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Calvin, Jean - Psalm 9.

Calvin, Jean - Psalm 9.

Inhaltsangabe: David gedenkt zuerst der Siege, die er früher gewonnen hat. Er schreibt diese glücklichen Erfolge dem Herrn zu und erhebt dessen Gnade und Macht. Da jetzt neue Feinde sich gegen ihn erheben und neue Gefahren ihm drohen, so fleht er den Gott, der sich ihm früher als Retter gezeigt hat, um seinen Schutz an, und bittet ihn, den Stolz seiner Feinde zu Boden zu werfen.

V. 1. Sterben musste der Sohn. Dieses ist wahrscheinlich der Anfang eines bekannten Liedes, nach dessen Weise dieser Psalm gedichtet wurde. Was den Inhalt angeht, so streiten die Ausleger sich ohne Grund darum, welchen Sieg David hier besinge, da dieser Psalm kein Siegeslied ist, der nur Dank gegen Gott enthielte. Sind die Lobpreisungen Gottes auch überwiegend, so haben sie doch zugleich alle Bezug auf die nachfolgende Bitte. David ruft sich hier nach seiner Gewohnheit ins Gedächtnis zurück, in welch herrlicher Weise er früher durch Gottes Macht aus der Gewalt und den Händen seiner Feinde errettet worden ist, um sich dadurch im Glauben zu stärken. Daher ist es nicht passend, die Danksagungen, die er für viele Errettungen darbringt, auf einen einzigen Sieg zu beschränken.

V. 2. Ich danke dem Herrn. Mit diesen Worten will David sich den Herrn geneigt machen, damit er ihm Hilfe in seinem Leiden bringe. Denn da Gott seine Gnade von den Gläubigen nicht abwendet, so muss das, was sie schon erfahren haben, uns in der Hoffnung für die Zukunft stärken. So haben wir es hier zwar mit einer Danksagung zu tun: aber sie bildet nur das Eingangstor des ganzen Gebets; David will sich durch dankbare Rückerinnerung Mut zu guter Hoffnung machen.

Von ganzem Herzen“ ist so viel wie mit aufrichtigem, lauterem Herzen. Der Gegensatz dazu ist ein geteiltes Herz. So bezeugt David nicht nur, dass er nicht wie die offenbaren Heuchler Gott nur äußerlich mit seinen Lippen und nicht innerlich mit seinem Herzen lobe, sondern auch, dass er seine bisherigen herrlichen Erfolge einzig und allein der reinen Gnade Gottes verdanke. Die Kinder dieser Welt scheuen sich allerdings in der Regel, dem Herrn geradezu seine Ehre zu nehmen, wenn sie einen bedeutenden Sieg errungen haben. Aber wenn sie es mit einem Worte bekannt haben, dass Gott ihnen geholfen habe, so fangen sie gleich darauf an, in eitler Weise sich selbst zu rühmen und sich selbst Triumphlieder zu singen, als ob sie dem Herrn nichts schuldig wären. Kurz, sie rühmen eigentlich nur sich selbst, wenn sie Gottes bei ihren Taten gedenken. Kaum haben sie Gottes Namen ausgesprochen, so verherrlichen sie ihre Ratschläge, ihre Kunst, ihre Tüchtigkeit und ihre Macht. Wenn in alten Zeiten berühmte Heerführer wünschten, dass für sie ein Dankgottesdienst gehalten werde, so taten sie dies nicht, weil die Ehrung der falschen Götter ihnen am Herzen lag, sondern nur um durch dieses Mittel sich selbst zu verherrlichen. Mit Recht versichert David daher, dass er mit den Kindern dieser Welt nichts gemein habe, die ihre Unlauterkeit durch eine falsche Verteilung offenbaren, indem sie von dem Lobe, das sie Gott darzubringen vorgeben, den größten Teil für sich selbst nehmen. Sicherlich heißt es nicht Gott von ganzem Herzen loben, wenn ein sterblicher Mensch auch nur das Geringste von seinem Lobe fortnimmt, um es sich selbst zuzueignen. Aber ganz unerträglich ist es, wenn Menschen sich in ihrem verruchten Hochmut selbst erheben und dadurch Gottes Ruhm, so viel an ihnen liegt, verdunkeln.

Und erzähle alle deine Wunder. Dieser Ausdruck zeigt deutlich, was ich schon sagte, dass David nicht bloß von einem einzigen Siege handelt, sondern sich alle Wunder, die Gott um seinetwillen getan hat, zusammen zur Betrachtung vorhält. Mit den Wundern meint er nicht die gewöhnlichen Wohltaten, die Gott ihm erwies, sondern die besonders herrlichen Erlösungen, durch die Gott seine himmlische Macht offenbart hat. Denn wenn auch alle guten Gaben von Gott kommen, so hat er doch einigen seiner Gaben in besonderer Weise sein Siegel aufgedrückt, damit durch sie unser sonst träger Geist aufgeweckt werde. David will also sagen, dass er nicht in gewöhnlicher Weise von Gott errettet wurde, sondern dass Gott seine Macht deutlich gezeigt habe, da er in ungewöhnlicher und wunderbarer Weise seine Hand für ihn erhob.

