Burger, Carl Heinrich August von - Am vierten Adventsonntag 1854.

Burger, Carl Heinrich August von - Am vierten Adventsonntag 1854.

Text: Phil. 4, 4-7.
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermal sage ich: Freuet euch. Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen. Der Herr ist nahe. Sorget nichts; sondern in allen Dingen lasset eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Und der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.

Den Mittelpunkt des lieblichen Textes, der uns heute vorliegt, bildet der Ausruf des Apostels: Der Herr ist nahe. Von ihm geht Kraft der Ermahnung und des Trostes aus nach allen Seiten; um ihn reihen sich die erquickenden Zusprachen, die uns in dieser Stunde beschäftigen sollen, als eben so viel Folgesätze, deren jeder schließen könnte mit der Wiederholung: denn der Herr ist nahe! Aber was meint wohl der Apostel für eine Nähe? Wir würden ihn mißverstehen und umdeuten, wollten wir verkennen, daß ihm vor Augen schwebt die nahe Wiederkunft des Herrn. Sie ist es, die das Herz des Christen freudiger schlagen macht, die alle seine Seelenkräfte spannet und erfrischt, von der er sich das Höchste versprechen kann und darf, was er erwartet, wozu sein christlicher Beruf ihm Anwartschaft und Recht gibt. Aber daß wir Jahrhundert um Jahrhundert seitdem warten und der als nahe längst verkündigte Herr ist noch immer nicht gekommen, - das hat den Aufblick nach Ihm leider nur zu sehr geschwächt und die Hoffnung fast gedämpft, Ihn zu erharren. Aber es sollte nicht so sein, muß es auch nicht sein. Der Herr ist nahe jedem unter uns zu aller Zeit schon jetzt, aber noch in besonderem Sinne, sobald das letzte Stündlein für uns schlägt, und das Daheimsein bei dem Herrn ist unser nächstes, schönstes Ziel der Hoffnung. Ob Sein die Welt noch lange warten müßte: mir ist Er nahe, ja Er kommt zu mir und holt mich heim, sobald die Spanne Zeit, da ich noch hier Ihm dienen muß, vorbei ist. Das ist kein trüber Gedanke, keine düstre Aussicht für den Christen; das ist ein Lichtblick, welcher ihn erfreut; damit darf er und kann er sich getrost beschäftigen zur Vorbereitung auf das Freudenfest, an dessen Schwelle wir jetzt stehen. Denn daß Christus in die Welt gekommen ist, ist unser Trost, und daß Er nahe ist, gibt unserem Christenlaufe Entschiedenheit und Kraft. Von diesem Satze wollen wir jetzt ausgehen, und ihn nach Anleitung unseres Textes betrachten. Aber daß der Herr nahe ist, gibt unserem Christenlaufe Entschiedenheit und Kraft, weil diese Wahrheit

  1. uns erfüllt mit Freude;
  2. uns entbindet von den Sorgen;
  3. unser Herz befestiget in Gottes Frieden.

Herr Jesu Christe, treuer und barmherziger Mittler, der Du uns bitten lehrest: komm! ach komm, Herr Jesu! sende uns Deinen Geist, damit Er unser Herz Dir zubereite. Laß unsre Hoffnung wachsen, unsern Glauben kräftig werden, damit wir möchten sagen können auch von uns in Wahrheit: Unser Wandel ist im Himmel, von dannen wir Dein warten, unsers Heilands! Ja mache Du uns los von allen Banden, die von Dir uns trennen, und heilige uns ganz und gar zu Deinem Dienste jetzt und in Ewigkeit. Dazu segne uns auch diese Stunde! Amen.

I.

