Disselhoff, Julius - Ruth, die Ährenleserin aus Moab - Vierter Abschnitt. - Herrliches Ende.
„Und Boas sprach zu den Ältesten und zu allem Volk: Ihr seid heute Zeugen, dass ich alles gekauft habe, was Eli-Melechs gewesen ist, und alles, was Chil-Jons und Mahlons, von der Hand Naemi; dazu auch Ruth, die Moabitin, des Mahlons Weib, nehme ich zum Weibe, dass ich dem Verstorbenen einen Namen erwecke auf sein Erbteil, und sein Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern, und aus dem Tor seines Orts; Zeugen seid ihr des heute. Und alles Volk, das im Tor war, samt den Ältesten, sprachen: Wir sind Zeugen. Der Herr mache das Weib, das in dein Haus kommt, wie Rahel und Lea, die beide das Haus Israel gebaut haben; und wachse sehr in Ephrata, und werde gepriesen zu Bethlehem. Und dein Haus werde wie das Haus Perez, den Thamar Juda gebar, von dem Samen, den dir der Herr geben wird von dieser Dirne. Also nahm Boas die Ruth, dass sie sein Weib ward. Und da er bei ihr lag, gab ihr der Herr, dass sie schwanger ward, und gebar einen Sohn. Da sprachen die Weiber zu Naemi: Gelobt sei der Herr, der dir nicht hat lassen abgehen einen Erben zu dieser Zeit, dass sein Name in Israel bliebe. Der wird dich erquicken, und dein Alter versorgen. Denn deine Schnur, die dich geliebt hat, hat ihn geboren, welche dir besser ist, denn sieben Söhne. Und Naemi nahm das Kind, und legte es auf ihren Schoß, und ward seine Wärterin. Und ihre Nachbarinnen gaben ihm einen Namen, und sprachen: Naemi ist ein Kind geboren; und hießen ihn Oled, der ist der Vater Isai, welcher ist Davids Vater.“
(Ruth 4, 9-17.)
1. Nach dem Gesetz und Zeugnis!
Wir stehen am Ende der Geschichte, wenigstens am Anfange des Endes. Das Dunkel, welches auf dem Beginne des Weges lagerte, hat sich gelichtet. Die Wolke, hinter der Gott verborgen waltet, ist geschwunden, und das Angesicht des Herrn leuchtet wieder, wie die Sonne.
Da siehst du: „Es hat euch noch keine, denn menschliche Versuchung betreten; aber Gott ist getreu, der euch nicht lässt versuchen über euer Vermögen, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende gewinne, dass ihr es könnt ertragen!“ (1 Kor. 10, 13.)
Man hat gerechte Ursache, in den Tagen der Dunkelheit mit Jesaias und allen Frommen zu sagen: „Ich hoffe auf den Herrn, der sein Antlitz verborgen hat vor dem Hause Jakobs; ich aber harre seiner!“ (Jes. 8, 17.)
Doch wen soll man nach dem Wege fragen, wenn Gott sein Angesicht verbirgt und die Finsternis hereinbricht? wen in seiner tappenden Blindheit als Wegleiter ergreifen?
„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege!“
„Wir haben, sagen die heiligen Männer Gottes, welche geredet haben, getrieben vom Heiligen Geiste, wir haben ein festes prophetisches Wort, und ihr tut wohl, dass ihr darauf achtet, als auf ein Licht, das da scheint in einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen!“ (2 Pet. 1, 19.)
„Wenn sie aber zu euch sagen: Ihr müsst die Wahrsager und Zeichendeuter fragen, die da schwatzen und disputieren, so sprecht: Soll nicht ein Volk seinen Gott fragen? Oder soll man die Toten für die Lebendigen fragen? Ja, nach dem Gesetz und Zeugnis! Werden sie das nicht sagen, so werden sie die Morgenröte nicht haben; sondern werden im Lande umher gehen, hart geschlagen und hungrig. Wenn sie aber Hunger leiden, werden sie zürnen und fluchen ihrem Könige und ihrem Gott, und werden über sich gaffen und unter sich die Erde ansehen, und nichts finden, denn Trübsal und Finsternis, denn sie sind müde in Angst und gehen irre im Finstern!“ (Jes. 8, 18-22.)
Ja, nach dem Gesetz und Zeugnis wandeln, das allein, das aber auch sicher führt aus der Nacht zur Morgenröte. Doch ist das Gesetz und Zeugnis Gottes unantastbar, und will nicht zu Gunsten des Eigenwillens gedreht und gedeutelt sein. Lässt man das Gesetze des Herrn ohne Wandel und das Zeugnis Gottes gewiss sein, dann wird sich ohne Aufhören die Verheißung erfüllen: „Das Gesetz des Herrn ist ohne Wandel und erquickt die Seele. Das Zeugnis des Herrn ist gewiss und macht die Albernen weise.“ (Ps. 19, 8.)
