Rhegius, Urbanus - Disputation über die Wiederherstellung des Reiches Israel

Rhegius, Urbanus - Disputation über die Wiederherstellung des Reiches Israel

Dr. U. Rhegius Disputation über die Wiederherstellung des Reiches Israel wider alle Chiliasten aller Zeiten. Uebersetzt von C. J. H. Fick

Vorrede.

Seit einiger Zeit ist die Lehre von den letzten Dingen sowohl in Deutschland, wie in Nordamerika mehr als je in den Vordergrund getreten. Dabei ist es namentlch die Frage vom tausendjährigen Reiche, welche die Gemüther lebhaft beschäftigt. Die Ansichten derjenigen, welche dasselbe behaupten, weichen freilich im Einzelnen mannigfach von einander ab, stimmen aber darin überein, daß noch eine Glanzperiode für die Kirche in dieser Welt zu erwarten sei. Dieselbe beginnt nach ihrer Meinung mit einer sichtbaren Wiederkunft des HErrn, der bei seiner herrlichen Erscheinung alle Feinde der Kirche, Welt, Antichrist und Satan überwinden und die Märtyrer und Heiligen auferwecken wird. Die Fülle der Heiden und ganz Israel soll sich dann bekehren. Die Juden werden Canaan wieder in Besitz nehmen, Jerusalem soll der Mittelpunct einer heiligen Theokratie und der Tempel ein Bethaus für alle Völker werden. Dann wird ein Hirte und eine Herde werden, und Gerechtigkeit und Friede auf Erden wohnen. Alsdann wird die Kirche die Kreuzesgestalt ablegen, denn die Heiligen werden mit Christo in sichtbarer Herrlichkeit und höchster Glückseligkeit tausend irdische Jahre lang auf Erden herrschen und regieren. Danach wird der Satan aufs neue los werden und die Kirche bekämpfen, worauf aber der HErr zum jüngsten Gerichte erscheinen wird. Dies sind die Grundzüge, welche in der Beschreibung des tausendjährigen Reiches gewöhnlich wiederkehren.

Es ist nun in neuster Zeit von lutherischer Seite, von den Pastoren Münkel1), Althaus2), Diedrich3), sowie von der ev. luth. Synode von Missouri4) in Nordamerika mehrfach nachgewiesen, daß diese Lehre vom tausendjährigen Reiche weder mit der heil. Schrift, noch mit dem Bekenntnis der luth. Kirche vereinbar sei, welches Art. 17 der Augsb. Conf. im Principe allen und jeden Chiliasmus verwerfe. Allein dagegen wird häufig der Einwurf erhoben, daß hiemit nur die Verwerfung des groben Chiliasmus gemeint sei. Ohne Zweifel findet dieser Einwurf in der Fassung des 17. Art. selbst schon seine hinreichende Widerlegung. Indessen dürfte es doch nicht unwichtig sein, auch durch ein Zeugnis aus der Reformationszeit den Beweis zu liefern, daß die ersten Bekenner unserer Kirche, welche mit Luther und Melanchthon in naher persönlicher Gemeinschaft standen und die von ihnen verfaßten Bekenntnisschriften mit unterzeichneten, den Chiliasmus in jeglicher Form, grober wie feiner, ausdrücklich verworfen haben.

Ein solches ist die hier mitgetheilte Schrift des seligen Doctors der Theologie und Generalsuperintendenten des lüneburgischen Landes, Urban Rhegius. Um aber zu zeigen, wie lebendig Rhegius inmitten der reformatorischen Bewegung stand und welch bedeutenden Theil er am Reformationswerke hatte, möge hier eine kurze Mittheilung über sein Leben folgen5).

Urban Rhegius wurde geboren um die Zeit des Maimonats 1490 zu Langenargen am Bodensee in der Grafschaft Montfort, welche jetzt zu Würtemberg gehört. Seinen Namen König verwandelte er später in Regius oder Rhegius. Er besuchte das Gymnasium in Lindau, studierte zu Freyburg im Breisgau, sodann in Basel und lehrte hierauf zu Ingolstadt, wo der Kaiser Maximilian ihn eigenhändig zum Dichter krönte, als Professor der Poesie und Beredtsamkeit. Nachdem er durch Lesung von Luthers Schriften für die Wahrheit gewonnen war, wurde er 1520 als Prediger nach Augsburg berufen. Als Lutheraner vertrieben, wandte er sich nach Tyrol, durchzog das ganze Etschthal, das Salzburgische und das Tesserecker Thal, lebte eine Zeitlang in Innsbruck und war 1522 u. 1523 Prediger zu Hall am Inn. Nach Augsburg 1523 zurückgerufen, verbreitete er die reine Lehre mit großem Eifer in Franken, sowie im ganzen umliegenden Würtemberg und bekämpfte erfolgreich die Irrthümer der dortigen Chiliasten, Wiedertäufer und Sakramentierer. Luther selbst bezeugte, wenn Rhegius nicht in Schwabenland Ordnung machte, so wäre die Sache der Wahrheit daselbst verloren, und nennt ihn den gelehrtesten und besten Prediger in Augsburg6). Während des Reichstages 1530 hatte er tägliche Zusammenkünfte mit Melanchthon, Jonas, Eisleben und Spalatin, predigte7) mehrmals mit großem Beifall vor den evangelischen Fürsten und Ständen, wurde von ihnen aufgesucht und um Rath gefragt. Damals lernte ihn der ausgezeichnete Herzog Ernst, der Bekenner, von Braunschweig-Lüneburg kennen, und berief ihn zum Hofprediger und Generalsuperintendenten nach Selle. Als dort die Hofjunker den heimgekehrten Fürsten in gespannter Neugierde befragten, was er Neues vom Reichstage mitgebracht, erwiderte er: „Einen unschätzbaren Segen für Land und Leute habe ich mitgebracht, einen Mann von Glaubenstreue und Gelehrsamkeit, den ich höher achte, denn aller Fürsten Kostbarkeiten“. Um 1530 wandten sich die Augsburger an Luther mit der dringenden Bitte, ihnen den Rhegius wieder zu schaffen8). Eine Gesandtschaft wurde nach Celle abgeordnet, die dem Herzoge und ihm die gemeinsame Bitte vortragen und ihn zur Rückkehr veranlassen sollte. Das hörte Ernst mit tiefer Bewegung, hob seine Finger zu den Augen und sprach: „Weiß ich doch nicht, ob ich lieber ein Auge missen will, oder meinen Doctor; denn der Augen habe ich zwei und nur einen Rhegius“. Und dann, zu Letzterem sich wendend, fügte er hinzu: „Lieber Urbane, bleibt bei uns, ihr könnt wohl Jemand finden, der euch mehr Geld gebe als ich, aber keinen, der eurem Predigen lieber zuhöre“.

Wie hoch der Herzog unsern Rhegius ehrte, geht auch daraus hervor, daß es in seinen kirchlichen Erlassen in der Regel hieß: „Wir Ernst von Gottes Gnaden Herzog von Braunschweig-Lüneburg und Urbanus Rhegius, der Heiligen Schrift Doctor, verordnen rc“.

Mit großer Weisheit und Treue betrieb nun Urban Rhegius die Einführung der Reformation im nördlichen Deutschland. 1531 und 1532 reformirte er Lüneburg und verfaßte eine Kirchenordnung; 1535 kam er zu demselben Zwecke nach Hannover, und arbeitete für die Stadt gleichfalls eine Kirchenordnung aus, von der sich ein Sendschreiben von Luther und eins von Melanchthon findet. 1537 wohnte er dem Convente zu Schmalkalden9) bei und unterschrieb die schmalkaldischen Artikel als der zweite unmittelbar nach Bugenhagen mit den Worten: Et ego Urbanus Rhegius D. Ecclesiarum in ducatu Luneburgensi subscribo. Persönlich anwesend beförderte er 1538 die Reformation in Braunschweig und preußisch Minden. Durch Schriften und Rathschläge wirkte er für die Reformation in Memmingen, Hildesheim, indem er an die dortigen bedrängten Lutheraner ein Trostschreiben richtete, ferner in Lemgo und Soest, wie er denn auch an die Fürsten und Städte in Pommern eine Ermahnung schrieb. Ferner suchte nach seinen Rathschlägen Herzog Ernst der Reformation auch in Höxter, und in den Grafschaften Hoya, Schaumburg und Ostfriesland Eingang zu verschaffen. Nachdem Rhegius 1541 noch an dem Convente zu Hagenau Theil genommen hatte, entschlief er am 23. Mai desselben Jahres zu Celle, tief betrauert von seinem frommen Fürsten, der ihn seinen lieben Vater in Christo zu nennen pflegte und bis zum Ende seiner Tage mit Dank der Worte des Seelsorgers gedachte, wie er auch seine zahlreiche Familie treulich versorgte.

Wie groß aber das kirchliche Ansehen unseres Rhegius war, ist auch daraus ersichtlich, daß seine Schrift de formulis caute loquendi fast symbolische Geltung erlangte. Sie wurde in das Corpus doctrinae Wilhelminum für die lüneburgischen und nebst seinem gründlichen Bericht von den vornehmsten Artikeln der Heiligen Schrift von Herzog Julius 1576 in das Corpus doctrinae für die braunschweigischen Lande aufgenommen. Eben so hielt Spalatin seine Schrift: Enchiridion oder Handbüchlein eines christlichen Fürsten rc. so hoch, daß er es in den Händen der Fürsten und Obrigkeiten aller Völker und Zungen zu sehen wünschte und es zu dem Ende ins Lateinische übersetzte.

Gar innig und herzlich war auch das Verhältnis des sel. Rhegius zu Luther. Ihm, dem er die Erkenntnis der Wahrheit verdankte, bewahrte er Zeit seines Lebens die aufrichtigste Liebe und Hochachtung. Er selbst hat sich in zwei Briefen10) darüber ausgesprochen. „Als ich nach Sachsen reiste“, sagt er in dem einen, „brachte ich in Coburg einen ganzen Tag allein mit Luther, dem Manne Gottes, zu: ich habe nie in meinem Leben einen angenehmeren Tag verlebt. Denn Luther ist ein solcher und ein so großer Theologe, daß keine Jahrhunderte einen ähnlichen gehabt haben. Um so mehr verabscheue ich die Thorheit und Anmaßung der Carlstadtianer, die sich schmeicheln, als könnten sie mit Luther verglichen werden, dessen Schatten sie nicht erreichen bei aller Gelehrsamkeit, womit sie sich brüsten. Luther war mir immer groß. Aber jetzt ist er mir der größte. Denn selbst gegenwärtig, habe ich gesehen und gehört, was sich Abwesenden mit keiner Feder beschreiben läßt“. Und in dem andern Briefe schreibt er: „Ich, der ich vielleicht in Beurtheilung der Wahrheit auch kein Klos bin, urtheile so: Niemand könne Luthern hassen, wenn er ihn kennt. Luthers Schriften zeigen seinen Geist an, aber wenn du den Mann selbst siehst, wenn du ihn selbst mit apostolischem Geiste über göttliche Dinge reden hörst, dann wirst du sagen: die Gegenwart übertrifft das Gerücht. Luther ist zu groß, als daß er von irgend einem Halbwisser könnte oder dürfte gerichtet werden. Siehe, welch herrliche Gnade Gottes in dem Manne ist, dessen ich mich wahrlich nicht schäme. Ich will sagen, was ich denke. Wir schreiben ja auch hin und wieder und behandeln die Schrift, ohne Prahlerei gesagt: aber mit Luther verglichen, sind wir Schüler. Dies Urtheil fließt nicht aus der Liebe, sondern vielmehr die Liebe aus dem Urtheil. Ich verachte Niemanden. Ich will mich lieber verachten lassen, als gelobt werden. Dagegen aber will ich nicht leiden, daß Luther, jenes auserwählteste Werkzeug des Heiligen Geistes, verachtet werde. Er bleibt noch wohl ein Theologus für der ganzen Welt, das weiß ich; ich kenne ihn nun bas11), denn zuvor, ehe ich ihn habe selbst gesehen und gehört“.

Nicht minder liebte und schätzte Luther unsern Rhegius. „Die jetzt die höchsten und fürnehmsten Theologi und Gelehrte sind“, sagt er12), „die halten es mit uns, als Amsdorf, Brentius, Rhegius, begehren unsere Freundschaft, schreiben uns“. Er stand mit ihm im Briefwechsel, tröstete ihn in seinen Anfechtungen und verfaßte mehrere Vorreden zu Rhegius Schriften. Es sind dies seine Auslegung des 52. Psalmes, die Weissagungen des Alten Testamentes von Christo und seine Widerlegung der Münstrischen neuen Valentinianer und Donatisten Bekenntnis an die Christen zu Osnabrück in Westphalen.

In der ersten sagt Luther: „Wiewohl Doctor Urbanus Rhegius seliger rc. weder meiner noch keiner Vorrede bedürfte auf seine Bücher, sintemal er für sich selbst nicht allein hoch genug gelehrt, sondern auch hoch berühmt unter den Lehrern der heiligen christlichen Kirchen zu unsrer Zeit, als ein reiner rechtschaffener Prediger des heiligen, reinen, ungefälschten Evangelii erkannt, von allen frommen Rechtgläubigen lieb und werth gehalten ist, denn er dem päpstlichen Gräuel und allen Rotten mit Ernst feind gewesen, wie der 139. Psalm V. 22 sagt: Ich hasse sie im rechten Ernst, darum sind sie mir feind. Das reine Wort Gottes aber hat er herzlich lieb gehabt, und mit allem Fleiß und Treuen gehandelt, wie seine Schriften deß ihm hier und dort reichlich Zeugnis geben“.

