Spurgeon, Charles H. - Zwei Gastpredigten in Hamburg - Zweite Predigt.

Spurgeon, Charles H. - Zwei Gastpredigten in Hamburg - Zweite Predigt.

Gehalten am 13. August 1867, Abends 7 Uhr.1)

Gleichwie mich mein Vater liebt, also liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe.
Joh. 15, 9.

Diese Worte wurden von dem Herrn gesprochen, als er sich auf dem Wege nach Gethsemane und nach Golgatha befand, wo seine Qualen und Marter bald beginnen sollten. O, wie wunderbar tritt doch die Liebe des Herrn darin hervor, dass er in diesem Augenblick nicht um seine Person, sondern nur um seine Jünger besorgt war, dass er es nur darauf abgesehen hatte, sie zu trösten und aufzurichten in der tiefen Betrübnis, in die sie der Gedanke, von ihrem Herrn und Meister scheiden zu müssen, gestürzt hatte. Was war das nun für ein Gegenstand, mit dem der Herr in einem solchen Augenblick seine Jünger tröstete? - O, wie wichtig ist es, diesen Gegenstand kennen zu lernen, damit wir wissen, wo der rechte Balsam für unsere Wunden, der rechte Trost in unserm Schmerz zu finden ist, wenn wir in eine ähnliche Lage kommen sollten, wie die, in der sich damals die Jünger befanden! Vernehmt es denn: Jesus sprach von seiner Liebe zu uns. Liebe also ist der rechte Balsam für unsere Wunden, Liebe der rechte Labetrunk in unserm Durst! O, möchte denn, wenn zu irgendeiner Zeit unser Herz nahe daran ist, zu brechen, wenn wir in Not und Kummer darniederliegen - möchte dann der köstliche Gedanke an die Liebe Jesu zu uns, uns hoch über die stürmischen Wogen erheben, möchte er, wenn alle Lichter ausgelöscht sind, wie das Sonnenlicht all' unser Dunkel erhellen - die köstliche Wahrheit von der süßen Liebe Jesu zu uns.

Lasst uns den Gegenstand etwas länger betrachten. Wir haben hier

1) eine Erklärung: „Gleich wie mich mein Vater liebt, also liebe ich euch auch.“

2) eine Ermahnung: „Bleibt in meiner Liebe.“

1.

Wir haben hier zuerst eine Erklärung: „Gleich wie mich mein Vater liebt, also liebe ich euch auch.“

Diese Erklärung ist eine große Tiefe, ein unerschöpflicher Schatz; sie bewegt sich in zwei Angelpunkten von Diamant, die da heißen „gleich wie“ und „also.“ Dies „Also“ ist

1) ein Also der Bejahung.

Es ist eine ausdrückliche, unumwundene, positive Erklärung. Denn sie wird der Tatsache gegenübergestellt, die so klar und gewiss ist, dass sie auch in unserm Text gar nicht bewiesen, sondern als unbestreitbar vorausgesetzt wird, dass nämlich der Vater den Sohn liebt. So unaufhörlich also und so unendlich, wie die Liebe des Vaters zu dem Sohne ist, ebenso unaufhörlich und unendlich ist die Liebe Christi zu den Seinen; so gewiss und unzweifelhaft es ist, dass der Vater den Sohn liebt, so gewiss und unzweifelhaft ist es, dass Jesus uns liebt. Gewiss hat noch Niemand auch nur zu denken gewagt, dass der Vater den Sohn nicht liebe; es wäre eine schreckliche Gotteslästerung man würde den Gedanken als einen höchst gottlosen aus seinem Gemüte verbannen. Aber ebenso gewiss und unleugbar ist auch die Tatsache, dass Christus uns liebt. Mache dich also nicht der großen Sünde schuldig, o Christ, eine solche felsenfeste Tatsache zu bezweifeln. Glaube sie vielmehr und freue dich! Suche dir den Gedanken recht fest ins Gemüt einzuprägen und er wird deine Seele zerschmelzen. Denn ist es nicht etwas unendlich Großes, dass Gott nicht nur Mitleid mit den von ihm abgefallenen Sündern hat, dass er nicht nur in diesem Erbarmen uns zur Hilfe eilt, sondern dass er uns auch liebt Sünder liebt? Es wäre schon etwas unaussprechlich Großes, wenn es hieße: Der ewige Gott liebt einen Engel aber dass der ewige Gott meine Seele, meine arme sündige Seele liebt, das ist etwas Unbegreifliches, Unerhörtes! Aber, o Christ, dieser Gedanke ist wahr. Und diese Liebe Jesu zu dir ist nicht ein kaltes Mitgefühl, auch keine bloße Hilfsleistung, nein, sie ist eine flammende Leidenschaft; und diese Liebe richtet sich auf dich, wenn du auch das geringste Schaf seiner Herde, das kleinste Kind in seiner Familie, das schwächste Glied an seinem Leibe wärst. Sei getrost, er liebt dich trotz alledem und liebt darum nicht weniger, weil du so klein und unwürdig bist.

