Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 9.

Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 9.

V. 1. Das Volk, so im Finstern wandelt usw. Zukünftige Dinge werden hier in der Gegenwartsform beschrieben: so wird die Sache dem Volk schon anschaulich vor Augen gestellt, sodass es mitten im Untergang der Stadt, bei seiner Gefangenschaft und unter dem Umsturz aller Dinge doch das Licht Gottes schauen durfte. Der Hauptgedanke ist, dass man mitten in der Finsternis, ja selbst im Tode, gute Hoffnung hegen soll: denn Gott hat Kraft genug, seinem Volk, auch nachdem es erstorben scheint, das Leben wieder zu schenken. Matthäus (4, 15 f.), der unsre Stelle zitiert, scheint ihr einen fremden Sinn unterzulegen. Denn er sieht unsre Weissagung erfüllt, als Christus an der Meeresküste predigte. Wenn wir aber die Ähnlichkeit recht erwägen, so hat Matthäus diese Stelle mit Recht auch auf Christus bezogen. Freilich darf man nicht sagen, dass unsere Weissagung unmittelbar auf Christi Reich ziele. Aber wir wollen uns erinnern, dass der Prophet, wenn er über die Erlösung des Volkes aus Babylon spricht, nicht bloß an diese, sondern auch an alle kommenden Zeiten denkt, bis Christus kommt und seinem Volke die volle Freiheit bringt. Die Erlösung aus Babel war gleichsam ein Vorspiel für die Erneuerung der Gottesgemeinde; sie sollte nicht bloß für kurze Zeit nachwirken, sondern bis zur Ankunft des Messias, der nun wahres Heil, nicht bloß für den Leib, sondern auch für die Seele brachte. Wer etwas tiefer in die Weise des Propheten eindringt, wird finden, dass diese Deutung seiner Art entspricht. Darum kann er von der babylonischen Gefangenschaft reden, die das schwerste Unglück herbeiführte, und kann zugleich zeigen, dass diese Niederlage leichter sein werde, als was Israel früher zu erdulden hatte. Denn der Herr hat diesem Schicksal Maß und Ziel gesetzt, eine Zeit von 70 Jahren. Darnach sollte das Licht dem Volk wiederum leuchten. So richtet der Prophet durch die Zuversicht auf die Erlösung die furchtgebeugten Herzen wieder auf, damit sie nicht gar zu sehr bedrückt werden. Dabei unterscheidet er die Juden von den Angehörigen des Reiches Israel, denen eine Hoffnung auf so nahe Wiederherstellung nicht gegeben war. Mochten auch die Propheten dem Rest der Auserwählten einen Geschmack von Gottes Barmherzigkeit gegeben haben, so war doch die Erlösung des Reiches Israel gleichsam ein Anhang zur Erlösung Judas und hing von ihr ab. Darum verkündet der Prophet mit gutem Grunde erst jetzt, dass ein neues Licht aufgehen werde, da der Herr beschlossen hat, sein Volk zu erlösen. Darum ist es auch passen und fein, dass Matthäus die Strahlen dieses Lichtes bis nach Galiläa und zum Land Sebulon ausgehen lässt. Der Prophet vergleicht hier die babylonische Gefangenschaft mit Finsternis und Tod. Denn buchstäblich wäre zu übersetzen, dass das Volk im Land des Todesschattens wohnt. Es war in seinem Elend und Unglück wie tot, wie auch bei Hesekiel (37, 12) davon die Rede ist, dass es aus den Gräbern auferstehen soll. Es war in einer Lage, da ihm kein Glanz noch Lichtstrahl aufging. Dies alles soll aber für die Zukunft kein Hindernis sein, dass es noch des Lichtes sich freuen und die frühere Freiheit wiedererlangen soll. Und wir sagten schon, dass diese Freiheit nicht bloß eine kleine Zeit währt, sondern noch Christum in sich begreift. In dieser Weise pflegen auch die Apostel die Zeugnisse der Propheten zu gebrauchen und ihren wahren Zweck und Sinn zu zeigen. So beruft sich Paulus (Röm. 9, 25) auf jenes Wort des Hosea (2, 25): „Ich will das mein Volk heißen, das nicht mein Volk war.“ Er deutet diese eigentlich den Juden geltende Ansprache auf die Berufung der Heiden und sieht sie erfüllt, wenn der Herr diese Heiden in seine Gemeinde aufnimmt. Denn das Volk, welches in der Gefangenschaft wie begraben dalag, unterschied sich in nichts von den Heiden. Da nun beide Teile in der gleichen Lage waren, ist es ganz passend, dies Zeugnis nicht allein auf die Juden, sondern auch auf die Heiden zu beziehen, - und zwar nicht bloß auf ihr äußeres Elend, sondern auch auf das Dunkel des ewigen Todes, in welches die Seelen versenkt sind, bis sie zum geistlichen Lichte emporsteigen. Denn ganz gewiss liegen wir in der Finsternis, bis uns Christus durch die Lehre seines Wortes erleuchtet. Darum mahnt auch Paulus (Eph. 5, 14): „Wache auf, der du schläfest, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Wir werden also den Sinn unsrer Stelle richtig erfassen, wenn wir den Anfang der Befreiung vom Ende der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christi Ankunft ausdehnen, in welchem allein alle Freiheit und die Fülle aller Wohltaten geborgen liegt.

V. 2. Du machtest des Volkes viel, du machtest nicht groß seine Freude. Diese Stelle ist einigermaßen dunkel, sowohl an sich, als auch wegen der sehr verschiedenen Auslegungen. Man begreift zunächst nicht, wieso die Freude nicht groß sein soll, da ja der Prophet fortfährt: Vor dir wird man sich freuen. Die jüdischen Ausleger übersetzen, was nach Text und Sprache allenfalls möglich ist, sachlich aber wohl eine unerlaubte Zurechtlegung ist: „Du machest des Volkes viel, du machest groß seine Freude.“ Bleiben wir bei der von uns gegebenen Übersetzung, so ließen sich die Worte vielleicht auf Sanherib beziehen: weil er ein so großes Heer hatte, brauchte Gott seinem Volke dadurch nicht Freude, sondern Traurigkeit. Aber man wird doch bei dem Volk, welches Gott groß macht, an die Gottesgemeinde selbst denken müssen. Darum geben ich folgende Auslegung: wie der Prophet soeben die bevorstehende Wohltat der Erlösung als herrlicher beschrieb, wie alle früheren Befreiungen, obgleich sie wegen der geringen Zahl der schließlich Geretteten gar nicht besonders preiswürdig schien, so wiederholt er jetzt einen ähnlichen Vergleich. Die für die Zukunft bevorstehende Gottesgnade soll herrlicher sein, als einst, da Gott des Volkes viel machte. Dies scheint zunächst unbegreiflich. Denn wenn jemand den Zustand des jüdischen Reichs vor der babylonischen Gefangenschaft mit demjenigen nach der Rückkehr vergleicht, so scheint die Blüte des Volks in der früheren Zeit, da es unversehrt in seinem Erbe wohnte, viel größer gewesen zu sein. Denn die Reste, die zurückkehrten, waren im Vergleich mit der einst in die Gefangenschaft geführten Menge sehr spärlich. Dazu wohnten sie nicht einmal als freie Leute in ihrem Eigentum, sondern besaßen das Land wie leihweise: sie mussten den Persern Tribut entrichten und hatten nicht einmal den Schein ihrer früheren Würde behalten. Wer hätte also nicht das glänzende Königtum, wie es in Davids Hause sich fortpflanzte, diesem Zustand vorziehen sollen? Aber wie sehr auch der spätere Zustand geringer und sogar jämmerlicher erschien, so erklärt der Prophet doch, dass man ihn jenem glänzenden und großartigen Zustande vorziehen müsse: es werde darin eine größere Freude walten, als da man Überfluss an Reichtum und allem Vermögen hatte. Dies hat auch Haggai bezeugt (2, 9): „Es soll die Herrlichkeit dieses letzten Hauses größer werden, denn des ersten gewesen ist.“ Und doch sprach der Schein ganz dagegen. Jesaja will also sagen: Zuvor, da Gott eine größere Volksmenge gab, war die Freude doch nicht größer. Sind wir auch jetzt nur wenig und gering an Zahl, so hast du, Herr, uns doch in dem Lichte, in dem du uns aufgingst, so fröhlich gemacht, dass die Freude unseres gegenwärtigen Zustandes mit der früheren gar nicht verglichen werden kann. Denn diese Erlösung aus der Gefangenschaft war wie ein Vorspiel des endlich in Christo offenbarten völligen und vollendeten Heils.

