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Calvin, Jean - Psalm 35.

Calvin, Jean - Psalm 35.

Inhaltsangabe: So lange David dem Saul verhasst war, waren die Vornehmen und alle, welche einiges Ansehen besaßen, um die Wette bestrebt, den unschuldigen Menschen ins Verderben zu stürzen, - wie ja die Speichelleckerei sich an den Höfen der Könige immer breit macht. Dann wussten sie auch den gemeinen Haufen fast ganz auf ihre Seite zu ziehen und mit derselben Blutgier zu erfüllen. So kam es, dass hoch und niedrig gegen David in unversöhnlicher Wut entbrannt war. Da er jedoch wusste, dass die Mehrzahl dieses unbedacht aus Irrtum und Torheit tat, so nimmt er nur diejenigen Feinde vor, die in freventlicher und absichtlicher Bosheit Saul Gehorsam leisteten. Gegen diese fleht er Gott um Rache an. Zunächst hält er dem Herrn seine Unschuld vor, da er sich keines Bösen bewusst ist. Dann ruft er ihn als Retter an, da er unschuldig gequält wurde. Darauf beklagt er sich über die gottlose Wut der Feinde und wünscht ihnen die Strafe an, die sie verdient haben. Weil er jedoch auf die ihm gewordene Verheißung und auf die heilige Salbung vertraut und infolgedessen einen guten Ausgang erwartet, so mischt er hin und her Bezeugungen seines Dankes ein. Der Psalm schließt endlich damit, dass er, wenn er gerettet werde, sein ganzes Leben lang Gottes Lob preisen wolle.

V. 1. Herr, hadere mit meinen Haderern. Da die Feinde nicht nur in offenem Kampfe David nach dem Leben trachteten, sondern ihn auch durch Verleumdungen und falsche Anklagen verdächtigten, so bittet er um Hilfe gegen beides. Wenn er zuerst Gott als Anwalt seiner Sache anruft, so zeigt er damit, dass er es mit böswilligem Verleumdern zu tun hat; wenn er dann weiter den Herrn auffordert, die Waffen zu ergreifen, so gibt er damit zu erkennen, dass er stark bedrängt wurde. Es ist eine Schande, dass der heilige Mann, der sich um alle aufs Beste verdient gemacht, der keinen beleidigt hatte, und der wegen seiner Leutseligkeit und seiner Bescheidenheit, die er sowohl im vertrauten Verkehr als öffentlich bewiesen hatte, würdig war, von allen geehrt zu werden, trotzdem vor giftigen Schmähungen nicht bewahrt blieb. Es ist wichtig, dass wir uns dieses merken, da sein Beispiel nützlich für uns ist. Denn wenn wir daran denken, dass sie selbst David nicht in Ruhe gelassen haben, so werden wir uns nicht mehr wundern noch außer Fassung bringen lassen, wenn boshafte Menschen uns rupfen und beißen. Damit jedoch ihre Ungerechtigkeit uns nicht hart und bitter sei, so gibt David uns hier den unvergleichlichen Trost, dass Gott selbst den falschen Anklagen seinen Schutz entgegenstellt. Es schadet daher nichts, wenn Verleumder sich gegen uns erheben und uns mit ihren falschen Beschuldigungen lästern, wenn nur Gott auf unsere Seite tritt, um uns gegen sie zu verteidigen. Im zweiten Gliede will dann David will dann David ohne Zweifel den Herrn bitten, dass er sich der Wut seiner Feinde, die mit Waffen auf ihn eindringen, entgegenstelle. Kurz, mit Verleumdungen überschüttet, durch Grausamkeit bedrängt, empfiehlt er sein Leben und seinen guten Namen dem Schutze Gottes, da er auf Erden keine Hilfe findet.

