Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Vierter Vortrag. - Die Weihe.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Vierter Vortrag. - Die Weihe.

Daß wir den Eintritt Jesu in die Oeffentlichkeit als seine Weihe bezeichnen, könnte die Meinung veranlassen, ob der Anfang des Lebens Jesu anders zu denken sei, als wie die Kirche von Anfang her darüber gelehrt hat. Denn während eine Weihe doch nothwendig auf einen vorausgegangenen Mangel hinweist, scheint der Glaube an die wunderbare göttliche Geburt Jesu einen solchen Gedanken ganz auszuschließen. Und in der That giebt es Theologen, welche behaupten, die Taufe Jesu, denn diese ist es doch, die wir hier im Sinne haben, möge sein, was sie wolle, aber als ein Empfangen von neuen Kräften könne sie nicht gedacht werden. Dies werde durch das richtige Verständniß der auf seiner heiligen Geburt ruhenden Ausschließlichkeit Jesu völlig abgewiesen. Nach dieser Auffassung würde sodann die Taufe nur in dem Sinne als Weihe bezeichnet werden können, daß dieselbe wesentlich eine Ceremonie wäre, und es würde demnach die Geschichte Jesu mit einer Ceremonie beginnen. Aber von Ceremonien war bereits die ganze Welt angefüllt, und nach der Hoffnung, mit welcher wir an diese Geschichte herantreten, müssen wir erwarten, daß wir hier endlich aus dem Kreis der Ceremonien herauskommen und in das Wesen selbst eindringen. Das Auftauchen dieses Zweifels, der übrigens nur durch den Vortrag selber erledigt werden kann, will ich zu der Erklärung verwenden, daß ich nicht deshalb den Anfang des Lebens Jesu und seine Kindheit mit Stillschweigen übergehe, weil ich darüber etwa meine eigenen Gedanken habe, sondern lediglich deshalb, weil ich auf Zeitersparung Bedacht nehmen muß und die Berührung dieser Geheimnisse zumal in neuerer Zeit, in welcher Frivolität und Scholasticismus um den Rang streiten, nicht ohne ernstliches und gründliches Eingehen möglich ist. Demnach habe ich mich derselben Freiheit, in welcher die Evangelisten Johannes und Marcus vorangegangen sind, bedienen zu dürfen geglaubt und beginne Jesu Geschichte mit seinem Eintritt in das öffentliche Leben, wobei uns noch das zu Statten kommt, daß eben dies der ursprüngliche Weg des Herrn selber gewesen, in der Welt das Geheimnis, seines Wesens offenbar zu machen. Die wahre Probe einer solchen Behandlung wird übrigens darin bestehen, daß nicht bloß in der Geschichte Jesu Nichts aufgenommen wird, was mit der Erzählung des Matthäus und Lukas von den heiligen Anfängen der Menschheit Jesu in Widerspruch stände, sondern daß sich überall erweist, wie die Thatsachen des öffentlichen Lebens Jesu schlechterdings nur aus der Voraussetzung dieses unausforschlichen Geheimnisses verständlich werden. Nach diesem Maßstab nun muß auch sogleich unsere Betrachtung und Darstellung des ersten Anfanges der öffentlichen Geschichte Jesu ihren evangelischen Charakter bewähren. Allem Anschein nach hat Johannes nicht lange gewirkt. Selbst David Strauß räumt ein, daß eine so mächtige Persönlichkeit wie die des Täufers nicht lange Zeit gebrauchte, um das ganze Volk in Bewegung zu setzen, was freilich noch begreiflicher wird, wenn wir mit Wieseler annehmen, daß die Predigt des Johannes in ein Sabbatsjahr gefallen ist. Als nun die durch Johannes hervorgerufene Bewegung des Volks einen gewissen Höhepunkt erreicht hat, kommt Jesus aus Nazaret in Galiläa und geht unter dem zuströmenden Volk an den Jordan zu Johannes. Die stille Verborgenheit und Unscheinbarkeit