Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 8. Ein Knecht Jesu Christi ist keines Menschen Knecht und doch jedermanns Knecht.
„Wiewohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knechte gemacht, auf dass ich ihrer viele gewinne.“
(1. Kor. 9, 19.)
Keines Menschen Knecht und doch jedermanns Knecht! Das ist der Kern dessen, was wir heute von Paulo lernen wollen. Aber ist das nicht ein Widerspruch? Erst ermahnt Paulus die Korinther: „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte!“ (1. Kor. 7, 23.) und sagt von sich selbst: „Ich bin frei von jedermann!“ also keines Menschen Knecht; dann aber fährt er fort: „Wiewohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knechte gemacht.“ (1. Kor. 9, 19.) An welches Wort soll nun ein Knecht Christi sich halten, an das erste: „Werdet nicht der Menschen Knechte?“ oder an das letzte, dass man sich zu jedermanns Knecht machen müsse? Eben dasselbe Rätsel gibt uns Paulus auch in andern Stellen auf. Den Galatern schreibt er: „Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht!“ (Gal. 1, 10.) Den Korinthern dagegen: „Ich mache mich jedermann in allerlei gefällig!“ (1. Kor. 10, 33.) Welches Wort, frage ich wieder, hat Geltung für uns, die wir, wie Paulus, Mitarbeiter Gottes sein möchten? Sollen wir keinem Menschen gefällig sein, oder allen und noch dazu in allen Stücken? Ich denke, da beides in der Schrift steht, hat beides für uns unbedingte Geltung. Nur ist es unsere Sache, die Schrift verstehen zu lernen. Es gibt eine zweifache Menschenknechtschaft und Menschengefälligkeit, eine sündhafte und eine heilige. Keines Menschen Knecht in sündhafter Weise! Jedermanns Knecht in heiliger Weise! Siehe da, die einfache Lösung des schweren Rätsels!
Aber wie unterscheide ich die sündhafte von der heiligen Menschenknechtschaft? Auch diese Frage beantwortet uns Paulus. Er sagt, er habe sich jedermann zum Knecht gemacht, um ihrer viele zu gewinnen. Für wen wollte er die Menschen gewinnen? Für sich? oder für Christum und sein heiliges Reich? Die Antwort auf diese Frage brauche ich nicht zu geben.
Wenn ich einem Menschen diene oder gefällig bin, so habe ich stets die Absicht, ihn zu gewinnen. Suche ich ihn für mich selbst zu gewinnen, so bin ich in sündhafter Weise Menschenknecht, suche ich ihn für Christum und sein Reich zu gewinnen, so bin ich in heiligem, Gott wohlgefälligem Sinne Menschenknecht.
Doch was heißt das, einen Menschen für sich selbst, für seine eigene Person zu gewinnen suchen? Kennst du nicht die Geschichte Absaloms, die 2. Sam. 15, 2-6 erzählt wird? Wie eifrig hat der den Leuten gedient! wie ist er ihnen in allen Stücken gefällig gewesen! Von früh morgens bis spät abends sah er ihnen nach den Augen, um zu tun, was sie gerne hatten. Und was war die innerste Triebfeder? was der Zweck? Seine Selbstsucht verführte ihn zu diesem Dienste, und die Befriedigung seiner Selbstsucht war der Zweck dieses Dienstes. Er wollte die Herzen der Leute seinem Vater David stehlen und an sich fesseln, damit er durch sie Gewinn und Ehre hätte. Wer in gleicher Weise, sei es so grob, wie Absalom, oder sei es in ganz feiner Manier, durch die arge Selbstsucht des Herzens sich treiben lässt, um durch seine Dienste die Menschen für sich zu gewinnen, sie an seine Person zu fesseln, von ihnen wieder Nutzen, Ehre, Lob usw. zu empfangen, der ist in sündhafter Weise ein Menschenknecht, und in diesem Sinne darf ein Knecht Jesu Christi keines Menschen Knecht sein.
Paulus hat durch seine Liebesdienste und Gefälligkeit die Leute nicht für sich gewinnen wollen, sondern für das Himmelreich. Er sagt: „Ich suche nicht, was mir, sondern was vielen frommt, dass sie selig werden!“ (1. Kor. 10, 33) und: „Ich suche nicht das Eure, sondern euch!“ (2. Kor. 12, 14.) Wie Johannes der Täufer seine Jünger von sich auf Jesum hinwies, so sollten alle Liebesdienste Pauli die Leute von seiner Person auf den Quell aller Liebe, auf Jesum Christum, hinweisen und sie für den Sohn und das Reich der Liebe und des Lichtes gewinnen. Jesus Christus also und die dankbare Gegenliebe gegen ihn, der sein Leben vom Verderben erlöst hatte, trieb Paulum, zu dienen und gefällig zu sein, wo und wie er konnte, darum er auch sagt: „Wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesum Christ, dass er sei der Herr, wir aber eure Knechte um Jesu willen!“ (2. Kor. 4, 5.) Wer von der Liebe Jesu getrieben, sich den Brüdern freiwillig zum Knechte macht, damit durch solche Liebesdienste ihre Herzen zu dem Quell aller Liebe hingelockt werden, der ist ein Menschenknecht, wie es Gott gefällt. Also siehst du: Ein Knecht Jesu Christi ist keines Menschen Knecht und doch jedermanns Knecht!