Bard, Paul - Siehe, ich komme bald!

Bard, Paul - Siehe, ich komme bald!

Am 2. Adventssonntage.

Hosianna dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt!

Amen!

Lukas 21, 25-36:

Und es werden Zeichen geschehen an der Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Leuten bange sein und werden zagen, und das Meer und die Wasserwogen werden brausen. Und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die kommen sollen auf Erden, denn auch der Himmel Kräfte sich bewegen werden. Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in der Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, so seht auf und hebt eure Häupter auf, darum, dass sich eure Erlösung naht. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht an den Feigenbaum und alle Bäume. Wenn sie jetzt ausschlagen, so seht ihrs an ihnen, und merkt, dass jetzt der Sommer nahe ist. Also auch ihr, wenn ihr dies alles seht angehen, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis dass es alles geschehe. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht. Aber hütet euch, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit Sorgen der Nahrung, und komme dieser Tag schnell über euch; denn wie ein Fallstrick wird er kommen über alle, die auf Erden wohnen. So seid nun wacker allezeit, und betet, dass ihr würdig werden mögt, zu entfliehen diesem allen, das geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn.

Sieht das aus wie ein Evangelium, Geliebte? wie 'ne Freudenbotschaft? klingts nicht wie 'ne Schreckenskunde? wie das dumpfe Grollen eines anrückenden Wetters, welches Tod und Verderben birgt und den Weltenbau in Trümmer schlagen soll? Verstehen wir's nicht, wenn „auf Erden den Leuten bange wird und werden zagen“? wenn „die Menschen verschmachten werden vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen sollen“? wenn „heulen werden alle Geschlechter der Erde“?

Doch aber ists Evangelium, fröhliche Kunde! Nicht dem großen Haufen. Ihm nur rollender Donner des Gerichts. Aber der Gemeinde Jesu Christi; dem inmitten der „bangen, zagenden, verschmachtenden, heulenden Geschlechter der Erde“ in „großer Trübsal“ schier zu Tode gehetzten Volke Gottes - dem ists Evangelium! Ihm sind die weltauflösenden Zeichen das Signal der nahenden Erlösung; ihnen fliegt beim Erlöschen des Sonnenlichts ein heller Strahl der Freude über die blassen Angesichter; aufatmend heben sie beim ersten Zusammenzucken der Welt ihre gesenkten Häupter auf und grüßen beim Aufleuchten Seiner Erscheinung den durch Jahrhunderte erwarteten, ersehnten, gerufenen, endlich, endlich kommenden König mit brausendem Jubel und stürzenden Tränen der Freude.

Du auch, liebes Menschenkind? Atmet dies Gotteswort Dir Frühlingsduft oder Grabesluft? Fröhlich oder bange, jubelnd oder heulend - wie wartest du Seiner? Ist dir's Ernst mit dem täglichen Gebet deiner Lippen: „dein Reich komme!“, mit welchem du den Sohn Gottes vom Himmel rufst? Möchtest du, wünscht du, dass es Erhörung finde? Dass, je eher, je lieber, wenn's anginge, noch heute, noch in dieser Stunde die Sonne den Schein verlöre, der Mond blutrot am Himmel stände, die Sterne ihren Bahnen entfielen, das heulende Meer seine zornigen Wellen über die zuckende Erde gösse und durch das grause Dunkel der bängsten aller Nächte der blendende Glanz des erscheinenden Sohnes Gottes zuckte? Möchtest du's, oder erstirbt dir bei dem Gedanken der Erhörung die Bitte auf bebenden Lippen?

Gib dir selber Antwort! Aber gib dir auch Antwort! Sie ist eine Probe auf deinen Christenstand. Aber, wie immer sie lauten mag, in der einen Empfindung, sollte ich meinen, müssten wir zusammentreffen, in der Freude, in dem Dank gegen Gott, dass wir noch einmal den zweiten Advent erleben, noch einmal die Botschaft Seines Kommens hören, ehe Er kommt; und in dem Entschlusse, sie heute zu hören, als hörten wir sie zum letzten Mal - wer weiß, ob's nicht das letzte Mal ist! die mächtige, welterschütternde, gleich selige und furchtbare Kunde:

Er kommt, damit wir mit Ernst uns rüsten, dass wir würdig werden, zu stehen vor des Menschen Sohn!

