Baur, Wilhelm - Singt dem Herrn ein neues Lied
Jesaia 42, 10
Singt dem Herrn ein neues Lied.
Gottwillkommen, liebe Christengemeinde, im Gotteshause! Hier in dieser Kirche voll heiligen Schmucks, heut' an diesem Tage voll festlichen Klangs muss Martin Luther recht haben mit seinem Worte: „Ich bin nicht der Meinung, dass durchs Evangelium sollten alle Künste zu Boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche Abergeistliche fürgeben, sondern ich wollt' alle Künste, besonders die Musika, gerne sehen im Dienst des, der sie gegeben und geschaffen hat.“ Von den Türmen dieser altberühmten Kirche, welche das geschäftige Volk dieser Stadt zu der Himmelsruhe weisen, haben die Glocken wie Himmelsboten uns gerufen. Wir sind durch die Tür, welcher das volle Lob, dass sie die schöne sei, gebührt, in diese geweihten Räume eingetreten. Von den Fenstern grüßen in glühenden Farben uns fromme Bilder. Die Gestalten gottseliger Menschen mahnen uns, auch aus Stein gebildet und aus Erz gegossen, zur Andacht. Der weite Raum über uns wartet darauf, mit dem Lobe Gottes gefüllt zu werden. Besonders die Musika rühmt Martin Luther. Er nahm sie wie eine Gottesgabe auf, wo sie sein Ohr suchte. Und wie ein Dankopfer ließ er sie zu Gott wieder aufsteigen. Und als Jünger des Meisters suchen wir uns zu erweisen, die wir zu deutschem evangelischem Kirchengesang uns zusammengefunden haben.
Den Kirchengesang, wie ihn die ganze Gemeinde anstimmt, wollen wir pflegen. Darum haben wir in der Kirche den Tag begonnen und in der Kirche beschließen wir ihn. Der Kirchenchor, auch wenn er uns mit dem kunstvollsten Gesang erbaut, ist doch aus der Gemeinde hervorgewachsen und den Gesang der ganzen Gemeinde möcht' er heben. Gäbe es an unserem Feste Töne, die nicht aus der Kirche stammten, ich stände nicht hier, um wie im kirchlichen Gottesdienst Gottes Wort in die Versammlung zu rufen. Gehörte der Gesang, der angestimmt wird, einer Kunst an, die nur Kunst sein und der Kirche nicht dienen wollte, ich dürfte nicht wagen, der Dolmetscher eurer Gedanken zu werden. Denn keiner anderen Kunst im Reiche der Töne bin ich mächtig, als die Gott all seinem Volke verleiht, ich kann nichts anders, als mit euch allen das Ohr für die Klänge austun, die uns Gottes heilige Liebe verkündigen, mit euch allen meine Stimme zum Preis dieser Liebe erklingen lassen. Eins nur habe ich vor der Gemeinde voraus, dass ich ihr danken darf für den Gemeindegesang, mit dem sie den Prediger erbaut. Vor der Predigt sitzt der Geistliche in der Sakristei und seine Stimmung ist Freude mit Zittern. Die Botschaft ist so groß, die er auszurichten hat, die Verantwortung so schwer, die auf ihm lastet! Bald ist ihm, als sollt er mit den Seraphim das Heilig! Heilig! Heilig! singen. Bald möcht' er mit dem Propheten in die Knie sinken: Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen! Da schallt aus der Kirche der Gemeinde mächtiger Gesang: „Komm Heiliger Geist, Herre Gott“. Gestärkt tritt er vor den Altar. Durch den Glauben, den er mit der Gemeinde teilt, im Wechsel der Rede und des Gesanges getröstet, kehrt er in die Sakristei zurück, um zum andern Male die kräftigen Wellen des Chorals an sein Ohr schlagen zu lassen. Unter solchem Geistesrauschen betritt er die Kanzel, um den Gruß der Gottesgnade in Christo durch des Heiligen Geistes Gemeinschaft auszurichten. wundersamer Geistesverkehr zwischen dem predigenden Geistlichen und der singenden Gemeinde! Ich hab' ihn tausendmal mit Segen gespürt, und preise aus vollem Herzen den evangelischen Kirchengesang.
Hier in Nürnberg zum ersten Mal! Oft zwar bin ich mit meinem Geiste in eurer lieben Stadt gewesen. Wie oft hab' ich mich der Gemeinschaft gefreut, die eure Väter mit den Gottesmännern in Wittenberg gehabt der Aufnahme, welche die Reformation in eurer mächtigen Reichsstadt gefunden; der Mitarbeit, welche den Reformatoren hier die Geistlichen und Ratsherrn, die Meisterkunst Dürers und der Meistergesang eures Sachs gewährt. Wie oft hab' ich die Nürnberger Lieder gesungen, die in hellem Tone selbst aus der Zeit der Entartung klingen, Birkens: Lasst uns mit Jesu ziehen; Desslers: Ich lass dich nicht, du Hilf in allen Nöten! Und als in unserem Jahrhundert Wort und Weise des evangelischen Chorals wieder erwachten, da hört auch ich als wohlverdiente Namen euren Winer und Löhe, euren von Tucher und Layritz und Andere nennen. Und der Kirchengesangverein, ein Wandersänger, hat Recht getan, nicht bei den Schwaben und Alemannen, bei den Rheinfranken und Thüringern stehen zu bleiben, sondern auch euch zu besuchen, euch eine Gabe zu bringen, von euch eine Gabe zu erbitten. Und mit ganzer Freude, dieser lieben Stadt Gast, dieses schönen Festes Genosse zu sein, ruf' ich: Kommet zu Hauf! Psalter und Harfe wacht auf! Lasst mich die alte Mahnung vor euch erneuen:
Singt dem Herrn ein neues Lied!
1. Die heimgegangenen Väter rufen euch zum Gesang.
2. Der Herr ist auch heute bei seiner Kirche.
3. Rüstet euch für das große Halleluja der Ewigkeit.
O wär' ich da! ach stünd' ich schon,
O süßer Gott, vor deinem Thron
Und trüge meine Palmen!
So wollt' ich nach der Engel Weis'
Erhöhen deines Namens Preis
Mit tausend schönen Psalmen!
Amen.
I.
Singt dem Herrn ein neues Lied. Die heimgegangenen Väter rufen euch auf zum Gesang. Sie konnten nicht lassen zu singen und zu sagen, was sie gesehen und gehört hatten. Gott hatte sich ihnen genaht und offenbart, so traten sie vor sein Angesicht und schütteten sein Herz vor ihm aus. Er tat Wunder an Seinem Volk, darum sangen sie. Er tat immer neue Wunder, darum hatten sie immer ein neues Lied. Sie fühlten und fanden Ihn in den Werken der Schöpfung, sie sahen im Licht sein Kleid, im Segen der Erde seine Fußstapfen, sie hörten seine Stimme im Rauschen des Waldes und im Brausen des Meeres, sie spürten seinen Odem in Windeswehen und in der Herzensbewegung und sie sangen: Lobe den Herrn meine Seele. Herr mein Gott, du bist sehr herrlich. Er baute ihnen Jerusalem. Aus Zion brach an der schöne Glanz Gottes, und sie sangen: sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen, herrliche Dinge werden in dir gepredigt, du Stadt Gottes. - Er gab sie um ihres Abfalls willen in der Heiden Hände, und wenn sie zu Ihm schrien, schlug Er mit starker Hand die Feinde und sie sangen: Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und mein Heil! Die Rechte des Herrn ist erhöht, die Rechte des Herrn behält den Sieg.
Er verhieß ihnen durch den Mund der Propheten für die Zeit, wenn er in voller Offenbarung kommen würde, herrlichere Dinge, als sie je zuvor gesehen und sie sangen: Himmel freue dich und Erde sei fröhlich; das Meer brause und was darinnen ist; das Feld sei fröhlich und alles was darauf ist, und lasst rühmen alle Bäume im Walde, vor dem Herrn, denn er kommt, zu richten das Erdreich.
