Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 65.

Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 65.

V. 1. Ich werde gesucht usw. Der Prophet geht jetzt zu einem anderen Gegenstand über. Er zeigt, dass Gott einen triftigen Grund hat, die Juden zurückzuweisen und zu verstoßen; denn bei ihnen halfen weder Ermahnungen noch Drohungen, dass sie von ihren Irrwegen auf den rechten zurückkehrten. Damit sie nun nicht glaubten, dass deswegen der Bund des Herrn hinfällig werde, erklärt er, dass ein anderes Volk, das vorher nicht da war, aufkommen und dass sein Name dort, wo er früher unbekannt war, herrlich und groß sein werde. Dies sahen die Juden als etwas Unerhörtes an; nach ihrer Meinung vertrug es sich nicht mit dem Bunde, den Gott mit Abraham geschlossen hatte, wenn eine solche Wohltat anderen als ihren Nachkommen zuteilwürde. Aber der Prophet will ihnen ihr törichtes Vertrauen nehmen; sie sollen nicht meinen, dass Gott an die Nachkommenschaft Abrahams gebunden wäre. Denn Gott hatte sich ihnen nur unter einer bestimmten Bedingung verpflichtet; wenn sie diese nicht hielten, konnten sie als Bundbrüchige und Treulose keinen Nutzen von dem Bunde haben. Nicht dem Abraham allein und seinen Nachkommen war die Verheißung gegeben, sondern allen, die durch den Glauben seinem Geschlechte eingepflanzt werden sollen. Davon können wir aber besser zum zweiten Verse sprechen, wo die Ursache der Verwerfung angegeben wird und die Meinung des Propheten uns klarer entgegentritt.

V. 2. Ich recke meine Hände aus zu einem ungehorsamen Volk. Der Herr klagt die Juden an und beklagt sich über ihre Undankbarkeit und ihren Starrsinn; sie haben keine Ursache zu sagen, es geschehe ihnen unrecht, wenn er seine Gnade anderen zuwendet. Die Juden benahmen sich trotzig und übermütig gegen Gott, als ob sie durch ihr eigenes Verdienst auserwählt wären. Der Herr verwirft sie ob ihrer Undankbarkeit und ihres Trotzes als Unwürdige und hält ihnen vor, dass er vergeblich seine Hände ausgestreckt habe, um sie in seine Nähe und Gemeinschaft zu ziehen. Das Ausbreiten der Hände bezeichnet das tägliche Einladen. In verschiedener Weise streckt der Herr seine Hände nach uns aus; durch Wort und Tat lockt er uns zu sich; an dieser Stelle müssen wir insbesondere an sein Wort denken. Der Herr redet niemals mit uns, ohne zugleich seine Hand darzureichen, damit er uns mit sich verbinde und wir seine Nähe verspüren. Ja, er erfasst uns und offenbart uns seine väterliche Sorge, sodass es lediglich unsere Schuld ist, wenn wir seinen Einladungen nicht Folge leisten. Eine nicht geringe Schuld haben die Juden dadurch aufgehäuft, dass Gott eine lange Zeit ohne Aufhören einen Propheten nach dem anderen sandte, ja dass er, wie es anderwärts heißt, vom Morgen bis zum Abend seine Fürsorge ihnen zugewendet hat. Zunächst nennt er sie Ungehorsam, gleich darauf sagt er, welcher Art dieser Ungehorsam ist, nämlich: dass das Volk seinen eigenen Gedanken nachwandelt. Nichts missfällt Gott mehr, als wenn die Menschen ihrem eigenen Sinne ergeben sind. Er fordert uns auf, diese selbstische Gesinnung aufzugeben, damit wir fähig werden für die Annahme der wahren Lehre. Der Herr bezeugt also, dass es nicht seine Schuld sei, wenn das Volk nicht auf dem rechten Wege blieb und nicht der gewohnten Gnade teilhaftig wurde; vielmehr haben sie durch eigene Verblendung sich entfremdet, weil sie lieber ihrem eigenen Sinn folgen als Gott zum Führer nehmen wollten. Nachdem der Prophet so die Ursache dieser Verwerfung aufgezeigt hat, muss er die Berufung der Heiden, die an die Stelle der Juden traten, besprechen. Zweifellos deutet darauf bereits der erste Vers. Diese Berufung hatte der Herr schon längst durch Mose vorhergesagt, sodass sie hier nicht als etwas Neues erscheint (5. Mose 32, 21): „Sie haben mich gereizt an dem, das nicht Gott ist; mit ihrer Abgötterei haben sie mich erzürnt. Und ich will sie wieder reizen an dem, das nicht ein Volk ist; an einem närrischen Volk will ich sie erzürnen.“ Der Prophet droht hier ganz dasselbe an, was nachher, als die Verblendung unmittelbar bevorstand, von Christus angekündigt wurde (Mt. 21, 43): „Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben, das seine Früchte bringt.“ Die Worte, dass Gott sich denen offenbaren werde, die nicht nach ihm fragten, wollen besagen, dass den Heiden die Gnade Gottes zuvorgekommen ist, ohne dass sie ein Verdienst oder Würdigkeit gehabt hätten, um Gott zu nötigen. Dies stimmt ja genau überein mit der erwähnten Stelle, wo Mose von einem törichten Volk redet. Er beschreibt also ganz allgemein den Zustand der Menschen, wie er ist, bevor der Herr mit seiner Gnade zu ihnen kommt: sie rufen den Herrn nicht an, suchen ihn nicht, denken nicht an ihn. Diese Stelle ist sehr wichtig für die Begründung der Gewissheit unserer Berufung. Diese ist ja gleichsam der Schlüssel, der uns das Himmelreich öffnet. Dann kommt auch unser Gewissen zur Ruhe und zum Frieden; es würde immer unruhig und zweifelnd sein, wenn es sich nicht auf solche Zeugnisse stützen könnte. Wir sehen also, dass wir nicht zufällig und durch ein unvorbereitetes Ereignis von Gott berufen und zu seinem Volk gezählt wurden; dies ist vielmehr schon längst durch viele Zeugnisse vorausgesagt. Auf Grund dieser Stelle kämpft Paulus (Röm. 10, 20) wacker für die Berufung der Heiden und sagt, Jesaja wage es, kräftig zu rufen und zu versichern, dass die Heiden von Gott erwählt seien; denn was der Prophet sagen wollte, war zu groß und herrlich, als dass jene Zeit es hätte verstehen können. Wir sehen hier also, dass wir durch einen ewigen Ratschluss Gottes lange vor dessen Erfüllung berufen sind. Das doppelte „Hier bin ich“, bekräftigt vollends, dass Gott sich den jetzt fernstehenden Heidenvölkern in so freundlicher Nähe offenbaren wird, dass sie an seinem Wohnen in ihrer Mitte nicht zweifeln können. Alles in allem: auch wenn die Juden verstoßen sind, wird es eine Gemeinde Gottes geben, da Gott den Heiden sich darbietet und diese in die heilige Nachkommenschaft Abrahams hineinwachsen werden. Alles aber, was hier vom Propheten vorhergesagt ist, sehen wir durch das Evangelium erfüllt, in dem Gott sich wirklich den Heiden anbietet und offenbart. So oft nun diese Stimme des Evangeliums an unser Ohr dringt oder wir das Wort Gottes lesen, sollen wir wissen, dass der Herr gegenwärtig ist und sich anbietet, damit wir ihn genau kennen lernen und furchtlos und in gewisser Zuversicht ihn anrufen.