V. 2. Ergreife Schild und Schutzwehr. Es ist sicher, dass dieses uneigentlich von Gott ausgesagt wird, da er weder Lanze noch Schild nötig hat, weil sein Hauch und Wink allein genügt, um seine Feinde in die Flucht zu schlagen. Doch der heilige Geist gebraucht derartige Bilder, die uns auf den ersten Blick unpassend erscheinen, nicht ohne Grund. Er will wegen unserer Beschränktheit es uns dadurch recht zum Bewusstsein bringen, dass Gott uns mit seiner Hilfe nahe ist. Wenn wir Schaden und Gefahren vor uns sehen, wenn uns alles, was wir sehen, mit Angst erfüllt, ja wenn der Tod selbst uns vor Augen steht, so hält es für uns schwer, die verborgene und unsichtbare Macht Gottes zu fassen, damit diese uns von aller Angst und Sorge frei mache. Denn da unsere Gedanken sinnlich und irdisch sind, so werden sie immer wieder nach unten gezogen. Deshalb muss Gott uns nach menschlicher Weise mit Schwert und Schild ausgerüstet vorgeführt werden, damit unser Glaube sich stufenweise zu seiner himmlischen Macht erhebe. Ebenso wenn Gott ein Kriegsmann genannt wird (2. Mo. 15, 3; Jes. 42, 13), so ist sicher, dass dies unserer Schwachheit wegen geschieht, da wir anders wegen des geringen Fassungsvermögens unseres Geistes die unermessliche Kraft Gottes, die alle Arten von Hilfe in sich schließt und keine anderen Hilfsmittel nötig hat, nicht fassen können. Davids Absicht ist also, zu zeigen, dass Gott mit seiner verborgenen und innerlichen Kraft allen Rüstungen und Truppen der Gottlosen gewachsen ist. Das Wort, welches wir mit „Schutzwehr“ übersetzen, deuten andere als eine Art von Wurfgeschoss. Aber davon redet erst der nächste Vers, während hier zunächst die Verteidigungswaffen genannt werden.

V. 3. Spricht zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe! Einige denken dabei an eine geheimnisvolle Offenbarung. Aber David wünscht einfach, tief im Herzen von dem überzeugt zu werden, was der Augenschein nicht ohne weiteres ergab, dass nämlich Gott der Hort seines Heils sei. Denn bei unserer Unachtsamkeit und Stumpfheit kommt es oft vor, dass Gott uns befreit, während wir schlafen und an nichts Derartiges denken. Die Ausdrucksweise soll darum besonders nachdrücklich wirken: David will einen lebendigen Eindruck der Gnade Gottes und damit einen Schild empfangen, mit dem er alle Angriffe aushalten und durch alle Hindernisse und Schwierigkeiten durchbrechen kann. Er will etwa sagen: Herr, was auch geschehen mag, um mein Herz schwankend zu machen, erhalte mich fest in der Zuversicht, dass mein Heil sicher in deiner Hand ruht. Und wenn Versuchungen mich hin und her zerren, so richte alle meine Gedanken auf dich, damit dein Heil mir mehr gelte als alle Gefahren, und damit ich, gleich als hättest du es mir mündlich zugesagt, ohne Furcht daran festhalte, dass ich unverletzt bleiben werde, wenn ich dich nur zum Freunde habe!

V. 4 bis 6. Es müssen sich schämen usw. Jetzt fordert David den Herrn zur Rache an seinen Feinden auf. Er bittet nicht nur, dass Gott ihre Unternehmungen vereiteln und zunichte machen möge, sondern auch dass er ihnen den Lohn gebe, den sie verdienen. Zunächst wünscht er, dass sie zu Schanden werden, indem sie in ihrer Hoffnung und in ihrem Wunsche getäuscht werden;

dann geht er weiter und bittet (V. 5), dass sie, die fest und tief gewurzelt zu sein glauben, wie Spreu und Kehricht werden möchten. Und wie der Kehricht vom Winde verweht wird, so wünscht er ihnen, dass sie durch einen Engel im Verborgenen immerfort beunruhigt werden.