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermal sage ich: Freuet euch! ruft der Apostel seinen Lesern zu; und worüber sollen sie sich denn so freuen? „Der Herr ist nahe!“ das ist seine Antwort. Vor Seiner Nähe soll der Kummer weichen und der Gram entfliehen und die Muthlosigkeit und Furcht verschwinden. Das will uns auch die nahe Festzeit sagen. Sie ist ein Freudenruf an unser armes durch viele Noth und Schmerz gepreßtes Herz. Sie will die Finsterniß zerstreuen, welche unsern Geist drückt, will uns in's Herz die tröstliche Aufforderung rufen: Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! - Ja das Licht ist gekommen und die Herrlichkeit ist aufgegangen in Christo Jesu unserm Herrn, der uns erschienen ist zum Heil und Leben. Er ist nahe; denn Er ist in's Fleisch gekommen! Wir haben nicht einen Gott, der fern von uns im Himmel wohnt, von unsern Leiden unberührt, von unsrer Schwachheit weit geschieden, der nichts weiß von unsern Anfechtungen und Nöthen. Wir rufen den zum Herrn an, der uns gleich geworden ist in allen Stücken, außer in der Sünde, und Mitleid haben kann mit unsrer Schwachheit, weil Er versucht ist allenthalben, gleich wie wir. Er ist jetzt aus der Sichtbarkeit der Erde weggenommen, aber nicht getrennt von diesem Schauplatz Seiner Gnadenwirksamkeit, den Er sich ausersehen hat. Siehe Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! sprach Er zu den Jüngern, als Er leiblich ihrem Blick entrückt ward; und Er hat Wort gehalten; Er hält es immer.

Im Glauben sind wir Sein gewiß. Er läßt uns erfahren viele und mancherlei Beschwerde; Er züchtigt unser Fleisch, Er übet unsern Geist, Er tödtet die Sünde in uns, Er hegt und pfleget nicht mit menschlicher Schwäche, was nicht taugt, sondern setzt das Messer oft an, abzuschneiden, was uns lieb und werth ist, wenn es uns verwöhnet, wenn Er uns neue Wege des Wachsthums führen will und alte Wurzeln sündlicher Verkehrtheit in uns tilgen. Aber das Alles hemmt nicht, sondern fördert das Gefühl von Seiner Nähe; wir spüren Seine Hand, die uns verwundet, und weil es Seine Hand ist, so kommt auch kein Schmerz, von Ihm erregt, der nicht einen Samen der Freude in sich trüge. Immer kann unsre Seele wieder fröhlich werden; denn wir sind Sein, und aus den Thränen des Schmerzes blitzt das Licht der Freude doch wieder auf, wenn wir im Glauben stehen; wenn wir wissen: ob Alles hinfällt und zurückweicht, bleibt mir doch Christus, und in Ihm das Leben, und in Seiner Liebe Muth zum Leiden, Tüchtigkeit zum Handeln. Aber selten ist diese Freude, das ist wahr. Vor dem schweren Druck der Zeiten, vor der täglichen ermüdenden Anfechtung dieses Erdenlebens, vor so manchem stillen Jammer, den das Herz in sich verschließet, kann das Freudegefühl nicht zu Kräften kommen. Es regt sich wohl einmal davon etwas im Herzen, aber mehr wie eine Ahnung dessen, was sein sollte, denn wie eine Kraft, die wirklich Stand hält und dazu kommt Frucht zu tragen. Aber wo liegt die