offenbare, so dachte ich, es möchte nicht ganz unnütz sein, dieses auch zu erwähnen; obgleich ich jetzt die Sache nicht so erzählen kann, wie ich sie damals erfahren habe.

Das beseligende Gefühl hiervon währte etwa drei oder vier Tage und dann fing ich wieder an zu Mißtrauen und zu zweifeln. Mein Leben lag aufs Neue in Zweifeln vor mir; nur dieses bemerkte ich, daß meine Seele verlangte, sich mit Gebet und Flehen zu den Füßen der Gnade zu werfen. Aber ach! es schwer für mich, diesem Christus unter die Augen zu treten und ihn um Gnade anzurufen, gegen den ich so niederträchtig gesündigt hatte! Es war eine harte Arbeit, sage ich, mich das zu unterstehen und dem in's Angesicht zu blicken, den ich so unerhört beleidigt. Und in der That, ich habe es eben so schwierig gefunden, wieder im Gebet zu Gott zu nahen, nachdem man von ihm abgewichen ist, wie irgend etwas anderes zu thun. 0, der Scham, die mich überfiel! besonders wenn ich dachte: „Ich will jetzt zu Ihm um Gnade beten, den ich doch erst vor einer Weile so gering geachtet habe!“ Ich war beschämt, ja vernichtet, weil ich diese Schlechtigkeit begangen hatte.

Aber ich sah, es gab nur einen Weg für mich: ich mußte zu Ihm gehen und mich vor Ihm demüthigen, und Ihn bitten, daß Er nach Seiner wunderbaren Barmherzigkeit Mitleiden mit mir haben und meiner elenden sündenvollen Seele Barmherzigkeit wiederfahren lassen wolle. Da aber der Versucher das sah, stellte er mir ernstlich vor, daß ich nicht zu Gott beten sollte, denn Gebet sei nicht für Solche, die sich in meiner Lage befänden; noch würde es mir etwas helfen, weil ich den Mittler verworfen hätte, durch den allein alle Gebete Gott, dem Vater, angenehm wären und ohne Welchen kein Gebet vor Sein Angesicht kommen könne. Darum sagte er: „Jetzt noch zu beten, wäre nur Sünde auf Sünde häufen; ja, jetzt zu beten, nachdem du siehst, daß dich Gott verworfen hat, ist der nächste Weg zum Zorne und beleidigt Ihn mehr, als du Ihn je zuvor beleidigt hast.“ „Denn Gott,“ sagte er, „ist deiner schon diese vielen Jahre her müde, weil du keiner von den Seinen bist; dein Schreien in Seine Ohren ist keine angenehme Stimme für Ihn gewesen und darum hat Er dich diese Sünde begehen lassen, damit du ganz verworfen werden möchtest, und du willst noch beten?“ Dies suchte mir der Teufel zu beweisen, indem er mir das Wort in 4. Mose vorhielt, wo Moses zu den Kindern Israel sagt, weil sie nicht hinauf gehen wollten, das Land einzunehmen, als Gott es haben wollte, so wären sie nun auch für immer davon ausgeschlossen, obgleich sie beteten mit Thränen so viel sie konnten. 4. Mose 14,36.37 rc. Wie auch in einer andern Stelle gesagt wird: „Wo aber Jemand frevelt, so sollst du denselben von meinem Altar nehmen, daß man ihn tödte;“ gerade wie es mit Joab beim König Salomo war, als er dort Schutz zu finden meinte. 1. Kön. 2,27,28 rc. Diese Stellen brachten mich sehr in die Enge. Dennoch, weil mein Fall verzweifelt war, so dachte ich bei mir selbst: „Ich kann doch nur umkommen, und wenn es denn so sein muß, so soll es dann hernach einmal gesagt werden können, daß ich im Gebet zu den Füßen Christi umgekommen bin.“ Ich betete also, aber mit großer Schwierigkeit, Gott weiß es; und zwar, weil in Verbindung mit dem eben Angeführten auch das über Esau Gesagte wie eine Flamme jenes zuckenden Schwerts vor mein Herz gestellt wurde, das den Weg zum Baume des Lebens bewahrte, damit ich nicht davon nehmen und leben möchte. O! wer weiß, wie schwierig ich es fand, im Gebet zu Gott zu nahen!