Aber kommt Er denn wirklich, Geliebte? Dürfen wir mit Sehnsucht hoffen, oder müssen wir mit der Möglichkeit der Enttäuschung rechnen, wenn wir auf ihn warten?

Wirfst du die Frage in den Kreis der Kinder dieser Welt - sie sehen dich groß an, als ob du irre redest. Sie lachen! Geliebte, mir graut bei dem Lachen. Auch wenn sie recht hätten mit ihrer Leugnung, auch wenn Er nicht käme: mir graut bei dem Lachen! Dir nicht? Siehst du denn nicht, dass, wenn Er nicht käme, wenn wir vergeblich Seiner warteten, der ganze Bau unserer Christenhoffnung zusammenbräche, die Burg unsers Christenglaubens in Trümmer stürzte? dass, wenn wir Seiner nicht warten dürften, wir auch Jerusalems nicht warten dürften, der hochgebauten Stadt mit den goldenen Gassen? auch der Palmen, Kronen und weißen Kleider nicht, des Brautschmucks Seiner Gemeinde? auch der ewigen Ruhe der Heiligen nicht, des Ziels der glühenden Sehnsucht jedes pochenden Herzens? auch der Gemeinschaft mit all den Teuren nicht, um deren Hingang nur die Hoffnung uns tröstete? dass dann Sünde und Tod unüberwundene, triumphierende Mächte, und Verwesung und Grauen der Ausgang der Geschichte wären? dass wir dann fälschlich vertrauten, Er sitze zur Rechten Gottes und führe das Steuer des Weltschiffs in allmächtiger Hand? fälschlich, Er sei bei uns alle Tage bis an der Welt Ende? fälschlich, Er sei von den Toten erstanden und ins Fleisch gekommen? und dass mit dem Zusammenbruch der Christenhoffnung, mit der Zertrümmerung des Christenglaubens aller Freude, allem Trost, aller Hoffnung, aller Wahrheit ein großes, weites gähnendes Grab gegraben wäre, an welchem wir, nicht lachend, aber weinend, heulend, händeringend, unsre Geburt verwünschend, der entsetzlichen Stunde warteten, da das von der Laune eines herzlosen Zufalls getriebene Räderwerk der Weltmaschine uns zu ewiger Vernichtung zermalmte? Ist das zum Lachen?!

Aber auch wenn Er kommt, wie wahnsinnig grausig klingt das Lachen! Zwar, gelacht haben sie immer, wenn Gott mit dem Wetter des Gerichts drohte. Aber immer hat das Lachen in den gellenden Schrei der Verzweiflung sich gewandelt. Gelacht haben sie auch, als Noah seine Arche zimmerte, bis die wilden Wasser kamen und sie verschlangen. Gelacht haben sie, als der Ruf Gottes erging: „hinaus aus Sodom!“, bis das Feuer sie fraß. Gelacht haben sie, als des Herrn Tränen das Wetter des Gerichts über die mörderische Stadt zusammenzogen, bis Jerusalem in Asche sank, und Israel durch die Völkerwelt auf seinen Kainsweg gejagt ward. So lachen sie heute Seiner Versicherung: „ich komme“, bis Er kommt und das Lachen zum kreischenden Ruf des Entsetzens wird: „ihr Berge fallt über uns und deckt uns vor dem Zorn des Lammes!“

Also kommt Er wirklich? Dürfen wir ohne Zagen vertrauen, dass Er kommt?

Gott sei gepriesen! Gott sei gepriesen! wir dürfens. Nicht möglich nur, nicht wahrscheinlich nur, unerschütterlich gewiss ist es: Er kommt.

