Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Kapitel 6.

Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Kapitel 6.

V. 1. So ein Mensch etwa von einem Fehl übereilt würde. Wie vor allen Dingen die Pest des Ehrgeizes schädlich ist, so schadet nicht selten andererseits unzeitgemäße und allzu große Härte sehr viel, die sich zwar in den ehrbaren Deckmantel des Eifers hüllt, aber oft dem Hochmut und der überdrüssigen Verachtung der Brüder entstammt. Die meisten Menschen betrachten die Fehler ihrer Mitmenschen lediglich als einen erwünschten Anlass, den Nächsten verächtlich und bitter zu behandeln. Sie gehen mehr darauf aus, zu tadeln als zu bessern. Nun müssen Leute, welche gesündigt haben, zwar mit Bestimmtheit überführt werden, wobei manchmal Strenge und Schärfe nötig wird. Wenn es darum auch angebracht sein mag, den Tadel unter Umständen bis zur Rücksichtslosigkeit zu treiben, so darf bei dem scharfen Essig doch das milde Öl nicht fehlen. Daher fordert Paulus hier auf, dass man, wenn man die Brüder wegen ihrer Vergehen zurechtweist, einen sanftmütigen Geist walten lasse; denn liebevoll und christlich kann nur ein solcher Tadel heißen, dem man sanfte Milde abfühlt. Um aber das Ziel seiner Mahnung desto eher zu erreichen, zeigt Paulus, dass die eigentliche Absicht des Tadels sein muss, dem Gefallenen zurecht zu helfen, d. h. ihn wieder auf einen guten Stand zu bringen. Das erreicht man aber niemals mit Gewalt, noch mit einem nörgelnden Wesen oder mit rauem Wort oder Blick. Es erfordert ein ruhiges und sanftes Gemüt, wenn man den Bruder wirklich heilen will. Damit aber niemand glaube, es handle sich lediglich um die äußere Gebärde der Milde, spricht der Apostel ausdrücklich vom „Geist“. Hier wirkt eben nur das innerste sanfte Gemüt. – Ein zweiter Grund, weshalb man den Bruder sanftmütig zurechtweisen soll, liegt schon im Vordersatz. Einen Menschen, der nur von einem Fehler übereilt ist oder sich wie durch Hinterlist hat umgarnen lassen, mit Härte anzugreifen, wäre doch unmenschlich. Wissen wir doch, dass der Teufel immer auf Nachstellungen sinnt, und wir auf tausend Weisen von ihm umstrickt werden. Sehen wir also einen Bruder einen Fall tun, so wollen wir annehmen, dass er dem Satan ins Netz geraten ist; das erweckt unser Mitgefühl und macht uns umso eher geneigt, ihm zu verzeihen. Jedoch müssen wir mit dem Apostel ein Vergehen oder einen Fall bestimmt von tief gewurzelten Lastern unterscheiden, welche Hand in Hand gehen mit einer absichtlichen und beharrlichen Verachtung Gottes. Eine derartige Ruchlosigkeit und böswillige Auflehnung gegen Gott müsste ganz anders behandelt werden. Denn was würde man dabei mit der Sanftmut erzielen?

Die Anrede: Ihr die ihr geistlich seid ist nicht ironisch zu nehmen, sondern geht alle diejenigen an, welche irgendwie geistlich sind, mögen sie auch noch nicht völlig mit dem Geist erfüllt sein. Diese alle haben die Aufgabe, die Gefallenen aufzurichten; denn je mehr einer den Vorzug der Gnade hat, umso mehr liegt ihm der Dienst ob, die Unreiferen zu fördern. Weil wir aber so verkehrt sind, dass wir auch in den wichtigsten Pflichten irre gehen, ermahnt uns der Apostel, dass wir nichts Fleischliches mit unterlaufen lassen.

