Kierkegaard, Sören - Die Krankheit zum Tode - Beilage

Daß die Definition der Sünde die Möglichkeit des Ärgernisses enthalte; eine allgemeine Bemerkung über das Ärgernis

Der Gegensatz Sünde / Glaube ist der christliche; ist der, der alle ethischen Begriffsbestimmungen christlich umbildet, vertieft und verschärft. Ihm liegt das entscheidend christliche „vor Gott“ zugrunde; welche Bestimmung wieder das entscheidende Kriterium des Christlichen enthält: das Absurde, das Paradox und die Möglichkeit des Ärgernisses. Und daß dies bei jeder Bestimmung des Christlichen nachgewiesen werde, ist von äußerster Wichtigkeit, da das Ärgernis die Schutzwehr des Christlichen gegen alle Spekulation bildet. Wo liegt nun hier die Möglichkeit des Ärgernisses? Darin, daß ein Mensch die Realität haben soll als einzelner Mensch vor Gott da zu sein; und daß also (was daraus folgt) die Sünde des Menschen Gott beschäftige. Dies „der einzelne Mensch vor Gott“ bekommt die Spekulation nie ihren Kopf; sie verallgemeinert bloß die einzelnen Menschen phantastisch zum Geschlecht. Eben darum erfand auch ein ungläubiges Christentum daß Sünde eben Sünde sei; ob sie vor Gott sei oder nicht, tue ja nichts zur Sache. Das will sagen: man wollte die Bestimmung „vor Gott“ weghaben, und dazu erfand man eine höhere Weisheit, die jedoch sonderbarerweise weder mehr noch weniger war als was die höhere Weisheit meist ist: das alte Heidentum.

Es wird oft genug davon geredet, daß man sich am Christentum ärgere weil es so dunkel und düster sei, oder weil es so streng sei usw.; da darf und muß doch auch einmal gezeigt werden, warum man sich eigentlich am Christentum ärgert: darum nämlich weil es zu hoch ist; weil das Maß, womit es mißt, nicht der Mensch ist; weil es den Menschen zu etwas so Außerordentlichem machen will daß er es nicht fassen kann. Eine ganz einfache psychologische Entwicklung, was unter Ärgernis zu verstehen sei, wird dies erklären / und sie wird zugleich zeigen, wie unendlich töricht man sich benahm, wenn man das Christentum so verteidigte daß man das Ärgernis entfernte; wie dumm und frech man da Christi eigene Anweisung ignorierte, der oft und so bekümmert vor dem Ärgernis warnt, d.h. selbst darauf hinweist daß dessen Möglichkeit da ist und da sein soll / denn soll sie nicht da sein, gehört sie nicht wesentlich mit zum Christlichen, so ist es ja menschlicher Unsinn von Christus, dem Gottmenschen, daß er, statt sie wegzunehmen, bekümmert vor ihr warnt.

Wenn ich mir einen armen Tagelöhner denke und den mächtigsten Kaiser der je gelebt hat, und dieser mächtigste Kaiser bekäme plötzlich den Einfall, einen Boten zu dem Tagelöhner zu schicken, in dessen Herz nie der Gedanke aufgestiegen war daß der Kaiser von seinem Dasein wisse, der sich unbeschreiblich glücklich preisen würde wenn er den Kaiser bloß einmal sehen dürfte, der das dann Kindern und Kindeskindern als die wichtigste Begebenheit seines Lebens erzählen würde / wenn der Kaiser also zu diesem Tagelöhner einen Boten schickte und ihn wissen ließe daß er ihn zu Schwiegersohn haben wolle: was dann? Dann würde der Tagelöhner, wenn er es als Mensch menschlich nimmt, etwas verlegen (vielmehr sehr verlegen) werden und sich geniert fühlen; es würde ihm wie etwas höchst Sonderbares, etwas Verrücktes vorkommen, worüber er am allerwenigsten zu einem anderen Menschen reden dürfe, da er selbst schon in seinem stillen Sinn nicht weit von der Erklärung ist auf die alle Nachbarn und Bekannten sofort verfallen würden, nämlich: daß der Kaiser ihn zum Narren halten wolle; so daß er zum Gelächter für die ganze Stadt würde, in die Witzblätter käme und die Geschichte von seiner Vermählung mit des Kaisers Tochter auf dem Jahrmarkt verkauft würde. Eine kleine Gunsterweisung nämlich würde der Tagelöhner fassen können, die würde auch in der Kleinstadt, wo er wohnt, verstanden werden / von dem hoch geehrten gebildeten Publikum, von den alten Weibern, von allen 500 000 Einwohnern jener Kleinstadt, die hinsichtlich der Volksmenge sogar eine sehr große Stadt sein mag, dagegen in Hinsicht auf Sinn und Verstand für das Außerordentliche so klein wie irgendeine Kleinstadt ist / aber das mit dem Schwiegersohn werden, das ist viel zu viel.

Doch ist ja der Bote des Kaisers gekommen in seiner bekannten Livree; und es muß sich ja bald in weiteren äußeren Tatsachen zeigen ob es dem Kaiser mit seiner Absicht Ernst ist: das kann den Tagelöhner ermutigen, in aller Bescheidenheit zu glauben der Kaiser könne ihn doch nicht bloß zum besten haben wollen. Gesetzt aber, es sei gar nicht von einer äußeren Tatsache die Rede, nur von einer inneren; so daß also kein Faktum dem Tagelöhner zur Gewißheit verhelfen kann, sondern der Glaube selbst das einzige Faktum ist; so daß also alles dem Glauben überlassen ist: ob dann jener Mann genug demütigen Mut hat, das Unglaubliche zu glauben? Denn frecher Mut kann zum Glauben nicht helfen. Wie viele Tagelöhner gäbe es dann wohl die diesen Mut hätten? Wer aber diesen Mut nicht hätte würde sich ärgern; das Außerordentliche würde ihm wie ein Spott über ihn klingen. Er würde dann vielleicht offen und ehrlich eingestehen: „so etwas ist mir zu hoch; ich kann es nicht fassen; und (daß ich es gerade heraussage) es ist eine Torheit.“

Und nun das Christentum! Das Christentum lehrt, daß dieser einzelne Mensch (und so jeder einzelne Mensch, was er sonst auch sein mag: Mann, Weib, Dienstmädchen, Minister, Kaufman, Barbier, Student usw.), daß dieser einzelne Mensch vor Gott da ist. Dieser einzelne Mensch, der vielleicht stolz darauf sein würde wenn er in seinem Leben einmal mit dem Könige geredet hätte; dieser Mensch, der sich nicht wenig darauf einbildet daß er mit diesem und jenem nur etwas Vornehmeren auf vertrautem Fuße steht: dieser Mensch ist vor Gott da, kann jeden Augenblick, wann er will, mit Gott reden, und sicher sein von ihm gehört zu werden; kurz, diesem Menschen wird angeboten mit Gott auf dem vertrautesten Fuße zu leben! Und weiter, um dieses, auch um dieses Menschen willen kommt Gott zur Welt, läßt sich gebären, leidet, stirbt; und dieser leidende Gott bittet und fleht beinahe diesen Menschen an, doch die Hilfe anzunehmen die ihm angeboten wird! Wahrhaftig, gibt es etwas worüber man den Verstand verlieren kann, so ist es dies! Jeder, der nicht den demütigen Mut hat daß er das zu glauben wagt, ärgert sich daran. Weshalb? Weil es ihm zu hoch ist; weil er es nicht fassen kann; weil er dazu keine Freimütigkeit gewinnen kann. Deshalb muß er es weghaben, vernichten, in Verrücktheit und Unsinn verwandeln. Es ist als erstickte es ihn.

Denn was ist Ärgernis? Ärgernis ist unglückliche Bewunderung. Es ist daher mit Mißgunst verwandt. Aber es ist eine Mißgunst die sich gegen den Mißgünstigen selbst wendet; in der man (noch genauer genommen) gegen sich selbst am schlimmsten ist. In seiner Engherzigkeit kann sich der natürliche Mensch das Außerordentliche nicht gönnen, das Gott ihm zugedacht hat; da ärgert er sich.

Das Grad des Ärgernisses hängt nun davon ab, wie viel Leidenschaft zum Bewundern jemand hat. Prosaischere Menschen ohne Phantasie und Leidenschaft, die also auch nicht recht zum Bewundern taugen, ärgern sich wohl auch; aber sie beschränken sich darauf zu sagen: „so etwas kann ich nicht begreifen, darauf lasse ich mich nicht ein.“ Das sind die Skeptiker. Aber je mehr Leidenschaft und Phantasie ein Mensch hat, je näher er also in gewissem Sinne (nämlich in der Möglichkeit) daran ist ein Glaubender zu werden (NB. sich anbetend unter das Außerordentliche zu demütigen): desto leidenschaftlicher wird das Ärgernis. Da hilft zuletzt nur ausrotten, vernichten, in den Kot treten.

Will man das Ärgernis verstehen lernen, so studiere man die menschliche Mißgunst, ein Studium, das ich als ein Extrapensum aufgebe und selbst gründlich getrieben zu haben mir einbilde. Mißgunst ist versteckte Bewunderung. Ein Bewunderer der fühlt daß er durch Hingebung nicht glücklich werden kann, greift zur Mißgunst gegen das was er bewundert. Nun redet er eine andere Sprache; in seiner Sprache heißt es nun: das (was er eigentlich bewundert) sei gar nichts, sei etwas Dummes, Fades, Sonderbares und Überspanntes. Bewunderung ist glückliche Selbsthingabe, Mißgunst unglückliche Selbstbehauptung.

So auch mit dem Ärgernis; denn was im Verhältnis zwischen Mensch und Mensch Bewunderung und Mißgunst ist, das ist im Verhältnis zwischen Gott und Mensch Anbetung und Ärgernis. Summa summarum aller menschlichen Weisheit ist dies „goldene“ (in Wirklich ist es doch nur Talmi) ne quid nimis: „zu wenig und zu viel verdirbt alles Spiel.“ Dies gilt im Verkehr zwischen Mann und Mann als Weisheit und wird mit Bewunderung honoriert. Sein Kurs schwankt nie; seinen Wert garantiert die ganze Menschheit. Ab und zu lebt einmal ein Geist der ein wenig darüber hinausgeht, der wird (von den Klugen!) für töricht erklärt. Aber das Christentum macht über dieses ne quid nimis hinaus einen Riesenschritt in das Absurde hinein; da beginnt das Christentum / und das Ärgernis.

Man sieht nun, wie außerordentlich (damit doch etwas Außerordentliches bleibe), wie außerordentlich dumm es ist das Christentum zu verteidigen; wie wenig Menschenkenntnis das verrät; wie man (ob auch unbewußt) mit dem Ärgernis unter einer Decke steckt, wenn man das Christliche zu etwas so Kümmerlichem macht daß es am Ende durch eine Verteidigung gerettet werden könnte. Darum ist es gewiß und wahr: wer zuerst erfand das Christentum in der Christenheit zu verteidigen, ist de facto Judas Numero 2; auch er verrät mit einem Kuß; nur daß sein Verrat aus Dummheit geschieht. Etwas verteidigen heißt immer es disrekommandieren. Laß einen ein ganzes Haus voll Gold haben; laß ihn bereit sein jeden einzelnen Dukaten den Armen zu geben / aber laß ihn dabei so dumm sein, dieses sein wohltätiges Vorhaben mit einer Verteidigung zu beginnen, worin er sein Recht dazu mit drei Gründen nachweist: und es wird nicht viel fehlen, daß die Leute es zweifelhaft finden ob er wirklich etwas Gutes tue. Aber nun das Christliche. Ja, wer es verteidigt hat nie daran geglaubt. Glaubt er, so ist die Begeisterung seines Glaubens / nicht eine Verteidigung, nein, Angriff und Sieg; ein Glaubender ist ein Sieger.

So verhält es sich mit dem Christlichen und dem Ärgernis. Die christliche Definition der Sünde muß die Möglichkeit des Ärgernisses enthalten; und die liegt auch ganz richtig in dem „vor Gott“. Der Heide, der natürliche Mensch, ist ganz bereit einzuräumen daß es Sünde gibt; aber dieses „vor Gott“ (was doch eigentlich die Sünde erst zur Sünde macht), das ist ihm viel zu viel. Das heißt ihm (wenn auch auf andere als auf die hier ausgeführte Weise) viel zu viel aus dem Menschen machen; etwas weniger, so ist er bereit darauf einzugehen / aber „zu viel ist zu viel“.

Zweites Kapitel - Die sokratische Definition der Sünde

Sünde ist Unwissenheit. Dies ist, wie bekannt, die sokratische Definition; die wie alles Sokratische immer eine beachtenswerte Instand ist. Jedoch ist es diesem Sokratischen gegangen wie so manch anderem Sokratischen: man hat das Bedürfnis empfunden weiter zu gehen. Wie unzählig viele haben nicht das Bedürfnis empfunden über die sokratische Unwissenheit hinaus zu gehen / vermutlich weil sie fühlten, daß es ihnen eine Unmöglichkeit war bei ihr stehenzubleiben. Wieviele gibt es wohl in jeder Generation, die es auch nur einen Monat aushalten würden in der sokratischen Unwissenheit zu leben?

Ich will daher die sokratische Definition keineswegs damit abfertigen daß man bei ihr nicht stehenbleiben könne; sondern ich will sie, das Christliche in mente, dazu benutzen dieses in seiner Schärfte darzustellen. Eben weil die sokratische Definition so echt griechisch ist, muß sich neben ihr (wie immer) jede andere Definition, die nicht im strengsten Sinne christlich ist, als bloße Halbheit verraten.

Das Mißliche bei der sokratischen Definition ist nun, daß sie unbestimmt läßt, wie die Unwissenheit selbst, ihr Ursprung usw. näher zu verstehen ist. In gewissem Sinne läßt sich ja gar nicht leugnen daß Sünde Unwissenheit ist (oder was das Christentum vielleicht lieber Dummheit nennen würde): aber ist dies dann eine ursprüngliche Unwissenheit, so daß der Betreffende von der Wahrheit nie etwas gewußt hat und bisher nie etwas hat wissen können? oder ist es eine erst später eingetretene, von dem Menschen produzierte Unwissenheit? Im letzteren Fall muß ja die Sünde eigentlich in etwas anderem stecken als in der Unwissenheit; nämlich in der Tätigkeit des Menschen, mit der er daran gearbeitet hat seine Erkenntnis zu verdunkeln.