V. 3. Ich freue mich und bin fröhlich in dir. Hier sieht man, wann die Gläubigen Gott lauter und ohne Heuchelei loben. Sie tun es dann, wenn sie gar nicht an sich selbst denken, und nicht in fleischlichem, eitlem Selbstvertrauen von sich selbst eingenommen sind, sondern ihre Freude allein an Gott haben, d. h. wenn Gottes Gnade die einzige Quelle aller ihrer Freuden ist, weil ihre ganz Seligkeit in ihm beruht. Denn diese Freude in Gott steht im Gegensatz zu der Freude, welche die Menschen an sich selbst haben. Die Wiederholung: „Und ich bin fröhlich“, lässt ersehen, wie David die reichste Fülle aller Freude in seinem Gott findet, sodass er nirgend anders mehr zu schöpfen braucht. Hierbei müssen wir auch an das denken, was wir schon früher gesagt haben, nämlich dass David sich diese Beweise der göttlichen Gnade vorhält, um die rechte Freudigkeit zum Beten zu bekommen. Wer sein Gebet mit der Versicherung beginnt, dass er volles Genüge in Gott habe, der rüstet sich mit dem besten Vertrauen.

V. 4. Dass du meine Feinde usw. Mit diesen Worten gibt David an, weswegen er es unternommen habe, Gottes Lob zu singen. Er hat es getan, weil er erkannt hat, dass er jedes Mal, wenn er siegte, dies nicht seiner und seiner Truppen Tüchtigkeit verdankte, sondern allein der unverdienten Gnade Gottes. Zunächst berichtet er, dass die Feinde niedergeworfen oder in die Flucht geschlagen wurden. Dann setzt er das gläubige Bekenntnis hinzu, dass dieses nicht nach menschlicher Weise oder zufällig geschehen sei, sondern dadurch, dass Gott gegen sie in den Kampf eintrat. Als David seine Feinde weichen sah, war er so klug, nicht bei dem stehen zu bleiben, was er vor Augen hatte, sondern sein Geistesauge zu Gott emporzuheben; so kam er zu der Erkenntnis, dass der Sieg allein von der verborgenen Hilfe Gottes kommt. Und gewiss ist er es allein, der die Einfältigen durch den Geist des Rates leitet und die Listigen ratlos macht und mit Blindheit schlägt, der den Zaghaften Mut einflößt und die Mutigen mit Angst erfüllt, der die Schwachen mit neuer Kraft ausrüstet und die Starken kraftlos macht, kurz, der nach seinem Wohlgefallen dem Kampf einen glücklichen oder traurigen Ausgang gibt. Deshalb müssen wir, wenn wir unsere Feinde fallen sehen, uns immer hüten, dass wir nicht bei dem, was unsere leiblichen Augen sehen, stehen bleiben, wie die Menschen gewöhnlich tun, die sehend blind sind. Wir müssen im Gegenteil dann immer daran denken, dass die, die zurückweichen müssen, durch des Herrn Angesicht überwältigt werden.

V. 5. Jetzt bringt David etwas Neues, nämlich, dass Gott ihm deshalb seine Hand zur Hilfe dargeboten habe, weil er ungerecht bedrückt war. Wenn Gott uns zur Seite stehen soll, so müssen wir immer darauf bedacht sein, dass wir unter seiner Führung kämpfen und uns durch ihn bestimmen lassen. Deswegen heißt Gott hier auch der Richter der Gerechtigkeit oder ein rechter Richter.David will also sagen, Gott habe nach seiner Gewohnheit und nach seiner Weise gehandelt, da er immer die gute Sache zu beschützen pflegt; oder dass Gott sein Richteramt angetreten habe und sich auf seinen Richterstuhl gesetzt habe, um seines Richteramtes zu walten. Er rühmt sich, dass Recht und Gerechtigkeit auf seiner Seite seien, indem er Gott den Vertreter seines Rechts und seiner Sache nennt. Hierauf bezieht sich auch das, was im folgenden Verse folgt, dass der Feind in die Flucht geschlagen sei. Denn indem David sieht, dass seine Feinde niedergeworfen sind, spottet er nicht nur über ihre Niederlage, sondern verurteilt sie auch als Ungerechte, indem er sagt, dass sie die Strafe empfangen haben, die sie verdient hätten.

V. 6. Du schiltst die Heiden. Wörtlich heißt es „die Völker“. Dieses Wort „Völker“ zeigt an, dass nicht nur wenige Völker vernichtet wurden, sondern gewaltige Heeresmassen, die sich von verschiedenen Seiten gegen David erhoben. Hierin zeigt sich so recht Gottes Güte, dass er zugunsten seines Knechts ganze Völker dahingegeben hat.

Ihren Namen vertilgest du. Dieses ist so zu verstehen, dass sie ohne Hoffnung auf Wiederherstellung zerstört sind und ewiger Schmach preisgegeben wurden. Die Stelle Spr. 10, 7: „Das Gedächtnis des Gerechten bleibt ein Segen“, zeigt uns nämlich, wie diese Stelle erklärt werden muss.