Besonders herzlich und rühmlich ist das Ehrengedächtniß, welches Luther in der zweiten Vorrede dem seligen Rhegius widmet. „Aus vielen Gründen“, sagt er darin, „ergreift mich ein tiefer Schmerz, so oft ich von dem Tode der Frommen höre, vornemlich solcher, deren Tüchtigkeit in der Regierung, sei es in der öffentlichen, sei es in der häuslichen eine ausgezeichnete war. Zuerst nämlich schmerzt mich der Verlust der Kirche, des Staates oder auch der Familien, welche ihrer treuen Wächter beraubt sind. Denn um jetzt von der Kirche zu reden, was für einen großen Schaden haben die sächsischen Kirchen durch den Verlust des Urban Rhegius erlitten, der in Wahrheit ein rechter Bischof der benachbarten Länder war, worin er das Evangelium von Christo rein und lauter verbreitete, den Gottesdienst und die Sitten des Volkes verbesserte, die Rasereien der Schwärmer unterdrückte, viele fromme Kirchendiener und andere Regierer durch Lehre, Rath und Ansehen leitete. Diese erkennen nun großen Theile, daß sie wie eine Herde ohne Hirten in der Irre gehen“.

„Wie wohl es daher zu betrauern ist, daß die Kirche durch den Tod der Gelehrten und Frommen ihrer Schutzwehren beraubt wird, so muß man doch ihnen selbst dazu, wie zu einer Auswanderung nur Glückwünschen. Selig sind die Todten, sagt die Schrift, die im HErrn sterben. Deshalb laßt uns wissen, daß auch unser Urban, der in wahrer Anrufung Gottes und im Glauben an Christum beständig gelebt, der Kirche treu gedient und das Evangelium durch ein züchtiges und gottseliges Leben geziert hat, selig sei, und ewiges Leben und Freude habe in der Gemeinschaft Christi und der himmlischen Kirche, in der er jetzt von Angesicht zu Angesicht das lernt, schaut und hört, worüber er hier in der Kirche nach dem Worte Gottes gelehrt hat. Wie er vorher mit seinem Weibe, seinen Kindern, endlich auch mit allen Lesern von den Sprüchen der Väter und Propheten redete, welche er in diesem Gespräche gottselig, gelehrt und treffend vorträgt, so hört er nun, wie die ersten Lehrer und Christus selbst dieselben auslegen, freut sich, daß sein Glaube mit Christi und der Väter Wort übereinstimme, sagt Gott Dank dafür, daß er ihm das Licht geschenkt habe, ehe er von hier geschieden sei, wodurch in ihm die Sünde getilgt und das ewige Leben angefangen ist.

Auch halte ich es nicht für einen Zufall, daß er kurz vor seinem Tode dies Gespräch über die Auferstehung Christi sehr oft gelesen hat, gleich als ahnte er schon seinen Weggang von hier, worin er die herrliche Auferstehung Christi betrachtend wußte, daß der Tod vertilgt sei, und sich dies Wort Christi einprägte: Tod, ich will dein Gift sein; Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein.“

„Wie aber Urban eine außerordentliche Liebe zu seinem Weibe und seinen Kindern hatte und sein Gemahl in allen Tugenden eines gottseligen Weibes sich auszeichnete, auch seine Familie rechtschaffen unterrichtet war, so ist es glaublich, daß er nicht ohne Trauer von ihnen geschieden sei, die seines Dienstes bedurften. Aber doch wußte er, daß Gott ein Vater der Waisen und ein Beschützer der Witwen sei. Nun befiehlt er seine Familie Gott, der in der That die Familien frommer Kirchendiener bis hieher beschützt hat, und sie auch ferner beschützen und ernähren wird, sogar wider den Willen der Welt, wie geschrieben steht: Ich habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen, oder seinen Samen nach Brod gehen.“

„Und bis soweit von Urban, dessen Gedächtnis wir festhalten müssen, damit seine Schriften desto begieriger gelesen werden. Denn sie enthalten eine gottselige und heilsame Lehre. Wenn wir aber an seinen Tod denken, so laßt uns ihm Glück wünschen zu seinem süßesten Umgange mit Christo, die verwaisten Kirchen aber zu Herzen nehmen und Gott bitten, daß er ähnliche Arbeiter in die Ernte des Evangeliums sende.“

Dies genüge, um daraus zu erkennen, ein wie hohes Ansehen Urban Rhegius mit Recht in unserer Kirche genießt. Er war ein naher persönlicher Freund Luthers, einer seiner begabtesten, gelehrtesten und erleuchtetsten Mitarbeiter, ein gesegnetes Werkzeug zur Ausbreitung der Reformation in Bayern, Würtemberg, Oesterreich und Norddeutschland, ein Mitunterzeichner der schmalkaldischen Artikel und ein ausgezeichneter Schriftsteller13). Mögen diese Thatsachen dazu dienen, daß wir seine Schrift wider den Chiliasmus nicht unterschätzen, welche recht ursprünglich aus dem reformatorischen Zeugengeiste unserer Kirche erwachsen ist.

Die Veranlassung zu dieser Schrift war folgende14). Im Jahre 1534 wurde Osnabrück von den münsterschen Wiedertäufern aufs heftigste beunruhigt. Sechs ihrer Sendboten kamen dahin, predigten unter großem Tumulte von dem Reiche des neuen himmlischen und israelitischen Jerusalem und gewannen die Gunst des Volkes in drohendem Grade. Als Wichmann, der oberste Sekretair des Herzogs Ernst, von diesen Vorgängen Kunde erhielt, bat er Rhegius, daß er eine deutsche Widerlegungsschrift gegen die Münsterschen verfassen und sie den Osnabrückern widmen möchte. Auch die Vornehmsten der Stadt Osnabrück ersuchten ihn gleichfalls dringend darum. Rhegius erfüllte diese Bitte und erließ im Jahre 1535 außer einer deutschen Streitschrift auch die unsere, lateinisch abgefaßte, deren Titel vollständig lautet: De restitutione regni Israelitici contra omnes omnium seculorum Chiliastas: in primis tamen contra Miliarios Monasterienses disputatio Cellae Saxonum celebranda per Urbanum Regium, respondente Guilielmo Cleveno, Aulae Ducalis concionatore15). Am Schlusse der ersteren spricht Rhegius den herzlichen Wunsch aus, daß Gott die Osnabrücker, die von Soest und ganz Westphalen in gesunder Lehre und Hoffnung des Evangelii bewahren wolle. Beide Schriften sind den Gemeinden in Osnabrück gewidmet.

Der HErr aber wolle auch jetzt wieder seinen Segen auf diese Schrift legen, welche ein eben so zeitgemäßes, als ernstes und lehrreiches Wort enthält. Möge sie durch seine Gnade auch einen heilsamen Einfluß auf unsere theure deutsche evang. lutherische Kirche in Nordamerika ausüben. Unverkennbar ist dort in neuerer Zeit manches geschehen, um unsere Kirche aus ihrer traurigen Zerrissenheit zu größerer Einigkeit zu führen. Die Morgenröthe einer schöneren Zukunft scheint uns anzubrechen. Um so beklagenswerther ist der Zwiespalt, welchen nun auch die chiliastische Irrlehre unter uns hervorgerufen hat. Wohin soll das führen, wenn wir unsere kirchliche Freiheit dazu anwenden, um uns neue Glaubens-Artikel zu bilden, und andere dafür zu gewinnen? Wir würden damit unsere kirchliche Zerrissenheit nur ins Unendliche steigern und, so viel an uns ist, an dem Untergange der Kirche arbeiten. Nur Eins ist es, was unsere Kirche aus ihrer Zerrissenheit retten kann, die Einigkeit im Geiste, im Worte Gottes, in der Lehre. Nur aus ihr entspringt wahre brüderliche Liebe und bleibende kirchliche Vereinigung. Laßt uns deshalb um Christi willen die Demuth und Selbstverleugnung üben, daß wir auch unsere Lieblings-Meinungen, die sich am Worte Gottes, als dem unfehlbaren Prüfsteine der Wahrheit als falsch bewähren, ihm zum Opfer bringen und uns so von der Wahrheit immer mehr besiegen, erleuchten und heiligen lassen. Möge uns dazu auch die treue Mahn- und Lehr-Stimme des seligen Urban Rhegius erwecken.

Denn er gehört gleichmäßig uns allen an, als Zeuge der Reformation, deren Kinder und Erben auch wir sind, als Mitunterzeichner unseres gemeinsamen Bekenntnisses, als Verbreiter der Reformation im Süden und Norden unseres gemeinsamen deutschen Vaterlandes und vor allen als ein wahrhaftiger Ausleger der Heiligen Schrift, die unser gemeinsames Licht, Trost und Richtschnur ist.

Denn die Heilige Schrift lehrt ja mit keinem Wörtlein, daß vor dem jüngsten Tage noch ein tausendjähriges Reich Christi mit sichtbarer Herrlichkeit auf Erden zu erwarten sei. Vielmehr lehrt sie auf das Deutlichste, daß gegen das Ende der Welt „gräuliche Zeiten kommen“ werden 2 Tim. 3, 1. Dazu bezeugt sie ausdrücklich, daß der jüngste Tag plötzlich und unerwartet über die sichere Welt hereinbrechen werde, wie ein Blitz Matth. 24, 27; wie ein Dieb 1 Thess. 5, 2; wie ein Fallstrick Luc. 21, 35; wie die Geburtsschmerzen 1 Thess. 5, 3; wie die Sündfluth Matth. 24, 37; wie der Untergang Sodoms Luc. 17, 28. Deshalb ermahnt uns Christus mit so heiligem Ernste, daß wir wie die klugen Jungfrauen, mit dem Oel der Buße und des Glaubens geschmückt täglich die Ankunft unseres Seelenbräutigams zum jüngsten Gerichte erwarten sollen, indem er gebietet Matth. 25, 13: Darum wachet, denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird. Wie seelenverderblich ist dagegen der chiliastische Irrwahn, welcher lehrt, daß der HErr noch lange nicht komme und mit seinen lügenhaften Trugbildern von einem sichtbaren herrlichen Reiche Christi den heiligen Ernst der Buße und die Keuschheit des Glaubens zu vergiften droht. Der HErr aber wolle uns immer mehr in seine Wahrheit leiten, daß wir alle chiliastischen Irrthümer fahren lassen und statt dessen mit der ganzen heiligen christlichen Kirche nach Off. 22, 20 um den lieben jüngsten Tag beten: Ja, komm, HErr JEsu!

Hildesheim, den 25. März 1859.

C. J. Hermann Fick,

ev. luth. Pastor von Detroit, Mich. Nordamerika

Urban Rhegius grüßt Wichmann aus Westphalen, Sekretair des erlauchten und frommen Herzogs Ernst von Braunschweig und Lüneburg.

Ich habe unlängst aus Briefen von Antonius Corvinus, meinem geliebten Bruder im HErrn, vernommen, daß die münsterschen Ketzer ein giftiges Büchlein von der Wiederherstellung des Reiches Israel an den erlauchten Fürsten von Hessen, Philipp, geschickt und vielleicht durch ihre Herumträger weiter verbreitet haben, worin die aufrührerischen Räuber behaupten, daß vor dem jüngsten Tage ein leibliches Reich Christi auf Erden sein würde, worin nur die Heiligen herrschen sollten, nachdem vorher alle Gottlosen und weltlichen Obrigkeiten in der Welt mit dem Schwerte ausgerottet worden sein. O ein gerechtes, aber erschreckliches Gericht Gottes. Mit solcher Blindheit des Geistes muß jene beklagenswerthe Gottlosigkeit der Donatisten, Valentinianer und Novatianer bestraft werden. Um daher meine Mitstreiter am Evangelio im Herzogthum Lüneburg wider diese Ketzerei zu befestigen, werde ich, so Christus will, über diese unten folgenden 105 Artikel von der Wiederherstellung des Reiches Israel disputieren, welche ich dir, meinem vertrauten Freunde, ausdrücklich widme, damit du sie der Gemeinde in Osnabrück in unser beider Namen übersendest, auf daß sie durch Erkenntnis der Wahrheit des katholischen Glaubens die Irrthümer und Lügen der benachbarten Stadt desto leichter vermeiden könne. Ich fürchte nämlich, daß die Plage Samarias, wie es beim Propheten heißt, auch über Juda komme, und daß, wie man sagt, die Ansteckung eine Seuche herbei führe. Christus, unser HErr und Gott, erhalte uns in gesunder Lehre.

Celle, in Sachsen.

Disputation über die Wiederbringung wider die unsinnigen Circumcellionen und neuen münsterschen Chiliasten vom Reiche Christi, ob die Wiederherstellung des Reiches Israel, wonach die Apostel Ap. Gesch. 1 fragten, in dieser Welt vor dem Tage der Erlösung fleischlich, nicht bloß geistlich, zur Erfüllung der Weissagungen vom Reiche Christi geschehen müsse, nachdem die weltlichen Obrigkeiten vertilgt und alle Gottlosen von der Erde vorher ausgerottet worden seien?

Thesen.

16)

1. Das israelitische Reich Christi hat Christum nicht zum Könige von Israel eingesetzt und erwählt, sondern Christus, der vom Vater eingesetzte König, erwählt, bestellt und erhält das Reich Israel. Joh. 15. Ps. 2 u. 109.