Aber auch wenn dies angenommen wird, kommt die hartnäckige und sehr zählebige Mißlichkeit wieder; mit der Frage nämlich, ob der Mensch in dem Augenblick wo er seine Erkenntnis zu verdunkeln begann, sich dessen daß er dies tat deutlich bewußt war. War er sich dessen nicht deutlich bewußt, so war ja die Erkenntnis schon etwas verdunkelt ehe er mit dem Verdunkeln begann; und die Frage, ob seine Unwissenheit eine ursprüngliche oder erst später eingetretene war, ist nur zurückgeschoben. Nimmt man dagegen an, daß er, als er seine Erkenntnis zu verdunkeln begann, sich dessen deutlich bewußt war, so liegt ja die Sünde (ob sie gleich Unwissenheit ist, insofern als diese das Resultat bildet) nicht in der Erkenntnis, sondern im Willen, und dann fragt es sich wie sich Erkenntnis und Wille zueinander verhalten. Auf solches alles (und man könnte tagelang so weiter fragen) läßt sich die sokratische Definition eigentlich nicht ein. Sokrates war allerdings Ethiker; aber er beginnt mit der Unwissenheit. Intellektuell tendiert er nach der Unwissenheit: daß man nichts wisse. Ethisch versteht er unter Unwissenheit etwas ganz anderes und beginnt dann mit ihr. Daher kommt er in die ganze Untersuchung mit der das Christentum beginnt gar nicht hinein; kommt in das Prius nicht hinein, in welchem die Sünde sich selbst voraussetzt, und das im Dogma von der Erbsünde christlich erklärt wird (zu welchem Dogma wir jedoch in dieser Untersuchung nur wie zu einer Grenze kommen).

Sokrates kommt daher eigentlich gar nicht dazu die Sünde zu bestimmen (was freilich bei einer Definition der Sünde eine Mißlichkeit ist). Wieso? Ist die Sünde Unwissenheit, so ist eigentlich gar keine Sünde da; Sünde ist ja gerade Bewußtsein. Ist es Sünde daß man das Richtige nicht weiß, so daß man deshalb das Unrichtige tut, so ist keine Sünde da. Ist dies Sünde, so wird ja angenommen (was auch Sokrates annahm), daß der Fall nicht eintrete, daß einer der das Recht wisse das Unrechte tue, oder wenn er wisse daß etwas unrecht ist, dieses Unrechte tue. Ist also die sokratische Definition der Sünde richtig, so gibt es gar keine Sünde. Aber sieh, dies, gerade dies ist christlich ganz in der Ordnung und in tieferem Sinne ganz richtig; ist in christlichem Interesse das quod erat demonstrandum. Das wodurch das Christentum sich am entscheidendsten qualitativ vom Heidentum unterscheidet ist eben die Sünde, die Lehre von der Sünde; und deshalb nimmt das Christentum auch ganz konsequent an, daß weder das Heidentum noch der natürliche Mensch weiß was Sünde ist; ja, es nimmt an, daß eine Offenbarung von Gott nötig ist, um offenbar zu machen was Sünde ist. Nicht bildet nämlich, wie eine oberflächliche Betrachtung annimmt, die Lehre von der Versöhnung den qualitativen Unterscheid zwischen Heidentum und Christentum; nein, man muß viel tiefer einsetzen: mit der Sünde, mit der Lehre von der Sünde; wie es das Christentum auch tut. Was für ein gefährlicher Einwand wäre es daher gegen das Christentum, wenn das Heidentum eine Definition der Sünde hätte die das Christentum als richtig anerkennen müßte!

Welche Bestimmung fehlt nun Sokrates, wenn er die Sünde bestimmt? Der Wille, der Trotz! Die griechische Intellektualität war zu glücklich, zu naiv, zu ästhetisch, zu ironisch, zu witzig / zu sündig, um fassen zu können daß jemand das Gute zu tun mit Bewußtsein unterläßt, oder mit Bewußtsein (mit dem Wissen vom Rechten) das Unrechte tut. Die Gräzität statuiert einen intellektuellen kategorischen Imperativ.

Die darin enthaltene Wahrheit darf man durchaus nicht übersehen, muß sie vielmehr in Zeiten wie den unsrigen einschärfen. Da sich diese in sehr viel leeres, unfruchtbares Wissen verlaufen haben, ist es freilich jetzt (ganz wie zu Sokrates‘ Zeit, und nur noch mehr) nötig daß die Menschen ein wenig sokratisch ausgehungert werden. Alle diese Beteuerungen, daß man das Höchste verstanden und begriffen habe, sind zum Lachen und zum Weinen, wie auch die Virtuosität, mit der viele (und in gewissem Sinne ganz richtig) dieses Höchste in abstracto darzustellen wissen; das ist zum Lachen und Weinen, wenn man sieht daß all dieses Wissen und Verstehen gar keine Macht über das Leben der Menschen ausübt, so daß dieses nicht in entferntester Weise ausdrückt was sie verstanden haben, sondern eher das Gegenteil. Beim Anblick dieses ebenso traurigen wie lächerlichen Mißverhältnisses ruft man unwillkürlich aus: aber wie in aller Welt ist es doch möglich daß sie es verstanden haben? ist es auch wahr daß sie es verstanden haben? Hier antwortet jener alte Ironiker und Ethiker: „O, mein Lieber, glaube das ja nicht! Sie haben es nicht verstanden! Denn hätten sie es in Wahrheit verstanden, so drückte ihr Leben auch aus, so täten sie auch, was sie verstanden hätten.“

Also ist verstehen und verstehen zweierlei? Ganz gewiß; und wer dies verstanden hat (jedoch, wohl zu merken, nicht selbst wieder so, daß er es / nicht versteht!), der ist eo ipso in alle Geheimnisse der Ironie eingeweiht. Gerade dieser Widerspruch beschäftigt die Ironie. Das komisch zu nehmen daß ein Mensch wirklich etwas nicht weiß, ist eine sehr niedrige Art Komik und unter der Würde der Ironie. Darin liegt doch eigentlich nichts Komisches, daß es Menschen gegeben hat, die annahmen, die Erde stehe still / wenn sie es nicht besser wußten. Vermutlich wird es unserer Zeit einer physikalisch besser unterrichteten Zeit gegenüber wieder ähnlich gehen. DA stößt ja das sich Widersprechende gar nicht auf einander (was nur in einem und demselben Menschen geschehen kann); ein solcher Widerspruch ist also nicht wesentlich und also auch nicht wesentlich komisch. Nein, aber daß ein Mensch das Richtige sagt / und es also verstanden hat; und wenn er dann handeln soll das Unrichtige tut / und also zeigt daß er es nicht verstanden hat: das ist unendlich komisch. Es ist unendlich komisch, wenn ein Mensch durch eine Schilderung des Edelmuts, der das Leben für die Wahrheit hingibt, bis zu Tränen gerührt wird / um im nächsten Augenblick, eins, zwei, drei, wupti, fast noch mit Tränen in den Augen, so gut er kann der Unwahrheit zum Siege zu verhelfen. Es ist unendlich komisch, daß ein Redner mit Wahrheit in Stimme und Mimik, tiefergriffen und tiefergreifend, das Wahre erschütternd darstellen, allem Bösen und allen Mächten der Hölle unter die Augen treten kann, mit einem Aplomb in der Haltung, einer Unerschrockenheit im Blick, einer Unfehlbarkeit in den Schritten, die bewunderungswürdig ist / es ist unendlich komisch, daß er in demselben Augenblick, noch das Schwert des Geistes in der Rechten, der geringsten Unannehmlichkeit feig und furchtsam aus dem Wege laufen kann. Es ist unendlich komisch, daß einer die ganze Wahrheit davon verstehen kann wie kleinlich und erbärmlich die Welt ist / daß er das verstehen kann, und dann nicht wiedererkennt was er verstanden hat; denn fast in demselben Augenblick geht er selbst hin und tut in derselben Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit mit, nimmt wenn sie ihn ehrt Ehre von ihr an, erkennt sie also an. O, wenn ich einen sehe der versichert, er habe vollständig verstanden wie Christus in der Gestalt eines geringen Knechtes einherging, arm, verachtet, verspottet, angespuckt / und wenn ich dann denselben Menschen sich so sorgsam dahin wenden sehe wo es einem weltlich wohl geht, und sich dort aufs sicherste einrichten; wenn ich ihn sehe, wie er so ängstlich als handelte sich’s ums Leben jedem ungünstigen Windhauch von rechts oder links ausweicht; wenn ich ihn darüber daß er bei allen, bei allen in Ehre und Ansehen steht, so vergnügt, so glückselig sehe, ja so heilfroh daß er dafür sogar seinem Heiland (das fehlt gerade noch) gerührt dankt: dann habe ich oft zu mir selbst und bei mir selbst gesagt: „Sokrates, Sokrates, Sokrates, sollte es möglich sein, daß dieser Mensch verstanden hat was er verstanden zu haben behauptet?“ So habe ich gesagt, und habe zugleich gewünscht Sokrates möge recht haben. Denn es ist mir doch als wäre das Christentum zu streng; und ich kann es auch nicht in Einklang mit meiner Erfahrung bringen, einen solchen Menschen als einen Heuchler hinzustellen. Nein, Sokrates, dich kann ich verstehen; du machst ihn zu einem Spaßvogel, zu einem lustigen Bruder / und machst ihn zu einer Beute für das Gelächter und hast nichts dagegen (es findet sogar deinen Beifall), daß ich ihn komisch anrichte und serviere / vorausgesetzt nämlich daß ich es gut mache.

Sokrates, Sokrates, Sokrates! Ja, man muß deinen Namen schon dreimal nennen, und es wäre nicht zuviel ihn zehnmal zu nennen, wenn es nur etwas helfen könnte. Man meint, die Welt brauche eine neue Gesellschaftsordnung und eine neue Religion; aber niemand denkt daran, daß unsre gerade durch das viele Wissen verwirrte Welt einen Sokrates braucht. Doch freilich, dächte einer daran, oder dächten gar viele daran, dann wäre er weniger nötig. Was eine Verirrung am meisten braucht ist immer das woran sie am wenigsten denkt / wie sich von selbst versteht: sonst wäre es ja keine Verirrung.

Also eine solche ironisch-ethische Korrektion könnte unsere Zeit sehr gut brauchen; sie ist vielleicht das Einzige was ihr not tut / denn sie ist offenbar das, woran sie am wenigsten denkt. Es täte uns ungemein not, daß wir, anstatt weiter als Sokrates zu gehen, auf dieses Sokratische zurückkämen daß verstehen und verstehen zweierlei ist / nicht als zu einem Resultat mit dem die Sache abgemacht wäre, in dessen Besitz man den Unterscheid zwischen verstehen und verstehen gerade ignorieren könnte, sondern als zu einer Aufgabe des praktischen Lebens.

Die sokratische Definition hilft sich also so. Wenn einer das Rechte nicht tut, so hat er es auch nicht verstanden; sein Verstehen ist eine Einbildung; seine Versicherung daß er es verstanden habe beweist nur, daß er was er verstanden haben will mißversteht / und um so gründlicher mißversteht, je besser er es verstanden haben will. Aber dann ist ja die Definition richtig. Tut einer das Rechte, so sündigt er doch wohl nicht; und tut er das Rechte nicht, so hat er es auch nicht verstanden; hätte er es in Wahrheit verstanden, so würde es ihn bewegen es zu tun, würde ihn zum Repräsentanten seiner Wahrheit machen: ergo ist die Sünde Unwissenheit.

Wo steckt da die Mißlichkeit? Sie steckt darin, daß eine dialektische Bestimmung des Übergangs vom Verstehen zum Tun fehlt. Bei diesem Übergange setzt nun das Christliche ein; und dann zeigt es daß die Sünde im Willen liegt, und kommt zum Begriff des Trotzes; und um dann das Ende richtig festzumachen fügt es endlich das Dogma von der Erbsünde hinzu. Um das Ende fest zu machen: denn das Geheimnis der Spekulation besteht eben darin, daß sie näht ohne das Ende zu befestigen und ohne in den Faden einen Knoten zu machen; darum kann sie, wunderbar, immerfort nähen, d.h. den Faden durchziehen. Das Christentum dagegen befestigt das Ende durch das Paradox.

In der reinen Idealität, wo vom einzelnen wirklichen Menschen keine Rede ist, ist der Übergang notwendig (im System geht ja auch alles mit Notwendigkeit vor sich), ist also mit dem Übergang vom Verstehen zum Tun gar keine Schwierigkeit verbunden. Dies ist die Gräzität (doch nicht das Sokratische; dazu ist Sokrates zu sehr Ethiker). Und ganz dasselbe ist eigentlich das Geheimnis der ganzen neuen Philosophie; „cogito ergo sum“; Denken ist Sein. Christlich heißt es dagegen; „dir geschehe wie du glaubst“; oder: „wie du glaubst, so bist du“; Glauben ist Sein. So sieht man, daß die neuere Philosophie weder mehr noch weniger ist als Heidentum. Dies ist nun jedoch nicht das Schlimmste; mit Sokrates verwandt zu sein ist nicht das Geringste. Aber das ganz Unsokratische in der neueren Philosophie ist, daß sie sich und uns einbilden will dies sei Christentum.

In der Welt der Wirklichkeit dagegen, wo vom einzelnen, wirklichen Menschen die Rede ist, geht dieser winzige Übergang vom Verstandenhaben zum Tun nicht immer cito citissime vor sich, nicht „geschwind wie der Wind“. Im Gegenteil, da hat er eine weitläufige Geschichte.

Im Geistesleben ist kein Stillstand (eigentlich auch kein Zustand; da ist alles Aktualität). Wenn also ein Mensch nicht in derselben Sekunde wo er das Recht erkannt hat es tut / ja so kommt fürs erste die Erkenntnis aus dem Kochen. Und dann ist die Frage, was der Wille zum Erkannten meint. Der Wille ist etwas Dialektisches und begreift auch die ganze niedere Natur des Menschen in sich. Gefällt dieser nun das Erkannte nicht, so folgt daraus zwar nicht, daß der Wille sofort das Gegenteil von dem tut was die Erkenntnis verstand (so starke Gegensätze kommen wohl ziemlich selten vor): aber der Wille läßt einige Zeit hingehen. Es entsteht also ein Interim; es heißt: „Wir wollen es doch noch bis morgen mit ansehen“. Darüber wird die Erkenntnis immer dunkler, und das Niedere siegt immer mehr; denn ach, das Gute muß sofort getan werden, sofort wenn es erkannt ist (und darum geht es in der reinen Idealität mit dem Übergange vom Denken zum Sein so leicht: da geschieht alles sogleich), aber das Niedere hat seine Stärke im Hinziehen. Der Wille sieht dabei durch die Finger: will er es nicht gerade, so ist er doch auch nicht dagegen. Und wenn dann die Erkenntnis gehörig dunkel geworden ist, so können Erkenntnis und Wille einander besser verstehen; zuletzt stimmen sei ganz zusammen: denn nun ist die Erkenntnis auf die Seite des Willens übergegangen und erkennt, daß es ganz richtig ist wie er will. So lebt eine große Menge Menschen; da ihre ethische und ethisch-religiöse Erkenntnis sie in Entscheidungen und Konsequenzen hinausführen will welche das Niedere in ihnen nicht liebt, arbeiten sie so sachte daran sie zu verdunkeln. Dafür erweitern sie ihre ästhetische und metaphysische Erkenntnis, was ethisch betrachtet und beurteilt Zerstreuung ist.

Doch mit all dem sind wir noch nicht weiter als bis zum Sokratischen gekommen; denn (würde Sokrates sagen) geschieht dies, so zeigt es ja, daß ein solcher Mensch das Rechte doch nicht verstanden hat. Das will sagen: das Griechentum hat nicht den Mut, auszusprechen daß einer mit Wissen, mit dem Wissen vom Rechten, das Unrechte tue; da hilft es sich und sagt: wenn einer das Unrechte tut, hat er das Rechte nicht verstanden.

