Spurgeon, Charles H. - Exzentrische Prediger - III. Ursachen der Exzentrizität.

Spurgeon, Charles H. - Exzentrische Prediger - III. Ursachen der Exzentrizität.

Wir haben bisher von exzentrischen Leuten gesprochen, haben aber noch nicht gesagt, wodurch man exzentrisch wird. Diese wichtige Frage wollen wir jetzt ins Auge fassen.

Manche Geistliche hat man einzig und allein deswegen für exzentrisch angesehen, weil sie natürlich gewesen sind. Sie haben sich selbst gegeben, nicht andere nachgemacht. Was in ihnen steckte, haben sie nicht verleugnet, sondern vielmehr allen ihren Fähigkeiten freien Spielraum gewährt. Nehmen wir z. B. John Berridge - der war wunderlich von Natur. Wir haben uns im vorigen Abschnitt hauptsächlich auf seine Briefe bezogen, weniger auf seine Predigten und lehrhaften Schriften; denn im Brief findet man den Mann am ersten so, wie er wirklich ist. Berridge nun konnte nicht anders, er musste wunderlich sein. Sein Wesen war ganz und gar darauf angelegt, und sein Junggesellenleben trug nicht wenig dazu bei, seine schrullenhaften Neigungen vollends zu entfalten. Diese waren ihm daher ureigentümlich. Das sieht man schon an seiner häuslichen Einrichtung, z. B. wenn er an einen Freund schreibt: „Das ist ja wunderschön, dass Du mich in Everton besuchen willst. Pferdefutter haben wir immer in Hülle und Fülle. Aber für Dich selbst findest Du, wenn Du mir Deine Ankunft nicht genau meldest, weiter nichts, als magere kalte Küche. Denn Gebratenes gibt's bei uns bloß zweimal die Woche. Schickst Du mir aber eine Zeile, so werde ich Dich ebenso, wie immer den lieben Whitefield, mit einem wohlgemästeten Fünfzehn-Groschen-Huhn regalieren1). Das wird weder Deinen Magen noch meine Kasse sprengen. Die Hälfte gibt's zu Mittag zu einem Pudding, die andere Hälfte Abends. Gott schenke Dir und Deiner Gattin viel Barmherzigkeit, Liebe und Frieden; Deine Kinder segne er und gebe ihnen ein neues Herz. Mit vielem Dank bleibe ich Dein treu ergebener Diener F. B.“

Ganz ebenso zeigt er sich in seinen Liedern, selbst in den ernstesten; so z. B. in dem wohlbekannten Gesang, worin er von den Seligen im Himmel spricht und worin es heißt:

„Mühselig dringt mein Lied empor,
Weil Lust so oft sich kehrt in Leid;
Streifst du einst ab mein irdisch Kleid,
Laut sing' ich dann im sel'gen Chor.“

Wir können den lieben Mann für seine Wunderlichkeiten kaum strenger beurteilen, als er sich selbst in folgenden Versen beurteilt:

„Süß und sauer, kalt und warm,
Eben fröhlich, jetzt voll Harm,
Kaum bei Jesu andachtsvoll,
Fasst's mich wieder wirr und toll.
Wetterwendisch ist mein Sinn,
Zerrt mich her und zerrt mich hin!
Krank ist sicher mein Gebein,
Könnt' ich sonst so närrisch sein?“

Rowland Hill hinwiederum war auch originell von Natur; er tat sich aber Zwang an. Dennoch konnte er nicht hindern, dass sein originelles Wesen doch zum Durchbruch kam. Einst predigte er in der Kapelle des Dr. Collyer zu Peckham, wo immer alles ehrbar und in strengster Ordnung zu verlaufen pflegte. Hier sprach er volle 25 Minuten in einem tiefernsten feierlichen Tone; aber zuletzt zeigte der echte Rowland Hill sein wahres Gesicht, und 15 Minuten lang drängte eine Schnurre die andere. In der Sakristei bekannte er nachher, dass er immer und immer wieder sich zusammengenommen habe, um sich keinen Ausdruck entschlüpfen zu lassen, der zum Lachen reizen könnte. „Aber, meinte er, das hilft mir rein gar nichts. Wenn's mir den Kopf kosten sollte, ich kann nicht anders.“ Er ging nie darauf aus, wunderliche und überraschende Dinge zu sagen, ja, er gab sich alle erdenkliche Mühe, sie zu vermeiden. Aber es lag so sehr in seinem Wesen, dass er ohne sie nicht mehr er selbst gewesen wäre. Wollen wir den Mann darum tadeln? Im Gegenteil! wir finden es lobenswert. Originelles Wesen soll nicht bekrittelt und eingeschüchtert, sondern ermutigt werden.

Sir Josua Reynolds sagt in Bezug auf die Maler: „Wenige haben überhaupt etwas gelernt, wenn sie es nicht aus sich selbst gelernt haben.“ Darin liegt eben die starke Seite eines Gainsborough, dass er sein Genie selbständig in Feld und Wald, nicht in den Ateliers einer Akademie ausbildete. „Die künstlerische Methode, durch welche er seine Erfolge erzielte, verrät ganz einen Künstler, der nicht anderen die üblichen schulgerechten Handgriffe abgelernt hat, sondern welcher, erfüllt von einer lebendigen und klaren Anschauung dessen, was er darzustellen beabsichtigt, mit glücklichem Griff allemal die rechten Mittel findet, um selbständig sein Ziel zu erreichen.“ Solche Leute brauchen wir auf der Kanzel; schulmäßig dressierte Köpfe aller Art haben wir genug.

Wie diese kühlen, handwerksmäßigen Naturen im Gänsemarsch, einer in die Fußstapfen des andern tretend, daher gezogen kommen, erinnern sie mich lebhaft an jene Prozessions-Raupen, welche ich einst bei Mentone sah: in langem Zuge marschierten sie vorüber, jede den Kopf so dicht am Schwanz des Vordermanns, dass man hätte glauben können, es sei ein einziger endloser Wurm. Wer dagegen mit ganzem Herzen seinem Gotte dient, vermag alles um sich her zu vergessen und sich in seine Aufgabe so völlig hineinzuversenken, dass jede Faser seines Wesens mitzuarbeiten anfängt und auch sein Humor, wenn er solchen besitzt, mit auf den Kampfplatz tritt.