Und siehe auf dich selbst. Hier steht statt des vorigen „ihr“ ein „du“; das ist von besonderer Bedeutung, weil eine Ermahnung wirksamer ist, wenn sie jeden einzelnen angeht, und man sie ausschließlich für sich zu beherzigen hat. Wer du auch immer seist, so heißt es also, der du dich zum Richter über andere aufwirfst, blicke auch auf dich selber! denn es gibt nichts Schwereres als uns selbst zu einer Prüfung und Erkenntnis unserer eigenen Schwachheit zu bringen. So scharfsinnig wir auch in der Beobachtung der Fehler anderer sein mögen, ebenso unwissend sind wir über uns selbst. Darum redet der Apostel mit besonderem Nachdruck ganz persönlich. Der Sinn kann freilich in doppelter Weise verstanden werden. Einige finden hier eine Erinnerung an unsere eigene sündige Schwachheit, die uns besonders milde und zur Verzeihung geneigt stimmen müsse. Ich ziehe jedoch die andere Erklärung vor, wonach Paulus warnen will, nicht bei der Zurechtweisung eines Bruders durch maßloses Zufahren sich selbst zu versündigen. Darin besteht die Versuchung, die man so selten meidet. Immerhin wird es erlaubt sein, bei dem Satze: dass du nicht auch versucht werdest, außerdem an die Versuchungen des Lebens überhaupt zu denken. Darum wollen wir immer, wenn wir die Fehler anderer aufzudecken haben, uns vorhalten, dass wir bei uns selbst den Anfang machen, damit wir eingedenk unserer eigenen Schwachheit mit anderen gelinde verfahren.

V. 2. Einer trage des anderen Last. Dieser Ausdruck ist sehr geeignet, menschliches Mitgefühl zu empfehlen, weil er die Schwachheiten und Fehler, an welchen wir leiden, Lasten nennt; denn schon die Natur weist uns an, diejenigen aufzurichten, welche unter einer Last zusammensinken. Paulus heißt uns aber die Lasten tragen, nicht zu dem Zweck, um durch Gleichgültigkeit oder Übersehen die Übelstände, an denen die Brüder leiden, zu fördern, sondern vielmehr, um ihnen die Last abzunehmen. Das wird durch eine freundliche und sanfte Zurechtweisung erreicht. Es gibt sehr viele Ehebrecher, welche Christum gern zum Kuppler, Diebe, welche ihn gern zum Hehler: kurz Gottlose und Frevler aller Art, die ihn zu ihrem Patron machen würden, ja alle möchten ihre Lasten auf die Schultern der Gläubigen abwälzen. Da aber der Apostel tragende Geduld nur empfiehlt, damit den Sündern zurecht geholfen werde, so kann doch jedermann verstehen, was er in Wirklichkeit von den Christen fordert.

So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Mit voller Absicht redet Paulus gerade im vorliegenden Zusammenhange nicht bloß vom Gesetz, sondern vom Gesetz Christi. So tritt der Unterschied zwischen Christi und Moses Gesetz scharf hervor. Der Apostel will sagen: wenn es euch so am Herzen liegt, das Gesetz zu halten, wohlan, Christus gibt euch ein Gesetz, welches ihr mit Recht jedem anderen vorziehen sollt, und dies besteht darin, dass wir untereinander menschliche Rücksicht üben. Das ist der einzige wirkliche Inhalt des menschlichen Lebens. Die Kehrseite der Sache ist, dass solch mitfühlende Hilfsbereitschaft das Gesetz in der Tat völlig „erfüllt“. Dieser Ausdruck lässt alles als überflüssig erscheinen, was mit der Liebe in keinem Zusammenhange steht. Freilich leistet niemand ganz und gar, was Paulus fordert: darum sind wir noch weit von der Vollkommenheit, wenn auch vielleicht nicht so sehr vor Menschenurteil, so doch durchaus vor Gottes Augen entfernt.

V. 3. So aber sich jemand lässt dünken, er sei etwas, so er doch nichts ist. So spricht der Apostel schwerlich bloß im Blick auf besonders unbedeutende Menschen, die doch eine maßlos hohe Meinung von sich haben, - vielmehr soll hier jedermann eine Erinnerung empfangen, dass er nichts ist, also im Irrtum befangen, wenn er sich einbildet, etwas zu sein. Wir merken also erstens, dass kein Mensch in sich selbst etwas Gutes hat, niemand also einen Grund besitzt, sich irgendeines Vorzuges zu rühmen, als wäre es wirklich sein. Daraus folgt dann zweitens, dass jede anmaßende Überhebung ein Selbstbetrug ist. Und wie wunderlich, dass wir Menschen, die wir jeden Betrug von anderer Seite bitter empfinden, uns selbst nur zu gern betrügen! Solche Gedanken sollten uns gegen andere viel milder stimmen. Die Wurzel aller hochmütigen Ungenießbarkeit im Verkehr ist doch bloß die Selbstüberhebung. Möchte doch das hochfahrende Wesen überall einer bescheidenen Demut weichen!