Ganz richtig, und weiter kann ein Mensch auch nicht kommen; ein Mensch kann, weil er in der Sünde ist, nicht durch sich selbst und von sich selbst sagen was Sünde ist. Sein ganzes Reden von der Sünde ist im Grunde Beschönigung der Sünde; eine Entschuldigung, eine sündige Abschwächung. Darum setzt das Christentum auch damit ein, daß nur eine Offenbarung von Gott den Menschen darüber aufzuklären vermag was Sünde ist: nämlich nicht, daß der Mensch das Rechte nicht verstanden hat, sondern daß er es nicht verstehen will, es nicht will.

Schon über den Unterschied von nicht verstehen können und nicht verstehen wollen erklärt Sokrates eigentlich nichts; dagegen ist er durch sein Operieren mit dem Unterschied zwischen Verstehen und Verstehen der Großmeister für alle Ironiker. Er erklärt: wer das Rechte nicht tut, der hat es auch nicht verstanden; das Christentum aber geht weiter zurück: daß er das Rechte nicht verstanden hat, kommt daher weil er das Rechte nicht verstehen will, und dies wieder daher weil er das Rechte nicht will. Und dann lehrt er es, daß ein Mensch das Rechte zu tun unterlasse obgleich er es verstanden habe, oder gar (im eigentlichen Trotz) das Unrechte tue obgleich er das Rechte verstanden habe. Kurz, die christliche Lehre von der Sünde ist lauter Anzüglichkeit, Beschuldigung über Beschuldigung; ist die Anklage, die sich das Göttliche gegen den Menschen zu erheben erlaubt.

Aber kann ein Mensch dieses Christliche begreifen? Keineswegs, es ist ja auch das Christliche, also zum Ärgernis. Es muß geglaubt werden. Begreifen kann der Mensch im Bereich des Menschlichen; das Göttliche muß er glauben. Wie erklärt das Christentum dies Unbegreifliche? Ganz konsequent auf eine ebenso unbegreifliche Weise: es ist geoffenbart.

Christlich verstanden liegt also die Sünde im Willen, nicht in der Erkenntnis; und diese Verderbtheit des Willens geht über das Bewußtsein des einzelnen hinaus. Dies ist das ganz Konsequente; sonst müßte sich ja bei jedem Einzelnen die Frage erheben, wie die Sünde begonnen habe.

Hier ist dann wieder das Merkmal des Ärgernisses. Die Möglichkeit des Ärgernisses liegt darin, daß eine von Gott kommende Offenbarung nötig sein soll, den Menschen darüber aufzuklären was Sünde ist und wie tief sie steckt. Der natürliche Mensch, der Heide, denkt etwa so: „Es mag wohl sein daß ich nicht alle Dinge im Himmel und auf Erden verstanden habe; muß es eine Offenbarung geben, so mag sie uns über das Himmlische Aufschluß geben; daß aber eine Offenbarung nötig wäre um uns über die Sünde aufzuklären, hat doch gar keinen Sinn. Ich gebe mich nicht für einen vollkommenen Menschen aus, durchaus nicht; das aber weiß ich doch (und bin auch bereit es einzugestehen), wie weit ich von der Vollkommenheit entfernt bin: sollte ich also nicht wissen was Sünde ist?“ Aber das Christentum antwortet: „Nein, gerade das weißt du am allerwenigsten, wie weit du von der Vollkommenheit entfernt bist und was Sünde ist.“ / Sieh, in dem Sinne ist freilich die Sünde, christlich verstanden, Unwissenheit; sie ist Unwissenheit darüber was Sünde ist.

Die Definition der Sünde, die im vorigen Kapitel gegeben wurde, muß daher noch so vervollständigt werden: Sünde ist, daß man, nachdem man durch eine Offenbarung Gottes darüber aufgeklärt worden ist worin Sünde besteht, vor Gott verzweifelt nicht man selbst sein will oder verzweifelt man selbst sein will.

Drittes Kapitel - Daß die Sünde keine Negation sei, sondern eine Position

Daß dies so sei, dafür hat die Orthodoxie beständig gekämpft und jede Definition der Sünde, die diese zu etwas bloß Negativem, zu Schwachheit, Sinnlichkeit, Endlichkeit, Unwissenheit u. dgl. machte, als pantheistisch abgewiesen. Die Orthodoxie hat sehr richtig gesehen daß die Schlacht hier geschlagen werden muß; oder (um an das Vorhergehende zu erinnern), daß hier das Ende befestigt werden und Widerstand geleistet werden muß. Die Orthodoxie hat richtig gesehen, daß das ganze Christentum ohne Halt ist wenn die Sünde negativ bestimmt wird. Deshalb schärft die Orthodoxie ein, daß eine Offenbarung von Gott den gefallenen Menschen lehren muß was Sünde ist, und daß dann diese Lehre, ganz konsequent, geglaubt werden muß, da sie ein Dogma ist. Und das versteht sich, das Paradox, der Glaube und das Dogma, diese drei Bestimmungen bilden eine Allianz, die der sicherste Halt und das festeste Bollwerk gegen alle heidnische Weisheit ist.

So die Orthodoxie. Durch ein sonderbares Mißverständnis hat dann eine sogenannte spekulative Dogmatik, die sich freilich in bedenklicher Weise mit der Philosophie einläßt, diese Bestimmung, daß die Sünde eine Position sei, begreifen zu können gemeint. Läßt sich aber die Sünde begreifen, so ist sie eine Negation. Das Geheimnis in allem Begreifen ist, daß das Begreifen selbst höher ist als alle Position die es setzt. Der Begriff setzt eine Position; indem diese aber begriffen wird, wird sie negiert. Hierauf doch selbst bis zu einem gewissen Grade aufmerksam hat die spekulative Dogmatik keine andere Hilfe gewußt, als daß sie (was sich freilich für eine philosophische Wissenschaft wenig schickt) ein Detachement von Versicherungen auf den kritischen Punkt warf. Man versichert das eine Mal feierlicher als das andere daß die Sünde eine Position sei, und daß es Pantheismus und Rationalismus und Gott weiß was sei, aber jedenfalls etwas was die spekulative Dogmatik abschwöre und verabscheue, wenn man sage die Sünde sei bloß eine Negation / und dann geht man dazu über, zu begreifen daß die Sünde eine Position ist. Das will sagen, sie ist doch nur bis zu einem gewissen Grade Position / bis zu dem Grade, daß man ihre Positivität doch noch begreifen kann.

Und dieselbe Zweizüngigkeit der Spekulation zeigt sich dann auch an einem anderen Punkte, doch mit Beziehung auf dieselbe Sache. Die Bestimmung der Sünde, oder wie die Sünde bestimmt wird, ist entscheidend für die Bestimmung der Reue. Da es nun so spekulativ ist von der Negation der Negation zu reden, so geht es nicht anders: die Reue muß die Negation der Negation sein / und so wird ja die Sünde die Negation. / Es wäre übrigens zu wünschen, daß einmal ein nüchterner Denker deutlich machte, wie weit das rein Logische, das in der Grammatik seine Gültigkeit hat (die Verneinung der Verneinung ist Bejahung) und in der Mathematik (Minus mal Minus gibt plus), wie weit dieses Logische in der Welt der Wirklichkeit, der Qualitäten gilt; ob die Dialektik der Qualitäten nicht überhaupt eine andere ist; ob der „Übergang“ hier nicht eine andere Rolle spielt. Für die Betrachtung sub speciae aeterni gibt es ja keine Zeit: darum ist da alles und ein Übergang ist überflüssig; darum ist da die Negation der Negation eo ipso (ohne Weiteres, ohne Übergang) Position. Aber die Wirklichkeit auf diese Weise zu betrachten, das ist doch beinahe Wahnsinn. Man kann auch ganz in abstracto sagen: auf das Imperfektum folgt das Perfektum. Wenn aber in der Welt der Wirklichkeit jemand daraus schließen würde, ein Werk das er nicht vollendete (ein imperfectum) werde eo ipso, ohne Weiteres, ohne Übergang, vollendet (ein perfectum): der wäre ja doch wohl verrückt. So aber steht es auch mit der Position der Sünde, wenn das Medium worin sie poniert wird das reine Denken ist: dies Medium ist viel zu flüchtig als daß es mit der Position Ernst werden kann.

Doch solches alles beschäftigt mich hier nicht. Ich halte beständig nur an dem Christlichen fest, daß die Sünde eine Position ist / doch nicht als ob sich das begreifen ließe, sondern als an einem Paradox das geglaubt werden muß. Dies ist in meinen Gedanken das Richtige. Wenn man bloß alle Versuche zu begreifen als sich selbst widersprechend aufzeigen kann, so bekommt die Sache ihre rechte Stellung: so wird nämlich klar, daß das Christliche dem Glauben überlassen werden muß: dem also, ob einer glauben will oder nicht. / Ich kann gut begreifen (was auch durchaus nicht zu göttlich ist als daß es begriffen werden könnte), daß einer, der nun einmal durchaus begreifen muß und nur von dem etwas hält was sich für begreifbar ausgibt, dies sehr ärmlich findet. Wenn aber das ganze Christentum daran hängt daß es geglaubt und nicht begriffen werden soll, daß man also entweder es glauben oder sich daran ärgern soll: ist es dann so verdienstlich, begreifen zu wollen? Ist es verdienstlich, oder ist es nicht eher Unverschämtheit oder Gedankenlosigkeit, das begreifen zu wollen was nicht begriffen werden will? Wenn ein König die Idee hat ganz wie ein einfacher Mann behandelt werden zu wollen, ist es auch dann das Richtige, ihm die sonst übliche, dem König gebührende Huldigung zu erweisen? Oder heißt das nicht gerade gegen den Willen des Königs seine eigene Meinung behaupten und tun wie man selbst will, anstatt sich zu beugen? Oder ob dann wohl dem Könige ein Mensch um so mehr gefiele, je erfinderischer er wäre ihm untertänige Ehrerbietung zu erweisen? je erfinderischer er also wäre, gegen seinen Willen zu handeln? / Mögen denn andre den bewundern und preisen der das Christliche begreifen zu können behauptet; ich betrachte es geradezu als eine ethische Aufgabe (die vielleicht nicht so wenig Selbstverleugnung erfordert), in so spekulativen Zeiten, wo alle „die anderen“ geschäftig sind das Christliche zu begreifen, da einzugestehen daß man es weder begreifen kann noch begreifen soll. Doch ist dies freilich gerade das, was die Zeit, was die Christenheit braucht: nämlich etwas sokratische Unwissenheit gegenüber dem Christlichen. Aber wohl zu merken: etwas „sokratische“ Unwissenheit. Laßt uns nie vergessen (doch wie viele sind es wohl, die es jemals recht gewußt oder bedacht haben?), daß Sokrates‘ Unwissenheit eine Art Gottesfurcht und Gottesdienst war (sie brachte auf griechisch das Jüdische zum Ausdruck, das Gottesfurcht der Anfang der Weisheit ist). Laßt uns nie vergessen, daß er gerade aus Ehrerbietung vor der Gottheit unwissend war und die andern der Unwissenheit überführte. Soweit ein Heide das konnte, hielt er als Richter auf der Markscheide zwischen Gott und Mensch Wache, darüber wachend daß die Kluft der Qualitätsverschiedenheit zwischen Gott und Mensch befestigt bleibe, damit Gott und Mensch nicht so philosophice, poetice auf eins hinauslaufe. Sieh, darum war Sokrates der Unwissende, und darum kannte ihn die Gottheit als den der am meisten wußte. Wenn aber nun das Christentum lehrt daß all das Christliche nur für den Glauben da ist: so wird es gerade eine sokratische, gottesfürchtige Unwissenheit sein, die den Glauben durch ihr Nichtwissen vor der Spekulation schützt; darüber wachend, daß die Kluft der Qualitätsverschiedenheit zwischen Gott und Mensch befestigt bleibe, wie sie es im Paradox und Glauben ist, damit Gott und Mensch nicht noch schrecklicher als im Heidentum so philosophice, poetice auf eins hinauslaufe / im System.

Nur von einer Seite aus kann ich hier beleuchten daß die Sünde eine Position ist. Im vorhergehenden Abschnitt ist in der Darstellung der Verzweiflung beständig eine Steigerung nachgewiesen. Der Ausdruck für diese Steigerung war teils die Potenzierung des Selbstbewußtseins in der Verzweiflung, teils daß sich diese vom Erleiden zur bewußten Handlung potenzierte. Beides ist in seiner Vereinigung wieder der Ausdruck dafür, daß die Verzweiflung nicht von außen, sondern von innen kommt. Und in demselben Grade ist sie ja auch mehr und mehr ponierend. Aber nach der aufgestellten Definition der Sünde gehört zur Sünde, daß das Selbst durch die Vorstellung von Gott unendlich potenziert und damit die Sünde zur restlos bewußten, freien Tat wird. Darin erst kommt entscheidend zum Ausdruck daß die Sünde eine Position ist, und daß sie vor Gott ist, ist das Positive an ihr.

Übrigens hat die Bestimmung daß die Sünde eine Position ist auch in einem ganz anderen Sinne die Möglichkeit des Ärgernisses, das Paradoxe, in sich. Das erweist sich in der Lehre von der Versöhnung. Erst geht das Christentum hin und setzt die Sünde als Position so fest daß es der menschliche Verstand nie begreifen kann; und dann ist es wieder dieselbe christliche Lehre, die es auf sich nimmt, diese Position so wegzuschaffen daß es der menschliche Verstand nie begreifen kann. Die Spekulation, die die Paradoxe wegschwatzt, läßt auf beiden Seiten etwas ab / so geht es leichter; sie macht die Sünde nicht ganz so unbegreiflich positiv, und sie läßt die Sünde auch nicht ganz so unbegreiflich vergessen sein. Das Christentum aber, der erste Erfinder des Paradoxen, zeigt sich auch hier so paradox wie möglich. Es arbeitet sich gleichsam selbst entgegen, indem es die Sünde als Position so festsetzt daß es nun als eine vollständige Unmöglichkeit erscheint sie wieder wegzubringen; und dann ist es gerade das Christentum, das die Sünde wieder, durch die Versöhnung, so ganz wegschaffen will als wäre sie ins Meer versenkt.

Beilage zu A - Wird die Sünde aber so nicht in gewissem Sinne zu einer großen Seltenheit? (die Moral)

Im ersten Abschnitt wurde daran erinnert, daß die Verzweiflung um so seltener in der Welt vorkommt je intensiver sie ist. Aber nun ist ja die Sünde die noch einmal qualitativ potenzierte Verzweiflung: so muß sie wohl ganz selten sein? Sonderbare Schwierigkeit! Das Christentum stellt alles unter die Sünde; wir haben das Christliche so streng wie möglich darzustellen gesucht: und dann ergibt sich dies eigentümliche Resultat: dies eigentümliche Resultat, daß sich ja die Sünde im Heidentum gar nicht findet, nur im Judentum und Christentum, und da wohl wieder sehr selten.

