Spurgeon, Charles Haddon - Die Bibel und die Zeitung - Perlen.
„Korallen und Perlen soll man nicht nennen; denn die Weisheit ist höher zu schätzen, als Rubinen.“ Hiob 28, 18 (engl. Üb.).
„Und da er Eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte dieselbe.“ Matth. 13, 46.
Der Pariser Korrespondent eines englischen Blattes schreibt: „Die Franzosen sind so geschickt im Nachmachen der Perlen, dass ein Juwelier in dieser Ausstellung ein Halsband zeigt, welches eine Mischung von echten und unechten Perlen sein soll und seine Kunden auffordert, die wirklichen herauszufinden, wenn sie können. Niemandem war es noch gelungen, als ich selber einen vergeblichen Versuch machte.“
Die Kunst des Perlenmachens ist keineswegs eine neue Entdeckung; schon viele Jahre sind Perlen auf verschiedene Weisen in manchen Ländern nachgemacht. Die Franzosen sind indes den Bestrebungen aller andern Völker darin überlegen. Proben ihrer künstlichen Erzeugnisse in der Ausstellung von 1867 konnten weder in ihrem Glanz noch in ihrer Farbe von orientalischen Perlen unterschieden werden, selbst wenn die echten und unechten nebeneinander gelegt wurden. Man sagt, es ist nur eine Art, sie zu unterscheiden, das ist ihr spezifisches Gewicht, sie sind viel leichter, als die wirklichen Perlen.
Es gibt „Eine köstliche Perle“, deren Echtheit nie in Frage gestellt werden kann; aber alle guten Perlen, welche diese Welt bieten kann, müssen gewogen werden, ehe wir sie für wertvoll halten können; in der Tat, die ausgesuchtesten Perlen der Erde sind unbedeutend an Wert, verglichen mit Ihm, der köstlicher ist, denn Rubinen, und von dem geschrieben steht, dass „Alles, was du wünschen magst, ihm nicht zu vergleichen ist.“ Selbst wirkliche Perlen, die besten unter ihnen, wert eines Kaisers Krone zu schmücken und die Schönheit der lieblichsten Jungfrau zu erhöhen, hat man in einem Tage erkranken und verschwinden sehen. Je zuweilen hören wir von prachtvollen Perlen, dem Stolze adliger Familien, die eine krankhafte Farbe annehmen und in Staub zerbröckeln. Vor nicht langer Zeit wandte sich der Kron-Juwelier von Frankreich an die Akademie der Wissenschaften um Mittel, das Hinschwinden und Zerfallen der kostbaren Kleinodien in der königlichen Krone zu verhindern. Keine befriedigende Antwort ward gegeben und viele hochgeschätzte Kleinodien sind seitdem dahin geschwunden. „Siehe, es ist alles eitel und Jammer.“
In einem Werke, betitelt: „Die Wunder der Tiefe“ erzählt uns Schele de Vere folgende Geschichte, bei welcher wir es dem Leser selbst überlassen wollen, die Moral daraus zu ziehen. „Ein schwarzbrauner Fischer in den weitentfernten Meeren Indiens fand einst eine Perle in einer Muschel. Er hatte von solchen köstlichen Kleinodien gehört und verkaufte sie an einen Araber für eine goldene Münze, welche ihn ein ganzes Jahr in Luxus und Müßiggang erhielt. Der Araber tauschte sie gegen Pulver und Schrot um, das ihm ein russischer Kaufmann an Bord eines Kauffahrteischiffes gab, der nicht einmal die schmutzige, staubbedeckte kleine Kugel als ein kostbares Kleinod erkannte. Er brachte sie als ein Geschenk für seine Kinder an den Ufern der Neva heim, wo ein anderer Kaufmann sie sah und um eine Kleinigkeit kaufte. Die Perle hatte endlich Einen gefunden, der ihren unschätzbaren Wert zu würdigen verstand. Der große Mann - denn es war ein Kaufmann ersten Ranges, der Besitzer eines großen Vermögens - freute sich über den stillen Betrug, durch den er die Eine köstliche Perle erhalten, ohne Alles zu verkaufen und ohne sie ehrlich zu er handeln, und hing an ihr als dem Stolz seines Herzens. Besucher kamen von allen Teilen der Welt, das Wunder zu sehen. Er empfing sie in seinem Kaufmannskostüm in einem Palast, der von außen einfach war, aber inwendig von Allem glänzte, was menschliche Kunst zu tun vermag, um