Zinzendorf, Nicolaus Ludwig Graf von - 1. Von der heiligen Schrift.

Zinzendorf, Nicolaus Ludwig Graf von - 1. Von der heiligen Schrift.

Je mehr ein Mensch sich selbst kennen lernt, je mehr sieht er ein, was ihm mangelt, und je begieriger wird er, dem Mangel abzuhelfen. Kommt er dann mit einer solchen Gemütsverfassung zur heiligen Schrift, so wird er die vortrefflichste und leichteste Anweisung zur wahren Glückseligkeit vor sich finden.

Es ist eine Wohltat, die nicht genug erkannt wird, dass wir eine Bibel haben, ein Evangelium-Buch, so ein Arzneibuch, darin ein Jeder das Mittel zu seiner Genesung finden kann, so bald ihm die Augen aufgetan werden, darin zu lesen. Da müssen wir immer hinweisen, und zugleich in einer solchen Zusammenstimmung mit der Bibel stehen, dass, wer uns hört und aus dem Buch prüft, finden muss, dass zwischen unserem Mund und dem Buch eine völlige Harmonie ist, so dass er nichts mehr wünschen kann, als dass noch die Harmonie seines Herzens dazu komme, und sein Glaube sich mit unseren Bibelwahrheiten vereinigen möge. Dann ist man gesichert, sowohl vor den Abwegen der Vernunft, die sich anderwärts hin verirrt, und der menschlichen Tiefsinnigkeit, welche daneben gräbt, als vor der natürlichen Leichtsinnigkeit, welche vorbeistreicht (Ebr. 2,1.), und dem Stolz des Weltweisen, welcher darüber zu fliegen denkt. Je mehr man inne wird (Joh. 7,17.), dass Alles, was in der Bibel vom Heiland geschrieben ist, zutrifft, je größer wird der Respekt, den wir schon aus Herzgefühl vor dem Buch haben. Man wird immer fester überzeugt, dass die heiligen Schriften alten und neuen Testaments so absolut göttliche Werke sind, dass alle Lehre, Sätze und Weissagungen aufs künftige, und Alles, was zum theologischen System gehört, für einen Menschen, der selig werden, oder einen, der ein Zeuge wer den soll, so hinlänglich und vollkommen darin zu finden ist, dass man bis auf die Zukunft Christi nichts mehr braucht, und dass nichts mehr und anders festgestellt werden kann und darf.

Es ist doch etwas Großes, dass der Teufel mit seiner Tausendkünstelei, in etlichen tausend Jahren, nicht hat zuwege bringen können, dass nur ein Spruch wäre verloren gegangen, an dessen Wahrheit uns was gelegen ist. Was hat der Gott dieser Welt, der sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, nicht für Siege - dem Schein nach - über das menschliche Geschlecht erhalten? aber doch hat er keinen Buchstaben der heiligen Schrift, daran etwas gelegen ist, verrücken können. Wenn wir keinen anderen Beweis für die Göttlichkeit der heiligen Schrift hätten, so wäre das genug.

Der Heiland ist das Objekt der heiligen Schrift; die Bibel ist das durchgehends, vom ersten bis zum letzten Blatt, von Ihm, unserem Liebhaber, handelnde Buch; ohne Ihn weiß man nicht, was es heißen soll, aber so bald man gleichsam aus dem Heiland heraus die Bibel ansieht, so hängt Alles zusammen. Wie es Ebr. 9,19. heißt: „Mose nahm das Opferblut und besprengte das Buch;“ so ist nun auch Jesus und Sein Blut unser Schlüssel zur heiligen Schrift, dass wir sie in Saft und Kraft verwandeln können. Wo im alten Testament ein Wort oder eine Handlung von Gott steht, und keine andere der heiligen drei Personen deutlich charakterisiert wird, da ist allemal der Heiland dadurch zu verstehen. Wir suchen da Niemanden als Ihn.

Es liegt in dem Wort Gottes mehr, als man sich gemeiniglich einbildet; es ist ein verborgener Schatz, eine wahre Perle. Wer einmal die Kraft davon erfährt, der weiß, wie wenig es möglich ist, mit Seinem Wort bekannt zu sein, ohne zu dem zu kommen, der es geredet, und gesagt hat: „ihr müsst zu mir kommen, dass ihr das Leben haben möget.“ Lässt man sich das Wort nicht bald zu Ihm führen, der der eigentliche Grund und das Objekt davon ist, so wird man irre und versteht Alles verkehrt.

Da der Heiland, als Er noch in Person auf der Welt war, die Anhörung und Bewahrung des Wortes Gottes sogar der leiblichen Verwandtschaft mit Ihm vorzog (Luk. 11,28.), so ist es eine große Sache, dass wir dasselbige Wort noch haben, welches schon zu jener Zeit das edelste, köstlichste Mittel war, Seinem Herzen nahe zu werden. Wer wollte sich also der großen Seligkeit und des Vorteils nicht bedienen, dass wir eben dieselbe Wahrheit, Trost, Maximen, Evangelien und Briefe gefunden haben, deren sich die Apostel bedient, da sie ihren Herrn mitten unter sich hatten?

Die heilige Schrift ist das Buch aller Bücher; es enthält, wie es da ist, die Wahrheit aus Gottes Herzen und Mund, und es ist sonst kein Buch, das sie zuverlässig enthält, es wird auch bis zu der Zukunft des Heilandes keines werden, so dass wir Alles, was wir reden und schreiben, aus diesem Buch nehmen müssen.

Es gehört aber mit unter die Kreuzgeheimnisse, die eine Torheit sind denen, die verloren gehen, aber Weisheit bei den Vollkommenen. Wenn man sie nach den Grundsätzen abmisst, welche die Leute seit einigen Jahren angenommen haben, da sie Gott und Seine Handlungen nach ihren ausgeschliffensten menschlichen Ideen und Handlungen abmessen wollen, so kommt man unmöglich fort.

Ein Hauptkennzeichen einer auf Jesum gegründeten Gesellschaft ist eine solche herzliche, innige, zärtliche Neigung zur heiligen Schrift, dass man sich keine größere Delikatesse weiß, als diese einfältigen aber herzdurchdringenden Wahrheiten. Kinder Gottes sind eins darin, dass es eine Speise für Junge und Alte, Reiche und Arme, Kranke und Gesunde, Brot und Wasser des Lebens, die allereinfachste Nahrung ist. Man wird sie nicht überdrüssig; denn sie ists, die von Ihm zeugt, von dem wir nie genug hören können; denn wir sind ja nach Seinem Namen genannt, und haben ein Interesse mit Ihm.

Aber freilich, so lange man kein Herz zum Heiland hat, so lange sind einem die Worte Gottes dunkel, zweifelhaft, und man findet manchmal darin keinen Sinn. Von der Stunde an aber, dass das Herz neu und eine neue Kreatur da ist, die geistliche Augen, Ohren und Sinne hat, wer den einem die Wahrheiten, die Worte und Reden des Heilandes so klar und geläufig, dass es keine Schwierigkeit mehr hat. So ihr bleiben werdet in meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, ihr werdet die Wahrheit erkennen, und eine jede Wahrheit wird euch seliger und zu treueren, solideren Menschen machen, die jetzt wissen, was sie wollen.

Aber zu dem richtigen Verstand der heiligen Schrift und zur gehörigen Unterscheidung gehört Geist und Leben. Wenn die Offenbarung, die schon so viel hundert und tausend Jahre bestanden, und bald in diesem, bald in jenem Weltteil regiert hat, offene und willige Herzen findet, so suchen solche Menschen nicht, sie zu verkünsteln und zu verdunkeln, sondern man isst, man genießt sie. Man ist nur bemüht, zu sehen, wie es da steht, und so viel Kenntnis von der Wahrheit zu bekommen, als es in den Umständen möglich ist. Es kann nichts in dem menschlichen Gang, in so fern es eine Connexion1) mit dem Heiland und Seinem Reich hat, vorkommen, das nicht in der Bibel stände; und ich halte es für eines der stärksten Argumente für die Bibel, dass in dem einigen nicht großen Buch Alles, was einem Christenmenschen in seinen inneren und äußeren Umständen begegnen kann, enthalten ist, entweder unter einem Exempel2), oder unter einer Regel, auch sogar die Verführung des Satans, der Welt und des Fleisches, und wie man sich da in Acht zu nehmen und zu verhalten hat. Kurz, das Buch ist für uns, die daran glauben und darnach leben, orakelmäßig eingerichtet: Ich armes Kind darf nur einmal in die Bibel hineinsehen, so ist mir geraten, so ist mir wohl; das kleine Büchlein gibt mir auf alle reale Vorkommenheiten, in Gemüts-, Hütten- oder Amtsumständen, die zuverlässigste Auskunft; ich wüsste nicht, was für ein Elend ich mit einem Sprüchlein nicht gleich stillen wollte. Es ist ein unvergleichliches Buch, da wir die Gedanken, die wir in dem täglichen Umgang mit unserem Herrn im Herzen vernehmen, nachschlagen und ihre Gründlichkeit abnehmen können. Wenn uns etwas verdächtig werden will, wenn sich eine Neigung, der wir nicht trauen dürfen, von unserer Seite in diese und jene Idee mengt, so können wir gleich aus dem Buch sehen, ob wir Gott gemäß denken, und hernach nur bei unsers Heilandes Grundsätzen und Lehren feste bleiben. Das ist der Grund, warum der Heiland sagt: „Selig ist, wer Gottes Wort hört, und bewahrt;“ wer sich damit bekannt macht, es unterscheiden lernt von anderen guten menschlichen Worten, es gleichsam zu seiner anderen Natur macht, und in den Grundsätzen des Wortes Gottes denkt, redet und wandelt, ohne dass er sich jedesmal erst lange darüber besinnen und dazu formen darf.