Doch ist dies, aber nur in einem Sinne, so ganz richtig. „Nachdem man durch eine Offenbarung Gottes erfahren hat was Sünde ist, da, vor Gott, verzweifelt nicht man selbst, oder verzweifelt man selbst sein wollen“, das heißt sündigen; und ganz gewiß, es ist selten, daß ein Mensch so entwickelt, sich selbst so durchsichtig ist daß dies auf ihn paßt. Was folgt dann aber daraus? Ja, darauf muß man wohl achten; denn hier ist eine eigene dialektische Wendung. Daraus, daß ein Mensch nicht in intensiverem Sinne verzweifelt ist, folgt ja nicht daß er nicht verzweifelt ist. Im Gegenteil, es wurde ja gezeigt, daß die meisten, bei weitem die meisten Menschen verzweifelt sind, nur in einem niedrigeren Grade der Verzweiflung. Und so ist es auch mit der Sünde. Das Leben der meisten Menschen ist freilich (indifferent, wie es ist / sogar in der Christenheit) so weit vom Guten (vom Glauben) entfernt, daß es fast zu geistlos ist um Sünde genannt zu werden. Doch ist damit die Sache nicht erledigt: Sünde ist es doch. Wie geht es denn zu, daß das Leben des Menschen so geistlos wird? Ist das etwas was dem Menschen nur so widerfährt? Nein, es ist seine eigne Schuld. Mit Geistlosigkeit wird kein Mensch geboren; und wie viele sie auch im Tode als die einzige Ausbeute des Lebens mit sich bringen / es ist nicht die Schuld des Lebens.

…Es muß gesagt werden (und so rückhaltlos wie möglich), daß die sogenannte Christenheit (in der so alle, millionenweise, ohne weiteres Christen sind; so daß es da ebenso viele, gerade ebenso viele Christen gibt wie Menschen) nicht bloß eine klägliche Ausgabe des Christlichen ist, voll von sinnstörenden Druckfehlern und gedankenlosen Auslassungen und Zusätzen, sondern ein Mißbrauch des Christentums: daß man es eitel genommen hat. In einem kleinen Lande werden wohl in jeder Generation kaum drei Dichter geboren; aber Pfarrer gibt es genug, mehr als befördert werden können. Bei einem Dichter redet man davon ob der Beruf hat; um Pfarrer zu werden genügt es in der Meinung der Leute (also der Christen), daß man das Examen gemacht hat. Und doch ist ein wahrer Pfarrer etwas noch Selteneres als ein wahrer Dichter; und doch gehört das Wort „Beruf“ ursprünglich dem Göttlichen an. Aber ein Dichter zu sein, davon hat man in der Christenheit doch noch eine Vorstellung bewahrt: daß das etwas sei; und daß es Sinn habe dabei von einem Beruf zu reden. Dagegen ist Pfarrer zu sein in den Augen der Menschen (also der Christen) von jeder erhebenden Vorstellung verlassen, ein Lebensberuf in puris naturalibus, ohne das geringste Mysteriöse. Man ist Pfarrer von „Beruf“, wie man von „Beruf“ Kaufmann, Advokat, Buchbinder, Tierarzt ist.

Ach, und das Schicksal dieses Wortes in der Christenheit ist wie ein Motto für deren ganzes Christentum. Das Unglück ist nicht daß das Christliche nicht gesagt würde (so besteht ja das Unglück auch nicht darin, daß nicht genug Pfarrer da wären); aber es wird so gesagt, daß die Menge der Menschen schließlich gar nichts dabei denkt (gleichwie diese Menge bei einem Pfarrer an nichts anderes denkt als an eine gewisse Beschäftigung zum Zweck eines gewissen Einkommens); so daß also das Höchste und Heiligste gar keinen Eindruck mehr macht, sondern in ihren Ohren wie etwas klingt was nun einmal (Gott weiß warum) wie so vieles andere Brauch und Sitte geworden ist. Was Wunder da, daß man, anstatt sein eignes Verhalten unverantwortlich zu finden, es für nötig findet das Christentum zu verteidigen!

Ein Pfarrer sollte doch wohl ein Glaubender sein. Und ein Glaubender! Ein Glaubender ist doch wohl ein Verliebter; ja der von allen Verliebten am meisten Verliebte ist doch, im Vergleich mit einem Glaubenden, in Bezug auf Begeisterung nur ein grüner Junge. Denke dir nun einen Verliebten. nicht wahr, er würde imstande sein, tagaus, tagein, so lang der Tag ist und die Nacht dazu, von seiner Liebe zu reden. Aber glaubst du, es könnte ihm einfallen, glaubst du nicht, es käme ihm abscheulich vor, so davon zu reden, daß er aus drei Gründen zu beweisen suchte daß Verliebtsein doch etwas bedeute? gar das höchste Glück sei? Ungefähr also, wie wenn der Pfarrer aus die Gründen beweist daß beten nützlich sei, ja eine Seligkeit die allen Verstand übersteigt wird aus drei Gründen bewiesen, die, wenn sie sonst etwas taugen, doch wohl nicht allen Verstand übersteigen, und es gerade im Gegenteil dem Verstande einleuchtend machen müssen daß diese Seligkeit keineswegs allen Verstand übersteigt: „Gründe“ liegen ja doch wohl im Gebiet des Verstandes. Nein, für das was allen Verstand übersteigt / und für den der daran glaubt, bedeuten drei Gründe nicht mehr als drei Flaschen oder drei Hirsche. / Und nun weiter, glaubst du, es werde einem Verliebten einfallen seine Liebe zu verteidigen? also einzuräumen, daß sie ihm nicht das Absolute ist, unbedingt das Absolute, sondern mit Einwänden behaftet gegen die er sie verteidigen müsse? Das heißt: glaubst du, er könne oder wolle einräumen daß er nicht verliebt sei? sich verraten daß er nicht verliebt sei? Und wenn man einem Verliebten so zu reden vorschlagen würde, glaubst du nicht, er würde diesen Vorschlag für verrückt halten? er würde, wenn er neben seiner Liebe zugleich etwas von einem Beobachter hätte, gegen den der ihm diesen Vorschlag machte den Verdacht fassen, daß er nie gewußt habe was Liebe ist, oder ihn verleiten wolle seine Liebe dadurch zu verraten, zu verleugnen, daß er sie verteidige? Das leuchtet doch ein: wer wirklich verliebt ist, dem kann es nie einfallen dies aus drei Gründen rechtfertigen oder verteidigen zu wollen; denn er ist, was mehr als alle Gründe und jede Verteidigung ist: er ist verliebt. Und wer so was tut ist nicht verliebt, gibt sich bloß für einen Verliebten aus / und unglücklicher- oder glücklicherweise so dumm, daß er nur sich selbst verrät.

Gerade so aber wird von „gläubigen“ Pfarrern vom Christentum gesprochen: entweder „verteidigt“ man es; oder „begründet“ man es; oder macht man sich gar damit wichtig es spekulativ zu „begreifen“. Das nennt man dann predigen; und man hält es in der Christenheit schon für etwas Großes, daß so gepredigt wird und man so was anhört…

B. Die Fortsetzung der Sünde

In Sünde sein ist neue Sünde; oder, wie es genauer ausgedrückt werden müßte und im Folgenden ausgedrückt werden wird: der Zustand in Sünde ist die neue Sünde, ist die Sünde. Dies erscheint dem Sünder vielleicht als eine Übertreibung; er erkennt höchstens jede neue Tatsünde als eine neue Sünde an. Die Ewigkeit aber, die sein Konto führt, muß den Zustand in der Sünde als neue Sünde aufführen. Sie hat nur zwei Rubriken, und „alles was nicht aus dem Glauben kommt ist Sünde“ (Röm. 14,23). Jede unbereute Sünde ist eine neue Sünde; und jeder Augenblick den sie unbereut ist, ist neue Sünde. Wie selten aber ist ein Mensch der ein zusammenhängendes Bewußtsein von sich selbst hat! Meistens haben die Menschen nur momentweise, nur bei größeren Entscheidungen ein Bewußtsein von sich selbst: das Alltägliche kommt nicht in Betracht; so einmal in der Woche sind sie eine Stunde lang auch so Geist / freilich eine ziemlich bestialische Weise Geist zu sein. Aber die Ewigkeit, die die wesentliche Kontinuität ist, fordert vom Menschen Kontinuität des Lebens im Glauben, also Kontinuität bewußten Seins als Geist. Dem entspricht, daß auch die Sünde nicht bloß eine gelegentliche Unterbrechung des Lebens im Glauben ist, sondern eine Totalität die ihre Kontinuität hat / die Kontinuität des Wegs zum Verderben. Der Sünder aber ist so in der Macht der Sünde, daß er sich dessen nicht bewußt wird. So bringt er bloß jede einzelne neue Sünde in Anschlag, durch die er gleichsam auf dem Wege der Verlorenheit von neuem in Gang kommt; ganz als ginge er nicht auch im vorhergehenden Augenblick auf diesem Wege, mit der Triebkraft aller der vorhergehenden Sünden. Die Sünde ist ihm so natürlich oder zur zweiten Natur geworden daß er das Alltägliche ganz in der Ordnung findet, und nur jedesmal einen Augenblick stutzt wenn er durch neue Sünde sozusagen von neuem in Gang kommt. Er ist in Verlorenheit blind dafür, daß sein Leben, anstatt im Glauben, vor Gott, die wesentliche Kontinuität des Ewigen zu haben, in der Kontinuität der Sünde verläuft.

Doch „Kontinuität der Sünde“: ist die Sünde nicht gerade das Nicht-Kontinuierliche? Sieh, hier kommt es wieder, das daß die Sünde nur eine Negation sei, ein a priori vergeblicher Versuch sich zu konstituieren, der nur dazu führe daß man in verzweifeltem Trotz alle Qual der Ohnmacht leide. Ja, so sieht es spekulativ aus; christlich aber ist die Sünde (was geglaubt werden muß, da es ja das Paradoxe ist das kein Mensch begreifen kann) eine Position, die aus sich immer mehr ponierende Kontinuität entwickelt.

Und das Gesetz für das Anwachsen dieser Kontinuität ist auch ein andres als für das einer Schuld, oder einer negativen Größe. Denn eine Schuld wächst nicht weil sie nicht bezahlt wird, sie wächst nur wenn zur alten eine neue Schuld aufgenommen wird. Aber die Sünde wächst mit jedem Augenblick wo man nicht aus ihr herauskommt. So wenig hat also der Sünder recht nur jede neue Sünde für eine Vermehrung der Sünde zu halten, daß vielmehr, christlich verstanden, der Zustand in der Sünde eigentlich größere Sünde, die neue Sünde ist. Schon ein Sprichwort sagt, sündigen sei menschlich, in der Sünde bleiben teuflisch! (Freilich muß dies christlich etwas anders verstanden werden.) Die bloß desultorische Betrachtungsweise, die nur auf die neue Sünde sieht und das dazwischen, zwischen den einzelnen Sünden Liegende übersieht, ist ebenso oberflächlich wie wenn einer in einer stoßweise beschleunigten Bewegung immer nur die durch den letzten Stoß bewirkte Beschleunigung als Bewegung rechnete, die zuvor schon erreichte Geschwindigkeit für nichts achtete. Je länger die Bewegung dauert, desto weniger kommt jene neben dieser in Betracht. So etwa ist es mit der Sünde. Der Zustand in der Sünde ist die schlimmere Sünde, schlimmer als die einzelnen Sünden; ist die Sünde. Und so verstanden ist der Zustand in der Sünde die Fortsetzung der Sünde, ist neue Sünde. Gewöhnlich versteht man es anders: die eine Sünde gebäre aus sich neue Sünde. Aber das hat einen viel tieferen Grund; nämlich den, daß der Zustand in der Sünde neue Sünde ist. Es ist psychologisch meisterhaft, was Shakespeare seinen Macbeth sagen läßt: „Sündentsproßne Werke erlangen nur durch Sünde Kraft und Stärke.“ Das will sagen: die Sünde ist in sich selbst eine Konsequenz; und in dieser Konsequenz, die das Böse in sich selbst hat, hat sie auch eine gewisse Kraft. Aber zu einer solchen Betrachtung kommt man nie wenn man nur auf die einzelnen Sünden sieht.

Die meisten Menschen leben freilich mit allzu wenig Bewußtsein von sich selbst, um eine Vorstellung von dem haben zu können was Konsequenz ist; das will sagen, sie existieren nicht qua Geist. Ihr Leben besteht (entweder in einer gewissen kindlichen, liebenswürdigen Naivität oder in hohler Wichtigtuerei) aus dem und jenem: etwas Erlebnis, ein paar Gedanken, ein bißchen Handlung. Jetzt tun sie etwa Gutes, und dann wieder etwas Verkehrtes, und dann fangen sie wieder von vorn an; einen Nachmittag, oder vielleicht drei Wochen lang, sind sie verzweifelt, aber dann sind sie wieder guten Muts, und dann wieder einen Tag lang verzweifelt. Sie spielen sozusagen im Leben mit, aber sie erleben das nie, alles auf eine Nummer zu setzen, kommen darum auch nie zur Vorstellung von einer unendlichen Konsequenz in sich selbst. Und daher ist unter ihnen beständig auch nur von dem einzelnen die Rede, von einzelnen guten Taten, von einzelnen Sünden.

Jede Existenz die (wenn auch nur auf eigne Verantwortung hin) unter der Bestimmung Geist steht hat wesentlich Konsequenz in etwas Höherem (wenigstens in einer Idee). Ein solcher Mensch aber fürchtet wieder unendlich jede Inkonsequenz; weil er eine unendliche Vorstellung von den etwaigen Folgen hat: daß er aus dem Ganzen, worin er sein Leben hat, herausgerissen werden könne. Die geringste Inkonsequenz ist ihm ein ungeheurer Verlust, den er verliert ja die Konsequenz; in demselben Augenblick ist vielleicht der Zauber gelöst, die geheimnisvolle Macht, die alle Kräfte in Harmonie zusammenhielt, matt, das Ganze vielleicht ein Chaos, wo die Kräfte in Aufruhr gegeneinander kämpfen / dem Selbst zur Pein, in dem keine Übereinstimmung mit sich selbst mehr ist, kein Zug und kein impetus. Die ungeheure Maschine, die in der Konsequenz trotz ihrer Eisenstärke so gefügig, trotz ihrer Kraft so geschmeidig war, ist in Unordnung; und je vortrefflicher, je großartiger die Maschine war, desto schrecklicher ist der Wirrwarr. / Der Glaubende, der also in der Konsequenz des Guten ruht und sein Leben hat, fürchtet darum auch die geringste Sünde unendlich; denn er hat unendlich viel zu verlieren. Die unmittelbaren, die kindlichen oder kindischen Menschen haben nichts Totales zu verlieren; sie verlieren und gewinnen beständig bloß im Einzelnen oder das einzelne.

Wie mit dem Glaubenden verhält es sich nun auch mit seinem Widerspiel, dem Dämonischen; nur jetzt mit Beziehung auf die Konsequenz der Sünde. Wie der Trinker beständig, Tag für Tag, den Rausch unterhält, aus Furcht vor der Mattigkeit die mit einer Unterbrechung eintreten würde, wenn er einen Tag ganz nüchtern bliebe: so der Dämonische. Ja, wie der Gute, wenn einer versucherisch ihm die Sünde in dieser oder jener lockenden Gestalt darstellte, ihn bitten würde „Versuche mich nicht“: so kann der Dämonische, wenn einer der ihm im Guten überlegen ist ihm das Gute in seiner seligen Erhabenheit darstellen will, für sich bitten, mit Tränen für sich bitten, daß er nicht zu ihm rede, ihn nicht, wie er sich ausdrückt, schwach mache. Weil der Dämonische in sich konsequent ist und in der Konsequenz des Bösen steht, hat er auch eine Totalität zu verlieren. Ein einziger Augenblick außer seiner Konsequenz, eine einzige diätetische Unvorsichtigkeit, ein einziger Seitenblick, das Ganze oder bloß ein Teil davon nur einen Augenblick auf eine andere Weise angesehen und verstanden: und er wird, wie er sagt, vielleicht nie wieder er selbst. Das will heißen: das Gute, das er verzweifelt aufgegeben hat da es ihm ja doch nicht helfen kann, das könnte ihn doch noch stören, könnte es ihm unmöglich machen je wieder in die volle Fahrt der Konsequenz zu kommen, könnte ihn schwach machen. Nur in der Fortsetzung der Sünde ist er er selbst, hat er den Eindruck er selber zu sein; nur in ihr lebt er. Aber was will das sagen? Das will sagen, der Zustand in der Sünde ist das, was ihn tief unten, wohin er gesunken ist, zusammenhält, ihn durch die Konsequenz gottlos stärkt; es ist nicht die einzelne Sünde die (ja, das ist schrecklich wahnsinnig) ihm hilft, sondern die einzelne neue Sünde ist bloß der Ausdruck für den Zustand in der Sünde, der eigentlich die Sünde ist.

Bei der „Fortsetzung der Sünde“, wovon wir nun handeln wollen, ist also nicht so sehr an die einzelnen neuen Sünden zu denken, als an den Zustand in der Sünde, der wieder die Potenzierung der Sünde in sich selbst wird, ein Bleiben im Zustand der Sünde mit dem Bewußtsein daß man in dem Zustand der Sünde bleibe / so daß die Bewegung in der Potenzierung hier wie überall nach innen geht, in ein immer intensiveres Bewußtsein hinein.

A. Die Sünde, über seine Sünde zu verzweifeln

Sünde ist Verzweiflung; ihre Potenzierung ist die neue Sünde über seine Sünde zu verzweifeln. Man sieht leicht, daß dies eine Potenzierung ist. Verzweiflung über die Sünde ist nicht die Wiederholung einer Sünde (wie wenn einer der einmal 100 Taler stahl ein anderes mal 1000 Taler stiehlt), sondern wirklich eine neue Sünde. Die Sünde ist jetzt der Zustand in der Sünde; und diese Sünde potenziert sich in einem neuen Bewußtseinszustand.

Verzweiflung über seine Sünde ist der Ausdruck dafür daß die Sünde in sich konsequent geworden ist oder sein will. Sie will nichts mit dem Guten zu schaffen haben, nicht so schwach sein daß sie ab und zu einmal auf eine andre Rede lauschte. Nein, sie will nur auf sich selbst hören, nur mit sich selbst zu schaffen haben, sich mit sich selbst einschließen und da sich noch einmal abschließen, indem sie sich durch die Verzweiflung über die Sünde vor jedem Überfall oder Angriff des Guten sichert. Sie ist sich bewußt, die Brücke hinter sich abgebrochen zu haben und nun ebenso unzugänglich für das Gute zu sein wie das Gute für sie ist; so daß es unmöglich ist das Gute zu wollen, auch wenn sie das in einem schwachen Augenblick selbst wünschen würde. Die Sünde selbst ist Losreißung vom Guten; aber Verzweiflung über die Sünde ist eine zweite, noch tiefere Losreißung vom Guten. Die preßt natürlich aus der Sünde die äußersten Kräfte des Dämonischen heraus und erzeugt die gottlose Abhärtung oder Verstockung: daß man konsequent alles was Reue heißt, und alles was Gnade heißt, nicht bloß für leer und nichtig, sondern für seinen Feind ansieht und für das wogegen man sich am allermeisten zu wehren hat / ganz wie der Gute sich gegen die Versuchung wehrt. So verstanden ist es ein richtiges Wort von Mephistopheles (im Faust), daß es nichts Elenderes gebe als einen Teufel der verzweifelt; denn unter verzweifeln muß hier verstanden werden, daß er schwach genug sei etwas von Reue und Gnade hören zu wollen. Man könnte die Steigerung von der Sünde zur Verzweiflung über die Sünde so bezeichnen, daß die eine der Bruch mit dem Guten sei, die andere der Bruch mit der Reue.

Verzweiflung über die Sünde ist ein Versuch, sich dadurch zu halten daß man noch tiefer sinkt. Wie man mit einem Luftballon dadurch steigt daß man Gewichte von sich wirft, so sinkt der Verzweifelte dadurch daß er immer bestimmter das Gute von sich wirft, das durch sein Gewicht den Menschen hebt. Er sinkt; selbst meint er freilich zu steigen / er wird ja auch leichter. Die Sünde selbst ist der Kampf der Verzweiflung; wenn aber die Kräfte erschöpft sind, muß eine neue Potenzierung helfen, eine neue dämonische Geschlossenheit in sich selbst: eben die Verzweiflung über die Sünde. Das ist ein Fortschritt, ein Steigen im Dämonischen; und natürlich ein tieferes Versinken in die Sünde. Es ist ein Versuch, der Sünde, als einer Macht, dadurch ein neues Interesse und so einen Halt zu geben, daß es nun eine für ewig abgemachte Sache sein soll von Reue und Gnade nichts mehr wissen zu wollen. Indessen ist die Verzweiflung über die Sünde sich ihrer eignen Leere bewußt, daß sie nicht das Geringste hat wovon sie leben kann, nicht einmal ein gesteigertes Bewußtsein von dem eigenen Selbst. Shakespeare erweist sich als tiefer Kenner der Seele, wenn er Macbeth ausrufen läßt (2. Akt, 2. Szene): „Von jetzt (nachdem er den König ermordet hat / und nun übers eine Sünde verzweifelt) gibt es nichts Ernstes mehr im Leben; alles ist Tand, gestorben Ruhm und Gnade.“ Ruhm und Gnade! Durch die Sünde (d.h. durch die Verzweiflung über die Sünde) hat er jedes Verhältnis zur Gnade / und zugleich zu sich selbst verloren. Sein selbstisches Selbst kulminiert im Ehrgeiz. Nun ist er ja König geworden; und doch, indem er über seine Sünde und an der Realität der Reue, an der Gnade verzweifelt, hat er auch sich selbst verloren. Er kann sein Selbst nicht einmal vor sich selbst behaupten; und er kann ebensowenig sein Selbst in Ehrgeiz genießen als er die Gnade ergreifen kann.

Im Leben (soweit die Verzweiflung über die Sünde im Leben vorkommt; in jedem Fall gibt es etwas was die Menschen so nennen) / im Leben beurteilt man diese Verzweiflung über die Sünde meist falsch; vermutlich weil man in der Welt gewöhnlich nur mit Leichtsinn, Gedankenlosigkeit und Geschwätz zu tun hat und daher bei jeder Äußerung von etwas Tieferem ordentlich feierlich wird und ehrerbietig den Hut abnimmt. In verwirrter Unklarheit über sich selbst und seine Bedeutung, oder mit einem Anstrich von Heuchelei, oder mit Hilfe jener Schlauheit und Sophistik zu der alle Verzweiflung neigt, ist die Verzweiflung über die Sünde nicht abgeneigt, sich den Schein zu geben daß sie etwas Gutes sei. Sie soll dann ein Ausdruck dafür sein, daß man eine tiefe Natur sei und sich darum seine Sünde so zu Herzen nehme. Ein Beispiel! Wenn ein Mensch der irgendeiner Sünde ergeben war, dann aber längere Zeit der Versuchung siegreichen Widerstand leistete / wenn er einen Rückfall bekommt und der Versuchung wieder erliegt: so ist die Verstimmung die eintritt keineswegs immer Kummer über die Sünde. Es kann manches andere sein: z.B. auch eine Verbitterung gegen das Schicksal, als hätte dieses ihn der Versuchung erliegen lassen, als hätte es gegen ihn, da er nun seit längerer Zeit der Versuchung siegreich widerstanden habe, nicht so hart sein dürfen. Aber jedenfalls ist es ganz frauenzimmerlich, diese Trauer ohne weiteres für ein gutes Zeichen zu nehmen. Wie wenn nicht alle Leidenschaftlichkeit doppelzüngig wäre! Wie wenn der Leidenschaftliche sich nicht in einer Weise über sich selbst täuschen könnte die an Wahnsinn grenzt! Solch ein Mensch versichert vielleicht in immer stärkeren Ausdrücken, daß ihn dieser Rückfall peinige und plage, zur Verzweiflung bring uff. „Ich vergebe es mir nie“, sagt er. Und das soll der Ausdruck dafür sein, wie viel Gutes in ihm wohne, was für eine tiefe Natur er sei. Das ist eine Mystifikation. Ich ließ mit Absicht das Stichwort einfließen: „Ich vergebe es mir nie“; ein Wort das man in solchen Fällen häufig zu hören bekommt. und gerade an diesem Wort kann man sich auch sogleich dialektisch zurechtfinden. Er vergibt es sich nie! Wenn nun aber Gott ihm vergeben wollte, so könnte er ja doch wohl die Güte haben sich selbst auch zu vergeben. Durch die Leidenschaft womit er gegen sich selbst wütet verrät er nur sich selbst. Daß er sich selbst nicht vergeben will ist ungefähr das Gegenteil von bußfertiger Zerknirschung, die Gott um Vergebung bittet. Seine Verzweiflung über die Sünde ist also weit davon entfernt etwas Gutes zu sein, ist vielmehr eine intensivere Sünde, ist Vertiefung in die Sünde. Die Sache ist die: in der Zeit da er der Versuchung siegreich Widerstand leistete ist er in seinen Augen besser geworden als er wirklich ist; und so ist er auf sich selbst stolz geworden. Das Interesse seines Stolzes ist nun, daß das Vergangene etwas ganz Zurückgelegtes sein sollte. Im Rückfall aber wird das Vergangene plötzlich wieder ganz gegenwärtig. Das kann sein Stolz nicht ertragen; und daher diese tiefe Betrübnis usw. Aber seine Betrübnis führt ihn offenbar von Gott weg und ist nichts als versteckte Selbstliebe und Hoffart. Statt daß er Gott demütig dankte, daß er ihm doch so lange geholfen habe der Versuchung zu widerstehen; statt daß er vor Gott und sich selbst demütig eingestünde, daß dies schon viel mehr sei als er verdient habe; und statt daß er sich dann unter die Erinnerung daran wie er einst gewesen war demütigte: statt dessen will er sich, hochmütig, selbst nicht vergeben können daß er wieder sündigte!

Hier wie überall ist was die alten Erbauungsschriften erklären, so tief, zeugt von so viel Erfahrung, weißt so ganz den richtigen Weg. Sie lehren, Gott lasse zuweilen zu daß der Glaubende in einer Versuchung strauchle und falle / gerade um ihn zu demütigen und dadurch im Guten mehr zu befestigen. Der Gegensatz des Rückfalls zu dem vielleicht bedeutenden Fortschritt im Guten ist ja so demütigend, die Identität mit sich selbst so schmerzlich! Je besser ein Mensch ist, desto mehr leidet er darunter; und desto heilsamer ist ihm also die empfangene Lehre; und desto gefährlicher ist es, wenn er die Wendung nicht richtig macht. Er kann vielleicht aus Trauer in die finsterste Schwermut versinken / und ein Narr von Seelsorger bewundert dann gar seine tiefe Seele und welche Macht das Gute in ihm habe / als ob dies vom Guten wäre. Und seine Frau, ja sie fühlt sich im Vergleich mit einem so ernsten und heiligen Manne, der über die Sünde so trauern kann, tief gedemütigt. Vielleicht ist auch seine Rede noch mehr geeignet irre zu führen; er sagt vielleicht nicht: „Ich kann es mir nie vergeben“ (als hätte er sich früher selbst Sünden vergeben; eine Gotteslästerung!); nein, er spricht vielleicht davon daß Gott es ihm nie vergeben könne. Ach, und auch dies ist nur eine Mystifikation. Seine Trauer, sein Kummer, seine Verzweiflung ist selbstisch (gleich der Angst vor der Sünde, die einem Menschen zuweilen fast in Sünde hineinängstigt, weil sie Selbstliebe ist, die darauf stolz sein möchte ohne Sünde zu sein) / und Trost ist das was er am wenigsten braucht, weshalb auch die ungeheuren Quantitäten von Trostgründen, die die Seelsorger verordnen, die Krankheit bloß schlimmer machen.

B. Die Sünde, an der Vergebung der Sünden zu verzweifeln (das Ärgernis)

[Man beachte den Unterschied: über seine Sünde verzweifeln, und an der Sündenvergebung verzweifeln.]

Die weitere Potenzierung des Selbstbewußtseins geschieht hier durch das Wissen von Christus: dadurch daß man Christus gegenüber ein Selbst ist. Erst kam (im vorigen Abschnitt) die Unwissenheit darüber daß man ein ewiges Selbst hat; dann das Wissen davon daß man ein Selbst hat worin etwas Ewiges liegt. Darauf wurde (beim Übergang zum zweiten Abschnitt) gezeigt, daß auch dann das Selbst noch eine menschliche Vorstellung von sich selbst hat, oder sein Maß noch im Menschen hat (im Gegensatz zu einem Selbst vor Gott); und dieses wurde dann der Definition der Sünde zugrunde gelegt.

Nun kommt das Selbst vor Christus / ein Selbst aber, das doch verzweifelt nicht es selbst sein will oder verzweifelt es selbst sein will. Denn die Verzweiflung an der Vergebung der Sünden muß sich entweder auf die eine oder auf die andere Form der Verzweiflung, auf die der Schwachheit oder die des Trotzes, zurückführen lassen; der Schwachheit, die geärgert sich nicht zu glauben getraut, des Trotzes, der geärgert nicht glauben will. Nur tauschen hier (wo nicht davon die Rede ist ob man ohne weiteres man selbst sein will, sondern davon ob man es als Sünder, also in seiner Unvollkommenheit sein will) Schwachheit und Trotz die Rolle. Erst war es Schwachheit, daß man verzweifelt nicht man selbst sein will. Jetzt ist das Trotz; denn Trotz ist es ja, daß man das was man ist (ein Sünder) nicht sein und darum von Sündenvergebung nichts wissen will. Erst war es Trotz, daß man verzweifelt man selbst sein will. Jetzt ist dies Schwachheit, daß man verzweifelt so man selbst (ein Sünder) sein will daß es keine Vergebung gibt.

