Spurgeon, Charles Haddon - Die Bibel und die Zeitung - Andere der Gefahr aussetzen.

Spurgeon, Charles Haddon - Die Bibel und die Zeitung - Andere der Gefahr aussetzen.

„Wenn du ein neues Haus baust, so mache eine Lehne darum auf deinem Dach, auf dass du nicht Blut auf dein Haus lädst, wenn Jemand herab fiele.“ 5. Mose 22, 8.

„Du sollst nicht töten.“ 2. Mose 20, 13.

Die Morgenzeitungen vom 9. Mai haben folgenden demütigenden Artikel:

„Ein Seiltänzer, namens Gilfort, gab in Dublin eine Vorstellung und führte seine Kunststücke in einer Höhe von nicht weniger als 40 Fuß aus. Es waren dieselben, die Blondin gewöhnlich vornahm - niederliegen auf dem Seil, rittlings darauf sitzen, sich stellen, als wenn er hinunter glitte, auf einem Stuhl sich darauf im Gleichgewicht halten usw. Plötzlich brach eine der Stützen und das Seil schwankte gewaltsam nach links, so, dass Gilfort das Gleichgewicht verlor. Der Unglückliche machte einen verzweifelten Versuch, sich zu retten, indem er sich mit Händen und Füßen anklammerte. Der Versuch schlug fehl, und er fiel aus einer Höhe von 40 Fuß, seine Balancierstange noch in der Hand. Diese ward durch die Heftigkeit des Falles in Stücke zersplittert. Gilfort selbst fiel auf den Boden, prallte wieder in die Höhe und ward schwer gequetscht und zermalmt aufgehoben. Augenblicklicher Beistand ward ihm natürlich geleistet, aber zuerst schien es kaum möglich, dass er seine Verlegungen überleben könne. Er lag im Delirium, ohne Bewusstsein dessen, was geschehen, und furchtbar verstümmelt.“

Selbst, wenn der unglückliche Seiltänzer nicht gefallen wäre, so meinen wir, dass die Anwesenheit bei einem solchen Schauspiel an sich eine unsittliche Handlung war. Das Vergnügen, welches die Zuschauer hatten, entstand zum großen Teil aus der außerordentlichen Gefahr für den Darsteller. Seine Geschicklichkeit hätte ebenso wohl auf einem Seil nahe am Boden oder in einer kleinen Entfernung über den Häuptern der Zuschauer gezeigt werden können; aber dies hätte nicht angezogen; die 40 Fuß und die Gefahr eines Falles gaben der Vorstellung ein grauenhaftes Interesse und brachten die Menge zusammen.

Dies, sagen wir, ist unsittlich und entwürdigend: das Gebot, welches uns zu töten verbietet, untersagt uns, einen Andern hinzustellen, wo sein Leben in Gefahr ist, und verbietet uns, etwas zu tun, was ihn verleitet, sein Leben zu wagen, indem er ein gefährliches Unternehmen ohne rechtfertigenden Grund versucht. Wenn gefährliche Werke getan werden müssen, so sind wir verpflichtet, jede mögliche Sicherheitsmaßregel zu treffen; aber einen Menschen verleiten, unnötiger Weise Leben und Gliedmaßen der Gefahr auszusetzen und Vorsichtsmaßregeln zu vernachlässigen, ist in Wirklichkeit Mord, und Jeder, der ein solches Wagnis durch einen Geldbeitrag befördert, oder durch seine Anwesenheit ermutigt, ist der Übertretung des Gebotes „du sollst nicht töten“ schuldig. Wenn wir verpflichtet sind, gewöhnliche Unglücksfälle, wie das Fallen eines Menschen vom Dache, zu verhüten, indem wir ein Geländer herummachen, dass Niemand unversehens zu weit treten kann, so sind wir ebenso verpflichtet, Leute von Gefahr abzuhalten, so viel wir können. Wir sollten keines Gesetzes bedürfen, um diese schrecklichen Darstellungen zu verbieten; es sollte so viel Menschlichkeit in der Welt sein, dass jedes menschliche Wesen den Vorschlag verwürfe, einen Mitmenschen die Gefahr laufen zu lassen, von einer furchtbaren Höhe herabzufallen und in Stücke zerschmettert zu werden, bloß um eine gemeine Neugierde zu befriedigen.

Und doch, sollten wir nicht Alle mehr oder weniger einer solchen Handlungsweise in einem moralischen und geistlichen Sinne schuldig sein? Haben wir nicht vielleicht durch Lächeln über den Witz in einer zweideutigen Geschichte den Erzähler ermutigt, den schlechten Scherz zu wiederholen? Haben wir nicht vielleicht Andere in zweifelhafte Fragen hineingeführt, die ihnen zu hoch gewesen, ihren Glauben wankend gemacht und sie in Unglauben hineingeführt? Einige Schriftsteller und Prediger ermutigen sehr seiltänzerische Spekulationen über geheimnisvolle Dinge, und verursachen unendlich viel Schaden dadurch. Eine zweifelsüchtige Bemerkung, die auf der Kanzel wiederholt ward, hat manchen Jüngling auf eine schwindlige Höhe gestellt und sein Verderben veranlasst; der Mann, welcher sie aussprach, dachte nicht daran, Schaden zu tun, aber er hätte bedenken sollen, dass Stellen, die für ein geübtes Urteil sicher sind, für Unerfahrene tödlich sein können.

Haben wir nicht vielleicht durch unsere Lauheit in religiösen Dingen Andere in Versuchung gebracht, sorglos und gleichgültig zu bleiben, während ihre Seelen in Gefahr sind? Versuchen nicht viele Christen, durch ihre eigene Saumseligkeit in göttlichen Dingen, den Sünder seine Bekehrung auszuschieben?

Ist es nicht sehr möglich, dass einige stärkere Gemüter durch ihr Beispiel schwächere verleiten, etwas zu tun, was ungemein gewagt für sie ist. Wer unter uns kann völlige Unschuld beanspruchen? Lasst uns in Zukunft sorgsam sein, die schwächeren Seelen nicht an gefährliche Orte zu führen, indem wir selbst dahin gehen.

Eine andere Seite desselben Gegenstandes verdient noch eine beiläufige Bemerkung. Wenn wir zu irgendeiner Zeit an der allgemeinen Bewunderung der Männer teilnehmen, die Erfolg gehabt und zu hohen Stellungen emporgestiegen sind, obgleich ihr Charakter schlecht ist und ihr Wandel mehr als zweifelhaft, handeln wir da nicht gleich denen, welche ihr Beifallsrufen erheben, wenn der Seiltänzer auf dünnem Seil in schwindelnder Höhe daher schreitet? Es gebührt einem Christen, nur der Tugend Beifall zu geben. Lasst die Welt ihren Helden Beifall jauchzen wenn sie hoch daher gehen, und ihre Eroberer mit Triumphliedern begrüßen, wenn dieselben auf sie herabblicken; was uns betrifft, lasst demütige Frömmigkeit und stille Trefflichkeit unsere Bewunderung ausschließlich in Anspruch nehmen. Wir haben etwas Anderes zu tun, als Menschen zu ermuntern, auf einem Wege zu wandeln, der dem Willen Gottes zuwider ist, Sie mögen sehr gescheit sein und wundervolle Geschicklichkeit entfalten; aber das ist uns nichts, wenn sie tun, was zum Verderben ihrer Seelen dient. Wir sehen den furchtbaren Fall vorher, welcher die Szene schließen muss und wir fühlen uns mehr zum Weinen als zum Jauchzen geneigt.

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