Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 7. Ein Knecht des Herrn stellt sich nur unter das Gericht seines Herrn.

Dafür halte uns jedermann, nämlich für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun sucht man nicht mehr an den Haushaltern, denn dass sie treu erfunden werden. Mir aber ist es ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir nichts bewusst, aber darinnen bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist es aber, der mich richtet.“ (1. Kor. 4, 1-4.)

Man sucht nicht mehr, doch auch nicht weniger an einem Knechte, denn dass er treu erfunden werde. Aber wer soll über die Treue der Knechte Jesu Christi zu Gericht sitzen? Paulus antwortet: Ein Knecht des Herrn stellt sich nur unter das Gericht seines Herrn.

Menschenurteil, fremdes wie eignes, anerkennendes oder verwerfendes, muss einem Knechte Jesu Christi ein Geringes sein. Paulus wurde von einigen in der korinthischen Gemeinde über die Maßen gelobt und erhoben, sie nannten sich sogar nach ihm paulinisch, von andern hingegen bitter getadelt, sogar ganz verworfen. Was für ein unglücklicher Mensch wäre er gewesen, wenn er in diesem widersprechenden Wirrwarr sich von Menschen-Urteil hätte bestimmen lassen! Er setzt allen andrängenden Wogen der Menschengunst und Menschenungunst ein kurzes, kräftiges Wort entgegen: „Es ist mir ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage.“ Er will sagen: Es hat keinen Einfluss auf mein Denken und Wollen, auf mein Tun und Lassen, ob ihr mich lobt oder tadelt, Beifall spendet oder die Köpfe schüttelt, mir zujauchzt oder mich verwerft; weder durch das eine, noch das andere lasse ich mich in meinen Berufsarbeiten bestimmen. Denn wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, wäre ich Christi Knecht nicht.“ (Gal. 1, 10)

Ist es auch uns ein Geringes, ob Menschen uns loben oder tadeln? Tun auch wir in unserm Stand und Beruf nichts, um Menschen-Missfallen zu vermeiden, Menschen-Beifall zu erwerben? Wir armen Menschenknechte! Lust an Lob, Furcht vor Tadel sind allzu mächtige Triebfedern unsers Handelns. Wenn wir lange Zeit hindurch kein Zeichen menschlicher Anerkennung erhalten, hängen wir den Kopf, wie ein Schilf, und werden müde bis ins Mark des Lebens. Klopft uns endlich einmal jemand lobend auf die Schulter und sagt: „Bravo!“ ei, wie sind wir dann wieder plötzlich erquickt und heben die Flügel, wie ein junger Adler. Einige Tage später kommt dagegen ein Verweis oder auch nur eine Nichtanerkennung, - plötzlich liegt unsere Seele wieder am Boden.

Sind wir in unserm Stand und Beruf eben so fleißig, so frisch, so pünktlich, so sorgsam, mit einem Worte so treu, wenn wir uns von Menschenaugen unbeachtet und unüberwacht wissen, als wenn Menschen uns ohne Aufhören und scharf, wie man sagt, auf die Finger sehen? O wir armen Augendiener! Wie trifft uns das Wort: „Seid gehorsam, nicht mit Dienst allein vor Augen, als den Menschen zu gefallen, sondern als die Knechte Christi; Lasst euch dünken, dass ihr dem Herrn dient und nicht den Menschen.“ (Eph. 6, 5-7.)

„Auch richte ich mich selbst nicht!“ Ich spreche mir, will Paulus sagen, nicht selbst das Urteil über die Arbeiten in meinem Berufe, über die Güte meiner Leistungen, über meine Treue. Man hüllt sich leicht und gerne gegen den Anprall von Tadel und Vermahnung in den Mantel der Tugend und Vortrefflichkeit ein und ist überaus rasch mit dem Urteilsspruche des eigenen Herzens über unser Tun und Lassen zufrieden. Aber ist das eigene Herz nicht ein bestochener Richter? Unser Dünkel, die Verliebtheit in uns selbst absolviert uns ohne Mühe von vielen uns gemachten Vorwürfen. Aber wird diese Absolution auch vor dem Richterstuhle unsers Herrn gelten? Paulus konnte ohne Überhebung sagen: „Ich bin mir wohl nichts bewusst!“ Dennoch setzt er hinzu: „Aber darinnen bin ich nicht gerechtfertigt.“ Wer von uns, die wir in irgendeiner Weise im Dienste Jesu stehen, will sagen: „Ich bin mir wohl nichts bewusst!“ Und wer unter uns hat trotzdem sich nicht schon häufig selbst vollständig absolviert, und hat noch immer Lust daran, über sich selbst ein sehr schonendes Gericht ergehen zu lassen? Das zeigt uns, wie ferne wir noch vom Ziele sind, echte Knechte und Mägde Jesu zu sein. Darum nicht länger gefragt: Was urteilen Menschen? was urteilt mein von sich selbst eingenommenes, leicht zu betrügendes Herz und Gewissen? sondern was urteilt der Herr, des Knecht und Magd ich bin?