V. 4. Ein jeglicher aber prüfe sein eigen Werk. Den stärksten Hieb hat Paulus dem menschlichen Stolz versetzt. Weil aber der Hochmut des weiteren seine Nahrung besonders daraus zu ziehen pflegt, dass wir uns mit anderen vergleichen, um auf dunklem Hintergrund selbst desto glänzender dazustehen, so werden uns nun solche Seitenblicke ganz und gar verwehrt. Keiner soll sich mit einer fremden Elle messen und an sich aus dem Grunde Gefallen finden, weil ihm andere weniger gefallen; sondern ohne Rücksicht auf andere sein eigenes Gewissen durchforschen und sich die Beschaffenheit seines eigenen Tuns klar machen. Wahres Lob muss nicht in der Herabsetzung eines anderen, sondern in sich selbst begründet sein. Viele Ausleger fassen die Stelle ironisch, in dem Sinn: du schmeichelst dir wegen der Fehler anderer, aber wenn du bedenkst, wer du selbst bist, dann wirst du den Ruhm haben, welcher dir gebührt, - das heißt gar keinen; denn es gibt niemanden, der auch nur einen Tropfen Ruhmes verdiente. Man nimmt den folgenden Vers dann in dem Sinne: ein jeglicher „pflegt“ seine Last (von Fehlern) zu tragen. So empfehlenswert nun das ironische Verständnis erscheint, weil der Apostel allerdings sofort jeden menschlichen Ruhm niederschlägt, so bleibt doch der Zusammenhang ohne diese Deutung geschlossener. Die Worte besagen ganz einfach: du wirst einen Ruhm haben, was dich selber ausschließlich allein betrifft, und nicht erst durch Vergleichung mit anderen. Der Apostel erkennt damit (wie auch sonst öfters) in allem Ernste den Ruhm eines guten Gewissens an, welcher den Kindern Gottes wohl ansteht. Solcher Ruhm ist nichts anderes, als eine Anerkennung der göttlichen Gnade: er bedeutet keine Selbstüberhebung, sondern lediglich die Bereitschaft, Gott die Ehre zu geben. Finden die Frommen einen Anlass in sich, in dieser Weise zu rühmen und zu preisen, so führen denselben doch nicht auf ihr eigenes Verdienst, sondern auf Gottes Güte zurück. Ähnlich heißt es z. B. 2. Kor. 1, 12: Unser Ruhm ist dieser: das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Einfältigkeit und göttlicher Lauterkeit, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes auf der Welt gewandelt haben. Und Christus würde etwa sagen: Gehe in dein Kämmerlein und tue wohl vor dem Vater im Verborgenen, und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird es dir vergelten öffentlich (vgl. Mt. 6, 6).

V. 5. Denn ein jeglicher wird seine Last tragen. Dies Wort hält uns das Gericht Gottes vor, um uns alle stolze Sicherheit auszutreiben: dereinst wird jeder ohne alle Seitenblicke einfach für sein eigenes Leben Rechenschaft geben müssen. Jetzt kommt die Selbsttäuschung gewöhnlich daher, dass unter den Blinden der Einäugige sich für den König, und unter den Schwarzen der Braune sich für weiß halten kann. Solche Einbildungen werden vor dem Richterstuhle Gottes verfliegen, und keiner wird imstande sein, den anderen von seinen Sünden loszusprechen.