V. 3. Ein Volk, das mich entrüstet usw. Hier legt der Prophet ausführlicher dar, in welchen Stücken sich die Juden wider Gott auflehnten: sie haben Gottes Gebot verlassen und sich mit mannigfachem Aberglauben befleckt. Vorher hatte er gesagt, die Juden hätten sich von Gott abgewandt, weil sie sich durch ihre Gedankengebilde auf Irrwege bringen ließen; jetzt zeigt er die Folge dieser Ungebundenheit: sie haben ihren Gedanken die Zügel gelassen und den lauteren Dienst Gottes zerstört. Ganz gewiss ist dies der Ursprung alles Aberglaubens, dass die Menschen Gefallen finden an dem, das sie sich ausdenken, und lieber nach ihrer Art klug sein wollen als sich zähmen im Gehorsam gegen Gott. Vergeblich berufen sich die Abergläubischen auf ihre so genannten Andachtsübungen und guten Absichten; Gott verabscheut diese so sehr, dass Leute, die sich damit beflecken, der Bundbrüchigkeit und Majestätsbeleidigung schuldig sind. Wir dürfen nichts eigenmächtig unternehmen, sondern müssen dem Willen Gottes gehorchen. Anfang und Ende des rechten Gottesdienstes ist die Willigkeit, sich belehren zu lassen. Dass das Volk den Herrn „entrüstet“ oder reizt, ist ein hervorragendes Zeugnis seiner Frechheit: es fordert ihn gleichsam vorsätzlich heraus, scheut sich nicht vor seiner Majestät und unterwirft sich seiner Herrschaft nicht. Verschärft wird dies noch dadurch, dass sie es in das Angesicht Gottes tun. Denn Leute, welche die Ermahnungen seines Wortes besitzen und dadurch sein Bild ständig vor Augen haben, sündigen viel schwerer und machen sich größerer Widersetzlichkeit und Unverschämtheit schuldig als andere, die sein Wort niemals gehört haben. Die Gärten, mit denen man den Herrn reizte, waren den Götzen geweiht. Unter den Ziegelsteinen sind die Altäre zu verstehen, die man für die Götzen errichtet hatte. Man wandte dabei vor, was sehr einleuchtend schien, dass man die Gestalt des von Gott verordneten Altars nachbilden wolle. Gott aber drückt seinen Abscheu aus, weil dies seinem Wort zuwider war.

V. 4. Sitzt unter den Gräbern usw. Der Prophet zählt andere Arten des Aberglaubens auf; sie werden nur kurz erwähnt und sind darum etwas dunkel, doch kann man ihr Wesen genugsam aus anderen Stellen erkennen. Wie die Totenbeschwörung allenthalben bei den heidnischen Völkern üblich war, so pflegten auch die Juden die Dämonen in Gräbern und Wüsten zu befragen, während sie doch Gott allein hätten befragen sollen. Und wie sie gleichsam von den Toten Antwort begehrten, war es ihnen eine Lust, sich durch Gaukeleien von Dämonen betrügen zu lassen. Wie ernstlich Gott dies verboten hatte, erhellt deutlich aus 5. Mose 18 und anderen Stellen, auch im 8. Kapitel haben wir davon gelesen. Überhaupt wird allgemein darauf hingewiesen, dass der Herr nur Gehorsam sucht; dieser ist besser als Opfer und Brandopfer.

Fressen Schweinefleisch. Vorher hat der Prophet darüber geklagt, dass der Gottesdienst durch fremdländische Gedankengebilde besudelt werden; jetzt fügt er hinzu, dass sie jeden Unterschied verwischen und nicht zwischen Rein und Unrein unterscheiden; als Beispiel erwähnt er, dass sie sich des Schweinefleisches nicht enthalten. Dies ist doch, könnte man sagen, etwas Geringfügiges. Keineswegs. Nicht aus unserer, sondern aus des Gesetzgebers Auffassung heraus müssen wir über die Schwere der Sünde urteilen. Man darf das, was vom Herrn verboten ist, nicht für etwas Geringfügiges halten. Dieses Verbot bezog sich auf das äußere Bekenntnis des Glaubens, wodurch die Juden ihren Abstand von heidnischer Befleckung bezeugen sollten. Von der Regel also, die der Herr uns vorschreibt, dürfen wir nicht einen Finger breit abweichen.

V. 5. Und sprechen: „Bleibe daheim“ usw. Als die höchste Stufe der Gottlosigkeit bei den Juden verzeichnet der Prophet, dass sie voll unbändigen Trotzes den Dienern Gottes entgegentreten und keinen Ermahnungen Folge leisten wollen. Solange wir noch Mahnungen und Warnungen Raum geben, ist noch immer eine gewisse Hoffnung auf Besserung vorhanden; wenn wir aber jene zurückweisen, sind wir ganz sicher in einer hoffnungslosen Lage. Wenn auch die Worte im Einzelnen dunkel sind, so besagen sie doch dies, dass die Heuchler trotzig und eigensinnig die frommen Warner zurückweisen, weil sie entweder sich eine falsche Heiligkeit anmaßen oder in ihrem Stolz keinen Tadel vertragen. Denn die Heuchelei ist niemals ohne eigenwilligen Stolz und Übermut. Wundern wir uns also nicht, dass Leute, die an dieser Sünde kranken, hochmütig sich gebärden, mit ihrer Tugend und Heiligkeit prahlen und sich über alle andern Menschen stellen. Wir erfahren bei den Heuchlern unserer Zeit ganz dasselbe, was Jesaja von seiner Zeit sagt. Satan hat sie verblendet, dass sie in eitler Ruhmredigkeit mit ihrer so genannten Frömmigkeitsübung prahlen und das Wort Gottes gering schätzen. Es besteht hier ein enger Zusammenhang mit dem Vorhergehenden. Die Juden werden hart getadelt, dass sie nicht nur vom wahren Gottesdienst abgefallen, sondern auch hartnäckig ihren Gedankengebilden gefolgt sind, sodass sie jeden, der das nicht billigte, wegweisen. Denn der Ausdruck: „Bleibe daheim“ bedeutet nichts anderes als: „Geh weg.“ Sie wollen nichts zu tun haben mit aufrichtigen Warnern.

V. 6. Siehe, es steht von mir geschrieben usw. Dieser Satz spielt auf das übliche Verfahren der Richter an, bei denen die Ergebnisse der Untersuchung gegen einen Angeklagten, die Zeugnisse, Verhandlungen und dergleichen aufgeschrieben werden, sodass der Angeklagte durch sie, sobald es nötig wird, leicht überführt werden kann. Man schreibt das auf, dessen Gedächtnis man für die Nachwelt aufzubewahren wünscht. Der Herr bezeugt also, dass dies, weil es ja aufgeschrieben steht, durch kein Vergessen ausgetilgt werden kann. Wenn er auch eine Zeitlang sich nichts merken lässt, so werden doch die Gottlosen nicht straflos ausgehen, sondern ihn endlich als gerechten Richter kennen lernen. Wir wollen uns dabei einprägen, dass wir die Geduld Gottes nicht missbrauchen dürfen, wenn er uns lange trägt und seinen Arm nicht sofort zu unserer Bestrafung ausreckt; es ist doch alles bei ihm aufgeschrieben, wofür wir unsere Strafe zu erwarten haben, wenn wir nicht umkehren. Zwar bedarf der Herr nicht der Schrift als eines Hilfsmittels des Gedächtnisses; er gebraucht aber diesen Ausdruck, um unsere Meinung zu zerstören, als ob er etwas vergäße, wenn er mit der Ausführung seines Gerichts zögert. Noch nachdrücklicher spricht er beim Propheten Jeremia (17, 1): „Die Sünde Judas ist geschrieben mit eisernen Griffeln und mit diamantener Spitze.“ Der Ausdruck „in ihren Busen bezahlen“ kommt häufiger in der Schrift vor. Die Menschen glauben, dass ihre Sünden entweder verborgen bleiben oder nicht in Betracht kommen, lassen sich dann von zügelloser Leidenschaft treiben, wälzen noch die Schuld auf andere und schlagen sich die Furcht aus dem Sinn. Deshalb droht der Herr, er wolle ihnen in ihren Busen vergelten, damit sie darüber nachdenken, mit was für einem Richter sie es zu tun haben werden.