Andere haben sich dadurch den Titel „exzentrisch“ erworben, dass sie aufrichtiger gewesen sind, als die andern. Strenge Wahrhaftigkeit findet sich ja bei uns nicht allzu häufig. So sagen manche, sie haben keine Zeit und können Personen, die sie besuchen wollen, nicht vorlassen. Schreiben sie an Jemand, den sie verachten, so fangen sie an: „Sehr geehrter Herr!“ und an solche, die ihnen gar nichts zu sagen haben, unterschreiben sie sich: „Gehorsamer Diener.“ Ich führe dies nur als ganz gewöhnliches Beispiel einer heuchlerischen und unwahren Höflichkeit an: solche Leute sind Rohre, die sich vor jedem einmal wehenden Winde neigen. Wenn nun Jemand von solcher verlogenen Artigkeit nichts hält, sondern die blanke Wahrheit sagt, gleichviel ob er sich dadurch missliebig oder angenehm macht: so nennt man ihn exzentrisch. So geschah es kürzlich einem Herrn, welcher auf die Frage, wie ihm der Tee schmecke, die Antwort gab: „schlecht, denn er ist sehr dünn und beinah kalt.“ Andere hatten eine nichtssagende Redensart erwidert, oder hatten sich für sehr befriedigt von dem widerlichen Gebräu erklärt sie entgingen natürlich der Verurteilung. Kein Wort weiter davon! Wo Wahrhaftigkeit für verschroben gilt, da muss das Geschlecht selbst verschroben sein.

Vater Taylor leitete einst eine Gebetsversammlung seiner bekehrten Matrosen, als ein angesehener Mann aus den vornehmen Kreisen der Stadt erschien, um die armen Leute mit seiner Gegenwart zu beehren und sich als Gönner ihres Missionars auszuspielen. Er hielt eine Ansprache, worin er den Edelmut der wohlhabenden Christen von Boston herausstrich, welche dem Herrn Taylor hätten eine Kapelle bauen helfen und zu seinem Gehalt Beiträge zahlten. Er pries diese vornehmen Herrschaften, weil sie sich so viel um arme heruntergekommene Matrosen bekümmerten, und erfreute die Zuhörerschaft mit einer so wohlgewogenen Portion von Herablassung, dass sie sich sechs Monate zum mindesten daran letzen konnten. Sobald der großmütige Herr fertig war, fragte Taylor ganz ruhig: „Ist vielleicht noch so ein alter Sünder aus der Stadt hier, der gern ein paar Worte sprechen möchte, ehe wir fortfahren?“ Die Exzentrizität dieses Ausdrucks lag in der Offenherzigkeit, welche den Redner für seine taktlose Unverschämtheit so derb züchtigte.

Der treffliche Pfarrer Grimshaw bewies sich einst auch als exzentrisch, als Whitefield in seiner Kirche predigte. Whitefield hatte sehr ernst von solchen Bekennern des Evangeliums gesprochen, deren unordentlicher und schlechter Wandel daran schuld wäre, dass die Wahrheit verlästert würde. Er sprach darauf die Hoffnung aus, dass es nicht nötig sein möchte, über diesen Punkt ausführlicher zu der vor ihm versammelten Gemeinde zu reden, weil sie so lange den Vorzug genossen hätte, die ernsten Predigten eines so tüchtigen und treuen Geistlichen zu hören. Auf springt Grimshaw und ruft mit lauter Stimme: „Um Gottes willen, sagen Sie das nicht, lieber Herr! Bitte schmeicheln Sie ihnen nicht! Ich fürchte, die meisten von ihnen rennen mit offenen Augen zur Hölle.“ Wie verschieden von jenem glattzüngigen Schmeichler, welcher sich den Besuch eines Reisepredigers verbat, weil solche Art Leute bloß fähig wären, vor Gottlosen zu predigen, und er sich nicht denken könnte, dass es einen einzigen solchen Menschen in seiner Gemeinde geben sollte!

Einst verwarnte Hill einen Trunkenbold. Derselbe fragte ihn mit pfiffigem Blick: „Glauben Sie denn wirklich, Herr Pastor, dass ein Glas Branntwein den Heiligen Geist aus meinem Herzen treiben kann?“ „O nein,“ antwortete der treue alte Mann, denn da ist noch gar kein Heiliger Geist d'rin.“ Das traf den Nagel auf den Kopf, und eben deswegen nennt man es exzentrisch2).

Matthew Wilks hasste ganz besonders die schmeichelhaften Redensarten, mit welchen manche salbungsvolle Brüder ihn bei jeder Gelegenheit zu überschütten pflegten. „Heute Abend,“ sagte er einmal, „haben mir die Gebete meiner Leute recht gefallen. Keine Salbaderei, keine Schmeichelei, kein Gerede von mir als von einem Heiligen, so dass man schier die Krämpfe bekommen möchte. Schöner Heiliger! Ich elender Wurm! Ich kann kaum an mich halten, dass ich nicht dazwischen fahre, wenn solch Geschwätz mich in die Ohren sticht.“ Zu einem wohlhabenden Mann, welcher ein Gabenverzeichnis für eine wohltätige Anstalt mit einer sehr kleinen Summe eröffnet hatte, sagte er: „Ich will gar nichts mehr damit zu tun haben, nachdem Sie so wenig dafür getan haben. Sie hätten sollen das Kind nähren und pflegen, bis es auf eigenen Füßen hätte stehen können statt dessen haben Sie es in der Geburt erstickt!“

In allen diesen Fällen war freimütige Aussprache die Ursache der Exzentrizität. Von dieser Art könnten wir wohl nicht leicht zu viel bekommen, sobald sie mit echter Liebe und Sanftmut gepaart ist. Aber das steht fest: sobald Jemand sich vornehmen wollte, in jedem Wort unerbittlich streng bei der Wahrheit zu bleiben, so würde er vor Sonnenuntergang für schrullig und exzentrisch gelten.

Wieder bei anderen Geistlichen lag die Exzentrizität darin, dass sie mannhaft gewesen sind, zu mannhaft, um sich von den Sitten und Gewohnheiten ihrer Zeit knechten zu lassen. Sie haben sich erdreistet, die eine oder die andere Schranke zu durchbrechen, welche man errichtet hatte, um für Gliederpuppen einen Halt abzugeben, und haben sich als echte Männer bewiesen. So erging es sehr oft Binney, der weiter nichts sich zu Schulden kommen ließ, als dass er sich zwanglos und frei von allen Kanzelmanieren bewegte. Je nun, am Ende gibt es auch noch Leute, welche es exzentrisch finden, wenn man so redet, dass die Schlafenden aufwachen; exzentrisch, wenn man seine Worte durch passende Gesten veranschaulicht; exzentrisch, wenn man irgendein einfaches Gleichnis anwendet; mit einem Wort exzentrisch Alles, was ein klein wenig packender ist, als das nichtssagende Wortgepränge eines Blair. Wer ein Mann ist, lässt sich nicht in die Zwangsjacke kindischer Gewohnheiten pressen, sondern denkt so, wie Matthew Wilks, wenn er sagt: „Das Fleisch schreit: was werden die Leute dazu sagen! Ein unter der Zucht des Geistes stehendes Gewissen schreit: was wird Gott dazu sagen!“ So lag die ägyptische Kunst im Banne einer hässlichen Monotonie, weil die Form für jeden Zug, für jedes Glied ihrer Bildwerke durch Gesetz und Herkommen fest vorgeschrieben war. Hätte ein Künstler die lebendige Anmut griechischer Skulpturen vorwegnehmen wollen, er würde von seinem Volk als gefährlicher Neuerer verdammt worden sein, während unbefangene Geschlechter ihn als Reformator gefeiert hätten. Ganz derselbe Fall liegt bei Predigern. vor, welche künstliche Schranken durchbrechen und es kühn verschmähen, bloße Nachahmer anerkannter Muster zu sein. Hie und da kommt es auch vor, dass die Weise eines hochverehrten Seelenhirten, selbst nachdem er zur Ruhe heimgegangen ist, für die Zukunft maßgebend bleibt. Der fadenscheinige Mantel, welcher ihm selbst vortrefflich gestanden hat, soll nun auch durchaus für den Nachfolger das geziemende Gewand bleiben, daher die alten Weiber beiderlei Geschlechts Ach und Weh schreien, über jeden, der lieber seinen eigenen Rock tragen will.

