Spurgeon, Charles Haddon - Wunder der Liebe

„Du hast meine Seele aus dem Abgrund des Verderbens heraus geliebet.“
Jes. 38, 17 (Randglosse der englischen Bibel)

(Elberfelder: „Siehe, zum Heil wurde mir bitteres Leid: Du, du hast liebevoll meine Seele von der Grube der Vernichtung zurückgehalten, denn alle meine Sünden hast du hinter deinen Rücken geworfen.“)

Das Mittel, welches für die leibliche Wiederherstellung des Hiskias gebraucht wurde, war ein Pflaster von Feigen, das auf die Drüse gelegt ward, aber das Mittel, welches für die Genesung seiner Seele von der Krankheit des Verzagens gebraucht wurde, war etwas ebenso Wirksames und viel Lieblicheres. Wie wenn ich sagte, daß der Herr auf das Geschwür in Hiskias Herzen einige Blätter von dem Holze des Lebens legte, die zur Gesundheit der Heiden dienen. Hiskia war unter solch einer Menge von Leiden tief in Zweifel, Furcht und dunkle Vorahnungen hinein gesunken, bis er beinahe verzweifelte, und deshalb hatte der Herr in sein Herz ein Gefühl der göttlichen Liebe ausgegossen - tief, wahr und mächtig; und wie Hiskias Leib genas, so erhob sich auch seine Stimmung und anstatt „wie ein Kranich zu winseln“, begann er das Lob des Höchsten zu singen. Das Heilmittel für seiner Seele Krankheit war die Liebe. Sein Herz war aus dem Grabe seiner Verzweiflung durch die Liebe heraufgeholt; Liebe war die mächtige Hand, die ihn hinauf zog, und Liebe das Seil, an dem er hinaufgehoben ward.

Nun, was bei Hiskia in Hinsicht auf seine Krankheit und Niedergeschlagenheit der Fall war, ist im vollsten Sinne der Fall bei allen Gläubigen. Seht, liebe Brüder, wo wir von Natur lagen - in dem Grabe des Todes; ja und mehr noch - im Abgrund des Verderbens. Wir waren so zerstört durch die Sünde, daß wir Menschen glichen, die in einer Grube vermodert und verwest sind, denn die Sünde ist eine Fäulnis unserer Natur, und sie hat in einem furchtbaren Grade ihr Werk in uns getan. Gleich den Erschlagenen auf dem Schlachtfelde, die in fauler Auflösung begriffen, sind wir - ekelhaft vor Gott, verdorben und abscheulich. Diejenigen unter uns, welche an Jesum geglaubt haben, sind gegenwärtig durch freie Gnade aus diesem furchtbaren Abgrund heraufgebracht; unser Stand ist jetzt ein seliger, denn unsere Füße sind auf dem Felsen des Heils: unwandelbare Verheißungen und ewige Ratschläge sind der Grund unseres Vertrauens. Er wird nun „erhöhen unser Haupt über unsere Feinde, die um uns sind, so wollen wir in seiner Hütte Lob opfern“; wir wollen singen und lobsagen dem Herrn. Es ist kaum nötig, euch daran zu erinnern, daß es die Liebe Gottes war, die ihn bewog, Mitleid mit uns zu haben, als wir in dem Abgrund des Verderbens waren. Der Herr liebte uns, selbst da wir in diesem widerwärtigen Zustande waren. Dies ist ein tiefes Geheimnis der Liebe. Wohl mag der Apostel sprechen von seiner großen Liebe, damit er uns geliebet hat, da wir tot waren in Übertretungen und Sünden. Uns zu lieben, als nichts Gutes in uns war, sondern jedwedes Böse; uns zu lieben, da wir der Liebe nicht würdig und selbst des Hasses wert waren - das war nicht nach Menschenart, aber es ist des unendlichen Herzens Gottes würdig. Nun wissen wir, daß diese erste, uranfängliche Liebe, die keine andere Ursache hat als in sich selbst, den Weg ersann, uns aus dem Abgrund zu erheben. Wir sollten herausgebracht werden durch Stellvertretung, durch die Aufopferung eines Anderen an unserer Statt; wir sollten herausgebracht werden durch die Werke der göttlichen Kraft - dieselbe Macht, welche unsern Herrn Jesum Christum von den Toten ausgeführt hat, sollte uns aus unserm Sündentode führen. Die Liebe erdachte diesen bewundernswerten Weg der Gnade; und wir sind bereit, diesen Morgen zu bekennen, zu preisen, indem wir es bekennen, daß es Liebe war, die Alles vollbrachte; was Not tat, um diesen Plan auszuführen. Liebe brachte den Heiland ans Kreuz; Liebe ließ ihn unsere Sünden opfern an seinem Leibe auf dem Holz; Liebe führte ihn dazu, sein kostbares Leben um unsertwillen aufzugeben und unser Bürge im Grabe zu werden. Liebe sandte den Heiligen Geist, uns lebendig zu machen, zu erleuchten, zu stärken und für immer in uns zu wohnen. Liebe fand die Mittel zu unserer Erlösung und Liebe machte uns der Erlösung teilhaftig, als sie vollendet war. Liebe führte uns zum Kreuze des Heilandes; Liebe hat uns wiedergeboren. Liebe hat uns erhalten bis auf diesen Tag und wird uns bis ans Ende bewahren.