V. 7 u. 8. Dieser Vers und der ganze Zusammenhang wird verschieden erklärt. Nach meiner Ansicht will uns V. 7 anschaulich den Feind vor Augen stellen, wie er wütet und nicht eher zu rasen aufhört, als bis Davids Reich zerstört ist. Doch ist das alles ironisch gemeint. Denn im Gegensatz dazu erscheint nunmehr (V. 8) Gottes Gericht, welches wider Erwarten ihrem weiteren Vordringen plötzlich ein Ziel setzt. Wir wissen ja, dass die Gottlosen, wenn sie auch den Herrn nicht geradezu vom Throne stoßen wollen, sich doch so vermessen allen Lastern ergeben, als ob Gott durch Fesseln gebunden wäre. Durch die Gegenüberstellung der Wut der Feinde und des plötzlichen Gerichtes Gottes tritt es so recht deutlich hervor, wie wunderbar die Hilfe war, die Gott brachte. Die Feinde hatten beschlossen, nicht eher vom Verderben abzulassen, bis alles zerstört wäre. Und anfangs schien es auch, dass eine allgemeine Verwüstung bevorstehe. Doch da, als alles verloren schien, griff Gott ein. Lasst uns daher immer, wenn wir nur den Untergang vor Augen haben, daran denken, unsere Augen zur Feste des Himmels zu erheben, von woher Gott die Angelegenheiten der Menschen lenkt. Alle Anfechtungen müssen wir mit diesem Schilde zurücktreiben, dass, wenn es bei uns auf Erden auch zum Äußersten gekommen ist, Gott trotzdem noch im Himmel als Richter sitzt. Und wenn er sich verborgen hält und uns nicht sofort aus der Not errettet, so müssen wir uns mit der Hand des Glaubens an seine verborgene Vorsehung halten. Zuerst tröstet sich David damit: Der Herr bleibt (buchstäblich „sitzt“) ewiglich. Damit meint er, dass wenn die Roheit der Menschen sich auch noch so sehr steigert, und wenn ihre Wut auch alle Schranken durchbricht, Gott doch nicht von seinem Sitze herabgerissen werden könne, und dass nie der Fall eintreten werde, dass er sein Richteramt und seine Macht niederlege. Dies drückt der zweite Teil des Verses noch deutlicher aus: er hat seinen Stuhl bereitet zum Gericht. Gottes Regiment dient also nicht allein dazu, seine Majestät und Herrlichkeit zu erhöhen, sondern auch die Welt in Gerechtigkeit zu lenken.

V. 9. Und Er wird den Erdboden recht richten. Soeben hörten wir, dass Gott nicht in müßigem Behagen dasitzt, sondern seine Macht walten lässt, um die Welt richtig und gerecht zu regieren. Jetzt wird gezeigt, welch großen Nutzen diese Lehre für uns hat. Gottes Macht ist nicht in den Himmel eingeschlossen, sondern tritt hervor, um den Menschen zu helfen. Das ist die wahre Gottesgelehrtheit, wenn wir uns Gott nicht vorstellen als einen, der an sich selbst genug hat und das Menschengeschlecht vernachlässigt, oder als einen, der ruhig und müßig ist und nur dem Vergnügen lebt, sondern an ihn glauben, als an den, der auf dem Thron der Macht und des Rechts sitzt, und die feste Überzeugung hegen, dass er, wenn er auch den ungerecht Bedrängten nicht sofort zu Hilfe kommt, doch nie aufhört, für sie zu sorgen. Und wir müssen immer daran festhalten, dass er, wenn er sein Angesicht verbirgt, doch sein Amt nicht niedergelegt hat, sondern dass er dieses nur tut, um die Seinen in der Geduld zu üben. Deshalb müssen wir auch mit ruhigem Gemüt auf den Ausgang warten. Das Wörtchen „Er“ stellt uns mit besonderem Nachdruck den Gott vor Augen, dem niemand es nehmen wird, dass er die Welt richtet und seine Gerichte über alle Völker ausdehnt. Daraus folgt dann, dass er vor allem für die Seinen ein Richter sein wird. Wenn Gottes Gerichte ausdrücklich als „recht“ und „rechtschaffen“ bezeichnet werden, so können wir getrost den Herrn um Hilfe angehen, wenn wir uns ungerecht und grausam unterdrückt fühlen: denn der die Völker gerecht regiert, wird nicht zulassen, dass die Ungerechtigkeit ungestraft schalte, noch der Unschuld seine Hilfe entziehen.

V. 10. Der Herr ist des Armen Schutz. Dieser Satz kommt der Versuchung zuvor, die die Schwachen oft hart anfällt, wenn sie sich und ihresgleichen der Willkür der Gottlosen preisgegeben sehen, während Gott dazu schweigt. Er erinnert nämlich daran, dass Gott deswegen mit seiner Hilfe warte und sich den Anschein gebe, als habe er seine Gläubigen verlassen, um ihnen, wenn sie mühselig und bedrängt sind, gerade zur rechten Zeit in der Not zu helfen. Daraus folgt, dass der Herr sein Wirken keineswegs eingestellt hat, wenn er einmal zulässt, dass die Guten und Unschuldigen in Not kommen, und wenn er sie weinen und klagen lässt. Er zündet dadurch nur Lichter an, damit man seine Gerichte deutlicher erkenne. Hieraus lernen wir, dass wir der Vorsehung Gottes Raum lassen müssen, damit sie sich endlich in der Not zeige. Wenn uns nun auch nichts lieber ist, als seine väterliche Gunst zu empfinden, so darf es doch für uns keine schwere Last sein, wenn wir vor der Welt arm und unglücklich dastehen. Denn dieser Trost muss unseren Schmerz lindern, dass Gott nicht ferne von uns ist, und dass unsere Not ihn treibt, uns zu helfen.