Dasselbe starre Festhalten an bestehenden Gebräuchen kann man sogar den Dissentern ganz leicht nachweisen, ja, dieselben scheinen in dieser Beziehung oft genug mit den Konzilien hochwürdiger Bischöfe zu wetteifern. Da kann man sich in Ansehung der Länge des Gesanges oder der Ordnung des Gottesdienstes keine auch nur haarbreite Abweichung gestatten, ohne sich an seinem eigenen guten Namen und an den Empfindungen des konservativen Teils der Gemeinde zu versündigen. Es gibt zwar nicht eben viele solcher Orte mehr, aber doch gerade genug, und wo dieses Übel herrscht, da halten die guten Leutchen nicht weniger hartnäckig an ihrem hergebrachten Unsinn fest, wie die englische Kirche nur irgend an ihren gedruckten Gebeten und Liturgien festhalten kann. Der Prediger aber muss sich all dem vorschriftsmäßigen Plunder unterwerfen, als wäre es Gottes Wort selbst, oder sich als exzentrisch und würdelos verunglimpfen lassen. Wer wirklich ein Mann ist, wird sich nun zwar um des lieben Friedens willen fügen, so weit er, ohne seinen Geist in Fesseln zu schlagen, nur irgend kann; aber ehe er diese Grenze überschreitet, wird er doch fragen: wer gibt diese Vorschriften und wozu sollen sie helfen? Findet er dann, dass sie wertlos und schädlich sind, so wird er sie unter die Füße treten und damit hat der Unrat ein Ende. Manche Gemeinden hat der feierliche Anstand an den Rand des Todes gebracht; ein frischer Lebensodem tut ihnen dringend not, und der kann nur durch frisches, freies Wesen hineinkommen. Als Rowland Hill hörte, dass die Leute von ihm sagten, er springe mit Ordnung und Würde geradeso nach seinem Gefallen um, wie der Reiter mit seinem Gaul3), gab er seinen beiden Pferden die Namen „Ordnung“ und „Würde,“ um jenem Geschwätz, wenn auch nicht buchstäblich, so doch insofern einen Schimmer von Wahrheit zu verleihen, als er nun wirklich wenigstens mit ihnen umherkutschierte. Ordnung und Würde sind in manchen unserer Kirchen zur Todsünde geworden, ja, sie sind zu gleicher Zeit Tote und Totengräber. In manchen Gemeinden ist alles so ordentlich und abgemessen, dass sie einem Gewölbe gleichen, in welchem die Leichname jeder an seinem gehörigen Platze stehen; keiner darf sich rühren, keiner sich mucksen oder nur im allergeringsten mausig machen.

Das kann nicht so bleiben: schnell die Posaune her! Blase Alarm! Wecke die Schläfer auf! Exzentrizität, ziehe das Schwert! (Wenn du Leben mit diesem Namen nennen willst.) Gott weiß, wie dringend Not sie uns tut!

Nach alledem liegt so viel auf der Hand, dass die „Auswüchse“ einer lebensfrischen Mannhaftigkeit etwas ganz anderes sind, als die Bocksprünge, welche zuweilen eine dürre, verschrumpfte Routine fertig bringt, trotzdem sie mit Vorliebe im Leichenträgerschritt einherwandelt oder noch lieber in den Armen des Todesschlafes sich wiegt. Man höre nur, was einst einem jener salbungsvollen Vorleser fremder Predigten widerfahren ist, ein Vorfall, wie er sich ähnlich oft genug zutragen mag. Derselbe hielt eine Predigt, in welcher folgende Stelle vorkam: „Wegen eurer Sünden, wegen eurer Verachtung des Gotteshauses, wegen eures in den Götzendienst des Fleisches versunkenen Lebens ist der Zorn des Allerhöchsten über euch entbrannt; darum hat euch diese schwere Pestilenz heimgesucht, darum wütet der Tod in allen Gassen!“ Als die Predigt aus war, erschienen Vertreter der Stadtbehörden, um sich zu erkundigen, was für eine Pestilenz das wäre und welche Opfer sie bereits gefordert habe? Alle Welt war in ängstlicher Spannung, zu erfahren, wo diese entsetzliche Seuche wütete. „Ich weiß es selber nicht,“ erwiderte der würdige Herr Pfarrer, „es stand so in meiner Predigt, also musst' ich's auch vorlesen.“ Es wäre ein Leichtes, noch viele Fälle anzuführen, wo dem Prediger seine geborgte oder richtiger gestohlene Predigt einen ähnlichen Streich gespielt hat. Es liegt das aber außer meiner Aufgabe. Ich habe das eine nur angeführt, um zu zeigen, wie eine geistlose Routine dazu kommen kann, sich selber lächerlich zu machen. Mir erscheint sie ohnehin lächerlich, sobald man sie mit einem von Wahrheitsliebe geschärften Auge betrachtet. Geschraubtes Wesen, gekünstelte Ziererei, pathetische Feierlichkeit streifen sehr nahe an das Lächerliche; selbst im besten Fall ist's nur ein Schritt von einem ins andere, und mancher tut diesen Schritt, ohne selbst in würdevoller Unbefangenheit irgendetwas davon zu merken.

Bei manchen andern Geistlichen bestand ferner, wie ich kühn behaupte, die Exzentrizität in nichts anderem, als darin, dass sie es aufrichtig ernst meinten und darum eifrig waren. Der Eifer setzt sich gern über gezogene Schranken hinweg, ja, ich halte dafür, es ist ihm unmöglich, immer „angemessen“ zu sein.

