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Denck, Hans - Von der wahren Liebe

Denck, Hans - Von der wahren Liebe

Vorwort

Die Schrift „Von der wahren Liebe“ erschien im Jahre 1527 zum ersten Mal im Drucke. Im Herbst dieses Jahres ward eine große Synode (Konferenz) der „Täufer“-Gemeinde zu Augsburg abgehalten, über welche Dr. Ludwig Keller in seinem Buche „Die Reformation“ usw. auf Seite 428 ff. unter anderem Folgendes berichtet:

„Es waren im Ganzen mehr als sechzig Abgeordnete anwesend. Die ersten Sitzungen fanden in dem Hause des Gallus Fischer statt, welcher später hingerichtet wurde, die anderen in „eines Metzlers Haus, der Fieder genannt.“ Georg Nospitzer berichtet in Übereinstimmung mit Mary Meier, dass Hans Denk und Hans Hut in dieser Versammlung die „Vornehmsten“ gewesen seien.

Die Versammlung scheint es als ihre besondere Aufgabe betrachtet zu haben, in alle Länder „Apostel“ abzuordnen. So wissen wir, dass Ulrich Trechsel und Peter Scheppach in die Pfalz gesandt wurden, dass ferner in das Gebiet von Zürich und Basel Denk, Gregor Maler und Hans Beck zogen - ein gewisser Leonhard ward nach Linz, Jörg von Passau in das Frankenland - Johannes in das „Osterland“ und Leonhard Schiemer in das bairische Gebiet abgesandt.

Ich halte es für feststehend, dass Denks kleine Schrift „Von der wahren Liebe“, welche etwa im August 1527 erschienen ist, dazu bestimmt war, unter harmlosem Gewand das auf der Synode formulierte Bekenntnis allen Brüdern in der Nähe und Ferne zu vermitteln.“

Das Büchlein „Von der wahren Liebe“ ist demnach das Glaubensbekenntnis, welches von der großen Konferenz zu Augsburg im Jahre 1527 herausgegeben wurde. Wenn man der Schrift ihren eigentlichen Titel gegeben hätte, so wäre zu jener Zeit der Verfolgung die Verbreitung derselben fast ganz unmöglich gewesen.

Die Brüder, welche dieser Synode beiwohnten, erlitten später zum großen Teil den Märtyrertod, daher hat man die Zusammenkunft „Märtyrer-Synode“ genannt.

Gottes reicher Segen ruhe auch auf dieser Ausgabe der Schrift: „Von der wahren Liebe.“

Denk, Hans - Von der wahren Liebe.

(Hans Denk.)

Die Liebe ist eine geistliche Kraft, dadurch man vereint wird, oder begehrt vereint zu werden mit einem Anderen. Wo die Liebe vollkommen ist. stellt der Liebhaber nicht ab gegen dem Geliebten, sondern vergisst sich selbst, als ob er nicht mehr wäre und gilt ihm aller Schaden nichts, den er um des Geliebten willen leidet. Ja, der Liebhaber ist nicht zufrieden, was er anfängt, bis er die Liebe gegen dem Geliebten aufs Allerhöchste beweise in allen Gefährlichkeiten, und wo es möglich wäre (als es möglich ist), dass es dem Geliebten zu gut geschehen möchte, so gebe sich der Liebhaber für das Geliebte willig und fröhlich in den Tod. Ja, so freulich1) ist der Liebhaber (also zu reden), dass er dem Geliebten zu Gefallen sterben wollte, wo er schon wüsste, dass ihm sonst kein Gutes daraus entstehen sollte. Und je minder das Geliebte des Liebhabers Liebe erkennt, so viel weher geschieht dem Liebhaber, und er mag doch die Liebe nicht lassen, sondern muss sie auf das Höchste beweisen, ob es schon Niemand nimmermehr erkennte.