Stärker ist noch die folgende Verwünschung (V. 6), dass überall, wohin sie sich auch wenden, der Weg ihnen finster und schlüpfrig werde, und dass sie unstet und flüchtig von einem Engel Gottes verfolgt werden sollen. Er wünscht ihnen also, dass, was sie auch versuchen und wohin sie sich auch wenden, obgleich sie niemand verfolgt, weil Gott ihnen einen Taumelgeist gibt und sie durch Unruhe so zerfahren macht, dass sie mit sich selbst in Zwiespalt geraten und dass sie keine Zeit zum Besinnen und Überlegen, ja nicht einmal zum Atemholen haben. Wir brauchen uns nicht darüber zu wundern, dass dieses Amt den Engeln übertragen wird, da Gott durch ihre Hand seine Gerichte ausübt. Doch kann man in dieser Stelle ebenso gut an die Teufel als an die Engel des Himmels denken, die immer bereit sind, Gott zu gehorchen. Wir wissen ja, dass Gott es den Teufeln gestattet, die Verworfenen zu quälen. Daher heißt es auch, dass ein böser Geist von Gott über Saul gekommen sei (1. Sam. 18, 10). Da aber die Teufel, wenn Gott ihren Dienst gebraucht, nur widerwillig dazu gezwungen werden, Gottes Befehle auszuführen, so weist die heilige Schrift den heiligen Engeln eine höhere Stellung im Dienste an. Gott führt also seine Gerichte durch die verworfenen Engel aus, jedoch so, dass er ihnen die auserwählten Engel überordnet. Unter diesem Gesichtspunkte werden diese als rechtmäßige „Herrschaften“ bezeichnet (Eph. 3, 10; Kol. 1, 16). Sollte aber jemand sich nicht darein finden können, dass die Engel, welche doch Diener der Gnade und des Heils sind und den Gläubigen zu Wächtern verordnet werden, gegen die Verworfenen wüten, so ist die Lösung leicht. Sie können nicht wachen zum Heil der Frommen und können diese nicht durch ihren Schutz beschirmen, ohne zugleich ihren Feinden entgegen zu treten. Anstößig könnte noch scheinen, dass David überhaupt eine Verwünschung ausspricht. Doch gilt in dieser Hinsicht, was ich schon früher sagte, dass er nicht in eigener Sache handelt: er stößt nicht etwas leichthin gallige Reden aus, noch lässt er sich in unüberlegtem Eifer fortreißen, seinen Feinden Verderben zu wünschen, sondern er spricht unter Leitung des heiligen Geistes nur wohl bedachte Gebetswünsche. Davon sind freilich Leute, die sich durch Rachgier, Hass oder eine andere fleischliche Erregung treiben lassen, weit entfernt.

V. 7. Denn sie haben mir ohne Ursache … David bezeugt, dass er nicht etwa Gottes Namen missbraucht, sondern dass er mit gutem Grund den Herrn als seinen Helfer anrufen kann: er weist auf seine Unschuld hin und klagt, dass man ihn so hart angreift, wo er doch keinen Anlass gegeben. Dieses ist wohl zu beachten, damit keiner leichtsinnig vor Gottes Angesicht trete und ihn zum Rächer anrufe, wenn er kein gutes Gewissen hat. Wenn David nämlich sagt, dass sie ihm mit Schlichen und böser List nachstellen, so liegt darin ein stillschweigendes Bekenntnis seiner Unbescholtenheit.

V. 8. Er müsse unversehens überfallen werden. Aufs Neue bittet David den Herrn, dass er das Verderben, das sie dem Gerechten und Unschuldigen ersonnen haben, auf das Haupt seiner Feinde kommen lasse. Denn was hier von einem gesagt wird, gilt von allen zusammen, - es wäre denn, dass man lieber nur an Saul oder einen der Vornehmen denken wollte. Da aber auch in diesem Falle die Verwünschung sich von dem Haupte auf den ganzen Körper erstrecken würde, so käme dies auf dasselbe hinaus. Während sie sicher auf ihrem Ruhebette liegen und nichts fürchten, weil sie sich außer aller Gefahr wähnen, soll das Unglück plötzlich wie ein Unwetter über sie hereinbrechen. Sie selbst denken ja nicht im Entferntesten daran, dass ihre eigenen Künste, Schlauheiten und boshaften Unternehmungen wider gute und einfältige Leute ihnen als den Urhebern zum Unheil ausschlagen könnten. Aber eben dies beschreibt der überaus passende Ausdruck: sein Netz müsse ihn fangen. Dass der Feind darin überfallen werden soll, deutet auf einen neuen plötzlichen Schrecken. Wenn er bei seinen trügerischen Nachstellungen sich selbst wohlgeborgen glaubt, wird ihn plötzlich das furchtbare Unglück überfallen, in dem er sich wie in einer Schlinge gefangen sieht.

V. 9. Aber meine Seele wird sich freuen. Andere übersetzen: „Meine Seele müsse sich freuen.“ Aber nach meiner Ansicht fährt David nicht in seinem Gebete fort, sondern gelobt, dass er Gott danken werde. Dies ist noch deutlicher aus dem nächsten Verse ersichtlich, wo er in weiterer Beschreibung der erfahrenen Wohltat ausspricht, dass er sie mit jedem Gliede seines Leibes verherrlichen werde. Während die einen es dem Zufall zuschreiben, wenn sie gerettet werden, die anderen ihre eigene Geschicklichkeit preisen, sind es nur sehr wenige, die alles Lob dem Herrn geben. David versichert aber, dass er der empfangenen Gnade eingedenk sein werde. Er sagt: meine Seele wird sich über diese Erlösung nicht freuen, ohne zu wissen und zu bedenken, woher sie kommt; sie wird darin das Heil Gottes erkennen. Umso recht zu zeigen, wie groß dieses Heil sei, macht David seine Gebeine zu Verkündigern des göttlichen Ruhmes. Das ist freilich eine Übertreibung. Er will aber damit seinen brennenden Eifer bezeugen, in welchem er gleichsam alle Muskeln und Gebeine anstrengt, um seine Frömmigkeit zu bezeugen.