V. 7. Ihre Missetaten und ihrer Väter. Jesaja erweitert das, was er im letzten Verse kurz gesagt: die Juden sind nicht erst jetzt dieser Treulosigkeit schuldig, sondern sie folgen dem alten Beispiel der Väter. Hat doch der Herr schon vorher geklagt, dass er jenes Volk lange getragen habe und doch endlich müde geworden sei. Durch die Worte, dass die Juden dem Beispiel der Väter folgen, will er also ihre schwere Verschuldung noch stärker betonen. Denn je eindringlicher und häufiger die Menschen vermahnt werden, umso mehr müssen sie wegen ihres Ungehorsams verurteilt werden, wenn sie nicht umkehren. Jene haben also unter Außerachtlassung der Ermahnungen und Drohungen lange Zeit in Bosheit und Gottlosigkeit verharrt, sie sollen nun auch keine Entschuldigungen und Ausflüchte mehr vorbringen, sondern vielmehr erkennen, dass sie noch viel schwerere Strafen verdient haben. Nicht im geringsten kann, wie wir hier sehen, die von den Vätern stammende Verderbnis den Kindern zur Entschuldigung dienen, - törichte Menschen meinen das und machen sich daraus eine Art Schutzschild – vielmehr ziehen sie sich nur ein desto schwereres Urteil zu.

Miteinander. Der Herr will sagen, dass er die Sünden der Väter und Söhne zusammenlese oder in ein Bündel binde, um sie endlich zu strafen. Nicht als ob der Sohn die Verschuldung des Vaters tragen und dessen verdiente Strafen erleiden müsste, aber die Kinder müssen, wenn sie den Sünden der Väter beipflichten, unter dasselbe Urteil gestellt und verdammt werden, solange ihre Hartnäckigkeit anzeigt, dass sie unheilbar krank sind.

Die auf den Bergen geräuchert haben. Der Prophet erwähnt eine bestimmte Art von Sünde, um damit auch ihre übrigen Sünden zu kennzeichnen. Er schildert den ganzen Abfall des Volkes von dem wahren Gottesdienst und ihre Hingabe an fremde Götter. Dies ist der Höhepunkt der Sünde. Denn wenn die Gottesfurcht beseitigt ist, kann es nichts Gesundes und Reines mehr bei uns geben. Er nennt hier die Quelle aller Übel, die umso mehr beachtet werden muss, als die Menschen an sich selbst sehr großes Gefallen finden und sich großen Lobes würdig erachten, wenn sie Gott nach ihren Begriffen verehren; sie sehen aber nicht, dass dem Herrn nichts verhasster ist als solch ein selbsterfundener Gottesdienst. Zweifellos wollte das Volk angenehm sein dadurch, dass es auf den Bergen räucherte. Aber ihre Handlungsweise darf nicht nach ihren Gedanken und ihrer so genannten guten Absicht beurteilt werden, sondern man muss mehr als auf alle Menschen auf die Stimme Gottes hören, der da bezeugt, dass man ihn damit schwer lästert. So wollen wir uns denn nicht verteidigen mit dem Hinweis auf unsere gute Meinung. Dadurch werden wir nur doppelt schuldig vor Gott.

Ich will ihnen zumessen usw. Da der Prophet vorher über die Werke der Väter gesprochen hat, so will er zweifellos solchen, die darauf ihre Verteidigung stützen, ihre Torheit vorhalten. Es ist das ja ein schwacher und trügerischer Schutz, und es ist doch auch frivol, die Taten der Vorfahren d. h. eine fortgesetzte Verderbnis, dem Herrn vorzuhalten, weil wir uns dadurch nur ein desto schwereres Urteil zuziehen. Und doch berauschen sich viele Menschen derart mit diesem Vorwand, dass sie mit dem Hinweis auf das Alter alles entschieden glauben und andere Gründe gar nicht mehr hören wollen. Gewiss hat das Alter viel Anspruch auf Verehrung, aber niemand darf so hoch stehen, dass die Ehre Gottes dadurch irgendwie beeinträchtigt würde. Diese Stelle ist wichtig zur Überführung solcher, die ihren Aberglauben durch ein hohes Alter geschützt sehen wollen, als ob man einen alten Irrtum als ein Gesetz ansehen müsste.

V. 8. Verderbe es nicht usw. Der Prophet mildert hier den vorher ausgesprochenen Satz. Es war doch auch sehr hart, die Erinnerung an die Verschuldungen der Väter zu erwecken mit dem Gedanken, dass Gott Väter und Söhne zugleich verderben wolle. Das konnte den Gläubigen solch einen Schrecken einflößen, dass sie fürchten mussten, es sei um ihr Heil völlig geschehen. Darum müssen wir gehörig darüber nachdenken, aus welchem Grunde Gott uns zürnt. Er will uns nur schrecken, um uns an sich zu ziehen, nicht aber um uns in Verzweiflung zu stürzen. Darum bringt er den Gläubigen Hoffnung, damit sie nicht den Mut verlieren; mit solchem Trost will er sie zur Umkehr treiben. Dies bekräftigt der Prophet durch ein Gleichnis. Wie jemand, der einen unfruchtbaren und nutzlosen Weinstock ausreißen will, ihn verschont, sobald er einen fruchtbringenden Zweig entdeckt, so will der Herr an sich halten und die nicht vernichten, bei denen er noch eine Spur von Saft und Kraft findet. Vorher beklagte er sich, dass das Volk unnütz sei, ja sogar bittere Früchte bringe. Dasselbe Bild behält Jesaja bei, wendet es aber anders an. Wenn das Volk auch einem unfruchtbaren und entarteten Weinstock gleicht, es sind doch einige Fruchtzweige übrig, die der Herr nicht zu Grunde gehen lässt. Dies kann in zwiefacher Weise verstanden werden: entweder will Gott sein Volk wegen der Auserwählten erretten, oder aber: er wird die Gottlosen verderben und die Frommen vor dem Untergang bewahren. Zwischen diesen beiden Erklärungen ist ein großer Unterschied. Was die erste anbelangt, so wissen wir, dass bisweilen die Gottlosen verschont wurden um der Frommen willen, die Gott nicht verderben und in das gleiche Gericht stürzen will; verschiedene Beispiele der Schrift bezeugen das deutlich. Gott hätte Sodom verschont, wenn er auch nur zehn Gerechte darin gefunden hätte. Alle, die mit Paulus schifften, 276 an der Zahl, wurden ihm von Gott gegeben und aus dem Schiffbruch gerettet, damit seine Kraft in seinem Knechte umso mehr offenbar würde. Der Herr segnete das Haus Potiphars und ließ alles gelingen um Josephs willen, der in seinem Hause lebte. Es gibt noch mehr solche Beispiele, die jeder leicht zusammenstellen kann. Ich neige aber mehr der anderen Auslegung zu, dass der Herr die Sünden seines Volkes strafen will, aber so, dass er Rücksicht nimmt auf seine Frommen und nicht alle insgesamt demselben Untergang entgegenführt. Nicht nur die Frommen sollen gerettet werden, sondern überhaupt ein Volk, in dem sein Name angerufen wird, soll übrig bleiben. Aber gering nur, so wird angedeutet, sollen die Überreste sein im Vergleich mit der damaligen Menge; das steht auch schon im ersten Kapitel. Wenn aber die Frommen oft mit den Gottlosen Strafen leiden, so sollen wir dies nicht für unverdient halten. Der Herr findet an jedem einzelnen von uns genug Schuld, um uns zu strafen. Überdies will er uns mit seinen Züchtigungen aufwecken und erziehen. Und wenn wir irgendeinem Volke angehören und gleichsam seinem Körper eingepflanzt sind, dann darf es uns nicht wunderlich erscheinen, wenn wir dieselben Nöte und Schmerzen erleiden, da wir gewissermaßen kranke Glieder sind. Doch mildert Gott dabei die Strafen, um seine auserwählten Pflanzen nicht mit der Wurzel auszureißen.

V. 9. Sondern will Samen wachsen lassen usw. Dieser Satz legt den vorhergehenden Vers mit anderen Worten aus und zeigt, dass der Herr sich einen Samen erhalten will, von dem er angerufen wird. Der Herr pflegt sein Volk so zu züchtigen, dass er eine Gemeinde bilden will, in der seine Wahrheit und die reine Religion erhalten bleiben. Deshalb nennt Paulus sie auch einen Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit (1. Tim. 3, 15). Man darf also die Gemeinde nicht nach ihrem gegenwärtigen Zustand beurteilen – denn hier kann es nichts Festes geben, - sondern nach der Absicht Gottes, der sie nicht vernichtet oder verstört werden lässt. Dies müssen wir wohl festhalten, damit wir nicht durch Niederlagen, Zertrümmerungen oder sonst eine traurige Verheerung der Gemeinde uns erschrecken lassen.

