Calvin, Jean – Das Evangelium des Johannes - Kapitel 7.

V. 1. Darnach zog Jesus umher in Galiläa. Offenbar liefert der Evangelist keine genau zusammenhängende Lebensbeschreibung, sondern wählt Bemerkenswertes aus verschiedenen Zeiten aus. Er erzählt hier, dass Jesus sich einige Zeit in Galiläa aufgehalten hat, weil er bei den Judäern nirgends seines Lebens sicher war. Wollte jemand sagen: Wie wunderlich, dass Christus ein Versteck aufgesucht hat! Er vermochte doch durch seinen bloßen Wink alle Versuche seiner Feinde zunichte zu machen! – so ist darauf zu erwidern: er war dessen eingedenk, was der Vater von ihm verlangte, und wollte sich innerhalb der Grenzen eines einfachen Menschen halten. Als er Knechtsgestalt annahm, hat er sich entäußert bis zu seiner Erhöhung durch den Vater; deshalb mied er auch die Gefahr, recht wie ein Mensch es tut. Es wäre nicht am Platze gewesen, unbekümmert mitten in lauter Gefahren hineinzurennen. Es ziemt uns nicht, allerlei Gefahren aufzusuchen, und nun abzuwarten, was Gott wohl über uns beschlossen hat. Wir haben nur zu fragen: Was befiehlt Gott? Was ist unsere Pflicht? Wie gehen wir unseren Weg nach seinem Willen? Wenn übrigens Christus Gefahren aus dem Wege ging, so hat er doch niemals auch nur um eines Fingernagels Breite die Bahn der Pflicht verlassen. Am Leben bleiben hat nur dann einen Wert, wenn wir Gott dienen wollen. Wir dürfen daher niemals um des Lebens willen das aus dem Auge verlieren, was dem Leben allein Wert gibt. –

Wenn hier ein verachteter Winkel Galiläas Christo Herberge bot, da Judäa ihn nicht leiden konnte, so sehen wir daraus zur Genüge, wie sich die Hauptsitze der Kirche durchaus nicht immer durch Frömmigkeit und Gottesfurcht auszeichnen.

V. 2. Der Juden Fest. Obgleich sich kein sicherer Beweis dafür erbringen lässt, ist es mir doch wahrscheinlich, dass diese Geschichte sich im zweiten Jahr nach der Taufe Christi zugetragen hat. Über diesen Festtag, dessen der Evangelist hier gedenkt, ausführlicher zu reden, hat keinen Zweck; wozu er angeordnet worden war, ersieht man aus 3. Mo. 23, 43. Die Juden sollten durch eine alljährlich stattfindende Feier es sich ins Gedächtnis rufen, dass ihre Vorfahren vierzig Jahre lang in Zelten gewohnt hatten, da sie keine Häuser besaßen, um so den Dank für die Erlösung des Volkes darzubringen. Dass Jesus die Festfeiern in Jerusalem gern aufsuchte, um den dort versammelten Massen das Evangelium zu predigen, haben wir schon (zu 2, 13) bemerkt. In unserem Falle aber berichtet der Evangelist, dass Christus zunächst noch ruhig in dem stillen Galiläa blieb, als wollte er diesmal nicht nach Jerusalem kommen.

V. 3 u. 4. Da sprachen seine Brüder zu ihm. Unter Brüdern verstehen die Hebräer Blutsverwandte aller möglichen Grade. Von ihnen wurde, wie wir hier erfahren, Christus verspottet, weil er, das Licht der Öffentlichkeit scheuend, sich in dem weltabgelegenen Galiläa verstecke. Möglicherweise hat sie der Ehrgeiz dazu angetrieben, dass sie sich am Glanze ihres Anverwandten sonnen wollten. Aber selbst wenn wir dies annehmen, so ist es doch am Tage, dass sie ihren Hohn mit ihm treiben. Sie glauben ja nicht, dass sein Handeln Sinn und Verstand hat. Indem sie sich selbst für klug halten, werfen sie ihm Unklugheit vor: es fehle ihm so sehr an Selbstvertrauen, dass er, obgleich er gern etwas bedeuten möchte, sich doch nicht getraue, den Menschen unter die Augen zu treten.

Wenn sie sagen, dass auch deine Jünger sehen usw., so meinen sie damit nicht seine ständige Umgebung, sondern die, welche er allenthalben im ganzen Volke anwerben wollte. Dieser Gedanke ergibt sich aus dem Folgenden (V. 4.): tust du solches, d. h. willst du „frei offenbar“ sein und aller Augen auf dich ziehen, so offenbare dich vor der Welt, nicht bloß vor einem kleinen Kreise, der niemanden berühmt machen kann. Dies ganze Betragen der Verwandten Jesu ist ein deutliches Beispiel für die Unempfänglichkeit und Gleichgültigkeit der Menschen gegen Gottes Werke: sie konnten ja so nur reden, weil sie die handgreiflichen Beweise der göttlichen Kraft Christi, die sie zur höchsten Bewunderung hätten hinreißen sollen, mit Füßen traten. Was wir hier von Christo hören, spielt sich immer wieder in gleicher Weise ab, nämlich dass den Kindern Gottes Verwandte mehr zu schaffen machen, als Fremde. Sie sind dann Werkzeuge Satans, welche die Kinder Gottes, die ihrem Vater lauter und treu dienen möchten, bald zum Ehrgeiz, bald zur Habgier zu reizen suchen. Christus weist solche Angriffe Satans mit Entschiedenheit zurück und mahnt uns durch sein Beispiel, törichten Bruderwünschen nicht Folge zu leisten.

V. 5. Seine Brüder glaubten nicht an ihn. Wir erschließen daraus, dass auf diesem Gebiete leibliche Angehörigkeit durchaus nicht ins Gewicht fällt. Der Evangelist brandmarkt die Anverwandten Christi als übelgesinnte Menschen, die eigentlich durch das laut redende Zeugnis vieler Taten hätten überführt sein sollen und trotz alledem nicht glaubten. Wer zu Christo gehören will, der muss, wie Paulus (2. Kor. 5, 17; Gal. 6, 15) sagt, eine neue Kreatur sein. Die sich Gott ganz hingeben, die bekommen bei Christo die Stelle von Vater und Mutter und Brüdern. Andere weist er ganz von sich weg. Deshalb ist es ein kindischer Aberglaube, wenn die Römischen die Maria lediglich um ihrer Blutsverwandtschaft mit Christo willen so hoch erheben, - als hätte der Herr nicht jenes Weib getadelt, welches aus der Menge heraus ihm zurief (Lk. 11, 27): „Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die du gesogen hast“. Christus gab ihr zur Antwort: „Ja, selig sind, die Gottes Wort hören“.

V. 6. Meine Zeit ist noch nicht hie. Einige deuten das fälschlich auf die Zeit seines Todes. Jesus denkt vielmehr an die Zeit seines Aufbruches nach Jerusalem und bezeugt seinen Anverwandten, dass er in dem Stück von ihnen verschieden ist, dass es ihnen frei steht, ungestraft jederzeit vor die Welt hinzutreten, da sie mit der Welt gut freund sind, er dagegen wohl gegründete Befürchtungen hegt, da die Welt ihm feind ist. Er gibt ihnen damit zu verstehen, dass sie ihm in seiner Sache, in der er sehr gut selbst Bescheid weiß, überflüssigerweise ihren Rat erteilen. Er beschuldigt sie fleischlicher Gesinnung, wenn er von ihnen sagt, die Welt könne sie nicht hassen. Der Friede mit der Welt ist nur für den Preis feil, dass man unter Ertötung der Stimme des Gewissens seine Zustimmung zu ihrem sündlich-bösen Treiben gibt.

V. 7 u. 8. Mich aber hasset sie. Die Welt“ steht hier für die nicht wiedergeborenen Menschen, die auf ihrem eigenen Sinne bestehen. Christus sagt hiermit: alle, die noch nicht vom Geiste wiedergeboren sind, stehen mir feindlich gegenüber. Und aus welchem Grunde? Weil er bezeugt, dass ihre Werke böse sind. Wer dieses Urteil Christi wirklich gelten ließe, müsste also zugeben, dass die ganze, durch und durch verderbte Menschennatur nichts Rechtes, Reines und Gutes hervorzubringen vermag. Da aber der Mensch nur zu gern in seiner Selbstgefälligkeit verharrt, wirft er einen Hass auf Christum, der diesen Zustand aufdeckt. Wir können aber hier lernen, dass von einer rechten Bezeugung des Evangeliums nur da die Rede ist, wo die ganze Welt als schuldig vor Gottes Richterstuhl gerufen wird, damit Fleisch und Blut dort als ganz untüchtig verworfen und vernichtet werden, entsprechend dem Worte Christi (Joh. 16, 8), dass der Geist, wenn er kommt, die Welt von der Sünde überführen soll. Ferner lernen wir hieraus, dass der den Menschen angeborene Stolz so groß ist, dass sie sich mitten in ihren Sünden für sehr tugendsam und lobenswert halten. Sie würden sonst nicht, wenn man sie schilt, so wütend werden. Der Geist allein kann uns sanftmütig machen, dass wir den Tadel still hinnehmen und willig unseren alten Menschen dem Schwerte des Evangeliums darbieten: stoß nur zu!

V. 9 u. 10. Blieb er in Galiläa. Hier stellt uns der Evangelist auf der einen Seite die Verwandtschaft Christi vor Augen, welche mit Schaustellung der landesüblichen Frömmigkeit sich brüstet, dabei aber gut freund mit den Gottlosen ist und deswegen unbehelligt ihres Weges zieht.

Auf der anderen Seite zeigt er uns Christum selbst, der als ein der Welt verhasster Mann heimlich in die Stadt kommt, bis seine Amtspflicht ihn nötigt, offen hervorzutreten. Ist es nun das denkbar Traurigste, sich von Christo loszureißen, so muss es wohl ein verfluchter Friede sein, der nur um den Preis der Verleugnung Christi zustande kommt.