eine Wohnung zu verschönern, und führte sie schweigend durch Zimmer auf Zimmer, die voll seltener Sammlungen waren und durch die Pracht ihrer Verzierungen blendeten. Endlich öffnete er mit einem besonderen Schlüssel die geschnitten Flügeltüren eines inneren Zimmers, das den Besucher durch seine anscheinende Einfachheit überraschte. Der Fußboden war allerdings mit Malachit und kostbarem Marmor ausgelegt, die Decke aus seltenem Holze geschnitzt und die Wände mit seidenen Tapeten überzogen; aber es war kein Mobiliar da, keine Vergoldung, nichts als ein runder Tisch von schwarzem, ägyptischen Marmor in der Mitte. Unter demselben stand eine starke Kiste von anscheinend sehr sinnreichem Mechanismus, denn sogar der vorsichtige Eigentümer hatte verschiedene Alphabete zu durchgehen, ehe er eine Öffnung erreichte, in welcher nur eine einfache viereckige Schachtel von russischem Leder stand. Mit einer an Ehrfurcht grenzenden Miene pflegte der glückliche Kaufmann diese Schachtel zu nehmen, sie einen Augenblick an seinen Busen zu drücken, dann sich andächtig zu bekreuzen, die Anrufung irgendeines Heiligen herzumurmeln und darauf einen kleinen goldenen Schlüssel, den er bei sich trug, aus seinem Busen zu nehmen, das Kästchen auszuschließen und seinen kostbaren Liebling gegen das Licht empor zu halten, das von oben aus einem großen Gitterfenster herabfiel.
„Es war ein herrlicher Anblick für den Liebhaber solcher Dinge. Eine Perle, so groß wie ein Ei, von unvergleichlicher Schönheit und wundervollem Glanze. Die Rundung war vollkommen, dem Farbenspiel, wenn er sie widerstrebend aus seiner Hand über seine langen weißen Finger auf den dunkeln Tisch rollen ließ, kam nur der flammende Opal gleich, und doch war ein sanftes, gemildertes Licht an dem leblosen Dinge, das ihm einen fast unwiderstehlichen Reiz gab. Es war nicht nur das Vergnügen, welches die vollkommene Form und unvergleichliche Schönheit dem Auge gaben, noch der überwältigende Gedanke, dass die kleine Kugel Alles wert sei, was ein Kaiser oder Millionär dafür geben könnte es war ein Zauber in dem immer wechselnden Glanz, wenn sie hin- und herrollte war etwas Ansteckendes in der entzückten Inbrunst, mit welcher der grimme alte Kaufmann jeden Glimmer und Strahl derselben beobachtete, was wenige Herzen kalt ließ, wenn sie das Wunder von St. Petersburg sahen. Denn ein solches war es, und der Kaiser selber, der Perlen sehr liebte, hatte vergeblich Rang und Titel und Ehren für das unschätzbare Kleinod geboten.
„Wenige Jahre später ward eine Verschwörung entdeckt, und verschiedene hohe Personen wurden verhaftet. Unter den Verdächtigen war der Kaufmann. Er nahm seinen Einen großen Schatz mit sich und floh nach Paris. Juweliere und Liebhaber, Franzosen und Ausländer drängten sich um ihn, denn der Ruhm seines Kleinods hatte längst Frankreich erreicht. Er weigerte sich eine Zeitlang, es zu zeigen. Endlich bestimmte er einen Tag, wo sein großer Nebenbuhler in Perlen, ein berühmter holländischer Bankier, der Herzog von Braunschweig und Andere, die als Liebhaber von Edelsteinen bekannt waren, das Wunder sehen sollten. Er zog den goldenen Schlüssel heraus, er öffnete das Kästchen; aber sein Gesicht wurde totenbleich, seine Augen traten aus den Augenhöhlen, seine ganze Gestalt begann zu zittern und seine gelähmte Hand ließ das Kästchen fallen. Die Perle war entfärbt! Ein krankhaftes Blau hatte sich über sie gelegt und ihren unvergleichlichen Glanz getrübt. Sein Kleinod war krank. In kurzer Zeit war es in weißes Pulver verwandelt, und der reiche Kaufmann von St. Petersburg, der Besitzer der schönsten Perle, welche die Welt kannte, war ein armer Mann!“ Die Perle hatte den armen Inder des Orients, den Araber und den armen Reisenden gerächt und schweigende Gerechtigkeit an dem Käufer geübt, der ihren Preis nicht zahlte.