Ich werde indes eure Aufmerksamkeit nicht auf diese große Wahrheit hinlenken, sondern auf eine derselben Art. Der Text stellt eine andere Tatsache vor Augen, bei welcher ich mit Hilfe des Heiligen Geistes zu verweilen wünsche. Dies, daß die Liebe nicht allein unsere Erlösung verlangte, plante, ausführte und so weiter, sondern daß das Werkzeug, das die Liebe gebrauchte, Liebe war. Wir sind aus dem Abgrund nicht herausgezogen durch Macht oder aus ihm ausgetrieben durch Schrecken, sondern wir sind aus ihm herausgeliebt. „Du hast meine Seele aus dem Abgrund des Verderbens herausgeliebt.“ Kürzlich sprach ich mit euch an einem Sonntagmorgen darüber, daß wir Seelen in Christum hineinlieben sollen, und versuchte, in wenigen Worten euch zu zeigen die Macht der Liebe, Sünder zu Christo zu führen. Wohlan, dies ist es, was der Text sagen will - daß Gottes Liebe uns aus dem Abgrund des Verderbens herausgeliebt hat: sie ist das kräftige Mittel gewesen, das die Geretteten zu dem gemacht hat, was sie sind. Dieser Gedanke hat meine eigene Seele fortgerissen in meiner einsamen Betrachtung, aber ich fürchte, ich kann ihn euch nicht darstellen, wie ich's wünsche. Ich bin wie das Kind, welches zu seiner Mutter sagte: „Mutter, ich will dir das Meer bringen“, und hinab ging ans Ufer und seine kleine Hand mit Wasser füllte, aber eh' es zur Mutter kam, hatte es zehnmal so viel verschüttet, als es noch trug, und hätte es alles gebracht, was es genommen, wären es doch nur ein paar Tropfen gewesen, und das große, weite Meer wäre ganz und gar unvermindert geblieben. Ich kann nicht hoffen, imstande zu sein, euren Seelen ein Zehntel von dem, was ich fühle, zu bringen. Ich hätte mit David vor der Bundeslade tanzen können, während ich den neuen Wein aus dem goldenen Becher des Textes trank. Ich kann nicht hoffen, meine Freude auf euch zu übertragen; und wenn mir dies auch gelänge, hätte ich doch wenig ausgerichtet im Vergleich mit der Herrlichkeit des Textes, der vor mir ist. Ich bete indes, daß viele von euch genug aus dieser Predigt entnehmen mögen, um zu singen:

„Mein Herze geht in Sprüngen
Und kann nicht traurig sein,
Ist voller Freud' und Singen,
Sieht lauter Sonnenschein.“

Möchte der Geist Gottes euch heute morgen in ein Gefühl von des Heilandes Liebe hineinlieben, euch hineinlieben in ein wonnevolles Genießen der Liebe Gottes. Wir wollen zuerst vor allem erwägen, daß wir hineingeliebt sind in den Eintritt in die Gnade; wir sind hineingeliebt in die Förderung in der Gnade; und wir werden geliebt werden von der Gnade in die Herrlichkeit hinein.

I.

Wir wurden am Anfang hineingeliebt in die Gnade. Was machte uns zu bekehrten Männern und Weibern? Wir wissen, es war die Kraft des Heiligen Geistes, aber davon reden wir jetzt nicht; unsere Frage ist, - welches Werkzeug brauchte der Geist? Die Antwort ist in den meisten Fällen - in dem meinigen gewiß, und ich zweifle nicht, bis zu einem gewissen Grade bei euch allen - Liebe war die zwingende Gewalt. Die Liebe Christi zu den Sündern war das, was unsere ernste Aufmerksamkeit auf das Evangelium erregte. Daß Jesus Christus sterben mußte, „der Gerechte für den Ungerechten, auf daß er uns Gott opferte“, ist ein Gedanke, der Aufmerksamkeit gebietet (Original: gebeut) und die Menschen zwingt zu hören. Wie jener alte Seefahrer den Hochzeitsgast festgebannt hielt durch seine seltsame Erzählung, so sind Myriaden von Menschen festgehalten worden durch die wunderbare Verkündigung von der Liebe Gottes in Christo. Wenn wir die Aufmerksamkeit der Sünder wünschen, müssen wir ihnen Christum predigen; alles übrige wird flach und schal sein im Vergleich mit Christo dem Gekreuzigten. Die ersten Missionare in Grönland glaubten, die Eingeborenen ständen auf einer zu niedrigen Stufe, um sogleich die Versöhnungslehre zu verstehen, deshalb fingen sie an, ihnen von dem Dasein Gottes und dergleichen zu erzählen. Solch trockener Unterricht brachte keinerlei Wirkung hervor, bis sie das Kapitel des Johannes übersetzten, in welchem das Wort steht: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Da fragte ein Grönländer: „Ist das wahr?“ und als der Missionar versicherte, es sei so, sagte er: „Nun, warum sagtet ihr uns dann das nicht gleich, denn das ist in der Tat eine gute Neuigkeit.“ Daß ein Gott ist, verkünden uns die Himmel; daß Gott Unrecht und Ungerechtigkeit strafen wird, bezeugt das Gewissen. Die sichtbare Schöpfung und das innerste Bewußtsein des Menschen erklären hinreichend, daß ein Gott ist und daß er gerecht ist; aber daß „Gott in Christo war und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen die Sünden nicht zu“, das ist etwas Neues, etwas, das die Weisheit menschlicher Natur niemals herausbuchstabiert hat; so, wenn die Aufmerksamkeit erregt werden soll, muß es durch die Verkündigung, die segensreiche Verkündigung der erlösenden Liebe sein. So war es mit vielen von uns. Wir wurden aus der Gleichgültigkeit herausgeliebt; in aufmerksames Hören hineingeliebt; die Liebe gewann unser Ohr für ihre liebliche Erzählung.