V. 11. Darum hoffen auf dich usw. In diesem Verse bezeichnet David es als die Frucht der Erlösung der Gerechten durch Gott, dass sie selbst und alle anderen dadurch immer mehr und mehr in ihrem Vertrauen auf die Gnade gestärkt werden. Denn wenn wir nicht die Überzeugung haben, dass die Angelegenheiten der Menschen Gott am Herzen liegen, so werden wir fortwährend von Unruhe gequält. Da aber viele so blind sind, dass sie Gottes Gerichte nicht sehen können, so beschränkt David diesen Erfolg nur auf die Gläubigen. Und gewiss, so keine Frömmigkeit, da ist auch kein Gefühl für das Wirken Gottes. In diesem Zusammenhange erscheint es bemerkenswert, dass die Frommen als Leute bezeichnet werden, die Gottes Namen kennen: erst aus einer klaren Erkenntnis Gottes, die freilich unter der Unwissenheit und gleichgültigen Stumpfheit der Menschen meistens erstickt wird, erwächst wirkliche Religion. Dass der Name Gottes genannt wird, besagt mehr, als wenn einfach von Gott die Rede wäre. Da Gottes Wesen verborgen und unbegreiflich ist, so bezeichnet der Name Gottes seine Majestät, sofern diese sich offenbart. Weiter wird der Grund angegeben, auf den die Gläubigen ihre Hoffnung stützen: du verlässt nicht, die dich suchen.Dieses Suchen geschieht in zweifacher Weise. Einmal dadurch, dass wir den Herrn anrufen und zu ihm beten, und zweitens dadurch, dass wir mit Eifer danach trachten, heilig und rechtschaffen zu leben. Und diese beiden Stücke sind immer miteinander verbunden. Da es sich jedoch um den göttlichen Schutz handelt, auf dem das Wohl der Frommen beruht, so werden wir hier mehr daran zu denken haben, dass sie diesen Schutz suchen.

V. 12. Lobet den Herrn. David begnügt sich nicht damit, dem Herrn allein für sich zu danken, sondern er fordert auch die Gläubigen auf, in sein Loben mit einzustimmen. Er tut dieses nicht nur, weil die Gläubigen sich gegenseitig zu dieser Übung der Frömmigkeit ermuntern müssen, sondern auch, weil die Erlösung, um die es sich hier handelt, es verdient, öffentlich in feierlicher Weise unter den Völkern verkündigt zu werden. Der Sinn ist, dass sie nicht nach Würdigkeit gefeiert werde, wenn ihr Gerücht nicht den ganzen Erdkreis erfüllt. Freilich trifft diese Verkündigung bei den Heiden nur taube Ohren an. Aber David will doch zu verstehen geben, dass das jüdische Land zu klein sei, um die gewaltige Größe des Lobes Gottes zu fassen. – Wenn es vom Herrn heißt, dass er zu Zion wohnt, so soll er damit von allen erdichteten Götzen der Heiden unterschieden werden. Denn der Gott, der den Bund mit Abraham und Isaak geschlossen hat, steht allen anderen Göttern gegenüber, die sonst überall in der Welt in willkürlicher Weise verehrt wurden. Es ist nämlich nicht genug, dass man eine nebelhaft ungreifbare Gottheit hochhält und verehrt, sondern man muss klar und bestimmt dem allein wahren Gott den schuldigen Dienst leisten. Da nun der Herr Zion für die Anrufung seines Namens erwählt hatte, so schreibt David ihm diesen Ort mit Recht als seinen eigentlichen Wohnsitz zu. Denn wenn auch der Gott, den alle Himmel nicht fassen können, nicht an einen Ort gebunden ist, so hatte er doch verheißen, dass er dort für alle Zeiten ruhen werde. Nicht nach eigenem Gutdünken hatte David Gott diesen Ort zugewiesen, sondern weil er durch die Offenbarung schon von Mose her wusste, dass es dem Herrn gefiel, daselbst Wohnung zu nehmen. Übrigens geht aus dieser Stelle hervor, dass David diesen Psalm in späterer Zeit gedichtet hat: denn erst in der späteren Zeit seiner Regierung wurde die Bundeslade auf Gottes Befehl nach Zion gebracht. Wenn nun die heiligen Väter nach Zion wallten, um dort dem Herrn ihre Opfer darzubringen, so taten sie dies nicht aus eigenem Antriebe, sondern im gläubigen Gehorsam gegen Gottes Wort und Befehl. Darum darf man sich keineswegs auf das Vorbild der Juden berufen, um allerlei gottesdienstliche Formen zu decken, die man in selbsterwähltem Aberglauben ersonnen hat. Ferner ist zu bedenken, dass die Gläubigen nicht allein an Gottes Wort hängen, sondern auch durch äußere Zeichen eine Unterstützung empfangen sollten, ihre Sinne emporzuheben und den Herrn im Geiste verehren zu lernen. Denn Gott hatte in jenem sichtbaren Heiligtum wahre Zeichen seiner Gegenwart gegeben. Das Volk sollte aber nicht an diesen irdischen Zeichen haften bleiben, sondern diese äußeren Zeichen sollten ihm gleichsam als Leiter dienen, um sich zum Himmel zu erheben. Denn von Anfang an hat Gott wegen der Unmündigkeit seines Volkes die Sakramente und andere fromme Übungen zu diesem Zwecke bestimmt. Deshalb ist es auch noch jetzt der rechte Gebrauch derselben, dass wir sie als Hilfsmittel gebrauchen, um Gott in geistlicher Weise in seiner himmlischen Herrlichkeit zu suchen. Sie dürfen uns aber nicht auf dieser Erde festhalten und uns noch weniger von Gott abziehen. Später wird sich bessere Gelegenheit zur Behandlung dieses Gegenstandes bieten. Übrigens passte es nur unter dem alten Bunde, zu sagen, dass Gott auf Zion wohne: und solche Rede wurde für Gottes Volk ein Anlass zu fester, ruhiger Zuversicht und zur Freude. Nachdem nun aber das Gesetz von Zion ausgegangen und aus der gleichen Quelle uns auch der Bund der Gnade zugeflossen ist, sollen wir wissen, dass der Herr überall inmitten seiner Gläubigen thront, die ihn rein und in rechter Weise, wie er es in seinem Worte befohlen hat, anbeten.