V. 10. Herr, wer ist deines gleichen? Jetzt beschreibt David seine Freude über Gottes Heil noch genauer: sie besteht darin, dass er die erfahrene Rettung einzig und allein dem Herrn zuschreibt. Wie die Menschen gewöhnlich ihren Gott loben, gegen sie ihm kaum den zehnten Teil dessen, was ihm von Rechts wegen zukommt. David unterscheidet sich aber von allen anderen, denn er sagt ausdrücklich, dass das Lob für seine Errettung Gott allein gebühre. Und fürwahr: nur dann geben wir dem Herrn das Seine, wenn wir ihn in der Herrlichkeit seiner Kraft schauen und alle unsere Hoffnung gespannt auf ihn richten. Was nützt es, dass wir Gottes Namen im Munde führen, wenn wir seine Macht und Güte nach Willkür schmälern? Es ist also ein Zeichen von Davids Frömmigkeit, wenn er darin Gottes Güte sieht, dass er ein Beschützer der Bedrückten ist, dass er die Elenden und Armen von den wilden Räubern errettet. Gerade dies schreibt David dem Herrn als sein eigentliches Amt zu. So lernen wir aus seinen Worten, dass wir auch in tiefem Elend gute Hoffnung bewahren sollen. Es ist kein Grund vorhanden, dass auch eine so gewaltige Übermacht und Kraft des Feindes uns den Mut rauben dürfte: denn Gott verkündet vom Himmel her, dass er das Regiment führt, um den Starken und Tapferen zu widerstehen. Wenn die Kinder dieser Welt, die ihre Macht vergeuden, um Schaden zu stiften und die Schwachen zu unterdrücken, auch nur einen Tropfen gesunder Vernunft hätten, so würden sie ihren Übermut zügeln, um nicht durch übermäßige Selbstüberhebung Gott zum Zorn zu reizen.

V. 11. Es treten frevle Zeugen wider mich auf. David klagt darüber, dass ein ganzer Schwarm von Verleumdungen ihn gar nicht zu seiner Verteidigung kommen ließ. Das ist aber das Schwerste und Bitterste, was einen edlen Menschen, der sich keines Unrechts bewusst ist, treffen kann. Er sagt aber nicht nur, dass man ihn mit falschen Beschuldigungen belastet habe, sondern er beschwert sich auch über die Frechheit und Schamlosigkeit der Zeugen, weil sie sich freventlich gegen ihn erhoben haben. Hierauf bezieht sich auch der Zusatz, dass sie ihn zeihen, dessen er nicht schuldig ist. David war also nicht nur seiner Güter beraubt und unwürdig in die Verbannung getrieben, sondern man hatte ihn auch unter dem Vorwande des Rechts mit Schimpf und Schande bedeckt. So in Not geraten, wandte er sich geradeswegs an Gott, in der Hoffnung, dass dieser für seine Unschuld eintreten werde. So müssen die Kinder Gottes durch gute und böse Gerüchte hindurchgehen und die Verleumdungen ertragen, bis Gott ihre Unschuld vom Himmel her an den Tag bringt. In der Welt gilt das Sprichwort: „Ein gut Gewissen ist das beste Ruhekissen.“ Das klingt sehr schön: aber niemand wird sich an seinem eigenen guten Gewissen aufrechterhalten können, wenn er nicht bei Gott seine Zuflucht sucht.

V. 12 bis 14. Sie tun mir Arges um Gutes. Die Bosheit der Feinde ist noch viel größer. Sie quälen ihn nicht nur schändlich, obwohl er unschuldig ist und so etwas gar nicht verdient hat, sondern sie vergelten ihm auch die vielen und großen Wohltaten, die sie von ihm erfahren haben, auf die unbilligste Weise. Solch unwürdiges Gebaren mag rechtschaffene Leute nach der Empfindung ihres Fleisches tief verwunden, wie es denn in der Tat unerträglich ist: und doch ist es nicht auszusprechen, welch einen Trost es gewährt, wenn man vor Gott bezeugen kann, dass man nichts unterlassen habe, um die Herzen der Feinde milde zu stimmen, dass sie sich aber trotzdem von unversöhnlicher Wut fortreißen lassen, um zu schaden. Denn Gott lässt eine solche barbarische und rohe Undankbarkeit nicht ungestraft. Ein anderer Umstand kennzeichnet die Grausamkeit der Feinde noch besser, nämlich dass es ihre Absicht ist, einen so sanftmütigen und ruhigen Mann wie David in Herzeleid zu bringen. Wörtlich wäre zu übersetzen, dass sie seine Seele „verwaist“ machen wollen, sodass sie der Verzweiflung anheimfallen müsste.