Nachdem wir so weit gekommen [sind], mit Interesse zuzuhören, lag uns trotzdem noch wenig daran, Täter des Wortes zu werden. Errettet zu werden, schien uns nicht sehr wichtig, aber wenn wir immer wieder und wieder von unseren Predigern und unseren Bibeln hörten, von „der großen Liebe, damit er uns geliebet hat“, da fingen wir an, erweckt zu werden. Die Liebe berührte unser Herz sowohl als unser Ohr. Wenn die Sonne die Blumen aufsucht, die sich in der kalten Erde verborgen haben, um dem hungrigen Winter zu entgehen, beginnt sie, dieselben aus ihrem Versteck hervorzurufen, indem sie auf sie scheint, und allmählich sagen sie: „Laßt uns die Bande unseres Schlafes zerbrechen; laßt uns die Erde in die Höhe heben, die uns bedeckt; und laßt uns zum Vorschein kommen, daß wir die liebe Sonne sehen, denn gewiß, sie ruft uns!“ Gerade so fühlten wir den lieblichen Einfluß, als die warmen Strahlen der Liebe auf uns zu fallen begannen in der Form von Einladungen, Klagen, Bitten und Belehrungen, und endlich sagten wir: „Wir wollen uns aufmachen und ihn suchen, der unsere Seele liebt, ob wir vielleicht durch ihn selig werden.“ Der Herr liebte uns heraus aus unserer Vernachlässigung des Heils. Unser Angesicht war auf die Sünde gerichtet und unser Rücken ihm zugekehrt, aber er liebte uns ganz herum, bis wir nicht anders konnten, als unser Antlitz Jesu zuwenden und der Sünde den Rücken kehren.

Ihr erinnert euch, Brüder, als ihr anfingt, den Herrn zu suchen. Die Liebe hatte euch so weit gebracht, aber ihr wart noch in die Idee verstrickt, daß es unnütz sei, auf Gnade zu hoffen - der Zweifel hing wie ein schweres Leichentuch über euch: ihr saßt „am Ort und Schatten des Todes“ und ihr wäret dort geblieben, wäret ihr nicht hineingeliebt worden in den Glauben. Es war euch geheißen, an Jesum zu glauben: es war des Evangeliums stehende Botschaft: „Glaube, so wirst du selig“; aber wie kamst du dahin, zu glauben, mein Bruder? Ich weiß, deine Antwort ist: „Er liebte mich in den Glauben hinein.“ Ich für mein Teil sah den großen Liebhaber der Menschen am Kreuzesstamme hängen in Blut und Todespein - es ward mir gesagt, es sei Liebe zu elenden Sündern, Liebe zu denen, die ihn haßten, Liebe zu seinen Mördern, weshalb er blute; und als ich es verstand, daß es Gott war, der da hing, um den Tod eines Verbrechers für unwürdige Menschen zu sterben - ich weiß nicht, wie es war, meine Brüder, aber plötzlich fühlte ich, daß ich nicht anders konnte als glauben. Die Liebe zwang mich zu glauben. Unglauben in der Gegenwart eines sterbenden Heilands, wenn dieses sterbenden Heilands Liebe wirklich verstanden wird, muß sicher unmöglich sein. Er, der Herr des Himmels, ohne den nichts gemacht ist, das gemacht ist, erniedrigte sich so, ein Diener Gottes und der Menschen zu werden, und gab dann sein Leben als Stellvertreter der Gottlosen, und das alles aus Liebe! Was für ein Wunder ist hier! Wer kann ungläubig bleiben solcher Liebe gegenüber? Heiland, wir müssen dir glauben. Es ist unvermeidlich, daß wir so tun! Deine Liebe hat uns in den Glauben hineingeliebt, und am Fuße des Kreuzes hoffen und trauen wir auf dich. Zu der Zeit, wo der Glaube in unser Herz kam, kam mit ihm die Schwester, welche ihn stets begleitet, nämlich die Buße. Geliebte, ich glaube, ihr müßt euch noch der Tage eurer Herzenshärtigkeit erinnern. Unserer einige waren sehr hart; der Diamant selbst ist Wachs, verglichen mit dem, was unsere Natur war. Der Mutter Tränen konnten uns nicht erweichen, noch des Vaters sorgenvolle Angst. Wie konnten wir die Sünde bereuen? Wie konnte ein Mühlstein fühlen oder ein Kieselstein weinen? Wenn wir das Evangelium uns sagen hörten: „Tut Buße und bekehrt euch“ - nun, der Befehl hätte eben so wohl an verdorrte Gebeine oder Marmorstatuen ergehen können. Wir waren nicht imstande, Buße zu tun. Wir liebten unsere Sünden; wir fanden sie süß; wir konnten uns nicht von ihnen kehren. Aber, o, gedenkt ihr daran, als ihr Buße tatet? Könnt ihr sagen, wie das zuging? Ich erinnere mich der Zeit, da meine Seele war wie der Fels in Horeb, denn lebendige Ströme rauschten von ihr; doch war es nicht, weil Mosis Stab sie geschlagen hatte, sondern weil Christi Liebesstimme zu ihr sprach und den Fels sogleich in Fluten auflöste! Seht des Sommers Sonne den Eisberg angreifen und besiegen, der von seiner nordischen Heimat flutet! Die rauhesten Winterstürme konnten diese ungeheure Eismasse nicht schmelzen, noch konnten tausend Orkane und Unwetter sie in Stücke brechen; aber die Sonne schoß ein eigentümliches Leben durch ihr Herz, sobald sie darauf lächelte, und jeder Strahl, der von dem schönen Gestirn des Tages fiel, traf wie ein Pfeil, bis zuletzt der Eisberg, der geheimnisvollen Glut nachgebend, seine Herzens-Härte verlor, von seiner kalten Höhe sank, in den warmen Golfstrom fiel und nicht mehr gefunden ward. War es nicht so mit euch, als Jesu Augen Liebe in euer Herz warfen? Wie unwiderstehlich waren seine segensvollen Pfeile! Wie tödlich euren Sünden! Wie vernichtend für euren Stolz! Ihr wart bald besiegt! Unser Gesang beschreibt es:

„Du hast gesiegt! Nimm, Herr, mich hin,
Die Gnade beugte meinen Sinn.
Ich will mich gänzlich dir ergeben;
Den Schrecken widerstand ich lang,
Doch Liebe ist's, die mich bezwang,
Wer kann der Liebe widerstreben!