Ein Selbst Christus gegenüber ist ein Selbst, das durch den ungeheuren Nachdruck potenziert ist, der dadurch auf das Selbst fällt daß sich Gott auch um dieses Selbstes willen gebären ließ, Mensch wurde, litt und starb. Wie es vorher hieß: „Je mehr Vorstellung von Gott, desto mehr Selbst“, so gilt hier: „Je mehr Vorstellung von Christus, desto mehr Selbst.“ Ein Selbst ist qualitativ das was sein Maß ist. Daß Christus das Maß ist, drückt von Gottes Seite die nachdrücklichste Bekräftigung aus welche ungeheure Realität ein Selbst hat; denn erst in Christus ist es wahr daß Gott des Menschen Ziel oder Maß, oder Maß und Ziel ist. / Aber je mehr Selbst, desto intensiver die Sünde.

Auch von einer andern Seite läßt sich die Potenzierung der Sünde nachweisen. Sünde war Verzweiflung; ihre Potenzierung war Verzweiflung über die Sünde. Nun bietet Gott in der Sündenvergebung die Versöhnung an. Indem der Sünder an der Vergebung verzweifelt, verschärft sich seine Verzweiflung. Er verhält sich nun darin zu Gott; und doch gerade deshalb, weil er von Gott noch weiter weg, in die Sünde noch intensiver vertieft ist. Indem der Sünder an der Sündenvergebung verzweifelt, sieht es ja beinahe so aus als ob er auf Gott gerade los ginge. Es klingt ja wie eine Erwiderung, wenn wir Worte hören wie: „Nein, es gibt keine Vergebung der Sünden, das ist eine Unmöglichkeit“; es gleicht einem Handgemenge. Aber der Mensch muß sich eine Qualität von Gott entfernen um das sagen zu können; und um so comminus zu kämpfen, muß er eminus sein: so sonderbar akustisch ist die Welt des Geistes konstruiert; so sonderbar sind ihre Entfernungen bestimmt. So weit wie möglich muß ein Mensch von Gott entfernt sein, daß das Nein gehört werde das doch sozusagen Gott auf den Leib rückt; um gegen Gott zudringlich zu sein muß man weit von Gott weg gehen; ist man ihm näher so kann man ihm nicht zu nahe kommen, und kommt man ihm zu nahe, so ist man eo ipso weit von ihm weg. O menschliche Ohnmacht Gott gegenüber! Wenn man einem hochgestellten Menschen zu nahe kommt wird man vielleicht zur Strafe weit von ihm weggeschafft; um aber Gott zu nahe zu kommen muß man erst weit von ihm weg gehen.

Im Leben wird diese Sünde (an der Sündenvergebung zu verzweifeln) meist falsch beurteilt; besonders seit man das Ethische abgeschafft hat, so daß man selten oder nie ein gesundes ethisches Wort hört. Ästhetisch-metaphysisch wird es als Zeichen einer tieferen Natur honoriert, wenn man an der Vergebung der Sünden verzweifelt; ungefähr wie wenn man es bei einem Kinde für das Zeichen einer tieferen Natur ansehen würde daß es unartig ist. Es ist überhaupt nicht zu glauben, welche Konfusion in das Religiöse gekommen ist seit man im Verhältnis des Menschen zu Gott das „Du sollst“ abgeschafft hat, das doch das einzige Regulativ ist. Dieses „Du sollst“ muß in jedem Wort über Religion der Unterton sein. Statt dessen hat man die Vorstellung von Gott abenteuerlich als eine Ingredienz in der menschlichen Wichtigkeit dazu gebraucht, Gott gegenüber sich selbst wichtig zu werden. Wie man im Staatsleben damit sich selbst wichtig wird daß man zur Opposition gehört, und wohl zuletzt schon deshalb eine Regierung wünscht um ihr opponieren zu können: so will man zuletzt Gott nicht abschaffen / bloß um sich selbst dadurch noch wichtiger zu werden daß man in Opposition mit Gott ist. Und alles was in alten Tagen als Äußerung gottloser Widersetzlichkeit mit Schauder betrachtet wurde, das ist nun genial und Zeichen einer tieferen Natur. „Du sollst glauben“, hieß es einst kurz und gut, so nüchtern wie möglich: nun ist es genial und Zeichen einer tieferen Natur, nicht glauben zu können. „Du sollst an die Vergebung der Sünden glauben“, hieß es, und der einzige Kommentar zu diesem Text lautete: „Es soll dir übel gehen wenn du es nicht kannst; denn was man soll das kann man“: nun ist es genial und Zeichen einer tieferen Natur, daß man an die Vergebung nicht glauben kann. Vortreffliches Resultat, zu dem es die Christenheit gebracht hat! Wenn man vom Christentum kein Wort hörte, würden die Menschen doch nicht so eingebildet sein (wie da Heidentum es auch nie gewesen ist); da aber die christlichen Vorstellungen so unchristlich in der Luft liegen, werden sie zu der potenziertesten Naseweisheit benutzt, soweit sie nicht auf eine andere, aber ebenso freche Weise mißbraucht werden. Denn ist es nicht ein starkes Epigramm, daß das Fluchen im Heidentum doch noch nicht Sitte war, in der Christenheit dagegen recht eigentlich zu Hause ist; daß das Heidentum mit einem gewissen Schauder, mit Scheu vor dem Mysteriösen, meist mit großer Feierlichkeit den Namen Gottes nannte, während in der Christenheit „Gott“ wohl das Wort ist das in der alltäglichen Rede am meisten vorkommt, und unbedingt das Wort das man am gedankenlosesten, am fahrlässigsten gebraucht, weil der arme offenbare Gott (der statt sich verborgen zu halten, wie die Vornehmheit sonst immer tut, so unvorsichtig und unklug war, offenbar zu werden) eine bei der ganzen Bevölkerung nur allzubekannte Personage geworden ist, der man schon einen großen Dienst erweist wenn man ab und zu einmal in die Kirche geht / wofür man dann auch vom Pfarrer belobt wird, der einem in Gottes Namen für die Ehre des Besuches dankt und dagegen auf die stichelt, die Gott nie die Ehre erwiesen zur Kirche zu gehen.

Die Sünde an der Sündenvergebung zu verzweifeln ist Ärgernis. Darin hatten die Juden vollkommen recht, daß sie sich über Christus ärgerten weil er Sünden vergeben wollte. Es gehört ein besonders hoher Grad von Geistlosigkeit dazu (nämlich der, den man in der Christenheit gewöhnlich findet), wenn man kein Glaubender ist (in diesem Falle glaubt man ja daß Christus Gott war), sich doch darüber nicht zu ärgern daß ein Mensch Sünden vergeben will. Und dann gehört eine ebenso sonderbare Geistlosigkeit dazu, sich darüber nicht zu ärgern daß Sünde vergeben werden kann. Das ist nämlich für den menschlichen Verstand das Allerunmöglichste / ohne daß ich es darum als Genialität anpriese es nicht glauben zu können; denn es soll geglaubt werden.

Im Heidentum konnte es diese Sünde natürlich nicht geben. Hätte der Heide die wahre Vorstellung von der Sünde haben können (was auch nicht der Fall war, da ihm die Gottesvorstellung fehlte): weiter als zur Verzweiflung über seine Sünde wäre er nicht gekommen. Ja, was mehr ist (und dies ist das Äußerste, das man menschlichem Verstand und Denken zugestehen kann), man müßte den Heiden preisen, der es wirklich so weit brachte, nicht über die Welt, nicht über sich selbst im allgemeinen, sondern über seine Sünde zu verzweifeln. [Man wird bemerken, daß die Verzweiflung über die Sünde hier dialektisch in der Richtung zum Glauben hin gefaßt ist. Daß dies Dialektische existiert (ob auch diese Schrift die Verzweiflung nur als Krankheit behandelt), darf nie vergessen werden; es liegt ja darin, daß die Verzweiflung auch das erste Moment im Glauben ist. Wenn die Richtung dagegen vom Glauben, vom Gottesverhältnis wegführt, so ist die Verzweiflung über die Sünde die neue Sünde. Im Geistesleben ist alles dialektisch. So ist ja Ärgernis als aufgehobene Möglichkeit ein Moment im Glauben; aber Ärgernis mit der Richtung vom Glauben weg ist Sünde. Man kann einem Menschen zur Last legen daß er sich am Christentum nicht einmal ärgern kann. Dann redet man ja so, als ob es etwas Gutes wäre sich zu ärgern. Und andererseits ist sich zu ärgern Sünde.] Dazu gehört, menschlich gesprochen, Tiefsinn und ethische Besinnung auf sich selbst. Weiter kann ein Mensch als solcher nicht kommen; und sehr selten kam einer so weit. Aber christlich ist alles verändert, denn du sollst an Vergebung der Sünden glauben.

Und wo befindet sich die Christenheit hinsichtlich der Vergebung der Sünden? Ja, der Zustand der Christenheit ist eigentlich Verzweiflung an der Vergebung der Sünden; nur daß sie so weit zurück ist daß sich dieser Zustand nicht einmal als solcher offenbart. Man ist nicht einmal zum Bewußtsein der Sünde gekommen; man kennt nur die Sünde die das Heidentum auch kannte, und lebt wohl und glücklich in heidnischer Sicherheit. Da man aber in der Christenheit lebt, geht man weiter als das Heidentum: man bildet sich ein, daß diese Sicherheit (ja, das kann in der Christenheit nicht anders sein) das Bewußtsein von der Vergebung der Sünden sei; worin die Pfarrer die Gemeinde bestärken.

Das Grundunglück der Christenheit ist eigentlich das Christentum: daß nämlich die Lehre vom Gottmenschen (die, wohl zu merken, christlich verstanden durch das Paradox und die Möglichkeit des Ärgernisses gesichert ist), indem fortwährend darüber gepredigt wird, ins Eitle gezogen ist; so daß [durch sie] der Qualitätsunterschied zwischen Gott und Mensch pantheistisch aufgehoben ist / erst vornehm spekulativ, dann pöbelhaft auf Straßen und Gassen. Nie hat je eine Lehre auf Erden Gott und den Menschen wirklich so nahe zusammengebracht wie das Christentum; das konnte auch niemand außer Gott selbst tun; jede menschliche Erfindung bleibt doch ein Traum, eine unsichere Einbildung. Aber nie hat sich auch eine Lehre so vorsichtig gegen die greulichste aller Gotteslästerungen geschützt, daß man diesen Schritt, nachdem Gott ihn getan hat, so ins Eitle zöge, als liefe Gott und Mensch doch auf eins hinaus / nie hat sich eine Lehre so dagegen geschützt wie das Christentum, das sich mit Hilfe des Ärgernisses schützt. Wehe den schlaffen Rednern, wehe den leichtfertigen Denkern, die das Ärgernis weggedeutet haben! Und wehe, wehe dem ganzen Anhang, der von ihnen gelernt und sie gepriesen hat!

Soll Ordnung im Dasein gehalten werden (und das will doch Gott, denn er ist kein Gott der Verwirrung), so muß vor allem darauf geachtet werden daß jeder Mensch ein einzelner Mensch werde, und sich dessen bewußt werde ein einzelner Mensch zu sein. Erhalten die Menschen erst die Erlaubnis in die Menge zusammenzulaufen (Aristoteles sieht darin das spezifisch Tierische); und wird dann dieses Abstraktum (das weniger als nichts, weniger als der geringste einzelne Mensch ist) für ein Etwas angesehen: so dauet es nicht lange bis dieses Abstraktum Gott wird. Und dann, dann stimmt es ja philosophice mit der Lehre vom Gott-Menschen. Wie man in den Staaten gelehrt hat daß die Menge dem König imponiere und die Zeitungen den Regierungsräten, so entdeckt man nun zuletzt daß die summa summarum aller Menschen Gott imponiere. Dies nennt man dann die Lehre vom Gott-Menschen, oder daß Gott und Mensch idem per idem sei. Manche der Philosophen, die diese Lehre vom Übergewicht des Geschlechts über das Individuum mit verbreiten halfen, wenden sich natürlich mit Ekel ab wenn der Pöbel zum Gott-Menschen wird. Aber diese Philosophen vergessen, daß diese nicht wahrer war als die Elite der Vornehmen oder ein auserwählter Kreis von Philosophen sich als die Inkarnation Gottes fühlten.

Das will heißen: die Lehre vom Gott-Menschen hat die Christenheit frech gemacht. Gott erfand die Lehre vom Gott-Menschen; und nun hat die Christenheit sie frech umgedreht und spielt gegen Gott die Verwandtschaft aus. Nun ist es als wäre Gott in Verlegenheit gekommen; als hätte der Kluge recht, wenn er zu Gott sagen würde: „Du bist selbst schuld: warum hat du dich mit dem Menschen eingelassen? Es wäre doch nie einem Menschen eingefallen, nie in eines Menschen Herzen aufgekommen, daß zwischen Gott und Mensch diese Gleichheit sein sollte! Du warst es selbst der es verkündigen ließ; nun erntest du die Frucht davon!“

Doch hat sich das Christentum von Anfang an gesichert. Es beginnt mit der Lehre von der Sünde. Die Kategorie der Sünde ist die Kategorie der Einzelheit. Spekulativ läßt sich die Sünde also gar nicht denken. Der einzelne Mensch liegt nämlich unter dem Begriff; man kann einen einzelnen Menschen nicht denken, nur den Begriff Mensch. Deshalb ist die Spekulation sogleich auf die Lehre von der Übermacht des Geschlechts über das Individuum verfallen; denn daß die Spekulation die Ohnmacht des Begriffes gegenüber der Wirklichkeit anerkennen sollte, das ist nicht zu verlangen. Wie man aber einen einzelnen Menschen nicht denken kann, so auch nicht einen einzelnen Sünder; man kann die Sünde denken (dann wird sie die Negation), aber nicht einen einzelnen Sünder. Doch eben darum kann es auch mit der Sünde kein Ernst werden wenn sie bloß gedacht werden soll. Denn der Ernst ist nicht die Sünde überhaupt, sondern daß du und ich Sünder sind; der Nachdruck des Ernstes liegt auf dem Sünder, d.h. dem Einzelnen. Was aber „den einzelnen Menschen“ betrifft, so muß die Spekulation, wenn sie konsequent ist, auf das daß einer ein einzelner Mensch ist (etwas was nicht gedacht werden kann) verächtlich herabsehen; und wenn sie sich damit überhaupt befassen will, muß sie zu dem Einzelnen sagen: „Ist das etwas, womit man seine Zeit verlieren soll? Ein einzelner Mensch sein heißt nichts sein! Vergiß daß du der Einzelne bist, und denke die Menschheit: so bist du die Menschheit! Cogito, ergo sum!“ Und so müßte die Spekulation, will sie konsequent sein, auch sagen: „Ein einzelner Sünder sein, das ist nichts, das liegt unter dem Begriff; verliere deine Zeit nicht damit usw.“ Und wie dann weiter? Soll man dann vielleicht, wie man aufgefordert wurde, statt ein einzelner Mensch zu sein den Begriff Mensch zu denken, so statt ein einzelner Sünder zu sein die Sünde denken? Und wie dann weiter? Wird man dann vielleicht durch das Denken der Sünde selbst „die Sünde“ / cogito ergo sum? Ein vortrefflicher Vorschlag! Indes braucht man nicht zu fürchten, so zur Sünde, zur reinen Sünde zu werden; denn die Sünde läßt sich gerade nicht denken. Das müßte doch wohl die Spekulation selbst einräumen, da die Sünde ja der Abfall vom Begriff ist. Die Spekulation kann sich also mit der Sünde nicht befassen; und sie soll sich mit der Sünde auch nicht befassen. Denn die Sünde gehört dem Gebiete der Ethik an; das ethische Denken aber und das spekulative Denken bewegen sich in entgegengesetzter Richtung. Dieses abstrahiert von der Wirklichkeit; jenes zielt auf die Wirklichkeit hin. Deshalb operiert die Ethik gerade mit der von der Spekulation übersehenen, verachteten Kategorie der „Einzelheit“. Wirklich ist nur das Einzelne, und so existiert Sünde nur als Sünde des Einzelnen. Das ist ihr Ernst (ebenfalls eine ethische Kategorie!), daß sie meine und deine Sünde ist – und so auch Sünde des spekulativen Denkers, der doch auch ein Einzelner ist. Soll er nun aber in seinem spekulativen Denken von dem Einzelnen (also auch on sich selbst als einem Einzelnen) absehen, so kann er nur ohne Ernst, also leichtsinnig, an die Sünde denken. In der Tat ist alles Gerede der Spekulation von der Sünde, ethisch (also sachgemäß, also richtig) betrachtet, leichtsinnig.