V. 13. Denn er gedenkt usw. Es ist dies eine Wiederholung dessen, was wir schon zuvor lasen, dass Gottes Macht sich vor allem in seinem Mitleid mit seinen Knechten offenbart, wenn diese ungerecht behandelt werden. Aus der ganzen Fülle der göttlichen Durchhilfen führt David jetzt einige besonders eindrückliche Beispiele vor: der Herr reißt die Elenden aus des Todes Rachen, oder wenn er ja einmal zulässt, dass sie getroffen werden, rächt er doch das ihnen angetane Unrecht. Dabei wird uns wiederum eingeprägt, dass Gott nicht immer, wie wir es wollen, uns gleich zu Hilfe kommt und nicht gleich anfangs die Unternehmungen unserer Feinde verhindert, sondern vielmehr mit seiner Hilfe wartet, so dass es den Anschein hat, als seien unsere Klagen umsonst. Dies ist wohl zu beachten: denn wenn wir Gottes Hilfe nach unseren Empfindungen messen, so werden wir bald den Mut verlieren und auch jede Hoffnung auf Besserung. Denn wir wünschen, wie schon gesagt, dass Gott, sobald er sieht, dass Verfolgungen gegen uns ins Werk gesetzt werden, diesen gleich von ferne her mit ausgestreckter Hand zuvorkomme. Stattdessen hält er sich verborgen und hindert es nicht, dass unser unschuldiges Blut vergossen wird. Aber dieser Trost muss uns aufrechterhalten, dass er es einmal durch die Tat beweisen wird, dass unser Blut wertgeachtet war vor ihm. Sollte jemand einwenden, dass Gottes Hilfe zu spät komme, wenn wir bereits alle Leiden durchgemacht haben, so antworte ich, dass er nicht länger wartet, als es für uns nützlich ist, unter dem Kreuze gedemütigt zu werden. Wenn er uns bloß rächt, statt uns im Augenblick zu helfen, so kommt dies nicht daher, dass er etwa nicht immer zur Hilfe willig und bereit wäre: vielmehr ist ihm nicht jede Zeit gleich geeignet, seine Gnade zu offenbaren. Wenn übrigens der Herr noch um die Toten sich kümmern soll, so ist dies nicht bloß ein unvergleichliches Zeichen seiner Liebe, sondern auch ein Zeugnis für die selige Unsterblichkeit. Würde Gott uns immer sofort gnädig sein, so würden wir uns zu sehr an dieses zeitliche Leben klammern. Da er aber unsern Tod rächt, so ist dies ein Zeichen, dass wir für ihn erhalten bleiben. Denn er macht es nicht wie die Menschen, die das Andenken ihrer Freunde ehren, deren Leben sie doch nicht erhalten konnten, sondern er beweist es tatsächlich, dass seine Kinder, die nach dem Fleisch verloren scheinen, in seinem Schoße geborgen sind. Das ist auch der Grund für den Ausdruck, den David gebraucht: „er fragt nach ihrem Blut“. Denn wenn der Herr die Seinen auch nicht im Augenblick den Schwertern der Gottlosen entreißt, lässt er doch ihren Tod nicht ungerochen. Hierauf bezieht sich auch das Folgende: Er vergisst nicht des Schreiens der Armen. Wenn der Herr es auch nicht sofort durch die Tat beweist, dass er ihre Klagen vernimmt, so zeigt er es doch endlich, dass er ihre Gebete erhört hat. Absichtlich redet David von einem „Schreien“, damit alle, die Gott als ihren Befreier und Rächer zu erfahren wünschen, auf ihn ihr Wünschen, Seufzen und Bitten zielen lassen.