V. 11. Da suchten ihn die Juden. Hier bekommt man einen Einblick in den ganzen damaligen Zustand der Gemeinde Gottes. Die Juden lechzten damals wie Ausgehungerte nach der verheißenen Erlösung. Da erscheint Christus. Und sie? Sie schwanken hin und her in Ungewissheit. Davon dies verworrene Murmeln und die gegen einander laufenden Äußerungen. Dass sie sich ihre Meinungen nur heimlich zuflüstern, ist das sichere Zeichen der tyrannischen Allgewalt, welche die Priester und Schriftgelehrten an sich gerissen hatten. Ohne Frage ein höchst abschreckendes Bild! Die Obersten des Volkes, die seine treuen, liebevollen Hirten sein sollten, halten das Volk in einem Banne von Furcht und Schrecken. Für die Masse der Gemeinde selbst ergibt sich daraus die traurigste Verstörung. –

Unter den „Juden“ ist hier das Volk im Ganzen verstanden, das seit zwei Jahren gewohnt war, Jesum zu hören, und ihn nun, da er, seiner bisherigen Gewohnheit nicht entsprechend, ausbleibt, hier und dort aufsucht.

Die Frage: Wo ist der? lässt erkennen, dass ihnen Jesus eine bekannte Persönlichkeit war. Zugleich verrät aber diese Redeweise, dass der Eindruck, den jene Leute von Christo empfangen hatten, noch nicht in die Tiefe ging, sodass jeder Zweifel überwunden gewesen wäre.

V. 12. Ein groß Gemurmel. Wo die Menschen in größeren Scharen sich sammelten, raunten sie sich also, wie dies unter den Volksmassen zu geschehen pflegt, ihre Urteile über Christum einander zu. Der Zwiespalt, der dabei zu Tage tritt, kann uns lehren, dass die Meinungsverschiedenheit über Christum inmitten der Gemeinden Gottes schon ein uraltes Übel ist. Wie wir aber kein Bedenken tragen, Christum anzunehmen, obwohl er von der Mehrheit seines eigenen Volkes zum Tode verurteilt worden ist, so sollen wir auch in den Stürmen unserer Gegenwart stark und unerschüttert dastehen. Weiter können wir hier sehen, wie unüberlegt die Menschen in göttlichen Dingen zu urteilen pflegen. Die Zurückhaltung, die man sich bei ganz unbedeutenden Fragen sonst auferlegt, schwindet sofort, wenn es ein Urteil über den Sohn Gottes und seine hochheilige Lehre zu fällen gilt. Mögen wir daraus Bescheidenheit lernen, damit nicht das Verwerfungsurteil, welches wir über die göttliche Wahrheit vielleicht fällen, vielmehr auf unser eigenes Leben zurückfalle! Hält aber die Welt uns Bekenner Christi für Lügner und Verführer, so mögen wir uns – falls wir nur in der Tat wahrhaftig sind, - damit trösten, dass wir eben Christi Wundenmale tragen. Endlich zeigt unsere Stelle, dass in einer großen Menschenmenge, auch wenn die Masse unklar und kopflos ist, doch immer einige sich befinden, die die richtige Gesinnung haben. Freilich verschwinden die par Wohlgesinnten unter der Masse der Unzurechnungsfähigen.

V. 13. Niemand aber redete frei usw. Hier sind die „Juden“ die Volkshäupter, die das Steuer in der Hand hielten. Sie hassten Christum so glühend, dass sie weder für, noch gegen ihn die geringste Äußerung duldeten. Nicht als ob sie ein Missfallen daran gehabt hätten, wenn er mit boshaften Vorwürfen zerzaust wurde, sondern weil sie keinen kürzeren Weg sahen, mit ihm fertig zu werden, als wenn sein Name überhaupt in Vergessenheit begraben wurde. Dass keiner den Mund auftat, kam, wie schon oben gesagt, von dem Schreckensregimente her, das ausgeübt wurde. Nun ist es ja gewiss ein übler Zustand, wenn in der Gemeinde ungezügelt jeder reden darf, was er will, - aber noch schlimmer ist es doch, wenn jegliche Regung wahrer Freiheit dergestalt von Furcht erstickt ist, dass es ein gefährliches Wagstück wäre, auch nur ein Wörtchen zu äußern. Umso strahlender und bewundernswerter leuchtet da der unerschrockene Mut Christi hervor, wenn er nun unter das Volk tritt und unbekümmert um seine Feinde, ihre Waffen, ihre Wut und ihren Hass eine Zuhörerschaft um sich sammelt. Jetzt fragt er nichts nach den fürchterlichen Tyrannen des Volkes, sondern tut im Dienste der Wahrheit freudig seinen Mund auf.

V. 14. Ging Jesus hinauf in den Tempel. Hier sehen wir, dass Christus nicht aus Ängstlichkeit die Erfüllung seiner Pflichten vernachlässigte. Die Ursache seines Verzuges war die gewesen: Er wollte erst, wenn das Volk sich gesammelt, und er alle bei einander hatte, sich hören lassen. Es ist also erlaubt, bisweilen drohender Gefahr aus dem Wege zu gehen, jedoch darf man keine Gelegenheit, etwas Gutes zu vollbringen, ungenützt vorüber gehen lassen oder übersehen. Jesus lehrte im Tempel. Das war das Altgewohnte. Gott hat zwar allerlei Förmlichkeiten des Tempeldienstes angeordnet; aber es war nicht seine Absicht, dass das Volk sich nur mit kalten, leeren Schaustellungen begnügen sollte. Damit das Volk etwas vom Besuch des Tempels hätte, musste hinzukommen, dass dort das Wort Gottes gelehrt wurde. So werden die äußerlichen Bräuche lebendige Abbilder der geistlichen Dinge, denen das Wort Gottes den Gehalt verleiht. Die Priester walteten, fast ohne ein Wort zu sagen, ihres Amtes. Die Schriftgelehrten aber verfälschten mit ihrem Sauerteig und ihren eigenen Zusätzen die reine Lehre. So übernahm Christus das Lehramt. Und das mit Recht! Er war ja der höchste Priester, wie er denn auch nachher öffentlich ausspricht, er unternehme nichts ohne des Vaters ausdrückliches Gebot.

V. 15. Und die Juden verwunderten sich. Diese Verwunderung deutet man nicht richtig, wenn man etwa aus den folgenden Worten den Schluss zieht, dass die Juden bereit gewesen wären, Jesu Rede willig und ehrerbietig aufzunehmen. Vielmehr wird ihnen die Verwunderung nur ein Anlass, den Herrn Jesus zu verachten. Die Menschen sind ja so undankbar, dass selbst die Betrachtung der Werke Gottes ihnen neuen Stoff für ihre Irrtümer liefern muss. Wenn Gott bei seinem Tun sich der gewohnten, alltäglichen Mittel bedient, dann werden diese Mittel, die unsere Augen zu beobachten vermögen, zu lauter Schleiern, die uns hindern, die Hand Gottes zu sehen; dann sagen wir: das ist nicht Gottes, das ist Menschenwerk. Wenn aber die Kraft Gottes einmal in einem dem gewohnten Naturlaufe und den gemeinhin bekannten Mitteln überlegenen Glanze erstrahlt, dann wissen wir nicht, wie uns geschieht, und lassen wie ein nichtiges Traumbild an uns vorüberziehen, was uns im tiefsten Innern hätte bewegen müssen. Bei unserem hoffärtigen Sinne achten wir das für nichts, was wir nicht zu begreifen vermögen. Es war ein wunderbarer Beweis der Gnade und Macht Gottes, dass Christus, von keinem Meister unterrichtet, dennoch ein ausgezeichnetes Verständnis der Schrift besaß. Ohne Schüler gewesen zu sein, war er der vorzüglichste Lehrer und Meister. Begreifen können die Juden das nicht. Und gerade deshalb verachten sie die Gnade Gottes. Durch ihr warnendes Beispiel wollen wir uns mahnen lassen, dass wir bei Betrachtung der Werke Gottes mehr noch als sonst von Ehrfurcht vor Gott erfüllt sein sollen.

V. 16. Meine Lehre ist nicht mein. Was den Juden ärgerlich ist, eben das müsste vielmehr eine Leiter sein, darauf sie emporsteigen sollten, um Gottes Herrlichkeit zu schauen. Jesus will sagen: Wenn ihr einen Lehrer seht, der nicht in einer menschlichen Schule sich seine Bildung angeeignet hat, dann erkennt doch an, dass Gott selbst ihn unterwiesen haben muss! Der himmlische Vater wollte aus dem Grunde seinen Sohn lieber aus einer Zimmermannswerkstätte, als aus den Schulen der Schriftgelehrten hervorgehen lassen, damit es umso deutlicher werde, woher das Evangelium stammt! Es sollte niemand denken, es sei ein irdisches Machwerk, das sich irgendein Mensch erdacht habe. Deshalb wählte sich Christus auch ungebildete Laien zu Aposteln und ertrug es, dass sie während der drei Jahre, die sie bei ihm waren, in grober Unwissenheit verharrten, um sie dann in einem Augenblick zu unterrichten und sie nun als neue Menschen, als vom Himmel gesendete Gottesboten hervortreten zu lassen. Bei dieser Gelegenheit zeigt uns Christus, wo die Befugnis zum geistlichen Lehramt zu holen ist: einzig bei Gott. Jesus spricht in Rücksicht auf die Hörer, die in ihm einen gewöhnlichen Menschen sehen, von seiner eigenen Lehre. Aber diesen Unterschied von der Lehre des Vaters setzt er doch nur für einen Augenblick, um sofort die völlige Einheit zu behaupten: Jesus lehrt stets nur, was der Vater ihm aufgetragen hat; darum wird man nicht ungestraft verachten, was nicht von Menschen stammt, sondern von Gott.

V. 17. So jemand will des Willen tun usw. Damit begegnet Jesus im Voraus allerlei Einwürfen. Die zahlreichen Gegner konnten ja sagen: Was prahlst du mit dem Namen Gottes, da wir doch nicht feststellen können, ob du wirklich von ihm kommst? Warum willst du uns aufdrängen, was du einfach behauptest, wir aber niemals zugeben können, dass deine Lehre sich auf göttlichen Auftrag gründet? Dem gegenüber stellt Christus hier fest, dass das rechte Urteil über seine Lehre nur der haben kann, der Gott fürchtet und ehrt. Wenn in ihren Seelen Gottesfurcht wohnt, dann werden sie mit Leichtigkeit erkennen, ob seine Predigt wahr ist oder nicht. Das ist zugleich ein tüchtiger Hieb für sie. Wovon kommt es denn, dass sie nicht richtig urteilen können? Lediglich davon, dass ihnen das fehlt, womit das rechte Verständnis überhaupt erst beginnt, nämlich die echte Frömmigkeit und das Bestreben, Gott zu gehorchen. –

Diese Stelle ist ganz besonders beachtenswert. Immerwährend lauert Satan uns auf und stellt uns allenthalben seine Fallen, um uns mit seinen Ränken zu fangen. Hier gibt Christus ein sicheres Mittel in die Hand, mit welchem wir uns gegen ihn schützen können: sind wir bereit zum Gehorsam gegen Gott, so wird er gewiss nicht verfehlen, mit dem hellen Strahle seines Geistes uns zu erleuchten, so dass wir zwischen Wahrheit und Lüge sicher zu unterscheiden vermögen. Am rechten Urteil kann uns allein das hindern, dass wir keine Belehrung von Gott annehmen wollen; dann freilich ist es die gerechte Strafe, wenn Satan unser spottet. Ebenso lehrt Mose (5. Mo. 13, 4), dass Gott uns versuchen und prüfen will, wenn falsche Propheten sich erheben; wer aufrichtigen Herzens ist, lässt sich von ihnen nicht verführen. Deshalb ist es sehr verkehrt, wenn heutigen Tages so viele, in der Besorgnis, sie könnten in Irrtümer verfallen, bange sind, sich überhaupt zu unterrichten. Es steht nicht umsonst geschrieben (Mt. 7, 7): „Klopfet an, so wird euch aufgetan“. Sind wir nur ganz und gar ergeben in den Gehorsam gegen Gott, so sollen wir nicht zweifeln: der Geist der Unterscheidung wird uns gegeben werden, um für immer unser Führer und Leiter zu sein. Wenn andere von dieser Leitung nichts wissen, sondern sich haltlos hin und her werfen lassen, so werden ihnen gewiss einmal die Augen darüber aufgehen, wie eitel die Vorwände ihres Nichtwissens sind. Die Zweifler unserer Tage, die mehr darauf aus sind, ihren skeptischen Standpunkt zu befestigen, als durch Lesen oder Hören ernstlich nach der göttlichen Wahrheit zu forschen, entpuppen sich nur zu oft an den einfachsten moralischen Grundsätzen als offenbare Gottesverächter. Da behauptet jemand, dass sein Verstand zwischen göttlicher Wahrheit und Menschengedanken nicht zu unterscheiden wisse, - dabei macht er sich aus der Hurerei kein Gewissen, oder es kommt ihm nicht auf Meineid oder räuberischen Betrug an! Solche Proben könnte man der Reihe nach bei allen Skeptikern machen. Sie zucken die Achseln: wir wissen nicht, was das Rechte ist, - und lassen es dabei in Dingen, zu deren richtiger Beurteilung gar kein besonderer Scharfsinn gehört, an der Achtung vor Gott und seinem Gebot fehlen. So darf es uns denn nicht Wunder nehmen, wenn in unserer Zeit nur so verschwindend wenige das Evangelium wirklich annehmen; Gottesfurcht ist eben ein seltenes Ding in dieser Welt. Christus sagt hier, was eigentlich wahre Frömmigkeit ist, nämlich, dass wir von ganzem Herzen willig sind, Gottes Willen zu tun; das aber vermag nur der, welcher allem eigenen Willen den Abschied gegeben hat.

Oder ob Ich von mir selbst rede. Damit bezeichnet Christus den Punkt, auf den es bei jeder Lehre ankommt: die von Gott ist, gilt es ohne Widerrede annehmen; die von Menschen stammt, gilt es mit Entschiedenheit abweisen. Das ist das einzige Merkmal, an dem er wahre und falsche Lehre unterschieden wissen will.

V. 18. Wer von ihm selbst redet, der sucht seine eigene Ehre. Bis hierhin hat Jesus gelehrt, der einzige Grund, dessentwegen Menschen die Wahrheit nicht zu sehen vermöchten, sei der, dass sie sich nicht von der Furcht Gottes regieren lassen. Jetzt zeigt er ein Merkmal an der Lehre selbst, an dem man erkennen kann, ob sie menschlichen oder göttlichen Ursprungs ist. Eine Lehre, welche die Ehre Gottes in helles Licht setzt, ist heilig und von Gott; eine Lehre dagegen, die sich dem Ehrgeiz der Menschen zu Dienst stellt, indem sie Menschen erhebt, Gottes Ehre aber verdunkelt, verdient nicht nur keinen Glauben, sondern im Gegenteil rücksichtslose Verwerfung. Folglich kann der niemals irre gehen, der immer den Blick auf Gottes Ehre gerichtet hält. Er hat damit den Probierstein in der Hand, an dem offenbar wird, woher das stammt, was man ihm im Namen Gottes vorträgt. Ein Lehramt in der christlichen Kirche darf deshalb auch nur der begehren, welcher, alles Ehrgeizes bar, nur das Eine will: mit allen Kräften die Ehre Gottes fördern. Wenn es hier von einem solchen Manne heißt: es ist keine Ungerechtigkeit an ihm, so will das besagen: es ist nichts Unwahres, keine falsche Schminke an ihm, er tut, was eines rechtschaffenen, lauteren Dieners Gottes würdig ist.

V. 19. Hat euch nicht Moses usw. Der Evangelist berichtet nicht die ganze Rede Christi von Anfang bis zu Ende, sondern nur die Hauptstellen daraus, welche zum Verständnis des Ganzen wiedergegeben werden mussten. Die Priester und Schriftgelehrten waren über der Heilung eines gelähmten Mannes Christo Feind geworden, angeblich aus Eifer um das Gesetz. Das war freilich ein heuchlerischer Vorwand, zu dessen Widerlegung der Herr nun einen mehr persönlichen als sachlichen Beweis antritt. Gegen ihre eigenen Sünden waren die Juden äußerst nachsichtig, und das in einem solchen Maße, dass man hätte denken können: diese Leute wissen überhaupt nichts vom Gesetz. Daraus schließt Jesus: wirklich lieb könnt ihr also das Gesetz nicht haben! Diese Verteidigung würde allerdings nicht ausreichen, um Jesu gutes Recht sicher zu stellen. Räumen wir auch ein: von Hass und Bosheit sind sie innerlich angetrieben; sie machen nur ein Mäntelchen darum mit ihrem angeblichen Gesetzeseifer, - so folgt doch daraus nicht ohne Weiteres, dass Christus recht gehandelt hat, falls er irgendeinen Verstoß gegen das Gesetz beging. Wir machen unsere Schuld nicht damit geringer, dass wir sagen: anders sündigen auch. Aber wir stehen hier nur an dem Anfang der Verteidigungsrede. Da will Jesus seinen Feinden in das Gewissen reden. Sie tun so, als wären sie die treuen Hüter des Gesetzes. Dass sie das gerade Gegenteil sind, zeigt er offen, indem er ihnen vorhält, dass sie getrost das Gesetz übertreten, so oft es ihnen passt. Nachher geht er vom persönlichen Gebiet auf die Sache selber ein, wie wir bald sehen werden. So ist seine Verteidigung wohl abgerundet. Hier sagt er nur: Wer das Gesetz verachtet, der darf sich nicht als Gesetzeseiferer aufspielen wollen. Christus zeigt, dass die Wut, die sich zu Mordgedanken gegen ihn versteigt, einen ganz anderen Grund haben muss. Er gibt hier ein Muster für die Art, wie man die Feinde der göttlichen Wahrheit aus ihren Schlupfwinkeln herausholen muss, wenn sie sich stellen, als handelten sie aus dem reinsten Beweggründen. Wo sich der angebliche sittliche Eifer nicht im Leben erprobt, da soll man den Leuten mit entsprechendem Hinweis den Mund stopfen.

V. 20. Du hast den Teufel. Das soll heißen: du bist verrückt. Dies war die gewohnte Redeweise bei den Juden. Die Lehre war bei ihnen gang und gäbe, dass der Teufel die Menschen plage, wenn sie unsinnig werden, oder Verstand und ruhige Überlegung sie verlässt. Wenn gelinde Züchtigung die Ruten sind, deren Gottes Vaterhand sich bedient, so scheint dies doch nicht mehr zuzutreffen, wo er uns schärfer und strenger vornimmt. Da scheint nicht seine väterliche Hand uns zu strafen, sondern der Teufel, den er als Folterknecht und Werkzeug seiner Zorngerichte benutzt. Übrigens ist das Schelten der Volksmenge recht einfältig; sie wissen ja gar nicht, was ihre Priester vorhaben. In ihrer Dummheit nennen sie es Wahnsinn, wenn Christus sich darüber beschwert, dass man seinen Tod plant. Das lehrt uns, ängstlich mit Urteilen über Dinge, von denen wir nichts verstehen, zurückzuhalten. Sollte es uns aber einmal vorkommen, dass man uns leichtfertigerweise verdammt, so gilt es, eine derartige Schnödigkeit geduldig hinzunehmen, wie es Christus hier tut.

V. 21. Ein einiges Werk habe ich getan. Hier zeigt Jesus, dass sein Wunder auch nicht entfernt mit dem Gesetze Gottes in Widerstreit gerät. Wenn er sagt, er habe ein einiges Werk getan, so meint er damit: eines einzigen Frevels beschuldigt ihr mich! Dies eine Werk, um dessentwillen sie ihn tadelten, war die Heilung eines Menschen am Sabbattage. Nennen sie denn jedes Werk, das am Sabbat geschieht, einen Frevel? Durchaus nicht. So galt es nicht als Übertretung des Sabbatgebotes, wenn an diesem geheiligten Tage in Judäa viele Kinder beschnitten wurden. Jesus zieht das Beispiel heran, um seine Handlungsweise zu verteidigen. Doch vergleicht er nicht zwei gleich wichtige Dinge miteinander, sondern etwas Größeres mit etwas Kleinerem. In der Beziehung bestand eine Ähnlichkeit zwischen der Beschneidung und zwischen der Heilung des gelähmten Mannes, dass beides ein Werk Gottes war. Christus beansprucht indes für das letztere den Vorzug; ist doch diese Heilung eine dem ganzen Menschen zugutekommende Wohltat. Hätte nun Jesus den Mann bloß von seinem körperlichen Gebrechen geheilt, so würde der Vergleich nicht ziehen. Dann wäre vielmehr die auf die Heilung der Seele abzielende Beschneidung das wichtigere. Christus verbindet mit der dem Leibe erwiesenen Wohltat aber eine geistliche Frucht des Wunders. Macht er sonach den Menschen gleichzeitig heil an Leib und Seele, so besteht der Vorzug, den er seiner Tat der Beschneidung gegenüber gibt, zu Recht. Es wundert euch alle, - wie ja dies in jenem Murren zum Ausdruck kommt, welches sich über Jesu angeblich anmaßende Tat erhob.

V. 22 u. 23. Moses hat euch darum gegeben die Beschneidung. Das Gebot der Beschneidung forderte unter Umständen die Vollziehung dieses religiösen Sinnbildes am Sabbat. Mit dem „darum“ will Jesus also sagen: damit ist euch schon hinlänglich gezeigt worden, dass die Sabbatfeier durch göttliche Werke nicht verletzt werden kann. Er berichtigt seine Aussage sofort selbst. Moses hat ja die Beschneidung nicht erst eingeführt. Hier kommt es aber nur darauf an, dass Moses, der so strenge auf die Heiligung des Sabbats gehalten hat, dennoch die Beschneidung der Kinder auf den achten Tag verlegt, gleichviel ob derselbe ein Sabbat ist oder nicht.

V. 24. Richtet nicht nach dem Ansehen. Die Verteidigung ist beendet. Nun fügt Jesus noch den Vorwurf hinzu, dass das gegnerische Urteil sich nicht auf die Sache selbst und den Tatbestand gründe, sondern aus einem boshaften Sinne fließe. Die Beschneidung stand bei den Juden in gebührenden Ehren. Musste man sie am Sabbat vornehmen, so wussten sie, dass damit keine Gesetzesverletzung gegeben war: denn Gottes Werke stimmen richtig zusammen. Warum urteilen sie nun nicht genau ebenso über das, was Christus getan hat? Einfach deshalb nicht, weil sie ein Vorurteil gegen ihn gefasst haben. Ein Urteil kann aber niemals das Rechte treffen, wenn es nicht dem Sachverhalt entnommen ist. Sobald Neigung oder Abneigung gegen eine Persönlichkeit hereinspielt, hört die Sachlichkeit und eben damit die Wahrheit völlig auf. Die Mahnung Christi hat ja in allen Lagen des Lebens ihre einschneidende Bedeutung; sie ist aber vor allen Dingen hoch notwendig, wo es sich um die himmlische Lehre handelt. Wie nahe liegt doch da die Gefahr, sich von der Wahrheit nur deshalb abzuwenden, weil man einen bestimmten Menschen nicht leiden mag oder verachtet.

V. 25 u. 26. Etliche von Jerusalem. Danach wussten einige um die Mordabsichten der Obersten wider den ihnen verhassten Christus. Die große Masse hielt ja freilich solchen Gedanken für Wahnsinn (V. 20). Die besser Unterrichteten wundern sich nun mit gutem Grund darüber, dass die mit ohnmächtigem Groll gegen Christum erfüllten Obersten ihres Volkes die Hände in den Schoß legen. Unbehelligt darf Christus nicht nur öffentlich im Tempel erscheinen, sondern auch freimütig predigen. Diese Unterrichteten versündigen sich jedoch dadurch, dass sie in einem so offenkundig göttlichen Wunder das Walten Gottes nicht beachten. Fleischliche Menschen kommen eben nur bis zum Staunen, wenn sie ein sie befremdendes Werk Gottes sehen: die mächtige Hand Gottes enthüllt sich ihnen nicht darin. Wir sollten aber Gottes Werke eindringlicher betrachten. Namentlich wenn wir sehen, dass die Gottlosen mit allen ihren Anschlägen vergeblich den Lauf des Evangeliums zu hemmen suchen, sollen wir erkennen, dass Gottes gewaltige Hand es ist, die alle Anstürme vereitelt und niederschlägt.

V. 27. Doch wir wissen, von wannen dieser ist. Hier sehen wir nicht nur, wie groß die Blindheit der Menschen ist, wenn sie über göttliche Dinge ein Urteil abgeben sollen, wir erkennen auch, was für eine angeborene Geschicklichkeit, möchte man sagen, sie haben, mit großer Schlauheit sich selbst Hindernisse in den Weg zu schaffen, um nur ja nicht zur rechten Erkenntnis zu gelangen. Häufig ist es ja Satan selbst, der allerlei Anstöße zubereitet, durch die eine Menge Menschen von Christo fern gehalten werden. Aber wenn auch der Weg zu Christo ganz glatt und eben wäre, so würde mancher sich mutwillig Anstöße schaffen. So lange die Obersten nichts von Christo wissen wollten, genügte für solche Leute dies allein, um sie von Christo abzuhalten. Jetzt, wo dieses Hindernis gefallen scheint, ersinnen sie schleunigst einen neuen Vorwand, um nur ja in ihrem Unglauben verharren zu können. Sie klammern sich daran, dass nach den Aussagen der Propheten des Messias Herkunft unbekannt sein solle, während sie doch Jesu Abstammung zu kennen glauben. Das gibt uns einen warnenden Fingerzeig, wie verhängnisvoll es ist, wenn man die verschiedenen Aussprüche der Schrift auseinander reißt und damit Christum selbst, indem man nur die eine Seite seines Wesens anschaut. Gott hat einen Erlöser aus Davids Samen verheißen, an verschiedenen Stellen aber sagt er, dass er allein dieser Erlöser sein will. So musste sich Gott selbst im Fleische offenbaren als Erlöser seiner Gemeinde. Micha bezeichnet (5, 1) auf der einen Seite genau den Geburtsort Christi. Auf der anderen Seite aber, und zwar unmittelbar danach, redet er von einem anderen, höheren, und eben damit von einem geheimnisvollen, verborgenen Ausgang. Was sind das doch für unglückliche Menschen, die im Blick auf Christum nur ein Auge für das Unscheinbare, Verächtliche haben und deshalb schnell mit dem Urteil fertig sind: er ist nicht der Verheißene! Lasst uns lernen, den im Fleische erniedrigten Christus so anzusehen, dass gerade die den Gottlosen verächtliche Niedrigkeit uns zu seiner himmlischen Herrlichkeit emporhebt. Dann wird Bethlehem, wo er als Mensch geboren ward, für uns die Pforte sein, durch die wir in Gottes ewiges Heiligtum eintreten dürfen.

V. 28. Da rief Jesus usw. Mit herben Worten wendet sich Jesus gegen die Leichtfertigkeit, die hochmütiger weise an den eigenen Wahngedanken Gefallen findet und sich damit die Erkenntnis der Wahrheit mutwillig verschließt. Er will sagen: Ihr wisst alles, - und wisst doch nichts! In der Tat ist es eine schlimme Krankheit, wenn den Leuten ihr geringes Wissen so in den Kopf gestiegen ist, dass sie ohne weiteres verwerfen, was nicht in ihre Gedanken passt. Natürlich meint es Jesus nicht ernst, wenn er sagt: Ihr kennt mich, und wisst, von wannen ich bin. Ihrem Wahngedanken setzt er die Wahrheit gegenüber. Er will sagen: Ihr schaut nur auf die Erde herab; so meint ihr mich auch im Staube zu finden. Daher eure Verachtung gegen mich als einen unedlen Sohn der Erde. Gott aber wird es bekunden, dass ich vom Himmel gekommen bin; mögt ihr mich noch so sehr verschmähen, - Gott wird mit der Anerkennung nicht zurückhalten, dass ich wirklich der Seine bin.

In diesem Zusammenhange heißt Gott ein Wahrhaftiger, - in demselben Sinne, wie Paulus (2. Tim. 2, 13) sagt: auch wenn wir nicht glauben, bleibt er treu; er kann sich selbst nicht verleugnen. Jesus will ja einprägen, dass es der Zuverlässigkeit des Evangeliums durchaus keinen Abbruch tut, wenn auch die Welt es zum Wanken bringen möchte. Mögen gottlose Menschen noch so viel an Christo herummäkeln: es schadet ihm nichts, denn die Wahrheit Gottes besteht, und er bleibt immer sich selbst gleich. Jesus sieht, dass er verachtet wird; nicht einen Schritt weicht er zurück, - im Gegenteil, in großartiger Weise geht er zum Angriff über wider die wahnwitzige Anmaßung derer, die ihn für nichts achten. Solche unüberwindliche Heldengröße ziemt jedem Gläubigen. Jedenfalls wird unser Glaube erst fest und unbeweglich stehen, wenn wir aller Angriffe der Gottlosen, die sich wider Christum erheben, mutig spotten können. Insbesondere müssen fromme Prediger im Vertrauen auf Gottes Schutz unbeirrt im Bekenntnis der gesunden Lehre fortfahren, wenn auch die ganze Welt dawider schreit. So beruft sich Jeremias (20, 7) auf Gott als seinen Bürgen und Beschützer, wenn man ihn als einen Betrüger verdammt: „Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen“. Ähnlich Jesaja (50, 8) und Paulus (1. Kor. 4, 5).

Welchen ihr nicht kennt. Damit will Jesus sagen: Es ist nicht wunderbar, dass ihr Juden mich nicht kennt; ihr wisst ja auch von Gott nichts. – Der Anfang der Weisheit ist: auf Gott schauen. Indem Christus sich die Erkenntnis Gottes zuschreibt, gibt er zu verstehen, dass er sich nicht grundlos zu solcher Zuversicht erhebt. Durch sein Beispiel mahnt er uns, nicht unbedachterweise den Namen Gottes heranzuziehen, um uns seiner als des Schutz- und Schirmherren unserer Sache zu rühmen. Es sind gerade in diesem Punkte viele Menschen unverantwortlich kühn: mancher Schwärmer gibt mit frechster Zuversicht seine willkürlichen Ansichten für göttliche Offenbarungen aus und verwirft damit ohne weiteres jegliche Abweichung. Vor solch windiger Selbstüberhebung soll man sich hüten. Christi Vorbild zeigt uns, dass man erst dann sich tapfer wider alle Menschen stellen darf, wenn man der Wahrheit Gottes völlig sicher geworden ist. Wer aber der gewissen Überzeugung sein darf, dass Gott auf seiner Seite steht, der braucht sich vor dem Vorwurf der Vermessenheit nicht zu fürchten, wenn er gleich die ganze Welt unter seine Füße träte.

V. 29. Ich bin von ihm, und Er hat mich gesandt. Einige Ausleger unterscheiden die beiden Glieder dieses Satzes so, dass sie das erste auf das göttliche Wesen Christi beziehen, das andere auf das ihm vom Vater übertragene Amt, um dessentwillen er Fleisch wurde und die menschliche Natur annahm. Ich möchte das nicht einfach verwerfen, habe jedoch einzuwenden, dass ich eine so scharfe Unterscheidung im Munde Christi nicht besonders glaublich finde.

V. 30. Da suchten sie ihn zu greifen. Wie gern wären sie an ihn gegangen! Es fehlte nur der Mut und auch die Kraft. Wovon kommt es denn, dass sie trotz ihres hitzigen Eifers sich doch nicht regen, gleich als wären sie an Händen und Füßen gebunden? Die Antwort des Evangelisten lautet: die Stunde Christi war noch nicht gekommen. Das besagt: er war gegen ihre Gewalttätigkeit durch Gottes besondere Obhut geschützt. Damit begegnet der Evangelist zugleich dem Ärgernis des Kreuzes. Wir brauche uns durch Christi Kreuzestod nicht in Verwirrung bringen zu lassen, denn wir hören ja hier, dass Christus nicht als ein wehrloses Opfer menschlicher Bosheit und Leidenschaft zugrunde gegangen ist, sondern dass ihn der ausdrückliche Ratschluss Gottes zum unschuldigen Opferlamm auserkoren hat. Eine allgemeine Lehre ist daraus zu entnehmen. Selbst wenn wir, unbekümmert um die Zukunft, in den Tag hinein leben, hat Gott doch für einen jeden die Stunde des Todes festgesetzt. Das ist gewiss schwer zu glauben angesichts der Tatsache, dass wir so vielen Zufälligkeiten preisgegeben, so vielen Kränkungen oder Nachstellungen von Menschen und Tieren ausgesetzt, von so vielen Krankheiten umlauert sind. Aber alle diese Gefahren vermögen uns eben nichts anzuhaben, wenn Gott uns noch nicht abrufen will. Will uns das unglaublich erscheinen, so haben wir diesen unseren Unglauben zu bekämpfen. Das wäre die Lehre. Aber was bezweckt sie? Welche Mahnung erwächst daraus für uns? Wirf alle deine Sorgen auf Gott und führe das aus, wozu er dich beruft; lass dich aber weder von der Erfüllung deiner Pflicht durch irgendwelche Ängstlichkeit abhalten, noch auch schreite über die dir gezogenen Grenzen hinaus!

V. 31. Aber viele vom Volk usw. Konnte es bisher scheinen, als hätte Christus vor lauter tauben und völlig verstockten Leuten gepredigt, so merkt der Evangelist nun auch an, dass einige Frucht sich immerhin gezeigt habe. Mag also der eine Teil der Zuhörer mit den Zähnen knirschen, ein anderer Teil lachen, der dritte boshafte Verleumdungen gegen dich deiner Predigt entnehmen, mögen allerhand Äußerungen, dass man nicht mit dir einverstanden gewesen sei, dir zu Ohren kommen, - nur getrost, du hast, wenn du wirklich das Evangelium verkündet hast, doch nicht vergebens gearbeitet! Streue deinen Samen aufs Land und warte es geduldig ab, bis dermaleinst die Frucht zutage kommt. Übrigens ist das Wort „glauben“ hier uneigentlich zu nehmen. Diese „Gläubigen“ hingen mehr an der Wundertätigkeit Christi, als dass sie sich auf seine Lehre gestützt hätten; auch waren sie noch nicht zu der Überzeugung gekommen, dass Jesus der Messias sei. Immerhin waren sie bereit, ihn anzuhören, und boten sich ihm, dem Meister, als gelehrige Schüler dar. Diese Willigkeit zum Glauben heißt hier selber Glauben. Wenn also ein so geringer Funken guter Gesinnung schon von dem Geiste Gottes in der Schrift einen so ehrenvollen Titel erhält, so muss uns das ermutigen, dass wir nicht zweifeln: der Glaube ist in jedem Falle Gott lieb und wert, wäre er auch noch so klein.

V. 32. Und es kam vor die Pharisäer. Daraus ist zu ersehen, dass die Pharisäer immer sozusagen auf Vorposten standen, jederzeit bei der Hand, um zu verhüten, dass Christus im Volke Boden gewönne. In der ersten Vershälfte nennt der Evangelist sie allein, in der zweiten fügt er auch noch die Hohenpriester hinzu. Ohne Zweifel wollten die Pharisäer für die eifrigsten Gesetzesmänner angesehen werden. Deshalb setzten sie sich in viel schärferen Gegensatz zu Christo, als alle übrigen. Doch wären sie allein dem Werke der Unterdrückung Christi nicht gewachsen gewesen. Deshalb rufen sie den gesamten Priesterstand, dem sie ja auch angehörten, zur gemeinsamen Unternehmung auf. Sonst untereinander uneinig, sind sie nun auf einmal einig. Satan hat den Vorsitz in ihrer Mitte, als sie die Verschwörung gegen den Sohn Gottes planen. Übrigens, wenn die Pharisäer von solchem Eifer glühen und so ängstlich besorgt sind um die Wahrung ihrer Macht und die Beibehaltung des verrotteten Zustandes der Kirche, wie viel mehr müssten wir uns von heiliger Begeisterung treiben lassen, wo es gilt, das Reich Christi zu bauen!

V. 33. Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch. Einige Ausleger lassen diese Rede Jesu an die versammelte Volksmenge gerichtet sein, andere sagen, sie gelte nur den Dienern, die ihn greifen sollten. Aber Christus will hier gewiss seine Feinde recht eigentlich anreden, die den Plan, ihn zu verderben, angesponnen hatten. Ihre Versuche sind ihm lächerlich. Sie machen sie vergebliche Mühe, so lange bis die Zeit da ist, die der Vater bestimmt hat. Weshalb – das liegt in seinen Worten – wendet ihr euch nur mit solchem Abscheu weg von der Gnade, die ich euch anbiete? Ja, damit nicht genug, - weshalb kämpft ihr mit solcher Wut dagegen an? Ihr Unseligen! Es wird nicht mehr lange dauern, so wird sie euch entzogen! Wenn Jesus sagt: „Ich bin bei euch“, so möchte er damit seinen Gegnern die Augen für ihre Undankbarkeit öffnen. Er ist ihnen vom Vater geschenkt, ist aus seiner Himmelsherrlichkeit zu ihnen herab gestiegen, er lädt sie freundlichst zu sich ein, begehrt nichts mehr als ihr Beistand zu sein, - und doch gewährten ihm nur so wenige Herzen Zutritt! Wenn er sagt: „Noch eine kleine Zeit“, so erinnert er mahnend, dass Gott es nicht mehr lange ruhig mit ansehen wird, wenn man seine Gnade in so schnöder Weise verachtet. Dabei aber deutet er an, dass weder sein Leben noch sein Tod menschlichem Gutbefinden unterstellt ist, dass vielmehr der Vater ihm eine Frist bemessen hat, die erst abgelaufen sein muss.

Dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. Mit diesen Worten bezeugt Jesus: Mit dem Tode wird es nicht etwa aus mit mir sein. O nein, sobald ich mein Erdenkleid, diesen sterblichen Leib, abgelegt haben werde, werde ich den herrlichen Triumph der Auferstehung feiern, worin ich als Gottessohn erklärt werden soll! Er will sagen: Machet nur was ihr wollt; ihr werdet es niemals dahin bringen, dass der Vater, wenn ich seinen Auftrag ausgerichtet habe, davon Abstand nimmt, mich dann in seine himmlische Herrlichkeit aufzunehmen. So werde ich nicht bloß nach dem Tode derselbe bleiben, wie vorher, sondern es wartet meiner dann ein Stand von weit größerer Erhabenheit. –

Übrigens fließt daraus die uns allen geltende Mahnung: Bedenkt, dass Christus selbst vor euch steht, wenn euch die Predigt des Evangeliums aufruft, das Heil zu ergreifen! Es geschieht nicht von ungefähr, wenn Eph. 2, 17 die Predigt des Evangeliums als ein Herabkommen Christi zu uns bezeichnet wird. Da streckt er seine Hand nach uns aus. Ergreifen wir sie, so wird er uns zum Vater hinführen, und solange wir in der Welt unsere Pilgrimschaft zu vollführen haben, wird er sich nicht nur als in unserer Nähe befindlich erweisen, sondern sogar andauernd in uns wohnen. Sind wir gleichgültig gegen sein Nahesein, so ist das nicht sein, sondern unser Schaden. Dann geht er von uns und lässt uns allein als Menschen, die sich selber um die Gemeinschaft mit Gott und das ewige Leben gebracht haben.

V. 34. Ihr werdet mich suchen. Sie suchten ihn auch, aber um ihn zu töten. Es liegt hier ein Wortspiel vor, dessen furchtbar ernster Sinn der ist: Binnen kurzem werdet ihr mich ganz anders, als jetzt, suchen! Es wird das eintreffen, wenn sie im Unglück, nachdem alles verloren ist, sich nach Trost und Hilfe umsehen werden. Jesus will sagen: Jetzt ist es euch beschwerlich und unerträglich, dass ich auch nur eine kleine Zeit bei euch bin; es wird nicht lange währen, dann sucht ihr mich vergebens. Dann bin ich nicht bloß leiblich nicht mehr da, sondern dann wird euch auch meine Hilfe vom Himmel her nicht zu Gebote gestellt werden. Droben werde ich eurem Untergang zuschauen. –

In welcher Weise soll man sich nun das Suchen nach Christo vorstellen? Jedenfalls ist doch hier von solchen die Rede, die Gott verworfen hat, von Leuten, die unentwegt bis zu allerletzt die Heilsbotschaft Christi ausgeschlagen haben. Einige deuten dies Suchen auf ihren Eifer um das Gesetz; die Juden haben ja mit großem Eifer die Gerechtigkeit aus den Werken gesucht, jedoch ohne zu erreichen, was sie wollten. Mehrere beziehen es auf den Messias, den die Juden sich später in ihrer letzten Not als Befreier umsonst erflehten. Ich deute es einfach auf das angstvolle Seufzen der Gottlosen, wenn sie notgedrungen einmal nach Gott sich umsehen. Aber selbst dann suchen sie nicht wirklich, wenn sie auch in ihrer Art suchen, denn ihr Unglaube und ihre Verstocktheit hält sie von Gott fern. Ihr Herz ist fest verriegelt. Es wäre ihnen schon recht, wenn Gott ihnen beistände, aber durch ihre Unbußfertigkeit und Herzenshärtigkeit versperren sie sich selber den Zugang zu ihm. Ein Beispiel hierfür bietet Esau, der wegen des Verlustes der Erstgeburt nicht nur betrübt ist, sondern auch murrend und zähneknirschend sich zu wilder Erbitterung hinreißen lässt (1. Mo. 27, 38; Hebr. 12, 17). Bei alledem ist er natürlich sehr weit entfernt von dem rechten Weg, auf dem er den Segen suchen musste; ja da zeigt er, wie völlig des Segens unwürdig er ist. So pflegt sich Gott bei denen zu rächen, die er verwerfen muss. Durch schwere Strafen darnieder gebeugt oder im Gefühl ihre Unseligkeit wie in Ketten liegend oder irgendwie anders in die Enge getrieben, klagen, schreien, heulen sie. Aber es hilft alles nichts. Sie bleiben immer dieselben Leute, die nach wie vor ihren Trotz gegen Gott innerlich nähren und sich nicht zu ihm wenden: können sie sich Gottes nicht entledigen, so möchten sie ihn wenigstens anders haben, als er ist. Lasst uns hieraus lernen, dass wir rasch zugreifen müssen, sobald Christus uns nahe gebracht wird: denn ist die Tür einmal geschlossen, so werden wir vergebens einzutreten versuchen (Jes. 49, 8; 55, 6).

V. 35 u. 36. Wo will dieser hingehen? Das setzt der Evangelist noch hinzu, um den unglaublichen Stumpfsinn des Volkes anschaulich zu machen. So sind die Gottlosen nicht bloß taub, wo sie die Lehre Gottes anhören sollten, - sie gehen auch spielend vorüber an schrecklichen Drohungen, als hörten sie etwas ganz Fabelhaftes. Christus hatte ausdrücklich den Vater gemeint, sie aber haften an der Erde und denken an eine Auswanderung in ferne Gegenden. Unter Griechen verstanden bekanntlich die Juden überhaupt die jenseits des Meeres wohnenden heidnischen Völker. Doch meinen sie nicht, Christus werde die Unbeschnittenen aufsuchen, - sie denken an die in vielen Ländern zerstreut lebenden Juden. „Die Zerstreuten“ passt nicht für die Landeseinwohner, die Ortsgebürtigen, sondern für die als Flüchtlinge oder Verbannte allenthalben lebenden Juden (1. Petr. 1, 1; Jak. 1, 1). Die Leute fragen also, ob Jesus vielleicht über das Meer fahren will zu Juden, die in einer unbekannten Welt wohnen. Vielleicht ist die ganze Frage spöttisch gemeint: Wenn dieser Mensch der Messias ist, will er dann seinen Thron in Griechenland aufrichten, während ihm doch Gott seinen Wohnsitz im Lande Kanaan angewiesen hat? Jedenfalls sehen wir, dass die ernstlichen Bedrohungsworte Christi keinerlei Eindruck gemacht haben.

V. 37. Am letzten Tage usw. Hierbei ist an erster Stelle zu bemerken, dass sich Christus durch keinerlei Tücken oder Nachstellungen der Feinde von der Ausübung seiner Pflicht hat abschrecken lassen, - mitten in der Gefahr wuchs vielmehr seine Seelengröße, sodass er nur noch mutiger fortfuhr. Dafür gibt Zeugnis die ganze Sachlage, das dichte Gedränge des Volkes, und die Freiheit, mit der er in die Versammlung hineinrief, obwohl er wusste, dass sich überall Hände nach ihm ausstreckten. Die Diener der Priester werden doch wohl sicherlich damals bereit gewesen sein, den ihnen erteilten Befehl zu befolgen. Jesus stand ihnen gegenüber, allein auf Gottes Schutz vertrauend. Wie konnte er aber überhaupt, nachdem vonseiten der Machthaber die Knechteschar den bestimmten Auftrag erhalten hatte, mitten im Tempel predigen, wo jene doch völlig ungehindert schalteten und walteten? Nur deshalb, weil Gott ihre Wut im Zaume hielt. Sehr wertvoll ist für uns gerade dieser Punkt, dass der Evangelist von Christo erzählt, er habe besonders laut gerufen, es sollten alle Dürstenden zu ihm kommen. Wertvoll ist das insofern, als wir daran sehen: es wird nicht bloß einer oder der andere mit leisem und heimlichem Geflüster eingeladen, - nein, diese Lehre wird öffentlich allen bekannt gegeben, und zwar in einer Weise, dass sie niemandem verborgen bleibt, es sei denn, dass jemand sich mutwillig die Ohren verstopft und dem vernehmlichen Schall den Zugang wehrt.

Wen da dürstet usw. Damit fordert Jesus alle Menschen, die ihre Bedürftigkeit fühlen und Hilfe begehren, zum Genuss seiner Güter auf. Wir sind ja zwar samt und sonders in Not und sind aller Güter bar und bedürftig, aber wir spüren nicht alle den Stachel der Not in lebendiger Empfindung. Davon kommt es, dass so viele keinen Fuß regen, sondern in kläglichem Mangel dahinschwinden. Sehr viele merken so lange nichts davon, dass ihnen etwas fehlt, bis das Feuer des heiligen Geistes in ihrem Herzen einen brennenden Hunger und Durst entzündet. Es ist das Amt des Geistes, das Bedürfnis nach Gnade zu erwecken. Was nun unsere Stelle anlangt, so ruft Christus ausschließlich solche zur Annahme geistlicher Reichtümer auf, die danach ein inniges Verlangen haben. Wir wissen ja, dass Durst die heftigste Qual ist, die auch die kräftigsten Menschen, die sonst alle Anstrengungen mit der größten Ausdauer ertragen, schwach macht. Dass Jesus hier nicht von Hungernden, sondern von Dürstenden redet, hat seinen Grund darin, dass er die Gleichnisrede fortsetzen will. Hier spricht er vom Trinken, nachher vom Wasser. So stehen die Teile seiner Rede in schönem Einklang. Offenbar liegt hier eine Anspielung an Jes. 55, 1 vor. Wenn dort Gott alle Durstigen zum Wasser rief, so musste das in Christo erfüllt werden, gerade wie das Wort der Maria (Luk. 1, 53), dass der Herr die Reichen und Satten leer lassen wird. Jesus heißt deshalb jedermann geradeswegs zu sich kommen; denn er allein vermag eines jeden Durst zu stillen; wer anderswo auch nur die mindeste Erquickung für seinen Durst sucht, tut vergebliche Arbeit.

Und trinke! Aufforderung und Verheißung sind hier eins. Christus ist kein ausgetrockneter Brunnen, sondern ein unerschöpflicher Quell. Deshalb werden wir nicht leer ausgehen, wenn wir bei ihm reiche Labung erwarten.

V. 38. Wer an mich glaubt. Damit sagt Jesus, wie wir kommen sollen, nämlich nicht mit den Füßen, äußerlich, sondern im Glauben, innerlich. Kommen ist eben glauben, vorausgesetzt, dass man das Wort „glauben“ richtig bestimmt, nämlich, wie oben gesagt worden ist, dass wir Jesum so, wie er im Evangelium vor uns steht, umfassen als den, der Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, Reinheit, Leben und die Fülle aller geistlichen Gaben hat. Die soeben nur kurz gegebene Verheißung findet hier eine ausführliche und eindrückliche Bestätigung: Jesus besitzt einen unerschöpflichen Vorrat, der uns vollkommen zu sättigen vermag. Anscheinend ist aber der Vergleich recht ungeschickt: Ströme des lebendigen Wassers sollen vom Leibe der Gläubigen fließen. Doch ist der Sinn nicht im Geringsten zweifelhaft: denen, die da glauben, wird es niemals an geistlichen Gütern mangeln. Jesus nennt das Wasser „lebendig“, dessen Quelle nie vertrocknet, dessen fortwährender Lauf nie unterbrochen wird. Dass er in der Mehrzahl von „Strömen“ spricht, deute ich auf die mancherlei Gnadenerweisungen des Geistes, die zum geistlichen Leben der Seele notwendig sind. Alles in allem: es wird uns hier sowohl die Fortdauer, als der Überfluss geistlicher Gaben verheißen. Einige meinen, dass von dem Leibe der Gläubigen reichlich Wasser fließe, sei so zu verstehen, dass der, welcher mit dem Geiste beschenkt sei, einen Teil zu den Brüdern hin fließen lässt, wie ja eine solche gegenseitige Mitteilung sicherlich stattfinden soll. Mir scheint der Sinn einfacher zu sein: ein jeder, der an Christum glaubt, wird einen Quell des Lebens haben, der sozusagen in ihm selbst sprudelt (vgl. 4, 14). Ein gewöhnlicher Trank löscht den Durst nur für eine kurze Zeit. Christus aber sagt dort, dass der, welcher im Glauben aus ihm schöpft, den Geist erhält als einen Brunnen, der in das ewige Leben quillt. Doch will er damit nicht lehren, dass ein Gläubiger sich gleich am ersten Tage an Christo satt essen und trinken könne für Lebzeiten; vielmehr hat der, welcher einmal Christum geschmeckt hat, immer wieder neue Lust nach ihm. Der Sinn ist: der Geist ist gleich einem lebendigen, immer strömenden Quell in den Gläubigen, wie ja auch Paulus (Röm. 8, 10) bezeugt, dass der Geist in uns Leben ist, obgleich wir in den Überresten der Sünde noch den Tod mit uns herumtragen.

Und gewiss kann, wenn auch ein jeder nach Maßgabe seines Glaubens der Geistesgaben teilhaftig wird, in diesem Leben die ganze Fülle derselben nicht vorhanden sein. Die Gläubigen machen im Glauben Fortschritte und sehnen sich nach immer neuem Wachstum im Geiste, lassen sich aber an den Erstlingsgaben, die ihnen geschenkt sind, im Blick auf den weiteren Fortgang ihres Lebens im Geiste genügen. Übrigens kann uns dieser Spruch zur Beschämung dienen: wie klein ist doch oft das Maß unseres Glaubens, wie tröpfelt es oft nu8r von Geisteswirkungen in uns, - und es müssten doch Ströme vorhanden sein, wenn wir Christo nur rechten Raum gewähren und ihn in empfänglichem Glauben greifen wollten!

Wie die Schrift sagt. Einige beziehen das auf die vorangehenden, einige auf die nachfolgenden Worte. Ich dehne es aus auf den Gesamtinhalt der Rede. Dann will Christus, meinem Dafürhalten nach, nicht eine bestimmte einzelne Schriftstelle bezeichnen; er nimmt die Bezeugung seiner Worte aus der ganzen Lehre der Propheten. Wie oft verheißt doch da der Herr die Fülle seines Geistes und vergleicht sie mit lebendigen Wasserströmen; dabei aber hat er vor allem das Reich Christi im Auge. Daraufhin will er die Gedanken der Gläubigen lenken. Alle Weissagungen über lebendiges Wasser haben ihre Erfüllung in Christo; er allein hat uns die verborgenen Schätze Gottes aufgetan. Deswegen sind die Gnadengaben des Geistes auf ihn geströmt, damit wir alle aus seiner Fülle schöpfen. Leute, die trotz Christi gütiger und freundlicher Einladung ihre eigenen Irrwege gehen, haben ihren elenden Untergang verdient.

V. 39. Das sagte er von dem Geiste. Bisweilen wird der Geist als ein Wasser bezeichnet um seiner Reinheit willen; es ist ja seine Aufgabe, unseren Schmutz fortzuschaffen. Aber an dieser und ähnlichen Stellen ist die Redeweise eine abweichende: fehlt uns Lebenskraft und fast völlig, so macht uns der Geist Gottes lebendig und überströmt und mit seiner geheimen Kraft. Wasser bezeichnet hier also sehr umfassend den gesamten Inbegriff alles dessen, was Leben ist. Daraus folgt, dass alle, die nicht vom Geiste Gottes wiedergeboren sind, für tot angesehen werden müssen, mögen sie gleich ihres Scheinlebens sich rühmen.

Der heilige Geist war noch nicht da. Wir wissen, dass der Geist ewig ist. Der Evangelist redet aber von der Geistesbegnadigung, sie sich nach Christi Auferstehung über die Menschen ergoss, und sagt davon, dass sie nicht hervorgetreten sei, so lange Christus in niedriger Knechtsgestalt in der Welt weilte. Er redet vergleichsweise, wie es immer geschieht, wo altes und neues Testament einander gegenübergestellt wird. Gott verheißt den Gläubigen seinen Geist, gleich als hätte er ihn niemals den Vätern gegeben. Die Erstlinge des Geistes hatten die Jünger gewiss schon damals empfangen. Wie kann man glauben ohne den heiligen Geist? Also will der Evangelist nicht einfach in Abrede stellen, dass auch schon vor dem Tode Christi den Frommen Gottes Geist verliehen ward; seine Meinung ist nur, dass er früher nicht in so herrlicher und augenfälliger Weise erschien, als er auf Pfingsten kommen sollte. Darin besteht ja hauptsächlich die Schönheit des Reiches Christi, dass er seine Gemeinde durch seinen Geist regiert. Die eigentliche, feierliche Besitzergreifung seiner Herrschaft fand damals statt, als er auffuhr zur Rechten des Vaters. Folglich ist es gar nicht zu verwundern, wenn er die volle Austeilung des Geistes bis auf jene Zeit aufschob.

Doch bleibt noch die Frage übrig: Meint der Evangelist hier die sichtbaren Geistesgaben oder die Wiedergeburt, die Frucht der Annahme des Menschen als Gotteskind? Ich gebe zur Antwort: Der beim Kommen Christi verheißene Geist Gottes erschien in jenen sichtbaren Ausgießungen gleichsam in Spiegelbildern. Hier jedoch ist zunächst nur die Rede von der Kraft des heiligen Geistes, durch die wir in Christo wiedergeboren und neue Kreaturen werden. Wenn also Christus jetzt in Herrlichkeit und mit der höchsten Herrschermajestät angetan zur Rechten des Vaters sitzt, - und wir auf Erden uns dabei leer und hohl, ja aller Geistesgaben bar finden, so ist das nur unserer Glaubensträgheit zuzuschreiben.

V. 40. Viele nun vom Volk usw. Nunmehr berichtet der Evangelist, was für eine Frucht diese letzte Rede hervorbrachte, nämlich, dass der eine so, der andere so dachte, und dadurch im Volke ein Zwiespalt entstand. Natürlich redet Johannes hier nicht von der erklärten Feinden Christi, auch nicht von denen, welchen die heilsame Lehre schon verhasst war, sondern von den breiten Volksmassen, in denen man noch eine größere Unberührtheit von Vorurteilen hätten erwarten können. Da zählt er drei verschiedene Gruppen auf. Die ersten bekannten: Jesus ist wirklich ein Prophet, - woraus wir schließen, dass sie sich von seiner Lehre nicht abgestoßen fühlten. Wie oberflächlich und leichtfertig aber dies Bekenntnis war, zeigt sich darin, dass sie ihn zwar für einen Lehrer halten, dabei aber gar keine Ahnung davon haben, was er eigentlich will und was er sagt. In Christo den Propheten erkennen, war ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man ihn nicht zugleich als Sohn Gottes und Heiland anerkannte.

Das Gute jedoch haben jene Leute, dass sie in Christo etwas Göttliches verspüren, was sie zur Ehrfurcht vor ihm bewegt; waren sie erst einmal geneigt, sich von ihm belehren zu lassen, so war der Übergang zum Glauben rasch gemacht.

Richtiger urteilt die zweite Gruppe (V. 41); da heißt es rund heraus: Er ist der Messias. Das wollen jedoch die Dritten durchaus nicht gelten lassen. Daher der Streit. Dies Beispiel mahnt uns, dass es uns nicht wundernehmen darf, wenn wir heutigen Tages sehen, wie die Menschen sich in schroff einander gegenüberstehenden Parteien spalten. Aus Christi Rede sehen wir eine Spaltung hervorgehen, und zwar nicht unter Heiden, denen der Glaube etwas Unbekanntes ist, sondern mitten in der Gemeinde des Messias, ja sogar in dem Hauptsitz des Gottesvolkes. Kann man der Lehre Christi daraus einen Vorwurf machen, dass sie ein Zündstoff des Aufruhrs sei? Mag immerhin die ganze Welt toben, - die Wahrheit Gottes ist und bleibt etwas so Köstliches, dass man wünschen muss: o dass doch wenigstens etliche sie annähmen! So brauchen wir uns darüber keine schweren Gewissensbedenken zu machen, wenn wir sehen, wie selbst solche, die zum Volke Gottes gehören wollen, untereinander infolge von Meinungsverschiedenheiten in Streit liegen. Doch muss betont werden, dass, recht besehen, Streitigkeiten in keinem einzigen Falle im Evangelium selbst ihren Ursprung haben. Eine wirkliche Übereinstimmung verschiedener Menschen kann sich nur auf feststehende Wahrheit gründen. Wenn also Menschen, welche von Gott nichts wissen, untereinander Frieden halten, so ist das mehr ein stumpfes Nebeneinanderherleben, als wirkliche Übereinstimmung. Kurz, wo auch immer Streitigkeiten auftauchen bei der Predigt des Evangeliums, - ihre Ursache, ja ihr Same lag vorher schon in den Menschen verborgen. Sobald nun das Evangelium zu ihnen kommt, beginnen sich die Menschen zu regen, wie solche, die aus dem Schlafe erwachen. Es ist ähnlich wie bei dem Nebel: der kommt von der im Erdboden enthaltenen Feuchtigkeit und nicht von der Sonne. Und doch steigt er nur auf, wenn die Sonne morgens aufgeht.

V. 41 bis 43. Soll Christus aus Galiläa kommen? Damit es nicht den Anschein habe, als verwürfen sie Christum ohne rechten Grund, bewaffnen sich diese Leute mit dem Zeugnisse der Schrift. Wenn sie das verdrehen und so gegen Christum kehren, so haben sie doch dabei einen gewissen Schein der Wahrheit für sich. Nur darin täuschen sie sich, dass sie aus Christo einen Galiläer machen. Doch dieser Irrtum ist lediglich die Folge ihrer wegwerfenden Gleichgültigkeit gegen Jesum. Hätten sie sich der Mühe nicht verdrießen lassen, ein wenig nachzufragen, so hätten sie bald gefunden, dass ihm die beiden Titel zukamen: Same Davids und geboren in Bethlehem. Aber so sind wir: in Kleinigkeiten schämen wir uns der Geistesträgheit; wenn es dagegen auf die Geheimnisse des Himmelreiches ankommt, dann zeigen wir uns ganz stumpf und gleichgültig. Charakteristisch erscheint auch das emsige Bemühen jener Leute, einen Vorwand ausfindig zu machen, unter dessen Schutz sie sich von Christo abwenden können, während sie doch unglaublich langsam und untätig sich gebärden, wenn sie die Heilsbotschaft ergreifen sollen. Aber so machen es die Menschen: aus der Schrift, die uns an der Hand nehmen und zu Christo hinführen will, holen sie sich das Hindernis, das sie nicht zu Christo kommen lässt.

V. 44. Es wollten etliche ihn greifen. Mit diesen Worten zeigt der Evangelist, dass sie nicht bloß Christum verachtet haben, sondern dass sie mit der gottlosen Verwerfung Jesu grimmigen Hass und den Wunsch, ihm zu schaden, verbanden. Aberglaube ist ja stets mit Grausamkeit verbunden. Wenn sie trotzdem nichts ausgerichtet haben, so kommt das auf Rechnung der Vorsehung Gottes.

V. 45. Die Knechte kamen usw. Hier kann man etwas von der blinden Anmaßung gottloser Menschen gewahr werden. Ihre eigene weltliche Machtstellung bewundern und vergöttern sie dermaßen, dass sie unbedenklich Recht und Billigkeit mit Füßen treten. Und wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch geht, dann möchten sie vor Ärger am liebsten das unterste zu oberst kehren und umgekehrt. Denn indem diese gottlosen Priester hier fragen, warum ihnen Christus nicht gebracht worden sei, heben sie ihre Macht zu so schwindelnder Höhe hinaus, als dürfe sich ihrem Befehle nichts in den Weg stellen.

V. 46. Es hat nie kein Mensch also geredet. Die Knechte gestehen ein, dass Christi Wort ihren Arm gelähmt hat. Trotzdem reut sie ihr Vorhaben nicht; auch geben sie dem vernommenen Worte nicht die ihm gebührende Ehre. Wenn es wahr ist, dass niemals ein Mensch so geredet hat, weshalb lassen sie dann von der Gotteskraft, die sie, sie mochten wollen oder nicht, zu fühlen bekommen hatten, nicht ihre Herzen so bewegen, dass sie sich ganz und gar Gott hingeben? Hier hat sich das Prophetenwort (Jes. 11, 4) erfüllt: „Er wird mit dem Stabe seines Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten“. Später werden wir noch einmal sehen, wie die Männer, welche Jesum fangen wollten, einzig durch die Stimme Christi in Verwirrung gebracht, zu Boden sinken, als hätte sie ein Hammerschlag vor die Stirn getroffen (18, 6). Wir können daraus lernen, dass in der Lehre Christi eine solche Kraft verborgen liegt, die auch die Gottlosen zu schrecken imstande ist; aber da ihnen das zum Verderben gereicht, so haben wir alle Mühe darauf zu verwenden, dass sie, statt zu brechen, sich lieber biegen und dem Worte beugen. Sehr viele unserer Zeitgenossen sind diesen Dienern auffallend ähnlich; die Lehre des Evangeliums reißt sie, trotz alles inneren Widerstrebens, zur Bewunderung fort, - trotzdem denken sie nicht daran, sich Christo zu Füßen zu werfen, - vielmehr bleiben sie bei alledem im Lager der Feinde.

V. 47 u. 48. Seid ihr auch verführt? So fahren die Priester ihre Knechte an, um sie nur im Gehorsam festzuhalten. Sie sagen mit diesen Worten, es sei albern und unwürdig von ihnen, wenn sie, möchte gleich das ganze Volk abfallen, nicht fest blieben. Doch es gilt, den Beweisgrund, auf den sie sich in ihrer Feindschaft gegen Christum stützen, ins Auge zu fassen. In ihrem Hochmute sagen sie: Er hat nur gemeines Gesindel und Dummköpfe auf seiner Seite; alle Personen von Rang und Ansehen wollen mit ihm nichts zu tun haben!

Die Pharisäer führen sie mit Namen an (V. 48), weil sie den anderen voraus den Ruf des Wissens und der Heiligkeit besaßen, sodass sie gleichsam die Obersten der Obersten waren. Dieser Vorwurf gegen Jesum sieht sich zunächst so an, als wäre er vielleicht nicht ganz unberechtigt. Wenn weder weltliche noch geistliche Behörden etwas von Jesu wissen wollen, so ist das ein unhaltbarer Zustand. Bei der Zügellosigkeit des Volkes muss allgemeine Verwirrung der schlimmsten Art einreißen, sobald jeder tun und lassen darf, was er will. So muss denn auch zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Kirche eine vorgesetzte Behörde da sein, die den Zügel in der Hand hält.

Deshalb ist es im Gesetz Gottes (5. Mo. 17, 8) vorgesehen, dass, wenn irgendeine Frage oder Streitsache von besonderer Wichtigkeit aufkam, dieselbe vor den Hohenpriester gebracht werden sollte. Gott übertrug demselben das Urteil, aber es sollte nur nach dem göttlichen Gesetze gefällt werden. Alles Ansehen der Seelsorger beruht lediglich auf dem Worte Gottes; so stehen sie denn alle, vom Obersten bis zum Untersten, innerhalb der Schranken des göttlichen Wortes, und Gott allein ragt über sie alle empor. Wenn Seelsorger treu und recht ihres Amtes walten, so dürfen sie sich dabei göttliche Vollmacht zuschreiben; das ist dann ein heiliger Ruhm, der ihrem Amte von Rechts wegen zukommt. Sobald man aber abgesehen von Gottes Wort auf die bloße menschliche Stellung pocht, ist das eine leere Prahlerei. Häufig kommt es vor, dass in der Gemeinde gottlose Menschen die Herrschaft an sich reißen. Dann muss man sich hüten, dass man sich nicht unter Menschen beuge, die doch vom Worte Gottes gewichen sind. Unter einem derartigen Druck haben fast alle Propheten geseufzt; um ihre Lehre zu unterdrücken, warf man ihnen alsbald jene prächtigen Titel der Obersten, der Priester und der Kirche entgegen. Dieselben Waffen, wie die Feinde Christi und der Propheten, brauchen in unseren Tagen die Papisten.

V. 49. Das Volk. Wenn die Priester in überspanntem Amtsbewusstsein alle anderen unter knechtischem Gehorsam halten wollten, so war dies nur ein Stück ihres Hochmuts. Ein weiteres Stück war dies, dass sie verächtlich auf die dumme Volksmasse herabsahen, wie denn selbstgefällige Leute immer geneigt sind, andere schmählich herabzusetzen, und die maßlose Selbstliebe unweigerlich zur Verachtung der Brüder führen muss. Sie sagen vom ganzen Volke: es ist verflucht. Warum? Angeblich weil es nichts vom Gesetz weiß. Die tatsächliche Meinung der Priester wird gewesen sein, dass es außerhalb ihres Standes heilige Leute überhaupt nicht geben könne. So wollen ja auch heute die päpstlichen Priester den eigentlichen Bestand der Kirche allein ausmachen: die anderen betrachten sie bloß als unheilige „Laien“. Um solche wahnsinnige Hoffart in den Staub zu werfen, gibt Gott den Niedrigen und Verachteten oft den Vorzug vor Leuten von hohem Rang und Würden. Zu beachten ist, dass die Pharisäer sich hier ihrer Gesetzeskenntnis rühmen, und zwar nicht, weil sie das Erziehungsmittel zu Frömmigkeit und Gottesfurcht in der Hand haben, sondern allein unter dem Gesichtspunkte, dass sie selbst damit einen Vorzug besaßen und mit hochmütiger Amtsmiene als die einzig privilegierten Gesetzesausleger über alle Fragen ihr Urteil geben konnten. Das bleibt natürlich Wahrheit, dass diejenigen verflucht sind, welche das Gesetz Gottes nicht gründlich kennen, dessen Kenntnis uns wahrhaft heiligt. Aber diese Kenntnis eignet nicht bloß einigen wenigen, die nun deswegen Ursache hätten, sich in Aufgeblasenheit und Dünkel über die anderen zu erheben, sondern überhaupt allen Kindern Gottes, und hat den Zweck, sie allesamt, vom Geringsten bis zum Größten, in dem nämlichen Glaubensgehorsam zu einigen.

V. 50 u. 51. Spricht zu ihnen Nikodemus. Der Evangelist beschreibt in Nikodemus einen Mann, der noch unentschlossen in der Mitte steht; er wagt es nicht, ernstlich die Lehre Jesu in Schutz zu nehmen, hat aber auch nicht die Stirn, die Wahrheit zu unterdrücken. Wenn Johannes hier sagt, es sei derselbe, der damals bei Nacht zu Jesu kam, so tut er das einerseits zu seinem Lobe, anderseits zu seiner Schande. Hätte er die Heilsbotschaft nicht geliebt, so hätte er niemals den Mut dazu gehabt, der Wut der Gottlosen die Spitze zu bieten. Er wusste: es braucht einer nur zu mucksen, so war er alsbald in einer gefährlichen Lage durch ihren Hass. Wenn er unter so bewandten Umständen einen, wenn auch nur schwachen, Versucht macht, für Christum ein gutes Wort einzulegen, so verrät das ein in seinem Herzen glühendes Fünkchen echter Frömmigkeit.

Dass er Christum nicht freimütiger verteidigt, zeigt jedoch, dass die Menschenfurcht bei ihm noch übermächtig war. Der Evangelist gibt uns damit zu verstehen, dass Nikodemus noch immer die deckenden Fittiche der Nacht liebte und kein wahrer Jünger Christi war. Er erzählt, dass Nikodemus zwar einmal zu Jesu kam, in der Öffentlichkeit aber noch immer unter seinen Feinden stand und den Platz im feindlichen Lager beibehielt. An einem wirklichen Bekenntnis fehlt noch viel. Dass man einen Angeklagten nicht unverhört verurteilen solle, hätte sich auch in Bezug auf jeden Räuber und Meuchelmörder sagen lassen. Während also Nikodemus dem Herrn persönlich beizustehen wünscht, lässt er seine Lehre noch vollkommen im Stich.

Der Same des Evangeliums, der später erst Frucht trug, lag damals noch, ohne zu keimen, in seinem Herzen. Wir ziehen daraus den tröstlichen Schluss, dass unter Gottes Gnadenwirkung die Lehre, welche verloren zu sein schien, doch allmählich im Geheimen eine Wurzel treiben und nach langer Zeit endlich einen Keim emporsenden kann. Zuerst sieht es aus, als wäre keine Lebenskraft darin, dann aber kommt frisches, kräftiges Leben hinein. Zu ungeahntem, plötzlichem Gedeihen und Wachsen brachte den Glauben des Nikodemus erst Christi Tod.

V. 52. Bist du auch ein Galiläer? Die Pharisäer machten also jeden Anhänger Christi zu einem „Galiläer“, - als ob er nur in jenem verachteten Winkel hätte Nachfolger finden können! Ihr heftiges Auftreten gegen Nikodemus lässt übrigens ermessen, welch ein wütender Hass gegen Christum selbst in ihnen loderte. Er hatte ja Jesum gar nicht entschieden in Schutz genommen, sondern nur den allgemeingültigen Rechtssatz auf ihn angewendet, dass man niemanden ungehört verurteilen solle. Gerade so ist es heutigen Tages bei den Papisten. Wenn dort jemand nur schüchtern zu sagen wagt, man möchte doch das Evangelium nicht unterdrücken, so fallen die Feinde in toller Wut über ihn her, um ihn als Ketzer zu verschreien.

V. 53. Und ein jeglicher ging also heim. Ein wundersamer Ausgang der Sache! Wenn man in Betracht zieht, welche Herrschergewalt die Priester damals besaßen, wie groß ihre Wut, wie mannigfach ihre Machtmittel waren, - auf der anderen Seite, wie Christus, aller Mittel entblößt, waffenlos, keinerlei menschlichen Schutz genoss, - so musste man seine Sache ohne weiteres für verloren halten. Wenn nun ganz von selber die furchtbare Verschwörung im Sande sich verläuft, - eben noch das Meer in wildem Aufruhr, nun auf einmal alles ganz still, - wer sollte darin nicht die Hand Gottes erkennen, der die Feinde seines Sohnes verstreute? Gott aber bleibt immer derselbe. So oft er es will, kann er alle Unternehmungen der Feinde zunichtemachen, dass sie unverrichteter Sache abziehen müssen, obwohl sie alles zur Hand haben, und obwohl der ganze Plan genau zur Ausführung zurecht gelegt ist. Das haben wir gar oft erfahren, dass ungeachtet aller Vorkehrungen von feindlicher Seite zur gründlichen Beseitigung des Evangeliums doch infolge der unglaublich gnädigen Führung Gottes alles bald ohnmächtig dahinsank.

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