Hätt'st du der Rache Blitz gesandt,
Den Donnerkeil von deiner Hand,
Ich hätte nicht vom Trotz gelassen,
Doch Gnade brach mein starres Herz,
Ich sah des Heilands Todesschmerz
Und lernte meine Sünde hassen.“

Wahrlich, wir wurden in die Buße hineingeliebt. Es wurden auch andere Mittel gebraucht, natürlich; das Gesetz donnerte und das Gewissen klagte uns an, aber die Hauptwaffe im ganzen Arsenal Gottes gegen unsere unwiedergeborenen Herzen ist die Liebe. Wir bekennen, daß er uns mehr als gewachsen ist, wir gestehen, daß wir von seiner Macht überwunden sind. Der Herr hat unsere Seelen aus dem Abgrund des Verderbens heraus, in den Stand des Heils, in dem wir uns jetzt befinden, hineingeliebt.

II.

Zweitens, laßt uns betrachten, daß wir hineingeliebt sind in die Förderung in der Gnade. Die große Triebkraft, die uns vorwärts drängt, ist immer diese selbe Liebe Gottes gewesen.

Laßt uns einige Minuten lang abschweifen und über die Liebe Gottes zu uns nachsinnen. Unsere Herzen werden in uns brennen, während wir daran denken. Es ist ganz sicher, meine lieben Brüder, daß ihr, die ihr an Jesum glaubt, persönlich der Gegenstand der Liebe des dreieinigen Jehovas seid. Ihr seid so sehr geliebt, wie ihr eure Kinder liebt oder wie der Bräutigam seine Braut liebt - nein, dies sind sehr schwache Bilder, denn ihr werdet unendlich von Gott geliebt. Gottes Herz tut nie etwas in schwächlicher Weise; seine Liebe ist stark und kräftig, denn es ist die Liebe eines allmächtigen Geistes. Denkt an die Worte Christi: „Gleichwie mich mein Vater liebet, also liebe ich euch.“ Wißt ihr, wie sehr der Vater den Sohn liebt? Könnt ihr euch davon irgend einen Begriff bilden? Schlägt euch der Versuch nicht fehl? „Also liebe ich euch“, sagt Jesus. Es gibt ein anderes Wort, über welches ich niemals zu predigen hoffen kann, ehe ich in den Himmel komme, und ich möchte dort darüber predigen, wenn da eine Kanzel zu haben ist. Es ist dieses: „Auf daß die Liebe, damit du mich liebest, sei in ihnen und ich in ihnen.“ O, es handelt sich nicht um Kleinigkeiten, wenn es sich um die Liebe Gottes zu euch handelt. Es ist nicht ein kleiner, unausgefüllter Winkel im Herzen Gottes, den er euch gibt, wie ihr vielleicht den verwahrlosten Kindern der Straße oder den Verbrechern im Gefängnis ein wenig Liebe zukommen laßt; sondern das große, unfaßbar weite Herz Gottes gehört jedem Christen so sehr, als wenn kein anderes Wesen in der Welt wäre, das Gott lieben könnte. Wie Jehova seinen Eingeborenen liebt, so liebt er jedes seiner Kinder.

Gedenkt ferner daran, denn es ist süß, daran zu denken, daß der Herr euch stets liebte. Es ist keine Neuerung für Gott, sein Volk zu lieben. Er liebte euch, ehe ihr geboren wart: In dem Spiegel seines Ratschlusses sah er euch; „alle eure Tage waren auf sein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner noch da war.“ Steht nicht geschrieben: „Der Herr ist mir erschienen von ferne: Ich habe dich je und je geliebt“? Die göttliche Liebe hat keinen Anfang. Jene Sterne sind Kindlein, deren Augen sich erst gestern dem Licht öffneten, und jene Berge sind Neugeborene, aber Gottes Liebe ist gleichen Alters mit seinem eigenen Dasein, und die Gegenstände derselben sind immer die nämlichen. Geliebte, die Liebe Gottes zu euch hat sich nie verändert. Er könnte euch nicht mehr lieben, er will euch nicht weniger lieben. Des Herrn Liebe wird niemals wechseln. O, glaubt es, meine Brüder, sie ist stets dieselbe. Was immer euch begegnen mag, oder durch welche Trübsale ihr auch zu gehen habt, mit derselben Liebe, womit er euch geliebt hat, wird er euch lieben von Ewigkeit zu Ewigkeit. Im Leben, im Tode und in der Ewigkeit seid ihr die Geliebten des Herrn, der sich nicht ändert. Die Liebe, welche keinen Anfang hatte, wird auch kein Ende kennen. Wäre es nur in meiner Macht, meine Brüder diese Tatsache fühlen zu lassen, daß sie so geliebt sind, es würde sie erheben, sie trösten und sie ganz entflammen mit Liebe zu Gott. Sinnt darüber nach und dann sage jeder zu sich selbst: „Jehova, der Ewige, der das Dasein durch sich selber hat, liebt mich; Jesus, der ewige König, der Unsterbliche, Unsichtbare, der Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst liebt mich: welche Seligkeit ist dies!“ O, ihr brauchtet keine Predigt, wenn ihr dies empfändet; ihr brauchtet viel eher einen Platz, wo ihr weinen und singen könntet, Tränen und Gesang miteinander mischen, während ihr in unaussprechlichem Entzücken badetet!