Z. B. möchte es ja wohl am Ende Mittel und Wege geben, um bei einer Feuersbrunst eine Dame auf schickliche und anständige Weise aus ihrem Schlafzimmer herauszuholen. Doch fragt unsere Feuerwehr in solchem Fall wohl wenig danach, was sich schickt: sie legen Hand an, so gut es eben geht, und machen keine Komplimente. Die Flammen greifen ungestüm um sich, so machen sie es auch; sonst geht es ans Leben. Ebenso mag es wohl auch ein Verfahren geben, um einen Ertrinkenden auf sanfte, anständige Art aus dem Wasser zu befördern. Ich habe aber wackere Leute gekannt, welche ihn an den Haaren herausgezogen hatten; das war grob und ungeschlacht, aber es half. Wer wird sie tadeln, wenn sie so ungeschlacht zugefahren? Die Seele ist doch nun aber viel mehr wert, als der Leib - soll sie aus Anstandsrücksichten verloren gehen? Lasst nur einmal einen Mann so zierlich und sein, wie möglich, mit den allerelegantesten Handschuhen angetan, auf die Kanzel steigen - wie solches tatsächlich vorkommt. Dann lasst ihn aber von einer Herzensangst um die Rettung der Menschen ergriffen werden: gebt acht, wie bald er seine feierliche Haltung vergessen, wie bald seine Handschuh zerplatzen werden, um sicher für immer in den Plunderkasten zu wandern! Man kann nur so lange zeremoniös und fein, zart und elegant sein, bis man anfängt, dem Gewissen der Menschen ernstlich und scharf zu Leibe zu gehen; dann hört's auf, und wie jener Soldat bei Waterloo, welcher seufzte: „ach, dass ich doch in Hemdsärmeln arbeiten könnte“, fühlt man sich beengt durch Leinwand und Stärke, dann redet man als Mensch zum Menschen. Dann schlagen aber auch die Einfaltspinsel und sonstige Tröpfe die Hände über den Kopf zusammen und schreien: „Liebste Zeit, wie schrecklich, wenn der Mensch so exzentrisch wird!“

Einige Theologen hat auch der schwungvolle, hochpoetische Reichtum ihrer Reden exzentrisch erscheinen lassen. Was prosaische Alltagsgeister sind, solche geraten natürlich außer Fassung über Ausdrücke, welche poetischen Gemütern ganz natürlich und an sich durchaus nicht absonderlich sind. Um sich am Geist des Predigers zu erfreuen, muss der Zuhörer eben auch ein wenig Geist besitzen. Einer meiner persönlichen Freunde, dessen Predigten die reinen Gedichte waren, lachte einst über folgenden Ausdruck eines bewundernden Zuhörers, welcher ihn früher nicht recht hatte würdigen können. „Es tut mir gar zu leid, sagte derselbe, dass ich so dumm gewesen bin, Ihre Predigten so lange zu meiden; ich habe Sie damals eben mit gelbsüchtigem Auge angehört.“ Freilich mit den gelbsüchtigen Augen eines kalten Verstandesmenschen kann man die hohe Schönheit glänzender Metaphern und Bilder nicht fassen, und sieht darum in ihnen nichts anderes, wie Exzentrizität. In jüngeren Jahren habe ich oft einfältige Gebete gehört, von deren begeistertem und selbst poetischem Schwunge ich tief ergriffen wurde, während andere über ihre schwülstige Sprache zeterten. Ein exzentrischer Mann dieser Art stand mir einst sehr nahe, und ich habe seine packenden Aussprüche, seine kostbaren Gedanken, seinen seltenen Bilderreichtum noch heute sehr wohl im Gedächtnis, während andere Predigten mir ganz und gar entfallen sind, weil sie mir nie zu Herzen gegangen waren. Von ihm könnte ich sagen, was John Bradford von Latimer sagte: „Für andere Theologen habe ich Ohren, für Sie ein Herz.“ - So werden ohne Zweifel genug andere von den Tölpeln ihrer Umgebung als exzentrisch verurteilt, weil sie schöpferischen Geist haben und mit vollen Händen Perlen ausstreuen.

Noch andere konnten dem Rufe der Exzentrizität nicht entgehen, weil sie mit scharfem gesundem Verstand begabt waren. Sie haben etwa einen Anschlag, den man gegen sie ins Werk setzen wollte, durchschaut und vereitelt aus Rache hängt man ihnen den Ehrennamen „exzentrisch“ an. Sie ließen sich nicht so leicht hinters Licht führen, wie andere, sondern fertigten Gleisner, Heuchler und Spötter mit einer Dosis Mutterwitz ab es müssen also durchaus absonderliche Gesellen sein. Ich will diesen Punkt nicht näher erörtern, sondern will ihn durch die Geschichte eines exzentrischen Schäfers illustrieren, dessen Schlagfertigkeit für jeden Diener Gottes eine höchst wünschenswerte Gabe wäre freilich würde sie ihn unfehlbar in den Ruf der Exzentrizität bringen. Ein überaus eingebildeter geistlicher Herr ritt über einen Gemeindeanger, als er einen Schäfer sah, der seine Herde weidete und einen neuen Rock an hatte. Er fragte ihn in hochmütigem Ton, wer ihm denn den Rock geschenkt hätte. „Dieselben Leute, antwortete der Schäfer, welche Ihnen die Kleider liefern - die Gemeinde.“ Der Geistliche ärgerte sich und ritt brummend weiter. Nachdem er eine Strecke weit geritten war, schickte er seinen Reitknecht zurück und ließ den Schäfer fragen, ob er nicht mitkommen und bei ihm bleiben wollte; er hätte die Absicht, sich einen Hofnarren zu halten. Der Knecht richtete seinen Auftrag aus in der Meinung, sein Herr wolle wirklich einen Narren halten. „Gehen Sie denn etwa fort?“ fragte der Schäfer. „Nein,“ antwortete der andere. „Dann sagen Sie nur Ihrem Herrn, sein Haus wäre für unser drei zu klein.“ Mit solchen vernichtenden Antworten verstanden Rowland Hill und Andere Heuchlern und Spöttern trefflich zu dienen; sie haben sie wohlweislich verschwiegen, aber trotzdem deswegen die Nachrede geerntet, dass sie exzentrisch seien.

Noch andere sind durch den außerordentlich hohen Grad dramatischer Energie, womit sie begabt waren, exzentrisch geworden. Manche Leute begleiten ja ihre Worte mit einer angeborenen und durch Gewöhnung noch gesteigerten Lebhaftigkeit der Gestikulation. Es liegt bei ihnen im Blute, dramatisch zu werden. Man sehe einen Franzosen an, wie bei ihm die Hände, die Schultern, die Augenbrauen, die Füße, ja, der ganze Mensch mitspricht. Der Engländer gestikuliert nicht so lebhaft; doch trifft man zuweilen Personen, welche hierin den lebendigsten unserer gallischen Nachbarn nichts nachgeben. Warum sollen sie nicht? Der berühmte William oder, wie man ihn gewöhnlich gemütlich nannte, „Billy“ Dawson wäre gar nichts gewesen, wenn er nicht hätte dramatisch sein wollen.