Dieses Also ist

2) ein Also der Bekräftigung.

Gott hat seine Liebe zu den Seinen oftmals bekräftigt. Als Noah aus der Arche gegangen war und es wieder zu regnen begann, da dachte er gewiss: Ach, nun kommt wieder eine neue Sintflut über die Erde! Aber da gab ihm Gott das Gnaden- und Bundeszeichen des Regenbogens einen Bogen, der nach oben gekehrt war, dass die Pfeile des Gebetes auf demselben gen Himmel fliegen könnten - nicht nach unten, um Pfeile des Zorns auf die Erde hinabzuschleudern - einen Bogen ohne Pfeil, und so vielfarbig und glänzend wie Gottes herrliche Eigenschaften. Als Noah diesen Bogen sah, da ward er getrost, fasste Mut und sprach: Jetzt bin ich sicher und mein Haus. Als der Herr David ein Unterpfand seiner ewigen Gnade geben wollte, da setzte er ihm die Sonne und den Mond zum Zeichen. Da sprach er: „Seine Sonne soll ewig sein und sein Stuhl vor mir wie die Sonne; Wie der Mond soll er ewig erhalten sein, und gleichwie der Zeuge in den Wolken gewiss sein!“ Und so hatte David zum Zeichen nicht nur einen Regenbogen, der nur hin und wieder erscheint, sondern so oft er die Sonne am Tage anblickte, und den Mond bei Nacht, hatte er ein Unterpfand der Treue Gottes vor Augen. Aber mehr als Noah, und mehr als David haben wir in dem vor uns liegenden Worte des Heilandes. Uns wird hier zum Zeichen und Unterpfand der eingeborene Sohn selber gesetzt, der in des Vaters Schoße ist. Können wir ein größeres haben, als das? „Gleichwie mich mein Vater liebt, also liebe ich mich auch.“ Seele, denke an dieses Unterpfand der Liebe Gottes zu Dir. Er gab Dir Christum - sollte er Dir mit Ihm nicht Alles schenken?

Doch

3). Dies Also ist ein Also der Vergleichung.

Es wird dadurch auf eine Ähnlichkeit zwischen der Liebe des Vaters zu dem Sohne, und Jesu Liebe zu seinen Jüngern hingewiesen. Diese Ähnlichkeit ist eine vierfache, Gott der Vater liebt seinen eingebornen Sohn und also auch Christus uns

ohne Anfang,
ohne Ende,
ohne Veränderung,
ohne Grenzen.

a) Ohne Anfang liebt der Vater den Sohn. Nie war eine Zeit, in der der Vater angefangen hätte, den Sohn zu lieben. Er liebt ihn in Ewigkeit als den Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens. Gehe zurück mit deinen Gedanken bis in die Zeit, da noch keine Schöpfung war, da noch die ganze Welt in dem Vorsatze Gottes schlummerte, wie ein mächtiger Wald in einer einzigen Eichel - auch da liebte der Vater schon den Sohn. Aber ebenso fing auch die Liebe Christi zu den Seinen nie an. Er liebte uns lange, ehe wir ihn liebten.

„Er sah in uns nichts Ehrenwertes,
Nicht Tugend und nicht Würdigkeit,
Nein, nur Entstelltes und Verkehrtes,
Nur Sünde, Krankheit, Schmach und Leid“;

Er sah uns völlig verderbt durch den Fall und liebte uns trotz alles dessen. Ehe wir geboren waren, liebte er uns. Denn hatte er nicht schon lange vorher sein Blut für uns vergossen? Hat er uns nicht durch seinen Geist zu sich gezogen? Alle Auserwählte Gottes werden mit einer Liebe geliebt, die ohne Anfang ist, wie Gott selbst, eine ewige Flamme. Mit dieser Liebe umfängt er jeden Einzelnen unter ihnen ins Besondere, also liebt er dich!