V. 14. Herr, sei mir gnädig. Nach meiner Ansicht beginnt hier der zweite Teil des Psalms. Andere sind anderer Ansicht, nämlich dass David, wie er es oft zu tun pflegt, zwischen den Danksagungen berichte, wie er zur Zeit der Not gebetet habe. Ich gebe zu, dass hierfür Beispiele vorliegen; aber wenn ich alle Umstände genau erwäge, so sehe ich mich doch genötigt, diese Auffassung zu verwerfen. Im ersten Teile des Psalms pries David die ihm erwiesene Gnade, um sich damit den Weg zu dem Gebet zu bahnen, in welches das Lied nunmehr ausläuft. Wir haben es also nicht mit einer beiläufigen Reminiszens an frühere Gebete zu tun, sondern mit einer wirklichen Bitte um Hilfe: David bittet den Herrn, der bisher sich als Retter zeigte, er möge seine Gnade auch ferner walten lassen. Es ist auch möglich, dass die Feinde, die schon einmal besiegt waren, neue Kraft und neuen Mut gewonnen hatten und das Äußerste versuchten. Wir sehen ja oft, dass eine fast verlorene Sache die Wut ihrer Vertreter ganz besonders anfacht. Das ist sicher, dass David damals, als er diese Bitte aussprach, in großer Angst war. Denn er ruft Gott nicht ohne Grund zum Zeugen seines Elends an. Es ist bemerkenswert, dass David, da er sich demütig zu Gottes Erbarmen flüchtet, geduldig und bescheiden das ihm auferlegte Kreuz trägt. Vor allem ist aber zu beachten, mit welchem Beinamen er den Herrn schmückt: der du mich erhebst aus den Toren des Todes. Damit stärkt er zunächst seinen Glauben durch die Erfahrung, dass der Herr ihn oft aus den äußersten Gefahren gerissen hatte. Darnach verspricht er sich die Erlösung selbst aus dem Rachen des Todes, da Gott seinen Dienern nicht nur in gewohnter Weise zu helfen und sie von ihren Leiden zu heilen pflegt, sondern sie auch aus dem Grabe hervorführt, wenn jede Lebenshoffnung abgeschnitten ist. Die Pforten des Todes sind eine bildliche Bezeichnung der größten Gefahr, die mit dem Untergang droht und das Grab geöffnet zeigt. Damit wir nun weder durch den Druck gegenwärtiger noch durch die Furcht vor zukünftig drohenden Übeln den Glauben verlieren und im Beten uns hindern lassen, wollen wir bedenken, dass es keine vergebliche Rede sein wird: Gott ist der, dessen Amt es ist, die Seinen aus den Pforten des Todes zu erheben.

V. 15. Auf dass ich erzähle all deinen Preis usw. Hiermit will David sagen, dass er in allen Versammlungen und überall, wo viel Volks zusammenkommt, Gottes Lob verkündigen will. Denn damals wurden die Versammlungen unter den Toren abgehalten. Der Ausdruck scheint zugleich anspielend auf die „Tore des Todes“ zurückzuweisen. David will etwa sagen: Werde ich von dem Grabe errettet sein, so will ich mit allem Eifer Gottes Gnade im Licht des Tages bezeugen. Da es aber keinen Wert hat, Gottes Lob mit den Lippen zu preisen, wenn dieses Lob nicht von Herzen kommt, so fügt er hinzu, dass er innerlich fröhlich sei. Damit gibt er zu verstehen, dass er das irdische Leben fortan allein mit dankbarer Freude über die Rettung ausfüllen will, die Gott ihm schenkte. Als „Tochter“ Zion wird öfter die Stadt und ihre Bewohnerschaft bezeichnet; als Bezeichnung der Stadt ist dabei der Name ihres hervorragendsten Teiles gewählt.

V. 16. Die Heiden sind versunken usw. Nachdem David sich im Glauben gestärkt hat, spottet er seiner Feinde. Zuerst sagt er bildlich, dass sie in ihren eigenen Schlauheit und ihren Ränken sich wie im Netz gefangen haben. Dann sagt er gerade heraus, dass sie in ihrer eigenen Übeltat verstrickt worden sind. Und er versichert, dass dies nicht von ungefähr geschah, sondern dass es ein Werk Gottes und eine herrliche Offenbarung seines Gerichtes war. Nicht ohne Grund vergleicht er seine Feinde mit Jägern und Vogelstellern. Denn wenn die Gottlosen auch oft mit Kraft und Macht wüten, so ahmen sie doch immer die Betrügereien und falschen Künste ihres Vaters, des Satans, nach, der der Vater der Lüge ist: sie missbrauchen alle Kräfte ihres Geistes zur Bosheit und zu schändlichen Anschlägen. Deshalb müssen wir immer, wenn die Gottlosen uns mit List zu verderben suchen, daran denken, dass es nichts Neues ist, wenn den Kindern Gottes Netze und Stricke gestellt werden. Zugleich müssen wir uns aber auch damit trösten, dass die Feinde den Ausgang aller ihrer Anschläge nicht in der Hand haben: der Herr steht wider sie und vereitelt nicht nur ihre Unternehmungen, sondern fängt sie auch in den Ränken, die sie geschmiedet haben, und wendet alle Mittel, die sie gebrauchen, gegen sie selbst.