Worauf gründet unsre Gewissheit Seines Kommens?

Auf dem Felsen Seiner Versicherung: ich komme. Ich komme - so versichert Er. Nicht einmal nur; Er wird nicht müde, es zu versichern: ich komme! Auf Seiner Zusage steht, wie auf einem ragenden Fels mitten in den brandenden Wogen der Leugnung und dem wilden Sturmgeheul der Lästerung, das fröhlich flatternde Banner unserer Christenhoffnung. Er sagt es, darum kommt Er.

Hast du kein Herz, auf Seine Zusage deine Zuversicht zu bauen? Glaubst du's Ihm nicht, wenn Er versichert: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht?“ Ihm nicht, vor dessen Frage: „wer von euch kann mich einer Sünde zeihen?“ die Welt verstummt? Ihm nicht, in dessen Munde kein Betrug erfunden ist? Ihm nicht, dessen Worte ausnahmslos und buchstäblich sich erfüllten bis heute? Muss ich erst die Geschichte zur Zeugin Seiner Wahrhaftigkeit aufrufen? Dich erinnern etwa des gewaltigen Worts, mit welchem Er dem Verlauf der Geschichte das Programm vorzeichnet: „es wird gepredigt werden das Evangelium in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker und dann wird das Ende kommen“? des Worts, in welchem die Tatsache der Erfüllung seines ersten Stücks, der durch 18 Jahrhunderte und bis heute vor unseren Augen trotz Allem, trotz Feuer und Schwert, trotz Gewalt und List, trotz Lüge und Lästerung unaufhaltsam sich vollziehende Siegeslauf des Evangeliums die Erfüllung des zweiten Stücks, welches durch die Klammer: „und dann“ unlöslich an jenes erste gebunden ist, greifbar verbürgt?

Freilich, unerschütterlich gewiss der Verlässlichkeit Seines Wortes wirst du erst, wenn du Seine Macht nicht an Andern nur, nicht an der Welt nur, an dir selber erfährst. Zwar den eigenen Zauber Seines Wortes wer von euch hätte den nicht schon, auch fast wider seinen Willen, erfahren! Wem hätte nicht dieses oder jenes Gotteswort, das Zeugnis dieser oder jener Gottestat, etwa der von Bethlehem oder Golgatha oder Gethsemane das Herz im Busen mächtig bewegt, gerührt, erschüttert!

Aber erst, wenn Sein Wort wie ein Hammer dein felsiges Herz zerschlug, dass die Frage heraussprang: was soll ich tun, dass ich selig werde?, wenn's dein sicheres Herz dir schwer machte unter der Riesenlast deiner Schuld zum Schrei aus der Tiefe: Gott sei mir Sünder gnädig!, wenn's dein zerschlagenes Herz dir wieder leicht machte zum Jubeln: „auch mich hat Er angenommen!“; wenn's dein böses Herz willig machte zu Seinem Dienst, dein trotziges stille im Leid, dein banges fröhlich in Hoffnung Seines Rufes - wenn es so ausrichtete, was sonst keinem Wort, keiner Macht der Welt gelang, dich traurig, fröhlich, stark, geduldig, voll Sehnsucht nach der jenseitigen Heimat machte, dann weißt du es und wenn die ganze Welt widerspräche, dass dies Wort nicht der Zeit und Welt, sondern der Ewigkeit entstammt, dass deshalb, wenn auch Himmel und Erde vergehen, dies Wort nicht vergehen wird, dass, wenn alles Fleisch wie Heu verdorrt und des Fleisches Herrlichkeit wie des Grases Blume welkt, das Wort Gottes in Ewigkeit bleibt und dass es wohl getan ist, „auf dies feste Wort“ zu achten als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Morgenstern aufgeht und der Tag anbricht. Dann weißt du, dass wenn Er sagt: ich komme, Er gewisslich kommt. Darum auf dem Felsen Seiner Zusage: ich komme, steht unsre Gewissheit: Er kommt!