b) Ohne Ende liebt uns Jesus; denn also wird auch Jesus selber von dem Vater geliebt. Verbanne, o Christ, den Gedanken aus deiner Brust, dass Jesus je aufhören könne, dich zu lieben! Nie wird eine Scheidung zwischen dem Lamme und der Braut des Lammes eintreten; keine Sünde und Undankbarkeit auf unserer Seite kann Jesu Liebe zu uns auslöschen. Fort mit dem unwürdigen Gedanken es ist eine reine Unmöglichkeit. Nicht nur so lange wir in Kraft und Gesundheit dahingehen, sondern auch wenn wir an unserm Stabe wanken, liebt Jesus uns; nicht nur während wir uns des Lebens erfreuen, nein, auch dann, wenn wir durch den dunklen Strom des Todes gehen müssen; nicht nur hienieden, sondern auch in dem jenseitigen Lande, wenn wir vor dem Tribunal Gottes erscheinen müssen. Ja, dann wird er uns erst recht lieben und sich unserer freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude durch alle Ewigkeit.

Glaubst du wirklich an Jesum Christum, so lasse nie den Gedanken in dir aufkommen, dass Jesus wegen deiner Sünden und Gebrechen je aufhören werde, dich zu lieben. John Bunyan erklärt. uns das durch ein schönes Gleichnis. Er sagt: „Es ging einmal ein Mann in ein Haus und sah da ein Kind, welches einen schlimmen Finger hatte. Der Finger war geschwollen und machte dem Kinde große Schmerzen. Da nahm der Mann sein Messer aus der Tasche und sagte: „Komm' her, mein Kind, ich will dir den bösen Finger abschneiden.“ „Ach nein,“ antwortete das Kind. „Aber warum denn nicht?“ fuhr der Mann fort; „ich will dir einen schönen goldenen Finger dafür kaufen.“ Aber das Kind erwiderte: „Wenn Sie mir auch einen neuen goldenen Finger kauften, so würde es doch nicht mehr mein Finger sein“; und so wollte es lieber seinen kranken Finger behalten, weil es eben sein Finger war, ein Teil seines Leibes, als einen herrlichen Finger haben, der ihm nicht angehörte. Ebenso ist es mit Christi Liebe zu uns. Er liebt die Seinen trotz aller ihrer Sünden und lässt sie nicht, weil sie sündig sind. Auch nicht die Schlechtesten seines Volkes vertauscht er gegen die Besten seiner Engel; wenn man ihm die vollkommensten Menschen böte, so gibt er die unvollkommensten seiner Kinder immer mehr dafür hin. Sie sind einmal die Seinen, sind Glieder seines Leibes und darum will er sie behalten. Ebenso wenig wie der Vater je den Sohn verwirft, ebenso wenig verwirft Jesus die Seinen.

c) Jesu Liebe zu uns ist ohne Veränderung, denn also ist die Liebe des Vaters zu dem Sohne. Der Vater liebt den Sohn nicht zu einer Zeit mehr und zu einer anderen Zeit weniger. Er liebte ihn nicht weniger, als er am Kreuze blutete, denn da er auf dem Throne der Herrlichkeit saß. Seine Liebe zu seinem eingebornen Sohn war nur mehr entfaltet, als er ihn aus dem Grabe auferweckte; aber sie war nicht geringer, als Christus in des Todes Rachen versank und seinen Geist aufgab. Ebenso ist es mit der Liebe Jesu zu uns. Sie ist nicht heute so, und morgen so. Sie ist immer dieselbe. Wir verändern uns immer, Jesus verändert sich nie. Vielleicht standen wir gestern auf des Berges Spike und badeten unser Haupt in der Sonne Licht, und heute gehen wir im finsteren Tal dahin und Wolken umhüllen unseren Pfad. Allein wir werden heute darum nicht weniger von Jesu geliebt, als gestern. O, messe Jesu Liebe nicht an deinen so wandelbaren Gefühlen, dieser Barometer ist total falsch. Messe sie an seiner Verheißung, an seinem vollendeten Werk, an seiner beständigen Fürbitte. Jesus liebt uns nicht weniger, wenn er uns schlägt, als wenn er uns mit goldenen Gaben überschüttet. Seine süßesten Liebesbriefe kommen meist in einem schwarzen Couvert an. Seine ausgesuchtesten Segnungen kommen in Wagen, die von schwarzen Trauerpferden gezogen werden und deren Räder mit unheimlichem Tone durch die Straßen rasseln. Israel wurde reich in Ägypten; von da zog es aus mit goldenen Kleinodien beladen. Sendet Jesus uns Leiden, Kreuz und Trübsal, er liebt uns darum nicht weniger, sondern eher mehr. Seine Liebe ist nicht heute heiß und morgen kalt; sie ist nicht wie die See, die Ebbe und Flut hat. Sie ist ein Strom, der unablässig in derselben Richtung dahinfließt. Ebenso wenig, wie in der Liebe des Vaters zu seinem Sohne irgendwelche Veränderung, oder Wechsel des Lichts und der Finsternis ist,“ ebenso wenig ist eine Veränderung in der Liebe Jesu zu seinen Jüngern möglich.