2. Wie daher der König ist, so wird auch das Reich sein. Der König ist nicht irdisch und zeitlich, sondern geistlich, himmlisch, ewig, weshalb nothwendig auch sein Reich geistlich und ewig ist, wie es auch von den Propheten beschrieben wird.

3. Denn wenn auch die Weissagungen der Propheten von einem äußerlichen Reiche Christi in dieser Welt zu lauten scheinen, so müssen sie doch nothwendig, wenn man die Umstände der Weissagungen erwägt, nach der Analogie des Glaubens vom geistlichen Reiche verstanden werden. 2 Sam. 717). Jes. 9. 53. Mich. 4. Joh. 18.

4. Sicherlich machen diese Worte Christi, des Königs der Könige, des HErrn der Herren, des über die irdischen Könige Erhabenen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt, und Joh. 17 von den Christen: Sie sind in der Welt, aber nicht von der Welt, gleichwie auch ich nicht von der Welt bin, endlich der Lobgesang Zachariä und der Mutter Gottes, der Jungfrau Maria, sowie die Worte Gabriels an Maria über das Reich des Messias, die aus allen Propheten summarisch gesagt sind, alle irrigen Einbildungen der Juden und Judaisierenden von einem fleischlichen und weltlichen Reiche Christi mit Leichtigkeit zu Schanden, öffnen alle Weissagungen darüber und thun unwiderleglich dar, das Reich des im Gesetz und den Propheten verheißenen und in der Fülle der Zeit erschienenen Messias sei ein geistliches, und nicht ein irdisches. Luc. 1.

5. Christus leugnet Joh. 18 vor Pilatus nicht, daß er ein König sei, denn die Wahrheit kann nicht lügen, sondern er zeigt, daß sein Reich der Herrschaft des Kaisers nicht feindselig sei, und daß er kein Feind des Kaisers sei, wie die Juden ihn verleumdeten.

6. Denn anderswo befiehlt er, dem Kaiser den Zinsgroschen zu geben und gebietet durch die Apostel Petrus und Paulus ausdrücklich, daß wir den weltlichen Obrigkeiten, Kaisern, Königen und Fürsten unterthan sein sollen, indem er das Weltreich oder jene gesetzliche Ordnung, welche durch obrigkeitliches Ansehen, Gesetze, Gerichte, Strafen und Krieg den öffentlichen Frieden in der Welt beschützt, nicht aufhebt, sondern bestätigt, denn der Apostel nennt Röm. 13 die Obrigkeit Gottes Dienerin und Gottes Ordnung uns zu gut. Matth. 22. 1 Petr. 2. Tit. 3.

7. Es ist ein herrlicheres Reich, welches die Schrift Christo zuschreibt, als daß es in den engen Raum dieses schnell vergehenden Lebens eingeschlossen werden könnte. Denn unser Christus ist vom Vater zum HErrn über Himmel, Erde, Meer, Zeit und alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge eingesetzt und zwar in Ewigkeit. Ps. 8. Matth. 11. 28. Ephes. 1. Phil. 2. Col. 1. Ap. Gesch. 10. 2. 5.

8. Christus entfernt daher durch seine Rede beim Pilatus den Verdacht, womit er unschuldig durch den Neid der Juden beschwert wurde, als trachte er nach der Herrschaft. Doch hat er keinesweges dies gesagt, daß er auch diese Welt nicht besitze, sondern daß er im Himmel ein unvergleichlich erhabeneres Reich habe. Denn er beraubt diese Welt seiner Vorsehung und Beschützung nicht. Das sei ferne, sondern er zeigt, daß sein Reich von einem weltlichen Reiche weit verschieden, nämlich nicht menschlich, noch vergänglich sei. Joh. 3, 16. 17.

9. Denn obwohl Christi Reich in dieser Welt ist, so ist es doch nicht von dieser Welt. Christus ist zwar aus dem zeitlichen Reiche Davids hergekommen, wie von den Propheten geweissagt war, allein wie Christus selbst in Ewigkeit bleibt, da Christus gestern und heute und auch in Ewigkeit derselbe ist, so besteht auch sein Reich in Ewigkeit. Denn David, der Sohn Isai, hat den Thron jenes Reiches 40 Jahre leiblich besessen, aber unter Christo, unserem wahren David, wird und bleibt es geistlich und ewig, welchem deshalb durch Antrieb des Heiligen Geistes zugerufen wurde: Hosianna, gelobet sei, der da kommt in dem Namen des HErrn, gelobet sei das Reich unsers Vaters David, das da kommt, Hosianna in der Höhe. Joh. 12. Hebr. 12. 1 Kön. 2(Statt 3 Reg. 2.)). Mark. 11.

10. JEsus Christus hat uns durch seinen heilbringenden Tod viel köstlichere Güter, ein viel mächtigeres und festeres Reich bereitet, als alles das in dieser Welt ist, was die Ohren hören, die Augen sehen und was auch nun in das Herz eines sterblichen Menschen kommt: nämlich himmlische und ewige, weshalb der Apostel ihn den Hohenpriester der zukünftigen Güter nennt. Jes. 64. 1 Cor. 2. Heb. 9.

11. Dagegen ist der Irrthum von einem leiblichen und äußerlichen Reiche18) Christi auf Erden bei den Juden aus Mißverständnis der Propheten, bei den Judaisierenden in der alten Kirche und jetzt bei den Donatisten unserer Zeit auch dadurch entstanden, daß sie Offenb. 20. u. 21. vom tausendjährigen Reiche der Heiligen und dem neuen Jerusalem falsch verstanden.

12. Indem die Propheten, wenn sie das Reich des Messias herrlich beschreiben wollen, nach heiligem Sprachgebrauche gewisse dieser so großen Sache angemessene Bilder gebrauchen, so haben sie von geistlichen, ewigen und allem Verstande unbegreiflichen Gegenständen nicht ohne Grund durch Gleichnisse von leiblichen Dingen geredet.

13. Indessen erklären sie doch oft in nicht undeutlichen Worten, daß sie von geistlichen und unendlich größeren Dingen, als dies Irdische nur irgend sein kann, weissagen, wie wenn Sacharia 9 Christum einen gerechten König, einen Helfer und arm nennt. Und Zephania Cap. 3 sagt der HErr: Ich will in dir lassen überbleiben ein armes geringes Volk, die werden auf des HErrn Namen trauen. Denn wenn Christus das Reich der Welt eingenommen, die weltlichen Könige vertilgt und die Heiden zur Knechtschaft gebracht hätte, so würde er selbst sicherlich kein armer König, noch sein Volk arm, elend und unterdrückt heißen: denn was für eine Trübsal oder Armuth ist es, alle Schätze der ganzen Welt ruhig zu genießen? Und deutlich genug ist es, was im Sacharja folgt: Ich will die Wagen abthun von Ephraim und die Rosse von Jerusalem, und der Streitbogen soll zerbrochen werden; denn er wird Frieden lehren unter den Heiden, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis an das andere, und vom Wasser bis an der Welt Ende. Siehe eine andere Gestalt des Reiches, worin es keine fleischlichen Waffen, Ritter, Fußsoldaten und anderes gibt, was zur Beschützung weltlicher Herrschaften gehört: der Messias redet das Evangelium des Friedens und bereitet durchs Wort ein so großes Reich, welches sich durch den ganzen Erdkreis erstreckt.

14.19) Man betrachte die Umstände der Weissagungen und verstehe die Bilder richtig, so werden wir sehen, daß die Propheten dem Reiche Christi offenbar zuschreiben den Umfang des ganzen Erdkreises, wie Dan. 2 Christus der Stein genannt wird, welcher ein Berg ward und die ganze Welt füllete, Unvergänglichkeit und ewige Gewalt Dan. 7, vollkommene Ruhe Jes. 32. Jer. 23, ewigen Frieden Jes. 9, immerwährende Freude Jes. 35. 51. 65, endlich selige Unsterblichkeit Jes. 25. Hos. 13. Denn der Lobgesang dieses Reiches, welcher von nun an bis in Ewigkeit gesungen werden wird, ist: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Wer sieht nicht, daß dies alles einem weltlichen Reiche ganz und gar nicht zukomme? 1 Cor. 2. 3(statt 1. Cor. 23). 15.

15. Wenn es daher Off. 20 heißt, daß Christus mit den Heiligen, welche das Thier nicht angebetet haben, tausend Jahre regieren werde, so kann dies von einem irdischen Reiche in keiner Weise verstanden werden.

16. Weil Christi Reich nach dem unwiderleglichen Zeugnisse der Propheten und Evangelisten nicht nur tausend Jahre, sondern in Ewigkeit währet, indeß die andern Weltreiche, wie das babylonische, persische, macedonische und römische durch Christi Reich zerstört sind, wie Dan. 2 sagt: Aber zu der Zeit solcher Königreiche wird Gott vom Himmel ein Königreich aufrichten, das nimmermehr zerstöret wird und sein Königreich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und verstören; aber es wird ewiglich bleiben. Ebenso Dan. 7.

17. Denn der zweite Tod wird nicht bloß tausend Jahre den Christen nicht schaden, vielmehr wird nach Christi Verheißung, wer das Wort des Evangeliums wird halten, den Tod nicht sehen ewiglich. Und wiederum: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort höret und glaubet dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen. Joh. 8. 5.

18. Sowie nur ein geistlicher König über alles ist Christus JEsus, so gibt es in der That nur ein Reich Christi hienieden und in der zukünftigen Welt, allein verschieden sind die Verhältnisse desselben.

19. Das Reich des Messias in dieser vergänglichen Welt ist ein verborgenes Reich des Glaubens unter dem Kreuze, in welchem das Leben der Heiligen noch verborgen ist mit Christo in Gott. Col. 3.

20. Denn er herrscht unsichtbar auf geistliche und verborgene Weise in unsern Herzen durch das Evangelium, die Sakramente, den Glauben und den heiligen Geist bis zum Ende der Welt.

21. Er hat alle Gewalt empfangen im Himmel und auf Erden, er hat in allen Dingen den Vorgang, und er siegt in seinen Christen durch unsichtbare Macht über Sünde, Welt, Tod, Teufel und Hölle. Matth. 28. Col. 2.

22. Dieses Kreuz im Reiche Christi ist Gottes väterliche Zuchtruthe, mittelst welcher Christi Braut, die Kirche, ihrem Bräutigam und Haupte durch mancherlei Trübsale gleichförmig und zur Hochzeit der seligen Ewigkeit zubereitet wird. Röm. 8.

23. Nach dem Ende der Welt wird das Reich der himmlischen Herrlichkeit geoffenbaret werden. Denn sowie bei der ersten Ankunft des Messias die Gnade Gottes in Christo erschienen ist, so wird erst bei der zweiten die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi Statt finden. Tit. 2.

24. Es wird also jenes Reich nicht zu irgend einer Zeit aufhören, nämlich nach jenen tausend Jahren, sondern hier beginnend, wird es von diesem sterblichen Leben zum seligen und unsterblichen übergehen und in Ewigkeit bestehen.

25. Denn bis zum Tage des jüngsten Gerichtes ist die Zeit des Kreuzes und der Nachfolge des leidenden und erniedrigten Christi, ein solcher war er nämlich um unsertwillen bei seiner ersten Ankunft in der ganzen Zeit seines Erdenwandels. Mat. 9.

26. Auch wird das Kreuz in diesem Leben vor der Erscheinung Christi in der Herrlichkeit nicht von den Christen genommen werden, sondern wie eine nothwendige Medicin wird es unser ganzes Leben lang bleiben, bis die ersehnte Wiedergeburt vollendet werden wird.

27. Deshalb wird der Tag des jüngsten Gerichtes von dem Apostel der Tag der Erlösung genannt. Und Luc. 21 sagt Christus, daß sich erst dann unsere Erlösung nahe, wenn des Menschen Sohn mit großer Kraft und Herrlichkeit kommen werde. Unterdessen sehnen wir uns bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unseres Leibes Erlösung. Röm. 8. Ephes. 420).

28.21) Es ist eine thörichte, lächerliche und gottlose Fabel, welche die Münsterschen neulich aus rasendem Gehirne durch Anreizung des Satans ausgedacht haben, daß nämlich bisher die Zeit das Kreuz zu leiden gewesen sei, jetzt aber sei die Zeit der Wiederbringung da, wie sie es nennen, nicht die Zeit der Geduld, sondern der Rache. Lauter Träume falscher Propheten, und aller Schrift zuwiderlaufende Possen sind jene drei Welten, die sie zur Begründung ihres Irrthums erdichtet haben, wovon die erste die Zeit der Sünde von Anfang der Welt bis zur Sündfluth Noa's gewesen sei. Die andere sei die Zeit der Verfolgung und des Kreuzes von Noa bis auf unsere Zeiten. Die dritte sei die Zeit der Wiederbringung und der Rache, worin alle Gottlosen durch die Wiedertäufer vertilgt werden sollen, und Christi leibliches Reich durch sie, wie einst die andere Welt durch Noa, begonnen werden soll. Dies hat Satan, der Mörder, ersonnen, um das Schwert den von Gott verordneten Obrigkeiten aus den Händen zu reißen, und seinen blutigen Schwärmern22) zu geben, damit sie die Welt mit Mord und Raub erfüllen und verwüsten. Denn an solchen grausamen Schauspielen ergötzt sich einzig jener alte Mörder, wenn die Leiber durch Eisen, die Seelen durch Irrthümer untergehen.

