Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Erste Predigt. Die Reinigung des Tempels.

Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Erste Predigt. Die Reinigung des Tempels.

Text: Joh. 2, V. 13-25.
Und der Juden Ostern war nahe, und Jesus zog hinauf gen Jerusalem, und fand im Tempel sitzen, die da Ochsen, Schafe und Tauben feil hatten, und die Wechsler. Und er machte eine Geißel aus Stricken, und trieb sie alle zum Tempel hinaus, sammt den Schafen und Ochsen, und verschüttete den Wechslern das Geld, und stieß die Tische um; und sprach zu denen, die die Tauben feil hatten: Traget das von dannen, und machet nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause. Seine Jünger aber gedachten daran, daß geschrieben stehet: Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen. Da antworteten nun die Juden, und sprachen zu ihm: Was zeigest Du uns für ein Zeichen, daß Du solches thun mögest? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel, und am dritten Tage will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechs und vierzig Jahren erbauet; und Du willst ihn in dreien Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. Da er nun auferstanden war von den Todten, gedachten seine Jünger daran, daß er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift, und der Rede, die Jesus gesagt hatte. Als er aber zu Jerusalem war, in den Ostern auf dem Fest, glaubten viele an seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die er that. Aber Jesus vertrauere sich ihnen nicht, denn er kannte sie alle. Und bedurfte nicht, daß jemand Zeugniß gäbe von einem Menschen; denn er wußte wohl, was im Menschen war.

Darnach, so beginnt der eben verlesene Abschnitt, d. h. nach der Verrichtung Seines ersten Wunders auf der Hochzeit zu Cana in Galiläa, zog Jesus hinab gen Capernaum, von den Bergen hinab nach dem Ufer des See's Genezareth. Dort waren ja die meisten der ersten Jünger Jesu zu Hause; dorthin rief sie vielleicht jetzt, wo sie noch nicht ganz sich Ihm angeschlossen hatten, ihr Familienleben und ihr Geschäft. Dorthin begleiteten Jesum außer seinen neuen geistigen Verwandten, den ersten Jüngern, auch Seine leiblichen Verwandten, Seine Mutter Maria und Seine Brüder, mögen dies nun Vettern Jesu, Kinder der Schwester der Maria, oder leibliche Söhne Josephs aus seiner früheren Ehe gewesen sein, die sich nach dem Tode ihres Vaters immer noch zur Familie der Maria zu halten pflegten. Sie zogen nach Capernaum, weil das erste Osterfest nach Jesu öffentlichem Auftreten nahe war und von Capernaum aus wahrscheinlich ein Festzug nach der Hauptstadt des Landes ausging, dem sich der Herr mit den Seinigen anschließen wollte. Nachdem Er nun einige Tage sich hier aufgehalten, begibt sich Jesus mit den übrigen Festgenossen hinauf in die heilige Stadt zum größten aller Feste. Da finden wir Ihn in unserm Texte. Wir betrachten demnach Jesu erstes öffentliches Auftreten in Jerusalem. Groß und majestätisch ist Alles, was der theure Evangelist Johannes uns von diesem Auftreten berichtet, 1) groß Seine That, 2) groß Sein Wort, 3) groß Sein Verfahren überhaupt.

I.