Ich begehrte auch die Fürbitten des Volkes Gottes für mich; aber ich fürchtete, Gott werde ihnen kein Herz dafür geben. Ja, ich zitterte in meiner Seele wenn ich daran dachte, daß der Eine oder Andre von ihnen mir bald sagen werde, daß Gott jene Worte zu ihm gesagt hätte, die Er einmal hinsichtlich der Kinder Israel zum Propheten sagte: „Bete nicht für dies Volk, denn ich habe sie verworfen.“ Jerem. 11,14. Also: „Bete nicht für ihn, denn ich habe ihn verworfen.“ Ja, ich dachte, daß er dies Einigen von ihnen schon zugeflüstert habe; nur daß sie sich nicht getrauten, es mir zu sagen; eben so sehr, fürchtete ich mich, sie zu fragen, aus Furcht, daß es so sein möchte und mich dann ganz von Sinnen bringen würde. „Der Mensch weiß den Anfang der Sünde,“ sagte Spira; „aber wer kann ihre Folgen ermessen?“ Um diese Zeit benutzte ich die Gelegenheit, mein Herz einem alten Christen zu öffnen und ihm meiner ganzen Zustand zu sagen. Ich sagte ihm auch, daß ich fürchtete, die Sünde wider den Heiligen Geist begangen zu haben. Und er sagte mir, er denke auch so. Hier also hatte ich nur schlechten Trost; aber da ich ein wenig mehr mit ihm sprach, sah ich, daß, obwohl er ein frommer Mann war, er doch von einem Kampf mit dem Teufel nicht viel zu sagen wußte. Darum wandte ich mich, so gut ich konnte, wieder um Barmherzigkeit zu Gott.

Nun fing der Versucher auch an, mich in meinem Elend zu verspotten, indem er sagte, da ich mich nun vom Herrn Jesu geschieden und Ihn zum Zorne gereizt habe, Ihn, der zwischen meiner Seele und dem höllischen Feuer gestanden haben würde, so sei nun nur ein Weg und der wäre: zu beten, daß Gott der Vater ein Mittler zwischen Seinem Sohne und mir sein möchte, damit wir wieder versöhnt werden und ich den segensreichen Genuß von Ihm haben möchte, dessen sich Seine Heiligen erfreuen. Dann ergriff dieses Schriftwort meine Seele: „Denn Er bleibt einig, wer will Ihn abwenden?“ Hiob 23,13. O! ich sah, daß es eben so leicht sei, Gott zu bereden, eine neue Welt zu machen, oder einen neuen Bund, oder eine neue Bibel zu der, die wir bereits haben, als Ihn um so etwas zu bitten. Es wäre ein Versuch gewesen, Ihn zu bereden, daß Er das, was Er bereits gethan, für ungenügend erklärte, und Ihn zu bewegen, den ganzen Weg der Erlösung zu verändern, ja zu vernichten. Und dann wollte der Ausspruch meine Seele zerreißen: „Und ist in keinem Andern Heil, ist auch kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden.“ Ap. Gesch. 4,12.

Jetzt waren mir die freigebigsten, reichsten und gnädigsten Trostsprüche des Evangeliums die größten Qualen; ja, nichts betrübte mich so sehr als die Gedanken an Jesum Christum. Die Erinnerung an einen Heiland brachte, weil ich Ihn verworfen hatte, die Schlechtigkeit meiner Sünde und meinen Verlust durch dieselbe in mein Gedächtniß; und nichts zwickte mein Gewissen mehr als dies. Alles, was ich vom Herrn Jesu erkannte; von Seiner Gnade, Liebe, Güte, Freundlichkeit, Gütigkeit, Sanftmuth, von Seinem Tode, Blute, von Seinen Verheißungen und theuren Ermahnungen, Tröstungen und beruhigenden Zusprüchen, drang wie ein Schwert in meine Seele. Denn noch immer machten sich, bei diesen meinen Betrachtungen über den Herrn Jesum, die Gedanken Raum in meinem Herzen: „Ach, das ist der Jesus, der liebende Heiland, der Sohn Gottes, den du dahin gegeben, den du verschmäht, verachtet, mißhandelt hast. Dies ist der einzige Heiland, der einzige Erlöser, der Einzige, der. die Sünder so lieben konnte, daß Er sie in Seinem eignen theuersten Blute wusch; aber du hast kein Theil noch Anfall an diesem Jesus; du hast Ihn von dir gethan; du, du hast in deinem Herzen gesagt: „Laß ihn gehen, wenn er will.“ Darum bist du nun von Ihm geschieden; du hast dich selbst von Ihm getrennt. Betrachte denn Seine Güte; aber dich nicht als einen, der daran Theil habe. „O!“ dachte ich, „was. hab' ich verloren! Was hab' ich weggeworfen! Wie hat sich meine arme Seele des Erbtheils beraubt! O! es ist traurig, durch einen gnädigen und barmherzigen Gott in's Verderben gestürzt zu werden; das Lamm, den Heiland, sich zum Löwen und zu einem Verderber umzuwandeln!“ Offenb. 6. Ich erzitterte auch, wie gesagt, beim Anblick der Heiligen Gottes; besonders derer, die Ihn herzlich liebten und es sich zur Aufgabe machten, in dieser Welt beständig vor Ihm zu wandeln; denn mit ihren Worten, ihrem Wandel und all* ihren Kundgebungen von zarter Vorsicht und Furcht vor der Sünde gegen ihren theuren Heiland richteten und beschuldigten sie meine Seele und vermehrten beständig meine Traurigkeit und Beschämung. Ihr Schrecken war über mir und ich erzitterte vor den Samuelen Gottes. 1 Sam. 16,4.