29. Wenn Christus sagt: In der Welt habt ihr Angst, die Welt hasset euch und ähnliches, so redet er von dieser Welt bis zu ihrem Ende. Denn die Welt bleibt sich immer gleich, d. i. eine Verächterin und Feindin Christi und der Christen, wie auch der Fürst der Welt, der Satan. Joh. 16. 15.

30. Drum wenn jene dritte Zeit anzunehmen wäre, worin wir nicht um Christi willen leiden, sondern nur uns rächen und nach Vertilgung aller Gottlosen herrschen müßten: so folgte, daß alle Auserwählten, welche bis zum Tage Christi geboren werden, ohne Kreuz herrlich gemacht würden, weshalb sie dem Ebenbilde Christi nicht gleich, und nichts desto weniger selig würden, was eine verderbliche Lüge des Satans wider alle Schrift ist. Denn dies ist klar: Welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf daß derselbe der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern. Und 2 Tim. 3: Die, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden. Er sagt nicht: einige, sondern alle. Die Münsterschen Betrüger aber verheißen sich schon eine Zeit der Wiederbringung und fleischlichen Sicherheit, indem sie vorhaben, die Verfolgung nicht zu leiden, sondern andern zuzufügen; sie wollen daher nicht in Christo gottselig leben und Christo gleichförmig werden, sondern mit der Welt gottlos leben und mit dem Teufel wüthen und wenn sie so fortfahren, verloren gehen. Röm. 8.

31. Die Schrift lehrt nur eine zwiefache Ankunft Christi, jene erste niedrige im Fleische und mit dem Kreuze bedeckte, und die andere herrliche, wenn nun der Richter der Lebendigen und der Todten wird geoffenbaret werden vom Himmel samt den Engeln seiner Kraft und mit Feuerflammen, zu verderben die Feinde des Evangeliums und die Christen zu verherrlichen. Sach. 9. Jes. 53. Ps. 50 1023). Mal. 4.

32. Deshalb ist es ein Traum des fleischlichen Sinnes, wenn einige in unserer Zeit eine Art mittlerer Ankunft Christi oder eine besondere Weise der ersten Ankunft behaupten, wodurch er auf dieser Erde den Seinen auch eine äußerliche Glückseligkeit im Fleische bringen würde. Und zwar nennen sie es den Tag der klaren Offenbarung des Messias, indem sie die Worte Christi Luc. 17 zu irriger Lehre verdrehen.

33. Denn der Tag, an welchem des Menschen Sohn geoffenbaret wird Luc. 17, ist der jüngste Tag des allgemeinen Gerichtes. Es gibt nämlich keinen Tag einer Art mittleren Ankunft Christi, die der Ankunft der Herrlichkeit vorbildlich vorherginge und bei welcher das Volk der Juden, das jetzt in der ganzen Welt zerstreut ist, von den vier Winden herrlich in sein Land zurückgeführt würde, damit es durch seine herrliche Rückkehr die Auferstehung der Auserwählten und ihre Versammlung von den vier Weltgegenden ins Reich der Herrlichkeit am jüngsten Tage vorbilde. Noch wird es je ein fleischliches Reich der Juden geben, welches der zukünftigen Herrlichkeit schon früher in einem abbildlichen Volke vorleuchte, sondern in Wirklichkeit wird durch das geistliche Reich des Messias das fleischliche Reich ausgeschlossen. Deshalb täuschen jene fein unsere Juden, die da lehren, daß das zerstreute und zerschlagene Israel nach dem Fleische aus allen Völkern durch die Posaune des Evangeliums ins Land Canaan gesammelt werden müsse, welches die Lieblichkeit des Gartens Eden nach Jes. 36 haben würde. Ferner lehren sie, dann erst würde Israel gleichsam lebendig von den Todten werden Röm. 11, beschnittenen Herzens 5 Mos. 30, gereinigt mit reinem Wasser Hes. 36, frei von seinen Sünden Jes. 59, eines Herzens und Wesens Jer. 32 sicher und fröhlich, Zion von der Gefangenschaft erlöst, wie die übrigen Propheten vorhergesagt haben. Denn dies wird vor der zweiten Ankunft des Messias erfüllt, wenn das Israel nach dem Fleische dem Evangelio von der Gnade Gottes glaubt und so in das wahre Zion, d. i. die Kirche gesammelt wird, wo es auch immer nur unter den Völkern wohnen mag.

34. Die Augen der Juden, denen die alte Decke der Gottlosigkeit und Unwissenheit noch nicht abgezogen ist, sehen in der Heiligen Schrift beinahe nichts, als die vergänglichen Güter dieses Lebens, jenen Berg Zion in Palästina, das irdische Jerusalem, den Tempel von Stein und Holz, von Opfern blutige Altäre, die Ruhe des Sabbaths, das Unrecht der Beschneidung, Hochzeiten, Geburten, Kindererziehung, köstliche Gastmähler, Fasanen, gemästete Turteltauben, Meth, Wein, Ueberfluß an Vieh, unaufhörliche Fruchtbarkeit aller Erdengewächse, Knechtschaft aller Heiden, und wiederum Kriege, Heere, Triumphe, Ermordungen der Ueberwundenen und den Tod des hundertjährigen Sünders, wie Hieronymus lib. in Isai-l. 48 ihnen vorwirft: aber das ganze Geschäft der Rechtfertigung und das wahre und ewige Heil im Messias fassen sie nicht.

35. Weil das Reich Gottes von ihnen genommen und den Heiden gegeben ist, so hängt bis auf den heutigen Tag die Decke vor ihren Herzen, wenn sie Mosen und die Propheten lesen, daß die verblendeten Juden24) nichts richtig verstehen, sondern jetzt nur den Buchstaben der Schrift ohne Verstand studieren.

36. Denn Christen, welche den Vater im Himmel haben und sich hier als Fremdlinge ansehen, wird kein Reich fleischlicher Sicherheit und Wollust auf Erden verheißen, sondern ein Reich des Streites und des Kreuzes, der Welt zwar schimpflich, den Auserwählten aber herrlich, weil sie mitten in allen Trübsalsstürmen nach dem Geiste in Christo Herren über alles sind, wie David singt: Herrsche unter deinen Feinden. Ps. 110.

37. Die Sehnsucht der Christen, alles Seufzen verlangt sicherlich danach, nicht daß uns ein zeitliches Reich, die Ehre und Schätze dieser Welt zufallen, sondern daß das Reich Gottes komme, welches nicht Speise und Trank oder Vergängliches dieser Art ist, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geist. Denn nicht dazu sind wir Christen, wie unser Augustinus zu Ps. 62 vortrefflich schreibt, um uns irdische Glückseligkeit zu suchen, welche meistens die Räuber und Frevler haben: zu einer anderen Glückseligkeit sind wir Christen, welche wir dann empfangen werden, wenn das Leben dieser Welt völlig vergangen sein wird: daher wird uns auch die Auferstehung des Fleisches verheißen.

38. Derselbe Augustinus sagt, von der Gnade des Neuen Testaments: Durch die gütigste Vorsehung hat der allmächtige Gott der Erde die irdische Glückseligkeit auch den Gottlosen überlassen, damit sie nicht von den Frommen als etwas Großes gesucht werde.

39. Und der Apostel sagt Col. 2: So ihr denn nun abgestorben seid mit Christo den Satzungen der Welt, was lasset ihr euch denn fangen mit Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt? Und 3: Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes. Trachtet nach dem, das droben ist, nicht nach dem, das auf Erden ist. Und Ephes. 2 werden wir Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen genannt, solche nämlich, deren Wandel schon im Himmel ist, wohin auch alle unsere Wünsche streben und nicht nach irgend einer irdischen Stadt. Phil. 3. Wir erwarten jetzt den Heiland vom Himmel, nicht damit er uns tausend Jahre lang in diesem sterblichen Fleische in irgend einer diamantenen Stadt goldene Zeiten bereite, sondern daß er unsere nichtigen Leiber seinem verklärten Leibe ähnlich mache, damit der ganze Mensch dann das Ebenbild des himmlischen Adams trage und ewig selig werde, was, wie wir wissen, am jüngsten Tage geschehen wird. Und Christus hat uns in seines Vaters Hause, worin viele Wohnungen sind, die Stätte bereitet Joh. 14. Auch hat der, welcher zur Rechten Gottes in den Himmel gefahren ist 1 Pet. 3, den Vater gebeten Joh. 17, daß, wo er ist, auch wir bei ihm seien, damit wir seine Herrlichkeit sehen. Deshalb nennt uns Petrus 1 Pet. 2: Fremdlinge und Pilgrimme hienieden, welche, wie Paulus Hebr. 10 schreibt, eine bessere und bleibende Habe im Himmel haben. Und obschon er an jener Stelle von der Belohnung der Gerechten redete, so verheißt er doch keine irdische Glückseligkeit. Als ferner Petrus Matth. 19 nach dem Lohne der Nachfolger Christi fragte, so verspricht ihnen Christus keine Vergeltung mit irdischer Lust in dieser Welt, sondern die Erbschaft des ewigen Lebens. Und Luc. 14 verheißt er für die Werke der Barmherzigkeit die Vergeltung in der Auferstehung der Gerechten, nicht in einer irdischen Stadt, worin uns doch während tausend Jahre überflüssig vergolten werden könnte, was wir unser ganzes Leben lang, welches kaum siebenzig Jahre dauert, mitgetheilt haben.

40. Darum ladet uns der Apostel überall zur Hoffnung der Auferstehung und der herrlichen Ankunft Christi, nicht zu irgend einer zeitlichen Glückseligkeit ein.

41. Mit Bestimmtheit haben die hochberühmten Patriarchen, die Lichter der Kirche, bekannt, daß sie Gäste und Fremdlinge auf Erden seien, welche nicht eine irdische, von Wollust überfließende Stadt nach Art unserer Chiliasten als ihr Vaterland in dieser Welt erwarteten und suchten, sondern eine himmlische Stadt, die einen Grund hat, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist. Hebr. 11.

42. Wie könnte ein Christ in dieser Welt nach einem äußerlichen Reiche fleischlicher Sicherheit und Reichthums trachten, welcher in der Laufe der Welt und ihrer Lust, sowie dem Fürsten dieser Welt, dem Teufel entsagt, und Christo, dem himmlischen Könige, der uns durch das Opfer seines eigenen Leibes von der gegenwärtigen argen Welt errettet hat, sich zu eigen gegeben hat? Röm. 6. Gal. 1. Hebr. 10.

43. Ja, ein Christ25) rühmt sich nicht bloß der Hoffnung der Herrlichkeit, die Gott geben soll, sondern auch der Trübsale, von denen er nicht zweifelt, daß sie ihm herrlich seien. Indessen ist dies Kreuzreich dem Reiche dieser Welt so verächtlich und abscheuungswerth, daß demselben niemand elender zu sein scheint, als ein Christ, der im Kreuze regiert. Wie sollte daher ein Christ so verschiedene Reiche zu erlangen suchen?

44. Christus selbst, der gekreuzigte König dieses geistlichen Reiches, den Juden ein Aergernis, den Heiden eine Thorheit, wollte für uns ein Spott der Leute und Verachtung des Volkes in dieser Welt werden Ps. 22, der Allerverachtetste und Unwertheste Jes. 53. Er, der um unsertwillen sogar zum schmählichsten Tode verdammt wurde, hat gesagt: In der Welt habt ihr Angst, in mir habt ihr Frieden. Und was bedarf es vieler Worte? Alle Propheten beschreiben das Amt des Messias so, daß es auch einem Blinden einleuchten muß, JEsus Christus sei ein geistlicher, nicht ein irdischer König, wie Jes. 61: Der Geist des HErrn HErrn ist über mir, darum hat mich der HErr gesalbet. Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu predigen den Gefangenen eine Erledigung, den Gebundenen eine Oeffnung; zu predigen ein gnädiges Jahr des HErrn, und einen Tag der Rache unsers Gottes; zu trösten alle Traurigen. Wo ist hier jene irdische Stadt, die von den Beschnittenen vergeblich gehofft wird? wo die Kriegsmaschinen, Burge, Heere und das Uebrige, das zum Pomp eines irdischen Königs gehört? Du hörst von einem Evangelisten und seinem armen, elenden und gefangenen Volke. Unser König ist also gesandt, zu predigen das Evangelium, nicht von einem unsterblichen Weltreiche, sondern von dem geistlichen Reiche Gottes, zu trösten die Elenden, zu befreien die Gefangenen, mit einem Worte: um selig zu machen. Dasselbe hast du Jes. 49: Er hat meinen Mund gemacht, wie ein scharfes Schwert, was vom Messias gesagt wird, der das Evangelium predigt und das Schwert des Geistes schwingt, wodurch die Missethat getilgt und die Vergebung der Sünden geschenkt wird. Ebenso Sach. 9 und sonst oft in den Propheten.