seines bisherigen Lebens in dem geringen galiläischen Städtchen hat alle Erinnerung an die Zeichen und Wunder, welche seine Geburt und die Erstlingsschaft seines irdischen Daseins umstrahlten, gänzlich zurückgedrängt. Jesus gilt als der Sohn des Zimmermanns und wird selber Zimmermann genannt (s. Marc. 6, 3). Kein Heiligenschein strahlt ihm ums Haupt, als er hinabgeht an den Jordan; vielmehr kleidet er sich in den Sünderschein, denn er begehrt von Johannes getauft zu werden. Die, welche mit ihm kamen zum Jordan, werden sich darüber nicht gewundert haben, denn warum sollte der, der in Allem erschien als ihres Gleichen, besser sein als die Frömmsten seiner Volksgenossen? Aber Einen giebt es, der sich nicht bloß über das Kommen Jesu wundert, sondern ihm geradezu die Taufe verweigert. Das ist der, dem die Verwaltung der Taufe von Gott übergeben ist. Johannes wehrt Jesu und spricht: „ich bedarf wohl eher von dir getauft zu werden.“ Wir sehen auf einmal die Rede des Mannes, der uns wie eine Gottessäule mitten in der verwirrten Welt erschienen ist, umgewandelt. Die Pharisäer und Sadducäer hat er zurückgewiesen, weil er in Sorge und Angst war, daß ihrem verderbten Sinn seine Taufe doch Nichts nutzen werde, diesen weist er ab, weil er weiß, daß er der Reinigung nicht bedarf, ja diesem gegenüber wird der Täufer seiner eigenen Unreinheit eingedenk und möchte Nichts lieber als selber in das Wasser der Reinigung eintauchen. Erkennt er denn etwa schon in Jesu den Hohen und Gewaltigen, auf den er hingewiesen, nämlich den Täufer mit heiligem Geist und Feuer? Er selbst bezeugt später, daß er ihn noch nicht erkannt habe (s. Joh. 1, 31). Wir merken wohl, Johannes redet etwas genauer, als wir zu thun pflegen, unter Erkennen versteht er eine Gewißheit, welche göttlich versiegelt ist, diese Erkenntniß Jesu hatte er noch nicht, aber dessenungeachtet hatte er bereits seine sehr bestimmten Gedanken über Jesu unterschiedliches Wesen. Denn jene Gotteszeichen, welche Bethlehem, Jerusalem und Nazaret vergessen hatten, ihm waren sie unverloren und seinem scharfen Forscherblick, mit dem er Jeden, der zu ihm kam, durchschaute, entging es nicht, daß Jesu ganze Erscheinung dem entsprach, worauf jene Gotteszeichen hingewiesen hatten. Das stand ihm wohl fest genug, daß Jesus verschieden sei von allem übrigen Volk, daß er mit der allgemeinen Unreinheit und Sündhaftigkeit Israels Nichts gemein habe. Darum will er, anstatt ihn zu taufen, lieber selber von ihm getauft werden. Jesus aber besteht auf sein Verlangen und verweist ihn auf die Erfüllung der Gerechtigkeit, welche ihnen beiden gezieme. Indem Jesus auf die Erfüllung der Gerechtigkeit hinweist, giebt er zu verstehen, daß für ihn die Taufe einen Inhalt haben müsse, mithin nicht lediglich um eines Anderen willen Etwas gelten könne, womit der Gedanke abgeschnitten ist, daß er sich aus Accommodation, wie man das nennt, einer Ceremonie unterziehe, die für ihn keine Bedeutung habe, sondern nur um der Anderen willen angeordnet ist. Freilich würde auch abgesehen von seiner bestimmten Erklärung eine solche Auffassung, welche das erste Eintreten Jesu in die Oeffentlichkeit zu einer Halbwahrheit machte, zu dem Selbstbekenntniß Jesu, daß er die persönliche Wahrheit ist, übel stimmen. Welchen Inhalt kann aber die Taufe für Jesum haben, den Johannes, der competenteste Zeuge, für rein erklärt? Allerdings ist Jesus abgesondert von aller Unreinheit und Sünde Israels, aber daneben ist sein Leib ein menschlicher und das