Ja, nach dem Gesetz und Zeugnis!
Das ist die Losung für die Pilger im dunklen Tal. Doch nicht in der Weise, dass man das Wort des Herrn zu einer geistlichen Lotterie und die einzelnen Sprüchlein zu Glückslosen macht, sondern so, dass man durch den Heiligen Geist sich an alles das erinnern lässt, was der Herr in seiner Offenbarung uns gesagt hat. Das Wort Gottes wird uns in keiner Lage, in keinem Verhältnis im Stich lassen, auf keine Frage, die aus dem Gewissen, nicht aus dem Fürwitz aufsteigt, eine Antwort schuldig bleiben. Nur darf man nicht eine Antwort haben wollen, darnach Fleisch und Blut verlangt, sondern muss ernstlich gewillt sein, vor dem Wort sich zu beugen. Wir lächeln über die Toren, welche ihre Götzen oder Heiligen peitschen und fortwerfen, sobald sie den eigensinnigen Wünschen nicht zu Dienst und Willen stehen. Wir sollten aber vielmehr mit heiligem Spott uns selbst züchtigen, die wir so gern und so oft nach solchen Worten der Schrift suchen, welche nach unserer unheiligen und selbstsüchtigen, mindestens einseitigen und zusammenhangslosen Auslegung eine biblische Stütze unserer Wünsche abgeben sollen, diejenigen aber als unbrauchbare Ware beiseite liegen lassen, die wie ein Hammer auf den Fels unserer vielfach gestalteten Selbst sucht niederfallen würden. Ein derartiger Gebrauch der Schrift kann nicht aus dem Labyrinthe heraus führen, sondern nur, wie Petrus sagt, die Ungelehrigen und Leichtfertigen verwirren zu ihrer eigenen Verdammnis.
Doch aber soll dies die Losung bleiben: „Nach dem Gesetz und Zeugnis!“ „Denn ist unser Evangelium verdeckt, sagt Paulus, so ist es in denen, die verloren werden, verdeckt; bei welchen der Gott dieser Welt der Ungläubigen Sinne verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangelii!“ (2 Kor. 4, 3. 4.) Denn so spricht der Herr: „Ich habe nicht in das Verborgene geredet, im finsteren Ort der Erde. Ich habe nicht zum Samen Jakobs vergeblich gesagt: Sucht mich! (Jes. 45, 19.) „Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen, noch zu ferne, noch im Himmel, dass du möchtest sagen: „Wer will uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir es hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du möchtest sagen, wer will uns über das Meer fahren, und es uns holen, dass wir es hören und tun? Denn es ist das Wort fast nahe bei dir in deinem Munde, und in deinem Herzen, das du es tust!“ (5 Mos. 30, 11-14.)
„Dass du es tust!“
Hier ist die Lösung des Geheimnisses: Unterwerfung unter das Gesetz und Zeugnis Gottes. Das führt aus dem dunkeln Wunderanfang der Wege Gottes bis an das lichte, herrliche Ende, denn aus dieser unbedingten Unterwerfung sprosst die Treue im Großen und im Kleinen, in der Stunde der Entscheidung und im unbedeutenden Alltagsleben.
Die gewaltige Hand Gottes lag schwer auf Naemis Schnur. Das Wort war in ihrem Herzen: „Dein Gott ist mein Gott.“ Darum haben wir ihre Treue sprechen hören: „Rede mir nicht darein!“
Naemi und Ruth gingen die Wege der Armut. Das Wort war in ihrem Herzen: „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.“ Daraus wurde ihre Alltagstreue geboren, die von der Gnade Gottes und der Menschen gekrönt ward, wie mit einem Schilde.
Boas wandelte im Sonnenschein des Reichtums. Das Wort war in seinem Herzen: „Wer dem Geringen Gewalt tut, der lästert desselben Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott!“ (Spr. 14, 31.) Das machte ihn treu mit dem ungerechten Mammon und zum Ausführer der Ratschläge Gottes.
Also waren Naemi, Ruth und Boas durch das Gesetz und Zeugnis einander nahe gebracht. Noch einmal war ihr Wegweiser: „Nach dem Gesetz und Zeugnis!“ Gott hatte nämlich durch Mosen geboten: „Wenn Brüder bei einander wohnen, und Einer stirbt ohne Kinder, so soll des Verstorbenen Weib nicht einen fremden Mann draußen nehmen, sondern ihr Schwager soll sie zum Weibe nehmen und sie ehelichen.“ (5 Mos. 25, 5.) Da nun Boas sich freundlich gestellt hatte gegen Ruth, gedachte Naemi dieses Gesetzes, und dass Boas der Bruder, das ist nach hebräischem Sprachgebrauch einer der nächsten Blutsverwandten ihres verstorbenen Sohnes Mahlon war, und demnach die Pflicht hatte, Ruth, Mahlons kinderlose Witwe, zu ehelichen. Nach diesem Gesetz handelt Naemi, und auf deren Anregung auch Ruth, die, wie im dritten Kapitel ausführlicher erzählt wird, den Boas mahnte: „Ich bin Ruth, deine Magd, breite deine Flügel über deine Magd, denn du bist der Erbe!“
In des Boas Herzen klang es wieder: „Nach dem Gesetz und Zeugnis!“ Er war bereit, auf Gottes Wink zu merken, und nicht eigene Wege zu gehen. Es lebte aber noch ein näherer Verwandter Mahlons, als er selbst war. Ihn fragte er öffentlich im Tor vor allem Volk als den Zeugen, ob er dem Gebote des Herrn zu folgen gedächte. Der wollte wohl das Erbstück Naemis an sich nehmen, aber den göttlichen Willen, Ruth, seines verstorbenen Bruders Weib, zu nehmen, wollte er nicht erfüllen. Da sprach Boas nach dem Gesetz und Zeugnis zu den Ältesten und allem Volk: „Ihr seid Zeugen, dass ich heute Alles gekauft habe, was Eli-Melechs gewesen ist, von der Hand Naemis; dazu auch Ruth, die Moabitin, des Mahlons Weib, nehme ich zum Weibe, dass ich dem Verstorbenen einen Namen erwecke auf sein Erbteil, und sein Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor seines Orts; Zeugen seid ihr des heute!“ Und alles Volk, das im Tor war, samt den Ältesten sprachen: „Wir sind des Zeugen.“
„Also nahm Boas die Ruth, dass sie sein Weib ward.“ Das ist
2. Der Anfang des herrlichen Endes.
Not und Trübsal war vorüber. Aus der Tränensaat war eine reichliche Freudenernte entsprungen. Da konnte man anheben zu singen:
Endlich, endlich muss es doch
Mit der Not ein Ende nehmen;
Endlich bricht das harte Joch,
Endlich schwindet Angst und Grämen;
Endlich muss der Sorgenstein
Doch einmal gehoben sein!
Und solches Alles war geschehen durch die Treue, die sich nach dem Gesetz und Zeugnis hielt.
Zunächst hatte die irdische Kümmernis ein Ende. Der Herr hatte eine Erquickungszeit kommen lassen von seinem Angesicht und zwar für Alle, die Treue bewiesen hatten, und für Jeden eine besondere Erquickung. Wir wollen, um uns mitzufreuen, die einzelnen genauer ansehen, Naemi zuerst. Sie hatte den Raub alles Zeitlichen, auch dessen, was das Teuerste ist auf Erden, ihres Mannes und aller ihrer Kinder, zu ihrem Heile erduldet. Die Welt war ihr gallenbitter geworden. Sie war eine rechte Mara. Nun wurde sie am Abende ihres Lebens wieder zur rechten Naemi. Eine Tochter ward ihr in Ruth gegeben, die ihr, wie das Volk sagte, besser war, als sieben Söhne. Und von dieser Tochter wurde ihr ein Enkelsohn geboren, von welchem die Weiber Bethlehems sagten: „Gelobt sei der Herr, der dir nicht hat lassen abgehen einen Erben zu dieser Zeit, dass sein Name in Israel bliebe. Der wird dich erquicken und dein Alter versorgen. Denn deine Schnur, die dich geliebt hat, hat ihn geboren!“
„Und Naemi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoß und ward seine Wärterin!“ Das sind wenig Worte, aber in ihnen ist uns ein überaus zartes Bild vor die Augen gestellt. Wenn das Haupt der Großmutter über den Knaben in ihrem Schoß sich niederbeugte, und das Antlitz des Knaben in den Augen der Alten sich spiegelte, da sah man wohl auf ihrem Antlitz die Schriftzeichen von der Weltbitterkeit, die Gott darein gegraben, aber auch die Lieblichkeit, die aus der Trübsal wächst, den Frieden nach dem Streit, die Ruhe nach dem Sturm, die Erquickung nach der Mühseligkeit.
So strahlt die Sommersonne, welche der heiße Tag mit segenspendenden Wolken verhüllt hatte, am Abende noch einmal in voller Klarheit, um jenseits frisch und herrlich wieder auszugehen.
Das heißt eine rechte Naemi sein, wenn, wie hier, nach langer Bitterkeit der Rest des Lebens austönt in ein lautes und tiefes Gelobt sei der Herr! Es ist ja ein lieblicher Anblick, wenn aus dem vollen Kindesantlitz die schuldlose Heiterkeit und Frische des Lebens in ungebrochenen Strahlen hervorleuchtet, aber lieblicher ist doch, herrlicher und tiefer das durchfurchte Angesicht des Greises, auf dem die Geschichte eines großen und ernsten Lebens steht, dessen Inhalt und Ziel der Friede Gottes ist, und am lieblichsten ist es, wenn dieses Angesicht jenem begegnet und sein Wächter und sein Wärter wird.
So wurde auch der Geist Jakobs wieder lebendig in ihm, nachdem er Jahrzehnte lang sich nicht hatte wollen trösten lassen, sondern sein graues Haar mit Herzeleid in die Grube legen, er wurde lebendig in ihm, da er von Joseph hörte, und sprach: „Ich habe genug, dass mein Sohn Joseph noch lebt; ich will hin, und ihn sehen, ehe ich sterbe!“ Und da Joseph ihn sah, fiel er ihm um seinen Hals und weinte lange an seinem Halse. Da sprach Israel zu Joseph: „Ich will nun gerne sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe, dass du noch lebst.“
Das war wie Honig und Honigseim nach den langen Jahren der Bitterkeit.
Aber werden denn Jedem noch hier auf Erden die Trauerkleider ausgezogen und seine Lenden mit Freude gegürtet? Wird jede Mara wieder zur Naemi? Erhält jeder Abraham seinen Isaak, jeder Israel seinen Joseph wieder? Wird jeder Hiob, der in der Asche sitzen und scheußlich gehen musste, mit doppeltem Segen überschüttet, so lange er hier noch atmet? Darf Jeder singen:
Auf den Nebel folgt die Sonn,
Auf das Trauern Freud und Wonn
Auf die schwere, bittre Pein
Stellt sich Trost und Labsal ein.
Meine Seele, die zuvor
Sank bis zu dem Höllentor,
Steigt nun bis zum Himmelschor.
Ich frage, darf mit Naemi und Ruth jeder von Gott Gedemütigte also in seinem Alter singen? Oder hat nicht Lazarus mit seinen Schwären vor des Reichen Tür und unter den Hunden liegen müssen, bis die Engel kamen und trugen seine Seele in Abrahams Schoß? Wohl, so genießt er mit Lazarus nicht erst den Anfang des herrlichen Endes, sondern dringt sogleich hindurch bis zum vollkommenen Ende und seiner Herrlichkeit.
Das aber bleibt jedenfalls unangetastet, dass jeder von Gott Geschlagene, der lange wartet auf den Trost Israels, am letzten Ende dem alten Simeon gleichen wird, da er den Herrn auf seinen Armen trug und anhub: „Herr, nun lässt du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!“ Im greisen Simeon mit dem Ruths- und Davidssohn auf den Armen ist das Bild der alten Naemi mit dem Knaben der Ruth auf dem Schoß erst vollkommen geworden.
Darum mag Jeder, der von Gottes Hand bis an sein Ende mit Bitterkeit gespeist wird, getrost singen:
Ich will gehn in Angst und Not,
Ich will gehn bis in den Tod,
Ich will gehn ins Grab hinein
Und doch allzeit fröhlich sein:
Wem der Stärkste bei will stehn,
Wen der Höchste will erhöhn,
Kann nicht ganz zu Grunde gehn!
Und was ward dem Boas zu Teil, dem Sohne der Rahab, dass er die Barmherzigkeit, welche Gott seiner Mutter bewiesen hatte, der armen Fremden aus Moab wiederfahren ließ? Die ward sein Weib, welche Treue bewiesen hatte, die bis heute gepriesen wird, und welcher er selbst das Zeugnis gegeben: „Die ganze Stadt meines Volkes weiß, dass du ein tugendsam Weib bist!“ (Kap. 3, 11.) Er hatte sie nicht erwünscht, nicht ausgewählt. Durch die Gottesordnung, der er sich unterwarf, war sie ihm zugeführt. „Haus und Güter, sagt die Schrift, erben die Eltern; aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn!“ (Spr. 19, 14.) Und abermals spricht sie: „Wem ein tugendsames Weib beschert ist, die ist viel edler, denn die köstlichsten Perlen. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihr nicht mangeln. Sie tut ihm Liebes und kein Leides sein Leben lang. Sie geht mit Wolle und Flachs um und arbeitet gerne mit ihren Händen. Sie ist wie ein Kaufmannsschiff, das seine Nahrung von ferne bringt. Sie steht des Nachts auf und gibt Futter ihrem Hause und Essen ihren Dirnen. Sie gürtet ihre Lenden fest und stärkt ihre Arme. Sie breitet ihre Hände aus zu dem Armen und reicht ihre Hand dem Dürftigen. Ihr Mann ist berühmt in den Toren, wenn er sitzt bei den Ältesten des Landes. Ihr Schmuck ist, dass sie reinlich und fleißig ist, und wird hernach lachen. Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Bunge ist holdselige Lehre. Ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig; ihr Mann lobt sie. Lieblich und schön sein ist nichts; ein Weib, das den Herrn fürchtet, soll man loben!“ (Spr. 31, 10 ff.)
„Siehe, also wird gesegnet der Mann, der den Herrn fürchtet!“ (Ps. 128, 4.)
Und endlich Ruth. Sie war, die Moabitin und einstige Heidin, nicht mehr ein Fremdling in Israel. Sie war eine Bürgerin mit den Heiligen und Gottes Hausgenossin. Als des Boas Eheweib, war sie ganz eingefügt in das auserwählte Volk, in das Volk des Eigentums, in dessen Mitte der Herr wohnte und sich offenbarte. Wiewohl stark durch Treue, war sie bis dahin als Weib und Fremdling doch eine schwache und hilflose Ranke gewesen. Nun war sie durch die heiligen Ehebande festgebunden an eine starke Stütze. Denn Boas heißt nicht bloß Stärke, sondern wir wissen schon, dass er seinem Wesen nach ausdrücklich als „Held der Kraft“ bezeichnet wird. Später hieß eine der beiden Säulen in der Tempelhalle Boas. Er war eine rechte Säule im lebendigen und geistigen Tempel Gottes; denn seine Kraft war das Gesetz und Zeugnis des Herrn. An diese Säule durfte nun Ruth sich anlehnen, an ihr emporranken.
Also dem Volke Gottes hinzugetan, hatte Ruth ihres Herzens Wunsch und Sehnsucht erreicht und Zuversicht gefunden unter den Flügeln des Gottes Israels (Kap. 2, 12.)
Aber die Segnungen stiegen noch höher; sie sollten nicht bloß auf ihr Haupt kommen, sondern von ihr auf Israel überfließen. Denn die Ältesten der Stadt sprachen zu Boas: „Der Herr mache das Weib, das in dein Haus kommt, wie Rahel und Lea, die beide das Haus Israel gebaut haben, und wachse sehr in Ephrata, und werde gepriesen in Bethlehem. Und dein Haus werde wie das Haus Perez, den Thamar Juda gebar, von dem Samen, den dir der Herr geben wird von dieser Dirne!“ Der Sinn ist klar. Wie durch Lea und Rahel und deren Söhne, durch Thamar und ihre Kinder das Geschlecht Israels mächtig wuchs, so möge Gott auch durch die Nachkommen und Erben Ruths und des Boas sein Reich wachsen lassen auf Erden.
Die Erfüllung dieses Segenswunsches haben Boas und Ruth hienieden nicht mehr geschaut, und dennoch ist er gar bald Wirklichkeit geworden und zwar in einer Weise, welche alle Ahnungen weit überstieg. Denn Ruths Sohn war Obed, Obeds Sohn war Isai, Isais Sohn war David!
David! Mit dem einzigen Worte ist genug gesagt. Denn die Zeitgenossen Davids, für welche zunächst der alte Erzähler die Geschichte Ruths niedergeschrieben hat, konnten es mit ihren Händen greifen, was für ein Heil Gott seinem Volke durch diesen Mann nach seinem Herzen gegeben hatte und noch geben wollte.
Nicht mit ausdrücklichen Worten, aber durch die Tatsachen der Geschichte selbst, ruft der Erzähler seinem Volke mit lauter Stimme zu: Seht, das ist die Geschichte der Voreltern Davids. Schaut zuerst auf den Anfang und darnach schaut, wie es heute steht. Damals, zur Zeit der Richter, viel Abfall in unserem Volk, darum viel Jammer und Elend, Teuerung, eine flüchtende Familie, dreifacher Tod, eine treue Moabitin, eine rückkehrende Greisin, eine fremde Ährenleserin - jetzt unter dem gottgegebenen Zepter, den der Sohn der Ährenleserin führt, das Reich des Herrn ausgebreitet von einem Meer bis zum andern, und seine Herrlichkeit wie die Herrlichkeit der aufsteigenden Sonne, die Feinde gedemütigt, der Herr König, sein Volk ihm willig Opfer bringend im heiligen Schmuck, und erquickt durch die schönen Gottesdienste des Herrn und die Psalmen des Sohnes Isais, aus Zion hervorleuchtend der schöne Glanz Gottes, und über all dieser Herrlichkeit die hohe Verheißung von dem ewigen Könige, der sein Volk weiden wird mit Hirtentreue und es erlösen durch Gerechtigkeit!
Siehe, solches Ende sprosst aus dem dunklen und geringen Anfang! „Das ist vom Herrn geschehen, und ist ein Wunder vor unsern Augen!“ „Gelobt sei Gott, der Herr, der Gott Israels, der allein Wunder tut, und gelobt sei sein herrlicher Name ewig, und alle Lande müssen seiner Ehre voll werden! Amen, Amen.“ (Ps. 72, 18. 19.)
Und doch ist solches Alles erst der Anfang des herrlichen Endes. Wie werden wir anbeten müssen, wenn wir auf
3. Das volle Ende und seine Herrlichkeit hinschauen.
Dazu müssen wir den Anfang des Neuen Testamentes ausschlagen. Da lesen wir:
„Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids.“ (Matth. 1, 1.)
Nicht David, Jesus Christus ist das Ziel und Ende der Gotteswege, deren Anfang wir in Eli-Melechs und Naemis Trübsal gesehen haben.
Vier Frauen-Namen nennt uns Matthäus im Geschlechts-Register des Erlösers. Die erste ist Thamar, welche durch Sünde ihre Kinder geboren hat, die andre Rahab, einst die heidnische Hure von Jericho, dann die Erlöste Gottes, die dritte Ruth, die Heidin, die still und ohne große innere Stürme unter dem milden Schein der Gnade zur rechten Gottesblume sich entfaltete, die vierte endlich Bathseba, die Ehebrecherin aus Israel.
Warum sind grade diese Frauen allein von allen Stamm-Müttern des Menschen-Sohnes genannt? Um uns in ihrer Geschichte die großen Geheimnisse der göttlichen Reichsordnung vorbildlich anzudeuten, nämlich: die Sünde der Menschen hebt Gottes Wege nicht auf; die, so Buße tun unter Juden und Heiden, werden von der Gnade Gottes nicht hinweggeworfen, sondern zu seinen Rüstzeugen gemacht, ob sie gleich Sünder waren, und in allerlei Volk, wer Gott fürchtet und ihn sucht, den will er annehmen und von solchem sich finden lassen, müsse er ihn auch, wie die Ruth, auf dunklen Wegen, aus fernen Ländern holen.
Ruth der Anfang, das Ende der Gottes- und Menschensohn, der Erlöser der Welt, der Alle zu sich einlädt, die Gerechten und die Sünder, die Juden und die Heiden! Auf dieser Zusammenhang zwischen Ruth und Christus, zwischen Anfang und Ende, will uns der Geist achten lehren, wenn er uns auch den Namen der Moabitin unter den Müttern des Welteilandes lesen lässt.
Christus ist das Ende!
Ist es nötig mehr auszusprechen, als dies eine Wort, um uns die unermessene Herrlichkeit des Endes der Wunderwege Gottes fühlen zu lassen? Ist nicht seine Herrlichkeit eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit? Liegen nicht in Ihm verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis? Wohnet nicht in Ihm die Fülle der Gottheit leibhaftig?
Aber eben darum können wir auch nur lallen und stammeln von der Herrlichkeit des letzten Endes, denn Jesus Christus hat die Fülle seines Lebens vor uns noch nicht offenbart. Noch ist, wie Paulus lehrt, Christus verborgen in Gott. Er wird aber einst kommen in seiner Herrlichkeit und sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Dann werden wir ihn sehen, wie er ist, die ganze und ewige Fülle seines Wesens und seines Werkes. Denn also hat er gebetet: „Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast!“ (Joh. 17, 24.)
Dann werden wir in der Vollendung jubeln und jauchzen: „Herrlichs Ende!“ Bis dahin geht es von Höhe zu Höhe, von Klarheit zu Klarheit. Denn auch der Lichtstrom der Herrlichkeit Gottes in Christo Jesu gleicht jenem Wasserstrome, den Hesekiel vom neuen Tempel fließen sah. Er trat hinein. Da ging ihm das Wasser bis an die Knöchel. Er drang weiter.
Da gings bis an die Knie, dann bis an die Lenden. Danach ward es so tief, dass er nicht mehr gründen konnte; denn das Wasser war zu hoch, dass man darüber schwimmen musste und konnte es nicht gründen. (Hes. 47, 3 ff.)
Haben wir, liebe Mutter, im kleinen und bescheidenen Maße das nicht auch erfahren? Gott ließ wohl mehr als einmal vor unsern Augen einen dunklen und bitteren Quell entspringen. Derselbe breitete sich aus zum Strom und vertiefte sich zum Meer, und wir meinten, es sei das rote Meer der Not und des Elends, dadurch kein Fuß gehen kann; es war aber ein Strom und ein Meer der herrlichen und tiefen Gedanken Gottes.
Jeder Jünger des Herrn, welcher aus der grausamen Grube der Trübsal auf den Flügeln des Glaubens und der Hoffnung auffährt in das helle Licht der Offenbarung, oder der, um ohne Bild zu reden, durch viele Trübsal eingeht in das Reich Gottes, der ist dem Manne vergleichbar, der aus düstrer Erdenkluft, dahin kein Himmelslicht dringt, zum ersten Mal in die helle Sonne geführt wird und die Herrlichkeit der Gotteserde schaut. Da strahlt Herrlichkeit um ihn und über ihm, und sie will nicht enden, wie weit er dringe, wie hoch er schaue. In unermessener Ferne liegt sie vor ihm; und wenn er Flügel nähme und flöge bis zu den Sternen und zur Sonne, so würde er doch nicht an das Ende kommen und die Fülle der Schönheit und des Glanzes nicht ausmessen.
Ein Schlag von der Hand des Allerhöchsten, dass es einem dunkelt vor den Augen, macht den Anfang.
Erquickung vom Angesichte Gottes für die kurze Spanne des irdischen Lebens bildet den Fortgang, aber eine solche Erquickung, welche durch die Güte Gottes den Geist des Gedemütigten näher zu Gott führt, fester an Gott bindet. Für die Zukunft eine ungeahnte, ungezählte Segensfülle, die zum Bach, zum Fluss, zum Strom wächst, der in das Lebens- und Liebesmeer der Ewigkeit mündet. So waltet der Herr!
Von der Versuchung, die an uns herantreten muss, steht geschrieben, dass wir sie tragen können. Die Segenfülle, die Gnadenfrucht aber ist eine solche, dass wir uns unter ihr beugen müssen, wie die Blätter unter dem starken und gnädigen Regen.
Fort und fort und in immer reicherem Maße wird des Herrn Wort sich erfüllen: „Sie werden sich entsetzen über allem dem Guten, das ich ihnen tun werde!“ Man wird nach den Segensjahren der Heimsuchung mit Jakob-Israel beten müssen: „Ich bin viel zu geringe aller Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knechte getan hast!“
Der Anfang der Namen wie der Wege des Herrn heißt Wunderbar! Aber durch Rat, Kraft, Gottesstärke, Liebe des Ewig-Vater geht es hindurch bis zum Ende, und das Ende heißt: Friedefürst!
„Ich weiß wohl, spricht der Herr, was ich für Gedanken über euch habe, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet!“
„Die ihr jetzt eine kleine Zeit, (wo es sein soll) traurig seid in mancherlei Anfechtung, ihr werdet in der letzten Zeit euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, und das Ende eures Glaubens davon bringen, nämlich der Seelen Seligkeit!“
„Darum halte ich dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden.“ „Denn unsre Trübsal die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige und über alle Maße wichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig!“
„Wer sind diese mit weißen Kleidern angetan? und woher sind sie gekommen?“ fragte der Ältesten Einer den Propheten und antwortete zugleich: „Diese sind es, die gekommen sind aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen, und haben ihre Kleider helle gemacht im Blute des Lammes. Darum sind sie vor dem Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel.“
Und auch zu denen, welche noch krumm und sehr gebückt gehen müssen und sehr ferne von dem herrlichen Ende zu sein wähnen, sagt der Apostel: „Der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruhet auf euch!“ (1 Petr. 4, 14.)
Ist nun dem also, ei, meine Seele, so sei
4. Stille, fein stille bis an das Ende!
Konnte Naemi über Boas zu ihrer Schnur sprechen: „Sei stille, meine Tochter, bis du erfährst, wo es hinaus will, denn der Mann wird nicht ruhen, er bringe es denn heute zu Ende!“ (Kap. 3, 18.) sollte denn nicht vielmehr unsere Seele stille sein, bis sie erfährt, wo es hinaus will, und ihrem Herrn, dem starken, gewaltigen Gott, dem Gott Zebaoth zutrauen, dass er sein Gnadenwerk auch mit ihr zu einem herrlichen Ende bringe, und getrost singen:
Ich traue deinen Wunderwegen!
Sie enden sich in Lieb und Segen.
In meinem lieben Westfalenlande habe ich zuerst das treffliche Sprichwort gehört: „Kindern und Narren darf man keine unvollendete Arbeit zeigen.“ Sie haben nicht Geduld und Stille genug, die Vollendung abzuwarten. Sie stehen im Wahn, schon das angefangene Werk müsse schön, herrlich, vollkommen und verständlich sein, wie das vollendete.
Was sie vom Anfang sehen, verstehen sie nicht, weil sie nicht aufs Ende warten können. Darum fahren sie rasch und leichtfertig her mit ihrem Tadel, lachen und spotten, seufzen und murren.
Sei nicht kindisch, meine Seele, und sei nicht wie ein Narr. An der Bosheit sei ein Kind, aber nicht am Verständnis. Sei stille dem Herrn, und rede ihm nicht darein, wenn du seine Anfänge nicht verstehst, und deine Vernunft einen Eid tun möchte, die Anfänge, die sie sieht, seien Verkehrtheit.
„Wer mit dem Allmächtigen hadern will, soll es ihm der nicht beibringen? Und wer Gott tadelt, soll es der nicht verantworten?“
Hast du, meine Seele, zum Herrn geredet: „Was machst du!“ so antworte ihm auch mit Hiob: „Siehe, ich bin zu leichtfertig gewesen; was soll ich antworten?
„Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Ich habe einmal geredet, darum will ich nicht mehr antworten, zum andern Mal will ich es nicht mehr tun!“ (Hiob 39, 32-35.)
Nur stille!
Du bist ein Mensch, das weißt du wohl;
Was strebst du denn nach Dingen,
Die Gott der Höchst alleine soll
Und kann zu Wege bringen?
Du fährst mit deinem Wiz und Sinn
Durch so viel tausend Sorgen hin,
Und denkst: wie wills auf Erden
Doch endlich mit mir werden?!
Da gilts Tag und Nacht beten:
Stille, stille!
Jesu, ei nu, hilf mir dazu,
Dass ich sein stille sei, wie du!
Aber stille bis an das Ende, das herrliche Ende! Das Gold und Silber muss in der Schmelzhitze bleiben, bis der Schmelzer in dem gereinigten und flüssigen Metall sein eigen Bild schaut. Dann öffnet er die Tür und die glänzende Silberflut strömt in die Freiheit: das ist der Silberblick, ein Blick voll Herrlichkeit!
Getrost, auch wenn das arme Herz in der Enge sitzt, wie das Volk Israel, da rechts und links die Berge und von vorne das rote Meer ihnen den Weg versperrte und im Rücken die Macht Pharaos drohte. „Sage den Kindern Israels, dass sieziehen!“ gebot der Herr, Das war ein schwerer Weg, den der Herr ihnen wies, denn der Weg ging durchs Meer, das doch keine Pfade hat, da ein Menschenfuß gehen kann.
„Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stillesein!“ (2 Mos. 14, 14.)
Wenn der Herr also auf deinem Lebenswege für dich streiten will, so jammre nicht: „Ich sehe nur Streit und Kampf, Verwirrung und Unruhe, Angst und Stöhnen, und kann nicht entdecken, zu welchem Ende es hinaus will.“
„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ flehte Mose zum Herrn. (2 Mos. 33, 18.) Und der Herr sprach: „Ich will vor deinem Angesicht her alle meine Güte gehen lassen, aber mein Angesicht kannst du nicht sehen!“ Und der Herr sprach weiter: „Wenn meine Herrlichkeit vorüber geht, soll meine Hand ob dir halten, bis ich vorüber gehe. Und du wirst mir hinten nachsehen, aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“
Darum stille, ganz still, bis der Herr vorüber gegangen ist, bis er sein Werk vollendet, seinen Ratschluss ausgeführt hat. Dann wird man ihm hinten nachsehen, und schauen, wie seine Fußtapfen von Fett triefen. Da wird die Verheißung sich erfüllen: „Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird dich zu sich nehmen!“ (Jes. 58. 8.)
Muss der Herr auch unsere Seele wie Naemi und Ruth lassen im Geschrei sein, dass sie wie ein verlassenes und von Herzen betrübtes Weib sei, und wie ein junges Weib, das verstoßen ist, so wird er uns doch durch seinen Geist selbst zurufen: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.“ (Jes. 54, 6 ff.)
Stille darum, bis du siehst, wo es hinaus will! Der Zeiger an der Uhr Gottes lässt sich um kein Haar breit vorwärts rücken. Dränge und treibe nicht. „Weib, sprach der Herr zu Maria, da sie die Zeit der Not abkürzen und das herrliche Ende beschleunigen wollte, Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“
Fragst du Herz: Wann kommt die Stunde?
Dann, wann dirs am meisten frommt.
Trau dem Wort aus seinem Munde,
Bis einst seine Stunde kommt;
Leide, glaube, hoffe still,
Bis sichs herrlich enden will!
,Herrlich enden!“
Wir kennen das Ende: Ruth - David - Jesus Christus!
Der ist das Ende, der da spricht: „Ich bin die Wurzel des Geschlechts Davids, ein heller Morgenstern!“ (Offb. 22, 16.)
„Und der Geist und die Brautsprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Ja! komm, Herr Jesu!“
In der kurzen Wartezeit von heute bis zur Offenbarung seiner Herrlichkeit wird er selbst uns durch seinen Geist behüten, dass vor Traurigkeit und Angst unsre Herzen nicht müde und unsre Augen nicht voll Schlafes werden, sondern wir wie aus Jubelposaunen allezeit singen mögen:
Wunderanfang - herrlich's Ende,
Wo die wunderweisen Hände
Gottes führen ein und aus.
Wunderweislich ist sein Raten,
Wunderherrlich seine Taten,
Und du sprichst: Wo will's hinaus?!
Wo will's hinaus? Dahin, wohin der Vorläufer für uns eingegangen ist, Jesus Christus, welchen wir haben als einen sicheren und festen Anker unserer Seele, der auch hineingeht in das Inwendige des Vorhangs.
Und wenn, liebe Mutter, unser blödes und verzagtes Herz im Sturm und Dunkel diesen Anker möchte fahren lassen oder loser fassen, dann wollen wir der Ährenleserin aus Moab gedenken und ihrer Geschichte, von der Flucht Eli-Melechs an bis zur Geburt und Vollendung ihres Sohnes Jesu Christi. - Das wird uns lehren, das eine mal zu singen, das andre Mal zu beten:
Wunderanfang - herrlichs Ende!