Nun fing der Versucher auch wieder auf's Neue an, meine Seele auf eine andere Weise zu verspotten, indem er sagte, daß Christus wirklich Mitleiden mit mir habe und meinen Verlust bedauere, aber weil ich so gesündigt und übertreten, wie ich gethan hätte, so könne Er mir keineswegs helfen, noch mich von Dem erlösen, was ich fürchtete; denn meine Sünde wäre nicht von solcher Art, wie die der Leute, für die Er geblutet habe und gestorben sei; noch sei sie zu denen gerechnet, die Ihm aufgelegt worden, als er am Holze hing; darum könne ich keinen Segen von Ihm haben, obgleich Er mich wirklich sehr bemitleide; es sei denn, daß er auf's Neue vom Himmel herab käme und für diese Sünde stürbe.

Diese Dinge mögen lächerlich erscheinen, aber für mich waren es die quälendsten Gedanken, von denen jeder mein Elend vermehrte: Jesus Christus sollte so viel Liebe zu mir haben, mich zu bedauern, aber mir doch nicht helfen können! Nicht dachte ich, daß er mir etwa darum nicht helfen könne, weil Sein Verdienst zu schwach, oder Seine Gnade und die Erlösung schon an Andere vergeben wäre; sondern weil Seine Treue gegen Seine ausgesprochenen Drohungen es ihm nicht zuließen, daß Seine Barmherzigkeit sich über mich erstrecke. Daneben dachte ich auch, wie schon angedeutet, daß meine Sünde nicht im Bereiche der Vergebung läge, welche in der Verheißung eingeschlossen wäre; und wenn das der Fall, dann wußte ich sicherlich, daß leichter Himmel und Erde vergehen, als daß ich das ewige Leben haben könne. So daß die Ursache aller meiner Befürchtungen aus meinem festen Glauben an die Unwandelbarkeit des heiligen Wortes Gottes entstand; und daraus, daß ich über die Natur der Sünde falsch berichtet war. Aber ach! wie vermehrte der Gedanke meine Traurigkeit, daß ich einer Sünde schuldig wäre, für welche Er nicht gestorben! Diese Gedanken verwirrten und fesselten mich und hielten mich so fern vom Glauben, daß ich nicht wußte, was ich thun sollte. Ach! dachte ich, daß Er doch wieder herabkommen wollte! O! daß doch Christus das Werk der Erlösung der Menschen noch zu thun hätte! Wie würde ich Ihn bitten und anflehen, doch auch diese Sünde unter die zu rechnen und zu zählen, für die Er starb. Aber dann schlug mich die Schriftstelle wie todt darnieder: „daß Christus, von den Todten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod mag hinfort über Ihn nicht herrschen.“ Röm. 6,9.