„Der Herr ist es, der mich richtet!“ Das ist der helle Stern und sichere Kompass gewesen, welcher den Apostel Paulus durch alle Klippen und Strudel von Beifall und Missfallen sicher hindurch geleitet hat, dass weder die Lober, noch die Tadler ihm schadeten, und ihn auf seinen Berufswegen nicht in die Irre führten. Wer wahrhaftig und mit Ernst vor Christi Gericht sich stellt, lernt etwas von der Kunst, die jeder Knecht Christi verstehen muss, nämlich niedrig und hoch sein, Tadel und Lob, Erhebung und Verwerfung vertragen können. Nur wer dem Urteil seines Herrn sich unbedingt unterwirft, kann auch in rechter Weise auf Menschenurteil achten. Er wird sich nicht hoffärtig und eigengerecht über Menschenurteil hinwegsetzen, sondern er lässt sich durch dasselbe vor den Richterstuhl Christi treiben, und vernimmt aus Menschenmund Christi Urteilspruch. Wir sehen das an Paulo. Als er einmal vor dem hohen Rate sich verantwortete, ließ der Hohepriester ihn wider das Gesetz aufs Maul schlagen. Da entfuhr dem Apostel ein scharfes Wort. Die umher standen, straften ihn und sprachen: „Schiltst du den Hohenpriester Gottes?“ Durch dies Menschenurteil ließ sich Paulus sofort von Gott selbst strafen; denn er sprach: „Liebe Brüder, ich wusste (d. h. ich bedachte) es nicht, dass er der Hohepriester ist, denn es steht geschrieben: Dem Obersten Deines Volkes sollst du nicht fluchen.“ (Apostlg. 23, 1-5.) Wir sehen, das zurechtweisende Menschenwort drang darum so rasch und so tief in Pauli Herz, weil er vollen und wahren Ernst mit seiner Losung machte: „Der Herr ist es, der mich richtet!“ Überhaupt hat Paulus nur dadurch, dass er den Herrn als seinen Richter fürchtete, in seltener Weise gelernt, auch die rechte und nötige Rücksicht auf Menschen zu nehmen. Er sagt: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeglicher empfahe, nach dem er gehandelt hat bei Leibes Leben, es sei gut oder böse. Dieweil wir denn wissen, dass der Herr zu fürchten ist, fahren wir schön mit den Leuten; aber Gott sind wir offenbar.“ (2. Kor. 5, 10. 11.) Für wen Gottes Gericht nicht das oberste ist, der wird durch Rücksicht auf Menschen-Urteil geknechtet, irre geführt; wer in allen Stücken zuerst nach Gottes Urteil fragt, der nur kann Heil und Segen auch aus Menschenurteil ziehen, der aber auch gewiss.

Hier noch eine Geschichte, wiewohl sie sehr bekannt ist Als Jakob die Augen geschlossen hatte, ließen seine Söhne ihrem Bruder Josef sagen: „Dein Vater befahl vor seinem Tode, also sollt ihr Josef sagen: Lieber, vergib deinen Brüdern ihre Missetat!“ Denn sie wähnten, Josef sei nur darum, weil er seinem Vater nach den Augen gesehen habe, versöhnlich gegen sie gewesen und würde also, nachdem des Vaters Augen sich geschlossen, hart mit ihnen verfahren. „Aber Josef weinte, da sie solches mit ihm redeten und sprach: Fürchtet euch nicht, denn ich bin unter Gott!“ Er wusste, dass der Herr sein Richter war. Um Gottes, nicht um Jakobs willen war er gegen seine Brüder voll vergebender Liebe. Was verschlug es also, ob Jakob gestorben war? Gott lebte noch, und Gottes Knecht war er, nicht Menschensklave, auch nicht seines Vaters Sklave.

Dies ist die kurze Summe: Wer durch Menschenurteil sich bestimmen lässt, ist ein unzuverlässiger, wetterwendischer Augendiener und Menschenknecht; wer wahrhaft vor des Herrn Gericht sich stellt, wird ein zuverlässiger Gottesknecht, der treu seine Arbeit tut, auch wenn Menschenaugen ihn nicht überwachen.

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