Nachdem ich euch so die Liebe Gottes in Erinnerung gebracht habe, will ich zum Text zurückkehren und wieder in Erwägung ziehen, daß ein Gefühl dieser Liebe bis hierher die Ursache aller unserer Förderung im göttlichen Leben gewesen ist, denn wir waren zuerst, nachdem wir errettet waren, doch noch im Abgrund des Verderbens, in dem Sinne, daß unsere natürliche Verdorbenheit mit uns um die Herrschaft stritt und uns zu Sklaven der Sündenliebe gemacht hätte, wenn die Gnade nicht eingeschritten wäre. Unser Herz ward durch Eitelkeit und Lüsternheit versucht, und die Freuden der Sünde strebten gleich Sirenen uns zu verlocken zu sicherem Untergang. Bist du nie als Christ in einem solchen Zustand gewesen, daß du zweifeln mußtest, ob du überall ein Christ seiest, so siedete und tobte deine angeborene Verderbtheit? Es mag sein, daß du noch niemals in den Krater des Vulkans der Sünde geblickt hast, der, glaube mir, in keinem von uns erloschen ist; aber wenn du je in seine fürchterlichen Tiefen geschaut hast und die Finsternis gesehen und das Aufkochen von Mord, Neid und Lüsten gehört, so hast du gesagt: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen?“ Nun, frage ich dich, wie bist du bisher der Sündenliebe und dem Zauber entgangen? Ich glaube, ich kann's dir sagen: Gott hat dich da herausgeliebt, dich hinweggeliebt von der Sünde Schönheiten und Verführungen. Wenn die teure Gottesliebe in die Seele kommt, hat der Mensch kein Herz mehr für die Sünde - „Sünde, wie kann ich dich lieben? Ich kann dich nicht ertragen, du hassenswertes Ding! Mein Gott, ich wünsche Vollkommenheit; ich schmachte nach Heiligkeit, nun ich weiß, daß ich dein Kind bin, dein Blut-Erkaufter, ein Glied an deines Sohnes Leib, dir ebenso lieb als er dir ist - ich fühle, daß ich jeden falschen Weg hasse. Hinweg, ihr Sünden, ich schreie um Rache gegen euch: ich möchte euch gerne alle töten.“

„Wenn du blickst auf Jesu Wunden,
Wird die Sünd' als Sünd' empfunden.“

Die Sünde wird schwarz und häßlich und verabscheut in dem Maße, wie Jesus in unseren Augen liebenswert erscheint. Wenn ihr die Sünde liebt, so ist es, weil ihr die Liebe Gottes nicht fühlt, denn wenn diese Liebe eure Seele erfüllt, müßt ihr die Sünde hassen. So liebt euch der Herr aus dieser Sündenliebe heraus.

Weiter, wir geraten in den Abgrund des Verderbens durch die Neigung unserer Seelen, Götzen nachzugehen. Wer unter uns ist nicht zur Abgötterei versucht worden? Mag sein, daß unser Weib oder ein liebes Kind unser Herz zu sehr gezogen. Zuweilen ist das Ziel unseres Ehrgeizes oder der Betrieb unseres Geschäftes beinahe unser Gott geworden. Unsere Füße haben fast gestrauchelt: wir haben Dagon oder Mammon in unserem Herzen aufgestellt. Es ist nicht leicht, in dieser Welt zu leben, und besonders, sich des Wohlstandes zu erfreuen und doch frei von Götzendienerei zu sein. Wie seid ihr und ich von den Götzen errettet? Nicht immer dadurch, daß sie zerbrochen wurden: das ist ein Heilmittel, zu welchem Gott nur langsam greift, obgleich er es gebrauchen wird, wenn wir widerspenstig bleiben: aber die wirksamste sowohl als die köstlichste Arznei, um Abgötterei zu heilen, ist, wenn die Liebe Gottes in unser Herz ausgegossen wird durch Jesum Christum. Gewinne einen Einblick in die Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Christi und dann wirst du sagen:

„Was frag' ich nach der Welt
Und allen ihren Schätzen,
Wenn ich mich nur an dir,
Herr Jesu, kann ergötzen!“

„Er ist auserkoren unter vielen Tausenden, er ist ganz lieblich.“ Wir können die Sterne nicht sehen, wenn die Sonne scheint. Unsere Lieben sind uns noch lieb, aber Christus ist uns viel lieber. Mir ist nicht bange für dich, lieber Bruder, daß du weltlich werdest, wenn du die Liebe Christi kennst, die alle Erkenntnis übertrifft. Mir ist nicht bange für dich, liebe Schwester, daß das Band der Ehe dich von der Heiligkeit wegleite oder daß deine mütterliche Liebe je eine Nebenbuhlerin deiner Liebe zu Jesu werde, wenn du weißt, wie teuer und lieblich er ist. Unsere Lieben sind uns eine köstliche Gabe, aber sie sind nichts verglichen mit ihm. Wir lieben sie, aber im Vergleich mit ihm gestellt, könnten wir Vater und Mutter, Bruder und Schwester hassen um seines Namens willen. Als ein gewisser Märtyrer verbrannt werden sollte, brachte man sein Weib und seine elf kleinen Kinder und hieß sie in einer langen Reihe niederknien und ihren Vater bitten, um ihretwillen seinen Glauben zu verleugnen und zu leben; aber während er sie eins nach dem anderen umarmte und am längsten bei der teuren Mutter ihrer aller weilte, sagte er: „Ich würde alles um euretwillen tun, meine Lieben, um mit euch zu leben, aber da es um Christi, meines Herrn willen ist, so muß ich mich selbst von euch losreißen.“ Wenn Jesus in der Seele ist, verlassen die Götzen ihren Thron. Er liebt uns aus dem Abgrund der Abgötterei heraus.