45. Den Trieb des Ehrgeizes und die Fleischliche Herrschsucht reißt Christus Matth. 20 gar scharf aus den Herzen seiner Jünger. Denn als die Söhne Zebedäi durch ihre Mutter den Vorsitz vom HErrn verlangten, in der Meinung, Gottes Reich sollte damals einen solchen Ausgang nehmen, daß es ein weltliches würde, und die Mutter die thörichte Bitte aussprach: Laß diese meine zwei Söhne sitzen in deinem Reich, einen zu deiner Rechten, und den andern zu deiner Linken, antwortete Christus: Ihr wißt nicht, was ihr bittet. Könnet ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde und euch taufen lassen mit der Taufe, da ich mit getauft werde? Hiemit redet er zu den Jüngern von dem Kreuze und der Verfolgung, die sie im Laufe dieses Lebens leiden müßten, und duldet nicht, daß sie an weltliche Ehren und Kronen denken, sondern an das Kreuz. Ebenso verheißt er Matth. 5, Joh. 16 den Jüngern keine weltlichen Kronen, kein Reich dieses Lebens auf Erden, sondern er sagt ihnen das Kreuz vorher. Wäret ihr von der Welt, spricht er, so hätte die Welt das Ihre lieb; dieweil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählet, darum hasset euch die Welt. Gedenket an mein Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer, denn sein Herr. Haben sie mich verfolget, sie werden euch auch verfolgen. Es kommt die Zeit, daß, wer euch tödtet, wird meinen, er thue Gott einen Dienst daran. Ferner, ihr müsset gehasset werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber beharret bis an das Ende, der wird selig. Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so fliehet in eine andere. Er sagt nicht: herrschet, setzt die Obrigkeit jener Stadt ab, dringet in ihre Stelle ein und machet euch zu Königen. Und wiederum sagt er, als er den Jüngern vorausverkündigt hatte, daß sie Schmach und Unrecht leiden müßten: Freuet euch alsdann und hüpfet, denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Er sagt nicht: in dieser Welt, auf Erden. Denn die Christen, welche Himmelsbürger geworden sind, streben nach himmlischen, nicht nach irdischen Gütern. Denn sie müssen in dieser Welt Christo, ihrem Haupte gleichförmig werden, sich nicht an weltliche Güter binden, sondern durch himmlische ohne Ende beseligt werden. Sicherlich kam Christus, unser König nicht in diese Welt, um nach weltlicher Weise darin zu herrschen, sondern um die Welt und den Lenker der Welt mit der Fahne des Kreuzes zu besiegen, seine Auserwählten aus dem Elende dieser vergänglichen Welt ins himmlische Vaterland zu versetzen und, gleichwie er selbst durchs Kreuz zu seiner Herrlichkeit eingegangen ist, so auch uns, durchs Kreuz gereinigt und von der Welt geschieden, zur Erbschaft der himmlischen Herrlichkeit zu führen.

46. Betrachte die Fürsten dieses Reiches, die Apostel. Waren sie nicht in dieser Welt wie Schlachtschafe, ein Schauspiel der Welt und den Engeln und den Menschen, und als ein Fluch und Fegopfer, durch die man diese Welt entehrt glaubte? Haben nicht die Monarchen des römischen Kaiserreiches Johannes, Petrus und Paulus, die Berühmtesten und Vornehmsten des Reiches Christi, als Feinde der weltlichen Herrschaft behandelt? Domitianus verbannt Johannes nach Pathmos, Nero tödtet Petrus und Paulus.

47. Sie waren als die Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, sie lebten; als die Gezüchtigten, und doch nicht ertödtet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machten; als die nichts inne hatten, und doch alles hatten.

48. Diese wunderbare Kraft des Reiches Christi im Glauben ist nicht leiblich, sondern geistlich und dem Fleische verborgen, welches nichts weniger glaubt, als daß die von fast allen Uebeln der Welt unterdrückten Christen mitten in den Trübsalen unüberwindliche Könige und Herren über alles seien, in der Hoffnung schon selig, der Sache gewiß durch das Unterpfand des Geistes. Ich bitte dich, wer vermöchte die Herrlichkeit unserer königlichen Würde und Macht hoch genug zu schätzen, da der Apostel Ephes. 2 behauptet, daß wir samt Christo von Gott lebendig gemacht und samt ihm auferwecket seien, und daß uns Gott samt ihm in das himmlische Wesen26) versetzt habe, weil wir durch die gewisse Hoffnung das, was zukünftig ist, schon in Besitz haben, wie Augustinus sagt.

49. Weil die Welt diese Geheimnisse nicht kennt, so folgt sie dem trüglichen Urtheile der Sinne und der Vernunft, weshalb sie die Christen nach dem äußerlichen Ansehn beurtheilt, nämlich als die unglückseligsten und elendesten von allen Sterblichen.

50. Aber ein im Worte Gottes durch den Geist Christi unterrichteter Christ weiß, lehrt und bekennt, daß in der Welt allein die Christen siegreich seien über alle Gewalt der Welt, Sünde, Tod und die Pforten der Hölle, doch aber in Christo und durch Christum, in welchem wir alles vermögen. 1 Petr. 2. Phil. 4.

51. Der Apostel lehrt ein erhabenes Geheimnis, welches niemand ohne Christi Geist versteht. Denen, die Gott lieben, sagt er, müssen alle Dinge zum Besten dienen, die nach dem Vorsatz berufen sind.

52. Denn wenn alle Uebel der Welt, wie groß sie auch immer sein mögen, noch dazu auf einen Haufen zusammen kämen, Elend, Verachtung, Verfolgung, Krankheiten, selbst der Tod, ich rechne sogar die schwereren Sündenfälle, die sich zuweilen ereignen, noch hinzu, so müssen sie einem Christen im Reiche des Glaubens zum Heile dienen, was der blinde Geist dieser Welt für die größte Thorheit erklärt.

3. Sobald als wir an das Evangelium unsers HErrn JEsu Christi glauben, werden wir sofort von der Gewalt des Satans befreit und in das Reich Christi versetzt, worin wir hienieden in der Hoffnung verborgen herrschen, indessen wir allen Widerwärtigkeiten unterworfen sind, damit wir zur Offenbarung des Reiches der Herrlichkeit und zum unverwelklichen Erbe, das behalten wird im Himmel, durch die Tödtung des Fleisches bereitet werden.

54. Von der Hoffnung aber werden wir zur Sache selbst hinüber geführt werden, wenn die erste und zweite Auferstehung27) vollendet sein wird nach den göttlichen Verheißungen, wodurch uns das selige Reich der ewigen Herrlichkeit, welches nach diesem Leben erscheinen soll, zugesagt wird.

55. Denn so werden die Propheten von den Evangelisten und Aposteln ausgelegt, wie 1 Petr. 5: Der Gott aller Gnade beruft uns zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu. Und 2 Petr. 1: Denen, welche ihren Beruf und Erwählung fest machen, wird dargereicht werden der Eingang zu dem ewigen Reich unsers HErrn und Heilandes JEsu Christi.

56.28) Deshalb ist es Irrthum und Gottlosigkeit, den Text Off. 20 und 21 von einem leiblichen Reiche des Messias auf Erden während tausend Jahre im diamantenen Jerusalem auszulegen. Denn Christus herrscht sowohl in diesem Leben immer durch Wort und Geist in den Seinigen, als auch wird nach diesem Leben ebenfalls seines Reiches kein Ende sein, wie Gabriel die beständige Jungfrau Maria gelehrt hat. Luc. 1.

57. Wer mithin die klaren Weissagungen der heiligen Seher vom Reiche des Messias erwägt, wird bekennen, daß Haymo und Livoniensis sehr gottselig nach der Analogie des Glaubens unter der Tausendzahl in der Offenbarung die selige Ewigkeit verstehen. Wiewohl Augustinus de civitate Dei lib. 20 diese Stelle nicht übel von dem streitenden Reiche auf Erden vor der zweiten Ankunft Christi versteht, während die Kirche, welche das Reich Christi ist, noch mit ihren Feinden, Fleisch, Welt und Satan kämpft, bis es zu jenem friedlichen Reiche kommt, wo ein Herrschen ohne Feinde sein wird.

58. Da die treulosen Juden das Ziel der Propheten nicht erkennen, die, wie Petrus sagt, nach der Seelen Seligkeit und der durch Christum zu uns kommenden Gnade Gottes gesucht und geforschet haben, so verstehen sie diese köstlichen Verheißungen fleischlich von der Glückseligkeit und Wiedererbauung des Jerusalem in Palästina, indem sie vergeblich eine goldene und diamantene Stadt erwarten, weil Daniel die beständige Verwüstung derselben deutlich vorausgesagt hat mit den Worten Cap. 9: Ein Volk des Fürsten wird kommen und die Stadt und das Heiligthum verstören, daß es ein Ende nehmen wird, wie durch eine Fluth und bis zum Ende des Streits wird wüste bleiben. Die Propheten geben bei der Vorherverkündigung anderer Gefangenschaften eine gewisse Zeit an, aber bei dieser letzten bestimmen sie keine Zeit vorher, wann die Gefangenschaft unter den Römern aufhören soll. Jeremias sagt Cap. 25 die siebzigjährige Gefangenschaft vorher, allein Cap. 29 verheißt er das Ende jenes Exils und die Rückkehr der Juden nach Palästina. Daniel jedoch sagt in diesem Cap. vorher, daß diese letzte Gefangenschaft bis an das Ende dauern werde. Ferner zeigt Gott Sach. 11 deutlich genug an, daß diese letzte Gefangenschaft der Juden unter den Römern eine immerwährende sein werde. Es heißt: Darum will ich auch nicht mehr schonen der Einwohner im Lande, spricht der HErr. Und siehe, ich will die Leute lassen einen jeglichen in der Hand des andern, und in der Hand seines Königs, daß sie das Land zerschlagen, und will sie nicht erretten von ihrer Hand.

59. Auch könnte das, was die heiligen Propheten dieser wiederhergestellten Stadt zuschreiben, nicht einmal von irgend einer irdischen Stadt verstanden werden, wie wenn die Schrift vorhersagt, daß alle Heiden zu jener Stadt kommen und sich in ihr immer freuen würden, und wenn Sacharia weissagt, Jerusalem werde zur Zeit des Messias ohne Mauern bewohnt werden vor großer Menge der Menschen, und der HErr selbst werde um die so selige Stadt her eine feurige Mauer sein. Wie ferner bei Jes. 49 die wahren Söhne Zions die künftige Ausdehnung der Kirche sehen und sagen: der Raum ist mir zu enge, rücke hin, daß ich bei dir wohnen möge. Jes. 35, 65.

60. Das aufrührerische und ehebrecherische, des eignen Gesetzes und der Schrift unkundige Volk hat dreimal versucht, das Heiligthum und die Stadt wieder herzustellen, zuerst unter Aelius Adrianus, darauf unter Constantin, zuletzt, wie Chrysostomus oratione 2. contra Judaeos bezeugt, unter Julian, dem Abtrünnigen. Aber Gott hat die Wiedererbauung immer verhindert, die Juden zu Schanden gemacht und zerstreut, weil das Wort des HErrn bleibet in Ewigkeit Jes. 40. Es hilft keine Weisheit, kein Verstand, kein Rath wider den HErrn Spr. 21. Mein Anschlag bestehet, und ich thue alles, was mir gefällt Jes. 46. Jer. 3. Jes. 2. Mich. 4.

61. Daher wissen die Christen, vom Apostel belehrt, sehr wohl: daß sie jetzt nicht das irdische Zion und Jerusalem, noch irgend ein Reich der Welt, oder eine irdische in Glückseligkeit blühende Stadt zu suchen haben, sondern daß sie gekommen sind zu dem Berge Zion, und zu der Stadt des lebendigen Gottes, und zu dem himmlischen Jerusalem, welches die Kirche Christi ist Hebr. 12. Das irdische Jerusalem und der Berg Zion sind nur Bilder von größeren Dingen. Die Wahrheit ist die Kirche der Heiligen, über welche unser HErr JEsus Christus auf dem Berge Zion herrscht von nun an bis in Ewigkeit Mich. 4. Auf diesem Berge ist nach Obadja die wahre Errettung. Es ist der Berg des HErrn und das Haus des Gottes Jakobs, zu welchem die Auserwählten hinaufgehen und die Wege des Herrn gelehrt werden Jes. 2.

62. Zwar sagt der zweite Psalm von dem Messias: Ich bin von ihm zum Könige eingesetzt, oder wie es nach dem Hebräischen eigentlich heißt: Ich habe meinen König eingesetzt auf meinem heiligen29) Berge Zion, aber jenes Zion und jener Berg ist, wie Augustinus richtig erklärt, nicht von dieser Welt. Denn was ist sein Reich anders, als die, welche an ihn glauben? zu welchen er spricht: Ihr seid nicht von der Welt, gleichwie auch ich nicht von der Welt bin, weshalb er von ihnen zum Vater sagt: Ich bitte nicht, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß du sie bewahrest vor dem Uebel. Darum sagt er auch Joh. 18 nicht: Mein Reich ist nicht in dieser Welt, sondern: Es ist nicht von dieser Welt. Und bald darauf sagt er nicht: Mein Reich ist nicht hier, sondern: Es ist nicht von dannen. Hier nämlich ist sein Reich bis an das Ende der Welt, worin es bis zur Ernte Unkraut gibt, welches unter dasselbe gemischt ist. Die Ernte ist offenbar das Ende der Welt, wann die Schnitter, d. i. die Engel, kommen und aus seinem Reiche alle Aergernisse sammeln werden, was jedenfalls nicht geschehen könnte, wenn sein Reich nicht hier wäre, aber doch ist es nicht von hier, weil es in der Welt wie in der Fremde pilgert. Denn zu seinem Reiche sagt er: Ihr seid nicht von der Welt, sondern ich habe euch erwählt von der Welt. So weit jener.