Schuld? Nur darin, daß das Wort: Der Herr ist nahe! nicht in uns lebt, daß wir es nicht behalten, ja kaum fassen, und also immer uns allein mit all den Schmerzen und den Kümmernissen schlagen, die wir fröhlich abwerfen und im Aufschwunge gewissen Glaubens von uns schütteln sollten, weil wir einen Herren haben, der das Alles, was uns ängstigt, schon besiegt hat, der nun uns nachgeht und nur darauf wartet, ob denn nicht auch einmal ein Blick des immerfort erdwärts gewandten Auges sich zu Ihm erheben wolle, um im Lichte Seines Trostes froh zu werden. Ja der Herr ist nahe! aber wir vergessen Seine Nähe. Er scheint uns fern durch unsre Schuld; darum ist unsre Seele traurig; darum rufen wir so oft mit Petrus, da er sinken wollte, angstvoll und erschrocken: Herr, hilf!, wo der Herr die Hand schon ausgestreckt hat und wir nur zu Ihm aufschauen, nur Einen Schritt noch oder zwei im Glauben vorwärts gehen sollten, und es würde unser Auge schauen, was uns freut, was wir uns nur im Kleinmuth selbst verderben. So hört, was der Apostel sagt nicht Einmal, sondern es mit Nachdruck wiederholet: Freuet euch! aber in dem Herrn! Denn es gibt eine Freude, welche freilich schnell verraucht ist: es ist die Freude dieser Welt. Die hält nicht Stand, die macht das Herz nicht kräftig, sondern schwächt es, und macht es empfindlicher, reizbarer, mehrt die Lüsternheit des Fleisches, steigert die Begehrlichkeit, häuft dadurch den Unmuth. Laßt sie fahren! Was euch der Herr gibt, das genießet dankbar; was Er euch nimmt, das laßt in Seinen Händen; aber seid fröhlich, daß Er euer bleibt, daß euch von Ihm nichts scheiden kann, daß Er reich an Erbarmung ist, vergibt die Sünde, heilet die Gebrechen, und nimmt auch die verirrten Sünder wieder an, daß sie die Thränen ihrer Irrsal trocknen dürfen, weil sie wieder Zuflucht finden in dem Schooß der Gnade. Sehet, das ist die Freude, deren Quell uns in Christo Jesu aufgeschlossen ist, die Er vollkommen machen will, wenn Er uns abholt, damit nichts mehr sich zwischen Ihn und unsre Seele drängen könne. Denn der Herr ist nahe! Er kommt auch wieder! Er kommt zu uns, wenn unser Lauf vollendet ist, und die Aussicht auf dieses Ziel hebt unsern Gang. Wer zählt die Steine auf dem Wege, wenn er das Thor der Heimath vor sich schon offen stehen sieht? So freuet euch im Glauben und in Hoffnung, und „lasset es kund werden allen Menschen in der Lindigkeit,“ die ihr beweiset. Denn die Freude des Herzens ist ein Licht, das seine Strahlen nicht verbirgt; es leuchtet durch in Wort und That; es macht die Nähe eines Menschen, den die Freude im Herrn beseelet, stärkend und erquickend; es wehrt dem Mißmuth, spendet Trost und Hülfe und rafft auch andere Bekümmerte empor, daß sie vergessen können ihres Leids, und können eine Ahnung fassen von der Freundlichkeit des Herrn, die auch über sie bereit steht, wenn sie der Finsterniß des Fleischesdiensts entsagen wollten, um in der Gnade und der Wahrheit ihres Heilands froh zu werden.