Dann (V. 13) zählt David einige Liebesdienste auf, mit denen er sicherlich die Liebe seiner Feinde hätte gewinnen müssen, wenn nur eine Spur von Gerechtigkeitsgefühl in ihnen gewesen wäre. Er sagt nicht, dass er sie mit Geld oder anderen Mitteln unterstützt habe oder sonst freigebig gegen sie gewesen sei – denn es kommt oft vor, dass Leute, die eine milde Hand zeigen, trotzdem ein hartes Herz haben – sondern er bringt sichere Beweise einer wahren und ernstlichen Liebe vor. Wenn es ihnen übel ging, so ist er darüber vor Gott so betrübt und besorgt gewesen, wie einer Leid trägt über den Tod seiner Mutter. Und er hat sich nicht anders gegen sie gehalten, als wenn sie seine leiblichen Brüder gewesen wären. Sie waren ihm also mit Recht verpflichtet. Wie undankbar war es daher von ihnen, dass sie, als er im Unglück war, das Gift des Hasses gegen ihn ausspien! Dass sie krank waren, wird bildlich zu verstehen sein: der Ausdruck fasst jedes Missgeschick und jede Trübsal in sich. David will damit anzeigen, dass er immer, wenn es ihnen übel ging, Anteil an ihrem Schmerze genommen hat. Ein Beweis hierfür ist, dass er stets von Herzen betete. Er trug also nicht scheinheilig seine Gebete vor Menschenohren vor, - wie denn viele äußerlich mehr zeigen, als was wirklich in ihrem Herzen ist: vielmehr bezeugte er ohne Zeugen im Gebetskämmerlein, wie er aufrichtig den Schmerz mitempfand. Denn wie man von jemand sagt, dass er sich in seinem Herzen freut, wenn er die Freude in sich verschließt und nicht nach außen hin offenbar werden lässt, so kann man auch sagen, dass jemand in seinem Herzen trauert und betet, wenn er seine Tränen und Gebete nicht laut werden lässt, um damit die Gunst der Menschen zu gewinnen, sondern seine Gefühle bei sich behält, weil es ihm genügt, dass Gott sein Zeuge ist. Sack und Fasten erwähnt David als Hilfsmittel des Gebets. Denn wenn die Gläubigen auch dann beten, wenn sie gespeist haben, und sich nicht täglich ein Fasten auflegen, um zu beten, auch nicht immer einen Sack anzuziehen brauchen, wenn sie vor Gottes Angesicht treten, so wissen wir doch, dass in großer Not solche Zeichen üblich waren. Bei einem allgemeinen Unglück oder bei einer allgemeinen Gefahr pflegten alle sich in Säcke zu hüllen und zu fasten, um demütig dem Herrn ihre Schuld zu bekennen, damit sein Zorn sich von ihnen wende. Ebenso pflegten einzelne, wenn sie in Bedrängnis waren, sich durch dieselben Zeichen der Trauer zum eifrigen Gebet anzutreiben. Dass David einen Sack anzog, bedeutete also, dass er gleichsam an seiner Feinde statt, die doch zu seinem Verderben wider ihn anstürmten, die Schuld tragen wollte.