„Erben meiner Berge“ nennt der Herr diejenigen, die nach der Rückkehr aus der Verbannung ihr Vaterland wieder bewohnen. Das Land Juda war ja bergreich, wie hinlänglich bekannt ist. Die Juden werden ihren früheren Zustand wiedererlangen und dasselbe Land, aus dem sie vertrieben waren, gleichsam als ihr Erbteil besitzen. Judäa wurde nämlich bald darauf völlig verwüstet. Der Herr bezeugt nun, dass das nicht immer dauern soll; zum Beweise erinnert er an den Bund, durch welchen den Juden der erbliche Besitz jenes Landes bestimmt wurde. Mochten sie nun auch lange in der Verbannung leben, so mussten sie doch durch diesen Hinweis auf ihr Erbe sich aufgemuntert fühlen zum Vertrauen auf seine endliche Besitzergreifung. Aber zu beachten bleibt, dass diese Gnade nicht unterschiedslos auf irgend beliebige Menschen, sondern nur auf die auserwählten, wahren Gottesverehrer bezogen werden darf.

V. 10. Und Saron soll eine Weide werden usw. Diese Bilder sollen lediglich zeigen, dass das Land, das verlassen war, wieder bewohnt werden wird. Zu Grunde liegt ein unausgesprochener Vergleich: Obwohl es nach der Wegführung seiner Bewohner in eine ferne Gegend verwüstet und verlassen dalag, wird es dennoch aufs Neue so bebaut werden, dass es Überfluss hat an Schafen und Rindern, fruchtbare und weidereiche Triften besitzt und alle Lebensbedürfnisse reichlich darbietet. Saron war eine weidereiche Gegend, ebenso Achor; jenes eignete sich mehr für Schafe, dies mehr für Rinder. Wir sehen hier, dass die Verheißungen Gottes nicht nur Wohltaten des zukünftigen, sondern auch des gegenwärtigen Lebens umfassen. Wir sollen mehr und mehr seine Freigebigkeit und Güte schmecken. Denn durch diese irdischen Segnungen werden wir zu den größeren und besseren Gaben des himmlischen Lebens geladen. Der Umstand, dass der Herr seine Güte bis auf Schafe und Rinder ausdehnt, muss uns nur desto mehr bestärken und gewiss machen hinsichtlich seiner väterlichen Liebe und Sorge für uns. Wenn er der Tiere gedenkt, die doch unsertwegen erschaffen sind, wie viel mehr wird er alles zum gegenwärtigen und zukünftigen Leben Notwendige uns darreichen.

Meinem Volke. Auch hier erscheinen die Gottlosen ausgeschlossen, die sich nicht scheuen, in eitler, nichtsnutziger Weise sich des Namens Gottes zu rühmen. Wenn sie nun auch mit den Verheißungen Gottes keck prahlen, so haben sie doch nichts gemeinsam mit seinen Kindern, sind vielmehr von jeglicher Hoffnung auf göttliche Wohltaten ausgeschlossen und empfangen den Lohn ihrer Sünde. Der Zusatz „das mich sucht“ bezeichnet noch deutlicher, welche Menschen denn der Wohltaten teilhaftig werden: die Gottlosen und Heuchler werden völlig abgewiesen. Das ist das Unterscheidungsmerkmal zwischen Schafen und Böcken, echten und unechten Kindern, dieses „den Herrn suchen“. Es genügt nicht, sich Namen und Titel beizulegen und darauf hinzuweisen, sondern man muss den Herrn suchen mit reinem Gewissen und ihm von Herzen anhangen.

V. 11. Aber ihr, die ihr den Herrn verlasst usw. Damit die Heuchler diese Verheißungen nicht missbrauchen oder das über die Wiederherstellung des Volkes Gesagte auf sich beziehen, schilt der Prophet sie hier und nennt sie solche, die den Herrn verlassen, weil sie den Berg Zion vergessen haben, d. h. vom wahren Gottesdienst abgefallen sind. Mit dem heiligen Berge deutet er bildlich auf die vom Worte Gottes vorgeschriebene Lebensführung. Der Tempel war ja auf des Herrn Befehl erbaut, damit er dort angerufen würde, ebenso der Altar, auf dem der Herr die Opfer dargebracht wissen wollte. Unrein waren somit jene Brand- und Trankopfer, die an anderen Stätten oder anderen Göttern oder anders als in der vom Gesetz vorgeschriebenen Weise dargebracht wurden. Die Menschen dürfen nichts nach eigenem Gutdünken machen, weil der Herr nur Gehorsam fordert. Gehorsam aber ist nicht möglich ohne Glauben, Glauben nicht ohne das Wort, und ohne letzteres darf man Gottes Wesen nicht erforschen wollen oder sich Grübeleien darüber hingeben.

Und richtet der Menge einen Tisch. Der Prophet zählt Stücke ihres Aberglaubens auf. Viele übersetzen nun, indem sie das hebräische Wort beibehalten: „und richtet dem Gad einen Tisch.“ Sie verstehen darunter entweder den Gott Jupiter oder den Planet Jupiter oder überhaupt eine glückspendende Gottheit, das günstige Geschick1). Aber mir erscheint es richtiger, das Wort „Gad“ als Menge oder Schar oder Heer aufzufassen. Das passt ganz gut für die Etymologie des Wortes und für den Textzusammenhang. Sehr beachtenswert ist die Stelle 1. Mose 30, 11, wo Lea sich freut über den Kinderzuwachs; denn so muss man nach meiner Meinung ihre Aussage auffassen: Jetzt habe ich eine Menge Kinder. Sie hatte ja schon vorher mehrere: darum gab sie auch ihrem künftigen Sohne den Namen Gad. So muss man nach meiner Meinung das Wort Gad auch hier auffassen als Menge oder Heer, weil sie so viele erdichtete Götzen hatten, dass man sie wegen ihrer Menge kaum zählen konnte.

Und macht Trankopfer voll. Dies „vollmachen“ kann in einem zwiefachen Sinne verstanden werden; zunächst so, dass sie für den Götzendienst alles reichlich, in großer Menge darbrachten, - denn der Aberglaube kennt weder Ziel noch Grenze, und die sparsam sind, wenn es Gott zu ehren gilt, vergeuden alles in größter Freigebigkeit um ihrer Götzen willen. Oder aber in dem Sinne, dass sie die Zahl ihrer Götter vollmachen und keinen Götzen übergangen haben, dem sie nicht Verehrung erwiesen hätten. Dieser Ansicht schließe ich mich am liebsten an. Denn die Götzendiener glauben sich nicht genug getan zu haben, wenn sie nicht jedem Gott seine Ehre erweisen; und je mehr Götter sie verehren, umso besser muss es ihnen nach ihrer Meinung gehen. Das sehen wir auch überreichlich bei den Papisten. Unter der großen Zahl ist dasselbe zu verstehen, wie soeben unter der Menge. Nicht bloß einem, sondern zahllosen Götzen bringt man Opfer. So wird klar, wie schwer die Strafe ist, welche die Juden verdient haben.

V. 12. Wohlan, ich will euch zählen usw. Darin liegt eine Anspielung an die große Zahl der Götzen, von der soeben die Rede war. Der Herr erklärt, dass er leicht feststellen könne, wie zahlreich das Volk sei: er will dasselbe dem Schwert zuzählen, d. h. für dasselbe bestimmen, weil es an einer Unzahl von Göttern seine Freude hatte und seinen Frieden nicht in dem einen Gott suchte.

Darum, dass ich rief usw. Der Herr stellt die Größe und Schwere jener Treulosigkeit noch mehr heraus, weil die Juden in wohl überlegter Böswilligkeit, mehr aus Absicht als aus Unkenntnis sündigten. Sie waren ja häufig ermahnt und verwarnt worden, hatten aber dreist alle Mahnungen in den Wind geschlagen. Sie waren also viel weniger entschuldbar als andere, zu denen keine Propheten geschickt waren. Wenn auch die Menschen sich niemals mit Unkenntnis entschuldigen können, so doch am wenigsten die Juden und solche, denen das Wort Gottes verkündigt wird. Darum werden sie härter verurteilt als andere. Dass der Herr „rief“, deutet auf die Mahnungen, die er dem Volk durch die Propheten zukommen ließ. Den Herrn „hören“ heißt, seinem Worte gehorchen. Es wäre ja leichtfertig, die Ohren hinzuhalten, ohne dem Wort Folge zu leisten. Gott will von Herzen gehört werden und begnügt sich nicht mit einem nur gemachten Hören. Der Herr gibt auch den Grund an für ihre Abweisung seines Rufes: sie haben ihre Ohren gegen die prophetische Lehre verschlossen; und der Anfang des Gehorsams ist doch der Wille zum Lernen. „Vor meinen Augen“ heißt so viel wie „ins Angesicht“, welcher Ausdruck auch kurz vorher (V. 3) gebraucht wird. Zwar sündigen alle Menschen vor den Augen des Herrn, und keiner kann seinen Blicken entfliehen; aber besonders dann sagt man von uns, dass wir vor seinen Augen sündigen, wenn wir von ihm berufen sind und doch seine Gegenwart nicht fürchten. Denn an Leute, die er durch die Propheten beruft, tritt er ganz nahe heran und zeigt sich ihnen gewissermaßen gegenwärtig. Umso schlimmer und strafwürdiger ist also die Gottlosigkeit solcher, die Gottes Ruf und dringende Einladung unter Abwerfung jeglicher Scheu verachten. – Aus dem Schluss des Verses geht sodann noch hervor, dass die Juden nicht wegen krasser Freveltaten verdammt werden, sondern vor allem wegen törichter Frömmigkeitsübungen, mit denen sie den Dienst Gottes befleckten. Wenn sie auch viele Mühe verwandten auf die von ihnen ersonnenen Opfer, weil sie sich dadurch einen Anspruch an Gott zu erwerben vermeinten, so verabscheut er ihre Bestrebungen doch. Es ist also nicht jedem freie Wohl erlaubt, dass er nehmen könne, was ihm am meisten gefällt, sondern wir müssen darauf sehen, was Gott gefällt, und dürfen durchaus nicht davon weichen.

V. 13. Meine Knechte … ihr aber usw. Hier unterscheidet der Prophet noch deutlicher die in der Gemeinde Gottes befindlichen Heuchler von den wahren und echten Kindern. Wenn sich auch alle unterschiedslos Söhne nannten, so mussten doch manche aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen werden und solche, die sich hochmütig und anmaßend mit dem Namen des Volkes Gottes schmückten, sich in ihrer Hoffnung, die eitel und trügerisch war, getäuscht sehen. Dieser wichtige Gegensatz zwischen den Knechten Gottes und denen, die fälschlich seinen Namen in Anspruch nehmen, ist wohl zu beachten. Letzteren werden nichtige Titel, falsches Prahlen und haltlose Einbildung nichts nützen. – Dass Gottes Knechte essen und trinken , ist eine Beschreibung ihres glücklichen Lebensstandes: der Herr will dafür sorgen, dass seinen Gläubigen nichts fehle. Er scheint hier aber seinen Knechten etwas anderes zu verheißen, als er in Wirklichkeit gibt. Denn sie leiden häufig Hunger und Durst, während die Gottlosen Überfluss haben an Gütern aller Art uns sie zur Üppigkeit und Unmäßigkeit missbrauchen. Dabei ist aber zu beachten, dass das Reich Christi hier unter Bildern dargestellt wird, sonst könnten wir es ja nicht verstehen. Die Propheten nehmen die Bilder her von irdischen Reichen. Wenn in diesen das Volk blüht und Güter aller Art genießt, dann offenbart sich darin der Segen Gottes, und man erkennt daran seine väterliche Liebe. Da aber die Frommen nicht völlig in irdischen Gütern aufgehen dürfen, so genügt es, wenn ihr Glaube durch einen mäßigen Genuss gepflegt wird. Wenn sie aber zuweilen Mangel leiden, so sind sie doch mit wenigem zufrieden, erkennen Gottes väterliche Liebe an und sind in ihrer Dürftigkeit reicher als die Könige und Gewaltigen mit ihren Schätzen. Die Gottlosen aber sind, auch wenn sie an allen Gütern Überfluss haben, doch die unglücklichsten von allen Menschen, weil sie jene nicht mit gutem Gewissen genießen können. Dem Propheten kommt es also auf den reinen Gebrauch der Gaben Gottes an. Wer dem Herrn aufrichtig dient, empfängt wie ein Kind aus der Hand des Vaters allen Unterhalt des Lebens, während andere ihn wie Diebe und Räuber an sich reißen. Niemals kann er den Gottlosen genug geben; wie reichlich er sie auch beschenken mag, immer hegen sie Misstrauen und Angst, und ihr Gewissen kann nicht ruhig sein. Er verspricht hier also nichts, was er nicht auch in Wirklichkeit gibt; nur darf dieses Glück nicht nach der äußeren Lage der Dinge beurteilt werden. Das wird auch in den folgenden Worten noch deutlicher (V. 14), wo von der Freude und der Abstattung des Dankes die Rede ist. Ohne Zweifel will der Prophet darauf hinweisen, dass das Sattsein nicht beruht auf der Menge der Güter, sondern auf dem stillen Frieden des Herzens und auf der geistlichen Freude. Die Ungläubigen finden an allem keinen rechten Geschmack, während die Gläubigen die Erfahrung der väterlichen Liebe Gottes mehr erquickt als alle Würze. Lasset uns also wohl beherzigen, dass man alles Glück nur von Gott erwarten darf, der den Seinen nichts von alle dem, was zu einem seligen Leben gehört, fehlen lässt.

V. 15. Und sollt euren Namen lassen meinen Auserwählten zum Schwur. Der Prophet setzt denselben Gedanken fort: Gott wird endlich die Heuchler von seinen wahren Knechten trennen. Es ist nicht zu verwundern, dass er so viel Nachdruck auf diesen Punkt legt; denn dies kann nur sehr schwer den Heuchlern beigebracht werden, die in ihrer stolzen Aufgeblasenheit sich selbst täuschen und blind machen. Während sie sich für den heiligen Samen hielten und nichts anderes unter dem Himmel des Andenkens wert erachteten, erklärt er, dass ihr Name zu einem Fluchwort dienen werde. Dass sie ihren Namen „zurücklassen“ müssen, besagt etwa: mit Gewalt wird ihnen noch das falsche Prahlen, dem sie so sehr ergeben waren, ausgetrieben werden. Der Herr dämpft also ihre Anmaßung, damit sie sich nicht gar zu sehr in zeitlichem und vergänglichem Ruhm gefallen. Er erklärt, dass ihm andere Knechte bereitstehen werden, die jenen Namen wie einen Fluch gebrauchen, sodass man etwa in feierlicher Verwünschung sich dieses Beispiels bedient: Gott möge dich verfluchen wie die Juden. – Dass Gott seine Knechte mit einem anderen Namen nennen wird, stößt die Zuversicht jenes Geschlechts zu Boden, welches wähnte, Gott könne kein Volk haben, wenn er der Nachkommen Abrahams entraten sollte. Gott wird sich ein neues Volk erwählen und ist nicht so an die Juden gebunden, dass er nicht leicht andere fände, die er mit dem Namen seines Volkes schmücken könnte. Wenn einige Ausleger unter dem anderen Namen den christlichen verstehen, so ist das allzu gezwungen. Dass der Prophet an etwas anderes denkt, geht aus dem Zusammenhang hervor. Die Juden bildeten sich sehr viel auf das Alter ihres Namens ein und wiesen hochmütig darauf hin, dass sie schon längst von Gott erwählt seien, als ob Gott sie nicht entbehren könnte. Demgegenüber betont der Prophet, dass Gott sich ein anderes Volk auswählen und zueignen werde; trotzdem dürfe er nicht der Unbeständigkeit oder Leichtfertigkeit beschuldigt werden, als ob er seinen Ratschluss geändert hätte. Denn seinen Ratschluss und seine gerechten Gerichte wird er ausführen gegen die, die unter dem falschen Deckmantel seines Namens seine Herrlichkeit verdunkeln und die ganze Frömmigkeit zerstören.

V. 16. Welcher sich segnen wird auf Erden usw. Hier wird der ganze Erdkreis dem kleinen Winkel Judäa gegenübergestellt, in welchen der Dienst Gottes gewissermaßen eingeschlossen war. Denn nachdem Gott überall offenbar geworden ist, wird er nicht in irgendeiner bestimmten Gegend, sondern unterschiedslos an allen Orten verehrt, wie auch Christus sagt (Joh. 4, 21): „Es kommt die Stunde, dass ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten.“ Und Paulus (1. Tim. 2, 8): „Ich will, dass die Männer beten an allen Orten und aufheben heilige Hände ohne Zorn und Zweifel.“ Der Ausdruck „auf Erden“ steht hier also stillschweigend im Gegensatz zu Judäa. Die Worte „Segnen“ und „Schwören“ bezeichnen die gesamte Gottesverehrung. Der Eid ist, wie schon früher gesagt, eine Art Gottesdienst; durch ihn übertragen wir Gott alles Gericht und erkennen ihn an als den Zeugen und Mitwisser aller Dinge, um die es sich handelt. Das Segnen üben wir aus, wenn wir alles Gute von ihm erbitten, ihm allein alles danken und bekennen, dass unser Wohlergehen nur aus seiner Güte kommen kann. Schwören wird man bei dem wahrhaftigen Gott, d. h. bei dem Gott, der treu ist in seinen Verheißungen und fest in seinem Rat; vielleicht soll auch der Gegensatz zwischen dem wahrhaftigen Gott und den trügerischen Götzen der Heiden anklingen.

Der vorigen Ängste ist vergessen. Diese Verheißung bezieht sich nur auf die Gläubigen. Gott erklärt, dass er den Leiden und Übeln ein Ende machen werde und dass die Not der Gemeinde nicht immer dauern solle. Das begann mit dem Auszug des Volkes aus Babel. Denn obwohl es seitdem auf mannigfaltige Weise draußen und drinnen bedrückt wurde, so wurden doch die schweren Strafen wieder gemildert; die Rückkehr ins Vaterland, die Wiedererrichtung des Tempels, die Wiederherstellung des Staates linderte die Schmerzen und machte die Herzen in Hoffnung stark bis zur Ankunft Christi.

V. 17. Denn siehe, ich will einen neuen Himmel usw. Mit bildlichen Ausdrücken verheißt der Herr hier einen gewaltigen Umschwung der Verhältnisse. Er will sagen, dass er daran denke, ja auch die Macht dazu habe, seine Gemeinde nicht bloß wiederherzustellen, sondern so wiederherzustellen, dass sie ein neues Leben zu besitzen und in einer neuen Welt zu wohnen scheine. Diese Ausdrücke sind übertrieben, aber die Größe einer solchen Wohltat, die mit der Ankunft Christi eintreten sollte, konnte nicht anders ausgedrückt werden. Der Prophet denkt auch nicht nur an dessen erste Ankunft, sondern an sein Gesamtreich, das sich bis zu seiner letzten Ankunft ausbreiten muss, wie es auch an anderen Stellen gesagt wird. Somit wird die Welt gewissermaßen durch Christus erneuert. Daher sagt auch der Apostel im Brief an die Hebräer (1, 1), dass Christus in der „letzten“, also einer ganz neuen Zeit erschienen sei, wobei er ohne Zweifel unsere Prophetenstelle im Auge hatte. Aber, könnte man sagen, der Prophet redet doch von der Wiederherstellung der Gemeinde nach der Rückkehr aus Babylon. Das ist freilich wahr, aber jene Wiederherstellung ist unvollständig, wenn sie nicht bis auf Christus ausgedehnt wird. Wir befinden uns noch immer im Laufen und Fortschreiten, und die Erfüllung wird nicht vor der letzten Auferstehung eintreten, die uns gleichsam als Ziel gesetzt ist. Dass man des Vorigen nicht mehr gedenken wird, beziehen viele Ausleger auf den Himmel und die Erde, als ob von beiden keine Kunde und kein Name hernach mehr sein werde. Ich beziehe es lieber auf die früheren Zeiten: so groß, will der Herr sagen, wird die Freude über die Wiederherstellung sein, dass man nicht mehr seiner Leiden gedenkt. Man könnte den Ausdruck auch auf die früheren Wohltaten beziehen, die, obwohl sie der Erinnerung wert waren, doch ihren Namen verlieren, wenn die unvergleichliche Gnade Gottes aufleuchtet. In diesem Sinne hat der Prophet an anderer Stelle (43, 18) gesagt: Gedenket nicht der vorigen Dinge; nicht als ob Gott die erste Erlösung aus dem Herzen der Frommen getilgt und beseitigt wissen wollte, sondern weil aus dem Vergleichen ein gewisses Vergessen folgt, sowie die aufgehende Sonne den Sternen ihren Glanz nimmt. So wollen wir uns einprägen, dass wir der Erinnerung des Propheten so viel Raum geben dürfen, als wir erneuert sind. Wir sind aber erst teilweise erneuert; also sehen wir den neuen Himmel und die neue Erde noch nicht völlig. Darum ist es nicht verwunderlich, wenn uns noch Schmerz und Kummer befällt, denn wir haben den alten Menschen noch nicht völlig ausgezogen, vielmehr sind noch immer manche Überreste von ihm da. Das neue Wesen aber muss bei uns seinen Anfang nehmen, denn wir stehen in der ersten Reihe, und durch unsere Sünden seufzen die Kreaturen und sind der Eitelkeit unterworfen, wie Paulus sagt (8, 20). Wenn wir aber erst gänzlich erneuert sind, sollen auch Himmel und Erde völlig erneuert und in einen Zustand der Vollkommenheit versetzt werden. Daraus können wir, was wir schon häufig betont haben, entnehmen, dass der Prophet das gesamte Reich Christi im Auge hat bis hin zu seinem letzten Ziel, das auch als der Tag der Erneuerung und Wiederherstellung bezeichnet wird.

V. 18. Sondern sie werden sich ewiglich freuen. Diese Worte fordern die Gläubigen zu der gebührenden Freude über die göttliche Wohltat auf. Sie wollen die Bedeutung der Sache hervorheben, da die Menschen sowohl die sonstigen Wohltaten Gottes als auch dieses große und alles übertreffende Geschenk nicht so, wie es sein muss, würdigen; entweder verachtet man die Gabe oder schätzt sie ungebührlich gering. Deswegen müssen die Gläubigen durch derartige Ermunterungen zum Sicherinnern und zur Dankbarkeit ermahnt und angetrieben werden. Sie dürfen nicht achtlos daran vorübergehen, dass sie, durch Christus erlöst, das Pfand des ewigen und himmlischen Lebens in ihren Herzen tragen. Nur so wird nach Jesajas Anweisung der rechte Dank für die Erlösung bewiesen, dass die Gläubigen auf ihrem ganzen Lebensweg die Freude bewahren und sich üben im Lobpreis Gottes. Dass Jerusalem eine Wonne und das Volk eine Freude genannt wird, klingt im ersten Augenblick etwas merkwürdig; doch gibt es einen sehr guten Sinn, dass bei der Befreiung der Gemeinde so viel Grund zur Freude vorhanden ist, dass alle Nebel der Traurigkeit verscheucht werden. Und wahrlich, da auch die Leiden uns zur Seligkeit helfen sollen, müssen wir uns auch über sie mit Recht freuen.

V. 19. Und ich will fröhlich sein usw. Dieser Vers sagt noch mehr als der vorhergehende. Gott will nicht nur den Menschen Grund zur Freude geben, sondern sich mit an derselben Freude beteiligen. So groß ist seine Liebe gegen uns, dass er sich über unser Wohlergehen ebenso freut, als wenn er es zugleich mit uns genösse. Unser Glaube wird nicht wenig dadurch gestärkt, wenn wir hören, dass Gott von solcher Liebe gegen uns beseelt ist. Wenn es uns schlecht geht und wir hin- und hergeworfen werden, ist er von Schmerz und Kummer bewegt, wenn es uns dagegen gut geht, empfindet er große Freude über unser Glück. Trauer ergreift also, wie wir schon früher gesehen haben, den Herrn, wenn der von ihm gewünschte Zustand umgekehrt und beseitigt wird. An anderen Stellen stellt er sich wie einen Ehegatten dar, der in der Liebe der Gattin sein Glück findet.

V. 20. Es sollen nicht mehr da sein Kinder usw. Dies wird schwerlich so verstanden werden dürfen, dass, da es sich um ewiges Leben handle, der Unterschied des Lebensalters überhaupt aufhören soll. Ich verstehe den Sinn der prophetischen Worte vielmehr dahin, dass Knaben wie Greise zur vollen Reife ihres Alters gelangen, dabei gleichsam immer in der Blüte ihres Lebensalters stehen und frisch und gesund sein sollen. Wir werden alt und schwach ob unserer Sünden; darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn, sagt Mose (Ps. 90, 9), wir bringen unsere Jahre hin schneller als ein Gespräch. Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, ist es Mühe und Arbeit gewesen, denn schnell geht unsere Kraft dahin, wir fliegen davon. Christus aber ist gekommen, um unsere Kräfte wiederherzustellen und unseren unversehrten Zustand zu bewahren. Wir müssen hier freilich zwei Stücke unterscheiden. Denn der Prophet sagt nicht nur, dass die Bürger der Gemeinde langlebig sein werden, sodass jeder erst in der Reife seines Alters und nach Erreichung seines Lebenszieles von der Welt scheidet, sondern er meint dazu auch, dass sie noch im Greisenalter stark sein sollen. Wenn nun aber auch ein recht großer Teil der Gläubigen sich kaum vor Schwachheit aufrecht erhält, bei anderen vor der Zeit die Kräfte verfallen, so ist diese Verheißung doch nicht trügerisch. Denn wenn Christus wirklich und vollkommen in uns herrschte, würde unzweifelhaft seine Kraft sich in uns entfalten und Leib und Seele beleben. Unsere Sünden also haben die Schuld, wenn wir Krankheiten, Schmerzen, dem Verfall und anderen Übeln unterworfen sind, denn wir lassen uns nicht völlig von Christus in Besitz nehmen und schreiten in dem neuen Leben nicht so vorwärts, dass wir alles alte Wesen ablegten. Hier ist auch zu beachten, dass die Segnungen Leibes und der Seele allein im Reiche Christi, d. h. in seiner Gemeinde, erfolgen; fern von ihr waltet nur Unsegen. Folglich sind alle unglücklich und elend, die fern von diesem Reiche leben; sie sind, wenn sie auch blühend und stark scheinen, nichtsdestoweniger vor Gott faulende und stinkende Leichname.

V. 21. Sie werden Häuser bauen usw. Diese Sätze erinnern an Worte des Gesetzes (3. Mose 26, 10; 5. Mose 28, 30). Denn das Gesetz verheißt, dass, die im Herrn gehorchen, in den Häusern, die sie gebaut haben, wohnen und die Frucht der Bäume, die sie gepflanzt haben, essen werden; dagegen werden die Ungehorsamen aus den Häusern, die sie gebaut, vertrieben und müssen Fremden weichen und werden es Ertrages der Bäume, die sie gepflanzt, beraubt. Der Herr wird, sagt Jesaja, euch von jenem Fluch befreien, sodass ihr eure Güter genießen könnt. Die Propheten schildern die Dinge des gegenwärtigen Lebens und benutzen sie als Gleichnisse; sie wollen uns lehren, unsere Gedanken höher hinauf zu richten und das ewige und selige Leben zu ergreifen. Wir dürfen nicht an diesen vergänglichen Gütern haften bleiben, sondern müssen sie gleichsam als Leiter gebrauchen, damit wir uns zum Himmel erheben und die ewigen und unvergänglichen Güter gewinnen können. Der wiederhergestellten Gemeinde aber die sich auf das lautere Wohlgefallen Gottes und seine reine Gnade stützt, wird mit Recht der Genuss derjenigen Güter verheißen, deren sich die Ungläubigen beraubt haben. Dass die Tage des Gottesvolkes „wie die Tage eines Baumes“ sein sollen, deutet nicht nur auf ein langes Leben, sondern auch auf einen friedlichen Lebensstand. Ihr werdet, will der Prophet sagen, Weingärten pflanzen und von ihrer Frucht euch nähren und nicht eher aus diesem Leben genommen werden, als bis ihr die Frucht erntet; und nicht bloß ihr, sondern auch eure Kinder und ferneren Nachkommen werden sie genießen. Er nimmt aber das Bild von den Bäumen, weil er vorher über das Pflanzen von Weingärten geredet hat. So verheißt er denn, dass das Volk im Frieden seine Häuser und Weingärten benutzen und nicht von Feinden oder Räubern bedroht werden soll; und dieser friedvolle Zustand wird ebenso lange dauern als das Leben des Baumes.

V. 22. Das Werk ihrer Hände wird alt werden, d. h. von Bestand sein, weil es guten Erfolg hat. Wenn der Herr nicht Erfolg verliehe, würden die Menschen sich lange und viel vergeblich quälen. Denn die Feinde werden das, was wir herrichten, entweder rauben oder verwüsten, und es wird nicht vollendet werden können. Von einem „alt werden“ wird hier mit vollem Recht geredet, indem nicht bloß ein Fortschreiten, sondern auch eine Vollendung stattfindet. Wir können nur dann unsere Güter recht besitzen und in Ruhe mit gutem Recht genießen, wenn wir im Reiche Christi leben, der allein der Erb der Welt ist, und wenn wir ihm einverleibt sind. Die Gottlosen können freilich viele Jahre die Güter dieses Lebens genießen, aber sie werden beständig Unruhe haben und in kläglicher Weise sich aufreiben, sodass der Besitz selbst für sie unheilvoll und todbringend ist. Alles, was zu einem seligen Leben gehört, erlangen wir allein im Glauben; wer ihn nicht hat, kann kein Glied Christi sein.

V. 23. Sie sollen nicht umsonst arbeiten usw. Diese Sätze zählen andere Arten von Segnungen auf, die Gott dem Reiche Christi verheißt. Denn wenn der Herr sein Volk auch immer gesegnet hat, so waren die Segnungen doch gewissermaßen in der Schwebe gelassen bis zur Ankunft Christi, in dem erst die echte und volle Glückseligkeit erschien. Die Meinung ist also, dass sowohl Juden als Heiden unter der Herrschaft Christi völlig glücklich sein werden. Wie es aber ein Zeichen des Zornes und Fluches ist, wenn wir keine Frucht unserer Arbeit haben, so ist es andererseits ein Zeichen göttlichen Segens, wenn uns die Frucht unserer Arbeit zuteilwird. Darum sagt der Prophet, dass die aus der Verbannung Zurückkehrenden nicht vergeblich arbeiten noch umsonst sich mühen, sondern eine wahre und völlige Erlösung genießen sollen. Das Gesetz droht Unfruchtbarkeit, Kriege, Raub der Güter, Angst der Seelen an, hier wird im Gegensatz dazu Fruchtbarkeit, Friede, Frucht der Arbeit und Ruhe verheißen. Solche Segnungen müssen wir wohl beachten. Es gibt nur wenige, die bei ihrer Arbeit an den Segen Gottes denken, sodass sie ihm allein alles zuschreiben und überzeugt sind, dass sie überhaupt nichts zustande bringen, wenn der Herr nicht Erfolg gewährt. Wie also aller Segen von Gott erbeten werden muss, so soll man auch ihm allein dafür danken. Dass die Weiber nicht mit Schrecken gebären sollen, deutet schwerlich auf ein schmerzloses Gebären, sodass der Fluch, welcher dem weiblichen Geschlecht um der Sünde willen auferlegt ward, nun hinweggenommen wäre. Vielmehr werden Kinder mit Schrecken gezeugt und geboren – der hebräische Ausdruck lässt uns nämlich an beide Geschlechter denken -, wenn man einen Krieg fürchten muss. Nun aber verheißt der Prophet einen friedlichen Zustand, bei dem weder Männer noch Weiber für ihre Nachkommenschaft etwas zu fürchten haben.

Denn sie sind der Same der Gesegneten des Herrn. Dieser Grund passt hier aufs Beste. Woher kommen denn Furcht und Schrecken und Unruhe? Nur aus dem Fluche Gottes. Ist der Flucht aufgehoben, dann werden die Eltern, wie der Prophet mit Recht sagt, mit ihrer Nachkommenschaft frei sein von Furcht und angstvoller Sorge, denn sie sind überzeugt, dass sie unter der göttlichen Gnade immer sicher und ruhig leben können. Der Hinweis auf die Nachkommen steht im Gegensatz zur Unfruchtbarkeit, die zu den von Gott verfluchten Dingen gezählt wird. Gott erklärt also: Ich will sie nicht mehr ihrer Kinder berauben, die sie geboren haben, sondern sie sollen sich an ihnen erfreuen wie an den übrigen Wohltaten, mit denen ich sie ziere.

V. 24. Ehe sie rufen, will ich antworten. Eine herrliche Verheißung. Es gibt nichts Wünschenswerteres, als dass wir einen gnädigen Gott haben und dass uns der Zugang zu ihm leicht offensteht. Denn wenn uns auch unendliche Mühen und Nöte umdrängen, so brauchen wir doch nicht unglücklich zu sein, solange wir noch unsere Zuflucht zum Herrn nehmen dürfen. Der Herr verheißt uns hier, dass wir nicht vergeblich bitten werden. Freilich war dies auch schon den Vätern unter dem Gesetz verheißen. Sicherlich sind von Anbeginn der Welt an die Väter, so viele auch immer ihn anriefen, erhört. Dies ist eine herrliche Frucht des Glaubens. Und der Herr bestätigt es hier noch immer mehr. Da die Juden für geraume Zeit verbannt werden sollten, bezeugt er, dass er sie in der Verbannung nicht zu lange schmachten lassen und seine Hilfe nicht allzu sehr aufschieben wolle; er werde sie erhören, noch bevor sie rufen. Dies bezieht sich vor allem auf das Reich Christi, durch den wir erhört werden und einen Zugang haben zu Gott dem Vater, wie dies Paulus trefflich ausführt (Hebr. 3, 12). Zwar stand den Vätern derselbe Zugang offen, und sie konnten nicht anders als durch Christus erhört werden, aber die Tür war bis dahin noch eng und gleichsam schwer zu öffnen; jetzt aber ist sie völlig und weit aufgetan. Unter dem Gesetz pflegte das Volk von fern im Vorhof zu stehen, uns aber hindert jetzt nichts an dem völligen Eingang ins Heiligtum. Uns steht also der Weg in den Himmel offen durch Christus sodass wir freimütig und vertrauensvoll zum Thron der Gnade gehen können, um Barmherzigkeit zu erlangen und die rechte Hilfe zu finden. Nun wird wohl gefragt, ob es jetzt denn keine Gläubigen auf Erden und kein Reich Christi gebe, weil eine solche Bereitwilligkeit Gottes zum Helfen sich nicht zeige und eine Frucht unserer Gebete nicht sichtbar werde. Ich antworte: Obgleich es erst dann sich mit Händen greifen lässt, dass wir erhört sind, wenn der Erfolg es in der Tat beweist, so werden wir doch nicht von Gott versäumt; er lässt uns nicht sinken, sondern stärkt uns durch die Kraft seines Geistes, dass wir geduldig auf ihn harren können. Er schiebt die Hilfe auch nicht deswegen auf, weil er wie die Menschen Zeit nötig hätte, sondern weil er unsere Geduld üben und erproben will. Gott hat also eine doppelte Weise, zu erhören: zunächst so, dass er uns offenbare Hilfe gewährt, sodann dass er uns mit der Kraft seines Geistes stärkt, dass wir nicht unter dem Druck der Übel zusammenbrechen. Wenn die Menschen sich diese Lehre nur tiefer einprägten, würden sie williger und freudiger zu Gott ihre Zuflucht nehmen und nicht so hartnäckig über die Anrufung der Heiligen disputieren. Woher kommt es denn, dass die Menschen sich so mannigfache Schutzheilige ersinnen, zu denen sie eher ihre Zuflucht nehmen als zu Christus? Doch nur daher, dass sie diese Lehre nicht anwenden und diese segensvollen und reichen Verheißungen abweisen.

V. 25. Wolf und Lamm sollen weiden zugleich. Alles wird wiederhergestellt werden, wenn Christus herrscht. Hier scheint eine Vergleichung zwischen Christus und Adam vorzuliegen. Denn wir wissen, dass alle Leiden dieser Zeit von der Sünde des ersten Menschen herrühren; seit damals sind wir der Herrschaft beraubt, die Gott dem Menschen über Tiere aller Art verliehen hatte. Diese gehorchten vorher alle willig dem Befehl des Menschen und folgten seinem Winke; jetzt aber lehnen sich die meisten von ihnen gegen den Menschen auf und führen auch untereinander Krieg. Wenn nun Wölfe, Bären, Löwen und andere wilde Tiere dem Menschen Schaden zufügen und auch den Tieren, von denen wir einen gewissen Nutzen haben, ja, wenn die Tiere, die dem Menschen eigentlich nützen sollten, ihm feindselig gegenübertreten, so ist dies seiner Sünde zuzuschreiben, da sein Ungehorsam die Ordnung der Dinge zerstört hat. Da es aber Christi Aufgabe ist, alles wieder in rechten Stand und Ordnung zu bringen, so wird die Verwirrung und Unordnung, die jetzt in den menschlichen Verhältnissen besteht, durch die Ankunft Christi beseitigt werden, weil dann nach Aufhebung des Verderbens die Welt zu ihrem ersten Ursprung zurückkehrt. Der Löwe wird fressen, ohne zu schaden, er wird nicht mehr Verlangen tragen nach Beute; die Schlange wird, mit ihrem Staub zufrieden, sich darin verkriechen und nicht mehr durch ihren tödlichen Biss schaden; kurz, alles, was verstört und in Unordnung gebracht ist, wird wieder geordnet werden. Daneben darf man ohne Zweifel in den Worten des Propheten eine allegorische Hindeutung auf blutdürstige, grausame Menschen finden, deren rohe und wilde Natur gebändigt wird, sobald sie unter das Joch Christi treten. Aber zunächst müssen wir an die durch den Fall der Menschen bei allen Geschöpfen eingetretene Verwirrung denken; wenn wir das nicht täten, könnten wir diese Wohltat der Wiederherstellung nicht deutlich und völlig verstehen. Zugleich müssen wir uns an den Inhalt des elften Kapitels erinnern. Hier wird uns gesagt, wie die Menschen sind, bevor der Herr sie bekehrt und sie seiner Herde hinzufügt, nämlich wilde und ungezähmte Tiere; dann erst beginnen sie, jede schädliche Handlung zu unterlassen, wenn der Herr ihre unreine Lust und ihre wahnwitzige Begierde zum Böses tun unterdrückt hat. Schließlich stehen noch die Worte da: „auf meinem heiligen Berge.“ Der Herr will nach der Beseitigung des Schmutzes und des Auswurfes der Menschen sich eine reine Gemeinde sammeln. Es darf darum nicht wunderbar erscheinen, dass so viele bis jetzt noch trotzig dahinleben, denn es gibt nur wenige wahre Bewohner des Berges Gottes, nur wenige Aufrichtige und Gläubige auch unter denen, die sich Christen nennen. Solange in ihnen der alte Mensch lebt und regiert, werden notwendig auch Streitigkeiten und Kriege unter ihnen herrschen.

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Dies ist auch zweifellos richtig, ebenso wie im zweiten Satzglied die „Meni“ nicht umzusetzen ist in „die große Zahl“, sondern eine Schicksalsgöttin bedeutet.
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