II.

Das ist die erste Frucht der Nähe unseres Herrn, wenn wir sie zu Herzen nehmen: die Freude in Ihm, welche unsern Geist erhebt und unsern Gang in Seiner Liebe sicher und getrost macht. Daran reiht sich von selbst die zweite, daß sie uns entbindet von der Last der Sorgen. Denn so fährt der Apostel fort: „Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.“ - Ihr müßt nicht etwa wähnen, meine Lieben, daß die Gemeinde in Philippi, an welche der Apostel diese Worte richtet, so leichte Tage nach dem Fleisch genossen hätte, daß sie ein sorgloses Leben hätte führen können, was die Welt so nennet. Sie war ein armes angefochtenes Häuflein, zum größten Theile aus den Niedrigsten des Volkes auserlesen, gehasset und verachtet von der Menge, verfolgt und angefeindet von viel mächtigen und hohen Widersachern. Fürwahr sie hätte sich zu Tode sorgen können in aller der Gefahr und Noth, die sie umgab von allen Seiten, wenn sie nicht einen Schirm und Hort gekannt und werth gehalten hätte, den sie nicht sah, der aber mächtig sich erwies an ihrem Geiste, und unter dessen Schutz sie traute, ob sie sich auch vergleichen konnte mit dem Daniel in der Löwengrube. Aber um so mehr sollte die Ermahnung des Apostels auf uns Eindruck machen. Sein Wort, das in den schwersten Zeiten sich bewährt hat und durch den Erfolg noch nie beschämet worden ist, es sollte auch uns etwas gelten. Es ist ein Zuruf, welcher auf Erfahrung ruhet. Ein Paulus weiß, was er spricht; denn er spricht nichts, was er nicht selbst erlebt, als wahr erprobt, bestätigt und besiegelt hat mit seinem ganzen Christenlaufe. Aber wir sorgen viel, weil wir wenig bitten; wir bitten, aber bitten ohne Glauben; wir glauben nicht, weil unser Herz von dieser Welt umstrickt ist, weil die Liebe Christi bei uns schwach, das Begehren und Verlangen mehr auf das Sichtbare gerichtet ist als auf das Unsichtbare; weil wir uns nicht schicken wollen in die Wege unsers Gottes, der uns durch Glauben zum Schauen führen will; wir aber wollen immer sehen, um zu glauben. O daß nur unser Sinn einfältig würde und darauf gestellt, daß wir Christi Wohlgefallen suchten hauptsächlich und allein, so würde Seine Liebe unserm Geiste Stärke, und die Gewißheit Seiner Gnade unserer Hoffnung neue Schwingen geben. Aber sagt selbst, und gebt dem Herrn die Ehre es Ihm zu bekennen nach der Wahrheit: von all den Wünschen ohne Zahl, mit denen wir uns tragen und die wir verfolgen: wie viele sind davon auf Ihn gerichtet? Wie winzig ist der Antheil, den Er hat in unsern tausendfältigen Bestrebungen! Wie viel unsrer Seufzer, unsrer Thränen gelten nichts weniger als dem Reiche Gottes, damit das in uns Gestalt gewinne, sondern lediglich den Gütern dieser Welt, begehren lediglich die Sättigung der Erde, und achten die Schätze, die Er bietet, höchstens für die letzte Zuflucht, mit der man sich genügen lassen muß, wenn Alles andre fehl schlägt. „Herr, wenn ich nur Dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde,“ sagt der Psalmist. Wir aber fragen vor Allem nach der Erde; dann, wenn es mit ihr nicht mehr gehen will, möchten wir den Himmel haben, als die Verzagenden, die nach ihm greifen nicht aus Lust, sondern aus Verzweiflung. Der Herr aber gehet dabei leer aus; Er dünkt uns gut nur um deß willen, was Er gibt, nicht was Er ist; wir lieben nicht Ihn, sondern Seine Gaben. Das ist der Sinn nicht, welcher uns empfänglich macht für Seine Güte. Den lasset von dem Lichte Seiner Wahrheit strafen; dessen lernt euch schämen; den bittet ab vor Ihm mit dem Schmerz aufrichtiger Buße, mit den Thränen bittrer Reue, mit der Sehnsucht, daß ihr davon doch geheilet würdet. Und wenn ihr also selber euch gerichtet habt, und habt erkannt und euch in's Herz geschrieben, daß ihr nimmer es vergesset: es ist nur Einer, der euch füllen kann, der euer Leben sucht, der aller eurer Liebe werth ist, in welchem alle eure Hoffnungen und Wünsche wurzeln müssen; dann kommt und bittet! sehet zu, ob Er euch nicht erhören werde; ob Er es euch werde mangeln lassen an dem, was euch wirklich noth ist; ob Er so arm geworden sei, daß Er euch nicht mehr nähren und kleiden könne, nachdem Er euch zum Erbe sich gewonnen und euren Leib und Geist zu Seinem Tempel erkoren und geheiligt hat.