Und findet Seine Versicherung nicht ihre Bestätigung in dem gliedlichen Zusammenhang Seiner Wiederkunft mit einer Kette geschichtlicher Tatsachen der Vergangenheit und Gegenwart?

Wohl. Wenn Er nicht käme, so würde kund, dass wir auch an den Auferstandenen, an den Fleischgewordenen, an den Erhöhten irrtümlich glaubten. Aber gleich zwingend ist der umgekehrte Schluss: weil Er von den Toten erstand, darum wird Er mit Sicherheit kommen. Die vergangene Tatsache Seiner Auferstehung verbürgt die zukünftige Seiner Wiederkunft. Gerade die Tatsache der Auferstehung nenne ich, weil keine wie sie die Probe der Kritik besteht. Sie spottet jedes Versuchs der Verdächtigung. Die Wolke klassischer Augen- und Ohrenzeugen, welche sie berichten, der Verlauf der Geschichte der Kirche und Welt seit jenen Tagen, welcher sie als unerlässliche Voraussetzung fordert, sichern ihr unter allen Umständen unantastbare Geschichtlichkeit. Nur böser Wille oder Mangel an geschichtlichem Urteil kann sie leugnen. Ist sie aber eine geschichtliche Tatsache, so verbürgt sie gleich gewiss wie rückwärts Seine Menschwerdung, so vorwärts Seine Wiederkunft. Weil Er von den Toten erstand, weil Er seitdem der Welt mächtig ist und die Zügel ihres Regiments in Seinen Händen hält, so muss Er kommen in des Himmels Wolken, um auf den Trümmern dieser Welt der Sünde und des Todes Sein Reich der Gerechtigkeit und des Lebens zu vollenden. Seine Auferstehung, Sein Weltregiment sind die unfehlbare Bürgschaft Seiner Wiederkunft. So findet Seine Versicherung: ich komme, ihre Bestätigung in dem gliedlichen Zusammenhange Seiner Wiederkunft mit notorisch geschichtlichen Tatsachen der Vergangenheit und Gegenwart.

Aber auch in dem die Geschichte stetig durchzuckenden Wetterleuchten Seines schließlichen Kommens. Wohl. Sein schließliches Kommen steht noch aus. Wir warten seiner. Aber wetterleuchtend schon durchzuckt es die Geschichte. Wenn auch die Weltgeschichte nicht das Weltgericht ist, sie wird doch durchzuckt vom Wetterleuchten Seines Kommens. So hat Er selbst es in Aussicht gestellt. Er redet nicht bloß von einem einmaligen schließlichen, auch von einem wiederholten vorläufigen Kommen zum Gericht. Ihr kennt Sein Wort vor Caiphas: „von nun an werdet ihr sehen des Menschen Sohn kommen in des Himmels Wolken“ und in unserem Gotteswort stellt Er schon Seinen Zeitgenossen die Erlebung Seines richtenden Kommens in Aussicht: „dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis dass es Alles geschehe.“ Als Jerusalem in Asche sank und Israel auf die vielhundertjährige Wanderung musste, auf der es bis zur Stunde begriffen ist, - war's nicht ein wetterleuchtendes Zucken Seines schließlichen Kommens? Und wenn etwa im 4., 5. Jahrhundert die mächtigen Völkerströme aus dem Herzen Asiens sich nach dem Westen ergossen, und die Völkerwelt unseres Erdteils in flutende Bewegung setzten, um den Koloss des Römerreichs, welches in zweihundertjährigem Würgen an der Gemeinde Jesu Christi eine furchtbare Blutschuld auf sich geladen hatte, zu zertrümmern; wenn im 7. und 8. Jahrhundert die sengende Glut des Islam weite Strecken der lau gewordenen, verweltlichten Christenheit verwüstete und an die Stelle des Kreuzes den Halbmond setzte; wenn stetig dem Abfall der Völker vom Evangelium der sittliche, soziale, politische Verfall auf dem Fuße folgte erkennst du in diesem geschichtlichen Walten nicht den Donnergang Seiner Füße, das Vorzucken Seines schließlichen richtenden Kommens? Und wenn in unseren Tagen die Völker in fieberhaftem Wetteifer ihre Schwerter wetzen zum fürchterlichsten aller Kriege, der die Welt in Flammen setzen wird, wenn daneben die in Hass und Zorn geballten Fäuste glaubenslos gemachter Massen gegen die Pforten der überkommenen gesellschaftlichen Ordnung donnern und unser Geschlecht mit einem Meer voll Blut und Tränen und mit einem Stande der Dinge bedrohen, welchen sie freilich als das leuchtende Morgenrot einer goldenen Zeit preisen, welcher aber eine Höhe der Gottlosigkeit und Bestialität offenbaren wird, der die Menschenwelt zum Aas macht, welches die Adler des Gerichts herunterzieht - haben wir nicht Alle die Empfindung, dass die durch eine aus den Fugen gegangene, trunken gewordene Menschenwelt erschöpfte Geduld Gottes dem zerschmetternden Schlage Seines richtenden Armes zu weichen sich anschickt? - So durchzuckt das Wetterleuchten Seines schließlichen Kommens den Gang der Geschichte und wird eine Bürgschaft der Erfüllung Seiner Versicherung: ich komme.

