Denck, Hans - Wer die Wahrheit wahrlich lieb hat...

Denck, Hans - Wer die Wahrheit wahrlich lieb hat...

Originaltitel: Wer die Wahrheit wahrlich lieb hat, mag sich hierinn prüfen im Erkendtniß seines Glaubens, auf daß sich niemand in ihm selbst erhebe, sondern wisse, von wem man Weisheit bitten und empfangen solle. Die Forcht GOttes ist ein Anfang der Weisheit. Hans Denk.

Brüder! Man sagt und lieset, daß vor Zeiten viele Sekten, und wie mans nennet, Ketzereyen (ohne Haß zu reden) erwachsen seyen, und man siehet derselbigen zum Theil auch bey unseren Zeiten wieder aufkommen; ja unter zwanzig Gelehrten einer Part, hält selten einer in allen Stücken gleich mit den andern, welches ja nicht geschähe, wo man auf den einigen Lehrmeister den Heil. Geist Achtung hätte. Dessen giebt die Schrift klare Zeugnisse, doch in der Gestalt, daß sie denen, welchen es vom Geist GOttes nicht selbst versieglet ist, in vielen Orten scheinet wider einander zu seyn, wie man wol spühren mag in gemeldten Sekten, da einer wider den andern mit Stücken der Schrift zanket, ein jeder das seinige versichtet, ohnangesehen, daß seiner Widerpart Schrift auch Wahrheit ist, welche an allen Orten zusammen gehalten, verglichen und vereiniget werden müssen, wenn wir anderst einen Grund der Wahrheit finden sollen: wo das nicht geschiehet, da ist des Zankens kein End zu verhoffen. Zwey Gegenschriften müssen beyde wahr seyn, aber eine wird in der andern verschlossen, als das Mindere in dem Mehreren, als die Zeit in der Ewigkeit, oder Unendlichkeit. Wer Gegenschriften stehen läßt, und nicht vereinigen kan, diesem manglets am Grund der Wahrheit. O seelig wären wir, wenn wir erkändten, wie wenig wir hätten, so würden wir unsere Armuth beweinen, und Hunger haben nach dem Brod des Lebens, welches ist Christus, GOttes unsers Vaters, der in aller Theurung reich genug ist, doch allein geneigt, den Hungerigen zu geben. Dieses ist die Ursach, darum diese Gegenschriften (dergleichen noch ohne Zahl mehrere möchten gefunden werden) zusammen getragen worden sind, GOtt gebe zur Besserung der Seinigen, Amen.

Nun folgen hernach vierzig Gegenschriften.

1. Wer kennt den Sinn des HERREN?
Röm. 11.
Er hat uns das Geheimniß seines Willens geoffenbahret.
Ephes. 1.

2. Ohne ihn ist nichts gemachet.
Joh. 1.
Die Hoffart ist den Menschen nicht geschaffen.
Eccles. 10.

3. Gott hat den Tod nicht gemachet.
B. der Weish. 1.
Feuer, Hagel, Hunger und Tod sind alle zur Rach geschaffen.
Eccles. 39.

4. Wer zu mir kömmt den will ich nicht hinausstossen.
Joh. 6.
Es ist nicht des wollenden, noch des laufenden Menschens, sondern des erbarmenden GOttes.
Röm. 9.

5. Du hassest nichts deren, die du gemachet hast.
B. der Weis. 11.
Jacob habe ich geliebet, esau habe ich gehasset.
Röm. 9.

6. Es reuet GOtt seiner Schenkung und Gnade nicht.
Röm. 2.
Es reuet mich, daß ich Saul zum König erwählt habe.
1. B. der Kön. 15.

7. Ich bin nicht kommen die Welt zu richten, sondern zu behalten.
Joh. 12.
Ich bin zum Gericht in die Welt gekommen.
Joh. 9.

8. Wenn ich von mir selbst Zeugniß gieb, so ist mein Zeugniß nicht wahr.
Joh. 5.
Wenn ich von mir selbst Zeugniß gieb, so ist mein Zeugniß wahr.
Joh. 8.

9. Ich kan nichts von mir selbst thun.
Joh. 5.
Niemand nimmt meine Seele von mir, sondern ich gebe sie von mir selbst.
Joh. 10.

10. Welche er beruft hat, die hat er auch gerechtfertiget.
Röm. 8.
Viel sind beruft, wenige auserwählt.
Matth. 20.

11. Wer kan seinem Willen widerstehen.
Röm. 9.
Ihr habt dem Heil. Geist allezeit widerstanden.
Act. 7.

12. Alle, die bitten werden, empfangen.
Matth. 7.
Ihr bittet, und empfanget nicht.
Jac. 4.

13. Bey GOtt ist kein Ansehen der Person.
Röm. 2.
Wen soll ich ansehen, dann den Elenden und Zerschlagenen am Geist.
Esai. 66.

14. Prediget das Evangelium allen Creaturen.
Marc. 16.
Werfet die Perlen nicht vor Schweine.
Matth. 7.

15. ER hat mit einem Opfer vollkommen gemacht alle, die geheiliget werden.
Hebr. 10.
Ich erstatte den Fehl (Mangel) des Leidens Christi in meinem Fleisch vor seinen Leib.
Colos. 1.

16. Ich werde nicht ewig zörnen.
Jerem. 3.
Und diese werden in die ewige Strafe gehen.
Matth. 25.

17. GOtt will, daß alle Menschen selig werden.
1. Timoth. 2.
Wenige sind auserwählt.
Matth. 20

18. GOtt versucht nit.
Jac. 1.
GOtt hat Abraham versucht.
Gen. 22.

19. Du bist nicht ein GOtt, dem das gottlose Wegen gefalle.
Psal. 6.
Welche er will, verhärtet er.
Röm. 9.

20. Seine Barmherzigkeit ist über alle seine Werke.
Ps. 145.
Wem er will, ist er gnädig.
Röm. 9.

21. Das zerstossene Rohr wird er nicht zerbrechen.
Es. 42. Matth. 12.
Wie eines Töpfers Gefäß sollt du sie zerschmeissen.
Ps. 2.

22. Niemand hat GOtt gesehen.
Joh. 1.
Ich habe den HErrn gesehen von Angesicht zu Angesicht.
Gen. 32.

23. Welcher vom Wasser, das ich gebe, trinken wird, wird nimmermehr dürsten.
Joh. 4.
Welche mich trinken, die werden noch dürsten.
Eccles. 4.

24. Welcher überwindt, dem will ich geben mit mir auf meinem Stuhl zu sitzen.
Apoc. 3.
Das Sitzen zu meiner Rechten ist nicht in meiner Macht zu geben euch, sondern denen es bereitet ist.
Marc. 10.

25. Urtheilet nicht, damit ihr nicht geurtheilt werdet.
MAtth. 7.
Urtheilet ein gerecht Urtheil.
Joh. 7

26. In Christo werden alle lebendig gemachetwerden.
1. Cor. 15.
Wen der Sohn will, machet er lebendig.
Joh. 5

27. GOtt hat alles unter den Unglauben beschlossen, auf daß er sich aller erbarmete.
Röm. 11.
Welcher nicht glaubt, wird verdammt.
Marc. 16

28. Das ist mein Leib.
Matth. 26.
Wenn sie sagen werden, siehe da ist Christus, glaubets nicht.
Matth. 24

29. Ich will bey euch bleiben bis an das End der Welt.
Matth. 28.
Mich habet ihr nicht alleweg bey euch.
Matth. 26.

30. Alles, das er gewollt, hat er gethan.
Ps. 115.
Ihr habt dem Heil. Geist allweg widerstanden.
Act. 7

31. Er ist eine Versönung vor unsre Sünden, ja nicht vor unsere allein, sondern vor der ganzen Welt Sünde.
1. Joh. 2.
Ich bitte nicht vor die Welt.
Joh. 17.

32. Es ist leichter, daß ein Cameel durch ein Nadelöhr gehe, dann daß ein Reicher ins Reich GOTTES komme.
Matth. 19.
Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Matth. 11.

33. Die Riegel des Erdreichs haben mich verschlossen in Ewigkeit.
Jona 2.
Und GOtt redete zum Fisch, und er speyete Jonas aus auf das Trockene.
Jona 2.

34. Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben.
1. Timoth. 1.
Wer in meinen Geboten wandlet, und meine Rechte hält, und mit der Wahrheit umgehet, der ist gerecht.
Ezech. 18.

35. Das Gesetz ist neben eingekommen, auf daß die Sünd überhand nehme.
Röm. 5
GOtt hat niemand geboten Unrecht zu thun, und hat niemand Raum gegeben zu sündigen.
Eccles. 15.

36. Denn es geschiehet damit eine Aufhebung des vorigen Gesetzes, um seiner Schwachheit und Unnutzens willen.
Hebr. 7.
Heben wir dann das Gesetz auf durch den Glauben? Das sey fern von uns. Sondern wir richten das Gesetz auf.
Röm. 3.

37. Mit welcher Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.
Matth. 7.
Mit welchem Kelch sie euch eingeschenket hat, schenket ihr zweyfältig ein.
Apoc. 16.

38. Ich bin GOtt, und sonst kein anderer, der ich das Licht formire, und schaffe die Finsterniß, mache Fried, und schaffe Böses.
Es. 45.
Wenn der Teufel Lügen redet, so redet er von seinem eigenen.
Joh. 8.

39. Was versuchet ihr GOtt mit Auflegung des Joches auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben tragen mögen.
Act. 15.
Das Gebot, das ich dir heut gebeute, ist dir nicht zu wunderlich, noch zu fern, noch im Himmel, daß du möchtest sagen, wer will uns in den Himmel fahren und uns holen, daß wirs hören und thun?
Deut. 30.

40. Ich will, sagt GOtt, Pharaonis Herz verstocken.
Exod. 4.
Pharao verhärtete sein Herz.
Exod. 8. u. 9.

Mein Leser! der Prophet Esaias sagt am 29. Cap. Und es wird euch alles Gesicht, (das ist alles, was GOtt weiset und deutet) wie die Worte eines versiegleten Buchs, welches, so man es einem Gelehrten giebt, und ihn es lesen heiset, so sagt er, er könnte es nicht auswendig; giebt man es einem Ungelehrten, so sagt er, ich kan nicht lesen. Diese Prophezey ist schon erfüllet heut zu Tage. Das können wir in diesen und dergleichen Schriften prüfen; dann die Geheimnisse GOttes verstehen wir minder, denn ein unvernünftig Thier unsere Sprach. Wer nicht lesen kan, der gehe mit ganzer Uebergebung seiner selbst zu dem Meister, der alle Doctores zur Schul führet, welcher auch allein den Schlüssel hat zu diesem Buch, darinne alle Schätze der Weisheit begriffen sind. O HErr! gebe, was, und wem du geben willt! Amen.

Beyträge zur Erläuterung der Kirchen-Reformations-Geschichten des Schweitzerlandes
Johann Conrad Füßlin
Fünfter Theil
Zürich,
bey Heidegger und Comp.
1753

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