Zeichen seines Volkes trägt er an seinem Fleische; dem Inneren nach ist er also seinem Volke ungleich, dem Aeußeren nach dagegen ist er ihm gleichartig. Ist er nun, wie er von sich bekennt, die wesentliche und persönliche Wahrheit, so muß er vor Allem diesen in ihm beschlossenen Gegensatz ausgleichen und zwar immerdar und vollständig. In der That ist uns auch der bezeichnete Gegensatz in einem gewissen Grade und seine Ausgleichung sonst im Leben nicht ganz unbekannt. Innere Ungleichheit finden wir zwischen Vater und Kind, zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Fürst und Volk, daneben stehen diese Ungleichen auf dem Boden der äußerlichen Gleichheit, durch welche sie eben an einander gewiesen und mit einander verknüpft sind, so daß diese äußerliche Gleichheit eben die innerliche Ungleichheit zum Vorschein und zum Bewußtsein bringt. In den innerlich Uebergeordneten ist demnach Ungleiches und Gleiches verbunden, soll also ihre Stellung und ihr Verhältniß Wahrheit haben, so müssen sie zunächst in sich selber diesen Gegensatz zur Ausgleichung bringen. Wie machen sie das? Wir sehen es alle Tage: die innere Ungleichheit der Höhe begiebt sich in das niedere Gebiet der Gleichheit und durchdringt und belebt dieses mit ihren Geisteskräften. Auf dieser Kraft der inneren Selbstausgleichung beruht sodann die Wirkung nach Außen; es beruht darauf die Möglichkeit, die Untergeordneten auf ihrem Boden der äußeren Gleichheit zu erfassen und sie somit zu der inneren Höhe der Ungleichheit emporzuheben, so daß der zuerst innerlich ausgeglichene Gegensatz auch außer seinem engsten Bereich zur Ausgleichung kommt. Was wir mit diesen Worten beschrieben haben, ist das Wesen und Wirken der Liebe, wie sie sich fortwährend in dem Verhältniß der geistig Höheren zu den geistig Niederen offenbart. Jeder geistige Vorzug ohne Liebe ist eine kalte und schreckende Höhe, von welcher kein Leben herabströmt, ist aber der Vorzug von Liebe durchdrungen, so bemächtigt er sich seiner irdischen Basis, auf welcher er mit den Uebrigen gleich steht, und macht dieselbe zu seinem Organ, um die mit ihm auf derselben Basis Stehenden, aber ihm innerlich Ungleichen denselben Weg hinaufzuführen, den er hinabgestiegen ist. Hiebet werden wir aber fortwährend einer unübersteiglichen Schranke inne: in der irdischen gemeinsamen Basis, auf welcher wir mit denen stehen, auf die wir wirken wollen und in welcher sie deshalb allein können wirksam erfaßt werden, bleibt immer Etwas, zurück, das von der Liebe nicht durchdrungen wird, also Etwas, das sich nicht organisieren läßt; dies bleibt immer als ein Todtes und Undurchdringliches im Grunde liegen und darum nennen wir diese irdische Basis das Fleisch. Dann aber muß auch die Wirksamkeit der Liebe gehemmt bleiben, denn sie ist nicht in den untersten Grund des gemeinschaftlichen Gebietes eingedrungen und kann daher auch den Anderen nicht an der Wurzel seiner Basis erfassen. Die Gemeinschaft des Fleisches ist wohl da, aber sie kommt nicht zum geistigen Vollzug, und zuletzt wird das Fleisch, dieses Mittel und Organ der Gemeinschaft, auch für die Liebenden zum Bann der Isoliertheit, in welchem sie verschlossen bleiben, und es wird das Fleisch, weil und so weit es nicht von der Liebe durchdrungen ist, das Princip der Trennung, durch welches Jeder für sich bleibt und von der Sphäre des Anderen ausgeschlossen ist. Alle durchgreifende Wirksamkeit beruht also darauf, daß das Fleisch nichts Anderes mehr ist als reines Organ der Liebe.