Also gewiss ist es: Er kommt. Gewiss, denn Er sagt es: ich komme; gewiss auch, weil Sein schließliches Kommen nur das letzte Glied einer Kette von Tatsachen der Vergangenheit und Gegenwart ist; gewiss, weil Sein schließliches Kommen die Geschichte stetig wetterleuchtend durchzuckt. Fürchtest du, Er komme nicht - die Furcht ist vergeblich: Er kommt. Hoffst du, Er möge nicht kommen - die Hoffnung ist eitel: Er kommt. Du verrechnest dich in jedem Fall, wenn du mit der Tatsache nicht rechnest: Er kommt.

Aber wann kommt Er? Zwar „Zeit und Stunde Seines Kommens zu wissen, gebührt uns nicht!“ Er wird nicht müde, uns zu versichern, Er werde unerwartet kommen. Wie „ein Dieb in der Nacht, wie ein Fallstrick, wie ein Blitz“, also ungeahnt wird Er kommen. Die Sonne wird aufgehen wie sonst, die Menschen werden aufstehen wie sonst, sie werden an ihre Arbeit gehen wie sonst, sie werden lachen und weinen wie sonst - plötzlich wird Er kommen. Es ist gleich vermessen und vergeblich, Jahr und Datum Seines Kommens berechnen zu wollen. Aber gewiss ist, dass Er in der Kürze kommen kann. Zwar, Er hat Sein Kommen an die Erfüllung einer Reihe von Bedingungen geknüpft. Das Evangelium soll erst gepredigt werden in der ganzen Welt, der große Abfall der Christenheit soll sich erst vollziehen, die Gottlosigkeit der Welt soll erst ihre höchste Höhe in dem Erstehen des „Widerchrist“, der sich zu Gott macht, der Glaube der Gemeinde Jesu Christi durch eine Trübsal ohne Gleichen die höchste Blüte der Bewährung erreicht haben - ehe Er kommt. Aber wer kann verkennen, dass die Entwickelung der Dinge bis zu diesem Ende sich sehr schnell vollziehen kann? Können wirs nicht mit Händen greifen, dass das Material zur schließlichen Gestaltung der Welt nach allen Seiten bereit liegt? dass die Boten Jesu Christi an den Grenzen nahezu aller Heidenvölker stehen? dass die Spannung der weltbewegenden Gegensätze des Glaubens und Unglaubens an Schärfe und Umfang Tag für Tag sich steigert? dass wie die Gottlosigkeit der Einen, der Ernst der Andern stetig wächst? Wohl. Wir kennen das Tempo nicht, welches Gott dem Laufe der Dinge geben will. Aber undenkbar scheint mirs nicht, dass, ähnlich wie etwa dem Blutmeer und Trümmerhaufen des französischen Umsturzes am Ausgang des vorigen Jahrhunderts die dämonische Gestalt des korsischen Emporkömmlings entstieg mit dem Herzen von Eis und der Stirn von Erz, um zuerst seinem eigenen wild gewordenen Volke, dann Fürsten und Völkern seinen zermalmenden Fuß auf den Nacken zu setzen und seinen Willen zum Gesetz der europäischen Welt zu machen, auch aus dem drohenden sozialistischen Umsturz der Altäre und Throne, der christlichen Gesittung und gesellschaftlichen Ordnung das geweissagte „Tier aus dem Abgrund“, der „Mensch der Sünde“, der Gewaltige des Endes ersteht, um die führerlosen Völker zu dem Reiche zu gestalten, in welchem bei völliger Freigebung des Fleischesdienstes Seine gottesdienstliche Verehrung die einzige Tugend, das Bekenntnis zu Jesu Christo das einzige Verbrechen ist. Aber wie lange immer bis dahin sein mag, bald kommt der Herr in jedem Fall. Bald nicht bloß deshalb, weil jede Generation, wenn auch nicht Sein schließliches, doch das vorzuckende Wetterleuchten Seines schließlichen Kommens erlebt; auch deshalb, weil spätestens die Stunde deines Todes dich sofort in die Zeit Seines Kommens rückt. Denn nicht in trägem Tempo, sondern in sausendem Fluge wird die Zeit zwischen Tod und Erweckung dir verlaufen, so dass deiner Empfindung und deinem Bewusstsein die Auferweckung, die dich zum Zeugen des gewaltigen Dramas der Erdgeschichte macht, hart an die Stunde deines Todes sich drängt. Längstens bis zu deinem Tode verzieht der Herr. Und wenn nun die Stunde deines Todes stetig dir droht, wie erschütternd wahr ist Seine Versicherung: siehe, ich komme bald!