V. 6. Der teile mit usw. Wahrscheinlich sind schon damals die Lehrer und Diener am Wort vernachlässigt worden; und doch ist dieses eine besonders schlimme Form von verabscheuungswürdiger Undankbarkeit. Ist es nicht äußerst unwürdig, diejenigen in betrügerischer Weise um den leiblichen Unterhalt zu bringen, von welchen wir Speise für unsere Seelen empfangen? denen keine irdische Vergeltung zu gewähren, durch welche wir himmlische Güter erhalten? Aber das ist einmal wie früher so auch heute die Weise der Welt, den Dienern Satans den Kropf voll zu pfropfen, aber den frommen Seelenhirten nur knauserig den notdürftigsten Unterhalt darzureichen. Nun ziemt sich für uns zwar weder ein fortwährendes unzufriedenes Klagen, noch ein kleinliches Festhalten an unserem Recht, aber doch musste Paulus die Galater zu ihrer Pflichterfüllung anhalten. Er geht auf diesen Punkt näher ein, weil er nicht persönlich für seine Sache, sondern ohne Rücksicht auf den eigenen Vorteil für das allgemeine Wohl der Kirche eintrat. Er fand den Grund für die Vernachlässigung der Diener des Wortes in der Verachtung dieses Wortes selber. Denn wo man das Wort wert schätzt, da kann es nicht anders sein, als dass man auch seine Diener anständig und hochherzig behandelt. Demgegenüber zielt Satans List darauf, die frommen Diener um ihre Notdurft zu betrügen, um dadurch die Kirche solcher Männer zu berauben. Dem Apostel aber liegt der Bestand des Predigtamtes am Herzen: darum empfiehlt er, für gute und treue Seelenhirten wohl zu sorgen. Allerlei Gutes soll man ihnen mitteilen. Natürlich handelt es sich nicht um maßlosen Überfluss, sondern um den notwendigen Lebensunterhalt. Soll doch ein Diener am Wort sich in eine schlichte Lebenshaltung schicken und der Gefahr des Luxus und der Üppigkeit sorgfältig aus dem Wege gehen. Es sollen also die Gläubigen all ihr Gut als den frommen und heiligen Lehrern zur Verfügung stehend betrachten, soweit die Notwendigkeit es fordert. Denn gibt es wohl einen Lohn, welcher der unschätzbaren Gabe des ewigen Lebens gleichwertig wäre, die wir durch ihre Verkündigung erhalten?

V. 7. Gott lässt sich nicht spotten. Diesen Satz schließt Paulus an, um die gewöhnlichen Entschuldigungen und Ausflüchte abzuschneiden. Geben die einen vor, sie müssten für ihre Familie sorgen, so sagen die anderen: ihnen bleibe nichts übrig, um etwas verleihen oder verausgaben zu können. So erfüllen denn nur wenige ihre Pflicht, und diese wenigen können nicht alles tun, wenn so viele zurückbleiben. Haltlos sind aber alle Ausreden, weil wir es hier mit Gott zu tun haben, woran die Welt gar nicht denkt. Denn es handelt sich hier ja nicht nur um den Lebensunterhalt eines Menschen, sondern um den Grad der Wertschätzung Christi und seines Evangeliums. Diese Stelle zeugt davon, dass die Unart, treuen Seelenhirten einen Spottlohn zu bieten, nicht erst heute entstanden ist. Aber solch Gespött läuft für die Gottlosen nicht ungestraft aus. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Was bei uns gewöhnlich einen freigebigen Sinn nicht aufkommen lässt, ist der Gedanke, als wäre für uns verloren, was in eine andere Hand übergeht. Die furchtsame Sorge lässt uns eben nur an uns selbst denken. Demgegenüber erinnert Paulus daran, dass diese Lebenszeit nur Saatzeit ist: wer Gutes tut, streut seinen Samen aus (vgl. auch zu 2. Kor. 9, 6). Wenn wir diese Wahrheit recht ins Herz fassen würden, würden wir freudig uns und unser Eigentum dem Nächsten aufopfern und dabei in gespannter Hoffnung den Blick auf die Ernte richten. So ist ja die Aussaat des Landmanns fröhlichstes Geschäft. Während dieser nun getrosten Mutes neun Monate ausharrt, um doch nur eine vergängliche Ernte einzusammeln, wollen wir in der Erwartung der seligen Unsterblichkeit müde werden?

V. 8. Wer auf sein Fleisch sät. Nach dem allgemeinen Satz folgt nunmehr die Durchführung des Gedankens im Einzelnen. Auf sein Fleisch sät, wer nur für die Bedürfnisse dieses Lebens Vorsorge trifft, ohne mit dem künftigen Leben zu rechnen. Wer so handelt, wer also seinen ganzen Eifer nur auf fleischliche Dinge und Vorteile richtet, wird freilich eine Frucht ernten, die solcher Saat entspricht: er wird einen Reichtum aufhäufen, der doch verdirbt und vergeht. So werden die Worte zu verstehen sein: denn schwerlich denkt der Apostel hier an besondere Fleischeslüste und die ihnen folgende Strafe des ewigen Verderbens.