Der Tempel zu Jerusalem war von drei, durch besondere Gitterwerke voneinander geschiedenen Vorhöfen umgeben. Derjenige, welcher dem Tempel am nächsten lag, hieß der Vorhof der Priester, und war um einige Stufen höher, als die andern. Darauf folgte der Vorhof der Männer und Weiber; auch dieser war durch Gitter begrenzt, an welchen in bestimmten Entfernungen prachtvolle Säulen durch ihre Inschriften in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache die Fremdlinge und Heiden erinnerten, nicht weiter vorzudringen. Dieses Gitter hieß auch die Zwischen- oder Vormauer. Jenseits derselben lag endlich der dritte Vorhof, der Vorhof der Heiden, welcher mit bedeckten Gängen umgeben war und das Heiligthum nach außen hin von der übrigen Stadt abschloß. Hier in diesem Heidenvorhof nun war es, wo Viehhändler ihre Buden und Wechsler ihre Comtoire aufgeschlagen hatten, um den zum Theil aus weiter Ferne herbeigeströmten Fremden das Einkaufen der Opferthiere und das Umwechseln der größeren fremden und gewöhnlichen Münzen gegen kleinere, jüdische und Tempelmünzen zu erleichtern und den einheimischen Handel und Verkehr dadurch zu fördern. Daß Opferthiere in Jerusalem käuflich und Geldwechsler vorhanden waren, das war an sich nichts Verwerfliches, im Gegentheil sogar höchst nöthig und förderlich; unverantwortlich war aber, daß .dieser Jahrmarkt an dem Orte stattfand, wo Gott sollte angebetet und verehrt werden. Bedenken wir namentlich, daß manchmal in den acht Tagen der Ostern zu Jerusalem allein dreimalhunderttausend Lämmer geschlachtet wurden; bedenken wir ferner die Schacherwuth und die kaufmännische Habsucht des jüdischen Volks, wie um irdischen Gewinnes willen diesem Volke jedes Mittel, auch Lug und Trug, Ungerechtigkeit und Prellerei, Drücken und Wuchern recht ist, so können wir uns eine hinlängliche Vorstellung machen von der Entweihung, die durch das Geschrei der Thiere und den Handel der Menschen an heiliger Stätte eintreten mußte, und von dem entsetzlichen Lärm, der alle und jede Andacht der Betenden störte. Wie tief mußten die Priester entartet sein, daß sie aus schnödem Geiz diesen Wucher im Gotteshause duldeten, ja erlaubten! Wie tief mußte das Volk gesunken sein, daß in demselben sich keine kräftige, warnende und strafende Stimme erhob gegen den Unfug in den Vorhöfen des Allerhöchsten! Wie mußte daher unserm Herrn zu Muthe sein, als Er die Schwellen des Heiligthums betrat und das Gewühl der Tausende von Menschen und Thieren, die Ochsen- und Schafheerden und die Taubenhändler und die Menge der Wechseltische ansichtig ward, und an die heilsbegierigen Seelen dachte, die im Heiligthum Trost und Frieden, Kraft und Hoffnung suchten und nicht finden konnten; und an die Heiden dachte, die, angezogen durch den Ruf des jüdischen Gottesdienstes, von weit hergekommen waren, nun nicht ein mal ein stilles Plätzchen fanden, Gott im Frieden anzubeten! Mit Unwissenheit konnte sich hierbei Niemand entschuldigen, was hier geschah, war die offenbarste Geringschätzung sowohl der Anbetenden, als der Anbetung selbst. Als Jesus zum ersten Male in Seinem Leben im zwölften Jahre zur Theilnahme an der Festfeier im Tempel zugelassen worden war, hatte Er acht volle Tage hindurch sich an den herrlichen Gottesdiensten und Versammlungen geweidet und in Seinem kindlichen Gemüthe einen mächtigen Eindruck vom Hause Gottes zurückbehalten; vielleicht hatte damals dieser Unfug noch nicht um sich gegriffen, sondern war erst später aufgekommen. Jetzt aber, zum Manne gereift, bekannter geworden durch tausendfache Erfahrung mit der Sünde im Herzen der Menschen und im Leben Seines Volks, jetzt, berufen zum offenen Kampfe gegen das ungöttliche Wesen in der Welt, kann Er das Haus