V. 15. Sie aber freuen sich über meinen Schaden. Es ist dies ein Zeichen finsterer Wut. Denn während die Menschen sonst oft milde gestimmt werden, wenn ihre Feinde Unglück haben, und aufhören, die Elenden zu hassen und zu verfolgen, so ließen die Feinde Davids gerade durch seine Erniedrigung sich reizen, ihn frech zu verhöhnen. Zunächst redet er nur von wenigen, dann setzt er aber hinzu, dass der gemeine Haufe ihnen zugefallen sei. Er will damit zu erkennen geben, wie sehr er verachtet wurde. Wahrscheinlich hatten die damals zur Herrschaft gelangten Menschen den allgemeinen Brand entzündet, so dass das Volk sich erhob und alle um die Wette danach trachteten, David zu verderben. Dass es zweimal heißt: sie rotten sich zusammen – deutet auf die Hartnäckigkeit ihres Vorgehens. Vielleicht gilt aber die erste Aussage von den ursprünglichen Feinden; die wenigstens einen Vorwand hatten: und zum zweiten wird hinzugefügt, dass auch der verachtetste Pöbel sich anschloss. Das betreffende Wort heiß buchstäblich: „geschlagene“ oder „gestoßene“ Leute, womit das gemeine Volk gemeint sein dürfte. Andere übersetzen: „Menschen, die mir Schmerz bereiten.“ Doch dies ist weniger passend. Dass David diese Leute nicht kannte, will andeuten, dass sie gar keinen Grund hatten, wider ihn zu wüten: er hatte sie durch kein Unrecht reizen können, da sie ihm gänzlich unbekannt waren. Zugleich sehen wir hier, ein wie gutes Gewissen David hatte: er hatte nicht die geringste Ahnung, woher dieser Hass gegen ihn stammen konnte. Im letzten Satzglied steht eigentlich nur, dass die Pöbelhaufen „aufreißen“. Aber es ist sicher zu ergänzen, dass sich dies auf den Mund bezieht. David will sagen, dass sie mit weit auseinander gerissenen Lippen frech ihre Schmähungen auswerfen. Und werden nicht stille: heftig und unaufhörlich lästern sie, da die schlechten Menschen alles von sich geben, was ihnen in den Mund kommt.

V. 16. Unter ruchlosen Leuten usw. David berichtet von einer Art Verschwörung seiner Feinde. Diese listigen Leute und geborenen Betrüger, die alle Scham von sich geworfen haben, betrieben unablässig das eine, ihn, den bedauernswerten Mann, zu verderben. Dabei denkt David an die Führer und Häupter, von denen das Übel ausgegangen war: denn was hier steht, passt nicht auf die große Masse, die sich mehr von unüberlegten Antrieben leiten lässt. Deutlich werden die vornehmen Hofleute und ähnliche Menschen gekennzeichnet: David klagt sie an, dass sie in Grausamkeit und ungezügelter Wut wider ihn mit den Zähnen knirschen. Der Hinweis auf ihre Ruchlosigkeit soll den Herrn zur Erhörung und Hilfe bewegen: denn dieser Ruf steigt aus der äußersten Not empor. Dass die Feinde frevlen Spott ausbringen, zeigt sie in ihrer ganzen Frechheit: ohne jeden Skrupel sind sie bereit, alles zu wagen. Das Wort, welches wir durch „Kuchen“ übersetzen, hat die verschiedensten Auslegungen erfahren, wie wir übergehen können.1) Bleibt man bei dieser Bedeutung des Wortes, so lässt sich allerdings zweifeln, ob mehr knechtische und schmutzige Menschen gemeint sind, die ihre Zunge ums Brot zu Schmähungen verkauften, - oder ob es sich um vornehme Schlemmer handelt, die auf leckere und reich bereitete Mahlzeiten Jagd machten. Vergegenwärtige ich mir sonstige Schilderungen der Feinde Davids und ihrer Gewohnheiten, so neige ich mich zu der Ansicht, dass er hier an die Possenreißer denkt, die zu Tische beim Wein sich über seinen Untergang unterhalten. Er beklagt sich also darüber, dass die Gottlosen in ihrer Schamlosigkeit bei den Freuden des Mahles bereden, wie man ihn umbringen könne.

V. 17. Herr, wie lange? David klagt hier über die lange Geduld Gottes, der über der Ausgelassenheit der Gottlosen die Augen zudrückt und zu lange mit seiner Rache zurückhält. Allerdings befiehlt Gott den Gläubigen, ruhig zu warten, bis die Zeit gekommen, die er für die rechte hält, um zu helfen; aber doch gestattet er ihnen, wenn die Zeit gar zu lange währt, ihm ihre Not zu klagen. Zugleich ersehen wir aus Davids Worten, dass er nicht voreilig und leichtfertig, sondern unter dem Drang der äußersten Not die Hilfe herbei sehnte. Denn er hat zu klagen, dass die Feinde mit Getümmel wider sein Leben anstürmen; auch vergleicht er sie mit jungen Löwen und muss seine Seele als eine einsame bezeichnen, welchen Ausdruck wir schon früher (zu Ps. 22, 21) erläuterten.