Es ist ein anderer Abgrund des Verderbens, in den Gottes Kinder zuweilen fallen, nämlich in den der Trägheit. Wir empfinden nicht immer gleichmäßig lebhaft für Gott und Göttliches. Wir sind sehr geneigt, uns von Gleichgültigkeit beschleichen zu lassen. Es gibt einen Teil der Straße zum Himmel, den John Bunyan als den bezauberten Boden beschreibt, wo eine starke Lust zum Schlafen alle Pilger überkommt. Einige Pilger meiner Bekanntschaft gehen so ziemlich immer auf diesem Teil des Weges und sind niemals ganz wach. Sehr wenige Christen werden durch die Geißel zum Fleiß und Eifer belebt; ich gebrauche die Peitsche mitunter ein wenig und meine daran recht zu tun, denn mein Meister würde mich nicht freisprechen, wenn ich Gläubige schlafen ließe, ohne sie zu warnen; aber ich bin gewiß, daß die einzige wirksame Kur für einen schlummernden Christen die ist, wenn die Liebe Christi in seinem Herzen ausgegossen wird; hierin spreche ich aus Erfahrung, denn ich habe gefunden, daß es das einzige ist, was mich lebendig machen kann. Ich denke über meine Pflichten nach, aber ich liebe sie darum nicht mehr; ich blicke auf das, was ich zu verantworten habe, aber es prägt sich mir dadurch kaum tiefer ein; aber wenn ich fühle, daß mein Herr mich erwählt hat, ehe der Welt Grund gelegt war, mich geliebt und sich für mich dargegeben, dann werde ich erweckt. Wenn ich seine dorngekrönte Stirn erblicke, wenn ich die Majestät seines Elends sehe, wenn er mir seine Hände, Füße und Seite zeigt und sagt: „Ich habe all dies für dich getan und bin bereit, noch mehr zu tun, denn du sollst bei mir sein, wo ich bin, daß du an meiner Herrlichkeit teilnehmest“, dann brauche ich weder Geißel noch Sporn, mich aufzustacheln, denn um der Liebe willen zu seinem Namen wird mein Herz gleich dem Wagen Amminadabs, schnell in der Pflicht, die Achsen rotglühend vor Eifer - meine Seele möchte fliegen wie der Wagen Gottes, wenn er auf den Flügeln des Windes daherfährt. Habt ihr nicht so gefühlt? Was für ein seliges Predigen, wenn das Herz von der Empfindung der Liebe glüht! Was für ein frohes Lehren in der Sonntagsschule, wenn ihr wißt, daß Jesus euch liebt! Was für ein wonnevolles Ding ist es, Opfer zu bringen, von eurem Vermögen zu geben, zu ertragen und zu leiden, wenn ihr erst die Liebe Christi in eurer Seele brennen fühlt!

Ebenso verhält es sich mit dem abscheulichen Abgrund der Selbstsucht und Selbstachtung, des Stolzes und Sich-selbst-Suchens, in den unsere Füße so leicht gleiten. Geliebte, wir sind immer etwas, wenn Christus nichts ist; wir sind immer nichts, wenn Christus uns alles in allem ist. Wir können nicht die niedrigeren Werke für Christum tun, wenn unsere schlechten Herzen von Selbstgefälligkeit aufgeblasen sind; aber wenn wir nur einmal seine Schönheit schauen, dann fühlen wir, daß wir nicht würdig sind, die Riemen seiner Schuhe zu lösen. Wir wissen gut genug, daß wir kein Recht haben, stolz zu sein oder harte Arbeit zu scheuen und unsere Gemächlichkeit zu suchen; wir wissen es und verdammen uns selbst um dieses Unrechts willen; aber wir beharren darin bis zu dem Augenblick, wo die Liebe Gottes in die Seele kommt, dann werden wir frei davon - dann hassen wir uns wirklich dafür, daß wir jemals irgend etwas, das für Christus getan werden konnte, für schwer halten. Ich schäme mich, zu euch kühl über eine Sache zu reden, die wie Feuer in meinen eigenen Gebeinen ist. Ich bitte den Herrn indessen, es in euren Seelen auch wie Feuer zu machen. Die Liebe Christi ist die beste Kur für Selbstsucht.

Und ebenso sehr ist sie eine Kur für Verzagtheit und Unglauben. Welcher Abgrund des Verderbens ist der Unglaube, ein Abgrund, in dem wir sonderbare Stimmen von künftigen Schrecken hören, während ungesehene Befürchtungen für die Gegenwart hin und her fliegen mit schrecklichem Getön. „Ich kann nicht glauben, ich kann nicht vertrauen“, sagt der Mann; aber wenn die Liebe Gottes ausgegossen ist in sein Herz, ist es leicht genug zu glauben. Er fragt sich: „Wie kann ich mißtrauen? Ich weiß, was Christus am Kreuz für mich tat, wie kann ich zweifeln? Das Herrn Führung wird nicht unfreundlich sein, denn es ist unmöglich, daß er diejenigen verlassen sollte, deren Namen er in seine Hände gezeichnet hat.“ Gott schilt sein Volk nicht aus dem Unglauben heraus, sondern liebt es heraus: er gibt ihnen so süße Feste in dem Haus seiner Gemeinschaft, „er erquickt uns mit Blumen und labt uns mit Äpfeln“ (Hohelied 2, 5), daß wir bald die Krankheit des Unglaubens abschütteln.