Vor dir wird man sich freuen. Damit beschreibt der Prophet eine nicht bloß oberflächliche und vorübergehende, sondern wahre und echte Freude. Denn oft sind die Menschen ausgelassen, aber in trügerischer und eitler Lust, in deren Gefolge sich Trauer und Tränen einstellen. Die Wurzeln der hier beschriebenen Freude aber sollen tiefer eingesenkt sein, sodass sie niemals fallen und wanken kann. Darauf deuten auch die Worte „vor dir.“ Denn nichts anderes macht die Frommen fröhlich, als dass ihnen Gottes freundliches Angesicht leuchtet. Sie lassen sich auch nicht wie Weltmenschen durch blinde und unstete Lust umtreiben, sondern der einzige Grund ihrer Freude ist, dass sie in Gottes Vatergunst ausruhen dürfen. Vielleicht wollte der Prophet an die Worte anspielen, die wir öfter bei Mose lesen (3. Mos. 23, 40; 5. Mos. 12, 12): „Ihr sollt fröhlich sein vor dem Herrn, eurem Gott.“ Denn wenn auch dort an die Stiftshütte erinnert wird, so lässt sich diese Freude doch passend auf den vorliegenden Fall übertragen: die Freude des Volks soll keine unheilige sein, sondern darin bestehen, dass es seinen Gott erkennt und mit den Augen des Glaubens den Urheber des Heils anschaut. Andere geben die überfeine Erklärung, dass die Gläubigen in ihrem Gemüt sich inwendig vor Gott freuen, da in der Welt beständige Schmerzen und Seufzer ihrer warten. So wahr dies an sich ist, so ergibt sich doch hier aus dem Zusammenhange ein einfacherer Sinn: die Gläubigen, welche die Erlösung erfahren, werden sich in wahrer Freude erquicken. Denn sie haben einen deutlichen Beweis dafür empfangen, dass Gott ihr Vater ist; so können sie in voller Sicherheit rühmen, dass sie unter seiner Hand stets unversehrt bleiben werden. Es wird also, wie ich schon sagte, an die Beständigkeit dieser Freude erinnert. Die hinzugefügten Gleichnisse von der Ernte und vom Sieg, welche die Freude in ein besonders helles Licht rücken sollen, sind ohne weiteres deutlich. So sehen wir hier, was uns Christus bringt: wirkliche und reine Freude, die uns auf keine Weise erschüttert oder entrissen werden kann, auch wenn mancherlei Stürme und Ungewitter sich erheben und allerlei Angst uns drückt. Mögen wir klein und schwach sein, so dürfen wir doch heiteren und frohen Mut beweisen; denn unsere Freude gründet sich nicht auf Zahl, Vermögen oder äußeren Glanz, sondern auf das innere Glück des Geistes, das wir durch Christi Wort gewinnen.

V. 3. Denn du hast das Joch ihrer Last usw. Hier wird der Grund der Freude genannt: die Gläubigen fühlten sich wie aus dem Tode gerissen, da sie aus harter und grausamer Tyrannei befreit wurden. Um Gottes Gnade in helles Licht zu setzen, ruft der Prophet den Juden ins Gedächtnis, welch unwürdige Knechtschaft schwer auf ihnen lastete und sie zu Boden drückte. Darum die Fülle der Worte: das Joch ihrer Last, die Rute ihrer Schulter, der Stecken des Treibers. Denn wenn wir auch unter dem Schmerz gegenwärtiger Leiden nur zu empfindlich und weichlich sind, so pflegen wir doch leicht alles zu vergessen, sobald wir nur entronnen sind. Damit also das erlöste Volk Gottes Gnade nicht gering achte, will der Prophet, dass man bedenke, wie herbe und schmerzensreich die Knechtschaft war, da man unter ein schweres Joch gebeugt seufzte. Die Erlösung musste mit Recht umso erfreulicher empfunden werden, als der Stecken auf Israels Schulter gebunden war und eine tyrannische Herrschaft das Volk drückte. Noch ein anderer Umstand lässt die Gnade in hellem Licht erscheinen: Gottes Hand streckte sich offensichtlich vom Himmel aus. Darum erinnert der Prophet an das alte bemerkenswerte Beispiel (Richt. 7, 22), da Gott zur Zeit Midians die Feinde in wunderbarer und unglaublicher Weise ohne Menschenhilfe niedergeschlagen hatte. So werde er auch jetzt ein ähnliches, handgreifliches Zeichen seiner Macht geben und sein Volk ohne fremden Beistand von der grausamen Tyrannei befreien, zu einer Zeit, da von den elenden Juden niemand einen Finger zu rühren wagt. Wir erinnern uns dabei, dass Gott den Menschen oft durch die gewöhnlichen Mittel hilft, dass er aber zuweilen auch seine Hand und Kraft unverhüllt zeigt und durch offenbare Wunder seine Hilfe schafft. So ließ sich in diesem Siege Gideons, da die Feinde ohne Menschenhilfe vertilgt wurden, Gottes Arm offen sehen. Denn was hatte Gideon außer dem Lärm der Posaunen, mit welchen sich kaum Mäuse vertreiben lassen? Es stand eine handvoll Menschen gegen ein ungeheures Heer, gegen Waffen ein hohles Schreckmittel. Damit wird die künftige Erlösung des Volks verglichen, in welcher sich nicht minder Gottes Hand entblößt und herrlich zeigen soll. Manche Ausleger deuten unsere Stelle kurzweg auf das Gesetz, welches man mit gutem Grunde als ein lastendes Joch und den Stecken des Treibers bezeichnen könne. Eine solche Deutung ist aber unzulässig: sie würde den Propheten zusammenhangslos reden lassen. Wir haben uns also der Mäßigung zu befleißigen, von der ich schon sprach, und lediglich zu sagen, dass Gott die Wohltat, die er seinem Volk durch die Befreiung aus dem babylonischen Gefängnis erwies, in Christo zu ihrem vollen Ziel brachte. Der Sinn ist also: du hast jene Lasten zerbrochen, durch welche dein Volk ungerecht und grausam bedrückt wurde. Fast alle jüdischen Ausleger deuten unsere Weissagung auf Hiskia und auf den Umstand, dass der Herr die Stadt von der Belagerung durch Sanherib befreite und dessen Heer vernichtete. Diese Auslegung stimmt aber nicht, da Hiskia kein tyrannisches Regiment über die Juden führte, und der Herr sein Volk damals nicht von der Knechtschaft, sondern von Furcht und Gefahr befreite.

V. 4. Denn alle Rüstung derer usw. Dass alle Kriegsgeräte verbrannt und mit Feuer verzehret werden sollen, ist auch ein Beweis dafür, dass der Prophet nicht allein an die Befreiung denkt, welche das Volk erlangte, da ihm Cyrus die Rückkehr in das Vaterland gewährte, sondern dass die Weissagung bis auf Christi Reich ausgedehnt werden muss.

V. 5. Denn uns ist ein Kind geboren. Nunmehr deutet Jesaja auf das letzte Ziel, um den Vorzug dieser Befreiung vor den übrigen Wohltaten Gottes deutlich zu machen: der Herr wird nicht nur das Volk aus der Gefangenschaft zurückführen, sondern auch Christum auf seinen königlichen Stuhl setzen, unter welchem das höchste Glück Bestand gewinnen soll. So empfangen wir eine Erinnerung, dass Gottes Gnade nicht nur eine zeitliche ist: denn die Weissagung schließt auch die gesamte Zwischenzeit in sich, in welcher die Gottesgemeinde bis zur Ankunft Christi behütet ward. Wir dürfen uns auch nicht wundern, dass der Prophet von der Rückkehr des alttestamentlichen Volks alsbald auf die völlige Wiederherstellung der Gemeinde überspringt, die doch erst viele Jahrhunderte später stattfand. Denn wir sagten schon früher (zu 7, 14), dass alle Verheißungen Gottes sich auf den Mittler gründen, in welchem allein er uns gnädig ist, und dass es darum den Propheten ganz geläufig ist, dieses Unterpfand des Heils in den Vordergrund zu rücken, wenn sie die Herzen der Gläubigen zu guter Hoffnung aufrichten wollen. Dazu kommt, dass die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft der Anfang jener Erneuerung der Gottesgemeinde war, welche endlich durch die Erscheinung Christi sich vollendete, sodass dieser ununterbrochene Zusammenhang jeden Anstoß beseitigt. Darum lehrt Jesaja mit Recht, dass man nicht bei der gegenwärtigen Wohltat hängen bleiben, sondern auf das letzte Ziel schauen und auf dieses alles beziehen soll. Dies, so ruft er den Juden zu, ist euer höchstes Glück, dass ihr aus dem Tode gerissen seid, nicht bloß um im Lande Kanaan zu leben, sondern um zu Gottes Reich zu gelangen. Wir werden dadurch erinnert, dass man Gottes Wohltaten nicht einfach herunterschlucken darf, um sie alsbald zu vergessen: wir sollen vielmehr unsere Gedanken zu Christo erheben; andernfalls werden wir nur geringe Frucht und leere Freude haben. Denn Gottes Wohltaten führen uns nur dann zum süßen Geschmack seiner Vaterliebe, wenn wir dabei an seine freie Gnade denken, die in Christo bekräftigt wird. Endlich will der Prophet das Volk nicht bei der Freude über die äußere und vergängliche Freiheit festhalten, die es gewann, sondern auf das Ziel richten, auf die Bewahrung der Gottesgemeinde, bis dann endlich Christus als der einige Erlöser aller Menschen erschien. Er muss ja Grund und Fülle aller unserer Freude sein.

Ein Sohn ist uns gegeben. Die Juden verdrehen diese Stelle in unverschämter Weise und deuten sie auf Hiskia. Dieser aber war längst geboren, als unsere Weissagung erging, und der Prophet redet doch von einer neuen, unerwarteten Tatsache. Seine Verheißung soll die Gläubigen zur Hoffnung auf eine zukünftige Gabe erwecken. Der Knabe, der uns vor Augen gestellt wird, soll ohne Zweifel erst geboren werden. Indem er schlechthin als „der Sohn“ bezeichnet wird, sehen wir auch, dass es sich um den Sohn Gottes handelt. Diese ausgezeichnete Benennung unterscheidet ihn von dem übrigen Menschengeschlecht. Ohne Zweifel blickt Jesaja auf jenen feierlichen in aller Mund befindlichen Gottesspruch zurück (2. Sam. 7, 14): „Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.“ Dieser Spruch wird auch im Psalm wiederholt (2, 7): „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeuget.“ Wäre es nicht allgemein bekannt und geläufig gewesen, dass der Messias Gottes Sohn sein solle, so hätte es keinen Sinn, dass ihn Jesaja kurzweg als den Sohn bezeichnet. Diese erhabene Benennung ergibt sich aus der früheren Weissagung, wie denn auch der Apostel daraus folgert (Hebr. 1, 4f.), dass Christus über alle Engel erhaben ist. Erschien auch Christus in der Gestalt eines Knaben ohne sonderliche Bedeutung, so beschreibt der Titel des Sohnes nun seine Würde. Übrigens will ich nicht leugnen, dass er auch Davids Sohn genannt werden kann; hier aber wird der Titel wohl besser in Beziehung auf Gott gesetzt. Alle folgenden Benennungen passen nun noch viel weniger auf Hiskia. Was die Juden hierüber sagen, hat keinen Halt. Von besonderem Gewicht ist dagegen der Ausdruck des Propheten, dass der Sohn „uns“, d. h. dem Volk, gegeben wird. Daraus sollen die Juden entnehmen, dass in der Person Christi ihr und der ganzen Gemeinde Heil beschlossen liegt. Diese Schenkung gehört zu den wichtigsten Hauptstücken unseres Glaubens: denn zu wissen, dass Christus geboren ist, würde uns wenig nützen, wenn er nicht auch uns gegeben wäre. Was nun dieser Sohn sein und wirken wird, erläutern die folgenden Aussagen.

Die Herrschaft ist auf seiner Schulter. Diese Worte auf das Kreuz zu deuten, das Christus, da er über den Fürsten dieser Welt triumphierte, auf dem Rücken trug, ist läppisch. Viel näher liegt eine Erläuterung durch die andere Aussage (Jes. 22, 22), dass der Schlüssel des Hauses David auf die Schulter Eljakims gelegt ward, d. h. dass ihm eine Herrscherstellung zuteil wurde. Dabei mögen wir einen Gegensatz zwischen den Zeilen lesen: gegen den Stab, von welchem soeben die Rede war (V. 3), mit welchem Gewaltherrscher das gefangene Volk drückten, stellt sich die Herrschaft, die der Erlöser auf seinen Schultern trägt. Damit drückt der Prophet aus, dass der Messias ganz anders regieren wird als träge Könige, die sich um keine Geschäfte kümmern und der Muße pflegen: er wird fähig sein, eine Last zu tragen. Zum Ruhme der Majestät und Herrlichkeit seines Regiments wird es gesagt, dass er sich durch eigene Tüchtigkeit Ansehen erworben hat: er wird seine Aufgaben nicht nur mit den Fingerspitzen anrühren, sondern mit voller Kraft angreifen.

Und er heißt usw. Buchstäblich lauten diese Worte: Er nennt seinen Namen, was natürlich bedeutet: man nennt seinen Namen. Die Juden aber beziehen dies auf Gott und lesen dann in einem Zusammenhange: Es nennt seinen Namen der Wunderbare, der Rat, der starke Gott usw. Aber man sieht sofort, dass diese Auslegung nur erdacht ist, um Christi Herrlichkeit zu verdunkeln. Man würde die uns Christen geläufige Übersetzung als glatt und sachgemäß annehmen, wenn man es nicht darauf ablegte, Christum seiner Gottheit zu berauben. Denn welchen Sinn soll es haben, auf Gott eine solche Fülle von Titeln zu häufen, wenn der Prophet lediglich sagen will, dass er dem Messias irgendeinen Namen gegeben habe?

Wunderbar usw. Diese Titel werden dem Messias nicht zufällig gegeben, sondern passen genau auf die gegenwärtige Lage. Der Prophet lehrt darin, wie sich Christus gegen die Gläubigen beweisen wird. Er handelt aber nicht von seinem verborgenen Wesen, sondern rühmt seine Tugenden, die wir durch den Glauben erfahren. Dies wollen wir uns umso eifriger einprägen, als die meisten Menschen mit dem bloßen Namen Christi sich zufrieden geben, auf seine Kraft und Wirkung aber nicht achten, auf die es doch vornehmlich ankommt. Die erste Benennung will die Herzen der Frommen zu besonderer Aufmerksamkeit erwecken, damit sie von Christo etwas Wunderbares erwarten, was über den gewöhnlichen Lauf der Werke Gottes hinausgeht. Es wird gesagt, dass in Christo ein unschätzbarer Reichtum wunderbarer Dinge verborgen liegt. Sicherlich ist die durch ihn vollbrachte Erlösung mehr wert, als selbst die Schöpfung. Gottes Gnade, die uns in Christo erschlossen werden soll, geht über alle Wunder. Dass der Erlöser des Weiteren als Rat bezeichnet wird, will besagen, dass er mit jeglicher Weisheit ausgerüstet sein soll. Ich erinnere dabei noch einmal, dass der Prophet hier nicht von Christi verborgenem Wesen handelt, sondern von seiner Kraft, die er an uns offenbart. Ein Ratgeber heißt er also nicht darum, weil er alle Geheimnisse des Vaters weiß, sondern vielmehr, weil er aus seinem Schoß gekommen ist und alle Aufgaben des besten und vollkommensten Lehrers erfüllt. So werden wir durch diesen rühmlichen Titel erinnert, dass wir keine andere Klugheit haben dürfen, als die wir aus Christi Evangelium schöpfen. Darin ist, wie Paulus des Öfteren zeigt, Gottes vollkommene Weisheit enthalten. In diesem Evangelium erschließt Christus alle zum Heil notwendige Erkenntnis in solch vertrauter Weise, dass er nunmehr seine Jünger nicht mehr als Knechte, sondern als Freunde anredet (Joh. 15, 15).

Starker Gott usw. Der hier gebrauchte hebräische Gottesname bezeichnet Gott nach seiner Kraft. Dass es sich aber um einen wirklichen Gottesnamen handelt zeigt das beigefügte Eigenschaftswort, welches diesen Gott als stark bezeichnet. Sicherlich wäre es Unrecht, sich Christi zu rühmen, wenn er nicht Gott wäre. Denn es steht geschrieben (Jer. 17, 5): „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt.“ Es muss uns also in Christo Gottes Majestät begegnen, und auf ihm muss sie sich niederlassen: denn einer Kreatur diese Majestät zuzuschreiben, wäre ein Raub an Gott. In demselben Sinne wird also der Messias „starker Gott“ genannt, wie er zuvor Immanuel hieß. Denn wenn wir in Christo nur das Fleisch und die Natur eines Menschen finden würden, müsste unser Rühmen sündhaft und eitel, die Stütze unserer Hoffnung gebrechlich und schwach sein. Aber wenn er sich uns als Gott, und zwar als starker Gott darbietet, werden wir sicher in ihm ausruhen dürfen. Mit gutem Grund wird ihm Stärke zugeschrieben: denn wir haben mit mächtigen und starken Feinden zu kämpfen, mit Teufel, Tod und Sünde. Wir würden sofort von ihnen besiegt werden, wären wir nicht mit Christi unbesieglicher Stärke gerüstet. So lehrt uns dieser Titel, dass Christus hinreichend Macht hat, unser Heil zu schützen, sodass wir außer ihm nichts zu begehren brauchen. Er ist Gott, der sich uns zugute stark beweisen will.

Ewig – Vater. So heißt der Erlöser nicht bloß, weil er den Seinen das ewige Leben in himmlischer Unsterblichkeit schenken wird, sondern auch weil er die Gläubigen in dieser Welt aus dem Tode ins Leben führt. Wir haben also auch an den bleibenden Bestand der Gottesgemeinde zu denken. „Vater“ heißt Christus als deren Schöpfer: denn er breitet seine Gemeinde durch alle Zeiten aus und beschenkt den ganzen Leib wie auch die einzelnen Glieder mit Unsterblichkeit. Wir ziehen daraus den Schluss, dass ohne Zusammenhang mit Christus unser Zustand ein durchaus hinfälliger sein muss. Denn mögen wir ein noch so langes Leben haben, ewig kann es nicht währen, wenn es nur die gewöhnliche Menschenart an sich trägt. Wir müssen also das Herz zu dem seligen und ewigen Leben erheben, das wir noch nicht sehen, aber in der Hoffnung und im Glauben besitzen.

Friedefürst. Dieser letzte Titel will besagen, dass Christi Ankunft ein volles und bleibendes Glück, einen sicheren und erfreulichen Zustand herbeiführen werde. Denn „Friede“ bedeutet bei den Hebräern einen befriedigenden Zustand. Denn von allen Gütern ist nichts besser und erwünschter als Friede. Alles in allem: wer sich unter Christi Herrschaft beugt, soll unter seiner Obhut ein ruhiges und glückliches Leben führen. Daraus folgt, dass ohne diesen König unser Leben elend und unruhig ist. Wir haben aber die Art dieses Friedens noch genauer zu erwägen: sie entspricht dem Wesen des Reiches Christi. Denn dieser Friede hat seinen Sitz vornehmlich im Gewissen: ohne ihn müssten wir fortwährend zweifeln und uns in täglichen Kämpfen ermüden. Darum wird nicht bloß ein äußerer Friede verheißen, sondern ein solcher, der uns in Gottes Gnade zurückführt, nachdem wir zuvor dem Herrn entfremdet waren. Paulus sagt (Röm. 5, 1): „Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott.“ Und nachdem Christus unser Gemüt stille gemacht hat, wird dieser geistliche Friede die Oberhand in unserm Herzen behalten, sodass wir alle Widrigkeiten geduldig tragen können. Endlich wird aus demselben Punkt auch äußeres Glück fließen, das nichts anderes ist, als eine Folge des Segens Gottes.

Wollen wir diese Lehre uns zunutze machen, so oft Unglaube uns anwandelt, alle Ausgänge geschlossen und alle Verhältnisse verwirrt scheinen, so müssen wir bedenken, dass unser Herr Christus „Wunderbar“ heißt, weil er unglaubliche Weisen hat zu helfen und sein Vermögen weit über unsre Gedanken geht. Wenn Rat uns fehlt, wollen wir bedenken, dass er unser „Rat“ ist. Gehen uns die Kräfte aus, so wollen wir an seine Macht und Stärke denken. Wenn in jedem Augenblick neue und unerwartete Schrecknisse auftauchen und tausendfacher Tod uns umgibt, wollen wir in ihm, dem „Ewig-Vater“ ausruhen und mit diesem Trost alle zeitliche Mühsal lindern. Wenn allerlei Stürme uns innerlich umtreiben und der Satan versucht, unsre Gewissen zu verwirren, so wollen wir gedenken, dass Christus der Friedefürst ist, der mit leichter Mühe alle unsre Unruhe stillen kann. So sollen diese Titel uns mehr und mehr im Glauben an Christus stärken und wider den Satan und die Hölle wappnen.

V. 6. Auf dass seine Herrschaft groß werde usw. Wenn Christus soeben der Friedefürst hieß, so wird dies jetzt erläutert und bekräftigt. Es wird gesagt, dass seine Herrschaft durch alle Zeiten währen soll, sodass weder sein Reich noch sein Friede ein Ende hat. Diese Weissagung hat auch Daniel (7, 27) wiederholt. Auch Gabriel spielte auf sie an, als er der Jungfrau Maria seine Botschaft brachte, ja, er gibt recht eigentlich eine Auslegung unserer Stelle, die von keinem andern als von Christo gedeutet werden darf (Lk. 1, 33): „Er wird ein König sein über das Haus Jakob ewiglich, und seines Königreichs wird kein Ende sein.“ Auch die größten Reiche dieser Welt stehen auf schlüpfrigem Grunde, und wir sehen, dass unvermutete Umwälzungen sie plötzlich zu Fall bringen. Diese Veränderlichkeit und Wandelbarkeit aller Königreiche unter dem Himmel lehrt uns die Geschichte und die tägliche Erfahrung. Nur diese eine Herrschaft ist unveränderlich und ewig. Diese ihre Herrlichkeit, von welcher Jesaja nun handelt, begreift zwei Stücke in sich. Das eine bezieht sich auf die Zeit, das andere auf die Beschaffenheit. Ist die Lage des Reiches Christi auch derartig, dass es in jedem Augenblick scheint, als wolle es zugrunde gehen, so schützt und verteidigt es doch Gott nicht nur, sondern erweitert auch seine Grenzen in die Länge und Breite. Sodann dehnt er es durch die Zeiten aus und lässt es in ununterbrochener Reihe bis in die Ewigkeit währen. Dies wollen wir uns fleißig einprägen, damit nicht die häufigen Erschütterungen der Kirche unsern Glauben wankend machen: hören wir doch, dass Christi Reich durch Gottes unbesiegliche Kraft unter dem wütenden Toben, ja unter den Angriffen der Feinde fest steht, sodass es wider den Willen und Widerstand der ganzen Welt durch alle Jahrhunderte währt. Denn wir dürfen uns über seine Festigkeit ein Urteil nicht nach dem gegenwärtigen Schein, sondern nur auf Grund der Verheißung bilden, die uns über seinen Bestand und über sein Wachstum gewiss macht. Aber nicht nur Christi Herrschaft, sondern auch sein Friede soll in Ewigkeit währen: eines lässt sich vom andern nicht trennen, Christus kann nur in der Weise seine Herrschaft üben, dass er die Seinen in sicherer und seliger Ruhe erhält und mit allem Segen überschüttet. Weil sie aber täglich zahllosen Umtrieben ausgesetzt sind, schwere Unruhen zu ertragen haben, durch Furcht und Sorge hin und her geworfen und gequält werden, so gilt es, diesen Frieden Christi zu ergreifen, der die Oberhand in den Herzen gewinnt, sodass sie unverletzt, ja völlig ruhig bleiben, wenn auch die ganze Welt zusammenbricht.

Auf dem Stuhl Davids. Weil dem David verheißen war, dass aus seinem Samen der Erlöser kommen solle, und sein Reich nichts anderes war als ein Abbild und geringer Schatten des vollkommeneren und völlig glücklichen Zustandes, den Gott durch die Hand seines Sohnes aufrichten wollte, darum pflegen die Propheten Christum als Davids Sohn zu bezeichnen, um die Aufmerksamkeit des Volkes auf jenen herrlichen und wunderbaren Zustand zu richten. Denn wenn auch der Name eines so heiligen und trefflichen Königs mit Recht teuer und wert gehalten wurde, so war den Gläubigen doch noch von höherem Wert die verheißene Erneuerung zum vollen Heil. Die hierauf zielenden Verheißungen hafteten auch den Rohesten im Gedächtnis und fanden ungezweifelten Glauben. Ich will nicht die vielen Zeugnisse aufzählen, in welchen die Propheten dem bedrängten Volk eine Erneuerung durch David persönlich oder durch Davids Sohn versprechen. Denn zuweilen verkündigen sie, dass David, der längst gestorben war, König sein solle. So gibt Jesaja an unserer Stelle zu verstehen, dass er nichts Neues vorbringt, sondern nur ins Gedächtnis zurückruft, was Gott früher über den bleibenden Bestand des Reichs verheißen hatte. Man kann hier auch zwischen den Zeilen lesen, was Amos (9, 11) deutlicher ausspricht, dass für Christus der Thron, der eine Zeitlang umgestürzt sein sollte, wieder aufgerichtet wird. Der Prophet beschreibt auch die Art des Reiches Christi, allerdings mit einer Gleichnisrede, die von irdischen Königreichen abgelesen ist. Christus als König soll sein Reich zurichten und stärken mit Gericht und Gerechtigkeit. Denn unter einem solchen Regiment nehmen irdische Reiche einen glücklichen Aufschwung und schlagen feste Wurzeln. Wenn sie dagegen nur durch Furcht und Gewalt regiert werden, können sie nicht von Dauer sein. Weil also die beste Hüterin von Königreichen und Fürstentümern die Gerechtigkeit ist und an ihr das Glück des ganzen Volkes hängt, will Jesaja durch diese Bemerkung sagen, Christi Reich werde das Musterbeispiel eines trefflichen Regiments bieten. Es hat aber hier Gericht und Gerechtigkeit mit der äußeren Staatsordnung nichts zu tun. Denn man soll auf den inneren Zusammenhang zwischen Christi Reich und seinen Eigenschaften achten. Da dieses Reich geistlich ist, wird es durch die Kraft des heiligen Geistes aufrechterhalten. Darum müssen alle diese Aussagen auf den inwendigen Menschen bezogen und darauf gedeutet werden, dass Gott uns zur wahren Gerechtigkeit wiederherstellt. Die äußere Gerechtigkeit folgt freilich nach: aber jene innere Erneuerung des Geistes und Herzens muss vorangehen. Wir gehören also nur dann Christo an, wenn wir nach dem Rechten und Guten streben und den Stempel der Gerechtigkeit in unserer Seele tragen, den er durch seinen heiligen Geist uns eingeprägt hat. Die beigefügten Worte: von nun an bis in Ewigkeit beziehen sich weniger auf die bleibende Dauer des Königreichs, als vielmehr der Gerechtigkeit und Lehre Christi. Wir sollen nicht meinen, dass seine Gesetze den Verordnungen von Königen und Fürsten gleichen, die nur für einige Jahre gelten, dann aber abgeändert und vergessen werden: ihre Kraft währt vielmehr in Ewigkeit. Denn sie sind in einer solchen Weise festgesetzt, dass wir, mit Zacharias zu reden (Lk. 1, 74 f.), in Heiligkeit und Gerechtigkeit unser Leben lang dem Herrn dienen sollen. Wie Christi Reich ewig ist, weil er nicht stirbt, so muss auch seine Gerechtigkeit und sein Gericht in alle Zukunft währen und kann zu keiner Zeit geändert werden.

Solches wir tun usw. Unter dem Eifer des Herrn Zebaoth ist seine brennende Liebe zu verstehen, die er in der Erhaltung seiner Gemeinde offenbaren wird, da er alle Schwierigkeiten und Hindernisse durchbricht, die sich ihrer Erlösung entgegenstellen. Wenn wir etwas Schwieriges angreifen, pflegt ein kräftiger Vorsatz und Eifer die Hindernisse zu überwinden, die sich unseren Versuchen entgegenstellen. In dieser Weise beschreibt Jesaja auch den Herrn, wie er von seltenem und einzigem Eifer entzündet ist, seine Gemeinde zu retten. Wenn also die Gläubigen mit ihrem Geist nicht ermessen können, was der Herr verheißen hat, sollen sie doch die gute Hoffnung nicht aufgeben, obgleich seine Weise wunderbar und erstaunlich ist. Endlich will der Prophet auch dies sagen, dass der Herr nicht mit sanftem und weichem Arm kommen wird, seine Gemeinde zu erlösen: er wird vielmehr ganz und gar von unvergleichlicher Liebe zu den Gläubigen und von Fürsorge für ihr Heil brennen.

V. 7. Der Herr hat ein Wort gesandt usw. Hier wird eine neue Weissagung aufgezeichnet. Denn ich halte diese Rede für verschieden von der vorigen, weil der Prophet schon wieder von dem künftigen Zustand des Reiches Israel handelt, welches damals den Juden feindlich war. Wir wissen, dass die Mittel und die Macht dieses Reiches die Juden mit gutem Grunde schreckten, zumal es das Bündnis mit den Syrern eingegangen war: sah man doch, dass man nicht hinreichende Kraft zum Widerstand besaß. Um also die Frommen zu trösten, zeigt der Prophet den künftigen Zustand des Reiches Israel. Jakob und Israel bedeutet dasselbe. Aber der Wechsel im Ausdruck hat den passenden Sinn, dass die Gottlosen mit allen Ausflüchten vergeblich versuchen werden, Gottes Gericht von sich abzulenken. Der Prophet spielt an die Rede der Leute an, welche mit Scherzworten sich aus der Schlinge ziehen und die Weissagungen auf einen andern Gegenstand ablenken wollen, - gleichwie ein Mensch versucht, mit dem Hauch seines Mundes den Sturm zurückzutreiben. Die Rede ist ironisch und will etwa besagen: Nach eurer Meinung soll andere treffen, was der Herr euch angekündigt hat; aber alle die Drohungen, die er gegen Jakob ausstieß, werden auf Israel fallen. Denn dass der Herr sein Wort „gesandt“ hat, will besagen, dass er es für Jakob bestimmte. So musste denn dies Wort daselbst Fuß fassen und sich niederlassen, da es nicht ohne Wirkung verschwinden kann. So hören wir schon hier, was der Prophet später (55, 11) mit anderen Worten ausspricht: „Mein Wort soll nicht wieder zu mir leer kommen“: was der Herr einmal beschlossen hat, wird durch sein Wort kräftig angekündigt. Denn dass das Wort gefallen ist, deutet auf seinen sicheren Erfolg und seine Durchführung. Der Prophet will sagen, dass er diese Dinge sich nicht einbildet oder in seinem Geiste ahnt, sondern dass der Gott geredet hat, der nicht lügen und andern Sinnes werden kann. Dass (V. 8) alles Volk es innewerden soll, deute ich nicht auf die Juden, sondern auf die Angehörigen des Reiches Israel. Hebt doch der Prophet jeden Zweifel, indem er ausdrücklich auf Ephraim deutet. Er fügt auch Samaria hinzu, die Hauptstadt jenes Volks oder der zehn Stämme. Denn befestigte Städte pflegen sich besonders hochfahrend zu gebärden, weil sie sich über jede Gefahr erhaben wähnen. Sie glauben sich immer noch helfen zu können, indem sie mit dem Feinde Frieden schließen, wenn auch die ganze Umgegend verwüstet ist. Darum verkündet Jesaja, dass gerade die Hauptstadt von der allgemeinen Niederlage durchaus nicht verschont bleiben solle. Jedermann so spüren, dass die Weissagungen, die aus Gottes Munde gingen, nicht vergeblich waren. Dass man dies innewerden soll, deutet auf die eigenste Erfahrung. Der Prophet spottet damit über den Unglauben und will etwa sagen: Da ich tauben Ohren predige und ihr meine gegenwärtige Voraussage für nichts achtet, werdet ihr durch die Sache selbst belehrt werden, freilich zu spät.

Die da sagen usw. Jetzt fährt der Prophet gegen die Verstockung und Widerspenstigkeit jenes Volkes los: dasselbe hatte immer wieder scharfe Züchtigungen durch Gottes Ruten erfahren und war doch von einer Umkehr noch so weit entfernt, dass es in seiner Verhärtung den Schaden sogar als Gewinn einschätzte. Sicherlich werden Leute, die so frech ihres Gottes spotten, nur durch gänzliche Zerreibung zum Gehorsam gezwungen. Ihr hochmütiger Selbstruhm provoziert wie geflissentlich den Zorn Gottes. Darum sagt der Prophet, dass sie in Hochmut und stolzem Sinn reden. So folgt, dass für den groben Klotz ein grober Keil bereitet werden muss.

V. 9. Ziegelsteine sind gefallen usw. Dies sind die Worte hochmütiger Leute, welche die empfangene Niederlage leicht nehmen, als hätten sie noch Gewinn davon und eine Gelegenheit, ihre Häuser und Felder glänzender zu schmücken. Sie sagen: Kostbarer wollen wir wieder aufbauen; nur darum sind die Häuser aus Ziegelstein umgestürzt worden, damit wir nachher in glänzenden Palästen wohnen können. Auch für die abgehauenen Bäume wollen wir fruchtbarere pflanzen. An diesem Fehler litt nicht nur die damalige Zeit: auch heute sehen wir die Welt von gleicher Verstocktheit erfüllt. Wie viele Leiden sind in den letzten dreißig bis vierzig Jahren über Europa gegangen! Wie viele Geißeln sollten es zur Buße aufwecken! Und doch zeigt sich keine Frucht so vieler Züchtigungen. Es mehrt sich im Gegenteil mit jedem Tage das üppige Leben, die Begierden werden angefacht, die Menschen fahren mit größerer Frechheit als je in ihren Lastern und Schandtaten fort. Ja jede neue Niederlage scheint sie noch mehr zu verschwenderischem und prunkhaftem Leben zu reizen. Was anderes haben wir also zu erwarten, als dass wir durch noch schwerere Strafen aufgerieben werden?

V. 10. Der Herr wird Rezins Feinde wider ihn erhöhen. Da die Israeliten durch den Bund mit dem König von Syrien geschwollen waren und glaubten, dass alles ihnen nach Wunsch gehen müsse, kündigt Jesaja eine unerwartete Änderung an, die ihnen alle Hoffnung nehmen und ihre Pläne gänzlich umstürzen soll. Denn es wurden darauf die Assyrer erweckt, welche die Syrer bekriegten. So wurde Rezin getötet und es trat im Zustand des Landes eine völlige Änderung ein. Auf alle diese Vorgänge deutet auch die Aussage, dass sich Israels Feinde zuhauf rotten werden. Der Herr wird also mancherlei Feinde sammeln und zusammenbringen und sie ausschicken, Syrien zu vernichten, wie denn jenes Heer, welches einem so umfassenden Reiche diente, aus verschiedenen Stämmen zusammengesetzt war.

V. 11. Die Syrer vorne her usw. Jetzt zeigt der Prophet, welche Art die Veränderung sein und was nach dem Tode des Rezin geschehen wird, der mit Israel wider Juda gegangen war: die Syrer sollen nach dem Tode ihres Königs plötzlich aus Bundesgenossen Feinde werden und Israel bekriegen, wie es denn auch geschah. Das will es besagen, dass die Syrer vorne her wider Israel stehen. Auf der anderen Seite erheben sich andere Feinde, die man zuvor als treue Freunde ansah. Aus diesem Beispiel können wir sehen, was es heißt, auf Menschenmacht und Bündnisse mit Königen trauen, namentlich wenn man sich in unerlaubte Verbindungen verwickelt und in seiner Sicherheit einschläft: sobald der Herr will, werden dieselben Leute, die zuvor mit uns waren, sich plötzlich zu unserem Verderben wider uns kehren; was wir als eine uns nützliche Hilfe ansahen, wird uns von vorn und von hinten drücken. Auch dies ist bemerkenswert, dass Gott nicht gleich am ersten Tage alle seine Geißeln verbraucht: vielmehr wenn wir in unserer Widerspenstigkeit fortfahren und ihn mehr und mehr reizen, wird er auch die Plagen vermehren und verdoppeln; er wird ganz neue Strafen über uns bringen, um endlich unsere Widerspenstigkeit und Verhärtung zu brechen. Dass die Feinde Israel fressen mit vollem Maul, will besagen, dass es ihnen ungehindert zur Beute dienen soll, und dass auf der einen Seite die Syrer, auf der andern die Philister es verschlingen werden.

In dem allen lässet sein Zorn noch nicht ab. Dies ist das Härteste von allem und muss die Gottlosen besonders schrecken, dass sie noch immer nicht loskommen, wie viel sie auch schon erlitten haben. Immer neue Strafen drohen ihnen, da sie in ihrer Frechheit beharren und den Zorn Gottes wider sich noch verschärfen. Denn die Menschen nehmen nur neuen Anlass zu widerspenstigen und gottlosem Gebaren daraus, dass sie einige Strafen erdulden mussten: nun glauben sie nichts mehr tragen zu müssen und verhärten sich desto mehr; sie wähnen keinem Gericht mehr zu unterliegen, weil der Herr alle Ruten verbraucht habe. So dünken sie sich von ihm befreit, lassen sich die Zügel schießen und schütteln jegliches Joch ab. Damit man also nicht glaube, schon entronnen zu sein, verkündigt Jesaja, dass die Hand des Herrn noch immer ausgereckt ist. Doch ist dies weniger eine Belehrung als eine Anklage. Immerhin zielen diese Drohungen auch darauf, dass man die Lehre begreife. Weil aber der Prophet mit ganz verstockten Menschen zu tun hatte, bei denen keine sanftere Züchtigung etwas ausrichtete, verkündet er, dass die Plagen noch kein Ende haben. Hat Gott auch eine Pause gemacht, so hört er doch nicht auf: seine Hand ist noch erhoben, um eine neue Wunde zu schlagen.

V. 12. So kehret sich das Volk auch nicht usw. Dies ist ein überaus schwerer Tadel: während der Herr uns nicht bloß mit Worten ermahnt, sondern auch tatsächlich antreibt und mit mannigfachen Plagen zwingt, verhärten wir uns doch und lassen uns nicht von unseren Schandtaten und bösen Lüsten abbringen. Dies ist ein Zeichen hoffnungsloser Schlechtigkeit: etwas Schwereres lässt sich überhaupt nicht sagen oder denken. Es ist schon ein schlimmes Übel, wenn die Menschen der Belehrung nicht folgen, sobald sie ihnen zuteil wird; noch schlimmer ist es, wenn sie durch Schelten sich nicht bewegen lassen, aber das allerschlimmste, wenn sie sich sogar gegen Strafen verhärten, dadurch nur aufsässiger werden und durch ihre Frechheit den Zorn des Richters vollends reizen. Sie bedenken nicht, wozu sie geschlagen wurden und wohin der Herr sie ruft. Wenn also keine Mittel mehr etwas ausrichten, was soll man dann urteilen, als dass die Krankheit unheilbar und ganz verzweifelt ist? Doch trifft dieser schwere Tadel nicht bloß die Israeliten, sondern auch uns. Denn schon hat der Herr den Erdkreis mit mancherlei Niederlagen gezüchtigt, sodass fast keiner seiner Teile von Plagen und Unglück frei bleiben konnte. Dennoch scheinen sich alle mit widerspenstigem Geist wider den Herrn verschworen zu haben, sodass sie, er mag tun was er will, sich selbst gleich bleiben und nicht aufhören, in ihrer Lasterbahn zu wandeln. Darum könnte der Herr mit gutem Grunde den gleichen Tadel an uns richten, und sicherlich sollen die Worte des Jesaja auch uns gelten: eine andere prophetische Ansprache, als eine solche, die uns neue Schläge verkündet, dürfen wir nicht erwarten. Denn unsere Sache ist von der Israels nicht verschieden, und wir tragen die gleiche Schuld. Der Prophet fügt auch erläuternd den Grund hinzu: und fragen nichts nach dem Herrn Zebaoth. Denn eben zu dem Zweck straft der Herr, um zurückzurufen, die ihm entflohen waren. Es scheint zwar, als triebe er die Menschen auf diese Weise vollends von sich: aber weil er seine eigene Weise hat, diejenigen aus dem Grabe wieder empor zu führen, die er zuvor mit Schlägen brechen wollte, so führt er mit seinem Schrecken die Sünder nur zur Demut, damit sie zu ihm zurückkehren. Sicherlich ist es der Anfang der Bekehrung und die einzige Regel eines guten Lebens, dass man nach dem Herrn frage. Wenn wir davon abweichen, werden wir weder den Himmel noch die Erde gewinnen. Es fragt sich aber, was es heißt, den Herrn suchen, und wie man ihn sucht. Die Heuchler tragen stets die Ausrede auf den Lippen, dass sie mit Beten, Fasten, Tränen und trauriger Haltung dem Herrn eifrig nahen, um Vergebung zu gewinnen. Gott aber will, dass man ihn in anderer Weise suche: der Sünder soll sich in Wahrheit beugen, das Joch, welches er abgeschüttelt hatte, gern auf sich nehmen und sich dem Herrn, den er verachtet hatte, zum Gehorsam weihen.

V. 13. Darum wird der Herr abhauen usw. Diese Worte besagen, dass Gottes Rache allumfassend sein und alle Stände treffen wird. Denn das ganze Volk war verderbt und die Ansteckung hatte derartig das ganze Land ergriffen, dass nichts mehr gesund und heil blieb. Obgleich aber die Gottlosigkeit überhand nimmt, schmeichelt sich doch ein jeder: es dünkt ihn eine sehr gute Hülle, dass er eben der großen Masse gleicht; den Vergleich mit andern nimmt man ohne weiteres als eine Entschuldigung. Dies ist der Grund, warum der Prophet allen insgemein jene Strafe ankündigt: niemand war von der allgemeinen Seuche frei. Unter dem Ast werden die vermögenderen und stärkeren Leute verstanden, unter den Zweiglein die schwächeren, die niedere und unvermögende Klasse. Es droht also Gottes Rache, welche weder Starke noch Schwache, weder Hohe noch Niedere schonen wird: denn kein Teil ist von der allgemeinen Seuche rein und frei. Was der Prophet bildlich von Kopf und Schwanz gesagt hatte, drückt er nun deutlicher und ohne Bild aus (V. 14): die vornehmen Leute und die herrschenden Stände sind der Kopf. Ihnen schließen sich die Propheten an, so falsch lehren, welche unter dem Schwanz verstanden werden. Merkwürdigerweise erklärt der Prophet nur den ersten Teil des vorigen Verses, nicht aber, was er unter Ast und Zweiglein versteht. Es lässt sich aber begreifen, warum er diese Erklärung übergeht, denn er wollte hauptsächlich diejenigen treffen, die schwerer sündigten und die anderen zur Sünde verführten, weil man um ihrer hervorragenden Stellung willen auf sie besonders sah. Die Propheten werden als der Schwanz bezeichnet, nicht etwa, wie manche Ausleger meinen, weil sie gering und unscheinbar gewesen wären, sondern weil sie als der äußerste Teil des Körpers dargestellt werden sollen. An der Stelle des Hauptes stehen die obrigkeitlichen Personen und Richter, weil sie die oberste Stelle einnehmen. Anstelle des Schwanzes stehen die falschen Propheten, da sie mit Trug und Heuchelei die Menschen täuschen und betrügen. Es ist, als wollte der Prophet die einen mit Löwen und Bären, die andern mit kleinen Füchsen vergleichen. Übrigens erinnert uns diese Stelle, dass wir nicht etwa auf unseren Lastern einschlafen dürfen, weil gottloses und nichtswürdiges Wesen alle Stände ergriffen hat und keine Gruppe rein und unversehrt geblieben ist. Denn je mehr die Laster überhand nehmen, desto mehr entzündet sich Gottes Zorn wider hoch und niedrig. Ganz gewiss sollen wir auch heute bei der Pest von allerlei Lastern fürchten, es möchte der Zorn Gottes, wenn er einmal entbrannt ist, oben und unten alles verzehren.

V. 15. Die Leiter dieses Volks sind Verführer. Die Leiter und Führer des Volks hätten die Pflicht gehabt, dasselbe in ehrbarer Zucht zu halten. Aber sie ließen Lastern und Schlechtigkeiten die Zügel schießen: darum werden sie mit Recht als Verführer und Verderber eingeschätzt. Denn von ihnen breitet sich die Verderbnis auf das ganze Volk aus, wie vom Haupt auf die Glieder. Obrigkeiten und Hirten werden aber eingesetzt, damit sie das zügellose Volk in Schranken halten, anordnen, was recht und gut ist, und vor allem Gottes Ehre schützen. Wenn sie diese Pflicht vernachlässigen, soll man sie eher als Verführer denn als Führer ansehen: denn von ihnen geht eine jämmerliche Verstörung aus. Wenn nun jedermann nach seiner Laune tut und niemand sich mäßigt, kann da das Ende anders als äußerst unglücklich sein? Wenn aber das Volk in dieser Weise wegen seiner Laster gestraft wird, so wird über die Führer eine nicht geringere Rache kommen, weil sie ihr anvertrautes Amt vernachlässigt haben und dadurch die Ursache des großen Unglücks geworden sind. Wenn dann der Prophet hinzufügt: die sich leiten lassen, sind verloren, so sieht man daraus freilich, welches Verderben gottlose und nach Laune regierende Fürsten über das Volk bringen, ebenso wie die Lehrer, die nicht den Weg des Heils zeigen, sondern irreleiten und betrügen und dadurch das Volk zugrunde richten, - zugleich aber wird erinnert, dass niemand eine Entschuldigung hat noch seine Verirrung auf die bösen Führer schieben darf, wie es oft zu geschehen pflegt. Denn wenn ein Blinder einen Blinden leitet, werden sie beide in die Grube fallen (Mt. 15, 14). Sicherlich werden auch nur solche Leute von gottlosen und treulosen Führern auf böse Wege gebracht, die sich gern und willig irreleiten lassen.

V. 16. Darum kann sich der Herr über ihre junge Mannschaft nicht freuen. Jetzt beschreibt der Prophet noch deutlicher, wie schrecklich die Rache Gottes über alle Stände ergehen soll. Die vor anderen schuldig sind, werden ihr durchaus nicht entgehen, wenn selbst Jünglinge, Kinder und Witwen nicht unverschont bleiben. Denn solche pflegen doch auch bei einer schrecklichen Verwüstung geschont zu werden, wie wir aus der Geschichte wissen, dass dies selbst bei den Heiden Sitte war, wenn sie eine Stadt eroberten. Der Herr dagegen verkündigt hier, dass er weder auf Geschlecht noch Alter Rücksicht nehmen werde. Damit man übrigens dem Herrn nicht Grausamkeit vorwerfe, zeigt der Prophet zugleich, dass er guten Grund zu einem strengen Verfahren hat, weil alle zu Verbrechern geworden sind und es verdienen, in gleicher Weise vernichtet zu werden.

Denn sie sind allzumal Heuchler. Dieses Wort, das wir als Heuchler übersetzen, bedeutet einen gottlosen, doppelzüngigen, treulosen und verbrecherischen Menschen. Es deutet auf den Mangel an wahrer Gottesfurcht, die Quelle alles Bösen. Dabei schwebt nicht nur eine oberflächliche Täuscherei vor, sondern eine tief innerliche, verächtliche Stimmung des Herzens gegen Gott, die das Gewissen stumpf und gegen jede Ermahnung unempfänglich macht. Der Prophet will also sagen, dass die Menschen tief in ihre Verkehrtheit versunken sind. Weil aber solche Gottlosigkeit, die das Herz ergriffen hat, Hände, Füße und alle anderen Glieder des Leibes nach sich zieht, fügt er hinzu, dass sie böse, d. h. verbrecherisch sind. Endlich macht die Frechheit solche Fortschritte, dass man seine Schandtaten schamlos rühmt. Dies meint der Satz: aller Mund redet Torheit. Denn dies letztere Wort hat bei den Hebräern einen weiteren Sinn (z. B. Ps. 14, 1) und begreift hässliche Nichtswürdigkeit und Verkehrtheit des Verstandes in sich. Der Prophet schildert also eine solche Versunkenheit, für welche man nicht erst fremde Zeugnisse zu suchen braucht, sondern die sich in der eigenen Sprache sofort verrät.

In dem allen lässet sein Zorn noch nicht ab. Dieser Satz wird hier wiederholt, denn es muss öfter eingeprägt werden, wie schwer Gottes Gerichte gegen die Sünder sind. Fasst man doch dergleichen nicht mit einem Male; schnell und leicht greift Vergesslichkeit Platz, wobei in Zukunft die Sorgfalt und Furcht schwindet. Zudem täuscht und verblendet uns der Irrtum, als erschöpfe sich Gottes Macht in einzelnen Straftaten. Darum ist nichts besser, als dass man sich den Grundsatz einpräge: so oft Gott uns züchtigt, droht er uns, falls wir nicht sofort umkehren, noch etwas Schärferes an. Und da der Prophet diese Mahnung wiederholt, soll sie auch uns immer wieder ins Gedächtnis kommen: Gottes Zorn ist noch immer nicht gestillt, wenn er die Sünden auch schon schwer genug gestraft zu haben scheint. Was sollen wir also denken, wenn er uns bisher nur leicht gezüchtigt hat? So haben wir heute zwar einige Strafen erduldet; aber was ist das gegen die schweren Niederlagen, die jenes Volk getroffen hatten, wobei doch Jesaja auf immer neue Züchtigungen deutet! Was wird also geschehen? Der Herr wird sicherlich in seinem Amt fortfahren und wird sich selbst stets gleich bleiben. Wen die Furcht davor nicht aufweckt, leidet an unerträglichem Stumpfsinn.

V. 17. Das gottlose Wesen ist angezündet wie Feuer. Der Prophet setzt den Gottlosen hart zu, die ja sich selbst zu entschuldigen und alles auf Gott zu schieben pflegen. Denn entweder wollen sie entschlüpfen und reden sich ein unschuldig zu sein, oder, wenn sie ja überführt sind, verkleinern sie ihre Schuld und erklären Gottes Strenge für übertrieben. Sicherlich geben sie nur gezwungen zu, dass Gottes Rache gerecht ist; und wenn sie sich etwa nicht offen zu entschuldigen wagen, murren sie doch innerlich. Um solche Anmaßung zurückzuweisen, vergleicht der Prophet das Unglück mit einer Feuersbrunst: das Material dazu liefert der Menschen Gottlosigkeit; Gottes Zorn zündet dieses Holz nur an. Es ist, als wollte er sagen: jedermann schreit und beklagt sich bitter, dass Gottes Zorn so heftig brennt; aber man bedenkt nicht, dass man ihn mit seiner eignen Sünde wie mit Fackeln anzündet und dass dieselbe Sünde auch den Brennstoff liefert, ja dass es eben das inwendige Feuer der eigenen Verbrechen ist, welches die Menschen verzehrt. Denn was der Prophet von den Dornen und Hecken schreibt, die verzehrt werden sollen, will besagen, dass das Feuer durch alle Teile Judas laufen soll. Ein doppelter Gedanke kommt zum Ausdruck: von Gottes Gericht geht die Strafe über die Verbrechen aus; die Schuld aber hat ihren Sitz in den Sündern selbst. Darum soll niemand mit Gott hadern, als verführe er zu grausam. Überaus passend ist die Steigerung im Vergleich: wissen wir doch, wie ein Feuer, das man unten an irgendeinem Gegenstande anlegt, allmählich Kraft gewinnt, mehr und mehr um sich greift und nach oben aufsteigt. So soll auch der Zorn Gottes sein: er wird nicht gleich am ersten Tage die Verbrecher ergreifen, sondern erst allmählich sich entzünden, bis er sich vollends über alles ausgießt. Denn im Anfang verfährt der Herr mäßig. Wenn er aber mit leichter Züchtigung nichts ausrichtet, mehrt und verdoppelt er die Strafen. Wenn er uns vollends widerspenstig findet, entbrennt er heftig, um uns von Grund aus zu vernichten und gleichsam das Waldesdickicht auszubrennen. Wir müssen, wie die Propheten anderwärts sagen, wie Stoppeln und Spreu sein, wenn einmal Gottes Zorn entbrannt ist.

V. 18. Im Zorn des Herrn Zebaoth usw. Hat der Prophet bisher gezeigt, dass die Ursache alles Übels in uns selbst liegt, also uns zur Schuld angerechnet werden muss, so prägt er jetzt zugleich ein, dass Gott ein durchaus gerechter Richter ist. Denn wenn die Menschen sich Niederlagen und Unglück selbst zuziehen, lässt Gott sie seiner Hand nicht entfliehen: nicht als wäre er zur Grausamkeit geneigt, - er ist vielmehr gütig und gnädig -, aber seine Gerechtigkeit kann Verbrecher nicht tragen. Wie schrecklich seine Rache ist, zeigt das Bild der Finsternis, womit der allertrübseligste Zustand beschrieben wird: ohne Bild hätte sich das schreckliche Gericht nicht so eindrücklich beschreiben lassen. Die Schilderung spielt an den Rauch an, von welchem soeben die Rede war. Denn wenn die Feuersbrunst überhand nimmt und heftig um sich greift, muss dichter Rauch das Licht wegnehmen.

Keiner schonet des andern. In diesem Satz sowie im folgenden Vers zeigt der Prophet, mit welchen Mitteln der Herr seine Rache durchführt, nachdem sein Zorn entbrannt ist. Wenn keine Feinde erscheinen, vor denen wir uns zu fürchten haben, wird er uns selbst zu unserm eigenen Verderben die Waffen in die Hand drücken. Es macht dem Herrn gar keine Schwierigkeit, die Rache auszuführen, die er androht: drängt uns niemand von außen, so wird er uns in innerem Bürgerkrieg aufreiben. Es ist aber schrecklich und wunderbar zu sagen, dass niemand seinen Bruder schont und dass ein jeglicher sein Fleisch frisset. Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasset. Aber wenn uns der Herr verblendet hat, was bleibt dann übrig, als dass wir uns gegenseitig zugrunde richten? So unglaublich dies klingt, so geschieht es doch fast an jedem Tage. Keine Gemeinschaft des Blutes, des Glaubens oder des Bildes Gottes, welches wir alle an uns tragen, hält uns davon zurück, während doch selbst die Heiden durch dies gemeinsame Band der Natur sich zuweilen hindern ließen, Schaden zu tun. Sahen sie doch, dass sogar die wilden Tiere nach ihrer Naturanlage nicht gegen das eigne Geschlecht wüten: der Wolf frisst nicht den Wolf und der Bär nicht den Bären. Wie unglaublich ist es nun, dass Menschen, von denen doch die Menschlichkeit den Namen hat, schlimmer als wütende Tiere grausam unter sich kämpfen und wider sich wüten. Dies Übel kann nur daher kommen, dass sie von Gott verblendet und in verkehrten Sinn dahingegeben wurden. Mit Recht aber hebt Jesaja gerade diese besondere Art der Rache Gottes hervor. Denn wenn die Menschen Frieden haben, dünken sie sich über jede Gefahr erhaben und fürchten nichts. Dieser Sicherheit spottet der Herr und zeigt, dass er seine Rache durchführen kann, indem er nur ihre eigene Hand wider sie bewaffnet und in Bewegung setzt.

V. 19. Rauben sie zur Rechten usw. Diese Redeweise beschreibt die unersättliche Habsucht und Grausamkeit, die ringsumher alles ausraubt. Wir nachdrücklich wird die Unersättlichkeit beschrieben, die in blinder Wut und unglaublicher Begier das Blut der Brüder trinkt und das eigene Fleisch verzehrt. Wie schwer Gottes Rache ist, wird namentlich daran deutlich, dass Abrahams Kinder, die heilige Nachkommenschaft des auserwählten Geschlechts, in solche tierische Wut ausbrechen. Wir wollen uns merken, dass es ein schreckliches Zeugnis der Strafe des Himmels ist, wenn Brüder sich zu unversöhnlicher Begier hinreißen lassen, Brüdern zu schaden.

V. 20. Manasse den Ephraim usw. Diese beiden Stämme waren besonders eng miteinander verbunden. Sie stammten nicht bloß von dem gleichen Vater Abraham, sondern standen als Nachkommen seines Urenkels Joseph noch in besonders naher Verwandtschaft. So eng sie aber verbunden waren, will sie der Herr doch treiben, dass sie im Bruderkrieg sich selbst vernichten, als verzehrten sie das Fleisch ihres Arms. So soll es äußerer Feinde gar nicht bedürfen. Der Prophet fügt auch hinzu, dass, nachdem sie in gegenseitigen Wunden sich geschwächt, sie beide miteinander wider Juda ziehen werden, um es zugrunde zu richten.

In dem allen lässet sein Zorn nicht ab. Wenn man die von Jesaja verkündeten Niederlagen an sich betrachtet, muss man staunen und sich wundern, dass noch Härteres angekündigt wird. So verfährt aber der Herr mit verbrecherischen Menschen: er hört mit seinen Strafen nicht auf, bis er sie völlig zerbricht und verderbt; denn sie haben auf immer wiederholte Einladungen hin sich geweigert, mit ihm Frieden zu schließen. So dürfen wir uns nicht wundern, dass er Plagen auf Plagen häuft, wie er auch durch Mose angekündigt hatte, er wolle es wider Leute, die nicht Buße tun, siebenmal schlimmer machen (3. Mos. 26, 18. 21). Sie sollen eben nicht glauben, mit einem oder dem andern Leiden davonzukommen. Dass Gottes Hand noch ausgereckt ist, will besagen, dass die Geißel bereit ist, mit welcher er alsbald zuschlagen wird. Denn Gott zürnt nicht wie ein Weib: seinem Zorn folgt vielmehr die Rache auf dem Fuße.

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