Und der Herr, der Gott Israels, kam nicht zu richten, sondern zu retten, nicht im Sturm, Erdbeben und Feuer, sondern im sanftem Säuseln seiner Liebe. Er kam in Seinem eingeborenen lieben Sohn, freundselig und leutselig. Ein neues Lied ward gesungen. Psalmenton aus der Gläubigen Munde leitete vom alten zum neuen Bunde hinüber. Maria sang: „Meine Seele erhebt den Herrn.“ Siemon lobte: „Herr, nun lässt du deinen Diener mit Frieden fahren.“ Das Lied der himmlischen Heerscharen erscholl über der Krippe: „Ehre sei Gott in der Höhe und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Lange verklungen, nur von wenigen im Herzen bewahrt wie wird das Lied in dem Herzen wieder wach unter dem Kreuz, über dem Grab, im Angesicht des offenen Himmels, von dannen der Herr kam, dahin Er zurückfuhr, von dannen wir Ihn erwarten, dahin wir Ihm Nachfahrt halten. Er war der schönste unter den Menschenkindern, wie sollt' Er nicht gepriesen werden? Er bezwang die Herzen der Menschen, wie sollten sie Ihm nicht im Herzenstone singen? Er hob sie auf Glaubensschwingen empor, wie sollten sie nicht im höchsten Ton Ihm jauchzen? Die alte Welt sang Ihm in der alten Sprache, und doch mit neuen Zungen ein neues Lied.
Und in neuer Sprache mit neuen Zungen erklang das neue Lied, da der Herr ins deutsche Land kam. Da saß ein Volk mit reichem Gemüt - o wie wird es aus deutschem Gemüte klingen und singen, wenn es erst durch das Evangelium für die ewige Liebe erschlossen wird! Das Volk brannte für die Freiheit - wie wird es durch Christum von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes rühmen! Treu war das Volk seinen Führern, wie wird es den Herzog der Seligkeit preisen! Des Volkes Art war, über das Vergängliche ahnungsvoll sich zu erheben und hinter dem Weltuntergang eine neue Welt zu erwarten - wie wird es von der schönen Sommerzeit des lieben jüngsten Tages Heimwehlieder und Jubelgesänge anstimmen! Es war ein herrlicher Anfang christlichen Gottesgesangs im deutschen Lande, als die Sachsen vor mehr als tausend Jahren den Heiland priesen in der Weise, wie sonst ihre Helden das Friedekind Gottes, der Könige Mächtigsten. Rom hat gehindert, dass der erweckte Quell deutschen Lieds zum vollen Strom anschwoll und das Land durchrauschte. Fremde Sprache ward dem Gottesdienst aufgezwungen und die Gemeinde schwieg, wenn die Chöre Unverständliches sangen. Für sie war in der Kirche Kyrie und Halleluja alles. Sie haben sich doch den Mund nicht stopfen lassen. Als in der kaiserlosen, der schrecklichen Zeit euer Landsmann, Berthold von Regensburg, predigend die deutschen Gauen durchzog, da hat er einmal als Sterbetrost einen heilsamen Sang empfohlen, der hieß: nu bitten wir den heiligen geist um den rechten glouben allermeist, daz er uns behüte an unserem ende, so wir heim suln farn uz diesem ellende. Mit solchem und anderem deutschchristlichem Gesang hat sich die Gemeinde, Rom zum Trotze, getröstet. Und alle die Bächlein solchen Gesangs mündeten zuletzt im Strom des reformatorischen Liedes.