Item, wo die Liebe lauter ist und keine Person ansieht, strecket sie sich aus und bewährt sich (sofern es ohne Spaltung und Unstetigkeit geschehen mag), sich mit Jedermann zu vereinigen; denn sie mag von allen Geliebten nimmer genug gesättigt werden. Doch wo ihr schon alle Geliebte ganz und gar entgingen, dass sie sich nicht möchte mit ihnen ergötzen, so ist sie doch an ihr selbst so grundlos von Reichtum, daran sie wirklich genug gehabt hat und noch genug hat und bis in Ewigkeit genug haben wird. Darum sie sich aller Dinge gern verzeiht, wie lieb sie ihr sein mögen, allein der Liebe nicht. Ja, wo es möglich wäre verziehe sie sich auch der Liebe um der Liebe willen und wollte selbst gern zu nichts werden und nichts sein, dass ihre Geliebten das würden, das sie ist. Also fern hasset sich die Liebe selbst, denn sie begehrt bloß Anderen nützlich und gut zu sein, nicht ihr selbst, und wo sie sich ihr selbst nicht hergeben und verziehen wollte um des Geliebten willen, so wäre sie nicht gut und hielte sich selbst nicht für gut, darum, dass sie eigennützig wäre. Dieweil sie aber um des Geliebten willen sich so vollkommen dargibt, das weiß und erkennt sie, dass es gut ist; darum kann und mag und soll sie sich selbst nicht hassen, sondern muss sich selbst lieb haben, doch nicht als sich selbst, sondern als gut.

Dieser Liebe spüret man in etlichen Menschen je ein Fünklein, in Einem mehr, im Andern minder, wiewohl es leider in allen Menschen zu unseren Seiten erloschen ist, doch so ist es gewiss, dieweil die Liebe geistlich ist und die Menschen alle fleischlich sind, dass dies Fünklein, wie klein es in dem Menschen ist, nicht von dem Menschen, sondern von der vollkommenen Liebe hergekommen ist. Diese Liebe ist Gott, der sich selbst nicht machen kann, wiewohl Er alle Dinge gemacht hat, der sich selbst nicht brechen kann, wiewohl Er alle Dinge brechen wird - darum ist Er von Ewigkeit zu Ewigkeit unbeweglich - der sich selbst so lieb haben muss, so Er gut ist - welches Er von Ihm selbst empfängt und sich selbst für und für gebiert - der Sein selbst gar nicht achtet von Deren wegen, die Sein bedürfen, dass Er von ihretwegen (sofern es möglich wäre) gern nichts sein wollte.

Diese Liebe möchte Fleisch und Blut nicht begreifen, wenn es Gott nicht sonderlich in etlichen Menschen bewiese, die man nennet göttliche Menschen und Gottes Kinder, darum, dass sie Gott nachschlagen, als ihrem geistlichen Vater. Je höher sie nun bewiesen wird, je höher mag sie von den Menschen erkannt werden; je mehr sie erkannt wird, so viel mehr wird sie geliebt. Je mehr die Liebe geliebt wird, so viel mehr ist die Seligkeit. Darum hat es der ewigen Liebe gefallen, dass der Mensch, in welchem die Liebe am höchsten bewiesen wurde, ein Seligmacher Seines Volkes genannt wurde. Nicht dass es der Menschheit möglich wäre, Jemand selig zu machen, sondern dass Gott so völlig in der Liebe mit ihm vereinigt wäre, dass alles Tun Gottes dieses Menschen Tun wäre, und alles Leiden dieses Menschen Gottes Leiden geachtet wurde.

Dieser Mensch ist Jesus von Nazareth, der von dem wahrhaftigen Gott in der Schrift verheißen und zu Seiner Zeit geleistet worden ist, wie sichs denn öffentlich in Israel bewiesen hat durch die Kraft des heiligen Geistes mit allem Tun und Lassen, so der Liebe zugebührt und eignet. Und dabei erkennen wirs in dieser lieblosen Zeit, dass es wahrlich schon geleistet ist, dass wir die Liebe etlichermaßen aufs Höchste erkennen, und sind gewiss durch Gottes Geist, dass sich die Liebe Gottes gegen den Menschen und des Menschen gegen Gott nicht höher beweisen kann, denn in diesem Jesum geschehen ist, nämlich, dass sich Gott so sehr über die Welt erbarmet, dass Er sich aller Seiner Gerechtigkeit, so Er wider unsere Sünde hat, gern verzeihen wollte, sofern wir es nicht verachten, welches in Jesu nach der Menschheit, aber nicht von der Menschheit, sondern von Gott gelehrt und genugsam bewiesen worden ist. Item, dass der Mensch bloß in der höchsten Liebe gegen Gott stehen soll und so viel ihm möglich ist auch seinem Nächsten dazu helfen und förderlich sein, dass er Gott erkenne und lieb habe.