Das Christentum beginnt mit der Lehre von der Sünde und also mit dem Einzelnen. [Die Lehre von der Sünde des Menschengeschlechts ist oft mißbraucht worden, weil man nicht darauf geachtet hat, daß die Sünde, obgleich sie allen gemeinsam ist, die Menschen nicht in ein Kollektivum, eine Gesellschaft oder Kompagnie zusammenfaßt („so wenig wie draußen auf dem Kirchhofe die Menge der Toten eine Gemeinschaft bildet“), sondern in Einzelne (Sünder!) zersplittert: eine Zersplitterung, die in einem anderen Sinne (als Mittel zum Zweck) mit der Vollkommenheit des Daseins in Übereinstimmung steht. Darauf ist man nicht aufmerksam gewesen, und hat dann auch das gefallene Geschlecht ein für allemal durch Christus wieder gut werden lassen. Und so ist man doch Gott wieder mit einem Abstraktum gekommen, das, als Abstraktum, in näherer Verwandtschaft mit ihm stehen will. Das macht die Menschen doch nur frech. Wenn sich nämlich „der Einzelne“ mit Gott verwandt fühlen soll (dies ist die Lehre des Christentums), so muß er auch den ganzen Druck dieser Verwandtschaft in Furcht und Zittern zu fühlen bekommen; er muß, wenn das nicht eine alte Entdeckung wäre, die Möglichkeit des Ärgernisses entdecken. Soll der Einzelne aber durch ein Abstraktum zu dieser Herrlichkeit kommen, so wird die Sache viel zu leicht und ist im Grunde eitel genommen. Der Einzelne erfährt dann nicht jenen ungeheuren Druck Gottes, welcher ebenso tief demütigt wie er erhebt; der Einzelne bildet sich ein, alles ohne weiteres dadurch zu haben daß er an jenem Abstraktum partizipiert. Beim Menschen ist es nicht wie beim Tier, daß das Exemplar immer weniger ist als die Art. Der Mensch unterscheidet sich von anderen Tierarten nicht nur durch die Vorzüge die man gewöhnlich aufzählt, sondern qualitativ dadurch, daß das Individuum, der Einzelne, mehr ist als die Art. Und diese Bestimmung ist wieder dialektisch: der Einzelne ist ein Sünder; und der Einzelne zu sein ist die Vollkommenheit.] Denn freilich lehrt das Christentum das vom Gott-Menschen, also die Gleichheit von Gott und Mensch; aber das Christentum haßt auch unversöhnlich alle übermütige oder naseweise Zudringlichkeit. Durch die Lehre von der Sünde und dem einzelnen Sünder hat sich Gott und Christus ein für allemal ganz anders als irgendein König gegen Volk und Menge und Publikum usw. usw. gesichert. Alle jene Abstrakta sind vor Gott gar nicht da; es leben vor Gott in Christo lauter einzelne Menschen / lauter einzelne Sünder. Doch kann Gott das Ganze gut übersehen; er kann sich obendrein der Sperlinge annehmen. Gott ist überhaupt ein Freund der Ordnung; und zu dem Zweck ist er selbst an jedem Punkt, in jedem Augenblick zur Stelle.

Sein Begriff ist nicht wie der des Menschen, unter den das Einzelne als das fällt was nicht im Begriff aufgehen kann, sein Begriff umfaßt alles, und in anderem Sinn hat er keinen Begriff. Gott hilft sich nicht mit einer Abbreviatur; er begreift (comprehendit) die Wirklichkeit selbst, all das Einzelne; für ihn liegt der Einzelne nicht unter dem Begriff.

Die christliche Lehre von der Sünde befestigt nun den Qualitätsunterschied zwischen Gott und Mensch so tief wie es nie zuvor geschehen ist. In nichts ist ein Mensch von Gott so verschieden wie darin daß er ein Sünder ist. Sünde ist das einzige, was auf keine Weise, weder via negationis noch via eminentiae, von Gott ausgesagt werden kann. Wenn man in demselben Sinne, wie man von ihm sagt daß er nicht endlich (also, via negationis, daß er unendlich) sei, wenn man so von Gott aussagen würde daß er nicht Sünder sei, so wäre das Gotteslästerung.

Als Sünder ist der Mensch durch die klaffendste Tiefe der Qualität von Gott getrennt. Und selbstverständlich ist Gott wenn er Sünden vergibt wieder durch dieselbe klaffende Tiefe der Qualität vom Menschen getrennt. Wenn es sich nämlich auch (durch eine umgekehrte Art der Akkommodation) sonst tun ließe das Göttliche auf das Menschliche zu übertragen: in einem kommt der Mensch ewig nicht dazu Gott zu gleichen, im Vergeben der Sünden.

Daß nun ein Mensch Gott zutrauen soll was für seinen menschlichen Verstand außerhalb des Bereiches aller Möglichkeit liegt: das ist die stärkste Herausforderung sich zu ärgern. Und da er glauben soll daß Gott ihm die Sünde vergebe, die er sich nicht vergeben zu können glaubt, wird er als der Einzelne herausgefordert sich zu ärgern. In der Möglichkeit des Ärgernisses wird er definitiv der Einzelne.

Und dies zu erzwingen ist Gott selbst Mensch geworden, hat als Mensch getan was jedem Menschen schlechthin unmöglich erscheint: die Sünde vergeben…

…Ärgernis bezieht sich also auf einen Einzelnen. Und damit beginnt das Christentum, damit, daß es jeden Menschen zu einem einzelnen, zu einem einzelnen Sünder macht; und nun konzentriert es alles was Himmel und Erde von Möglichkeit des Ärgernisses auftreiben kann (dafür sorgt Gott): und das ist Christentum. Dann sagt es zu jedem Einzelnen: „Du sollst glauben“; das heißt: „Du sollst dich entweder ärgern, oder du sollst glauben.“ Kein Wort weiter; da ist nichts weiter hinzuzufügen. „Nun habe ich gesprochen“, sagt Gott im Himmel, „in der Ewigkeit sprechen wir uns wieder. Du kannst in der Zwischenzeit tun was du willst, dann aber kommt das Gericht.“

Ein Gericht! Ein Gericht über die Menschheit / in dem jeder Einzelne gerichtet wird. Allerdings, wir Menschen haben ja gelernt und die Erfahrung lehrt es ja: wenn es auf einem Schiffe oder in einer Armee Meuterei gibt, sind soviele schuldig daß man die Bestrafung aufgeben muß; und wenn das Publikum, das hochgeehrte gebildete Publikum, oder das Volk sich schuldig macht, dann ist das nicht bloß kein Verbrechen, dann ist es den Zeitungen zufolge (auf die man wie auf das Evangelium und die Offenbarung bauen darf) Gottes Wille. Woher kommt das? Das kommt daher, daß sich ein Gericht auf den Einzelnen bezieht. Man richtet nicht en masse. Man kann Leute en masse totschlagen, en masse mit Wasser bespritzen, en masse umschmeicheln, kurz auf mancherlei Weise wie Vieh behandeln; aber Leute wie Vieh richten, das kann man nicht. Vieh kann man nicht richten; ob auch noch so viele gerichtet werden, so wird, wenn das Richten Ernst und Wahrheit enthalten soll, jeder Einzelne gerichtet. [Sieh, darum ist Gott „der Richter“, weil vor ihm keine Menge ist, sondern nur Einzelne.] Wenn nun der Schuldigen so viele sind, so läßt sich das vom Menschen nicht durchführen; darum gibt man das Ganze auf. Man sieht ein daß da von einem Gericht keine Rede sein kann; es sind ihrer zu viele als daß man sie richten könnte; man kann sie nicht als Einzelne haben oder zu Einzelnen machen; darum muß man das Richten aufgeben.

Und da man nun in unserer aufgeklärten Zeit, wo man alle anthropomorphischen und anthropopathischen Vorstellungen von Gott unpassend findet, es doch nicht unpassend findet, Gott als Richter in der Art eines gewöhnlichen Amtsrichters zu denken, der eine so weitläufige Sache nicht schnell abmachen kann / so schließt man: es wird in der Ewigkeit akkurat so gehen. Laßt uns daher nur zusammenhalten und dafür sorgen daß die Pfarrer auf diese Weise predigen. Und sollte es einen Einzelnen geben der anders zu reden wagte, einen Einzelnen, der so töricht wäre sich sein Leben in Furcht und Zittern verantwortungsvoll zu machen und dann auch andere zu plagen: dann wollen wir uns dadurch sicherstellen, daß wir ihn als verrückt ansehen oder, wenn es nötig ist, totschlagen. Wenn nur unser viele sind, so ist das kein Unrecht. Es ist Unsinn und veraltet, daß viele unrecht tun können; was die Menge tut ist Gottes Wille. Vor dieser Weisheit, das wissen wir aus Erfahrung (denn wir sind keine unerfahrenen Jünglinge, wir werden kein losen Worte hin, wir reden als Männer der Erfahrung) / vor dieser Weisheit haben sich bisher alle Menschen gebeugt, Könige und Kaiser und Exzellenzen: so wird sich wahrhaftig auch Gott beugen lernen. Es kommt bloß darauf an, daß wir viele, recht viele werden, die zusammenhalten; wenn wir das tun, dann sind wir gegen das Gericht der Ewigkeit gesichert.

Ja, freilich wären sie gesichert, wenn sie erst in der Ewigkeit Einzelne werden sollten. Aber sie waren und sind vor Gott beständig Einzelne. Wer in einem Glasschrank sitzt ist nicht so geniert wie jeder Mensch vor Gott, für den er durchsichtig ist. Dies zeigt das Gewissen. Mit seiner Hilfe ist es so eingerichtet, daß der Rapport sofort jede Schuld begleitet und der Schulde selbst der ist, der ihn schreiben muß. Der Rapport wird aber mit sympathetischer Tinte geschrieben, und wird daher erst recht deutlich, wenn er in der Ewigkeit ans Licht gehalten wird / wenn die Ewigkeit die Gewissen revidiert. Im Grunde kommt jeder in der Ewigkeit so an, daß er die genaueste Anzeige auch von jeder geringsten Kleinigkeit die er verübte oder unterließ selbst mitbringt und abliefert. Daher könnte ein Kind das Gericht in der Ewigkeit besorgen; für einen Dritten ist da eigentlich nichts zu tun: alles, bis zu dem unbedeutendsten Worte das gesprochen wurde, ist in Ordnung. Dem Schuldigen, der auf der Reise durchs Leben zur Ewigkeit ist, geht es wie es jenem Mörder ging, der auf der Eisenbahn von dem Ort seiner Tat / und von seinem Verbrechen floh. Ach, gerade neben dem Wagen in dem er saß lief der Telegraph mit seinem Signalelement und der Order ihn auf der ersten Station zu verhaften. Als er auf der Station ankam und aus dem Wagen stieg, war er verhaftet / er hatte, sozusagen, die Anzeige selbst mitgebracht…

Also: die Verzweiflung an der Vergebung der Sünden ist Ärgernis. Und Ärgernis ist Potenzierung der Sünde. Daran denkt man gewöhnlich gar nicht; man rechnet das Ärgernis wohl gewöhnlich kaum zur Sünde, da man von dieser überhaupt nicht mehr redet, sondern nur von Sünden, unter denen das Ärgernis keinen Platz findet. Noch weniger versteht man das Ärgernis als die Potenzierung der Sünde. Das kommt daher, daß man den Gegensatz zur Sünde nicht (christlich) im Glauben sieht, sondern (heidnisch) in der Tugend.

C. Die Sünde, das Christentum ponendo aufzugeben, es für Unwahrheit zu erklären

Dies ist Sünde gegen den Heiligen Geist. Hier ist das Selbst am verzweifeltsten potenziert. Es wirft nicht nur das ganze Christentum von sich, sondern macht es zur Lüge und Unwahrheit. Welche ungeheuer verzweifelte Vorstellung von sich selbst muß da das Selbst haben!

Die Potenzierung der Sünde zeigt sich deutlich, wenn man die Sünde als einen Krieg zwischen dem Menschen und Gott auffaßt. Wird da die Taktik verändert, von der Defensive zur Offensive übergegangen, so ist das die letzte und höchste Potenzierung. Sünde ist Verzweiflung: da wird evitierend gekämpft. Dann kam Verzweiflung über seine Sünde. da wird noch einmal evitierend gekämpft, pedem referens, ob man sich gleich in seiner zurückgezogenen Stellung befestigt. Nun wird die Taktik verändert: indem sich die Sünde immer mehr in sich selbst vertieft und so von Gott entfernt, kommt sie doch in anderem Sinne Gott näher und wird immer entschiedener sie selbst. Verzweiflung an der Vergebung der Sünden ist eine bestimmte Position gegenüber einem Angebot Gottes; die Sünde fließt nicht mehr, hält sich nicht mehr bloß defensiv. Aber das Christentum als Unwahrheit und Lüge aufzugeben ist offensiver Krieg. In allem Vorangehenden macht die Sünde dem Gegner doch gewissermaßen das Zugeständnis daß er der Stärkere ist. Nun aber greift sie an.

Sünde gegen den Heiligen Geist ist die positive Form des Ärgernisses.

Die Lehre des Christentums ist die Lehre vom Gott-Menschen, von der Verwandtschaft zwischen Gott und Mensch: wobei (wohl zu merken!) die Möglichkeit des Ärgernisses, wenn ich so sagen darf, die Garantie ist, wodurch Gott sich dagegen sichert daß ihm der Mensch zu nahe komme. Die Möglichkeit des Ärgernisses ist in allem Christlichen das dialektische Moment. Wird dies weggenommen, so ist das Christentum nicht bloß Heidentum, sondern etwas so Phantastisches daß das Heidentum es für Geschwätz erklären müßte. Gott so nahe zu sein wie ihm der Mensch nach der Lehre des Christentums in Christo nahe kommen kann, darf und soll, ist nie einem Menschen eingefallen. Soll dies nun so geradezu gelten, so ganz ohne weiteres, ohne den geringsten Vorbehalt, ganz ungeniert und unverfroren: so ist das Christentum, wenn man die heidnische Dichtung von den Göttern menschliche Verrücktheit nennen will, eine verrückte Erfindung Gottes. Auf eine solche Lehre konnte nur ein Gott verfallen der den Verstand verloren hat. So muß ein Mensch urteilen der seinen Verstand noch behalten hat. Der inkarnierte Gott würde, wenn der Mensch so ohne weiteres sein Kamerad sein sollte, ein Seitenstück zu Shakespeares Prinz Heinrich werden.

Gott und Mensch sind zwei Qualitäten, zwischen denen ein unendlicher Qualitätsunterschied besteht. Jede Lehre die diesen Unterschied übersieht ist menschlich gesprochen verrückt, göttlich beurteilt Gotteslästerung. Im Heidentum machte der Mensch Gott zu einem Menschen; im Christentum macht sich Gott zu einem Menschen. Aber in der unendlichen Liebe dieser seiner erbarmenden Gnade macht Gott doch eine Bedingung: er kann nicht anders. Gerade dies ist das Traurige für Christus: „Er kann nicht anders.“ Er kann sich selbst erniedrigen, Knechtsgestalt annehmen, für die Menschen leiden und sterben; er kann alle zu sich einladen, jeden Tag seines Lebens und jede Stunde des Tages und das Leben selbst opfern: aber die Möglichkeit des Ärgernisses kann er nicht wegnehmen. O, einzige Tat der Liebe, o unergründliche Trauer der Liebe, daß Gott selbst nicht kann / was er freilich auch nicht will, nicht wollen kann; aber selbst wenn er es wollte doch nicht kann: das unmöglich machen, daß diese Liebestat einem Menschen gerade zum Gegenteil, zum äußersten Elend werde! Denn das größte menschliche Elend, größer noch als die Sünde, ist: sich an Christus zu ärgern und in dem Ärgernis zu bleiben. Und dies kann Christus, dies kann „die Liebe“ nicht unmöglich machen. Sieh, darum sagt er: „Selig, wer sich nicht an mir ärgert.“ Mehr kann er nicht tun. Er kann also (es ist möglich, daß es dazu kommt), er kann mit seiner Liebe einen Menschen so elend machen wie ein Mensch sonst nie werden könnte. O unergründlicher Widerspruch in der Liebe! Aber er kann es aus Liebe auch nicht über sein Herz bringen das Werk der Liebe nicht auszuführen. Ach, und wenn es dann einen Menschen doch so elend machte wie er sonst nie geworden wäre!

Laßt uns recht menschlich davon reden. O, ein erbärmlicher Mensch, der nie den Drang gefühlt hat aus Liebe alles zu opfern, der das also nicht gekonnt hat! Aber wenn er dann, in dem Drang alles zu opfern, entdeckte, daß gerade diese seine liebevolle Aufopferung dem Geliebten zum größten Unglück werden könnte: was dann? Dann verlor entweder seine Liebe die Spannkraft, brannte aus einem machtvollen Leben ab zu dem verschlossenen Grübeln eines wehmütigen Gefühls, erstarb in ihm: und so wagte er die Tat der Liebe nicht zu tun / niedersinkend, nicht unter der Tat, aber unter dem Gewicht jener Möglichkeit. Denn jedes Werk wird schwerer wenn es dialektisch wird, und am schwersten wenn es sympathetisch-dialektisch wird: so daß, während die Liebe dazu antreibt, die Sorge für den Geliebten davon abrät. Oder die Liebe siegte, und er wagte das Wagnis aus Liebe. O, aber in der Freude der Liebe (wie ja Liebe immer froh ist, besonders wenn sie alles opfert) war doch ein tiefer Kummer / denn es war ja möglich, daß er dem Geliebten schade! Sieh, darum brachte er das Opfer (bei dem er, was ihn betraf, jubelte) nicht ohne Tränen. Jubel unter Furcht und Zittern: das ist die wirkliche Seligkeit wirklicher Liebe. Denn nur unter dem Druck jener entsetzlichen Möglichkeit entsteht ein Werk wahrer Liebe. Doch, wer weiß davon? und wenn er es weiß: wer wagt davon zu reden? O, mein Freund, dir schaudert vor den Kollisionen worin Shakespeare seine Helden versucht werden läßt. Welch grauenvolle Abgründe tun sich da auf! Aber vor den eigentlichen religiösen Kollisionen scheint selbst Shakespeare zurückgeschreckt zu sein. Sie lassen sich vielleicht auch nur in der Sprache der Götter ausdrücken. Und diese Sprache kann kein Mensch reden; denn (wie schon ein Grieche so schön gesagt hat) von Menschen lernt der Mensch reden, von den Göttern schweigen.

Daß der unendliche Qualitätsunterschied zwischen Gott und Mensch besteht, darin liegt die Möglichkeit des Ärgernisses, die sich nicht entfernen läßt. Aus Liebe wird Gott Mensch; er sagt: „Sieh hier, was es heißt Mensch sein / aber, o nimm dich in acht, denn ich bin zugleich Gott / selig, wer sich nicht an mir ärgert!“ Er nimmt als Mensch geringe Knechtsgestalt an; damit sich keiner für ausgeschlossen halte oder meine daß menschliches Ansehen oder Ansehen bei Menschen den Menschen näher zu Gott bringe, stellt er dar, was es heißt ein geringer Mensch zu sein. So, als der geringe Mensch, sagt er: „Sieh hierher, und überzeuge dich was es heißt ein Mensch zu sein; o, aber nimm dich in acht: ich bin zugleich Gott / selig, wer sich nicht an mir ärgert.“ Oder umgekehrt: „Der Vater und ich sind eins; doch bin ich dieser einzelne geringe Mensch, arm und verlassen und in die Hand der Menschen gegeben / selig, wer sich nicht an mir ärgert.“ „Ich, dieser geringe Mensch, bin es, der macht daß Taube hören, Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige rein werden, Tote auferstehen / selig, wer sich nicht an mir ärgert.“

Unter Verantwortung an höchster Stelle erkühne ich mich daher zu sagen, daß dieses Wort: „Selig, wer sich nicht an mir ärgert“, mit zur Verkündigung von Christus gehört; wenn nicht in derselben Weise wie die Worte des Abendmahls, so doch wie die Worte: „Jeder prüfe sich selbst.“ Es sind Christi eigne Worte; und sie müssen, besonders in der Christenheit, immer wieder eingeschärft und zu jedem besonders gesagt werden. Überall wo diese Worte nicht mitklingen; [Und das ist nun fast überall in der Christenheit der Fall: wo man, wie es scheint, entweder ganz ignoriert, daß Christus selbst so wiederholt, so aus dem innersten Herzen vor dem Ärgernis warnte (noch gegen den Abschluß seines Lebens sogar seine treuen Apostel, die ihm vom Anfang an gefolgt waren und um seinetwillen alles verlassen hatten); oder das sogar im Stillen für eine überspannte Ängstlichkeit von Christus hält, da die Erfahrung von Tausenden und Abertausenden beweise, daß man Glauben an Christum haben könne ohne das mindeste von der Möglichkeit des Ärgernisses zu merken. Dieses dürfte aber ein Irrtum sein, der wohl offenbar werden wird wenn die Möglichkeit des Ärgernisses sich einstellt / zum Gericht über die Christenheit.]; in jedem Falle wo die Darstellung des Christlichen nicht auf jedem Punkte von diesem Gedanken durchdrungen ist: da ist das Christentum Blasphemie. Denn ohne Leibwache und ohne Diener, die ihm den Weg bereiten und die Menschen aufmerksam machen konnten wer es war der da kam, ging Christus hier auf Erden in geringer Knechtsgestalt. Aber die Möglichkeit des Ärgernisses (oh, wie war sie ihm in seiner Liebe seine Sorge!) befestigt eine klaffende Tiefe zwischen ihm und dem der ihm am nächsten steht. So schützte sie ihn einst; so schützt sie ihn noch.

Wer sich nämlich nicht ärgert, der betet glaubend an. Aber die Anbetung, die der Ausdruck des Glaubens ist, bringt zugleich zum Ausdruck, daß zwischen dem Angebeteten und dem Anbetenden die unendlich klaffende Tiefe der Qualität befestigt ist. Denn im Glauben ist wieder die Möglichkeit des Ärgernisses das dialektische Moment [Hier eine kleine Aufgabe für Beobachter. Wenn man annimmt, daß alle die vielen Pfarrer hier und im Auslande, die Predigten halten und schreiben, gläubige Christen sind, wie läßt es sich erklären, daß man nie das Gebet hört und liest, das besonders in unserer Zeit so naheliegt: „Gott im Himmel, ich danke Dir, daß Du von dem Menschen nicht gefordert hast daß er das Christentum begreife; denn wenn dies gefordert würde, wäre ich der Elendeste von allen. Je mehr ich das Christentum zu begreifen suche, um so unbegreiflicher kommt es mir vor, um so mehr entdecke ich nur die Möglichkeit des Ärgernisses. Darum danke ich Dir, daß du allein Glauben forderst; und ich bitte Dich, daß Du ihn mir weiter mehren wollest.“ Dies Gebet würde ganz korrekt sein, und angenommen daß es bei dem Betenden wahr wäre, würde es zugleich korrekte Ironie über die ganze Spekulation sein. Ob sich aber Glauben findet auf Erden?]

Die Art des Ärgernisses von der wir jetzt reden ist „positiv“ ponendo; sie sagt vom Christentum aus daß es Unwahrheit und Lüge sei, und damit auch dasselbe von Christus.

Um sie zu beleuchten gehen wir am besten die verschiedenen Formen des Ärgernisses durch, das prinzipiell dem Paradox (Christus) entspricht und (weil alles Christliche sich auf Christus bezieht, Christus in mente hat) bei jedem christlichen Begriff sich einstellt.

Die niedrigste (menschlich geredet, unschuldigste) Form des Ärgernisses ist, wenn man die ganze Sache mit Christus unentschieden sein läßt und so urteilt: „ich erlaube mir darüber kein Urteil; ich glaube nicht, aber ich urteile auch nicht.“ Daß dies eine Form des Ärgernisses ist entgeht den meisten. Die Sache ist, man hat das christliche “du sollst“ rein vergessen. Daher sieht man nicht, daß es Ärgernis ist wenn man Christus in Indifferenz setzt. Daß dir das Christentum verkündigt ist, bedeutet daß du über Christus eine Meinung haben sollst. Er, oder daß er da ist, und daß er da gewesen ist, das ist die Entscheidung, die Krisis des ganzen Daseins. Ist dir Christus verkündigt, so ist es Ärgernis, zu sagen: „Ich will darüber keine Meinung haben.“

Doch muß dies in unseren Zeiten, wo das Christentum so dürftig verkündigt wird wie es geschieht, mit einer gewissen Einschränkung verstanden werden. Es leben gewiß viele Tausende, die das Christentum haben verkündigen hören aber nie von diesem „du sollst“ etwas gehört haben. Wer es aber gehört hat und dann sagt: „Ich will darüber keine Meinung haben,“ der hat sich geärgert. Er leugnet nämlich die Gottheit Christi, da er ihm das Recht abspricht, von dem Menschen zu verlangen daß er eine Meinung über ihn habe. Da hilft es nicht, daß er erklärt: „Ich sage ja von Christus nichts, weder ja noch nein“; denn dann fragt man ihn bloß: „Hast du auch darüber keine Meinung, ob du über ihn eine Meinung haben sollst oder nicht?“ Antwortet er darauf: „doch“, so fängt er sich selbst; und antwortet er: „Nein“, so verurteilt ihn das Christentum gleichwohl, da er darüber, und also wieder über Christus, eine Meinung haben soll. Kein Mensch darf sich vermessen, Christi Leben wie eine Kuriosität dahingestellt sein zu lassen. Wenn sich Gott gebären läßt und Mensch wird, so ist das nicht ein müßiger Einfall von ihm, etwas worauf er verfällt um doch etwas vorzunehmen (vielleicht um der Langeweile ein Ende zu machen, die, wie man frech gesagt hat, mit dem Gottsein verbunden sein soll). Gott geht nicht auf Abenteuer aus. Nein, wenn Gott das tut, so ist dies Faktum der Ernst des Daseins. Und der Ernst in diesem Ernst ist wieder: daß darüber jeder eine Meinung haben soll. Wenn ein König eine Provinzialstadt besucht, sieht er es für eine Beleidigung an, wenn ein Beamter ohne gültigen Abhaltungsgrund es unterläßt sich am Empfang zu beteiligen; wie würde er aber wohl urteilen, wenn einer das ganze Faktum daß der König in der Stadt ist ignorieren und den Privatmann spielen wollte, der „auf Seine Majestät pfeift“? Und so auch, wenn es Gott beliebt Mensch zu werden / und es dann einem Menschen (der als solcher sozusagen göttlicher Beamter ist) beliebte zu sagen: „Ja, das ist etwas, worüber ich keine Meinung zu haben wünsche.“ So redet man vornehm von dem was man im Grunde vornehm übersieht: übersieht man also vornehm / Gott.

Die nächste Form des Ärgernisses ist die negative, aber leidende. Sie fühlt wohl, daß sie Christus nicht zu ignorieren vermag, und nicht imstande ist das mit Christus auf sich beruhen zu lassen und dann im Übrigen ein geschäftiges Leben zu führen. Aber glauben kann sich auch nicht; fortwährend blickt sie starr auf einen und denselben Punkt, auf das Paradox. Insofern ehrt sie doch das Christentum, drückt aus daß diese Frage: „Was dünkt dich um Christo?“ wirklich das Entscheidendste ist. In dieser Form des Ärgernisses lebt der Mensch dahin wie ein Schatten; sein Leben verzehrt sich, weil er in seinem Innersten beständig mit dieser Entscheidung beschäftigt ist. Und so drückt er aus welche Realität das Christentum hat, gerade wie das Leiden der unglücklichen Liebe die Realität der Liebe zeigt.

Die letzte Form des Ärgernisses ist die von der wir hier reden, die positive. Sie erklärt das Christentum für Unwahrheit und Lüge, sie leugnet Christus (daß er da war, und daß er der war der er zu sein behauptete) entweder doketisch oder rationalistisch, so daß Christus entweder kein einzelner Mensch ist oder nur ein einzelner Mensch; so daß er entweder (doketisch) zu Poesie oder Mythologie wird, die keinen Anspruch auf Wirklichkeit macht, oder (rationalistisch) zu einer Wirklichkeit, die keinen Anspruch auf Göttlichkeit macht. In dieser Leugnung Christi als des Paradoxes liegt natürlich auch die Leugnung alles Christlichen: der Sünde, der Sündenvergebung usw.

Und diese Form des Ärgernisses ist die Sünde wider den Heiligen Geist.

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