Luther kam. „Singt dem Herrn ein neues Lied, so rief er seinen Deutschen zu, singt dem Herrn alle Welt, denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubt, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzu kommen. Wer aber nicht davon singen und sagen will, das ist ein Zeichen, dass er's nicht glaubt und nicht ins neue fröhliche Testament, sondern unter das alte faule unlustige Testament gehört.“
Es ist gefragt worden: gibt es eine evangelische Kirchenmusik, und ich gebe die Frage zurück: gibt es einen evangelischen Choral? Dass es einen solchen gibt wahrlich, wir haben es heute wieder bis in den tiefsten Grund unserer Seele empfunden. In fünf Zügen tritt mir sein Bild vor die Seele. Zuerst: er ist das gesungene Wort Gottes, nicht menschliche Lehre, wie fein sie erdacht, nicht menschliche Sage, wie lieblich sie anzuhören sein möchte. Das Wort sie sollen lassen stahn. Zum anderen: wie des Gotteswortes so ist des evangelischen Chorals Herrlichkeit die Sonne: Jesus Christus, nicht die Wolke der Heiligen. Such' wer da will, ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden, mein Herz allein bedacht soll sein, auf Christum sich zu gründen. Zum dritten singt der evangelische Choral aus dem Glauben, nicht aus einem äußerlichen Gehorsam, einem weichen Gefühle, einer zügellosen Phantasie, und der Ton des Glaubens lautet: „Herr, mein Hort, Brunn aller Freuden, du bist mein, ich bin Dein, Niemand soll uns scheiden.“ -
Zum vierten: weil es keine edlere Mannhaftigkeit gibt, als die des in Christo freien Christenmenschen, die wie Luther Kindlichkeit und Heldenmut vereinigt, darum hat der evangelische Choral mannhaften Ton: „Löwen, lasst euch wiederfinden, wie im ersten Christentum, die nichts konnte überwinden, seht nur an ihr Martertum!“ - Und endlich: aus Gottes Wort von Christi Herrlichkeit singt der mannhafte Glaube volksmäßig er wagt sich in die Kirche herein und die ganze Christenheit stimmt ihn an einmütig und einhellig, Prediger und Gemeinde, Mann und Weib, Herr und Knecht, Jung und Alt, die ganze Schar des Christenvolks. Luther hat gesungen: Ein neues Lied wir heben an das walt Gott unser Herre! Und Gott hat gewaltet. Und von Luthers Tagen bis heute hat das neue Lied immer neue Töne angenommen - wie könnt ich sie jetzt alle anklingen lassen? Summa: die Väter haben reichlich gesungen und sie rufen uns zu: Singt dem Herrn ein neues Lied!
Freuet euch, ihr Christen alle,
Freue sich wer immer kann!
Gott hat viel an uns getan!
Freuet euch mit lautem Schalle,
Dass er uns so wert geacht,
Sich mit uns befreund‘t gemacht!
Freude, Freude über Freude,
Christus wehret allem Leide,
Wonne, Wonne über Wonne,
Christus ist die Gnadensonne.
II.
Singt dem Herrn ein neues Lied. Er ist auch heute bei Seiner lieben Kirche. Der Herr tut noch immer Wunder. Vor langen Jahren schrieb mir Karl von Raumer, ein deutscher, evangelischer Mann, guten Gedächtnisses bei euch Christenleuten in Bayern, großen Verdienstes auch um den evangelischen Kirchengesang: im Jahre 1786 habe ein Mann christusloser Aufklärung gesagt: „Man dürfe jetzt nur nicht nachlassen, und in zwanzig Jahren werde der Name Jesus im religiösen Sinne nicht mehr genannt werden.“ Das war also eine Weissagung vom Ende der Herrschaft, die der Herr über die Herzen hat und damit eine Weissagung auch vom Ende des Gesanges, der Christum preist. Und doch hat in jener Zeit Matthias Claudius bezeugt: „Wer nicht an Christus glauben will, der mag sehen, wie er ohne ihn raten kann. Ich und du, wir können das nicht, wir brauchen Jemand, der uns hebe und halte, weil wir leben, und uns die Hand unter den Kopf lege, wenn wir sterben sollen und das kann Er überschwänglich!“ Und an der Wende des Jahrhunderts hat im innigsten Tone persönlicher Erfahrung von dem Wunder, das Christus an der Menschenseele tut, Novalis gesungen: „Wenn alle untreu werden, so bleib' ich Dir doch treu, dass Dankbarkeit auf Erden nicht ausgestorben sei.