Seines Vaters nicht betteten, ohne sich entrüstet zu fühlen über die demselben angethane Schmach und Schande. Was vielleicht seit Jahren schon, so oft Er an den Festtagen des Herrn den Tempel betreten, Ihn mit heiligem Zorn erfüllt hatte, das bricht jetzt aus in lichterlohe Gluth; Er redet nicht erst lange strafende Worte - jedes Wort wäre zu wenig, zu schwach gewesen, einer solchen Schändung, gegenüber - Er greift sofort zur That, macht sich eine Geißel aus Binsenstricken, schwingt sie - nicht gegen die Menschen, gegen die hat Er niemals den Stab gebraucht - aber gegen die Ochsen und Schafe, und treibt sie hinaus, wie wenn sie sich dahinein verlaufen hätten, stößt die Tische der Wechsler um, und spricht zu denen, die die Tauben feil hatten - Tauben konnten allein die Armen im Volke bezahlen und darbringen - milder und schonender: „Traget das von dannen, und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause.“ Meines Vaters Haus! gerade, wie im zwölften Jahre: „Muß ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist?“ Ach, Er stand ja jetzt öffentlich da, und zwar zum ersten Mal in der Hauptstadt des Landes, als der große Prophet des Herrn: hätte Er da schweigen können? schweigen dürfen zu dem Gräuel? Waren nicht Aller Augen von nun an auf Ihn gerichtet? Hätte Er durch Schweigen und Dulden sich nicht, theilhaftig gemacht der fremden Sünde? Er stand da als der verheißene Herr des Tempels, von dem der Prophet Maleachi bezeugt hatte: „Bald wird kommen zu Seinem Tempel der Herr, den ihr sucht. Wer wird aber bestehen, wenn Er wird erscheinen? Denn Er ist wie das Feuer eines Goldschmieds, Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen, Er wird die Kinder Levi reinigen wie Gold und Silber;“ und es sollen es Alle wissen, daß Er des Tempels Herr ist; darum beginnt Er das Werk der Reinigung und Läuterung im Tempel selbst, als ein Sinnbild der großen allgemeinen Tempelreinigung, welche Er mit der Menschheit vorzunehmen gedachte. Er stand da als der Sohn Gottes, der für Seinen Vater eifert, indem Er des Vaters Haus reinigt, und der hier schon im Geiste Seines Worts handelt: „Der Vater richtet Niemand, sondern alles Gericht hat Er dem Sohn gegeben.“ Jeder rechte Eiferer in Israel, mit und ohne Amt, wäre berechtigt und verpflichtet gewesen, der Entweihung zu wehren; Niemand that's, die Krämer und Wechsler saßen Jahr aus Jahr ein im Tempel zum sprechenden Zeichen des allgemeinen sittlichen und religiösen Verfalls. Da greift Er ein im Bewußtsein Seiner göttlichen Würde und beweist, daß Er alles Böse verabscheue und alle Bösen aus Seinem Reiche verbannen werde. Es war eine That voll Kraft und voll Weisheit, voll Majestät und Beredtsamkeit. Der Eindruck war gewaltig. Die Jünger dachten daran, daß geschrieben steht: „Der Eifer um Dein Haus hat mich gefressen“ (Ps. 69,10) und bange Ahnungen bemächtigten sich ihrer Gemüther; die Aeußerung dieses Eifers war ja drei Jahre später die Veranlassung Seines Todes. Die Krämer wurden geschreckt, die Wechsler gelähmt, sie, die das Recht, hier Handel zu treiben, bezahlt hatten, gerathen in keine Wuth und Aufregung, was unter gewinnsüchtigen Menschen sonst immer der Fall ist. Jeder Andere, der, ohne in einem öffentlichen Amte zu stehen und eine Schaar von Bewaffneten zu seiner Bedeckung zu haben, so etwas hätte wagen wollen, würde sich der offenbarsten Lebensgefahr ausgesetzt haben. Ihm widersetzt sich kein Mensch, Furcht und Schrecken überfällt Alle, ihr Gewissen schlug sie mehr als Seine Stricke, Schauder und Ehrfurcht durchdrang sie, und in wenigen Augenblicken war der ganze große Platz geräumt, und es herrschte da wieder heilige Stille, wo man soeben noch das Gewühl eines Jahrmarkts wahrgenommen hatte.