„Sorget nichts,“ sagt der Apostel, und er hat Recht also zu sagen. Sein Herr und König hat es ihn gelehrt. Sind wir nur Sein, so ist es Ehrensache für Ihn, daß Er uns versorge. Wo läßt ein König seinen Diener darben, der ihm treu dient, und nicht das Seine sucht, sondern das, was seines Herrn ist? Wie kann der Herr und König aller Herren, dem alle Kreatur gehorcht, der die Himmel fasset mit der Spanne und die Erde begreift mit einem Dreiling und die Berge wieget mit einem Gewicht und die Hügel mit der Wage: wie kann Er den zu Grunde gehen lassen, für den Er Sein Leben in den Tod gegeben, den Er mit Seinem Blute sich erkauft hat? Nein, es hat ein Christ nichts zu sorgen, als daß er bleibe bei dem Herren seinem Gotte und in dessen Wegen wandle. Was er braucht, das wird ihm von Gott gegeben; was ihm abgeht, kann er sich erbitten; wenn ihm die Angst will an die Seele gehen, kann er sie zerstreuen mit einem Loblied und mit Danken für die theure Gnade, welche ihm zuvor gewiß ist. Gott erhört Gebete; Er ist nahe! „Ehe sie noch rufen, will ich hören; wenn sie noch reden, will ich Antwort geben!“ das hat Er verheißen, und Er thut's. O daß wir offne Augen hätten Seine sichern Wege mit uns zu verfolgen; daß wir uns aber auch genügen ließen an der täglichen Erfahrung Seiner Hülfe, und forderten nicht stets zu viel, weil wir mehr bauen auf das, was wir schon in Händen haben, als auf die Hülfe, die Er noch verbirgt in Seinen Schätzen, um sie hervorzubringen, wenn es Zeit ist. Wir leben ja von einem Tag zum andern; wir können keine Stunde überspringen; jede kommt und geht in ihrer Ordnung. Wenn wir uns nun genügen ließen jede Stunde an dem, was sie bedarf und heischt, und ließen dem die Sorge für die nächste, der sie noch in der Hand hat, und mit ihr uns ihre Nothdurft schenket: wie könnten wir das Leben uns so leicht und fröhlich machen, daß wir stets zu danken hätten! Drum fahrt nicht hoch her. Jeder Tag hat seinen Theil an der Verheißung, die uns gegeben ist für unser ganzes Leben: „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.“ Aber am Antheil jedes Tages sollen wir uns auch genügen lassen; der morgende Tag bringt sein Theil wieder mit, und wer auf Gott sein Herz gestellt hat, sitzet an der Quelle aller Güter; Sein Brünnlein hat Wassers die Fülle, aus ihm kann sich und wird sich unsre Seele laben.

Darum gedenket daran: der Herr ist nahe! und verbannet eure Sorgen. Werft sie auf Ihn, der für euch sorgt. Ihr braucht nicht mehr, als daß ihr immer heute habet, was euch noth ist. Wer darum bittet, dem wird es gewährt; und ist der nächste Schritt, den ihr zu thun habt, euch vom Herrn gewiesen, ist euch die Pflicht des Augenblickes klar, so wird derselbe Gott, in dessen Lichte ihr wandeln sollt und wollet, euch das kommende Bedürfniß geben und die weiteren Schritte lehren, jeden zu seiner Zeit. So geht ein Christ im Glauben seinen Weg und ehret seinen Gott und bleibt in Frieden. Gesegnet ist diese Kunst, wohl werth, darnach zu ringen! Wenn wir bedächten, daß das Sorgen noch mehr ist als bloß eine Last, die uns nicht hilft noch fördert, daß es eine Sünde ist, weil es an Gottes Ehre sich vergreift mit Zweifeln: so würden wir ablassen sie zu hegen und groß zu ziehen im Herzen und uns wohl noch ihrer zu berühmen; und wenn wir wüßten und es uns lebendig vor die Augen stellten, was der Apostel sagt: „Der Herr ist nahe!“ so würde vor dem Lichte dieses Ausspruchs der Kleinmuth fliehen und die Seele ihrer Freiheit sich erinnern, die sie in ihrem Gott hat, nichts zu sorgen, als dafür, daß sie bei Ihm bleibe, und auf Ihn Alles stelle, alle ihre Hoffnung, alle ihre Zuversicht, all ihre Freude.