Mancher Knecht Gottes kann Zeugnis ablegen, daß der Herr uns aus unserer Ungeduld herausliebt. Wenn er voller Schmerzen war, dachte er, daß Gott hart mit ihm verführe, aber wenn die Liebe ihn erinnerte, daß alle Dinge zum Besten dienen, hat er den Schmerz freudig ertragen und sich seiner Schwachheit gerühmt. Mit einem Wort: Leiden einige von euch an irgend einer geistlichen Krankheit? Ist irgend eine Sünde zu stark für euch? Erscheint irgend eine Tugend so hoch, daß ihr sie nicht erreichen könnt? Siehe, ich will euch heute morgen ein Führer sein und euch einen Pfad zeigen, auf dem ihr von der Sünde frei werden und zu den höchsten Höhen der Gnade emporsteigen könnt. Seht ihr jenen schmalen Steig, jenen gesegneten Fußpfad? Es ist ein Pfad, den die Liebe gemacht hat, folgt ihm und ihr werdet hinkommen, wo ihr wünscht. Nicht da, nicht da, wo Moses sagt, ihr müßt; nicht da, nicht da, wo die Furcht spricht, wenn ihr es nicht tut, werdet ihr umkommen; nicht da, wo das Gewissen euch beunruhigt und schreckt, sondern hier, wo Jesus sich euch zeigt und spricht: „Ich habe mich dir vermählt; du bist meine Braut, du bist ganz mein eigen: Ich liebe dich mehr als ich mich selber liebe, denn ich schonte meiner selbst nicht, sondern starb für dich. Ich will dich lieben, wie groß deine Schwachheit und Sünde auch sein mag; ich will dich lieben, bis ich dich gewaschen und rein gemacht habe; und dann will ich dich mir selbst darstellen „ohne Flecken oder Runzel oder des etwas.“ Ich ziehe dich, aber du kommst nicht, wie du solltest; indessen, ich will dich immer noch ziehen, bis ich dich von dir selber und deiner Sünde und deiner Torheit hinweggezogen habe. Ich will dich ziehen und dich ziehen und dich ziehen, bis ich dich hinaufgezogen zu meiner Rechten, und da sollst du bei mir sein für immer!“ Geliebte, ihr könnt alles tun, wenn ihr dies fühlt; ihr könnt nichts tun, wenn ihr dies nicht fühlt. Verliert eure Empfindung von Jesu Liebe und die Kraft der Religion ist weg. Ihr habt das Leben gestohlen, wenn ihr die Liebe hinweggenommen habt. O, glaubt es, wißt es, betet darum; Geist Gottes, laß sie es fühlen und alles wird möglich sein, sowohl im Ertöten der Sünde als im Erfüllen der Pflicht. Ich habe oft gefühlt, als wäre ich eine bloße Fläche von Schmutz, gleich den schlammigen Watten am Ufer des Meeres, wenn die Flut vorüber ist. Seht ihr nicht, so weit das Auge reichen kann, eine große Masse von Schlamm, mit schwarzem Gestein, faulendem Meergras, Schiffstrümmern, unzähligem kriechenden Getier und solchen schmutzigen Dingen, wie sie das Auge nie wieder zu sehen wünscht? Was soll man mit dieser schrecklichen Masse tun? Hier liegen die Fischerboote eingeklemmt in den Schlamm, was wird sie wieder flott machen? Es würde unmöglich sein, sie bis an die See zu ziehen, müssen sie dort liegen und verfaulen? Was soll man mit diesem Schlamm und Unkraut machen? Warte und sieh, zu der bestimmten Zeit dringt das Meer vor, Welle nach Welle, Woge nach Woge steigt es und breitet sich aus wie ein blanker Spiegel, wo eben jetzt noch alles schmutzig war; und sieh! Jene Schiffe werden emporgehoben - sie schwimmen auf dem Wasser gleich lebenden Wesen, während alles, was faul war, in der Mittagssonne vergessen ist und die Wellen einander folgen in dem beständigen Funkeln des silbernen Glanzes. O Herr, du bist das Meer der Liebe - deine Erbarmungen sind die Wellen der Güte, laß sie kommen und meine Seele überfluten; erhebe dich mit der grenzenlosen Macht der Liebe und bedecke meine ganze Natur. Ich hoffe, der Herr wird so mit euch allen tun, wenn nicht durch diese Predigt, so durch ein anderes Mittel. Ruht nimmer, bis ihr euch dieser Liebe erfreut, und wenn ihr es tut, bewahrt sie. Wenn ihr meinen Freund findet, so haltet ihn und laßt ihn nicht gehen, bis ihr ihn in seiner Mutter Haus zu seinen Brüdern bringt. Wenn es wohl mit euch steht, bitte ich euch, tut Fürsprache für mich beim König, daß er um seines Volkes willen mich, seinen Diener erhalten wolle in dem Lichte seines Angesichts, denn da ist Stärke und da ist Kraft für das Amt und für alles andere außerdem.

III.

Diese Liebe, welche uns aus der Natur in die Gnade hinein geliebt, hat noch ein anderes Werk zu tun. Der Herr will uns aus der Gnade in die Herrlichkeit lieben. Ich weiß, was euch in stillen Stunden manchmal beunruhigt. Ihr denkt an den Übergang über „des Todes schmalen Strom“, wie unser Gesang ihn nennt. Du bist in vorgerückten Jahren und weißt, der Tod muß bald kommen. Der Gedanke an ihn drückt dich darnieder, und du brauchst dich dessen nicht zu wundern, denn Gott hat uns allen ein Gesetz der Selbsterhaltung eingepflanzt, das uns das Leben lieb macht. Die Natur schaudert vor dem Grab; aber wenn immer deine Natur vor dem Sterben zurückbebt, gedenke an deinen treuen Gott und sei versichert, daß er dich durch den Tod hindurch lieben wird. Du wirst hindurch getragen werden durch die Kraft der Liebe. Eins von den Dingen, weshalb der Tod dich ängstigt, ist dies: du fürchtest den Schmerz. Nun bedenke, es ist kein Schmerz in dem Tode, der Schmerz ist im Leben: Wenn ein Mensch stirbt, ist der Schmerz des Lebens zu Ende: Der Tod tötet den Schmerz, er erzeugt ihn nicht. Fürchtet ihr die Schmerzen, welche mit dem Tode verbunden sind? Habt ihr nicht schon Schmerz erduldet und seid imstande gewesen, ihn zu vergessen, weil die göttliche Liebe euch beistand? Die Liebe Gottes, bekenne ich, hat oft als das allerbeste Heilmittel gegen Qualen gewirkt. Das Bittere ward vergessen in der Süßigkeit der Gemeinschaft mit Gott. Wer sagt, daß es keinen Gott, keinen Christum, keinen Himmel gibt? Wir haben dies alles gesehen. Unser Auge hat es geschaut; - nicht dieses schwache Sehorgan, das nur gemacht wurde, um ein paar Dinge in dieser dunklen Welt auszuspähen; aber unser inneres Auge, das am besten sieht in dem seligen Sonnenlicht der Ewigkeit - mit diesem Auge haben wir Gott geschaut, und der Genuß dieser wonnevollen Erscheinung hat alle Schwachheit des Fleisches bezwungen und über die Qualen des Körpers hinweg gehoben. Nun, Christ, das ists, was Gott an dir tun wird, wenn es mit dir ans Sterben geht: Er wird dich auf Adlers Flügeln empor tragen, so daß du mit jenem alten Heiligen sagen wirst: „Ist dies Sterben? Nun, es ist der Mühe wert zu leben, nur um die Freude eines solchen Todes zu haben“, und doch war er nicht frei von Schmerz - er war über den Schmerz hinweg geliebt.