Und wie wird Er kommen?

Unter weltauflösenden Zeichen - das ist das Erste. „Es werden Zeichen geschehen an der Sonne, Mond, Sternen, das Meer und die Wasserwogen werden brausen, der Himmel Kräfte werden sich bewegen.“ Das sind die Herolde Seines Kommens: Zeichen, dass die Geduld Gottes ein Ende hat. Denn auf der Geduld Gottes allein ruht der Bestand der Welt seit der Sünde. Mit der Sünde hatten wir die Freundlichkeit Gottes, die uns die Welt zur Stätte unsres Wohnens schuf, verwirkt. Dass sie trotz der Sünde noch steht, noch die Sonne scheint, die Erde noch uns trägt und nährt, gründet in der Geduld Gottes, welche den Zorn hinhält, bis die Gotteswerke der Erlösung, der Bekehrung beschafft sind. Schon als das Erlösungswerk beschafft war, verlor die Sonne den Schein, die Erde erbebte, die Gräber taten sich auf, ein Zeugnis der Mühe und Arbeit, die Gott hatte an der Bewältigung Seines Zornes über den Mord Seines Sohnes. Seiner Fürbitte nur, die anhob mit dem Wort „Vater, vergib ihnen“, danken wirs, dass das Wetter des Zornes verschoben ward, bis das Werk der Bekehrung vollendet ist. In derselben Stunde aber, wo dem letzten Volk der Erde die Botschaft von Christo gebracht ist, verstummt die Fürbitte des treuesten Hohepriesters und in derselben Stunde werden Sonne, Mond, Sterne, Erde der Menschenwelt den Dienst versagen, den sie durch Jahrtausende der Geduld mit Seufzen leisteten. Ihr Zusammenbruch ist das Signal: Er kommt.