III.

Dann geben wir auch Raum dem Frieden, mit dessen Wunsche der Apostel unsern Text beschließt: „Der Friede Gottes, welcher höher denn alle Vernunft ist, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.“ Denn was ist der Friede Gottes? Er ist die Sicherheit der Ueberzeugung, daß wir Gott zum Vater haben und Seine Kinder worden sind in Jesu Christo unserm Herrn. Er ist die uns gegebene, verbürgte und versiegelte Gewißheit, daß unsre Schuld vor Gott getilgt und unsre Sünde versöhnt und wir ausgenommen sind in den Bund Seiner Gnade, also daß nichts uns scheiden kann von Seiner Liebe, daß weder Tod noch Leben, weder Angst noch Trübsal, weder Gefahr noch Noth aus Seiner Hand uns reißen, die Seligkeit uns rauben kann, die uns erworben und aufgehoben ist von unserm priesterlichen Herrn und König Jesu Christo. Von diesem Frieden sagt uns der Apostel, daß er über alle Vernunft geht. Denn er ist nichts von uns Erdachtes und Ersonnenes, kann auch nicht erlangt noch Jemandem gegeben werden auf dem Wege der Belehrung, durch Gründe der Vernunft, durch Ueberredung; er wird geschenkt von Gott, ist eine Gabe des Heiligen Geistes, der damit im Herzen Wohnung macht, wenn solches Heil uns widerfährt, ist eine Erfahrung von den Kräften der höhern Welt, die kein Auge schaut und kein Verstand begreift, die aber lebendig sind und wirksam in den Herzen der Gläubigen, nachdem der Herr sie angenommen hat und darum mit ihnen sich verbindet. Das Christenthum ist eben nicht ein Lehrgebäude, das man auswendig lernen kann, das man wie eine andre Wissenschaft begreift mit menschlichen Gedanken und berechnet und darnach sagen kann: Jetzt weiß ich, was es ist. Das Christenthum ruht auf Erfahrungen von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Thatsachen bilden seinen Grund, Thatsachen göttlicher Erweisungen im Herzen und Gewissen führen es ein in das Leben unsres Geistes, Thatsachen der Erfahrung seiner Kraft befestigen es uns, daß wir es nicht mehr lassen können, wenn es unser geworden ist, weil es nicht nur ein Stück, weil es die Wurzel unsres Lebens, der Kern und Mittelpunkt all unsres Denkens, das Mark und die Kraft unsres Thuns und Hoffens geworden sein muß, oder es ist nichts damit bei uns, und wir befinden uns in grober Täuschung, wenn wir meinen es zu haben. Darum sagt der Apostel von dem Frieden Gottes, daß er höher als alle Vernunft ist. Er ist es nach seinem Ursprung und nach seiner Natur, er ist es auch nach der Empfindung, die wir davon haben. Denn es ist etwas Unbegreifliches in ihr, das sehr sie unterscheidet von bloß menschlichen Erregungen des Herzens. Sie kann uns wohl einmal entschwinden und scheint wie verloren. Aber sie kommt wieder, oft gerade wenn von außen angesehen am wenigsten Anlaß und Grund dazu vorhanden scheint. Wo andre zagen und der Schrecken sie bemeistert, wo die Furcht des Fleisches übermächtig wird und Helden zittern: da sieht man die schwachen Werkzeuge Christi ruhig und gefaßt; da leisten sie im Dulden und im Handeln, was Niemand ihnen zugetraut hat; da überwinden sie den Schmerz der Welt und lächeln, wenn die Trübsalswellen über sie zusammen schlagen, und können fröhlich sein im Geist, wo nichts als Jammer und Verstörung um sie her ist. Denn der Herr ist nahe! Das hält sie aufrecht und erfüllet sie mit Kraft. Je größer die Bedrängniß, desto näher Seine Hülfe! Die steigende Noth ist ein Zeichen, daß Er eilt zu kommen; die höchste Trübsal ist der geweissagte Vorbote Seiner Offenbarung, die allem Schmerz der Seinigen ein Ziel setzt und Sein Reich verklärt auf Erden. Aber freuen kann sich deß nur, wer seines Antheils an diesem Reich gewiß ist. Darum ist's nur der Friede Gottes, der solches Alles ausrichten kann in uns, der Friede, den kein Mensch gibt, den der Herr durch Seinen Geist wirkt in den Seelen Seiner Kinder.