Ich hörte einmal einen wohlbekannten Geistlichen von einer Predigt Dawsons über die Arche Noahs erzählen. Da er sich auf der Kanzel zu sehr beengt sah, sprach er: „Das geht so nicht.“ Damit machte er die Kanzeltür wieder auf, stieg hinunter und stellte sich unter die Kanzel. Nun begann er, Bäume zu fällen, zu behauen, zu zersägen; dann hämmerte er darauf los, als ob er an der Arche arbeitete: die Kanzel stellte die Arche vor. Vor aller Augen baute er dieselbe fertig, und die Erregung des Volkes stieg aufs Allerhöchste, als nun Dawson rief: „Die Sündflut kommt, und ich baue diese Arche, um mich und mein Haus zu erretten. Nur wer mit in die Arche kommt, kann gerettet werden!“ Dann schien er einen großen Kessel voll Pech zu kochen, bis er schließlich eine lange Bürste nahm, und die Arche inwendig und auswendig verpichte. Als er das alles gemacht hatte und sein Schiff fix und fertig dastand, ging er wie Noah umher und fragte alles Volk zum letzten Mal, ob sie mit hineinkommen und gerettet werden wollten. Da sich niemand bereitfand, so erklärte er: „Dann gehe ich allein hinein!“ Damit stieg er auf die Kanzel, und machte die Tür mit den Worten hinter sich zu: „Und Gott schloss die Arche zu.“ Jetzt kam die Flut und unser Gewährsmann erklärt, dass es ihm gerade so zu Mute gewesen sei, als ob der Fußboden der Kirche aufbräche und die Gewässer von unten heraufsprudelten, während in mächtigen Strömen ungeheure Wasserfluten von oben herab sich ergossen. Und mitten darin stand Dawson, ein zweiter Noah, lebendig und gerettet, und rief mit mächtiger Stimme: „Nun ist es zu spät, die Türe ist verschlossen!“ Alle waren erschüttert und hörten mit atemloser Spannung zu, wie er sie schließlich bat, daran zu denken, dass solches alles bald geschehen würde, und ihnen Christum predigte als den einzigen Erretter. Niemand von uns würde so etwas wagen dürfen; und doch möchte ich an Dawson keinen Finger legen. Warum sollte er die Szene nicht in seiner Weise ausmalen? Wenn ihm Gott dramatisches Talent gegeben hat, warum sollte er sich desselben nicht bedienen dürfen, um einen Eindruck auf seine Zuhörer hervorzubringen? Vielleicht wusste er, dass die Leute, welche um ihn herum saßen, auf andere Weise nicht anzufassen waren. Er war es auch, der ein anderes Mal die Geschichte von David und Goliath beschrieben hat. Er stellte David dar, wie er mit seiner Schleuder daherkommt, und den Riesen, wie er prahlte, dass er sein Fleisch den Vögeln des Himmels und den Tieren des Feldes geben würde usw. Aber David antwortete: „Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Schild, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth.“ Er legte behutsam den Stein in seine Schleuder, wirbelte sie herum, und man hörte förmlich den Stein gegen die Stirn des Riesen sausen. In diesem Augenblick sprang Sammy Hick, der Grobschmied, welcher dicht dabei saß, in fürchterlicher Aufregung empor und schrie: „Jetzt, Billy, hau ihm den Kopf ab!“

Ich für mein Teil habe solche dramatische Predigten gern, falls sie sich in geziemenden Grenzen halten und durchweg sehr gut ausgeführt werden. Man konnte dieselbe Art der Darstellung in bewunderungswürdiger Weise an Herrn Gough sehen. Habe ich selbst ihn doch in seiner Predigt, wie es den Anschein hatte, meilenweit wandern, über die Ebene und über die Flüsse dahineilen sehen, bis er zuletzt am Vesuv anlangte - alles reine Phantasie! Mir ist, als sähe ich ihn noch, wie er mit beiden Füßen in der heißen Asche versank, wie er vergebens sich dagegen wehrte, und endlich vor unseren Augen unterging. Das alles war großartig dargestellt und kein Mensch hat ein Recht, darüber unwillig zu werden. Gough hatte Garricks Gedanken erfasst und redete von Wahrheiten wie von wirklichen Tatsachen, indem er sie uns handgreiflich vor die Augen malte. Ich kenne hier recht gut die sehr wohlfeilen Urteile über schauspielerhafte Darstellung, theatralische Aktion, fromme Komödie und dergleichen; ich unterschätze auch keineswegs die großen wirklichen Gefahren. Aber viel lieber nehme ich doch alle erdenklichen Gefahren mit in den Kauf, ehe ich mich entschließe, eine Naturgabe von so erwecklicher Gewalt kurzweg von der Kanzel zu verbannen.

Endlich hat die Exzentrizität vieler Prediger ihren Grund darin gehabt, dass sie ihre Sache praktisch angegriffen haben. Ein einzelner Fall erfordert oft Maßregeln, welche unter verschiedenen Verhältnissen sich nicht würden rechtfertigen lassen. Wenn nun andere die näheren Umstände nicht genau kennen, so stellen sie häufig die Worte und Handlungen in ganz anderem Lichte dar, und dadurch erscheinen sie tadelnswert.

So wollten jene um jeden Preis mit Gottes Hilfe Menschen selig machen; darum war ihnen jedes Mittel recht, durch welches sie an die Stumpfsinnigen, Unwissenden und Gleichgültigen herankommen zu können hofften. Aus diesem Grunde entschlossen sie sich zu allerlei Dingen, welche auffallend und übertrieben waren - die Not drängte sie dazu. Derartige Worte und Handlungen sind dann aus dem Zusammenhange mit den besonderen Umständen, durch die sie veranlasst wurden, herausgerissen und isoliert worden. Die Meinung und Absicht des Predigers ist vergessen, und nun erscheint allerdings das, was er getan, mindestens exzentrisch, wo nicht gar unverantwortlich. Aber wohlgemerkt, hättest du an derselben Stelle gestanden, hättest du den schlagfertigen Witz und den über die Maßen brennenden Eifer des andern gehabt, du hättest es schwerlich anders und besser gemacht. Ich will ein paar Beispiele anführen. Das erste ist aus Grants Skizze über Rowland Hill in den „Kanzeln der Hauptstadt“ (The Metropolitan Pulpit); es ist etwas umständlich erzählt; man verzeihe, wenn ich's nach meiner Weise etwas kürzer fasse.