So war meine Seele, durch die wunderlichen und ungewöhnlichen Anfälle des Satans, wie ein Wrack von den Winden getrieben, bisweilen Hals über Kopf in Verzweiflung gestürzt; bisweilen auf den Werkbund geworfen; und bisweilen zu dem Wunsche gebracht, daß der neue Bund, oder seine Bedingungen, soweit sie mich zu betreffen schienen, umgewandelt oder verändert werden möchten. Aber durch all dieses wurde ich, wie Die, welche sich an dem Felsen stoßen - noch mehr zerbrochen, zerschlagen und zerrissen. O! der undenklichen Einbildungen, Beängstigungen, Befürchtungen und Schrecken, die durch ein überwältigendes Gefühl einer Schuld hervorgerufen werden, welche zur Verzweiflung treibt! Dies ist der Mann, „der seine Wohnung in den Gräbern hat; der immer schreit und sich mit Steinen schlägt.“ Marc. 5,1-3. Aber: „Alles umsonst! Verzweiflung kann ihn nicht trösten; der alte Bund kann ihn nicht erretten: nein, Himmel und Erde werden eher vergehen, als daß der kleinste Buchstabe, noch ein Strichlein vom Worte und Gesetze der Gnade sollte unerfüllt bleiben oder verändert werden.“ Dies sah ich, dies fühlte und darunter seufzte ich. Doch hatte ich den Vortheil davon, nämlich: eine weitere Befestigung in der Gewißheit des Weges der Erlösung und der Göttlichkeit der heiligen Schriften. O! ich kann jetzt nicht ausdrücken, was ich damals sah und fühlte von der Unwandelbarkeit Jesu Christi, der der Fels des Heils der Menschen ist. Was geschehen war, konnte nicht ungeschehen gemacht, vermehrt oder verändert werden. Ich sah in der That, daß die Sünde eine Seele weiter zu führen im Stande ist, als Christi Gnade reichen kann, nämlich die Sünde, die nicht vergeben werden kann; aber wehe dem, der so weit weggetrieben wird, denn das Wort schließt ihn aus!

So war ich immer am Sinken, was ich auch denken oder thun mochte. Eines Tages ging ich in eine benachbarte Stadt. Ich setzte mich daselbst auf eine Bank auf der Straße und verfiel in ein sehr tiefes Nachdenken über den schrecklichen Zustand, in den mich meine Sünde gestürzt hatte. Nach langem Sinnen erhob ich mein Haupt; aber es war mir, als ob selbst die Sonne am Himmel mir ihr Licht nicht gönne, und die Steine auf der Gasse, die Ziegel auf den Dächern sich gegen mich erhöben! Mir däuchte, daß sie sich alle vereinigt hätten, mich aus der Welt zu verbannen! Ich wurde von ihnen verabscheut und war unwürdig, unter ihnen zu wohnen, oder an ihren Segnungen Theil zu haben, weil ich gegen den Erlöser gesündigt hatte. O, wie glücklich war jede andere Creatur im Vergleich mit mir! denn sie standen fest und blieben in ihrem Zustande; aber ich war gefallen und verloren! Dann brach ich in dem bitteren Schmerz meiner Seele in die Worte aus und sagte mit einem traurigen Seufzer zu meiner Seele: „Wie kann Gott ein solches Scheusal, wie ich bin, trösten?“ Kaum hatte ich dies gesagt, als auch so geschwind, wie das Echo einer Stimme antwortet, mir die Antwort wurde: „Diese Sünde ist nicht zum Tode.“ Darüber war ich wie aus dem Grabe auferstanden und rief wieder aus: „Herr, wie konntest Du ein solches Wort wie dieses finden?“ Denn ich war mit Verwunderung über das Passende und Unerwartete des Ausspruches erfüllt. Die Kraft und Süßigkeit, so wie das Licht und die Herrlichkeit, die es mitbrachte, war mir wunderbar und erstaunlich. Ich war nun (für die Zeit wenigstens) außer Zweifel über das, woran ich vorher so sehr zweifelte. Meine Befürchtungen waren vorher gewesen, da meine Sünde unverzeihlich wäre und daß ich kein Recht zu beten hätte und mich zu Gott zu wenden rc. rc., oder daß es mir, wenn ich es thun würde, doch nichts nützen könnte. Aber nun, dachte ich, wenn diese Sünde nicht zum Tode ist, dann ist sie verzeihlich: dann habe ich Aufmunterung, durch Christum zu Gott zu kommen und Barmherzigkeit zu erlangen; dann darf ich die Verheißung der Vergebung betrachten als eine, welche mit offnen Armen dasteht, um mich sowohl als Andere zu empfangen. Es war eine große Beruhigung für mein Gemüth, daß meine Sünde verzeihlich war, das heißt, nicht zum Tode. 1 Joh. 5,16,17. Niemand, als der es erfahren hat, was meine Noth war, weiß, wie viel leichter mein Herz durch diese Betrachtung wurde. Es war für mich die Befreiung von meinen vorhergegangenen Stürmen. Ich schien nun mit anderen Sündern auf demselben Grund und Boden zu stehen, und so gut ein Recht zum Worte und Gebet zu haben, als irgend Einer von ihnen.

Nun, sage ich, hatte ich Hoffnung, daß meine Sünde nicht unverzeihlich sei, sondern daß ich Vergebung erlangen würde. Aber ach! Wie sich Satan jetzt bemühte, mich wieder darnieder zu werfen! Aber es gelang ihm nicht, weder an dem Tage, noch während des größten Theiles des nächsten; denn dies Wort stand wie eine Säule hinter meinem Rücken. Dennoch fühlte ich gegen den Abend des nächsten Tages, wie mich das Wort verließ und mir seine Unterstützung entzog; und so verfiel ich wieder in meine alten Befürchtungen, doch aber sehr ungern und mit Widerwillen, denn ich fürchtete das Leiden der Trostlosigkeit. Mein Glaube konnte aber das Wort nicht mehr festhalten.

Am Abend des nächsten Tages jedoch, als ich unter vielen Befürchtungen einherwandelte, ging ich den Herrn zu suchen, und während ich betete, rief ich und schüttete meine Seele mit diesen Worten in starkem Geschrei vor Ihm aus: „O, Herr, zeige mir, daß Du mich je und je geliebet hast.“ Jer. 31,3. Ich hatte dies kaum gesagt, als es mit Süßigkeit wie ein Echo zu mir zurück kam: „Ich habe Dich je und je geliebt.“ Nun ging ich ruhig zu Bette; auch als ich den nächsten Morgen erwachte, war es noch frisch in meiner Seele und ich glaubte es. Dennoch verließ mich der Versucher nicht; denn desselben Tages arbeitete er mehr als hundertmal daran, meinen Frieden zu brechen. O! der Kämpfe und Anfechtungen, die ich da erfuhr, während ich mich bestrebte, dies Wort fest zu halten! Das Wort von Esau pflegte mir wie der Blitz in's Angesicht zu fahren. Ich war bald oben, bald unten, wohl zwanzig mal in einer Stunde. Aber Gott hielt mich aufrecht und mein Herz bei Seinem Worte; von welchem ich auch mehre Tage hindurch viel süßen Genuß und tröstliche Hoffnung der Vergebung hatte; denn es wurde mir so gedeutet: „Ich habe Dich geliebet, während Du diese Sünde begingest; ich habe Dich vorher geliebet und ich liebe Dich noch, und ich will Dich immer lieben.“

Dennoch sah ich meine Sünde als die grausamste und als das abscheulichste Verbrechen an, und konnte nur mit großer Scham und Verwunderung zu dem Schlusse kommen, daß ich den heiligen Sohn Gottes auf die schrecklichste Weise mißhandelt hätte. Darum fühlte ich, wie meine Seele Ihn nun sehr liebte und wegen des von mir erlittenen Uebels bedauerte, und wie mein Inneres sich nach Ihm ausstreckte; denn ich sah, daß Er doch noch mein Freund war und mir Böses mit Gutem vergalt. Ja, die Liebe und Anhänglichkeit gegen meinen Herrn und Heiland Jesus Christus, die damals in mir brannte, bewirkte starkes und heißes Verlangen zur Rache gegen mich selbst, so daß (um zu reden, wie ich damals fühlte) wenn ich auch tausend Maß Blut in meinen Adern gehabt, so hätte ich es, auf den Befehl und zu den Füßen dieses meines Herrn und Heilandes, gerne alles vergossen.

Als ich nun so nachdachte und in meinen Untersuchungen erwog, wie ich den Herrn lieben und meine Liebe zu Ihm ausdrücken sollte, da kam das Wort über mich herein: „So Du willst, Herr, Sünde zurechnen: Herr, wer wird bestehen? denn bei Dir ist die Vergebung, daß man Dich fürchte.“ Ps. 130,4. Dies waren gute Worte für mich, besonders der letzte Theil; nämlich, daß Vergebung beim Herrn ist, damit Er gefürchtet werde; das heißt, wie ich es damals verstand, daß Er geliebt und in Ehren gehalten werde. Denn es wurde mir so ausgelegt, daß der große Gott die Liebe Seiner armen Creaturen so hochachte, daß Er lieber ihnen ihre Uebertretungen vergeben, als ohne ihre Liebe sein wolle. Und nun war das Wort an mir erfüllt und ich auch durch dasselbe erquickt: „Auf daß Du daran gedenkest, und Dich schämest, und vor Schande nicht mehr deinen Mund aufthun dürfest; wenn ich dir Alles vergeben werde, was du gethan hast, spricht der Herr Herr.“ Hes. 16,63. So war denn meine Seele für das Mal, und wie ich damals meinte, für immer von der Qual meiner früheren Schuld befreit.

Aber ehe noch viele Wochen vergangen waren, fing ich wieder an darnieder zu liegen, weil ich fürchtete, ich möchte, trotz allem, was ich genossen, mich doch täuschen und zuletzt noch verloren gehen. Denn ich erwog sehr ernstlich in meinem Gemüth, daß, was für Trost und Frieden ich auch vom Wort der Verheißung des Lebens haben möchte, wenn dieses mir nicht in Uebereinstimmung mit der Schrift zu Theil geworden und von ihr bestätigt würde, so würde ich mich doch, was ich auch denken möge uno wie fest ich es auch hielte, am Ende getäuscht finden, denn die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.“ Joh. 10,35. Nun war mein Herz wieder voll Schmerz und ich fürchtete, ich möchte mich zuletzt doch getäuscht finden. Darum beschloß ich, meine früheren Tröstungen mit allem Ernste zu untersuchen, und zu prüfen, ob Einer, der so wie ich gesündigt hätte, mit Sicherheit auf die Treue Gottes bauen dürfe, die in den Worten verkündigt wird, durch welche ich getröstet worden war und auf die ich mich verlassen hatte. Aber nun fielen mir die Worte ein: „Denn es ist unmöglich, die, so einmal erleuchtet sind, und geschmeckt haben die himmlische Gabe, und theilhaftig worden sind des heiligen Geistes, und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes, und die Kräfte der zukünftigen Welt, wo sie abfallen, wiederum zu erneuern zur Buße.“ Hebr. 6. „Denn so wir muthwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntniß der Wahrheit empfangen haben, ist kein anderes Opfer für Sünden mehr übrig, sondern ein schreckliches Warten des Gerichts und ein Feuereifer, der die Widerwärtigen verzehren wird.“ Hebr. 10,26. „Wie Esau, der um einer Speise willen seine Erstgeburt hingab. Denn ihr wisset, daß er hernach, da er den Segen ererben wollte, verworfen ist Denn er fand keinen Raum zur Buse, wiewohl er den Segen mit Thränen suchte.“ Hebr. 12,16.17. Nun wurde das Wort des Evangeliums von meiner Seele gerissen, daß ich keine Verheißung oder Ermuthigung für mich in der Bibel finden konnte. Und nun wirkte der Ausspruch betrübend auf meinen Geist: „Freue dich nicht, Israel, mit Hüpfen wie die Völker.“ Hos. 9,1. Denn ich sah in der That, daß Ursache zur Freude nur für Die vorhanden sei, die sich zu Jesu hielten; aber was mich betraf, so hatte ich mich selbst durch meine Uebertretungen davon ausgeschlossen und mir keinen Haltpunkt für Fuß oder Hand unter all den Lehnen und Stützen des köstlichen Lebenswortes gelassen. Und wahrlich fühlte ich mich in die Tiefe hinabsinken, wie ein Haus, dessen Fundament zerstört ist. Ich verglich mich in dieser Lage mit einem Kinde, das in einen Mühlengraben gefallen ist, welches, wie es sich auch geberden und was es auch anfangen mag, doch endlich umkommen muß, weil es keinen Halt für Hand oder Fuß finden kann.

Sobald dieser neue Anfall sich meiner Seele bemächtigt hatte, kam mir die Schriftstelle in's Herz: „Dies ist für viele Tage.“2) Dan. 10,14. Und in der That erfuhr ich es so; denn ich konnte nicht erlöset, noch zum Frieden gebracht werden, bis beinahe zwei und ein halb Jahr um waren. Doch waren diese Worte, obgleich in sich selbst nicht zur Ermuthigung geeignet, mir, der ich fürchtete, daß dieser Zustand ewig bleiben werde, manchmal noch eine Hülfe und Erfrischung. Denn, dachte ich, „viele Tage“ ist nicht immer; „viele Tage“ werden doch einmal ein Ende haben; darum sah ich, daß ich geprüft werden würde, nicht wenige, sondern „viele Tage“, und war zugleich froh, daß der Prüfung ein Ziel gesetzt sei. So, sage ich, konnte ich mich durch dies Wort manchmal beruhigen und aufhelfen. Doch war dies nicht immer der Fall, denn bisweilen war mir der Trost verschlossen, ich mochte daran gedenken oder nicht.

Während diese Schriftworte mich beschwerten und mir die Sündenschuld aufs Neue vor meine Thür setzten, ermuthigte mich jedoch das Wort in Lukas 18,1. und andere Stellen zum Gebet. Dann aber setzte mir der Versucher wieder sehr schmerzlich zu, indem er mir bedeutete, daß weder die Barmherzigkeit Gottes, noch auch das Blut Christi im Geringsten mich etwas angehe, noch mir von meiner Sünde helfen könnten, und es deshalb umsonst sei, zu beten. Dennoch dachte ich: „Ich will beten.“ „Aber,“ sagte der Versucher, „deine Sünde ist unverzeihlich.“ „Dennoch,“ sagte ich, „will ich beten.“ „Es ist umsonst,“ sagte er. „Dennoch,“ sagte ich wieder, „will ich beten.“ So ging ich in's Gebet zu Gott; und in meinem Gebete sprach ich etwa folgende Worte: „Herr, der Satan sagt mir, daß weder deine Barmherzigkeit, noch Christi Blut hinreichen, meine Seele zu retten, soll ich Dich am meisten ehren durch den Glauben, daß Du willst und kannst? oder ihn dadurch, daß ich an Deinem Willen und an Deiner Macht zweifle? Herr, ich möchte Dich gerne ehren durch den Glauben, daß Du willst und kannst.“ Und als ich so vor dem Herrn war, hefteten sich mir diese Schriftworte in's Gemüth: „O, Mensch, dein Glaube ist groß!“ (Matth. 15,28) grade als ob mir Jemand auf den Rücken geklopft hätte, während ich vor Gott auf meinen Knieen lag. Dennoch war ich nicht im Stande, anzunehmen, daß es ein Glaubensgebet gewesen, bis fast sechs Monate nachher; denn ich konnte nicht denken, daß ich Glauben hätte, oder daß es ein Wort für mich gäbe, auf das hin ich glauben könnte. Darum war ich noch wie in dem Rachen der Verzweiflung, und ging klagend in einer traurigen Lage einher.

Es gab jetzt nichts, wonach mich mehr verlangte, als über diese von mir bezweifelte Sache zur Gewißheit zu kommen; und während ich sehnlichst zu wissen begehrte, ob es Hoffnung für mich gäbe, drängten sich diese Worte meinem Gemüthe auf: „Wird denn der Herr ewiglich verstoßen und keine Huld mehr erzeigen? Ist's denn ganz und gar aus mit Seiner Güte? und hat die Verheißung ein Ende für und für? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder Seine Barmherzigkeit im Zorn verschlossen?“ Psalm 77,8.9.10. Und während sie sich in meinem Gemüthe bewegten, däuchte mir, ich hätte dies als die Antwort: „Es frägt sich also noch, ob er sie verschlossen hat oder nicht; es kann sein, daß Er sie nicht verschlossen hat.“ Ja, die Fragen schienen mir eine sichere Bejahung in sich zu schließen, daß er sie wirklich nicht verschlossen hätte, noch so verstoßen wollte, sondern vielmehr gnädig sein; daß Seine Verheißung nicht wanke, und daß er nicht vergessen habe, gnädig zu sein, noch Seine Barmherzigkeit im Zorne verschließen wollte. Es war auch damals zugleich noch etwas Anderes in meinem Herzen, dessen ich mich jetzt nicht erinnern kann, welches zusammen mit diesem Texte mein Herz erfreute und mich schließen ließ, daß Seine Barmherzigkeit noch nicht ganz, noch nicht für immer vergangen sei.

Zu einer andern Zeit war ich viel mit der Frage beschäftigt: „Ob das Blut Christi genug sei, meine Seele zu retten?“ In diesem Zweifel blieb ich vom Morgen an bis ohngefähr sieben oder acht Uhr des Abends, und endlich, als ich, so zu sagen, ganz erschöpft war von der Befürchtung, daß es nicht hinreichend für mich sein möchte, da schallten plötzlich diese Worte in meinem Herzen: „Er kann.“ Mir däuchte, das Wort „kann“ werde laut zu mir gesagt; es erwies sich als ein großes Wort; es schien mit großen Buchstaben geschrieben zu sein, und gab meiner Furcht und meinem Zweifel einen solchen Stoß (ich meine, so lange es mir blieb, welches ungefähr einen Tag währte), wie ich es in meinem ganzen Leben, weder vorher noch nachher erfahren habe. Hebr. 7,25.

Indessen eines Morgens, als ich wieder im Gebet war und vor Furcht zitterte, daß kein Wort Gottes mir helfen könnte, da fiel plötzlich dieser Theil eines Spruches in mich: „Es genüget Meine Gnade.“ Es däuchte mir, ich fühlte, wie ich daran einen Halt hätte, daß doch noch Hoffnung sein möchte. Aber o! wie gut ist Gott, daß Er Sein Wort sendet! Denn etwa vierzehn Tage vorher hatte ich noch dieselbe Stelle gesehen, und da dachte ich, sie könnte meiner Seele nicht im Geringsten zum Troste gereichen und darum legte ich mein Buch mit Unwillen nieder. Da dachte ich, es wäre nicht umfassend genug, nein, nicht umfassend genug! Aber nun war es, als ob es so weit ausgebreitete Gnadenarme hätte, daß es nicht nur mich, sondern noch viele Andere umfassen könnte. Durch diese Worte wurde ich sieben oder acht Wochen lang gestärkt; aber doch nicht ohne große Kämpfe; denn mein Friede war wohl zwanzig Mal des Tages dem Wechsel unterworfen; bald hatte ich Trost und dann gleich wieder Traurigkeit; jetzt Frieden und dann wieder war ich so voll Furcht und Schuld, wie nur mein Herz fassen konnte. Und dies war nicht bloß dann und wann so, sondern meine ganze sieben Wochen lange Erfahrung. Denn dies Wort von dem Genügen der Gnade und das von Esau's Verkauf seiner Erstgeburt war wie eine Waage in meinem Gemüth; manchmal war die eine Schale und manchmal die andere oben, und darnach pflegte mein Friede oder meine Traurigkeit zu sein. Darum betete ich noch zu Gott, daß Er doch noch kräftiger mit diesen Schriften an mein Herz kommen wolle, das heißt, daß er mir helfen wolle, den ganzen Spruch auf mich anzuwenden; denn bis jetzt vermochte ich das noch nicht; was er gab, sammelte ich; aber weiter konnte ich nicht gehen, denn bis jetzt gab er mir bloß Hoffnung, daß es Gnade für mich geben möchte. „Es genüget Meine Gnade;“ ob es auch nicht weiter ginge, so beantwortete es mir doch meine frühere Frage, nämlich, ob noch Hoffnung sei? Dennoch, weil das „Dir“ ausgelassen war, so war ich nicht zufrieden, sondern bat Gott auch um das. Darum eines Tages, als ich voll Traurigkeit und Schrecken in einer Versammlung des Volkes Gottes war (denn meine Befürchtungen lagen wieder schwer auf mir), und als ich dachte, meine Seele wäre nichts gebessert, sondern meine Lage am traurigsten und schrecklichsten, da brachen plötzlich diese Worte mit großer Macht in mich herein: „Es genüget dir Meine Gnade! Es genüget dir Meine Gnade! Es genüget dir Meine Gnade!“ dreimal hintereinander. Und O! ich dachte, jedes Wort wäre ein mächtiges Wort für mich; als Meine, und Gnade, und genüget dir; sie waren mir damals, und sind's bisweilen noch, viel größer, als andere sind. Zu der Zeit wurde mein Verstand so erleuchtet, daß es mir war, als ob ich den Herrn Jesum gesehen hätte vom Himmel herab durch die Ziegel auf mich blicken und diese Worte an mich richten. Hiermit ging ich gebeugt heim; es brach mein Herz und erfüllte mich völlig mit Freude, und legte mich tief in den Staub; nur blieb es nicht lange bei mir, ich meine in dieser Herrlichkeit und erfrischenden Tröstlichkeit; doch blieb es einige Wochen und ermuthigte mich zu hoffen. Aber sobald die mächtige Wirkung desselben von meinem Herzen genommen wurde, so kehrte das Andere von Esau wie zuvor zu mir zurück; und so hing meine Seele wieder in einer Waage, manchmal auf und manchmal ab; bald in Frieden und bald wieder in Schrecken.

1)
D. h. in der ersten Auflage dieses Buches.
2)
Wörtlich nach der englischen Uebersetzung
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