63.30) Betrachte mit den Augen des Geistes die Beschaffenheit der Christgläubigen und du wirst bald sagen, daß folgender Spruch des Jesaias und ähnliche in den Propheten angefangen haben, zur Zeit der Apostel erfüllt zu werden: Die Erlöseten des HErrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen, ewige Freude wird über ihrem Haupte sein, Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen wird hinweg müssen. Denn in dem wahren Zion, d. i. in der durch die ganze Welt zerstreuten Kirche Christi beginnt im Glauben dann das ewige Leben, wenn die an Christum Glaubenden in Hoffnung selig geworden sind. Und es wird vollendet werden, wenn nach Ablegung des Verweslichen dies Sterbliche wird angezogen haben die Unsterblichkeit am jüngsten Tage. Jes. 35. 51.

64. Denn die Wiedererbauung Jerusalems, das Reich Zion, Heil, Friede, Sieg über die Feinde, wunderbare Fruchtbarkeit und was sonst von den Propheten prächtig geweissagt ist, wird hier im Geiste begonnen im Reiche des Glaubens, der katholischen (allgemeinen) Kirche. Das Uebrige wird in der Wiedergeburt über alles Verstehen, über alles Wünschen und Hoffen reichlicher und prächtiger erfüllt werden. Und in der That erklären die Propheten, richtig verstanden, ferner die Evangelisten und Apostel hinreichend und überflüssig, die Kirche der Christgläubigen sei jenes wahre Zion, Jerusalem, der wahre Tempel, die geistliche Hütte und Haus des HErrn, das königliche Priesterthum, das siegprangende Reich, das Gott einzig angenehme Opfer, das lebendige Gesetz, die Söhne des christgläubigen Abraham, das heilige Geschlecht, das Volk des Eigenthums, die rechten Isaak, die Juden im Geist und das wahre Israel Gottes.

65. Die heiligen Propheten haben nämlich nicht bloß auf das Israel nach dem Fleisch, sondern bei den im Messias versiegelten Verheißungen vorzugsweise auf das Israel nach dem Geist, d. i. die gesamte Kirche gesehen, die zugleich den Juden und Heiden verheißen war und noch gesammelt werden sollte, was richtig verstanden viele Schriftstellen in Uebereinstimmung bringt.

66. Die Propheten haben mit klaren Worten geweissagt, die Heiden sollten Miterben Israels, mit einverleibet und Mitgenossen der Verheißungen Gottes in Christo sein. Und die Apostel Petrus und Paulus lehren, daß die evangelischen Vorrechte Israels nicht den Kindern des Fleisches, sondern der Verheißung gehören, die auch die rechtmäßigen Kinder des christgläubigen Abrahams sind, welchem das Erbe der Welt verheißen ist. Eph.3. Röm. 4. Ps. 2. 22. 72. Deut. 32. Jes. 11. 49. 66. Jer. 3. 16. Hos. 1. 2. Mich. 4. 5. Zeph. 2. 3. Sach. 2. 8. 9. Mal. 1.

67. So bezeugt der heilige Petrus: Wir seien das auserwählte Geschlecht, das königliche Priesterthum, das heilige Volk, das Volk des Eigenthums. Und Paulus beweist Röm. 4, Gal. 3, daß die Christgläubigen die ächten Kinder Abrahams und die wahren Israeliten seien, D. i. die den Glauben des Patriarchen Jakobs hätten, welcher durch den herrlichen Sieg des Glaubens diese Benennung erlangt hat. Denn Gen. 32 wird erzählt, daß der HErr mit Jakob während der Nacht bis zur Morgenröthe gerungen habe, und da der Patriarch dem Worte der göttlichen Verheißung fest anhing, und durch die Anfechtung sich nicht davon losreißen ließ und sprach: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, so habe der HErr darauf gesagt: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft, und bist obgelegen.

68. Dazu lehren die Apostel, unbestritten die wahren Ausleger der Propheten, daß jene erhabenen und prächtigen Weissagungen von der Fruchtbarkeit, der Wiederherstellung Israels, und von der Sammlung des Volkes Gottes aus den vier Weltgegenden erfüllt werden zu der Zeit, als das Evangelium in der Welt gepredigt wurde, sobald als die unerforschlichen Reichthümer Christi durch die Apostel bekannt zu werden anfingen. Denn was für eine andere Wiederherstellung des Reiches Israel oder Zurückführung der Juden ist jemals von den Vätern erwartet, als jene, welche dadurch zu geschehen anfing, daß das Evangelium der Welt geoffenbart wurde, und täglich geschieht bis zum Ende der Welt, so lange bis die Fülle der Heiden eingegangen ist? und auch das ganze Israel (welchem Blindheit eines Theils widerfahren ist) d.i. die Auserwählten aus dem jüdischen Volke, die den Glauben der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob aus dem Evangelium erlangen, berufen und gerechtfertigt und in das wahre Zion d. i. die katholische Kirche unter dem wahren David, dem einigen Könige Israels, JEsu Christo gesammelt werden. Denn obwohl auch in dem Israel nach dem Fleisch Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammnis, sein werden, so wird doch nicht das ganze Volk verblendet bleiben, wie wir jetzt leider! seine allgemeine Blindheit sehen.

69. So nämlich erklärt der Apostel folgende Stelle Jes. 49: Ich habe dich erhört zur gnädigen Zeit, und habe dir am Tage des Heils geholfen, 2 Cor. 6: Sehet, jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils rc. Und Petrus schreibt den Christgläubigen, daß sie schon zu ihrem Hirten bekehrt seien, nämlich zu jenem, dessen Jesaias Cap. 40, Hesekiel 34 u. 37 und Johannes 10 erwähnen.

70. Es ist daher eine jüdische Tradition, was nur immer über die Rückkehr Israels ins Land Kanaan, als sei dies die Wiederherstellung des Reiches Israel, und über den fleischlichen Reichthum an allen Dingen von Einigen in unserer Zeit unbedachtsam vorgebracht ist.

71. Denn die verstockten Suden behaupten, daß sich die prophetischen Weissagungen auf sie beziehen und träumen, wir aus den Heiden würden ihre Knechte sein, da wir doch bereits die Beschneidung sind, welche ohne Hände geschiehet, die wir Gott im Geiste verehren, und uns rühmen in Christo, dem Ecksteine, welchen jene unwissenden Baumeister verworfen haben.

72. Wir waren freilich einst Fremde und außer der Bürgerschaft Israels und Fremde von den Testamenten der Verheißung: damit wir aber jetzt Gott loben um der Barmherzigkeit willen, sind wir nahe geworden durch das kostbare Blut des einigen Mittlers JEsu Christi, der auch unser Friede ist, der aus beiden Eins hat gemacht und hat abgebrochen den Zaun, der dazwischen war. Ephes. 2.

73. Wenn es aber einige etwas bewegt, daß jene außerordentlichen Dinge, welche von der Glückseligkeit Jerusalems verheißen sind, der Kirche Christi noch nicht gewährt zu sein scheinen, die mögen wissen, daß die Propheten in ihren Weissagungen den ganzen Tag des HErrn und darum auch den Mittag umfassen, und so sich über die Zeiten des Reiches Christi, sowohl des gegenwärtigen, als auch des zukünftigen verbreiten.

74.31) Wiewohl auch jene Erstlinge der Wiedergeburt in der streitenden Kirche, gemäß ihrer Pilgrimschaft in diesem Leben wahrhaftig weit köstlichere Güter sind, als das Fleisch er: messen kann, wenn du nicht zu gering schätzest vornemlich das uns anvertraute Wort Gottes, ferner den Glauben und die wenn auch noch unvollkommene Erkenntnis Christi, die Hoffnung des Evangeliums, die Vergebung der Sünden, den Frieden des Gewissens, die Freude im heiligen Geist, die angefangene Gemeinschaft mit der göttlichen Natur, die Gnade der Kindschaft, das Unterpfand des Geistes und die übrigen Gnadengaben in der katholischen Kirche; und wenn du alles dieses mit den erschrecklichen Finsternissen der Gottlosigkeit und der Unwissenheit, womit jetzt Juden, Türken und andere Völker geblendet sind, ja auch mit den höchsten Tugenden der Ungläubigen vergleichst, so wirst du von der Wahrheit gezwungen bekennen, daß auch schon in der streitenden Kirche die Weissagungen herrlich erfüllt werden, so viel als die Beschaffenheit dieses Lebens es leidet.

75. Sicherlich ist der, welcher Luc. 4 sagt, daß er dazu gesandt sei, um das Evangelium vom Reiche Gottes zu predigen, derselbe, welcher Luc. 11 öffentlich bezeugt: So ich durch Gottes Finger die Teufel austreibe, so kommt je das Reich Gottes zu euch. Denn den starken Gewappneten, der seinen Palast bewahrte, hat er überwunden, das Reich des Todes zerstört und das Reich der Gnade gegründet. Ferner sagt er Luc. 10: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen. Ebenso antwortet er Luc. 17 auf die Frage: Wann das Reich Gottes kommen würde, mit den Worten: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden. Man wird auch nicht sagen: Siehe, hier, oder, da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch. Als daher der König selbst mit seinem so oft vorher verheißenen Reiche damals gegenwärtig war, wiewohl gemäß der ersten Ankunft in freiwilliger Niedrigkeit, so gingen dennoch die Verheißungen, die größer sind als alle Vernunft, in Erfüllung.

76.32) Damit man aber den Schwindelgeist in unsern Donatisten desto leichter wahrnehmen und sich davor hüten könne, so ist der Unterschied zwischen den alten und neuen Chiliasten zu beobachten und man wird sehen, daß der Satan los geworden sei.

77. Jene alten Chiliasten meinten, Christus selbst würde auf Erden tausend Jahre mit den Heiligen herrschen und erwarteten dieses leibliche Reich theils aus Mißverständnis der Schrift, theils aus sibyllinischen Träumen, wobei sie jedoch nicht im Mindesten einen boshaften Sinn hatten. Ich rede aber hier nicht von den geradezu gottlosen alten Chiliasten, wie einst Cerinth und seine Anhänger waren, welche ein solches irdisches Reich Christi erdichteten, worin dem Bauche, der Kehle und der Wollust gefröhnt würde, wie beim Eusebius im dritten Buche steht.

78.33) Sondern ich rede hier von den vernünftigeren Chiliasten, wie Papias, der Bischof von Hieropolis, der noch den Petrus, Philippus, Thomas, Jakobus, Johannes, Matthäus, Aristion und Johannes, den Aeltesten, gehört hatte, Irenäus, Apollinaris, Tertullianus, Victorinus Pictaviensis, Lactantius Firmianus und Severus, welche meinten, daß der HErr nach der Auferstehung mit den Heiligen im Fleische herrschen würde.

79.34) Die neuen Chiliasten aber wollen vor der Auferstehung in diesem sterblichen Leben und sündigen Fleische hier unter Vorwand der Verheißungen vom Reiche des Messias herrschen und fügen zu dem so groben Irrthume die Wuth der Schwärmer und Enthusiasten hinzu, drängen sich mit List und Gewalt in die Herrschaft ein, indem sie die rechtmäßige Obrigkeit über den Haufen werfen, und prahlen mit Gesichten und Träumen, als wenn sie von Gott berufen würden, daß sie ein fleischliches und äußerliches Reich Christi wie Könige und Monarchen auf Erden mit dem Schwerte errichten und nach Vertilgung der Gottlosen in der ganzen Welt alleine regieren sollten.

80. Jene neuen und selbstgemachten Könige und ihre judaisierenden Anhänger verabscheuen das Kreuz, weil sie als natürliche Menschen die Frucht des Kreuzes nicht verstehen, wollen ohne Kreuz regieren, nicht angefochten sein, sondern andere anfechten und verfolgen, den afrikanischen Circumcelionen nicht unähnlich. Von ihnen sagt der Apostel Phil. 3: Die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammnis, welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zu Schanden wird, derer, die irdisch gesinnet sind, da der Wandel der Christen im Himmel ist.

81. Allein die Christen erkennen leicht, daß dies der Geist des Irrthums und des Aufruhrs sei. Denn Christus hat die vom Volke ihm angebotene königliche Krone verschmäht und ist entwichen Joh. 6, und als seine Jünger von Herrschsucht versucht wurden, hat er gesagt: Die weltlichen Könige herrschen und die Gewaltigen heißt man gnädige Herren. Ihr aber nicht also. Sie sind auch ihrem Meister nachgefolgt, haben sich des Kreuzes gerühmt, und keine Königskronen auf ihren Häuptern, sondern allezeit die Malzeichen und das Sterben des HErrn JEsu an ihren Leibern umgetragen.

82. Der Münstersche Schneider aber trachtet nach der Krone und raubt sie aufrührerischer Weise der von Gott verordneten Obrigkeit wider ihren Willen.

83. Dreimal, soviel mir bekannt ist, hat der Satan in dieser unsrer gefährlichen Zeit versucht, nach Vertreibung der rechtmäßigen Obrigkeit einen solchen König, das Verderben alles Friedens und aller Ehrbarkeit unter dem Scheine des Reiches Christi einzusetzen. Zuerst betrog35) der Satan im Jahre des HErrn 1530 durch Träume den Augsburger Kürschner, Augustin Weber in Schwaben, der zuerst ein falscher Prophet war. Darauf überredete er seinen Anhänger, Gallus Vischer, einen Augsburger Weber, in dessen Garten innerhalb der Stadtmauern nahe beim Thore Geginzen die Garten-Brüder zuerst entstanden sind, Johannes Helin, einen Schneider, einen gewissen Priester Oswald und Gastel Miller, dem ein Gesicht von Gott geschah, daß er zum Könige der Erde eingesetzt sei und tausend Jahre herrschen sollte und daß nach ihm seine Abkömmlinge regieren würden, welche alle im Herzogthum Würtemburg desselben Jahres gefangen und getödtet sind. Ich habe nämlich in Augsburg die gedruckten Acten gesehen. Dieser falsche König hatte eine königliche Krone, Scepter, Schwert, Dolch und königliche Kleider schon in Bereitschaft, um sofort mit dem tausendjährigen Reiche einen feierlichen Anfang zu machen.