Eine fromme Frau, Mitglied der Surrey Chapel-Gemeinde, hatte einen Ehemann, welcher zwar gegen sie freundlich war, jedoch gar keinen Sinn für Religion hatte. Während sie die Predigt des Evangeliums fleißig besuchte, verbrachte er die Zeit hinter dem Bierglase. Nun geschah es einst, dass in Folge schlechter Geschäfte das Paar nicht im Stande war, zu einem bestimmten Termin seine Miete zu bezahlen. Deshalb wurde ihr Mobiliar mit Beschlag belegt und ein Teil verpfändet. Nachdem sie hin und her überlegt hatten, wie sie sich aus dieser Verlegenheit ziehen könnten, waren sie nahe daran zu verzweifeln, als die Frau auf den Gedanken kam, ihre Lage dem Pastor Hill zu offenbaren. Sie suchte ihn auf, fand sofort Einlass, und mit nicht geringer Beklommenheit stellte sie ihm kurz und einfach die Sache dar.

„Wie viel würden Sie brauchen, um Ihre Möbeln wieder zu bekommen?“ fragte Hill. „Achtzehn Pfund4) wäre vollkommen hinreichend,“ erwiderte die arme Frau mit pochendem Herzen.

„Ich werde Ihnen zwanzig leihen; Sie können sie mir zurückzahlen, wie es Ihnen bequem ist. Schicken Sie Ihren Mann her; bis er kommt sollen zwei Zehnpfund-Noten zur Stelle sein. Ich möchte sie lieber ihm, als Ihnen geben.“

Frau O. verließ Hill und eilte mit leichten Füßen und noch leichterem Herzen nach Hause. Nachdem sie ihrem Manne mitgeteilt hatte, was zwischen ihr und ihrem Seelsorger verhandelt worden war, säumte er keinen Augenblick, sich zu Hill zu begeben, welcher ihn freundlich empfing.

„Sie haben also das Unglück gehabt, begann er, ausgepfändet zu werden?“

„Leider! Herr Pastor.“

„Und für zwanzig Pfund würden Sie Ihre Möbel wiederbekommen können?“

„Jawohl, Herr Pastor.“

„Gut, sagte Hill auf den Tisch deutend, dort liegen zwei Zehnpfund-Noten für Sie; stecken Sie sie ein. Sie können sie mir wiedergeben, wann es Ihnen möglich ist.“

Der andere ging an den Tisch, nahm die Banknoten, und war eben daran, sie zusammenzufalten, wobei er Hill seinen wärmsten Dank für die bewiesene Güte und die Hoffnung aussprach, die Summe recht bald zurückzahlen zu können; - als der Letztere plötzlich ausrief: „Halt, warten Sie noch! Legen Sie schnell das Geld wieder hin, bis ich um einen Segen für dasselbe gebetet habe.“

Der andere tat es, worauf Hill beide Hände aufhob und folgendermaßen betete: „O Herr, du Quell aller Gnade, du Geber aller guten und vollkommenen Gabe, wir bitten dich demütig, segne das Geld, welches der Mann, der hier vor deinem Angesicht steht, erhalten hat, damit es zu seinem zeitlichen und ewigen Heile dienen möge, durch Jesum Christum! Amen.“

„Nun,“ fuhr Rowland Hill nach diesem kurzen Gebet fort, „nun stecken Sie Ihr Geld ein.“

Sein Gegenüber nahm zum zweiten Mal die Banknoten, und war wiederum gerade daran, sie zusammenzufalten, als Hill ihn noch einmal unterbrach, und sagte, er hätte etwas vergessen. Man kann sich denken, dass er diesmal in einige Verwirrung geriet. Dieselbe wuchs um ein Beträchtliches, als Hill hinzufügte:

„Guter Freund, Sie haben selbst noch nicht um einen Segen für das Geld gebeten. Tun Sie das doch gleich.“

„Herr Pastor“, stotterte der andere, völlig außer Fassung, „Herr Pastor, ich kann nicht beten; ich habe in meinem ganzen Leben noch nie gebetet.“

„Umso mehr tut's not, dass Sie endlich anfangen“, sagte Hill ruhig, aber streng.

„Ich kann nicht, Herr Pastor, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Versuchen Sie's doch! Danken Sie Gott, bitten Sie um Segen, nur ein paar Worte!“

„Ich kann nicht, Herr Pastor, mir fällt rein gar nichts ein!“

„Dann kann ich Ihnen das Geld auch nicht geben. Ich werde mich doch hüten, einem Menschen, der nicht beten kann, zwanzig Pfund zu borgen.“

Der andere zauderte noch einen Augenblick, schloss dann beide Augen, hob die Hände auf und sprach mit feierlichem Ernst: „Mein Gott, was soll ich denn nun bloß zu dir und zum Herrn Pastor Hill sagen!“

Er wollte einen zweiten Satz anfangen, doch Hill unterbrach ihn: „Genug, genug! Ein herrliches Gebet für den Anfang, weil's aus dem Herzen kam! Nun stecken Sie Ihr Geld ein, möge Gottes Segen darauf ruhen.“ Mit diesen Worten nahm Hill die zwei Banknoten, überreichte sie dem ganz verblüfften Mann, und sagte ihm mit herzlichem Händedruck Lebewohl.

Ich will nur noch erwähnen, dass Mann und Frau nicht bloß in zeitlichen Dingen Glück hatten, sondern dass dies Ereignis einen so tiefen Eindruck auf das Gemüt des Mannes machte, dass er sich schließlich auch noch zu Gott bekehrte.

Gewiss war dies eine ungewöhnliche Art, einen Menschen zum Gebet zu treiben, aber wer mag behaupten, dass es unrecht war?

Meine zweite Geschichte ist noch ungewöhnlicher. Ich muss sie nach dem Gedächtnis mitteilen; es tut mir aber leid, dass ich mich nicht mehr aller Einzelheiten genau zu entsinnen vermag. Doch werde ich erzählen, so genau ich kann. Ein Methodistenprediger ging in eine Stadt im Norden, fand aber kaum eine Seele, welche ihn hören wollte. Er predigte eine Weile, ohne dass unter den Totengebeinen ein Rauschen vernehmbar geworden wäre. Eines Sonntagmorgens sagte er: „Ich will euch etwas sagen, liebe Freunde. Diese Stadt ist dem Herrn verantwortlich, weil sie die Gnadenmittel besitzt, ohne sie zu gebrauchen. Zum Hören kann ich sie nicht bringen. Aber ich kann ihre Verantwortlichkeit wenigstens dadurch geringer machen, dass ich die Kanzel, welche sie verachten, und das Gotteshaus, das sie doch nicht betreten, zerstöre. Wohlan, legt Hand an! Wir wollen den Predigtstuhl in Stücke zerschlagen, und wenn dann noch niemand kommt, wollen wir die Bänke und alles Übrige ausräumen, und ihnen die Kapelle als Ruine stehen lassen. Das Volk soll nicht umkommen, während ihm das Evangelium so nahe ist. Der Leuchter soll hinweggestoßen werden, da sie von dem Licht nichts wissen wollen.“ Er fing an, hieb mit der Axt in die Kanzel und zertrümmerte einen Teil derselben vor den Augen der wenigen Leute, welche anwesend waren. „Nun,“ sagte er, ist schon ein Teil der Verantwortung von ihnen genommen; der Rest wird hinterdrein folgen.“ Die erstaunten Zuschauer gingen nach Haus, verbreiteten die überraschende Kunde, und binnen kurzem war der ganze Raum gedrängt voller Menschen. Ihr sagt, das war aber wirklich ein exzentrischer Mann! Nun ja, ich will sein Verfahren auch nicht rechtfertigen; doch glaube ich, er selbst wusste besser, was er zu tun hatte, als wie ich es ihm hätte sagen können. Überdies opferte er bloß ein paar Bretter, und durchbrach den Bann der Gleichgültigkeit; wer weiß, ob man mit einem Aufwand kostbarerer Mittel einen auch nur annähernd ähnlichen Erfolg erzielt hätte! Nach kurzer Zeit erhob der Methodismus sein Haupt in der Stadt und Lobgesänge erschallten in dem einst verödeten Gotteshaus. Was gilt's? Wenn unser Tabernakel leer wäre, und wir es nur dadurch füllen könnten, dass wir irgendetwas Auffallendes sagten oder täten, ich glaube, auch wenn's das allererste Mal in unserm Leben wäre, wir würden es darauf ankommen lassen, wie man es beurteilte, und etwas Exzentrisches wagen!

All und jedes Ding ist lächerlich und nicht lächerlich je nach Umständen. Weisheit und Witz können zur Narrheit, ja zur Lüge werden, sobald man die ursprüngliche Beziehung außer Acht lässt. Bekannt ist z. B. die Geschichte von jenem Reisenden, welcher einen so großen Kohlkopf gesehen haben wollte, dass ein ganzes Regiment Soldaten darunter vor einem Regenschauer Schutz suchen konnte. Ein anderer, der kein Reisender war, fragte dagegen, ob er wohl glaubte, dass er selbst gerade an demselben Tage, an welchem jener den Kohlkopf gesehen, an einem Orte vorübergekommen wäre, wo vierhundert Kupferschmiede an einem Kessel arbeiteten, zweihundert hämmerten draußen, zweihundert machten inwendig die Nieten fest. Der Reisende fragte höhnisch, wozu man denn solchen Riesenkessel hätte brauchen wollen; und erhielt zur Antwort: „darin sollte Ihr Kohlkopf gekocht werden.“ Wenn nun diese zweite Geschichte für sich allein erzählt würde, vielleicht noch ein klein wenig verändert, so würde sie Jedermann mit Fug und Recht für eine großartige Aufschneiderei halten. So wird aber manches Wort, womit ein Weiser einem Narren, indem er auf die Narrheit scheinbar einging, trefflich heimgeleuchtet hat, gegen ihn selbst gewendet und die Narrenkappe kommt an den unrechten Mann.

Bemerkenswert ist auch folgende Geschichte vom Pater André, einem durch sogenannte Exzentrizität berühmten französischen Prediger. Er predigte eines Nachmittags vor einer Versammlung von Personen, welche sowohl für sich, als auch für ihre Familien die Religion für etwas Überflüssiges hielten. Er wünschte sie dafür nicht nur zu strafen, sondern auch zu überführen, dass sie ihre Kinder schlecht erzögen. Er richtete daher an die Kinder zuerst Fragen über den Katechismus; aber keins wusste zu antworten. Da schüttelte er auf einmal seinen Ärmel und heraus flog ein Spiel Karten. Die Leute machten natürlich große Augen, er aber blickte kaltblütig nieder und sagte zu einem Knaben: „Gib mir mal eine Karte her!“; und zu einem andern: „Du auch eine!“ „Du auch eine!“ so ließ er alle Karten von der Erde aufsammeln. Dann fuhr er fort: „Nun sage mir, mein Sohn, was für eine Karte ist das?“ Der Knabe antwortete prompt. Er fragte ein Mädchen, und sie wusste ebenso gut Bescheid. So machte er fort, bis er das halbe Spiel durchgenommen hatte, und erhielt lauter richtige Antworten. „Aha,“ begann er darauf zur Gemeinde, „da sieht man, wie ihr eure Kinder erzieht! Die Karten kennen sie, aber vom christlichen Glauben wissen sie nichts! Schämt ihr euch nicht?“ Ich enthalte mich jedes Urteils; ich selbst hätte es nicht tun mögen, möchte auch von keinem meiner Freunde hören, dass er es getan. Aber ich weiß eben auch nicht, was sich in Frankreich für Katholiken vor so langer Zeit etwa geschickt haben mag.

Lassenius, ein holländischer Hofprediger am Ende des 17. Jahrhunderts, hatte sich einst sehr darüber geärgert, dass ein großer Teil seiner Gemeinde geschlafen hatte. Daher schwieg er eines Tages plötzlich still, holte ein Federballspiel hervor und fing an, damit zu spielen. Natürlich wachten sofort alle Schläfer auf, da die Nachbarn sie anstießen, um ihr Erstaunen zu teilen. Jetzt wandte sich Lassenius mit strenger Rüge an sie: „Wenn ich euch ernste und wichtige Wahrheiten vorhalte, schämt ihr euch nicht, zu schlafen. Wenn ich aber Narrheiten treibe, sperrt ihr Alle Augen und Ohren auf!“ Wahrlich, eine scharfe Arznei für einen verzweifelten Schaden, und der Arzt, welcher sie verabreichte, war in nicht geringer Gefahr, sich selbst am meisten zu schaden. Ich kann mich nicht entschließen, dies Verfahren gut zu heißen; aber ich kenne auch andererseits die Holländer nicht so gut, wie Lassenius. Meine Leute schlafen nie, daher getraue ich mir nicht, in der einen oder anderen Richtung mir ein Urteil zu bilden. Empörend muss es freilich sein, die Zuhörer schlafen zu sehen; aber man darf sich doch auch nicht allzu sehr darüber wundern, wenn man bedenkt, was für schläfriges Zeug sie manchmal zu hören verdammt sind.

„Ich habe das Predigen herzlich satt,“ sagte einst ein junger bombastischer Prediger zu einem alten Zuhörer. „Lieber Herr, erwiderte boshaft der andere, wenn Sie es halb so satt haben, wie ich, dann bedauere ich Sie.“

Folgende Geschichte verdient weitererzählt zu werden. Ich nehme nicht Anstand, zu erklären, dass ich es ebenso gemacht und mich für vollkommen berechtigt gehalten haben würde, eine filzige Gemeinde so handgreiflich dafür zu züchtigen, dass sie ihr Gotteshaus in einem so schandbaren Zustande ließ.

„Der Reverend Zabeliel Adams vertrat einst seinen Nachbar, einen milden gutmütigen geistlichen Herrn. Derselbe konnte seine etwas geradezu fahrende Art und sagte daher: „Sie werden einige Scheiben im Kanzelfenster zerbrochen finden, so dass es Ihnen vielleicht ein wenig ziehen wird. Auch das Polster ist sehr defekt. Aber bitte, sagen Sie darüber nichts, meine Gemeinde ist arm und sehr empfindlich.“ „Nein, nein,“ erwiderte Adams, „seien Sie ganz ruhig, ich werde kein Wort sagen.“ Ehe er aber von Hause fortging, steckte er ein Beutelchen mit Lumpen zu sich. Als er ein Weilchen auf der Kanzel gestanden hatte, fühlte er allerdings, dass es unangenehm zog. Er nahm daher eine Handvoll Lumpen aus seinem Sack und stopfte sie behutsam in die Fenster. Gegen Ende seiner Predigt, welche mehr oder weniger von den Pflichten einer Gemeinde gegen ihren Seelsorger handelte, wurde er lebendiger, und schlug absichtlich mit beiden Fäusten aus Leibeskräften auf das Kanzelpolster. Die Federn stäubten nach allen Richtungen heraus, so dass das Polster fast ganz leer wurde. Da hemmte er den Lauf seiner Rede, rief nur: „Hui, wie die Federn fliegen!“ und fuhr dann fort. Sein Versprechen, die Leute nicht darauf anzureden, hatte er gehalten und ihnen doch eine Lektion erteilt, die Niemand missverstehen konnte. Am nächsten Sonntag waren Fenster und Polster aufs prächtigste in Stand gesetzt.“

Ich habe euch in so heiterem Tone von exzentrischen Predigern erzählt, aber ich möchte doch nicht unausgesprochen lassen, welche ungeheuer ernste Seite die Sache hat. Hätte ich eine Gemeinde vor mir, so würde ich sie so anreden: Wenn ihr wüsstet, wie sehnlich uns verlangt, eure Herzen für Christum zu gewinnen, und wie gern wir feierlich wie der Tod selbst sein wollten, dürften wir nur hoffen, euch damit zu überwinden, so würdet ihr unsere gelegentlichen seltsamen Streiche nicht so heftig tadeln. Wenn ihr wüsstet, wie herzlich wenig uns an einem großen Namen, und wie unendlich viel uns an der Rettung eurer Seelen gelegen ist, ihr würdet rühmen, was wir sagen, und entschuldigen, wie wir's sagen. Weil ihr vom rechten Wege abweicht, müssen wir auch Seitensprünge machen. O, könnten wir doch die irrenden Schafe ergreifen und sie dem guten Hirten in die Arme führen. Ich wiederhole, wenn ihr wüsstet, wie wir uns danach sehnen. Menschen für Christum zu gewinnen, ihr würdet nicht nach jeder Kleinigkeit haschen, welche gegen die Gesetze des Geschmacks verstößt. Überdies - seit wann sind wir verpflichtet, euch um eure Meinung zu fragen? Wär's nicht vielleicht doch denkbar, dass wir ebenso gut wüssten, was wir zu tun haben, als wie ihr? Wollt ihr einmal unsere Arbeit übernehmen und sie besser machen? Nur immer zu, wir wollen von Herzen gern von euch lernen! Ja, kritisiert nur euren Prediger, wenn ihr's nicht lassen könnt, aber vergesst nicht, dass etwas anderes doch eigentlich viel nötiger wäre, nämlich alle Tugenden, die in ihm stecken, herauszulocken, und den Herrn zu bitten, dass er ihm noch mehr verleihen möge. Ist er schrullig und absonderlich, je nun, gewinnt man denn nicht auch Perlen aus Austernschalen? So nehmt doch auch ihr willig an, was Gott an kostbaren Wahrheiten euch darbietet, und verachtet den himmlischen Schatz nicht, weil er in einem irdenen Gefäß enthalten ist. Versäumt doch eine Gelegenheit, reich zu werden, nicht darum, weil das Gold von gemeiner Erde umschlossen liegt.

Und ihr, meine lieben Brüder, welche auch daran arbeiten, Seelen zu gewinnen, lasst mich eins sagen: bei dem Gedächtnis aller jener edlen Männer, welche vor euch hergegangen sind, welche sich haben müssen verdreht schelten lassen: fürchtet keines Menschen Stirnrunzeln, buhlt um Niemandes Lächeln! Sagt, was recht und was wahr ist, sagt es, so gut ihr könnt, und bittet Gott, dass ihr's so sagen möget, dass es den Menschen durchs Herz geht, auch wenn's sie zum Zorn reizt Denn selig ist der Mann, der vor dem lebendigen Gott ein unbeflecktes Gewissen hat. Opfere nicht die Seelen deiner Zuhörer, um deinen guten Namen zu retten. Sei ein Narr um Christi willen, wenn's sein muss, um die sicheren Sünder aufzuschrecken. Der Fluch unserer Zeit sind jene „überirdischen“ Pastoren, welche sie an der Nase herumführen. Ich sage absichtlich „überirdisch“; das soll aber nicht heißen, dass sie himmlisch sind, sondern dass sie unpraktisch sind, dass sie sich nicht mit beiden Füßen mitten in das pulsierende menschliche Leben hineinstellen, vielmehr den Leuten über die Köpfe hinwegfahren, so dass ihnen auch nicht ein Blutstropfen schneller und heißer durchs Herz rinnt. Würden wohl z. B. unsere Arbeiter hier in London die Kirchen fliehen, wenn man ihnen gesunde, gemütvolle Predigten böte, welche sie verstehen könnten und die auf ihr alltägliches Leben eingingen? Ich meinerseits behaupte ohne Bedenken das Gegenteil. - Würde wohl England so bereitwillig sich nach Rom zurücklocken lassen, wenn seine Geistlichen alle das Evangelium so predigen wollten, wie sie es eigentlich müssten? Eine solche Schar von Predigern, welche alle Sonntage zweimal predigen, ohne die Wochenpredigten, müsste da unser Eiland nicht so voller Licht werden, wie am hellen Mittag, also dass römische Finsternis nie und nimmer mehr wiederkehren könnte? Es wäre manches anders gewesen, wenn auf den Kanzeln mehr Liebe zu den Menschenseelen, mehr Feuereifer, mehr Leidenschaft gewesen wäre freilich dann hätte es auch noch viel mehr exzentrische Männer gegeben! Fürchtet ihr euch davor? Ich fürchte mich nicht, sondern sage: Gott wolle das geben, damit eine reiche Saat echten, frischen Lebens daraus hervorsprieße!

1)
veraltet: reichlich bewirten, aber auch: sich an etwas satt essen, gütlich tun
2)
In Deutschland schwerlich! A. d. Übers..
3)
Buchstäblich: dass er auf Ordnung und Würde „herumreite,“ welcher Ausdruck im Deutschen einen fast entgegengesetzten Sinn ergeben würde. A. d. Übers.
4)
360 Mark.
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