In einem solchen Herzen ist zu Allem, was man in der heiligen Schrift liest, auch die Willigkeit zu glauben da: dann hat das Herumirren zu allerlei Licht ein Ende; die Sonne ist einem aufgegangen, bei der man ewig fröhlich ist. Das heißt glauben der Offenbarung über Alles, worüber man denken und ungewiss bleiben könnte. Das Herz macht keine Einwendung, sondern nimmt Alles, was da steht, mit kreatürlicher Demut und Herzlichkeit an. Es können einem wohl, bei Lesung der Bibel, chronologische, historische oder physikalische Skrupel aufsteigen, aber mehrenteils nur bei einem Gelehrten. Wem, außer obigen Umständen, Zweifel von selbst kommen, mit dessen Herzen ists nicht richtig. Ein Liebhaber Jesu kehrt sich an keine Skrupel; wer das Objekt der Bibel lieb hat, dem ist Alles, wo er dasselbe darin findet, wichtig. So ist es den Alten zu ihrer Zeit gewesen, die haben ihr Wort Gottes, wie sie es eben damals hatten, - denn vollständig konnte es noch nicht sein - über viel tausend Stücke Goldes und Silbers geschätzt, und kaum einmal daran gedacht, dass sie etwas Besseres haben könnten.

Aus allem Obigen folgt auch: wenn eine menschliche Kreatur etwas nicht recht verstände, so würde es ihr der Schöpfer nicht übel nehmen, so bald Er versichert ist von ihrer Willigkeit, zu glauben, was Er als Wahrheit hat bezeugen und aufschreiben lassen. Das heißt bei uns, Allem, was im Buch steht, von Herzen glauben. Das ist mein Licht auf meinem Weg, die Klarheit, worauf ich etwas wagen kann mit Sicherheit. Es ist eine große Gnade, recht einzusehen, dass man ohne Glauben nicht nur unmöglich Gott gefallen, sondern auch über sich selbst nicht beruhigt werden, und nicht fortkommen kann. Ein Mensch, der auf bloße Spekulation seinen Glauben gründet, und darauf die Hoffnung seines nach dem Tod Übrigbleibens und künftigen Ergehens setzt, der ist ein ungegründeter, armer Mensch, er sei so klug als er wolle. Das geringste Katechismus-Schülerchen, das den Worten Gottes glaubt, und das hat, was die Worte sagen und wie sie lauten, ist weiser als alle dergleichen Weisen, die je gewesen, was es auch sein mag, das sie gelesen. Lob und Dank sei dem treuen Gott! der uns den Glauben gegeben hat. Unser Grund soll die Offenbarung sein, die der menschlichen Kreatur gegeben ist, damit sie durch dieses Jammertal gewisse Tritte thun, und in den mancherlei Bedürfnissen, bei Ermangelung des Sehens, sich das mit trösten könne. Die bloße Offenbarung würde uns freilich nicht vollkommen machen in der Freude; aber das Objekt der Offenbarung fasst alle Stufen der Seligkeit in sich; und nach dem einer das Hauptziel, die Summe der Sache beisammen hat, nach dem ist er selig, seliger oder allerseligst.

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autoren/z/zinzendorf/zinzendorf_wahrheiten_-_von_der_heiligen_schrift.txt · Zuletzt geändert: von aj
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