“ Und wie die zwanzig Jahre um waren, von denen der Berliner Aufklärer geweissagt hatte, da gerade sang im fernen Osten des Preußenlandes, aus des Volks Erniedrigung und Knechtschaft, Max von Schenkendorf, ein Lied zu dem Volksretter Jesu Christo: „Komm nieder aus der Jungfrau Schoß!“ Und als Er kam in Knechtschaft und Befreiung, da haben alle Sänger der Befreiungskriege Ihm die Ehre gegeben. Schenkendorf mit den wärmsten Tönen eines innigen Gemütes, Ernst Moritz Arndt mit den stärksten Tönen eines mannhaften Christenglaubens, auch Körner hatte zum Schwert nicht bloß die Leier, sondern auch die Harfe, und euer fränkischer Landsmann, der die Poesie in allen ihrer Zungen suchte und dem deutschen Volke nahe brachte, Friedrich Rückert, er hatte für den „König in niederen Hüllen“ den anbetenden Zuruf: „O mächt'ger Herrscher ohne Heere, gewalt'ger Kämpfer ohne Speere, o Friedensfürst von großer Macht, Es wollen Dir der Erde Herren, den Weg zu Deinem Throne sperren, doch Du gewinnst ihn ohne Schlacht!“
Seit der großen Erweckung unseres Volkes vor siebzig Jahren wie viel Erweckungen zum Christusglauben und Christuslied hat der Heilige Geist da und dort im deutschen Lande gewirkt! Da ward wahr: „Wenn die Reben wieder blüh'n, rühret sich der Wein im Fasse!“ Als der Glaube wieder erwachte, ward auch der Wein der Glaubenslieder wieder lebendig. Der Frühling war gekommen und die Turteltauben ließen ihre Stimme hören im Lande. Ich habe in Süd- und Norddeutschland das junge Liederleben gesehen und gehört. Ich bin von kleinen Dörfern mit Jung und Alt in den Wald gezogen am Sonntagnachmittag und an den Werktagen über Berg und Tal zu Missionsfesten. Auch in den größten Städten umfluteten uns die Wellen heiligen Gesangs. Ich habe auf dem Schiff in Hamburg die Hermannsburger singen hören, dass es durch den Hafen schallte, und in Berlin zogen wir aus dem Garten, wo die Missionsversammlung stattfand, singend bis auf die belebte Straße. Und auf unseren großen Kirchenversammlungen und auf unseren Lutherfesten wie schwang sich der deutsche evangelische Kirchengesang!
O liebe Christengemeinde, wir wollen uns auch heute gesagt sein lassen: „Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Schicket euch in die Zeit, denn es ist böse Zeit. Teuflischer Sinn ist aus dem Abgrund hervorgebrochen und richtet Hass und Mord an. Nach dem geschriebenen Worte fragt der Teufel nichts, sagt einmal Luther, wo es aber gepredigt wird, da fleucht er - und wo es gar gesungen wird, da bannt es den bösen Geist.
Trübsinn richtet Unheil an in der Christengemeinde. Der kalte Stolz meint, das Leben zahle seine Kosten nicht und hat nicht Lust zum Danke. Und doch mahnt unser Rückert: „Wenn du Gott wolltest Dank für jedes Glück erst sagen, da hättest gar nicht Zeit noch über Not zu klagen.“ Wir wünschen uns tausend Zungen, um ein Loblied nach dem anderen anzustimmen. - Leichtsinn singt und spielt, aber nicht dem Herrn, nicht aus gläubigem Herzen. Wir können's nicht lassen, aus dem alten Ton zu singen: „Es ist das Heil uns kommen her aus Gnad' und lauter Güte.“ „Allein Gott in der Höh' sei Ehr' und Dank für deine Gnade“. Der berauschte Sinn, der aus dem schäumenden Quell einer Natur ohne Gott getrunken, nicht in die Tiefe der ewigen Liebe sich versenkt hat, bringt uns eine rauschende Musik, welche selbst Religion sein will, eine Musik, die nicht den persönlichen Gott kennt und der die Liedespersönlichkeit fehlt, ich meine die Melodie, die klare, ausgestaltete, frisch daherschreitende, mächtig erfassende Melodie. Wir aber wissen, das Volk will nicht bloß schöne Töne, sondern kräftige Melodien und wir singen mit ihm die Choräle, die wie freudige, tapfere Christmänner daherziehen! Der Herr ist nun und nimmer nicht von seinem Volk geschieden. Er tut noch heute Wunder unter seiner Christenheit. Wer am eigenen Herzen von Seiner Wundergnade etwas erfahren hat, der singe dem Herrn ein neues Lied!
Sollt' ich meinem Gott nicht singen,
Sollt' ich Ihm nicht fröhlich sein,
Denn ich seh' in allen Dingen,
Wie so gut Er's mit mir mein',
Ist doch nichts als lauter Lieben,
Das Sein treues Herze regt,
Das ohn' Ende hebt und trägt,
Die in Seinem Dienst sich üben.
Alles Ding währt seine Zeit,
Gottes Lieb' in Ewigkeit.
III.
Singt dem Herrn ein neues Lied. Rüstet euch für das große Halleluja der Ewigkeit. Auch dieses wird endlich gesungen werden. Der Herr selbst, dem das immer neue Lied gilt, hat die Sehnsucht nach ihm in uns erweckt. Er ist aufgefahren, um wieder zu kommen. Wir haben sein Wort, damit wir es in alle Welt hinaustragen und dann das Ende komme. Wir haben sein Sakrament, seinen Tod zu verkündigen und aus seinem Tod Vergebung der Sünde, Leben und Seligkeit zu erhalten, bis dass Er kommt. Wir haben seinen Geist, damit Er unserem Geist Zeugnis der Kindschaft und Hoffnung der Erbschaft Gottes gebe. Je inniger du singst: Komm, Herr Jesu, desto gewisser wirst du: dein Freund kommt vom Himmel prächtig, von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig! Je weiter der Gruß der Gottesgnade unter die Völker dringt, desto näher rückt seine Verheißung: Siehe ich komme bald! Wenn erst die Völker der ganzen Welt in Mannigfaltigkeit der Zungen, aber in Einigkeit des Glaubens, den Gruß der Gnade mit ihrem Lob erwidern, dann kann der Herr nicht länger säumen. Er kommt, die singende Gemeinde heimzuholen zum großen Halleluja. Alle heilige Kunst, die wir hienieden pflegen, ist Weissagung der Weltverklärung. Der vollendetste Kirchenbau, in welchem der Stein selbst die Sehnsucht nach der oberen Welt zu empfinden scheint, weist nach dem Himmel. Die Farbenglut, die im Dienst der Heiligen steht, zeigt uns Bilder des Paradieses, das gewesen und das wieder kommen soll. Der heilige Gesang aber gibt der Seele Flügel, aus diesem bösen Leben, aus dieser Nichtigkeit, nach Jerusalem, der hochgebauten Stadt, sich zu schwingen.
Es gilt, dass wir uns durch heiligen Gesang zum großen Halleluja rüsten in Glaube, Liebe, Hoffnung. Das große Halleluja wird in der oberen Welt gesungen: von ihr sagt uns der Gaube, die gewisse Zuversicht des Gehofften, der Beweis des Unsichtbaren, das Innewerden des Wesens, das über die gegenwärtige Erscheinung hinaus geht. Ich habe, wenn ich in Bachs Passionen das Größte, das auf Erden geschehen ist, im vollendeten Gesang verkündigen hörte, meine Augen zugetan und nur das Ohr, das Gemüt, den inwendigen Menschen aufgeschlossen. Da war es mir, als säh' ich mit Geistesaugen eine Gemeinde von Geistern. Hatte nicht der Ton vom Sänger sich losgemacht, wie die Seele vom Leibe sich trennt? Hatte nicht der Ton, der frei sich erschwang, noch des Sängers Art, von dem er kam, gleichwie die Seele, vom Leibe gelöst, den Menschen in seinem Wesen, nur reiner darstellt? Hatten nicht alle Töne sich mit einander verbunden, gleichwie die Seelen der Gläubigen nur eine Gemeinde bilden sollen? War dies heilige Tongefüge, das von der Erde sich aufwärts hob, nicht ein wunderbar Gleichnis der oberen ewigen Welt? Das große Halleluja ist die reichste Harmonie und diese kommt durch die Liebe zu Stande. Liebe hat die Art, dass du dich hingibst und dafür den Andern empfängst, dass du, je völliger du dich gibst, desto reichere Gabe empfängst, dass in der Hingabe Eines für alle, aller für Einen das vollkommene Leben flutet. Dafür ist ein Gleichnis der heilige Gesang. Gibst du in ihm nicht grade an der Stelle, an die du gewiesen bist, in Liebe deine Stimme? Schädigst du die Harmonie nicht, wenn du im gemeinsamen Gesang dein Eigenes suchst? Wird nicht die Harmonie umso reicher und reiner, je treuer und bescheidener du im Zusammenklang der Töne das Deine gibst und tust? Hat nicht im harmonischen Gesang, wie im Leben der Liebe, der Einzelne vom Ganzen und das Ganze vom Einzelnen herrlichen Gewinn? - Das große Halleluja ist Erfüllung ihr muss auf Erden die Hoffnung vorausgehen. Hoffnung hat die Art, dass ihr die Worte, die wir hienieden haben, nicht genügen, das Unaussprechliche, des sie wartet, auszusagen. Aber wenn zum Worte der heilige Ton sich gesellt, dann wachsen ihr die Flügel zu fröhlicher Heimfahrt. Fromme Seelen lieben es, sich nicht bloß hinüber beten, sondern am liebsten sich hinübersingen zu lassen. Und nie und nirgends hat mir das Sterben leichter und seliger gedünkt, als wenn ich hinter dem Sarg herging und die Auferstehungsgesänge der Kirche weich und tröstlich sich um mein Herz schmiegten. Solches Singen in Glaube, Liebe, Hoffnung, welches des Glaubens Abbild, der Liebe Wirkung, der Hoffnung Flügel ist o wie übt es zum ewigen Halleluja!
Wir sind nun Gottes Kinder, aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, und jeder erwartet das ewige Heil in besonderer Gestalt und bringt zum großen Halleluja seinen besonderen Ton. Der Minister vom Stein, der Mann gottesfürchtiger Furchtlosigkeit und unerbittlicher Gerechtigkeit hoffte droben keinem Schurken zu begegnen. Melanchthon freute sich, der Streitsucht der Theologen zu entgehen. Nicolaus Hermann, der Kantor aus dem Joachimsthal, getröstete sich, dass es bei den Sängern im Himmel kein Fehlen und Verwirrung mehr geben werde, welches jetzt manchen guten Musikus unlustig mache, zumal wenn man oft müsse anheben. In welcher besonderen Weise dein Heil sich gestalten mag, die Hauptsache ist, dass du es erlangst. Welchen besonderen Ton du zum großen Halleluja bringen magst: Eins ist Not, dass du's mitsingen darfst. Bist du des Heils gewiss und bist du zum Gesang gerüstet? wird dir die goldene Harfe gereicht werden? liebe Brüder und Schwestern! Am festlichen Tag dem Herrn zu singen und zu spielen, ist das Schwerste vom Christentum nicht. Der Märtyrer, des Namen diese Kirche schmückt, hat Schwereres geleistet und ruft der Gemeinde seit den Tagen der alten Kirche des Herrn Wort zu: Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren und wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird es erhalten zum ewigen Leben (Joh. 12. 25). „Und so lang du dies nicht hast, dieses Stirb und werde! bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“ Gib den alten Menschen in Christi Tod, steh' als neuer Mensch mit Christo auf. Bitte um ein neues Herz. Lass dir vom Geist die Zunge erneuern. Dann ist's eine willkommene Mahnung: Singt dem Herrn ein neues Lied!
Rühmet ihr Menschen den hohen Namen
Des, der so große Wunder tut!
Alles, was Odem hat, rufe Amen
Und singe Lob mit frohem Mut!
Ihr Kinder Gottes lobt und preist,
Vater und Sohn und Heil'gen Geist!
Halleluja!
Amen.