84.36) Darnach macht sich im Jahre des HErrn 1534 der Schneider Johannes in der westphälischen Stadt Münster mit gleichem Wahnsinn aus einem falschen Propheten zum Könige der ganzen Welt, geht in königlichem Schmucke einher und läßt Münzen schlagen mit dieser prunkenden Inschrift: Im Reiche Gottes ein gerechter König über alles37). Auch droht er allen Obrigkeiten der Erde den Untergang, wenn sie dieses neue Reich nicht anerkennen und ihm gehorchen würden. Dazu rühmt sich jener novatianische Katharer38), daß er nach Ausrottung aller Gottlosen eine Kirche sammeln würde, worin kein Sünder, sondern eitel Heilige wohnen würden.

85. Zuletzt nun hat neulich ein nichtsnutziger Mensch von zerrütteten Sinnen, Namens Johannes Fette, in Braunschweig dasselbe versucht, indem er als König unter dem Vorwande des Evangeliums regieren wollte.

86. Jene vom Satan bethörten Menschen unterfangen sich, das in dieser Welt zu leisten, was allein dem Könige der Herrlichkeit, Christo, dem wahren David möglich und ihm allein vom himmlischen Vater gegeben ist, nämlich daß er seinen Thron zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit. Jes. 9, Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichte, daß in den Tagen des so glückseligen Königs dem wahren Juda geholfen werden und Jerusalem sicher wohnen soll Jer. 33, wahre Heiligung unter seinem Volke in Ewigkeit gebe Hes. 37, daß er das elende Volk bei Recht erhalte, den Armen helfe, die Lästerer zerschmeiße und die Seelen der Armen aus dem Trug und Frevel erlöse Ps. 72, und daß er endlich frühe am Ende dieser Welt und wenn der Tag der seligen Ewigkeit anbricht, welcher keine Nacht haben wird, alle Gottlosen im Lande vertilge und alle Uebelthäter ausrotte aus der Stadt des HErrn Ps. 101.

87. Denn es ist nur ein wahrer König der Gerechtigkeit von den Propheten beschrieben, Jesus Christus, nach dem Fleische ein Sohn Abrahams und Davids, aber zugleich der natürliche, ewige, eingeborene Sohn Gottes, mit dem Vater gleichen Wesens, derselbe, sag ich, und kein andrer, ist das gerechte Gewächs Jer. 33. Er wird Gerechtigkeit und großen Frieden bringen, weil er als Friedefürst herrschen wird von einem Meere bis an das andere, und von dem Wasser an bis an der Welt Ende. Vor ihm und keinem andern werden sich neigen die in der Wüste, und seine Feinde werden Staub lecken. Ihn und keinen andern werden alle Heiden preisen, er und kein anderer ist der König und der HErr, der Gott Israels, der allein Wunder thut; zu ihm und keinem andern werden sich bekehren aller Welt Ende und vor ihm werden anbeten alle Geschlechter der Heiden, denn sein ist das Reich und er herrscht unter den Heiden Jes. 9. Ps. 22. 72. Von ihm sagt auch Ps. 8: Mit Ehre und Schmuck wirst du ihn krönen. Du wirst ihn zum Herrn machen über deiner Hände Werk. Alles hast du unter seine Füße gethan. Ferner: Gott, mache dich auf, und richte das Land; denn du bist Erbherr über alle Heiden Ps. 82.

88. Und wahrlich ist derselbe unser König kein ohnmächtiger König, wie die irdischen Könige, daß er einen Statthalter in seinem Reiche haben müßte. Denn er selbst heißt in den Propheten Gott Zebaoth, oder der Allmächtige. Ps. 24. Sach. 2. Er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende Matth. 28. Er ist der wahre David unter seinem Volke, er selbst jener einige König, der allen gebietet, der einzige Hirte aller. Hes. 34. 37. Von ihm sagt Zephanja 6. 3: Der HErr, der König Israels, ist bei dir, daß du dich vor keinem Unglück mehr fürchten darfst. Zu derselben Zeit wird man sprechen zu Jerusalem: Fürchte dich nicht! Und zu Zion: Laß deine Hände nicht laß werden! Denn der HErr, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland.

89. Auch wird dieser König Israels niemals einem andern erlauben, daß er das Unkraut von dem Weizen scheide und alle Obrigkeit auf Erden abschaffe. Denn von ihm wird die Schrift erfüllet Ps. 110: Der HErr sprach zu meinem HErrn: Setz dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. Er selbst hat sich gesetzt zu der Rechten der Majestät in der Höhe. Er selbst ist der Richter der Lebendigen und der Todten, welchem der Vater alles Gericht gegeben hat Heb. 1. 2 Tim. 4. Ap. Gesch. 10. Joh. 5. Er selbst hat seine Worfschaufel in seiner Hand; er wird seine Denne fegen, und den Weizen in seine Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer, und zwar am jüngsten Tage Matth. 3. So, spricht Christus Matth. 13, wird es auch am Ende dieser Welt gehen; er sagt nicht: vor dem Ende der Welt; die Engel werden kommen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten sammeln. Und Matth. 24: Gleich aber, wie es zu der Zeit Noa's, war, also wird auch sein die Zukunft des Menschen Sohns. Allein der Tag der allgemeinen Sündfluth fand die Bösen mit den Guten vermischt. Daher wird auch der jüngste Tag solche antreffen, wenn einer auf dem Felde angenommen, der andere verlassen wird.

90. Alsdann wird Christus selbst, unser HErr und unser Gott, hochgelobet in Ewigkeit, aufheben alle Herrschaft, und alle Obrigkeit und Gewalt. Kein Schneider, kein Schuster oder Handwerker wird dieses thun. Denn keinen Schneidern, Schustern, Webern, Kürschnern oder Handwerkern, sondern Gott dem Vater wird er sein Reich überantworten, das heißt, alle Christen, die der Vater dem Sohne gegeben und in ihm vor Grundlegung der Welt erwählt hat, wird er dann nunmehr als eine herrliche Braut ohne Flecken und Runzel dem Vater darstellen, und sie von der Hoffnung zur Sache selbst ins Reich der offenbaren Herrlichkeit versetzen 1 Cor. 15. Ja Johannes sagt 1 Joh. 3: Wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, daß wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

91. Dank sei dem Höchsten, der nicht zugelassen hat, daß die listige Schlange bei Verbreitung des chiliastischen Irrthums ihre gewohnte Schlauheit gebrauche, denn unvorsichtiger Weise erweckt sie allenthalben viele Könige auf einmal, von welchen jeder träumt, ja sogar behauptet, daß er der König im Reiche Christi sei. Also ist dies Reich in Wirklichkeit kein israelitisches, sondern ein ismaelitisches, in sich getheiltes. Auch wird erfüllt, was von den Feinden Christi geschrieben ist: Seine Feinde will ich mit Schanden kleiden; aber über ihm soll blühen seine Krone Ps. 132.

92. Hieraus lerne der Christ, wie große Gefahr der Kirche drohe, so oft der Gabe der Weissagung unkundige Nichtswisser mit eigenem Geiste die Schrift behandeln und mit willkürlicher Auslegung schänden, wie jetzt sind die Sakramentarier, Wiedertäufer, Schneider, Schuster, Wurstmacher, Metzger, Weber, Kürschner, Ochsenknechte, Handwerker39) und rasenden alten Weiber.

93.40) Die unerfahrenen Menschen lesen Ap. Gesch. 1 die Frage nach der Wiederherstellung des israelitischen Reiches, und Ap. Gesch. 3: daß Christus den Himmel einnehmen muß, bis auf die Zeit, da herwiedergebracht werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten, von der Welt an. Ferner lesen sie, aber verstehen nicht die Weissagungen von der Rückkehr der Juden 5 Mos. 30. Jes. 2. 11. 27. 30. 49. 61. 66. Jer. 16. 23. 30. 31. 32. 33. Hes. 20. 34. 36. 37. 40. Hos. 3. Sach. 2. 14. Am. 9. Zeph. 3. und ähnliche. Und flugs bilden sie sich (so groß ist ihre Dummheit und bodenlose Unwissenheit in der Schrift) ein irdisches Reich ein, weil sie mit kirchlichem Urtheil und Prüfung des Geistes die heiligen Aussprüche der Schrift nicht zu behandeln wissen.

94. Mit ähnlicher Torheit schmeicheln sich jene frechen falschen Propheten in Münster aus Hes. 9., als wären sie gezeichnet mit dem Zeichen Thau, daß sie alle übrigen tödten und selbst auf Erden herrschen sollten, obgleich sie erklärte Feinde Christi sind, welche die Geheimnisse des Evangeliums von Christo mit verruchtem Munde verlästern, weshalb sie allerdings gezeichnet sind, aber mit dem Malzeichen des Thieres.

95. Sonst führten die fleischlichen Chiliasten für ihren Traum auch diese Stelle an Matth. 19: Wer verläßt Häuser, oder Brüder, oder Schwestern, oder Vater, oder Mutter, oder Weib, oder Kinder, oder Aecker um meines Namens willen, der wird es hundertfältig nehmen. Hiebei fügt Markus hinzu: Jetzt in dieser Zeit. Lukas sagt: Er wird es vielfältig wieder empfangen in dieser Zeit. Allein nach der Analogie des Glaubens und nach Vergleichung der Schrift ausgelegt, paßt diese Stelle nicht im Mindesten zu dem fleischlichen Traume der Chiliasten. Denn wie sollte es sich reimen, daß, wer ein Haus auf Erden verließe, hundert wieder empfinge? oder welchem Apostel und Christen ist dies jemals begegnet? Da Christus selbst, unser Haupt, unser König, um unsertwillen arm und elend in dieser Welt sein wollte Sach. 9., und als ein Fremder im Lande Jer. 14., und da er auf Erden nicht hatte, da er sein Haupt hinlegte. Er führte nicht den Vorsitz auf der Burg Zion, er hatte keine gastliche Herberge zu Jerusalem41). In seiner Vaterstadt Bethlehem lag er in einer Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum für ihn in der Herberge, in Capernaum bezahlte er den Zinsgroschen, wollte das Erbe unter die Brüder nicht theilen, wurde nicht mit einer goldenen Krone geschmückt, sondern mit einer Dornenkrone gemartert. Und gesetzt, daß in den übrigen Stücken die Wiederverheißung angemessen wäre, so zeigt sich doch hinsichtlich der Weiber das Unwürdige, wie Hieronymus richtig sagt: denn wie sollte der, welcher ein Weib um Christi und des Evangelii willen verlassen hat, hundert in dieser Zeit wieder empfangen? Gleichwohl verheißen sich dies die Münsterschen Ismaeliten, so daß einer vier oder fünf Weiber hat. Denn ihr König soll jetzt fünf haben, und Bernhard Stotmann, der Canzler, vier. Luc. 9. 21. 2. 12. Matth. 17.

96. Daher schreibt der rechtgläubige Hieronymus, daß der Sinn dieser Stelle folgender sei: wer um des Heilandes willen fleischliche Dinge verläßt, wird geistliche Güter wieder empfangen, welche sich zu jenen im Vergleich und nach ihrem Werthe so verhalten werden, wie hundert zu einer Kleinigkeit.

97. Was sind auch die Güter dieser Zeit, wenn sie verglichen werden mit jenen Gütern, die wir durch das Evangelium von unserer Seligkeit auch schon in dieser Zeit erlangen, als da sind Vergebung der Sünden, Rechtfertigung, Friede des Gewissens, der Geist des HErrn, untrügliche Hoffnung des ewigen Lebens; denn obwohl, wie Augustinus zu Ps. 23 schreibt, unsere Freude noch nicht in der Sache selbst ist, so ist sie doch in der Hoffnung, unsere Hoffnung ist aber so gewiß, als ob die Sache schon vollkommen wäre. Auch sind wir keinesweges in Furcht, da die Wahrheit es verheißt, denn die Wahrheit kann weder betrogen werden, noch betrügen.

98. Ferner meint der heilige Chrysostomus, den Aposteln seien auch schon in dieser Zeit diese verheißenen Dinge überflüssig zu Theil geworden: denn die Angelruthe und werthlose Netze haben sie verlassen und dafür gleichsam in Besitz genommen alle, welche der apostolischen Predigt aufrichtig glaubten. Denn die zum Glauben Bekehrten haben die Apostel so geliebt, daß sie sich nicht weigerten, sogar für sie zu sterben. Wie der Apostel zu den Galatern sagt: Als einen Engel Gottes nahmet ihr mich auf, ja als Christum Jesum. Ich bin euer Zeuge, daß, wenn es möglich gewesen wäre, ihr hättet eure Augen ausgerissen und mir gegeben. Daher verstehen die elenden Wiedertäufer die Schrift nicht in kirchlichem Sinne, sondern legen ihre Träume in die Schrift hinein und verwirren die Kirchen mit unzähligen Irrthümern.