Aber freilich ganz anders kommt Er als einst, da Er in Bethlehem Fleisch ward. Nicht wieder in Windeln und Krippe, nicht wieder in Armut und Niedrigkeit, nicht wieder ein Spott der Leute und Verachtung des Volks, nicht wieder wie ein Verbrecher zwischen Mördern am Kreuze, sondern dann „mit großer Kraft und Herrlichkeit“. Mit der Kraft, die die Welt in Trümmer wirft, die Gräber sprengt, Lebendige und Tote vor Seinen Thron zwingt; und mit der Herrlichkeit, dass die Krone des Himmels Sein Haupt schmückt, dass Sein Angesicht leuchtet wie die Sonne, Seine Augen wie Feuerflammen, dass die Wolke Sein Gefährt, die Legionen Engel Sein Geleite und die ganze Welt Ihn grüßt mit Jubeln oder Heulen. So kommt Er.

Und wozu? Der Jubel der Einen, das Heulen der Andern gibt die Antwort. Zur Erlösung und Verwerfung. Zur Erlösung denen, die hier schon sich haben lösen lassen von der Schuld und den Ketten der Sünde, von der Wucht des Leides, den Schrecken des Todes. Dann zu völliger Erlösung auch vom Kampf mit diesen abgründlichen Mächten zu unangetastetem Besitz des Friedens, der Freiheit, einer Seligkeit, die „kein Auge sah, kein Ohr hörte, in keines Menschen Herz kam“ in den Gassen der hochgebauten Stadt auf der neuen Erde voll Gerechtigkeit und Leben. Zur Verwerfung denen, die trotz Allem die Klammern der Sünde nicht wollten sprengen lassen, trotz Seines großen Werkes auf Golgatha, trotz Seiner unausgesetzten Werbung durch den ganzen Verlauf ihres Lebens, sie zuzuweisen dem entsetzlichen Stande völliger Gottverlassenheit, der alle Schrecken dieses Lebens weit überholt, dazu kommt Er.

Und endlich: „Wer ist würdig zu stehen vor des Menschen Sohn?“ In die Frage drängt sich das ganze Gewicht des Evangeliums zusammen: „wer ist würdig?“ Ach, mein lieber Mensch, wenns deine Frage wäre, wie Feuersglut in deinem Herzen brennend! Es kommt die Zeit, da sie's sein wird; da alle anderen Fragen verstummen, da nur sie, nur sie dich bewegen wird; nur ein Wunsch, ein brennendes Begehren: würdig, nur würdig zu sein, zu stehen vor des Menschen Sohn! Wenn die Sonne erlischt und die Sterne wanken, wenn die Erde bebt und das Meer heult, wenn die Angesichter erbleichen und die Knie beben, wenn die Kunde von Lippe zu Lippe fliegt: Er ists, Jesus von Nazareth. Da wird alle Welt fragen: wer ist würdig? O, da würdest du alle Schätze dieser Welt, alle Lust der Erde, alle Kronen der Ehre drum geben, wenn du damit die Würdigkeit erkaufen könntest zu stehen vor des Menschen Sohn. Aber dann zu spät! Zu spät - welch einen Abgrund der Verzweiflung beschließt das Wort! Aber jetzt ist Zeit sie zu gewinnen, jetzt da die Sonne dir noch scheint, die Sterne noch funkeln, die Erde dich noch trägt und du des Sohnes Gottes noch wartest - warum ists nicht schon heute die Königin der Fragen, die dein Herz bewegt: wer ist würdig?

Wer ist würdig? Gewiss nicht, wer im Schlamm der Sünde sich wälzt. Aber auch noch nicht, wer den Rock äußerer Ehrbarkeit sich wahrte. Auch noch nicht, wer mit dem Worte Gottes nur umging. Nur wer das Kleid trägt, welches Er selbst gewoben hat, der da kommt in des Himmels Wolken; nur der Panzer, der geschmiedet ist in der Feuersglut der Gottesliebe auf Golgatha, nur der Harnisch der Gerechtigkeit Jesu Christi besteht den Flammenblick des wiederkommenden Königs.