Aber ihr sagt: „Mein Kummer ist die Trennung von lieben Freunden.“ Du meinst, es wird ein scharfer Stich durchs Herz sein, von Weib und Freund zu scheiden. So würde es sein; aber wenn Jesus an deinem Lager steht und sich dir heller offenbart, als er es je zuvor getan, wirst du dich wegwenden von Weib, Kindern und Freunden und sagen: „O Herr, laß mich bei dir sein, wo du bist, denn meine Seele ist von dir mehr hingenommen als von diesen.“ Du mußtest neulich abend deinem Knaben ein wenig Arznei geben, die einen widrigen Geschmack hatte, aber du mischtest sie mit etwas Süßem und er schmeckte das Bittere nicht. So werden die Schmerzen der Trennung vermischt sein mit der Süßigkeit, Jesum zu sehen, und du wirst nicht trauern. Es ist ein seliges Wort: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“, als wenn er nur gleich einem schwarzen, grausamen Tropfen in den Becher getan wäre und dann der Sieg hinein gegossen als ein herrlicher Wein und du den bitteren Tropfen ganz hinunter tränkest, ehe du darum gewahr würdest. Die Heiligen werden nicht wissen, daß sie sterben, sondern nur, daß sie den Sieg gewonnen haben!

„O, aber ich fürchte den Tod selbst“, sagt einer: „es ist nicht die Trennung von Freunden, noch der Schmerz, sondern ich scheue den Tod selbst.“ O Seele, wenn Jesus kommt, dich zu holen, so wirst du gar nichts vom Tod wissen. Er wird dich in den Himmel lieben. In einem Augenblick wird er dich umarmen und du wirst mit ihm sein. Jene Lippen, die wie Rosen sind, „die mit fließenden Myrrhen triefen“, werden dich hinweg küssen und du wirst unter den Lobgesängen der Engel sein in einem Augenblick! Du wirst den Tod nicht sehen, du wirst nur deinen Herrn sehen! Da wird kein Gerippe sein mit einer Sichel, dich niederzumähen, sondern eine teure Hand der Liebe, um dich aufzunehmen und dich in des Vaters Schoß zu bringen:

„Ein leiser Hauch die Fessel bricht,
Wir wissen kaum, daß du entflohn,
Wenn dein erlöster Geist im Licht
Schon jauchzend steht vor Gottes Thron.“

Die Rabbinen sagen, daß Gott Moses Seele mit einem Kuß hinweg nahm. So war es, ich zweifle nicht daran, denn so tut er mit all seinen Heiligen: Er küßt sie in den Himmel hinein. „Du hast meine Seele aus dem Abgrund des Verderbens heraus geliebt.“

Nun, wenn wir, ihr und ich, im Himmel stehen, unser unwürdiges Haupt mit der Krone geschmückt und die Palmen schwingend mit diesen Händen, welche Seligkeit wird unser sein! Hier laßt uns stehen auf diesem kristallenen Felsen einen Augenblick und hinunter blicken in den Abgrund des Lichts. Da, lehne dich hinüber, du brüderlicher Geist, und schaue mit festem Blick hinab. Sieh, wie die Sterne und die Sonne gleich Glühwürmern schimmern tief drunten; wie gering ist ihre Hoheit, verglichen mit der unsrigen in diesen erhabenen Stätten! Blicke noch tiefer nieder und schaue in jene furchtbare Finsternis, in jenen tiefen Schlund, über dem die Flammen des endlosen Zorns leuchten, immer von Neuem das Feuer der Strafe anfachend. O, wenn wir auf diesen himmlischen Höhen stehen und den Ewigen anblicken ohne Furcht und dann tief unter uns die äußerste Finsternis und das unauslöschliche Feuer sehen, sollen wir Ihm nicht laut lobsingen, „der unsere Seele aus dem Abgrund des Verderbens heraus geliebt hat“? Ja, wir wollen laut und immer lauter und lauter und lauter singen, und keine Cherubim und Seraphim sollen uns jemals in der Fülle des dankbaren Preises übertreffen. Preis und Ehre, und Ruhm und Macht sei ihm, dessen Name Liebe ist, der all seine Liebe auf seine Auserwählten ausgegossen und uns von dem Abgrund des Wehes errettet hat. Sein Name sei gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit. O, meine Hörer, werdet ihr alle diese Liebe kennen? Werdet ihr alle von ihr singen? Werdet ihr alle imstande sein, zu sagen: „Er liebte mich aus dem Abgrund des Verderbens“? Ihr könnt es sagen, ihr werdet es sagen, wenn ihr an Jesum glaubt.

Amen.

Quelle: Spurgeon, Charles Haddon - Die Botschaft des Heils 1875

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