V. 18. Ich will dir danken. David verspricht aufs Neue, dass er seinen Dank bezeugen will. Das Opfer des Lobes ist ja das einzige, was die Gläubigen dem Herrn wiedervergelten können, wie wir Ps. 116, 13 sehen werden. Auf diese Weise ermuntert er sich auch zur Zuversicht auf Erhörung, da er mitten unter den Sorgen und Ängsten in Danksagung ausbricht, gleich als ob sein Wunsch schon erfüllt wäre. Wir sehen hierin ein glänzendes Zeugnis seiner unbesiegbaren Tapferkeit: er ist weggejagt und verbannt, aller Hilfe beraubt, ja in äußerst verzweifelter Lage, - aber bei alledem denkt er daran, wie er Gottes Gnade loben will, und gelobt ein feierliches Opfer, als ob schon in der Finsternis des Todes die Befreiung aufleuchtete. Ja er spricht nicht nur davon, dass er für sich Gott danken werde, sondern er redet von einer solchen Danksagung, wie sie Leute, die aus den größten Gefahren erlöst waren, nach der Vorschrift des Gesetzes in öffentlicher Versammlung darzubringen pflegten.

V. 19 bis 21. Lass sich nicht über mich freuen usw. Da die Feinde über den Fall und Untergang Davids einen Freudentanz beginnen wollen, so bittet er Gott, dass er ihnen diesen schlechten Wunsch nicht erfüllen möge. Ferner bezeugt er aufs Neue, um Gott für seine Sache zu gewinnen, dass sie ihn ohne seine Schuld hassen und dass nur die reine Bosheit sie so grausam gesinnt macht. Denn es ist von großer Bedeutung, dass wir uns vor Gott auf unser gutes Gewissen berufen können, da er dann umso geneigter ist, uns zu helfen. So wiederholt David auch im folgenden Verse, dass er es mit einer unversöhnlichen Menschenklasse zu tun habe, die in Grausamkeit ganz verhärtet ist. Aber gerade daraus gewinnt er die freudige Zuversicht, dass Gott ihm mit seiner Hilfe nahe sei. Das muss auch für uns fest stehen, dass wir umso gewisser auf Erhörung hoffen dürfen, je härter wir bedrängt werden. Die Schilderung, welche David von der Schadenfreude seiner Feinde gibt (V. 21), zeigt, wie Leute, die in den Zeiten seines Glücks sich nicht zu rühren wagten, bei seinem Fall ihn vollends umzubringen unternahmen.

V. 22 u. 23. Herr, du siehst es. Hier sollen wir einen Gegensatz empfinden. Wie ganz anders sehen Gottes Augen auf David, als es die schadenfrohen Feinde tun! Er will ihnen etwa zu verstehen geben: Ihr saugt begierig mit euren Augen mein Elend ein, - aber auch Gott hat Augen, um solch verbrecherische Bosheit zu sehen, die sich grausam an fremdem Unglück weidet. Doch streitet David sich nicht mit ihnen, sondern wendet sich vielmehr geraden Wegs an Gott und stellt ihren Bestrebungen, die sein Herz aufs tiefste erschüttern konnten, Gottes Vorsehung wie eine Mauer entgegen. Und sicherlich ist dieses das festeste Bollwerk gegen allen Spott der Feinde, wenn wir unsere Augen von ihnen abwenden und unsere Gedanken auf Gott richten, wenn wir ferner im Vertrauen auf seine väterliche Fürsorge ihn bitten, er möge durch die Tat beweisen, dass unsere Beschwerden ihm nicht unbekannt seien, ja er möge umso schneller herbeieilen, um uns zu helfen, je grimmiger die Bösen nach unserem Verderben lechzen. Dies drückt David nun durch verschiedene Worte aus. Schweige nicht, sei nicht ferne, erwecke dich und wache auf! So durfte er mit Recht reden, da er im Voraus überzeugt war, dass Gott die Armen und Elenden ansieht und dass ihm keine Ungerechtigkeit entgeht. Wenn daher unsere Wünsche recht beschaffen sein wollen, so ist es das erste Erfordernis, dass der Glaube an die Vorsehung Gottes hell in unserem Herzen strahle. Dieser Glaube muss allen unseren Stimmungen und Wünschen den Weg weisen, muss sie mäßigen und lenken.