Wer aber auf den Geist sät. Unter „Geist“ verstehe ich hier das geistliche Leben, für welches diejenigen säen, welche mehr an den Himmel als an die Erde denken und ihrem Leben eine Richtung auf Gottes Reich geben. Diese werden eine unvergängliche Frucht ihrer geistlichen Bemühungen im Himmel ernten. Geistlich heißen diese Bemühungen wegen ihres Zwecks, wenn sie auch sonst bloß äußerlich sind und sich auf den Leib beziehen, wie es z. B. bei dem hier gerade vorliegenden Punkte der Unterhaltung der Hirten der Fall ist. Finden übrigens die Römischen hier einen Beleg für die auf Werke gegründete Gerechtigkeit, so haben wir schon anderwärts die Torheit dieses Gedankens aufgezeigt (zu 1. Kor. 9, 18). Denn daraus, dass das ewige Leben ein „Lohn“ heißt, folgt noch nicht, dass wir durch Werke gerechtfertigt werden oder die Seligkeit verdienen. Denn erstens haben wir die guten Werke, welche Gott lohnt, nur von seiner Gnade empfangen. Solche guten Werke, welche wir unter dem Trieb und der Leitung des heiligen Geistes tun, sind ja Früchte des uns aus Gnaden geschenkten Kindesstandes. Weiter sage ich, dass eben diese Werke nicht bloß im strengen Sinne nicht verdienstlich, sondern sogar verdammlich sind: denn es haften an ihnen viele Flecken und Makel. Kann aber Schmutz vor Gottes Angesicht kommen? Vertragsmäßigen Lohn im eigentlichen Sinne könnten wir doch nur beanspruchen, wenn wir das ganze Gesetz erfüllt haben. Wie weit sind wir aber von solcher Vollkommenheit entfernt! Mögen die Papisten versuchen, mit dem Verdienst ihrer Werke in den Himmel zu dringen, - wir bekennen mit Paulus und der ganzen heiligen Schrift, dass Gott unter dem Titel des Lohnes an unsere Werke knüpft, was wir doch nur durch seine freie Gnadengabe erreichen können.

V. 9. Lasset uns aber Gutes tun. Dieser Ausdruck will hier nicht allgemein verstanden sein, sondern bezeichnet die Wohltaten, die wir Menschen erweisen. Darin sollen wir nicht nachlassen. Eine sehr nötige Mahnung! Schon die Trägheit unserer Natur zeigt wenig Neigung für Liebeswerke. Dazu kommen Hindernisse genug, welche selbst gutgesinnte Leute zurückhalten. Wir stoßen auf viele Unwürdige, auf viele Undankbare, wir werden durch die Menge der Bedürfnisse förmlich überschüttet, hie und da durch die Ausgaben erschöpft, die Kälte der anderen kühlt unseren Eifer ab. Schließlich ist die ganze Welt voll von Hindernissen, die uns von dem rechten Lauf ablenken. Es ist also gut, wenn Paulus uns ermuntert, nicht schlaff und müde zu werden. Denn nur, wenn wir nicht ablassen, vielmehr bis zum Ende standhalten, werden wir die von Gott verheißene Frucht ernten. Wer nicht aushält, gleicht einem trägen Landmann, der nach dem Pflügen und Säen die Arbeit unvollendet liegen lässt, während er doch noch eggen müsste, damit die Vögel den Samen nicht fressen, oder die Sonne ihn ausdörrt, oder der Frost ihn vernichtet. Eine Liebestätigkeit, die nicht bis zum letzten Ziel durchdringt, ist ganz vergeblich. Ernten werden wir freilich erst zu seiner Zeit. Dies fügt Paulus ausdrücklich hinzu, damit niemand schon in diesem Leben nach Frucht ausschaue und so der geistlichen Ernte verlustig gehe. Die Gläubigen haben ihre Sehnsucht in den Schranken der Hoffnung und Geduld zu halten.

V. 10. So lange wir nun Zeit haben. Noch immer bleibt die Rede im Bilde. Nicht jede Zeit eignet sich, den Acker zu bestellen und zu besäen: darum ergreift ein umsichtiger und fleißiger Landmann die Gelegenheit und lässt sie nicht unbenützt verstreichen. Hat nun Gott dies Leben ganz für das Pflügen und Säen bestimmt, so gilt es, die Zeit zu gebrauchen: wer nachlässig ist, dem möchte es zu spät werden. Übrigens zieht jetzt der Apostel, dessen Rede von der Pflicht der Freigebigkeit gegen die Diener am Worte nur den Ausgang genommen, den Kreis seiner Betrachtung weiter. Wir sollen Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen, d. h. an den Gläubigen, da sie mit uns ein und dieselbe Familie bilden. Die enge Gemeinschaft, welche sich zwischen den Gliedern einer und derselben Familie von selbst herausstellt, soll uns ein besonderer Sporn sein. Als Menschen sind wir jedem verpflichtet, der Menschenantlitz trägt: ein noch engeres Band aber schlingt die geistliche Gemeinschaft, zu welcher Gott seine Gläubigen berufen hat.

V. 11. Sehet – möglicher Weise auch: ihr sehet, mit wie vielen Worten usw. Paulus erinnert daran, dass er mit seiner eigenen Hand einen so langen Brief geschrieben, weil ihm daran liegt, seine Besorgnis den Galatern noch mehr ans Herz zu legen, sowie sie zu einem aufmerksameren Lesen zu reizen. Denn je mehr Arbeit er um ihretwillen auf sich genommen hatte, desto mehr mussten sie sich angespornt fühlen, seinen Brief nicht bloß oberflächlich, sondern mit eingehendstem Studium zu lesen.

V. 12. Die sich wollen angenehm machen nach dem Fleisch: Das sind Leute, die mit scheinfreundlicher Miene um die Gunst der Menschen buhlen, nicht um ihnen in Wahrheit förderlich zu sein, sondern um von ihnen geehrt zu werden. In dieser falschen Weise ehrgeizig waren ja die Lügenapostel. Paulus gibt zu verstehen: sehet ihr denn nicht, was das eigentlich für Leute sind, die euch die Beschneidung aufhalsen wollen? Durchschaut ihr nicht ihr eigentliches Ziel? Es ist ein Irrtum, als Triebfeder ihres Handeln einen wahrhaft frommen Eifer vorauszusetzen: Sie wollen um diesen Preis lediglich Menschengunst gewinnen oder wenigstens nicht verscherzen. Als Juden wollen sie mit ihrer Beschneidungspredigt bei den vielvermögenden Stammesgenossen nur Anerkennung suchen, oder wenigstens dem Hass derselben aus dem Wege gehen. Es treibt sie die verkehrte Absicht, dass sie nicht mit dem Kreuz Christi verfolgt werden. So predigen sie einen Christus ohne Kreuz. Eben dies entfesselte ja die Wut Israels wider Paulus, dass er mit seiner Kreuzespredigt dem Zeremoniendienst ein Ende machte. Die Lügenapostel dagegen schmeichelten den Juden, um von ihnen keine Verfolgung zu erleiden. Wenn sie dabei noch selbst das Gesetz beobachtet hätten, wäre es erträglicher gewesen. Nun aber brachten sie einen Aufruhr in die ganze Kirche, um der persönlichen lieben Ruhe willen. Sie trugen kein Bedenken, den Gewissen ein tyrannisches Joch aufzulegen, um selber ganz frei von leiblicher Beschwerde zu sein. So fälschten sie aus Furcht vor dem Kreuz die wahre Predigt vom Kreuz.

V. 13. Sie selbst, die sich beschneiden lassen. Damit meint Paulus schwerlich jeden, der die Beschneidung auf sich nimmt, sondern in unserem Zusammenhange lediglich die falschen Lehrer, die besonders auf die Beschneidung dringen. Ihnen wirft er vor: sie halten das Gesetz nicht. Also kann ihr Treiben aus wirklich ehrlichem Gesetzeseifer nicht entspringen. Paulus will nämlich nicht bloß im allgemeinen daran erinnern, dass kein Mensch das Gesetz zu halten imstande ist: vielmehr wirft er in aller Form seinen Gegnern vor, dass sie, wenn nur erst die Beschneidung durchgesetzt ist, für ihre Person sich gar nicht mehr an alle die gesetzlichen Zeremonien binden, die sie andern auflegen. Wo nicht mehr misstrauische Menschenaugen auf sie gerichtet sind, kümmern sie sich um das Gesetz durchaus nicht mehr. Ähnlich stellen sich auch heute viele gegenüber dem Papsttum: man verteidigt die Tyrannei nicht, weil man sich selbst im Gewissen daran gebunden fühlt, sondern weil man nach Ämtern schielt. Ich spreche von den Hofaposteln und allen denen, welche dem Brodem der Küche nachlaufen. Man verkündet feierlich, dass man die Gebote der heiligen römischen Kirche in Ehrfurcht erfüllen müsse; so redet man aber nur, wo es gilt, Konflikte zu vermeiden, - während man sich sonst sehr wenig um die Kirchengebote kümmert. Mit solchen Geistern hatte auch Paulus zu kämpfen. Aber er reißt ihnen ihre Maske vom Gesicht und zeigt ihre ganze Unaufrichtigkeit: sie wollen, dass ihr euch beschneiden lasst, auf dass sie sich an eurem Fleisch rühmen mögen. Sie legen den neugewonnenen Christen die Beschneidung auf, um vor den Juden so dazustehen, als machten sie Proselyten für das Judentum. So wird der Leib dieser Christen nur missbraucht, damit die Lügenapostel groß dastehen.

V. 14. Es sei aber ferne von mir usw. Von dem Treiben der Lügenapostel hebt sich nun des Paulus klare Wahrhaftigkeit ab. Der Apostel sagt: Jene verleugnen das Kreuz Christi, um das Kreuz nicht tragen zu müssen, und erkaufen sich das Wohlgefallen der Menschen durch euer Fleisch, schließlich spannen sie euch an ihren Triumphwagen. Aber mein Triumph und mein Ruhm sind in dem Kreuze des Sohnes Gottes. Hätten die Galater nicht allen gesunden Menschenverstand beinahe verloren, so hätten sie doch vor Leuten einen Abscheu empfinden müssen, die nur auf ihre Kosten ein Spiel trieben. Der Hinweis auf das Kreuz unseres Herrn Jesu Christi stellt uns den denkbar schmachvollsten Tod vor Augen, auf welchem noch dazu Gottes Fluch lag. Was also sonst alle Menschen fliehen, dessen sie sich schämen, - dessen rühmt sich Paulus, weil er vollkommene Seligkeit darin findet. Was man für sein höchstes Gut hält, achtet man ja auch für höchsten Ruhm. – Doch warum rühmt sich Paulus nun gerade des Kreuzes und nicht auch der Auferstehung Christi? Weil das Kreuz, von welchem freilich die Auferstehung nicht abgetrennt werden darf, die ganze Erlösung mit ihrem gesamten Inhalt in sich begreift. Endlich wollen wir noch darauf achten, mit welchem Nachdruck der Apostel jedes andere Rühmen wie einen Schaden und ein Gift von sich weist: „es sei ferne von mir!“ Durch Christum, - oder vielleicht genauer noch durch sein Kreuz – ist mir die Welt gekreuzigt. Hier stirbt man eben der Welt. „Welt“ ist (im Gegensatz zur „neuen Kreatur“ V. 15) alles, was mit dem alten Menschen zusammenhängt und wider Christi geistliches Königreich streitet. Kurz: „Welt“ ist der Umkreis alles dessen, was dem alten Menschen begehrenswert erscheint. Diese Welt ist für Paulus gekreuzigt, weil er gelernt hat, alles für Schaden zu achten (Phil. 3, 8). Umgekehrt sagt er aber auch: und ich bin der Welt gekreuzigt. Wie ein Toter keine Beziehungen mehr zur Welt hat, so ist diese Welt auch für Paulus durch und durch gleichgültig geworden und existiert nicht mehr für ihn. Als sein alter Mensch starb, hat er ihr den Abschied gegeben. Andere Ausleger lassen freilich den Apostel sagen: hält die Welt mich für einen Abschaum und Fluch, so halte ich sie ebenfalls dafür und spreche ihr das Verdammungsurteil. Mir scheint dieses Verständnis fern zu liegen. Mögen die Leser selbst entscheiden.

V. 15. Denn in Christo Jesu gilt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas. Damit erfahren wir den Grund, weshalb ein Christ der Welt gekreuzigt ist und die Welt ihm. Wer in Christum eingepflanzt ist, wird eben eine neue Kreatur (vgl. auch 2. Kor. 5, 17). Dabei muss alles sterben, was der Erneuerung im Geiste widerstrebt. Wer in Christi Königreich gehören will, muss sich durch Gottes Geist erneuern lassen, darf nicht weiter der Welt leben, sondern soll zu einem neuen Leben erweckt sein. Dass der Apostel hier noch einmal die Beschneidung beiseiteschiebt, indem er sie mit der Vorhaut auf eine Linie stellt, begreift sich im Zusammenhange leicht: die Wahrheit des Evangeliums verschlingt und verscheucht alle Schattenbilder des Gesetzes.