Wir begreifen jetzt, warum der, welcher die durchgreifende Wirksamkeit der Liebe üben, der der Heiland und Retter der verlorenen Menschheit werden wollte, Fleisch sein mußte. Es war nothwendig, daß er diese Basis unserer menschlichen Existenz, auf welcher wir stehen, mit uns theilen mußte. Aber wir verstehen auch, warum der Heiland nicht bloß Fleisch sein, sondern auch Fleisch werden mußte. Er mußte zuvor etwas Anderes sein, damit das Fleisch, welches er ist, nicht auf sich selber ruht, sondern von dem abhängig bleibt, durch welches es geworden ist; damit dieses Fleisch, welches er ist, bis in seinen Grund hinein immerdar zugänglich bleibt der Macht des Geistes und der Liebe, Nun wird uns auch klar sein, wie das Verlangen der Taufe für Jesum ein Verlangen nach Erfüllung der Gerechtigkeit sein konnte. Wir dürfen nicht zweifeln, daß die Bußpredigt des Johannes vom Jordan her nicht bloß sein äußeres Ohr erreichte in seiner galiläischen Verborgenheit, sondern auch, daß sie bei keinem Israeliten ein solches inneres Verständniß und ein solches niederdrückendes Gewicht hatte, wie für die Seele Jesu. Er weiß sich zwar frei von all den Sünden, welche die Juden an dem Jordan bekennen und nicht bekennen, aber diese seine Heiligkeit ist ihm nicht eine Höhe, auf welcher er thront und sich wohlgefällt, sondern er versenkt sich immerdar in das Bewußtsein seines Fleisches, mittelst dessen er Eins geworden ist mit den Unreinen und Sündern, Seine Heiligkeit ist die lautere Liebe, welche alle Gliedmaßen seines Leibes durchdringt, und darum wird das Bewußtsein seines menschlich israelitischen Leibes nicht so sehr das Bewußtsein seiner Individualität als vielmehr das Bewußtsein seiner Nationalität und Menschennatur, die er aus ihrer Sünde und Unreinheit zu seiner Heiligkeit erheben will. Seine Heiligkeit ist Liebe und seine Liebe macht sein Fleisch zum Organ ihrer selbst und so wird seine Heiligkeit selber zum Gefühl der allgemeinen Sünde seines Volkes, die Johannes straft. Als nun die Strafpredigt des Johannes ihre Höhe erreicht hat, da ward dieses Gefühl und Bewußtsein seines Volkes in ihm vollendet, und er kommt zu dem von Gott verordneten und von seinem Boten verwalteten Wasser der Reinigung und Niemand unter Allen, die mit ihm kommen, erkennt und empfindet die Notwendigkeit dieser Reinigung so tief wie Jesus.

Wenn wir uns in diese Tiefe des Inneren Jesu hineinversetzen, so merken wir bald, daß die gewöhnliche Vorstellung, als ob die Taufe wohl für die Uebrigen gewesen wäre, für Jesum eigentlich nicht, welche Vorstellung doch offenbar zu der evangelischen Erzählung gar nicht recht stimmen will, sich in das gerade Gegentheil verwandeln muß. Nämlich bei Jesus bewirkt die Tauft, was sie bei den Uebrigen nur bedeutet, und so kommt hier die Reinigung der Johannestaufe erst zu ihrem Vollzug, während sie bei allen Uebrigen ein bloßer Versuch geblieben ist. Daß die Sinnesänderung, auf welche die Taufe angelegt ist und in welcher sich doch allein die Reinigung von Sünden nur bewähren konnte, auch bei denen, welche es ernstlich meinten, nicht in den Grund eingedrungen war, zeigt der weitere Verlauf unserer evangelischen Geschichte deutlich genug. Das Verlangen Jesu nach der Reinigung beruht aber einzig und allein auf seiner heiligen Liebe; alle Sünden des Volkes, welche er vermöge seiner leiblichen Gemeinschaft mit Israel erkennt und trägt, scheidet er von sich aus mit dem Feuer eines heiligen Hasses und Abscheues und somit ist in ihm die innere Lossagung von den Sünden vollzogen. Daher ist es auch verständlich, daß während wir sonst von der Wirkung der Taufe Nichts wahrnehmen, von dieser Taufe sofort Wirkungen offenbar werden, die durch Himmel und Erde gehen, die Zeit und Ewigkeit umspannen. Nachdem Jesus schnell aus dem Wasser des Jordans wieder emportaucht, betet er nach Lukas, Wenn wir uns das Innere Jesu richtig gedacht haben, so kann der Gegenstand seines Gebetes nicht wohl etwas Anderes sein, als die Wegnahme der Unreinheiten und Sünden Israels. Nach der Andeutung des Lukas müssen wir uns das, was weiter folgt, als die Erhörung dieses Gebetes vorstellen und eben dies entspricht auch unserer Auffassung vollkommen. Daß die Sünden und Unreinheiten Israels nicht anders können getilgt werden, als indem Israel von seinem verkehrten Sinn abläßt, das ist Grundvoraussetzung der heiligen Schrift, welche jedes äußerliche Mittel für solchen Zweck als Magie und Greuel des Heidenthums verabscheut, und anders kann es auch Jesus nicht meinen und wollen, denn eben aus keinem anderen Grunde ist er gekommen, als weil es keinen anderen Weg, als den genannten zu diesem heiligen und hohen Ziel giebt. Wie soll nun aber dieser neue und heilige Sinn in Israel, wo er nicht ist, verbreitet werden, wenn nicht durch den, in welchem er so mächtig wohnt, wie sich eben gezeigt hat? Darauf aber verweisen die drei Wunderzeichen, zwei sichtbare und ein hörbares, die uns als Begleitung der Taufe Jesu von den Evangelisten berichtet werden. Um nämlich diese Zeichen zu verstehen, müssen wir in den Anfang aller Geschichte zurückblicken. Ursprünglich, so lange der Mensch gut war, bestand zwischen Gott und dem Menschen eine Gemeinschaft, welche dem reinen Charakter des Anfangs entsprechend eine sichtbare und örtliche Gegenwart hatte. Dies war das Wesen des Paradieses. Sobald aber der Mensch durch die Sünde in das fleischliche Wesen versank, ward er von Gott durch eine Kluft geschieden; zwischen dem Ort Gottes und dem Ort der Menschen stand der Cherub mit der Flamme des zuckenden Schwertes. Als später das fleischliche Wesen des Menschen sich steigerte und ausbreitete, versetzte Gott seine Gegenwart in den Himmel und die Kluft zwischen Himmel und Erde trennt den Heiligen von den Sündern. In Jesu nun ist die irdisch leibliche Existenz nicht mehr Gegensatz zu dem göttlichen Geiste, sondern sie ist, wie wir gesehen, Organ des Geistes der Liebe geworden, welche sich in den Stand der Sünder begiebt, ohne an der Sünde Theil zu haben. Das ist offenbar eine neue Thür des Paradieses. Die Himmel thun sich aus. Die Himmel beschließen die. dem Menschen von Anfang an zugewendete Gegenwart Gottes, in ihnen ist das Licht des göttlichen Antlitzes, nach welchem das innerste Verlangen des Menschen gerichtet ist und ohne dessen Schein der unterste Grund des menschlichen Wesens immer dunkel bleiben muß. Wenn nun einerseits die Himmel auf dieses Geheimniß Gottes hinweisen, so verschließen sie es andererseits in einer unerreichbaren Ferne. Das Sichaufthun der Himmel, welches wir als das erste Zeichen bei der Taufe Jesu wahrnehmen, hat demnach die Bedeutung, daß das göttliche Geheimniß sich aus seiner Unnahbarkeit auf die Erde herablassen will. Wie dieses gemeint ist, wird näher bestimmt durch ein deutliches Wort, das aus dem geöffneten Himmel herniedertönt. Heidnische Denker reden von einer wunderbaren Harmonie der Sphären, dem geistigen Ohre israelitischer Sänger verkündigen die Himmel Jehovas Macht und Ehre. Diese himmlischen Stimmen, welche der Sinn der Begeisterung vernimmt, wie sie vom Himmel tönen, wenden sich wieder zum Himmel zurück, den Menschen aber, der sie mit Sehnsucht und Heimweh belauscht, heben sie nicht empor, sondern überlassen ihn dem Gesetze der Schwere, welches ihn an die Erde bindet. Hier vernehmen wir aus dem geöffneten Himmel eine Stimme, welche nicht wieder zum Himmel hineinweist, sondern einem irdischen Gegenstande gilt und auf demselben ausruht. „Dieses ist mein Sohn, der Geliebte, an welchem ich Wohlgefallen habe“, so lautet das Himmelswort. Es ist nicht jene stille Rede des Himmels, die nur der tiefhorchenden Begeisterung vernehmlich wird, aber auch nicht jene laute Stimme, mit welcher der Himmel die Gewalt und Allmacht predigt, weil das Menschengeschlecht in seiner Versunkenheit kaum etwas Anderes von den himmlischen Geheimnissen mehr verstehen kann. Hier redet der Himmel menschliche Sprache und es vergegenwärtigt uns dieses die Wiederherstellung der paradiesischen Gemeinschaft. Zugleich thut sich in dieser Rede das innerste Geheimniß Gottes auf, es ist die feierliche Erklärung väterlicher Liebe und Freude über Einen, der auf Erden wandelt und im Fleische wohnt. Nach diesen beiden Zeichen wird nun auch das dritte, welches der Täufer für das vornehmste erklärt, das sichtbare Herabkommen des Geistes und das Bleiben desselben bei Jesu, verständlich fem. Das Kommen und Bleiben des Geistes erinnert uns sofort an den tiefsten Grund alles Verderbens, den Johannes aufgewiesen hatte, nämlich den Mangel des Geistes, der allein des sündlichen Fleisches mächtig ist. Befremdlich erscheinen könnte dabei jedoch, daß der, von dem wir bereits so Heiliges gelesen, über dem der Himmel sich aufgethan hat und ihn als Jehovas Sohn den Geliebten ausgerufen, den heiligen Geist noch erst empfangen soll, da es ja, abgesehen von allem Anderen, wohl klar genug ist, daß Jesus das, was er ist und als was er hier gefeiert wird, durch nichts Anderes sein kann als durch ursprüngliches Inwohnen und stetiges Inwirken des heiligen Geistes. Uebrig bleibt freilich, daß der heilige Geist, sofern er über ihn kommt, um bei ihm zu bleiben, ihn ausrüstet, das, was in ihm ist durch Kraft des Geistes, auch außer ihm zu, wirken und allgemein zu machen. Dieser Auffassung kommt Petrus entgegen, welcher die Taufe Jesu als seine Salbung mit dem heiligen Geiste und mit Kraft bezeichnet (s. Apostelg. 10, 38). Die Salbung war bekanntlich die Ausrüstung für die drei großen Aemter in Israel. Von demjenigen nämlich, der das Amt trägt, wird gefordert, daß er für das ganze Volk einstehen muß; der Priester vertritt Israel vor Gott durch Opfer und Gebets der König vertritt das Volk der Weltmacht gegenüber durch Scepter und Schwert, der Prophet leistet denselben Dienst mit Geist und Wort. Befähigung zum Amte beruht also darauf, daß Einer sein Bewußtsein in das Leben und Sein des ganzen Volkes erweitern und aus diesem Bewußtsein des Ganzen auf das Ganze handeln kann. Da wir nun gesehen, daß die Macht, welche den Menschen schließlich in sich selber verfestet, das Fleisch ist, so muß die Befähigung zu dem Amte in Israel aus Verleihung des Geistes beruhen. So ist es und eben dies ist der Sinn der Salbung in Israel. Gleichwie das Oel in den Körper eindringt und ihm wohl thut, ihn geschmeidig und rüstig macht, damit er den Dienst des gewöhnlichen Lebens verrichte, so will der Geist Jehovas mit seiner heiligen Kraft den ganzen Menschen durchdringen, daß er tüchtig werde, sein Einzelleben zur Basis des Gesammtbewußtseins zu machen und auf dieser Grundlage auf das Ganze einzuwirken. Die alttestamentliche Geschichte zeigt auch, daß die Salbung aus dem Hörn des heiligen Oeles nicht eine leere Ceremonie gewesen ist. Nicht bloß David, sondern selbst Saul wird durch die Salbung Samuels ein anderer Mann, dem gesagt werden darf, daß er thun möge, was ihm unter die Hände komme, es werde wohl gerathen, denn von nun an sei Gott mit ihm (s. 1 Sam. 10,6. 7). Aber freilich wird auch die andere Seite der Sache aufgewiesen, daß nämlich bei Keinem die Salbung wirkt, was sie bedeutet, daß kein Gesalbter in Kraft des heiligen Geistes seine Eigenheit vollkommen in die Allgemeinheit des Volkes aufgelöst und sie damit zu dem gemacht hat, wozu sie berufen war. Wenn es auch nicht so schlimm sich gestaltet, wie bei Saul, in welchem später der böse Geist die Stelle des guten Geistes einnahm, so ist doch Keiner, der sich dem Wirken des heiligen Geistes ganz hingegeben hätte. Der Erste unter den Gesalbten, Aron, muß sterben in der Wüste, so gut wie alles andere sündige Volk, weil er, anstatt das Volk zu heiligen, sich in die Sünde des Volkes hatte verstricken lassen (s. 4 M. 20, 12. 23. 24). Und das Verderben in dem Hause Elis, des gesalbten Priesters, wurde Ursache, daß das Hauptgewicht der Salbung aus dem Hause des Priesters auf das Haus des Königs übertragen wurde und von nun an der Gesalbte nicht wie bisher der Priester, sondern vorzugsweise der König war (s. 1 Sam. 2, 10).. Aber auch die Kraft der königlichen Salbung erlosch mit der Zeit. Der Segen des königlichen Amtes verwandelte sich in dem Hause der ungehorsamen Söhne Davids in Fluch (s. Jer. 23,18.19. 24-30). Das Hauptamt ward nunmehr das prophetische. Bei diesem Amte, da es mehr der inneren Sphäre angehört und nicht durch äußerliche Mittel zu wirken berufen ist, trat das. Moment der äußerlichen Salbung zurück und wird nur einmal erwähnt (s. 1 Kön. 19,16). Aber auch der Prophet Israels vermochte die Last des Amtes nicht zu tragen, es wird ausdrücklich berichtet, daß Jeremia und Jona der Bürde ihres Berufes erlagen nicht anders, wie Aron und David. Der Grund nun, weshalb der Geist der Salbung und des Amtes nicht auswirkt, wozu er gesandt wird, kann nirgends anders liegen, als in der gegenüberstehenden Macht des Fleisches, welche die Einzelnen so gebunden hält, daß sie des Geistes Kraft und Wirkung in den Grund ihres Wesens aufzunehmen nicht vermögen. Dies wird nirgends deutlicher, als bei der feierlichen Berufung des Propheten Jesaja vermittelst einer Vision. Als Jesaja den Herrn thronen sah auf seinem hohen Stuhle und das heilige Lied der anbetenden Seraphim vernahm, da rief er: „wehe mir, ich vergehe, denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen und wohne unter einem Volke von unreinen Lippen!“ Seine Weihe geschieht nicht durch Oel, sondern durch Berührung seiner Lippen mit dem heiligen Feuer des himmlischen Altares. Damit werden zwar seine Lippen, über deren Unreinheit er klagt, geweihet zum heiligen Dienst; aber werden sie damit auch bis in den Grund geheiligt und erneuert? Wir sehen, daß die Lippen des Propheten schon von Natur und durch den Zusammenhang mit dem Volke unrein sind, ehe die heilige Weihe über sie kommt; folgt daraus nicht mit Nothwendigkeit, daß diese Lippen zuvor etwas Anderes sind, als Organe des Geistes, nämlich Fleisch, welches dem Geiste widerstrebet, daß sie deshalb aber auch durch eine Einwirkung von Außen in ihrem Grund und Wesen nicht umgewandelt werden können?

Aus dieser Erwägung muß uns gewiß werden, daß bei Jesu die Salbung und Weihe für das heilige Amt in Israel zum ersten Male vollendet wird, zum ersten Male ihrem Namen und ihrer Bedeutung völlig entspricht, was nichts Anderes ist, als was uns ganz geläufig ist, wenn wir sagen, Jesus sei Christus, nicht bloß ein Gesalbter und ein Messias, sondern der Christ, der Gesalbte und der Messias mit Ausschluß aller Anderen, so daß alle übrigen Gesalbten, nämlich die des alten Testamentes, nur Vorbilder sein können, die auf ihn hindeuten, oder Schatten, welche sein leibhaftiges Wesen auf dem Boden der irdischen Geschichte abmalen. Wir sehen nämlich, daß diese Vollendung der Weihe, welche bei ihm die Taufe zu einer wahrhaftigen und bleibenden Geistesverleihung macht, so wenig, wie Calvin gemeint hat, in Widerspruch steht mit seiner heiligen Individualität von Anfang her, daß vielmehr diese Vollendung jene Vollkommenheit der Individualität zur nothwendigen Voraussetzung hat. Denn hier ist zum ersten Mal das Hemmniß beseitigt, welches bisher alle Kraft und Wirkung des heiligen Geistes schließlich immer wieder vernichtet hat, so daß es zu einer Vollendung des Volkes durch den Dienst des heiligen Amtes niemals kommen konnte, und demnach der ganze Bau der alttestamentlichen Vergangenheit in Trümmern liegt, wie Johannes bewiesen hat und alles Volk anerkennen muß. In der heiligen Individualität Jesu ist kein dem Geiste widerstrebender Fleischesgrund vorhanden, dieses Fleisch ist nicht vorher Etwas für sich, zu dem die Geisteswirkung sodann hinzuzutreten hätte, sondern dieses Fleisch ist aus dem Geiste gezeugt, und ist deshalb dieses Fleisch nie etwas Anderes gewesen, als williges Organ des heiligen Geistes innerhalb der Individualität während der bisherigen Verborgenheit des Lebens. Die Selbstausgleichung Jesu mit dem sündigen Volke am Jordan hat, wie wir gesehen, eben die Heiligkeit seines persönlichen Lebens und Bewußtseins zur Unterlage. Dieser Mensch des Geistes ist demnach ein reines Gefäß, um die Fülle und Kraft des heiligen Geistes aufzunehmen, damit das ganze individuelle Sein aus dem Geheimniß seiner innerlichen Verborgenheit heraustrete und von nun an und hinfort nichts Anderes sei, als wirkendes Organ des heiligen Amtes, welches bisher immer vergeblich auf seinen Träger gewartet hat. Jetzt übersehen wir auch, wie die drei Wunderzeichen die Erhörung des Gebetes Jesu gewesen sind. Das Sichaufthun des Himmels und die himmlische Stimme fassen sich zusammen und verwirklichen sich in der sichtbaren und wesentlichen Verleihung des Geistes an den Getauften. Durch diesen Geist des heiligen Amtes wird nun Jesus ausgerüstet, den heiligen Sinn, der in ihm ist, der alle Sünden Israels eben so sehr fühlt und trägt, als verabscheut und von sich weist, durch Wirkung seines geisterfüllten leiblichen Organismus in die ganze Peripherie des israelitischen Volkslebens auszubreiten und damit das Volk zu reinigen von seinen Sünden und zu erlösen von seinen Uebeln, mit einem Worte, Israel zu vollenden. Ist aber Israel vollendet, so ist auch die Menschheit vollendet, denn dazu ist Israel von Abraham her berufen, den durch die Sünde verlorenen Segen Gottes wiederum allen Völkern und Stämmen der Erde zuzuwenden. Wenn also Jesus, wie wir gesehen, betet um Abwendung aller Sünde und Noth in Israel, so wird sein Gebet dadurch erhört, daß er selber hier erklärt wird zum Heiland und Retter Israels und aller Heiden. In diese wunderbare Herrlichkeit löst sich auf das erste Auftreten Jesu in der Oeffentlichkeit, welches so verborgen und unscheinbar ist, daß Jeder ihn für seines Gleichen halten muß und der Einzige, welcher die Unterschiedlichkeit erschaut, das Werkzeug werden muß, daß die Gleichstellung Jesu mit allem Volk sich in dem gottgeordneten Zeichen der Reinigung vollendet. Keines Menschen Weihe ist auf so tiefer Stufe der Niedrigkeit und Demuth empfangen worden, darum aber hat auch keines Menschen Weihe eine solche Wahrheit und Kraft erlangt.

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