Darum, welcher die wahre Liebe begehrt zu erkennen und zu erlangen, mag es nicht näher und leichter bekommen, als durch diesen Jesum Christum; ja, es kann und mag anders nicht erkannt werden, denn durch Ihn. Nicht dass die Seligkeit an Fleisch und Blut, Zeit und Statt [gebunden sei], sondern, dass es anders nicht möglich ist. Denn wie kein Mensch selig werden möchte ohne Gott, also mag auch Gott keinen Menschen selig machen außerhalb des Menschen. Alle, die selig werden sind eines Geistes mit Gott; welcher aber der Vollkommenste ist in dieser Liebe, der ist ja ein Vorgänger aller Derer, so selig werden sollen. Nicht dass er vor ihm selbst hier sei, sondern dass es Gott allezeit also gefallen hat, dass man allen Denen folgen und gehorchen soll in Seinem Namen, die Seinen Willen lehren. Je besser ihn einer lehret, je billiger man ihm folgen soll. Niemand aber hat ihn vollkommener und besser gelehrt, denn der ihn auch am vollkommensten vollstreckt hat, der ist Jesus Christus, welchen Gott darum gesandt hat, dass er Juden und Heiden mit einander aus geistlichem Gefängnis führe; aber welchem jetzt zu dieser letzten Zeit nicht allein Juden und Heiden, sondern auch die Ihn angenommen haben, widersprechen.

Alle, die den Weg Gottes gesucht und gefunden haben, sind eins mit Gott geworden; aber Dieser, so in Gottes Weg nie gestrauchelt, ist auch mit Gott nie uneins geworden, sondern nach dem Geist von Anbeginn eins mit Gott gewesen, ob Er wohl nach dem Fleisch in der Zeit geboren und aller Menschen Gebrechen, außerhalb der Sünde, unterworfen gewesen ist.

Dies ist die Ursache, dass geschrieben ist und man sagt: Alle, so selig werden, müssen durch diesen Jesu selig werden, die Vollkommenheit im Geist zu betrachten, welche das einige Ziel ist, auf welches alle Die, so selig werden sollen, sehen müssen. Und so wenig ein Jeder darauf sieht, so viel gebricht ihm an der Seligkeit, so nahe Ihm [der Vollkommenheit] Einer kommt, sofern ist er der Verdammnis entronnen.

Was nun die Liebe selbst gelehrt und getan hat, dies ist in der Wahrheit recht und gut, sonst aber ist nichts in der Wahrheit recht und gut. Und wer dies Rechte und Gute wahrlich erkennt und ein anderes zu lehren sich unterstünde, wie gut es immer sein möchte, so wäre es doch nichts nütz, sondern ganz bös. Also ist es um die Lehre und Werke Moses, Davids und aller Altväter, wie gut sie immer sein mögen, wo sie die Liebe, das ist Jesus, übersetzt hat mit Besserem, muss man sie des Besseren wegen für böse halten. Ja sie sind auch böse, angesehen dass ihnen noch mangelt und möchten besser sein. Also war wohl der Eifer Mose, darin er den Ägypter, der dem Israeliten Gewalt tat, erschlug, etlichermaßen gut, denn er eiferte über dem Recht wider Unrecht. Aber hätte Mose die vollkommene Liebe erkannt oder wahrlich gehabt, so hätte er sich selbst für den Israeliten, seinen Bruder, töten lassen, ehe er den Ägypter, seines Bruders Feind, erwürgt hätte.