99. Weil somit unsere Chiliasten alle übrigen an scheußlicher Gottlosigkeit übertreffen, so wird ohne Zweifel der Herr ihre heillosen Wege in kurzem auf ihren Kopf bringen, wenn sie nicht Buße thun: denn wiewohl sie oft ermahnt sind, so beharren sie doch bis jetzt im Irrthume, sie sind bloße Betrüger, die je länger je ärger werden, selbst auf das schwerste irren und mit sich viele in den Abgrund der verderblichsten Ketzereien ziehen.

100.42) Sie werden aber den Lohn ihrer Väter Theudas, Judas von Galiläa, Valentinus, Pelagius, Nikolaus, Donatus, Novatus, der Circumcellionen und der aufrührerischen Bauern unserer Zeit empfangen, welche elendiglich untergegangen sind, die meisten als Feuerbrände der Hölle oder doch in größter Gefahr ihres ewigen Heils.

101. Es fehlt fürwahr so viel, daß im Reiche Christi jene wüthenden und aufrührerischen, mit dem Schwerte bewaffneten Feinde des Reiches Christi herrschen sollten, daß sie vielmehr einst unsere niedrigsten Fußschemel sein werden, um ihrer Schande und Strafen in diesem Leben zu geschweigen. Denn das Reich, Gewalt und Macht unter dem ganzen Himmel wird dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Gewalt wird ihm dienen und gehorchen Dan. 7. Ob wohl Christus, der König der Heiligen, das weltliche Schwert bestätigt hat, so hat er doch sicherlich selbst das Schwert nicht getragen, noch in seinem geistlichen Reiche das Schwert eingesetzt, vielmehr befahl er Petro, das Schwert in die Scheide zu stecken. Dazu hat auch das fleischliche Schwert in dem geistlichen Reiche gar keinen Nutzen, da dieses Reich gerechte und friedfertige Unterthanen enthält, welche der König durch sein Wort und seinen Geist in aller Stille und Ruhe regiert. Hierauf beziehen sich folgende Weissagungen von den Christen Jes. 2: Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen, und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben und werden fortan nicht mehr kriegen lernen. Und Jes. 11: Man wird nirgend verletzen noch verderben auf meinem heiligen Berge. Denn, wie es Matth. 5 heißt, das christliche Volk widerstrebt nicht dem Uebel in eigener Sache und Privat-Angelegenheiten außer dem Amte der rechtmäßigen Obrigkeit, sondern so ihm jemand einen Streich gibt auf den rechten Backen, dem bietet er auch den andern dar, und so ihm jemand den Rock nimmt, dem läßt er auch den Mantel.

102.43) Ferner sind jene Judaisierenden unserer Zeit, welche zur Wiedererweckung dieser chiliastischen Irrlehre geholfen haben, indem sie theils durch Schriften über die Propheten, theils durch Anpreisung gewisser Offenbarungen die Juden, welche die Rückkehr ins Land Canaan und ein weltliches Reich des Messias erwarten, in ihrem verdammlichen Irrthum bestärkt, und so den Münsterschen, sowie den übrigen Chiliasten in Schwaben Gelegenheit zum Irrthume gegeben haben, zu ermahnen, daß sie ihre Schriften nach dem Beispiele des Augustinus so bald wie möglich widerrufen, zurücknehmen und verdammen, damit sie nicht von den Katholischen für Ketzer erklärt und nicht noch mehre durch diese pestilenziatischen Bücher verführt werden.

103.44) Auch sind die Menschen in allen Ständen zu er: mahnen, daß sie diese scheußlichen Irrthümer und entsetzlichen Gefahren nicht als müßige Zuschauer betrachten, die alles dies nichts anginge. Offenbar werden wir von dem langmüthigen Vater der Barmherzigkeit in dieser Zeit an unsere Sünde und Undankbarkeit erinnert. Wir werden unseres schuldigen Amtes erinnert, denn wenn wir nicht geradezu Klöße und Steine sind, so werden wir bedenken, daß diese beklagenswerthen Ereignisse die Strafen dafür seien, daß wir unser Amt vernachlässigt haben. Wir sehen ja, wie wir so vieles, um nicht zu sagen alles, an der weltlichen Obrigkeit, an den Bischöfen und am Volke vermissen müssen. Sie mögen hiebei bedenken, es sei nach dem gerechten Gerichte Gottes zugelassen, daß schäbige Schneider, übelriechende Kürschner und die verworfensten Menschen dieser Art, solches Unwesen treiben, Kronen und Canzeln erschleichen und rauben. Möchte doch schon durch die dringendsten Gefahren bewegt, die Obrigkeit endlich ihr Amt recht verwalten, möchten die Bischöfe mit größerem Eifer und Wachsamkeit den Schafen Christi vorstehen, möchte das Volk mit größerem und aufrichtigerem Gehorsame der weltlichen und geistlichen Obrigkeit unterthan sein. Denn da der große Haufe bisher die von Gott verordnete Obrigkeit und die frommen Seelenhirten dermaßen verachtet hat, muß es nun nicht mit vollem Rechte statt frommer Obrigkeit und treuer Bischöfe solche Räuber und Wölfe leiden, als da sind die Wiedertäufer samt ihren unsinnigen Königen?

104. Auf diese Weise mußten vor Alters die gottlosen Juden bloße Straßenräuber leiden, welche sich als Könige und Messiasse ausposaunten, während sie den König der Herrlichkeit und den rechten Hirten, JEsum Christum verworfen hatten. Ein solcher war nämlich jener berüchtigte egyptische Straßenräuber Ben Cuziba45) zur Zeit des Landpflegers Felix, der den Rabbinern zu sagen wagte: Ich bin der Messias, und auch seinen falschen Propheten, den Rabbi Akiba hatte, wie auch der Münstersche Schneider jetzt zu seinen falschen Propheten die untüchtigsten, fast salomonisch beweibten Nikolaiten hat. Und da jene weder dem Worte Gottes, noch Zeichen und Wundern glauben wollten und durch keine noch so großen Gefahren von ihrer Gottlosigkeit abgeschreckt werden konnten, so sind sie endlich in einer schrecklichen Niederlage untergegangen und bis auf den heutigen Tag irrt und verdirbt das knechtische Volk ohne wahre Erkenntnis Gottes durch die ganze Welt kläglich zerstreut.

105. Um ihres Unglaubens willen sind freilich jene natürlichen Zweige des guten Oelbaums zerbrochen: wir aus den Heiden sind aus dem Oelbaum, der von Natur wild war, ausgehauen, wider die Natur in den guten Oelbaum gepfropft und stehen durch Gottes Gnade im Glauben. Aber hüten wir uns, daß wir nicht stolz werden, sondern fürchten wir uns, daß wir nicht den Ernst des gerechten Richters erfahren, zumal wir die Güte und Langmüthigkeit des Vaters schon so lange verachtet haben. Denn Gott kann die natürlichen Zweige wohl wieder einpfropfen und uns abhauen, wenn wir undankbar sein werden. Das Reich Gottes ist zu uns gekommen, wir haben den unvergleichlichen Schatz des Evangeliums, aber wer wandelt würdig eines so heiligen Berufes? JEsu Christo, unserm HErrn und Gotte, hochgelobt in Ewigkeit, sei alle Herrlichkeit, Amen.

Celle, in Sachsen, in vico florum46).

1)
In seiner Zeitschrift: Neues Zeitblatt für die Angelegenheiten der luth. Kirche.
2)
In seiner Schrift: Die letzten Dinge. Siehe Münkels Zeitblatt, Nr. 45, 1856.
3)
„Wider den Chiliasmus“ 1857; Nr. 2. Gegen Hrn. Pfarrer Löhe's Predigt über Phil. 3, 7-11. 1858.
4)
Zweiter Synodalbericht des westlichen Distrikts der deutschen ev. luth. Synode von Missouri, Ohio und anderen Staaten vom Jahre 1856; S. 19 flg. Neunter Synodalbericht der Allgemeinen deut. ev. luth. Syn. von Missouri, D. u. a. St. vom Jahre 1857, S. 25 flg. Siehe auch Beilage A, Referat des Pastor Schaller: Summarische Darlegung der Gründe, welche uns in unserem Gewissen bringen, die Lehre von einem noch zu erwartenden tausendjährigen Reiche Christi auf Erden zu verwerfen und zu verdammen.
5)
Vita Urbani Regii autore Ernesto Regio fil.; steht an der lat. Ausgabe seiner Werke. Urbanus Rhegius von H. Ch. Heimbürger, Archidiakonus und Senior Ministerii zu Celle. Geschichte der lande Braunschweig und Lüneburg von Dr. V. Havemann. Kirchen und Reformationsgeschichte von Norddeutschland und den Hannoverischen Staaten von I. A. F. Schlegel.
6)
Walch, Luthers Werke 21, 61
7)
Namentlich erklärte Ernst der Bekenner auf die Frage: wie ihm Rhegius gefallen habe: „Urbane et regie fecit“.
8)
Außerdem hat Rhegius noch folgende Vocationen empfangen. Im Jahre 1528, als Georg von Brandenburg in seinem Fürstenthume und die Stadt Nürnberg in ihrem Gebiete die erste Kirchen - Visitation halten ließen, wurde Rhegius durch Luther dazu oder noch lieber zum beständigen Kirchendienst daselbst in Vorschlag gebracht, nahm aber diese Vocation eben so wenig an, als die des Raths der Stadt Hamburg, der ihn vor Aepinus (Boeck) 1532 zum Superintendenten begehrte, und lehnte auch den Ruf des Senats in Leipzig zu einer ordentlichen Professur in der Theologie 1537 ab. Heimbürger S. 17.
9)
Als er hier vor den Fürsten einst allzulange gepredigt hatte, sagte Luther zu ihm: „Hoc neque urbanum, neque regium est.“
10)
Urbani Regii op. P. I. fol. 80,
11)
besser
12)
Walch 22, 2235
13)
Heimbürger führt S. 270 ein Verzeichnis von 96 Schriften von Rhegius an. Die sämtlichen deutschen Schriften des Rhegius sind in vier Theilen zu Nürnberg 1562 und seine Opera latine edita ebendaselbst in drei Theilen herausgekommen. Rhegius größerer Catechismus ist 1858 von Pastor A. Wellhausen in Hameln unter dem Titel: Welfischer Catechismus wieder herausgegeben, und zwar auf Veranlassung Sr. Majestät des Königs Georg V.
14)
Herm. Hamelmanni Opera, Pag. 1132.
15)
Opera Urb. Regii, P. II. fol. 74.
16)
Im Texte steht: Farrago propositionum.
17)
Statt 3 Reg. 7, welches im Texte steht.
18)
Am Rande steht: Tausendjähriges Reich.
19)
A. R. steht: Im reych Christi sicher ewig frid vnnd gleydt.
20)
Statt Esdrae 4.
21)
A. R.: Faseleien der Münsterschen von den drei Welten.
22)
Im Texte: circum celli onibus.
23)
statt PS. 49
24)
Im Texte steht Apellae, eine Bezeichnung der Juden nach Horat. Sat. lib. 1. v. 100.
25)
Im Texte steht Christus, indeß zeigt der Zusammenhang, daß dafür Christianus zu lesen sei.
26)
I. T. steht: inter coelestes; sind der luth. Uebersetzung gefolgt.
27)
Der Verfasser versteht, wie der Zusammenhang mit These 53 und 48 lehrt, unter der ersten Auferstehung die geistliche, unter der zweiten die leibliche Auferstehung am jüngsten Tage.
28)
A. R.: Wie das Reich Christi hier und in Zukunft beschaffen ist.
29)
I. T. steht: montem sanctum ejus; wir sind der luth. Uebersetzung gefolgt.
30)
A. R.: Das wahre Zion.
31)
A. R.: Die Güter der streitenden Kirche in dieser Welt.
32)
A. R.: Unterschied zwischen den alten und neuen Chiliasten.
33)
A. R.: Die alten Chiliasten.
34)
A. R.: Die neuen Chiliasten.
35)
Im Texte steht decepti statt decepit.
36)
A. R.: König Hans mit seinem Fingerhut und einen stecken.
37)
I. T.: In Regno Dei unus Rex justus super omnia.
38)
I. T.: xafagos. Die Novatianer und Katharer rühmten sich, daß sie allein die reine, wahre Kirche seien.
39)
Wie der Zusammenhang beweist, tritt der Verfasser hiemit keinesweges rechtmäßigen und ehrenwerthen Ständen und Berufsarten zu nahe, sondern er straft mit heiligem Eifer die entsetzliche Vermessenheit, womit sich Einzelne aus jenen Ständen damals zu falschen Propheten und Königen aufwarfen.
40)
A. R.: Die Schrift, welche die Chiliasten unserer Zeit für ihren Irrthum falsch anführen.
41)
I. T. steht: Jerosolymis in patria sua, Bethlehem etc. Wir haben in patria sua mit dem folgenden verbunden.
42)
A. R.: Die Väter der Chiliasten.
43)
A. R.: Augustinus wollte lieber hier erröthen, als vor dem Richterstuhl Christi zu Schanden werden, deshalb schrieb er die Bücher seines Widerrufs.
44)
A. R.: Es ist allenthalb grosser feel, niemandt lebt unstrefflich.
45)
Barcosiba, Sohn der Lüge; eigentlich nannte er sich Barachba, Sternensohn.
46)
Das Haus, welches U. Rhegius bewohnte und Herzog Ernst ihm geschenkt hatte, war in Cell „uff der Blumenlan“ gelegen. S. Geschichte der Lane Braunschweig und Lüneburg von Prof. Dr. Wilhelm Havemann, 2. Bd. S. 116. Anm.
Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/r/rhegius/rhegius-wider_den_chiliasmus.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain