Krummacher, Friedrich Wilhelm - Christophorus.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Christophorus.

Christophorus. - Wem begegnete nicht schon in einer Portalnische oder der Vorhalle eines gothischen Doms sein bedeutsames Bildniß? Eine riesige Mannesgestalt, ein holdes, geheimnisvolles Knäblein mit der Weltkugel in der Rechten auf der Schulter tragend, und unter dieser süßen Last, man weiß nicht ob mehr geistig oder leiblich niedergebeugt, dem Zusammensinken nahe, an einem mächtigen Stabe einen reißenden Strom durchschreitend. Die Kirche glaubte den Andächtigen auf der Schwelle des Gotteshauses ein sinnigeres und erwecklicheres Wahrzeichen nicht vorhalten zu können, als das Bild jenes Heiligen, dem darum Thürhüterstellung angewiesen ward. Christophorus ist eine Allegorie, keine geschichtliche Person. Aber wie die Geschichte oft zum Gedicht, so ward hier das Gedicht zu einer ewigen Geschichte. Die Legende ist folgende.

Christophorus, ein Syrer von Geburt, fand an Größe der Gestalt und körperlicher Stärke weit und breit in seinem Lande seines Gleichen nicht. Von Allen gefürchtet, und nur wenig geliebt, schritt er wie ein Wesen anderer Art gleichsam über die Häupter der übrigen Menschenwelt dahin. Aber wie sehr diese Stellung auch für eine Weile ihm behagte, so fühlte er sich in ihr doch später wie auf den einsamen kalten Gipfel eines bis in die Wolken ragenden Schneegebirges verbannt. Das menschliche Herz will lieben, wie es Liebe sucht; und wie lockend dem Menschen es auch erscheint, der Erste und Größeste zu sein; hat er dies Ziel erreicht, so währt es nicht lange, und er selbst sucht wieder den Größeren, an den er, der bisher allein Bewunderte, bewundernd sich hingebe. - So ging's, nachdem er von aller ihm bewiesenen Unterthänigkeit übersättigt war, unserm Christophorus. „Wer,“ sprach er zeigt mir auf Erden einen Mann, der größer und stärker sei, denn ich, auf daß ich hingebe, und ihm diene?„ - Und da man ihm als solch' einen mächtigeren einen fernen König nannte, machte er sich ungesäumt zu demselben auf, und bot ihm, nachdem er ihm wirklich die Palme der größeren Stärke hatte zugestehen müssen, seine Dienste an. Der König nahm ihn freundlich unter seine Trabanten auf, und Christophorus, damals noch Reprobus genannt, fühlte sich eine Weile in seiner Nähe wohl. Eines Tages aber geschah es, daß ein Harfner vor dem Könige spielte und sang, und der König, der ein Christ war, als der Spielmann in seinem Liede den Namen des Teufels nannte, mit der Hand ein Kreuz schlug, und mit diesem Zeichen sich segnete. Dies fiel dem heidnischen Fremdling auf; und als der König ihm auf seine Frage, was dieses Zeichen bedeuten solle, erwiderte: „Wenn man den Teufel vor mir nennet, so gesegne ich mich mit diesem Zeichen, daß er nicht Gewalt über mich gewinne; so fleucht er von mir,“ sprach Christophorus: “ So gibt es also noch einen Mächtigeren auf Erden denn du bist. Wohlan, entlaß mich aus deinen Diensten. Mir geziemt's, nur dem Größesten und Gewaltigsten in der Welt zu dienen!„ - Er sprach's, und zog noch zu derselbigen Stunde ab, um den mächtigeren König, Satanas genannt, aufzusuchen.

Nachdem er ihm hin und wieder nachgefragt, heißt es endlich zu ihm: „Dort kommt er her in der Wüste!“ Und an der Spitze einer dunkeln Reuterschaar sprengte er heran, der böse Feind, und ritt auf Christophorus los, und fragte: „Wen suchest du?“ Und als Christophorus zusammenschauernd spricht: „Den Herrn der Welt, daß ich ihm hörig sei und frohne,“ entgegnet jener: „Ich bin's! Sei mein Vasall! Es soll dich nicht gereuen!“ - Und der Syrer wird des Bösen Knecht. -

Sie fahren selbander, und Christophorus sieht der Wunderdinge viele von seines gnädigen Herren Hand. - Da führt sie einstmals ihre Straße bei einer Stelle vorüber, an der ein Kreuz sich erhebt. - Mit Halbem Auge nur hat der Feind dasselbe er: blickt, als er auch schon das scheuende Roß herumlenkt, und auf weitem Umwege, die ganze Schaar hinterdrein, in vollem Galopp an dem unheimlichen Zeichen vorbeisprengt. Des wundert Christophorus sich nicht wenig, und fragt, als sich Reuter und Roß ein wenig ausgeschnauft, seinen Gebieter, warum er plötzlich so krummen Weg geritten sei? - Dieser that nun so, als hörte er die Frage nicht; denn er hätte die Ursach gern verschwiegen. Als aber der Fremdling, seiner Knechte stattlichster und treuster, die Gewissensfrage wiederholte, und für den Fall versagter Antwort ihm seine Unterthänigkeit kündigte, gestand ihm der Feind in Vertrauen: „Es stand da das Zeichen des Kreuzes am Weg. Daran ward Christus erhangen. Dies Zeichen fürchte ich gar sehr, und muß allezeit fliehen!“ - „Ah,“ entgegnet Christophor, „so existiert also noch ein Mächtigerer, denn du! Ich bitte um Urlaub, auf daß ich Christum suche; denn ich finde nicht Ruhe und Genieß, bis ich dem Hehrsten diene!“

Gesagt, gethan. - Christophorus geht auf's, neue auf einsame Pilgerfahrt, dem nachzufragen, der größer sei, denn der Teufel. Aber er klopft an manche Thür vergebens. Die Leute kennen den Größeren nicht. Endlich kehrt er bei einem frommen Einsiedler ein, und als der hört, er suche Christum, um sich zu Dienst zu begeben, ward seine Seele froh, und er erzählte dem fremden Wandersmann Vieles von dem Herrn Christo, wie so gar herrlich und mächtig Er sei, und wie reich er seinen Freunden lohne in Zeit und Ewigkeit. – Als er ihm aber sagte, er müsse, wenn er Ihm dienen wolle, viel fasten und beten, deuchte Christophoro dies zu gering, und sprach: „Sage mir, wie ich ihm mehr noch und besser diene!“ - Da erwiderte der Eremit: „Siehe, Dort unten brauset ein wilder tiefer Strom, führt aber weder Brücke noch Steg hinüber. Willst Du nun deinem Herrn Christo gefallen, so trage, der du lang und stark bist, um Gotteswillen die Menschen durch dies Wasser hindurch!“ - „Das,“ sprach Christophorus, “ will ich mit Gott gar gerne thun!„ - Und er ging hin, und baute sich am Ufer des Stromes ein Hüttlein; und wer nun kam, den trug er auf seiner Schulter hinüber, und half gar Manchem so mit Gottes Hülfe, und war unverdrossen mit Heben und Tragen Tag und Nacht. Nur dachte er mit großem Verlangen seines Herzens: „Wenn nur der Herr Christus, dem ich gehorsame, mir endlich einmal erscheinen wollte!“

Da geschah es denn eines Nachts, als Christophorus von der Arbeit des Tages sonderlich müde sänftlich eingeschlummert war, daß plötzlich eine zarte Stimme zu seinem Ohre drang:, Trag* mich hinüber!“ - Er wachte auf, sah aber Niemanden, und legte sich wieder nieder, und schlief auf's neue. Alsobald ertönte dieselbe Stimme. Christophorus sprang wieder hurtig auf; aber nachdem er sich abermals vergebens nach dem Rufenden umgesehen, meinte er, ihm habe geträumt, und legte sich wieder nieder. Kaum wieder eingeschlafen hört er sich zum dritten Mal sanft aber deutlich beim Namen rufen, und als er jetzt auffährt, sieht er ein Knäblein vor sich stehen, das ihn mit wunderbar tiefem und holdem Blicke anschaut, und freundlich bittend zu ihm spricht: „Trage auch mich über den Strom hinüber!“ - Herzlich gerne!„ dachte Christophorus, denn der Anblick des Knäbleins, das er nicht kannte, machte ordentlich das Herz ihm wallen. So hub er es denn auf seine riesigen Schulter, nahm seinen Cedernstab in die Hand, und nun ging es vorwärts. Raum aber war er mit seiner lieblichen Bürde in das Wasser hineingetreten, als dieses plötzlich zu schwellen und zu brausen anhub, wie nie zuvor. Zugleich deuchte ihm, als ob das Knäblein von Schritt zu Schritt auf seinen Achseln schwerer würde. Ja, er hat die Mitte des Stromes noch nicht erreicht, als es ihm schon den Nacken tief darnieder beugt. Nur noch keuchend arbeitet er sich vorwärts. „Kindlein,“ denkt er, „wer bist du?“ doch schreitet er stumm an seinem Stabe durch die schäumenden Fluthen weiter. Da wird ihm endlich, als sollt er gar unter dem Gewicht seiner holden Last zusammensinken. - Von einer geheimnisvollen Ehrfurcht durchdauert macht er einen Augenblick Halt, öffnet den Mund, und spricht: „Wunderbares Kind, wer bist du? Geschieht mir doch, als trüge ich an dir die ganze Welt auf meinen Schultern. Ich erliege schier unter dir. Offenbare wen ich an dir trage!“ - Da das Knäblein: „Wisse, daß du mehr trägst als die Welt. Du trägest den, der Himmel und Erde geschaffen bat!“ - Und als der Knabe dies gesagt, taucht er seinen Träger unter das Wasser, sprechend: „Ich bin Jesus Christus, dein König und dein Herr, welchem du dienest, und durch den du Deine Dienste thust. und nun siehe, ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes, der ich selber bin, und des heiligen Geistes. Und du sollst fortan Christophorus, d. i. Christusträger heißen!“ - Der Knabe sprachs, und Christophorus, selig wieder auftauchend aus dem Wasserbade, wollte ihm anbetend die Knie beugen; aber der Herrliche war entschwunden. Zum Zeichen, daß Er es gewesen, hatte Er noch dem Christophorus gesagt: „Stecke deinen dürren Stab in die Erde, und in einer Nacht wird er grünen und blühen. Und es geschah also. Aber ein untrüglicheres Zeichen, daß er mit Jesu in Gemeinschaft gekommen sei, hatte Christophorus fortan an seinem eigenen in einem neuen göttlichen Licht- und Liebesleben grünenden und blühenden Herzen. Und so lange er lebte, hat er den Herrn Christum getragen in lebendigem Glauben; und Christus trug ihn mit unendlicher Liebe, und setzte ihn der Welt zu mannigfaltigem Segen.

Und zum Segen steht die symbolische Gestalt des Christophorus auch heute noch uns. Nicht allein, daß sie prophetisch daran gemahnt, wie Christus, dem die Macht über alles Fleisch gegeben ist, einst auch die Starken zum Raube nehmen, und die Gewaltigsten unter den Gewaltigen seinem Zepter dienstbar machen werde; sie veranschaulicht uns zugleich den Glaubensweg, den Alle, die in die beseligende Gemeinschaft Christi eingehn, hienieden zu wandeln haben. Es ist der Weg, den Johannes der Täufer tiefsinnig und gedankenvoll mit dem Ausspruche bezeichnet: „Ich muß abnehmen; Er aber (Christus) muß wachsen!“

Je länger man mit dem Herrn verkehrt, desto mehr schärft sich das innre Auge für seine Größe. Der „Schönste der Menschenkinder,“ der zuerst unser Herz gewann, erwächst zum Abglanz der göttlichen Heiligkeit; der „göttliche Meister“ zum „Gott, hochgelobet in Ewigkeit.“ Von Wonneschauern durchrieselt erschaut man Ihn, der sich als Bruder den Brüdern uns zugesellte, als Gebieter über alles auf dem Thron der Welten; man hat aber, so lange man lebt, an dieser Anschauung zu tragen, und würde erliegen unter ihrem Gewichte, wenn uns nicht das immer tiefer empfundene Herzensbedürfnis nach solchem gottmenschlichen Heilande zum stützenden Stabe würde. In der Gemeinschaft mit Ihm wird man immer gründlicher wie des eigenen Abstandes von dein Urbilde der Menschheit, das in Ihm Person ward, so der allseitigen und unbedingten Hülfsbedürftigkeit sich bewußt, der man unterworfen ist. Je mehr aber die Empfindung unsres persönlichen Unwerths und unsrer innern Armuth, Ohnmacht und Blöße sich in uns vollendet, um desto heller geht der Glanz Dessen vor uns auf, der da spricht: „Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Er wird uns im Fortgange des Verkehrs mit Ihm stets größer, herrlicher und unentbehrlicher. Wir leben, doch nicht mehr wir, sondern Christus lebet in uns; und was wir noch leben im Fleisch, leben wir im Glauben des Sohnes Gottes, der, während unser Ich täglich stirbt, je länger je mehr unser Eins und Alles wird.

So wiederholt sich, wie Ahasverus, der „ewige Jude“ in allen Kindern des Unglaubens, Christophorus in allen wahren Gläubigen. Diese, nachdem sie Christum mit Freuden aufgenommen, werden auf dem Wege durch die Brandungen des Lebens mit jedem Schritte mehr gewahr, wie sehr sie bedürfen, daß Er sie hebe und trage, statt von ihnen getragen zu werden. Es schwindet ihre Kraft dahin; aber die seine wird dafür ihre Stärke. Er drückt ihnen wesentlich sein Bild in's gedemüthigte und des Pharisäerwahns entleerte Herz, und sie werden seine Träger, wie der Mond, der stillwandelnde in der Nacht, der Träger des Sonnenglanzes. -

Wer also ist Christophorus? - Du bist's, Israel Gottes aus Wasser und Geist geboren! Du fandest den rechten Herrn, überwindest, von Ihm überwunden, die Welt, trägst Ibn, der alle Dinge trägt mit seinem kräftigen Wort, glaubend, liebend, bekennend durch das Meer der Zeit, und, stirbst unter dem wachsenden Gewicht seiner Größe, um durch Ihn ewig zu leben.

Die ganze Menschheit wird einst Christophorus, und Christus, „Alles in Allen“ sein.

Fr. W. Krummacher in Potsdam.

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