V. 24 u. 25. Herr, mein Gott, richte mich nach deiner Gerechtigkeit. Damit bekräftigt David den vorhergehenden Gedanken, dass Gott der Beschützer und Verteidiger seines Rechts sei. Denn da er für eine Zeitlang gleichsam vernachlässigt war, so hält er sich Gottes Gerechtigkeit vor, der es widerstreitet, die Rechtschaffenen und Gerechten ganz zu verlassen. Es ist dieses eine Art von Beschwörung, dass Gott, weil er gerecht ist und seinen Diener verteidigt, wenn seine Sache gut ist, auch einen Beweis seiner Gerechtigkeit geben müsse. Und gewiss gibt es dann, wenn es scheint, als seien wir von aller Hilfe entblößt und ausgeschlossen, kein wirksameres Mittel, um die Versuchung zu überwinden, als den Gedanken, dass Gottes Gerechtigkeit, von der unsere Erlösung ausgeht, nicht hinfallen kann. So sagt Paulus, um die Gläubigen zur Geduld zu ermahnen (2. Thess. 1, 6): „Nach dem es recht ist bei Gott, zu vergelten Trübsal denen, die euch Trübsal bereiten.“ David wendet sich nun in immer neuen Ansätzen an Gottes Gerechtigkeit und fordert von ihr, dass sie die Frechheit der Feinde in Schranken halte: denn je stolzer sie sich erheben, umso mehr ist Gott bereit, zu helfen.

Ganz anschaulich malt er ihre Wildheit aus, indem er sie wiederum redend einführt (V. 25). Damit will er aber zeigen, dass sie, wenn ihnen alles nach Wunsch geht, in ihrer Frechheit gar kein Maß halten. Da sie aber, je mehr sie sich erheben, umso mehr Gottes Rache herausfordern, so sieht David darin mit Recht einen Grund zur Belebung seiner Hoffnung und eine Besiegelung seiner Gebote.

V. 26. Sie müssen sich schämen usw. Diese Verwünschung ist schon im Anfang des Psalms (V. 4) erklärt worden. Es erübrigt nur, darauf aufmerksam zu machen, dass auf dem Wörtchen „alle“ ein besonderer Nachdruck liegt. Mögen auch ungeheure Scharen zum Kampf anstürmen, so will David doch nicht erschrecken: denn Gott braucht nur seine Hand aufzuheben, um sie alle mit einem einzigen Schlage leicht niederzustrecken. Wenn von den Feinden gesagt wird, dass sie sich über Davids Unglück freuen, so ist dies ein Zeichen ihres grausamen Hasses; und wenn es von ihnen heißt, dass sie sich wider ihn rühmen, so ist das ein Zeichen ihres Hochmuts. David sagt also von ihnen, um sie Gott verhasst zu machen, dass sie voll Grausamkeit und Stolz seien. Ferner: da der heilige Geist diese Form des Gebets eingegeben hat, so ist es zweifellos, dass allen Stolzen ein solcher Ausgang droht, wie er hier angekündigt wird, so dass sie mit Scham und Schande zurückweichen werden.

V. 27 u. 28. Rühmen und freuen müssen sich usw. David weist zur Empfehlung der Erlösung, die er von Gott erbittet, auf die Frucht derselben hin, nämlich dass diese allen Frommen insgesamt Stoff zur Freude und Hoffnung geben und sie zugleich erwecken werde, Gottes Lob zu singen. So gab es noch treue Männer, die da wünschten, dass das Recht des unschuldigen Mannes unverletzt bleibe. Denn wenn David auch im Allgemeinen bei der großen Menge verhasst war, weil die Ungebildeten und Unerfahrenen sich durch falsche Gerüchte irreleiten ließen, so waren doch sicher in der Volksmasse noch einige billige und besonnene Beurteiler vorhanden, denen es Schmerz bereitete, dass ein so heiliger und unbestreitbar rechtschaffener Mann so unwürdig und wider Verdienst gequält wurde. Und sicherlich gehört es zu einer wahrhaft menschlichen Gesinnung, dass wir allen, die wir ungerecht bedrückt sehen, wenigstens unsere Gunst erweisen, wenn es nicht in unserer Macht steht, ihnen zu helfen. Dieser rühmende Lobpreis Gottes scheint im Gegensatz zu stehen zu dem Stolz der Gottlosen, von denen vor kurzem die Rede war. Diese verdunkeln, soweit es in ihrer Macht steht, Gottes Ruhm, indem sie alles wagen. Demgegenüber erwächst mit gutem Grunde in den Gläubigen der Gebetswunsch, dass Gott seine Herrlichkeit leuchten lassen möge, indem er durch die Tat beweist, dass er um seine Knechte sich kümmert und dass ihr Wohlergehen ihm am Herzen liegt.

Der Schlusssatz (V. 28) wiederholt noch einmal, wie sehr es sich für den Geretteten ziemt, Gottes Gerechtigkeit zu rühmen.

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