Von diesem Frieden sagt der Apostel: Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu. Denn wer ihn einmal geschmeckt hat, kann ihn nimmer missen; er sehnt sich ewiglich darnach; er sucht die Quelle immer wieder auf, aus welcher er ihm zugeflossen, und darum liegt im Frieden Gottes eine Kraft uns zu bewahren bei dem Herren, der ihn uns erworben und uns damit beschenkt hat. Er macht dem Wankelmuth ein Ende, dem unsichern Schwanken, das an Vielen uns betrübet, wenn sie so lang nicht wissen, was sie wollen, heute eifrig sind und voll Begier vom Herrn zu hören und zu lernen, und ohne daß man sieht warum, erlischt der Eifer wieder und erkaltet; man hat jetzt keine Zeit mehr, weil man keine Lust hat; man will nicht dafür angesehen sein, als habe man dem Herrn den Rücken zugekehret; aber das Herz hat man doch von Ihm abgewendet, und sieht den früheren Eifer an als eine Schwärmerei, von welcher man sich jetzt geheilet dünket. Dergleichen höret auf, wo Gottes Friede lebendig, kräftig eingekehrt ist; da kann man ihn nicht mehr entrathen; da kommt man eilend, bald zurück, wenn Schwachheit oder Uebereilung uns befleckt hat, und sucht den Frieden wieder in dem Blut des Lammes und der verzeihenden Erbarmung unsers Gottes. Aber wer die Sünde lieb hat, der kann davon nichts erfahren. Wissentliche Sünde scheidet von dem Frieden Gottes und reißt ihn auf. Der Herr, der langmüthige Erbarmer, trägt viel und lange, Seine Geduld übersteigt das Maaß der menschlichen Gedanken; aber Verhärtung in der Sünde, wissentlichen Dienst derselben, verträgt Er an den Seinen nicht. Davon kann nicht die Rede sein bei dem, der Christo angehöret; der Friede Gottes macht ihn wach und nüchtern, daß er sogleich empfindet, was ihm den droht zu verkümmern und zu stören; er drängt sich um so inniger zum Herrn mit Bitten und mit Flehen, mit Demuth der Hoffnung, mit getroster Zuversicht des Glaubens, und der Herr bewahrt ihn, daß er nicht sein Theil und Erbe wiederum verliere. Wenn aber der Tag Seiner Offenbarung da ist, da bricht der Friede Gottes aus in Jubel und in seliges Entzücken; dann ist die Wartezeit vorbei, dann hört das Weinen und das Flehen auf. Denn der Bringer aller Freuden ist erschienen und sammelt alle Seine Glieder auf der Erde und führt sie heim, und läßt sie schauen die Freude und das liebliche Wesen zu Seiner Rechten ewiglich.

So lasset den Gedanken: Der Herr ist nahe! nimmer euch entschwinden. Er tröste euch, daß ihr euch freuen könnet auch in Trübsal; er mache euren Gang gewiß, daß ihr nicht sorget, sondern bittet und empfanget. Er gebe dem Gefühl des Friedens mit Gott Kraft und Weihe, daß wir in ihm die Welt und ihre Noth und Angst besiegen, und wenn die Anfechtung uns an die Seele steigt, sie überwinden mit dem Rufe: Der Herr ist nahe! Er ist mein, ich bin Sein; bald kommt der Tag, da aller Kampf vorbei ist, und Christus auch die letzte Thräne uns von unsern Augen abwischt. Amen.

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autoren/b/burger_carl_heinrich_august_von/burger_4_advent.txt · Zuletzt geändert: von aj