Endlich d) Jesu Liebe zu uns ist - wie die Liebe des Vaters zu dem Sohne - ohne Grenzen. Die Liebe Gottes des Vaters zu Gott dem Sohne ist unermesslich groß. Sie strömt unaufhörlich Ihm, seinem Eingebornen, zu. „Dies ist mein lieber Sohn,“ so heißt es hier immerdar, an welchem ich Wohlgefallen habe.“ Diese Liebe ist ein mächtiger Ozean, der keine Grenzen kennt. Ebenso ist die Liebe Jesu zu den Seinen; freilich mit diesem Unterschied: Wenn Gott der Vater seinen eingebornen Sohn liebt, so ist es die Liebe eines unendlichen Wesens zu einem andern unendlichen Wesen; wenn aber Jesus uns liebt, so ist es die Liebe des unendlichen Heilandes zu armen, endlichen, sündigen Menschenkindern. Aber darum ist unser Verhältnis zu Christo nicht minder köstlich. Denn schöpfe ich auch aus ihm nur mit einem irdenen Gefäß, so ist doch alles Wasser des Quells, aus dem ich schöpfe, mein, und dieses Wasser fließt fort und fort; und atme ich nur wenig von seiner Liebe ein, so ist sie doch stets um mich her, wie die Luft, die, wohin ich auch komme, mich umgibt und die unbegrenzt ist. Und diese unbegrenzte Liebe Jesu kommt jedem Einzelnen seiner Jünger zu gut; ja, sie richtet sich so ohne Grenzen auf ihn, als wäre er der einzige der Erwählten. Denken wir uns, es gäbe nur ein einziges auserwähltes Gotteskind, dem alle Liebe Gottes zuströmte! Wahrlich, mit welcher Wonne würde der himmlische Vater dieses, sein einziges erlöstes Menschenkind anblicken! Wie würde er es beschirmen! Mit welcher Zärtlichkeit und Sorgfalt würde er es hegen und pflegen! Aber wenn es auch zehntausend mal zehntausend mehr Gotteskinder gäbe, als es gibt, so würde Jesus doch jedes Einzelne derselben darum nicht weniger lieben. Er liebt jeden Einzelnen seiner Jünger so unbegrenzt, als wäre er der einzige Jünger, den er hat denn „gleich wie mich -seinen Eingebornen! -der Vater liebt,“ spricht Christus, „also liebe ich euch auch.“ Alle die unendliche Liebe Jesu zu den Seinen wird auch dem kleinsten und geringsten unter seinen bluterkauften Kindern zu Teil. Es war einmal ein kleiner Fisch; der ängstete sich sehr, wenn er dachte, dass es ihm einmal an dem zu seiner Existenz nötigen Wasser fehlen dürfte. „Ach,“ sagte er, „ich trinke täglich vom Wasser des Meeres; ich werde einmal den Ozean ausgetrunken haben. Dann wird er ganz trocken werden und ich muss sterben.“ Fürchte dich nicht, kleiner Fisch, du wirst den Ozean sobald nicht austrinken. Und so fürchte auch du dich nicht, bekümmerter Sünder, dass du einmal die Gnade und Liebe - deines Heilandes erschöpft haben wirst. Du bist zu klein und zu unbedeutend, um diese unermessliche Flut auszutrinken. Nie, nie wird sie austrocknen, denn sie hat keine Grenzen. Ewig wirst du darin umherschwimmen können nach oben und nach unten, nach Ost und West. So unendlich wie die Liebe des Vaters zu dem Sohne, so unendlich ist Jesu Liebe zu dir! O, der Herr schenke uns Gnade, dass wir begreifen mögen mit allen Heiligen, welches da sei die Breite und die Länge und die Tiefe und die Höhe der Liebe Christi, die doch alle Erkenntnis übertrifft, auf dass wir erfüllet werden mit allerlei Gottesfülle.“

II.

Wir kommen nun zu der Ermahnung in unserm Text: „Bleibt in meiner Liebe;“ und geben nur eine doppelte Erklärung davon, indem wir sagen: Dies „Bleibt in meiner Liebe“ heißt:

1. Genießet sie!
2. Reflektiert sie!

oder strahlt sie wieder!

1. Genießet sie!

Lebt täglich darin! Jesu Liebe ist kein Konfekt, das nur am Festtage oder zu außerordentlichen Zeiten aufgetragen würde; nein, sie soll täglich genossen werden. Nicht nur hin und wieder sollen wir an seinem Herzen ruhen, sondern immerdar. „Bleibt in meiner Liebe,“ sagt Jesus, wie eine Rebe, die nicht nur zuweilen am Weinstock ist, sondern die sich immer an demselben befindet und seinen Saft einsaugt. Aber allerdings ist dies Bleiben in Christo die Haupt-Schwierigkeit, die wir haben. Ich finde es verhältnismäßig leicht, die Höhe zu erklimmen; aber da zu bleiben, das ist meine Schwierigkeit. Wir lassen uns so leicht wieder herunterziehen und durch die Verdrießlichkeiten und Lasten des Lebens beschweren. O, dass die Liebe Jesu uns wie ein Fels unter unsern Füßen wäre, auf dem wir unerschütterlich fest ständen! Und wie wir die Liebe Jesu genießen sollten, das möge uns ein Gebet klar machen, welches einmal ein Mitglied meiner Gemeinde sprach. „Lass mich,“ betete dieses Mitglied, „o Herr, wie Maria stets zu deinen Füßen sitzen und deiner holden Rede zuhören.“ Aber dann hielt sie zu meiner Verwunderung plötzlich inne und fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Vergib mir, o Herr, dass ich so wenig gebeten habe. Nein, gib mir Johannis Platz! Lass mich, wie er, stets an deinem Busen ruhen.“ Und abermals folgte eine Pause und dann fuhr sie wieder fort: „Herr, auch damit bin ich noch nicht zufrieden, auch das ist noch nicht genug. Gib mir mehr, als das Alles. Lass mich dich küssen, wie die Braut im Hohenliede spricht: „Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher, denn Wein.“ Und dann erklärte sie diesen Gedanken weiter so: „Mögen die Lippen meiner Gebete die Fülle deiner Segnungen berühren! Mögen die Lippen meiner Danksagungen den Zusicherungen deiner Gnade begegnen! Möge ich endlich den Kuss deiner ewigen Liebe beim Hochzeitsfeste des Himmels empfangen!“ So lasst auch uns Christi Liebe genießen! So lasst uns bleiben in seiner Liebe!

Dann aber lasst uns auch

2. seine Liebe reflektieren.

So wie Jemand Jesum liebt, so fühlt er auch sofort Liebe zu Anderen. Zeige denn deine Liebe zu Jesu, indem du sie wiederstrahlst; beweise sie an den Heiligen und an den Sündern. Und tue das immer! Lass dich nicht durch die bösen Launen Anderer, durch ihre Leidenschaften darin entmutigen. Denke mit jenem Kirchenvater: Wenn ich in dem Andern nur noch „aliquid Christi“ - etwas von Christo - sehen kann, so will ich ihn lieben. Und machen dir die Untreuen Anderer, ihre Schwachheiten und Gebrechen, die Liebe zu ihnen schwer, so denke daran, wie untreu du bist - macht dich der Splitter in deines Bruders Auge irre, so betrachte den Balken in deinem Auge. O, möchten wir Alle von Liebe zu Jesu entbrennen, damit wir auch Andere in Flammen setzen können! Ihr Christen von Hamburg, bleibt in der Liebe Jesu; dann werdet ihr im Segen wirken. Brecht nie das Band des Friedens. Lasst keine bittere Wurzel unter euch aufwachsen, haltet fest an Jesu Christo, schart euch dicht um sein Kreuz, trachtet danach, nichts zu wissen, als Jesum Christum den Gekreuzigten. - Sünder, vertraue auf Christum; ergreife diese unendliche Liebe und du wirst nimmermehr umkommen! - Endlich, Brüder lebt wohl! Freut euch, seid vollkommen, tröstet euch, habt einerlei Sinn, seid friedsam: so wird der Gott der Liebe mit euch sein. Amen.

1)
Diese Predigt wurde von Spurgeon wegen Unwohlseins, an dem er während derselben litt, etwas kurz gefasst.
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