Also war die Lehre und das Gesetz Mose das Böse mit Bösem zu vertreiben, die Frommen mit Gewalt zu schützen, die Übeltäter mit Gewalt auszurotten (item von Wucher, Scheidebrief, Eidschwören) und dergleichen, das grobe Volk Israel angesehen (aus welchem Gott ein neues Israel erschaffen und gebären wollte), noch eine gute Lehre und Gesetz. Aber wo es möglich wäre gewesen, dass Jemand anders als Jesus die vollkommene Lehre und Liebe hätte sollen oder mögen vortragen, und das Volk geschickt gewesen wäre, sie zu vernehmen, so hätte die vorige Lehre weichen müssen, also dass, wer der neuen widerstanden oder nur widersprochen hätte, diesem wird jene Lehre böse und unnütz gewesen sein.

Hieraus ist wohl vernehmlich, warum geschrieben steht, dass aus des Gesetzes Werken Niemand würde gerechtfertigt vor Gott; denn die Gerechtigkeit des Glaubens, die vor Gott gilt, soll und muss alle Werke des Gesetzes weit übertreffen und sich aller Erlaubnis, so unter der Vollkommenheit ist, verzeihen. Denn diese Gerechtigkeit ist bereit und begehrt gründlich Gott dem Herrn alles Das wieder zu geben, so Ihm zugehörig ist, das ist Alles was wir haben und vermögen. Die Gerechtigkeit aber, die aus dem Gesetz kommt, verwilligt sich nicht mehr, als in Gesetz ausdrücklich geschrieben steht und behilft sich aller Erlaubnis, so sie aus dem Gesetz ergrübeln und finden kann.

Darum sind die im Gesetz Knechte, dieweil sie nicht mehr tun, denn im Gesetz ausgedingt ist, aber die im Glauben werden von Gott Kinder genannt, dieweil sie um Gottes Willen so viel tun, als ihnen möglich ist, welches mehr ist, denn man mit Worten je ausdenken mag. Daher sie auch diesen Vorteil von Gott haben, dass sie kein Geding oder vorgeschriebenes Gesetz von Ihm haben, allein, dass sie ihn lieb haben. Gleich wie ein Knecht nach dem Geding seines Herrn alle Tage Morgens um vier oder fünf Uhr aufstehen, und Abends nicht vor neun Uhr zu Bett gehen soll, so der Sohn aufsteht und zu Bett geht wie sichs gibt ohne Gesetz; aber er bleibt bei dem Vater in aller Gefährlichkeit bis in den Tod, wenn der Knecht das von zieht, Gott gebe wie es seinem Herrn gehe. Darum mag der Knecht auch nicht ewig im Hause bleiben, selig sein und seines Herrn Frieden genießen, er werde denn ein Kind oder Kindsgenosse, also dass er weder auf Geding, noch auf Lohn sehe, sondern bloß wie er kann und mag dem Herrn zu Gefallen und Willen sein, im Allerbesten vornehmlich. Nicht, dass das Geding, so der Herr im Gesetz Mose mit Israel, Seinem Volke, gemacht hat, unrecht wäre, sondern denen würde es unrecht, die dem Herrn, der sie noch Besseres weisen wollte durch Jesum, Seinen Erstgebornen, nach dem Geist widersprechen; dieweil es doch nicht wider das Geding wäre, wiewohl es scheint dawider zu sein. Denn also werden alle Knechte gedingt, dass sie dem Herrn treu und hold sein sollen, wie auch im Gesetz vornehmlich geschrieben ist, dass man Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzen Kräften (das ist mit Allem, das man hat und vermag) lieb haben soll. Dawider hat Jesus nie nichts gelehrt oder getan, sondern all Seine Lehre und Sein Tun stehen in diesem Ziel und Zweck. Darum auch in Seiner Lehre und Tun allen Denen, so Ihm folgen, nach diesem Leben ein ewiges Leben bei dem ewigen Gott verheißen ist, von welchem im Gesetz gar wenig geschrieben steht nach dem Buchstaben, darum, dass die Knechte (wie gesagt ist) nicht für und für im Hause bleiben, sondern nur eine Zeit lang dienen.

Wenn man aber einwerfen möchte, es sei geboten, dass man nichts zum Gesetz, noch davon tue, das ist als ob sichs nicht zieme, dass man das Gesetz in der Liebe höher spannen und in den Sitten nachlassen und nicht achten wollte, ist wohl zu verantworten. Denn des Gesetzes Summe ist die Liebe, welche Niemand zu hoch oder zu wohl verstehen oder ausrichten mag, und wer die Liebe täglich bessert, der tut derhalben dem Gesetz keinen Zusatz, sondern erfüllet es erst recht. Die Liebe aber stehet in dem, dass man Gott erkenne und liebe, und lerne alle Geschöpfe, so dem Menschen nach dem Fleisch anmutig sind, übergeben und verlieren um seinetwillen; herwider alle Dinge, so dem Fleisch zuwider sind, in der Liebe Gottes annehmen und tragen.

Daraus man wohl verstehen mag, dass im neuen und alten Gesetz (wie mans nennet) nicht mehr denn eine Liebe ist, allein dass sie im neuen durch Jesum, den Helfer, dem Volk Gottes aufs Höchste erklärt und bewiesen worden ist. Darum ist das alte Gesetz nun eine Knechtschaft gewesen, des Unverstandes halber, so die Menschen noch gehabt haben und sind gleich etlichermaßen von Gott angehalten worden, wie die Leibeigenen, dass sie also genötigt worden sind zu dienen. Darum auch das Bundeszeichen, die Beschneidung, gegeben ist, ehe dass man sein begehrt hat, dass Alle, die von Abrahams Samen kamen, dem Gesetz verpflichtet worden sind, sie wären willig oder nicht. Das neue Gesetz aber ist eine Kindschaft, darum dass Alle, die darunter sind, von keinem Menschen dazu gebracht werden mögen, sondern allein von dem barmherzigen Gott als einen treuen Vater in ihrer Seelen Abgrund gezogen und geboren werden, also, dass Er ihnen zu erkennen gibt Seinen allerliebsten Willen, welcher ist die Liebe selbst, so in Christo Jesu vorgetragen und durch das Evangelium von Seiner herrlichen Gnade ausgerufen worden ist und noch werden soll.

Darum auch das Bundeszeichen, die Taufe, allein Denen, so von Gottes Kraft, durch Erkenntnis der wahren Liebe dazu geladen, ihr begehren, und verwilligen nachzufolgen, gegeben und nicht abgeschlagen werden soll. Und sollen dererst ungezwungen sein von allen Bundesgenossen und Mitkindern (wo sie nicht die Liebe selbst zwinget) bei der Liebe zu bleiben. Wie im Psalter geschrieben ist: Dein Volk wird williglich da sein.

Dass man aber die Sitten des Gesetzes unterlässt, das ist eine Freiheit und Erlaubnis der Liebe, und kein Gebot. Denn dieweil sichs je begibt, dass sie auch die heiligen Altväter zur Zeit haben brechen müssen und ist ihnen doch ohne Schaden gewesen, so mag man nicht sprechen, dass sie etwas Anderes entschuldigt habe, denn die Liebe: Darum hat Jesus, die rechte Liebe, derselben bloß geschwiegen und nichts davon geboten oder verboten, als wollte Er zu verstehen geben, dass man wohl ohne die Sitten zu der Liebe kommen möchte. Wer bei der Liebe nicht ist, dem sind die Sitten nichts nütze an ihnen selbst; wer aber die Liebe verstehet und hat, der soll sie üben und handeln, wie sie Jesus gehandelt hat. Darum ist es ohne Not, so man den Heiden das Evangelium von der Liebe predigt, dass man sie die Sitten des Dienstes lehre. Denn wo sie die Liebe annehmen, werden sie sich in den Sitten auch wohl zu halten wissen, wo es von Nöten sein wird. Es ist auch ohne Not, dass man sie den Juden verwerfe, so man ihnen die Liebe zu predigen begehrt, sonst müsste die Aufbauung der Liebe zur Zerstörung der Liebe dienen.

Also gibt die Liebe ihren Freunden Erlaubnis von den Sitten, darum dass sie den Vater in der Wahrheit lieben, als die Kinder, ob sie schon zuvor unter einem Geding wie ein Knecht gegen seinen Herrn gestanden sind.

Nun möchte man aber fragen: Warum die Liebe die alten Sitten abließ und andere anstatt derselben aufrichtete, als Taufe und Brotbrechen? Antwort: Allein zu einem Bekenntnis und zu einer Erneuerung, dabei sich die Kinder unter einander bekennen und erinnern sollen, woraus und wozu sie berufen sind, nämlich aus der Welt zu Gott; das ist, dass sie Gott ihr Leben lang in der Heiligkeit und Gerechtigkeit dieneten, wie Zacharia, des Täufers Vater sagt.

Heiligkeit ist, dass man sich einmal von der bösen Welt und allem Unflat des Fleisches abgesondert hat, Gott dem Herrn allein zu dienen, welches durch die (Wasser-) Taufe bedeutet und bezeugt wird; darum dass man das alte Leben für wüst bekennt und hinfort in einem neuen Leben begehrt zu wandeln.

Gerechtigkeit ist, dass man Jedermann gebe, was man ihm schuldig ist, wie oben gesagt. Nun ist man Gott, dem einigen Herrn, Alles schuldig, so man hat und vermag an Seele und Leib, Ehre und Gut. Darum soll es um Seines Namens willen Alles dargegeben und gewagt werden bis zum höchsten Untergang, dass es also allen Kindern gehen soll, denn also ist es auch dem Erstgeborenen gegangen, auf dass Er sich in unsere Natur verwandelt, dass wir auch immer Einer dem Anderen ein Brot würden und brechen, wie Er unser Brot geworden und zu einer Speise zermahlen und zerkäuet worden ist, welches Alles wir im Brotbrechen uns erinnern und ermahnen sollen.

Darum aber bricht man das Brot öfter und taufet dich nur einmal, denn der Anfang des neuen Bundes der Absonderung geschieht nicht mehr denn einmal, ob er schon übertreten und wieder gesucht wird. Gleich wie ein Kind, das sein Vater einmal geboren hat, ob es schon entliefe und wieder käme, so wäre es dennoch des Vaters Kind und bedürfte nicht, dass er es noch einmal gebäre. Die Vollstreckung aber des Bundes, die Gerechtigkeit, muss immerzu geübt und getrieben sein.

Diese Sitten sind aber doch nicht dermaßen aufgerichtet, dass Niemand selig werden möge, der sie nicht halte; sondern wo man sie halten mag, dass man es mit rechtem Ernst tue; denn wie einfältig und töricht es vor der Welt scheint, so will es doch der Herr unverachtet haben. Darum hat Er es auch selbst vor uns getan, auf dass Er also alle Gerechtigkeit vom Kleinsten bis auf das Größte uns zu einem Exempel erfüllte. Damit Er auch hat wollen bezeugen, dass nichts also schlecht sei, dabei man sich nicht etwas Köstliches möchte erinnern.

Dies ist die Summa der Lehre Jesu Christi, daraus aller Zank, so sich um der Wahrheit willen erheben mag, entschieden werden möchte, wer sie gründlich verstünde oder von Herzen begehrt zu verstehen.

Wer etwas lehrt, das er nicht von der Liebe empfangen, das ist, so es nicht auf diesen Grund gebaut wird, der soll es vor der Liebe nicht verantworten2). Wer diesen Grund erkennt und anders lehrt, mag es vor der Liebe nicht verteidigen. Und ob er es schon mit der Liebe verteidigen will, als ob er es um wen willen getan habe, so wird es gar nicht helfen, denn die Kinder der Liebe sollen um der Liebe willen nicht wider die Liebe tun.

Hie ist allen Weisen Weisheit not; hie ist allen Freunden Gottes Liebe not, auf dass sie nicht die Liebe der Menschen Gottes Liebe vorsetzen, denn wer Jemand liebet und nicht nach Gottes Wahrheit und Liebe, der hasset ihn; wer aber Jemand um göttlicher Liebe willen hasset, der liebt ihn mehr, als der Andere. Doch mag man um der Liebe willen Niemand weiter hassen, denn dass man ihn ernstlich strafet und wo ers nicht hören mag mit Herzeleid meidet; dies heißt auch geliebt in der Wahrheit.

Hierin stehet die Absonderung der Kinder Gottes von den Weltkindern; ja, auch der Bann oder die Ausschließung der falschen Brüder, welche lauter und ganz um der wahren Liebe willen geschehen muss, will man anders den Anfang des Bundes der Kinder Gottes nicht verleugnen, welcher ist die Heiligkeit und Absonderung von der Welt-Gemeinschaft, so durch die Taufe geschieht, wie oben gemeldet ist3).

Aus diesem Allen mag leicht ermessen werden, wie es stehe um die Kindertaufe, Herrschen über die Bösen und Ungläubigen und dergleichen. Nämlich diese Irrtümer hat Gott um Besseres willen bei der Welt geduldet (wiewohl Er in die Kindertaufe nie gewilligt hat), aber bei Denen, so die Wahrheit erkennen, oder vermessen sich, als ob sie dieselben erkennten, lässet Gott diese Irrtümer anders, nicht geschehen, als wie Er alles Übel geschehen lässet.

Dass aber die Kindertaufe unrecht sei, das bezeugt die Wahrheit kräftig, weil das erste und nötigste Geschäft der Boten Jesu Christi ist, dass sie lehren und dem Herrn Jünger machen das Reich Gottes vornehmlich zu suchen; also soll man es auch halten. Wer nun Jemand taufet ehe er ein Jünger ist, der bezeugt mit seinem Werk, dass die Taufe nötiger sei, denn die Lehre und Erkenntnis, welches ist ein Gräuel vor den Augen Gottes. Ist nun die Lehre nötiger als die Taufe, so lasse man die Taufe stehen und treibe die Lehre vor. Will man aber die Taufe vorhaben, so muss man sagen, sie sei nötiger, welches ist eine widerchristische Lehre. Wo aber Jemand sagen wollte, er handelt die Lehre vor mit Denen, die sie hören mögen und taufet darnach ihre Kinder, welche die Lehre noch nicht hören mögen, dies heißt den Befehl Christi spalten und zerreißen; als ob man Isaak taufet, weil sein Vater Abraham ein Jünger geworden wäre, so doch also befohlen ist: „Gehet hin und lehret (oder machet alle Völker zu meinen Jüngern), taufet dieselben (nämlich die ihr zu Jüngern gemacht habt) im Namen des Vaters, der sie gezogen hat, und des Sohnes, unter welches Joch sie sich begeben, und des heiligen Geistes, durch welches Kraft sie verharren und des Vaters Willen vollenden sollen.“

Summa: Gleich wie Christus ist, ehe man es glaubt, also ist die Lehre eine rechte Lehre, ehe man getauft ist; aber Glaube ist kein Glaube, wo nicht Christus ist, also ist auch Taufe keine Taufe wo keine Lehre ist.

Mit Gewalt fahren und herrschen ist gar keinem Christen erlaubt, der sich seines Herrn rühmen will. Denn das Reich unseres Königs stehet allein in der Lehre und Kraft des Geistes. Wer Christum wahrlich für seinen Herrn erkennt, der soll auch nichts tun, denn das Er ihm befiehlt. Nun befiehlt Er aber allen Seinen Schülern nicht weiter mit den Übeltätern zu handeln, denn dass man sie lehre und vermahne zur Besserung. Wo sie nicht hören, soll man sie Heiden lassen sein und meiden. Denn die draußen sind (das sind die Ungläubigen) gehen die Gemeine Christi nichts an, als allein, wo sie ihnen mit der Lehre dienen möchten. Nicht dass die Gewalt an ihr selbst unrecht sei - die böse Welt angesehen - denn sie dient Gott zu Seiner Rache, sondern dass die Liebe noch ein Besseres lehrt allen ihren Kindern, nämlich dass ihn Gott zu Seiner Gnade dienen sollen. Denn es ist die Art der Liebe, dass sie nicht will oder begehrt Jemand schädlich zu sein, sondern Jedermann zur Besserung zu dienen, so viel es ihr möglich ist. Wer aber ein Hausvater ist, der handle mit Weib und Kind, Knechten und Mägden so, wie er wollte, dass Gott mit ihm handelt. Das wehret ihm die Liebe nicht, und sofern es möglich wäre einer Obrigkeit, auch also zu handeln, so möchte sie auch wohl christlich in ihrem Stand sein. Dieweil es aber die Welt nicht leiden mag, so soll und mag ein Freund Gottes nicht in die Obrigkeit, will er anders Christum für einen Herrn und Meister halten. Wer den Herrn liebet, der liebet Ihn, er sei wes Standes er wolle. Doch soll er nicht vergessen, was einem wahren Liebhaber und wahren Christen zusteht, nämlich, dass er sich um des Herrn willen aller Gewalt verzeihe und sich nicht widere Jedermann untertan zu sein als dem Herrn.

Sagt aber Jemand: Johannes der Täufer hat den Kriegsknechten ihren Stand nicht abkündet oder verworfen, als sie ihn fragten, was sie tun sollten. Antwort: Das Gesetz und die Propheten haben gewährt bis auf Johannes; Johannes aber ist nicht kommen, dass er das Gesetz aufheben sollte, denn dies gebührt sich allein dem Licht selbst zu tun, sofern und viel es geschehen sollte. Johannes aber war nicht das Licht, sondern nur ein Zeuge des Lichts. Wer die Sünde hinweg nimmt, der mag auch das Gesetz hinweg nehmen; das ist das Lamm Gottes, Jesus Christus, darauf Johannes gewiesen hat. Er hat den Zorn Gottes über Alle, so nicht in des Gesetzes Worten bleiben, verkündigt, auf dass sie sich bekehrten. Christus aber hat Solchen erst Gnade verkündiget und umsonst feil geboten, dadurch sie möchten ohne Tadel nach dem Wohlgefallen Gottes leben.

Alles was hier oben geschrieben ist, fließt aus der vollkommenen Liebe Christi, daraus man es auch erkunden mag, wer des Herrn Geist hat. Wer es verstehet und anders lehret, der ist ein rechter Widerchrist; wer es nicht verstehet, der hat den Herrn Christum noch nicht erkannt.

Und ob schon die ganze Welt diese Lehre nicht leiden wollte oder möchte, wie sie sich stellet, so ist dies aller Kinder Gottes Trost, dass ihr Vater stärker und mächtiger ist, als die ganze Welt samt ihrem Fürsten, dem Teufel. Ja, dass ihr Vater auch so getreu ist, dass Er nicht zu Schanden werden lässt Alle, die sich auf Ihn verlassen. Wehe Dem, der die Wahrheit um Ärgernis willen sparet und dennoch Recht haben will. Denn dies ist des Teufels Liebe, damit er seine Kinder verblendet und die Kinder Gottes auch begehrt zu verblenden, dass sie sich mehr fürchten wider die Menschen, denn wider Gott zu tun. Wer Ärgernis im Herrn verhüten will, der sehe zuvor was der Herr gebietet, dass er dasselbe um keiner Ursache willen unterlasse.

Dieser gibt recht Ärgernis, der ein Gebot des Herrn lehret und löset es wieder auf, das ist, dass ers selbst nicht tut oder Anderen erlaubt es nicht zu tun; darum er auch der Kleinste heißen wird im Himmelreich. Was wird dann Dieser sein oder genannt werden, der viele Gebote oder die Gebote alle auflöset, die er lehret? Wer in des Herrn Namen lehret, der vergesse nicht, dass er auch ein Schüler Christi sein soll. Wer aber ein Schüler Christi ist, der soll nichts ohne Erlaubnis tun und des Meisters Gebot nicht versäumen.

O, ihr Alle, die ihr Lust und Liebe zu der Liebe habet, suchet die Liebe, dieweil sie zu finden ist. Denn Gott der Herr beut sie umsonst feil allen Denen, die ihr von Herzen begehren. Wer ihr begehret, der schmücke sich auf die Hochzeit. Hat er kein Kleid, der Bräutigam wird ihn wohl damit versehen. Denn wehe Dem, der im alten Kleid zur Hochzeit kommt!

1)
fröhlich
2)
O. h. Der wird sein Tun vor Gott, der die Liebe ist, nicht rechtfertigen können.
3)
Es sind mehrere Ausgaben des „Büchleins von der wahren Liebe“ erschienen. Eine derselben geht hier zu Ende. Es ist wahrscheinlich, dass der folgende Teil nicht von Hans Denk verfasst ist. Wir lassen diesen Teil nur im Auszuge folgen.
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