V. 16. Wie viele nach dieser Regel einhergehen d. h. sie halten, über diesen breite sich Heil und Segen aus! Mit solchem Segenswunsch bekennt sich der Apostel zu der ganzen Art dieser Leute. Die mit solcher Lehre kommen, soll man lieben und hegen, - die aber davon abweichen, sind nicht wert, dass man ihnen das Ohr leiht. Paulus gebraucht hier das Wort „Regel“, um dadurch eine bestimmte und ununterbrochene Haltung auszudrücken, in der alle frommen Diener des Evangeliums beständig zu bleiben haben. Denn wie ein Baumeister seine Gebäude nach dem Winkelmaß aufführt, so dass die einzelnen Teile in rechtem Verhältnis und Ebenmaß sich zusammenfügen, so weist Paulus den Dienern am Wort einen Kanon oder Regel an, damit sie dadurch in rechter Weise und Ordnung die Kirche erbauen können. Sollte dieses Wort nicht dazu dienen, sowohl den treuen und aufrichtigen Lehrern, sowie überhaupt allen denen, welche sich nach ihrer Regel bilden lassen, einen außerordentlichen Eifer einzuflößen, wenn sie hören, dass sie hier durch den Mund des Apostels von Gott gesegnet werden? Wir haben keine Ursache, die Fluch- und Bannstrahlen der Feinde zu fürchten, wenn uns Gott vom Himmel her Frieden und Barmherzigkeit verheißt. Wünscht nun Paulus diesen Segen dem Israel Gottes, so trifft er zugleich mit einem gewissen Spott die eitle Prahlerei der falschen Apostel, welche sich auf die leibliche Abstammung von Abraham etwas zugutetaten. Er unterscheidet ein doppeltes Israel, das eine, welches vor Menschenaugen Gottes Volk zu sein scheint, und das andere, welches wirklich Gottes Eigentum ist. Die Beschneidung ist nur eine Maske vor Menschen: nur die neue Geburt ist Wahrheit vor Gott. Zum Israel Gottes gehören die, welche durch den Glauben Abrahams Kinder wurden (3, 7). Darunter werden also alle Gläubigen begriffen, die aus Juden und Heiden zu der einen Gottesgemeinde zusammenwachsen. Im Gegensatz dazu wollte das Israel nach dem Fleisch allein sich rühmen, Gottes Volk zu sein, worüber Röm. 9, 6 das Urteil steht.

V. 17. Mit dem Gewicht seiner ganzen Autorität fordert nun der Apostel, dass man ihn nicht an dem Fortgang seiner Predigt hindere. Mühen um der Gesamtheit willen zu tragen ist er gern bereit, aber mit solchem Widerspruch will er nicht aufgehalten sein: es mache mir niemand weiter Mühe! Steht nur die neue Kreatur fest, so will ich in allem übrigen nicht weiter behelligt sein, sondern will alle überflüssigen Fragen unberührt sehen. Wenn andere das betreffende griechische Wort mit „fortan“ übersetzen, so kann ich dies nicht für richtig halten. Ich trage die Malzeichen des Herrn Jesu. Darauf gründet Paulus die Zuversicht zu seinem autoritativen Auftreten. Aber was sollen wir uns dabei denken? Es sollen uns Kerker und Bande, Geißeln und Schläge, Steinigungen und alle Schande vor Augen treten, welche der Apostel um des Zeugnisses des Evangeliums willen auf sich nahm. Wie im irdischen Kriegsdienst ein Feldherr die Tapferkeit seiner Soldaten mit einer sichtbaren Auszeichnung lohnt, so schmückt unser Führer Christus diejenigen, die ihm besondere Dienste geleistet haben, auch mit hervorstechenden Ehrenzeichen von besonderer Art, die freilich vor der Welt nur Schande bedeuten: denn sie schmecken nach dem Kreuz. Das liegt auch schon in dem Wort „Malzeichen“. Das sind eigentlich Stiche; aber man nannte auch die Brandmale so, welche man Sklaven, Fahnenflüchtigen oder auch Verbrechern einbrannte. Darum ist die Redeweise Pauli von der Auszeichnung durch jene Merkmale, mit denen Christus seine bedeutendsten Diener zu ehren pflegt, buchstäblich zu nehmen, denn, obwohl man sich vor der Welt ihrer als einer Schande zu schämen hat, so übertreffen sie doch vor dem Angesicht Gottes und der Engel alle Auszeichnungen der Welt zusammen.

V. 18. Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit eurem Geiste. Der Apostel fleht nicht bloß reiche Gnade herab, sondern wünscht vor allem auch, dass man diese Gnade in persönlicher Erfahrung ergreife. Wir genießen sie ja nur wirklich, wenn wir sie bis an unseren Geist gelangen lassen. So gilt es, den Herrn zu bitten, dass er seiner Gnade eine Stätte in unseren Herzen bereite. Amen.

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