V. 17. So erkennt man, dass der Herr Recht schafft. Dass der Herr trotz allem noch auf seinem Richterstuhl sitzt, wird man erkennen, wenn er die Gottlosen in ihre Bosheit verstrickt. Wenn Gott die Kniffe, die sie erdacht haben, gegen sie selbst wendet, so wird Gottes Gericht so deutlich offenbar, dass dieses nicht auf natürliche Ursachen oder auf den Zufall zurückgeführt werden kann. Wenn Gott die Macht seiner Hand offenbart, so müssen wir die Augen öffnen, damit die Gerichte, welche er gegen die Feinde der Gemeinde ausübt, unseren Glauben stärken. – Das Wort, welches wir mit „Zwischenspiel“ übersetzen, bedeutet buchstäblich „Nachsinnen“. Ich denke mir also, dass David gerade an dieser Stelle die Gedanken der Gläubigen bei der Betrachtung der göttlichen Gerichte etwas festhalten wollte. Eben darauf zielt, wie wir früher (zu Ps. 3, 3) sahen, das Wort Sela: so passen diese Hinweise die Musik dem Inhalte des Psalms an.

V. 18. Die Gottlosen werden zur Unterwelt gekehrt werden. Einige übersetzen: Ach dass die Gottlosen zur Unterwelt gekehrt würden! – und fassen dieses als Verwünschung. Doch nach meiner Meinung will David vielmehr sich und alle anderen Frommen für die Zukunft stärken, indem er verkündigt, dass den Übeltätern alles, was sie versuchen, zum Verderben gereichen werde. Denn wenn sie „gekehrt“ werden, so gibt Gott eben ihren Anschlägen zuletzt eine ihnen unerwartete Wendung. Welch ein Gegensatz zwischen ihrer stolzen Höhe und dem nachfolgenden Sturz! Denn da keine Furcht vor Gott sie in Schranken hält, so erheben sie sich über die Wolken und richten stolz ihr Haupt empor, als ob sie, wie Jesaja (28, 15) sagt, einen Bund mit dem Tode gemacht hätten. Aber der Prophet erinnert uns daran, dass sie, wenn sie so sicher wüten, nur im Taumel des Wahnsinns vorwärts stürmen, um endlich ins Grab zu sinken, von dem sie weit entfernt zu sein wähnen. Hier wird uns jene plötzliche und unerwartete Veränderung beschrieben, durch die Gott das, was verwirrt war, wieder in Ordnung bringt. Wenn daher die Gottlosen sicher auf schwindelnder Höhe stehen, so müssen wir mit dem Auge des Glaubens auf das Grab sehen, das ihnen bereitet ist, und müssen fest überzeugt sein, dass Gottes Hand, ob auch verborgen, doch nahe ist, und dass er ihren Weg, auf dem sie den Himmel zu erstürmen suchen, plötzlich zur Unterwelt zurückwendet. Einige setzen für Unterwelt Grab. Aber es ist sicher, dass der Prophet etwas anderes meint, als den gewöhnlichen Tod; denn sonst würde das, was er von den Übeltätern sagt, ebenso gut auf alle Frommen passen. Anderseits ist „Unterwelt“ auch nicht gleichbedeutend mit der Hölle als dem Ort ewiger Verdammnis. David will uns durch diese Redewendung lehren, dass alle Gottlosen untergehen werden, und dass ihr Selbstvertrauen, das sie zu allem Schlechten verleitete und sie antrieb, die Unschuldigen zu bedrücken, ihnen zum Verderben werden muss. Auch die Gläubigen sinken ins Grab: das ist für sie aber kein Unglück, weil das Grab sie nicht ohne Hoffnung auf Erlösung verschlingt; denn während sie im Grabe ruhen, wohnen sie mit ihrer Hoffnung im Himmel.

V. 19. Denn er wird des Armen nicht immer vergessen. Diese Worte bekräftigen den vorstehenden Satz. Freilich weisen sie auch darauf hin, dass die Armen und Gebeugten zuweilen von Gott verlassen scheinen: aber für alle Zukunft wird er sie nicht vergessen. Wir sollen wissen, dass die Verheißungen auf Hilfe, die Gott uns gibt, nicht so zu verstehen sind, als wolle er unserem Elend überhaupt zuvorkommen. Er hilft uns erst dann, wenn er uns lange durchs Kreuz gezüchtigt hat. Gott schweigt deshalb zu unserer Not, weil er durch unsere Bitten aufgeweckt werden will. Wenn er unsere Gebete erhört, so reckt er seine mächtige Hand aus, um uns zu helfen, als wenn er dann erst anfinge, unserer zu gedenken. Aber noch einmal erinnert David daran, dass dies nicht sofort geschieht, damit wir die Hoffnung nicht aufgeben, wenn die Hilfe nicht gleich erscheint.

V. 20. Herr, stehe auf. Von Gott kann eigentlich nicht gesagt werden, dass er sich erhebt. Aber es heißt von ihm so, wenn sein Wirken für uns in Erscheinung tritt, weil wir es erst dann merken, dass Gott der Erlöser der Seinen ist, wenn wir ihn gleichsam mit unseren Augen auf dem Richterstuhl sitzen sehen. Des Weiteren gibt David den Grund an, der Gott bestimmen soll, das den Seinen angetane Unrecht zu rächen. Er soll dieses tun, damit die Menschen nicht überhand haben. Denn sobald er sich erhebt, muss die Wut der Gottlosen sich legen. Wie kommt es, dass die Gottlosen so vermessen und frech sind? Kommt es nicht daher, dass Gott sich ruhig verhält und ihnen die Zügel schießen lässt? Sobald jedoch ein Anzeichen seines Gerichts sich zeigt, so wirft er mit einem bloßen Wink ihre stolze Empörung nieder und bricht ihre Kraft. Diese Gebetsformel lehrt uns, dass unsere Feinde, wenn sie auch noch so unbändig sind und sich stolz gebärden, doch in Gottes Hand sind und nicht mehr vermögen, als er ihnen gestattet, und dass wir nicht daran zweifeln dürfen, dass Gott, wenn er will, alle ihre Unternehmungen vereitelt. Wenn es heißt: lass alle Heiden vor dir gerichtet werden, so ist das so zu verstehen, dass Gott sie gleichsam zwingt, sich seinem Gericht zu stellen. Wir wissen ja, dass die Ungläubigen ihm so lange den Rücken zukehren und ihn nicht als ihren Richter anerkennen, bis sie mit Gewalt vor sein Angesicht gezogen werden.

V. 21. Flöße ihnen Furcht ein. Welche Furcht ist hier gemeint? Gott bringt auch seine Auserwählten durch Furcht zum Gehorsam; da er jedoch gegen sie seine Strenge mildert und ihre steinernen Herzen erweicht, so dass sie sich willig und geduldig vor ihm beugen, so kann von ihnen eigentlich nicht gesagt werden, dass er sie durch Furcht zwinge. Anders verhält es sich jedoch mit den Verworfenen; denn da ihr Starrsinn unbeugsam ist, so dass sie leichter gebrochen als gebessert werden können, so bricht er ihre unbeugsame Hartnäckigkeit mit Gewalt. Und wenn sie dann auch nicht zur Einkehr kommen, so werden sie doch, sie mögen wollen oder nicht, gezwungen, ihre Ohnmacht zu bekennen. Denn wenn sie auch noch so sehr schnauben, ja vor Wut kochen und wilder sind, als die wilden Tiere, so werden sie doch, wenn der Schrecken Gottes sie erfasst, mitten im Laufe niedergestreckt und stürzen durch ihre eigene Schwere. – Im Folgenden wird der Zweck dieser Demütigung der Heiden angegeben. Sie müssen niedergeworfen werden, damit sie erkennen, dass sie Menschen sind. Auf den ersten Blick scheint dies geringen Wert zu haben. Und doch ist es von großer Bedeutung. Was ist der Mensch? Nicht einmal einen Finger vermag er in eigener Kraft zu erheben. Und doch brüsten sich alle Gottlosen, als gebe es für sie gar keine Hindernisse. Im falschen Wahn maßen sie sich an, was Gott allein zukommt. Wie würden sie sich so viel herausnehmen, wenn sie sich ihrer Stellung bewusst wären? David meint natürlich nicht, dass sie durch Gottes Züchtigung dahin kommen würden, sich in Wahrheit und von Herzen zu demütigen, sondern „erkennen“ bedeutet hier so viel als erfahren. David will etwa sagen: Gib, dass sie, wenn sie aus Mangel an Selbsterkenntnis in Wut geraten, es tatsächlich erfahren, dass ihre Kräfte nicht ausreichen, das auszuführen, was sie in eitlem Selbstbewusstsein sich zugetraut, und dass sie, nachdem ihre Hoffnung zunichte geworden ist, beschämt am Boden liegen. Es kann ja oft der Fall eintreten, dass Menschen, die ihre Ohnmacht erfahren haben, trotzdem nicht zur Einkehr kommen. Aber es genügt, wenn sie mit Schimpf von ihrer Anmaßung überführt werden, sodass es offenbar wird, wie lächerlich ihr Vertrauen auf ihre eigene Kraft war. Bei den Auserwählten muss sich dagegen eine andere Wirkung zeigen. Wenn diese durch die Erfahrung ihrer Ohnmacht gedemütigt werden, so müssen sie freiwillig jedes Selbstvertrauen aufgeben. Das wird dann geschehen, wenn sie sich bewusst werden, dass sie Menschen sind. Treffend sagt Augustin, dass die Demut auf der rechten Selbsterkenntnis beruht. Da der Stolz uns allen angeboren ist, so müssen wir alle von der Furcht Gottes erfüllt werden, die Gläubigen, damit sie Bescheidenheit lernen, die Verworfenen, damit sie, wenn sie auch nicht aufhören, über die den Menschen gesetzten Schranken sich zu erheben, doch immer wieder mit Schande zu Boden sinken.

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