Aber wie gewinnen wir ihn, diesen Harnisch, dies Kleid der Gerechtigkeit? Durch die Jüngerschaft Jesu Christi. Seinen Jüngern sagte Er: „Hebt eure Häupter auf, darum dass sich eure Erlösung naht.“ Sein Jünger sein, das macht würdig zu stehen vor des Menschen Sohn. Wer ist es? Lassts mich in 3 kurze Worte fassen: Ihm trauen, Ihn lieb haben, Seiner warten!

Ihm trauen, das macht zu Seinem Jünger; Ihn lieb haben, Seiner warten das ist die Probe Seiner Jüngerschaft. Hast du das? Ach, liebes, bestes Menschenkind: ich bitte dich, soviel ich bitten kann, weiche der Frage nicht aus, heute nicht, du weißt nicht wann Er kommt: Bist du würdig, vor Ihm zu stehen?

Traust du Ihm? Er ist für dich Mensch geworden in Bethlehem, hat für dich gerungen in Gethsemane, ist für dich gestorben auf Golgatha traust du Ihm? Er hat lebenslänglich dir versichert in der Taufe, in jedem Gotteswort, in Absolution und Kommunion: ich tilge deine Sünde, ich habe dich erlöst, du bist mein: traust du Ihm? Glaubst du's, glaubst du's wirklich, dass du durch Ihn erlöst, ein seliges Kind Gottes, ein Erbe ewigen Lebens bist? Glaubst du's, so dass du darauf sterben kannst?

Und die Probe deines Glaubens: Hast du Ihn lieb? Dreimal fragt Er. Soviel liegt Ihm daran. So groß ist die Gefahr der Täuschung. Hast du Ihn lieb? Er starb für dich: Hast du Ihn lieb? Er bittet unausgesetzt: gib mir dein Herz! Hast du Ihn lieb? Er warb unermüdlich, auch wenn du trotzig und ungezogen ihn abwiesest, auch wenn du roh Ihm den Zugang wehrtest. Er steht noch vor der Tür und klopft, noch heute! mit Seinem bleichen Antlitz, mit Seinen durchgrabenen Händen, mit Seinem Haupt voll Blut und Wunden, mit Seinem Angesicht voll Schmach und Speichel, mit Seinen Zügen voll Weh und Liebe: Hast du mich lieb? Hast du Ihn lieb? Wirklich lieb? Nicht in flüchtiger Rührung, sondern mit brennendem Herzen? So dass Er der König dieses Herzens ist, dein erster Gedanke, wenn du aufstehst, dein letzter, wenn du zur Ruhe gehst? So dass Sein Wohlgefallen deine Freude, Seine Trauer dein Leid ist? So, dass es selige Stunden sind, Seinem Worte zuhören und mit Ihm zu reden im Gebet? Hast du so Ihn lieb?

Und wartest du Sein? Wie eine Braut des Geliebten? wie ein Kind des kommenden Vaters? um Ihn zu sehen, Ihm zu Füßen zu stürzen, Seine Hand zu fassen, von Ihm die blutenden Wunden deines armen Herzens dir völlig heilen zu lassen? Wartest du Sein?

Du zauderst mit der Antwort? Du wagst kein fröhliches Ja auf die Fragen? Möchtest du's denn? Möchtest du's nicht? Ach, wenn du's nur möchtest! - Dann aber, nicht wahr? Geliebte weil Er kommt, weil Er gewiss kommt, weil Er bald kommt, unter weltauflösenden Zeichen, in großer Kraft und Herrlichkeit, zu erlösen und zu verwerfen - dann kann's so nicht bleiben. Dann muss es von dieser Stunde an der Kampf, das Ringen die Losung unsers Lebens sein, die Kunst zu erjagen, würdig zu werden, zu stehen vor des Menschen Sohn, die Kunst, auf Seine Frage: willst du auch weggehen? zu antworten: „Du hast Worte ewigen Lebens!“ auf Seine Frage: „hast du mich lieb?“ „Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe;“ auf Seine Versicherung: „siehe, ich komme bald!“ „Ja, komm, Herr Jesu!“ Walt's Gott! Amen.

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