Wehe jedem Menschen, der das Heilige, sei es mit Geberde oder Wort, oder Schrift oder That, mit Scherz oder Ernst, mit Feinheit oder Rohheit, entweiht und herabwürdigt! Wehe jeder Zeit und jedem Geschlecht, in dem die Entweihung des Heiligen geduldet oder gar gehegt und gepflegt wird! Solche Entweihung, wie sie einerseits der Ausfluß und das Gepräge eines unheiligen Sinnes ist, trägt nicht minder andrerseits den Fluch in sich, immer mehr den Sinn für das Heilige abzustumpfen und auszurotten, und ist ein Gericht, das der Mensch über sich selbst hält, ein Bekenntniß, daß er kein Heiligthum im Herzen trägt und ihm darum das äußere Heiligthum auch gleichgültig ist, daß er wohl Kaufhäuser kennt und Marktplätze und Arbeitsstätten und Vergnügungsörter, aber keine Gotteshäuser, keine Tempel, die ihn erheben über sich und die Welt. Wo es aber nichts Heiliges mehr gibt, da ist eben auch Alles unheilig und satanisch durch und durch.

II.

Da antworteten nun die Juden, d. h. bei Johannes die Häupter der Juden weltlichen und geistlichen Standes, und sprachen zu Ihm: „Was zeigest Du uns für ein Zeichen, daß Du solches thun mögest? zu thun berechtigt bist?“ Sie räumten mithin ein, daß einem wahren Propheten oder unmittelbaren Bevollmächtigten Gottes die Befugniß, so etwas auch ohne Genehmigung der weltlichen Obrigkeit zu unternehmen, nicht streitig gemacht werden könne; sie konnten ebenso wenig die Angemessenheit und Nothwendigkeit Seiner That in Abrede stellen; auch war die außerordentliche That, die Er verrichtet, und die keinem gewöhnlichen Menschen gelungen wäre, ein deutliches Merkmal und Beweis Seines göttlichen Berufes; die Unternehmung selbst bewies das Recht des Unternehmers; und in dem aufgeweckten Gewissen der Verzagten, in der Gewalt, durch die sich Alle von Seiner Hoheit ergriffen fühlten, lag nicht minder Seine Befähigung. Allein ihr ungläubiger, eigenwilliger Sinn hatte nicht genug an der reinen Aeußerung der göttlichen Kraft und Wirksamkeit, die in der Handlung lag und von Ihm ausstrahlte, sie wollten äußere Zeichen haben, Wunder durch neue Wunder, Zeichen durch neue Zeichen bestätigt sehen.

Jesus würdigte sie einer Antwort und sprach: „Brechet diesen Tempel, und am dritten Tage will ich ihn aufrichten.“ Ein tiefes, absichtlich dunkel gehaltenes Wort des Herrn, das die Aufmerksamkeit spannen mußte! Das Wort Tempel läßt nämlich eine dreifache Deutung zu, eine äußerliche, leibliche und geistige. Aeußerlich verstanden, bezeichnete es den steinernen Tempel zu Jerusalem, in welchem sich gerade der Herr und Seine Zuhörer befanden. In diesem Sinne verstanden den Ausspruch die Juden, und da konnten sie sich denn keine Vorstellung von der Möglichkeit seiner Ausführung machen; sie fanden darin ebenso viel Thorheit, als Anmaßung, und offenbar in der Absicht, Jesum zu kränken und verächtlich zumachen, erwiedern sie spottend: „Dieser Tempel ist in sechs und vierzig Jahren erbauet“ - so lange hatte Herodes beim Ausbau und bei der Verschönerung des Tempels schon zugebracht - „und Du willst ihn in dreien Tagen aufrichten?“ Man hört die Bitterkeit der Herzen aus der Frage heraus, mit welcher sie Ihn gleichsam aufforderten, doch selbst zu urtheilen, ob Er wohl verdiene, von ihnen gehört zu werden, da Er ein Gebäude, woran länger als ein Menschenalter gebauet worden, ohne vollendet worden zu sein, in so kurzer Zeit auszuführen verspreche. Die Bitterkeit wurde noch größer, wenn wir bedenken, daß auch Galiläer zugegen waren, die Ihm damals von Seinem ehemaligen Gewerbe im elterlichen Hause den Beinamen des Zimmermanns gegeben hatten. (Marc. 6,3.) Jesus indeß übersah diesen Spott, womit sie Ihn zu entehren suchten, und würdigte sie darauf keiner weitern Antwort. - Das Wort Tempel bedeutete aber oft auch in der heiligen Schrift den Leib (1. Cor. 3,16. 6,19. 2. Cor. 5,1.), und dann war hier offenbarter Leib Jesu gemeint, die Menschheit des Herrn, in welcher Gott wie in einer Hülle unter den Menschen Seine Herrlichkeit offenbarte, das Brechen des Tempels bedeutete dann Seinen Tod, das Aufrichten Seine Auferstehung, als das Zeichen aller Zeichen, welches alle andern krönte und beglaubigte, wie Jesus auch an andern Stellen in demselben Sinne auf das Zeichen des Propheten Jonas, das jener Wunderbegebenheit ähnlich war, verwies. Vielleicht hatte Jesus, als Er die Worte sprach, dabei zugleich durch irgend einen Wink auf Seinen Leib hingewiesen, wodurch dann Seine Rede noch verständlicher werden mußte; die Juden hatten aber jenen Wink unbeachtet gelassen. Und in der That, indem Jesus den Tempel betrat, wußte Er sich, als des Vaters eingeborner Sohn, nicht nur als den Erben (Matth. 21,38.) und den Herrn des Tempels (Mal. 3,1.), der größer denn der Tempel ist, (Matth. 12, V. 8.), sondern als den Tempel Gottes selbst, als Den, in welchem der Vater ist und sich offenbart und die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt (Col. 2,7.); wußte, daß in Ihm die Offenbarung Gottes ihre Vollendung erreicht habe, daß alle Ehre, die bisher dem Tempel gebührte, Ihm, dem Erben aller Stiftungen und Verheißungen des alten Bundes„, zu fallen müsse, daß für Alle, die hinfort den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten, Er selbst an die Stelle des irdischen Heiligthums trete, daß der Vater nur im Sohne könne verehrt und angebetet werden, und jede menschliche Entheiligung göttlicher Anstalten Sein heiliges Haupt treffe. Daher wendet Er vom äußern Tempel den Blick Seiner eigenen Person zu und spricht: „Brechet diesen Tempel, und am dritten Tage will ich ihn aufrichten.“ Diese Andeutung Seines Todes und Seiner Auferstehung war freilich damals Seinen Jüngern und den ungläubigen Juden noch dunkel; auch lange nachher noch, nachdem Jesus oft und viel und im Fortgange der Zeit immer deutlicher davon geredet hatte, verstanden Ihn Seine Jünger nicht; und Johannes setzt deßhalb hinzu: Da Er nun auferstanden war von den Todten, dachten Seine Jünger daran, daß Er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und der Rede, die Jesus gesagt hatte. Ach, der Same des göttlichen Wortes liegt oft lange todt in unserm Herzen, als hätte er keinen Lebenstrieb und Lebenskeim, und wir müssen oft lange mit dem Herrn umgehen, der Regen der äußeren Trübsale und der Sonnenschein der innern Anfechtungen oder Erweckungen muß erst wirksam sein, es müssen erst drei, manchmal wohl auch dreißig Jahre vergehen, ehe der Same aufgeht und Früchte trägt, weßhalb er denn auch nicht früh und oft genug ausgestreuet werden kann.- Noch eine dritte Deutung der Worte des Herrn war möglich, und ist ihnen auch gegeben worden. Im geistigen Sinne nämlich bedeutet das Wort Tempel die Gemeinde Christi (1. Petri 2,5. Eph. 2,19-22.), das neue Volk Gottes, und diese Gemeinde wird zugleich unzählige Male in der Schrift Sein Leib genannt, der aus Seinem auferstandenen Leibe erwuchs und aufgerichtet wurde. Diese Erklärung ist nur die andere Seite und die Folge der zweiten. Mit der Kreuzigung Christi hatten die Juden ihren wahren, nicht mit Händen gemachten Tempel, ihr höchstes Heiligthum, den Messias und alle Verheißungen, zerstört; das steinerne Hans, das noch einige Zeit in Jerusalem stehen blieb, hörte dadurch auf, Gottes Tempel zu sein, und stürzte nach kurzer Gnadenfrist vollends zusammen; dagegen erbaute Jesus diesen Seinen Tempel am dritten Tage durch die Auferstehung neu zum ewigen, unzerstörbaren Versammlungsorte und Heiligthum der neuen Gemeinde, Sein gebrochener Leib stand nun verklärt in der christlichen Kirche auf, und Sein göttliches Leben, das nach der Auferstehung sich der ganzen Welt mittheilen sollte, bildete' einen neuen Tempel Gottes in der Menschheit, in welchem die Gläubigen lebendige Steine sind, aufgebauet zum geistlichen Hause und zum heiligen Priesterthum, zu opfern geistliche Opfer. So war Christi Auferstehung in jeder Hinsicht das große Zeugniß und Vollmachtszeichen, auf das Er sich berufen konnte vor aller Welt, das Zeichen von allgemeiner, weltgeschichtlicher Bedeutung in der Zukunft, das Siegel Seiner ganzen, geschlossenen Wirksamkeit hienieden. (1. Cor. 15,17.18.)

Wie klar wußte der Herr schon jetzt am Anfange Seines öffentlichen Auftretens, Sein Ende vorher, Seinen Weg und Sein Ziel, Seinen Tod und Seine Auferstehung! Wie muthig und entschlossen, wie freudig und bereitwillig legt Er Hand an's große Werk, und nimmt auf sich Alles, was der Vater über Ihn beschlossen hatte, und geht hinein in den durch Erliegen zum Siegen führenden Kampf, der Ihm bevorstand! Wie viel wußte Er zusammenzufassen in wenigen Worten, in einem so nahe liegenden Gleichniß! Wie ist Sein ganzes Auftreten von Anfang bis zu Ende aus Einem Gusse! in jedem kleinen, wie großen Zuge derselbe göttliche Geist, dasselbe göttliche Leben! Und wie ist, was Er hier prophetisch vorhergesagt, in der Folgezeit so buchstäblich erfüllt worden! Glaubten die Jünger der Schrift des Alten Testaments und der Rede Jesu: wir müssen noch viel mehr daran glauben! Und blieb jener Spruch nicht nur den Jüngern, sondern auch den Juden im Andenken, freilich mit dem Unterschiede, daß jene dadurch in ihrem Glauben an Ihn befestigt, diese aber im Unglauben und Haß gegen Ihn bestärkt wurden, so daß sie später, Seine Worte verdrehend, Ihn vor dem hohen Rathe anklagten, Er habe gesagt: „Ich kann den Tempel abbrechen und in drei Tagen denselben wieder bauen“ (Matth. 26, 61) und am Kreuze Ihn noch mit den Worten lästerten: „Der Du den Tempel Gottes zerbrichst und bauest ihn in drei Tagen, hilf Dir nun selber!“ (Matth. 27,40.) - so wollen wir diesen Spruch zu unserm Tröste und zu unserer Freude um so fester halten, und daraus die selige Ueberzeugung gewinnen, daß, ob auch auf einige Zeit das Böse scheinbar in der Welt herrschen möge, in drei Tagen doch das Gute zuletzt immer siegen, die Gnade immer mächtiger als die Sünde, das Leben immer mächtiger als der Tod sein werde.

III.

Haben wir Jesu große That am ersten Osterfeste bewundert und Sein großes Wort gläubig angenommen, so müssen wir nicht minder ehrfurchtsvoll uns beugen vor Seinem Verhalten überhaupt in jenen segensreichen Tagen. Johannes fährt nämlich fort: Als Er aber zu Jerusalem war in den Ostern auf dem Fest, glaubten Viele an Seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die Er that. Nicht bloß jener Vorfall im Tempel zog die Aufmerksamkeit auf den Herrn hin, sondern auch noch manches andere, ohne Geräusch von Ihm verrichtete Wunder. Der Gesammteindruck Seines ersten Auftretens war im Allgemeinen ein sehr günstiger. Aber Jesus vertrauere sich ihnen nicht, denn Er kannte sie alle, und bedurfte nicht, daß Jemand Zeugniß gäbe von einem Menschen; denn Er wußte wohl, was im Menschen war. Sie trauten Ihm und hatten., Grund, es zu thun; Er aber traute ihnen nicht, und hatte nicht minder Grund dazu. Ein Glaube, der bloß auf Bewunderung der äußeren Zeichen beruht und aus Wundersucht entspringt, ist ebenso wenig ein fester, zuverlässiger Glaube, als es derjenige ist, der mit Wunderscheu zusammenhängt. Er ist nur ein Strohfeuer, das bald wieder ausgeht; nur eine menschliche, flüchtige Begeisterung, die das Hosianna bald mit dem Kreuzige vertauscht, keine Wirkung des heiligen Geistes im Herzen. Ach, ein äußerliches Christenthum, ein Glaube an Jesu Namen und ein mit Weltsinn erfülltes unlauteres Herz können sehr wohl miteinander bestehen; man kann Jesum vor der Welt bekennen, und doch kein Gläubiger sein, und darum Seines Wohlgefallens und Vertrauens entbehren. Auch können andere Menschen durch solche Worte und Mienen getäuscht werden und durch übereiltes Vertrauen sich und Andern bittern Kummer, schlaflose Nächte, heiße Thränen, schwere Zukunft bereiten; nun und nimmermehr aber Der, welcher weiß, was im Herzen ist, und Flitter und Gold, Schein und Sein zu unterscheiden vermag. Er sieht nicht auf das, was vor Augen ist, Er siehet das Herz an. Ob da Gold ist, Einfalt, Reinheit, Lauterkeit, Rechtschaffenheit, Treue der Gesinnung, gilt Ihm über Alles, und wo Er das nicht findet, ist auch von keiner Jüngerschaft, von keinem Sein in und mit Christo weiter die Rede. Er ist ebenso vorsichtig und besonnen, als entgegenkommend; bei aller Liebe zu den Menschen konnte Er doch nicht Alles von ihnen hoffen. Denn Er kannte die Menschen, wie sie waren. Er kannte sie alle, die menschliche Natur überhaupt in ihrer Sündigkeit und Schwachheit, Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit. Er kannte jeden Einzelnen insbesondere, der vor Ihm stand, und zwar gleich auf den ersten Blick, und handelte dieser Menschenkenntniß gemäß. Er kennt auch uns, Geliebte, und weiß, ob Er uns trauen und was Er uns vertrauen darf. Er muthet daher Keinem mehr zu, als ihm zuzumuthen ist. Er kann darum auch Jemanden entschuldigen und freisprechen, bei welchem kein Mensch mehr einen Grund der Entschuldigung oder Freisprechung zu finden vermag. Er versteht daher meisterhaft die Kunst, Jeden nach seiner Eigenthümlichkeit, seinem Temperament, seinen Anlagen und Fähigkeiten zu leiten und zu erziehen, und aus ihm etwas zu bilden für Sein Reich. Möchten wir nun auch ebenso kindlich und offen, biegsam und lenksam uns Ihm hingeben, es ebenso redlich und treu mit Ihm meinen, wie Er es mit uns meint, immer das Auge auf Ihn richten, immer das Herz Ihm offen erhalten, immer Seinen Wegen und Führungen entgegen kommen, daß Er niemals wehmüthig über uns, wie über Israel, seufzen müßte: „Ich kenne euch, daß ihr Gottes Liebe nicht in euch habet“ (Joh. 5, 42.), sondern allezeit froh bewegt uns das Zeugniß ausstellen könnte: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, sie sollen nimmermehr umkommen und Niemand soll sie mir aus meiner Hand reißen.“ (Joh. 11,27.28.) Amen.

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