Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 51.

Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 51.

V. 1. Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt. Nun ermahnt der Prophet die Juden, nicht um ihrer geringen Zahl willen zu verzagen. Denn sie waren so geschwächt und vermindert, dass es schien, sie müssten in kurzer Frist ganz aufgerieben sein, und es könne von Nachkommenschaft keine oder doch fast keine Rede sein. Er bringt ihnen ihren Ursprung in Erinnerung, damit sie erkennen, dass, ob sie sie schon nur ein geringer Rest sind, Gott ihre Zahl mehren und vervielfältigen kann, heißt sie ihren Vater Abraham anschauen, der, ein einzelner, zur Menge geworden und von Gott mit zahlloser Nachkommenschaft beschenkt ist. Daraus konnten sie entnehmen, dass Gott, der in so verhältnismäßig kurzer Zeit ihre Väter gemehrt hatte, auch sie in Zukunft wohl mehren könne, da ja weder seine Macht noch sein Wille sich veränderte.

Schauet den Fels an, davon ihr gehauen seid. Hier wird nicht etwa Abraham seiner Glaubenskraft wegen ein Fels genannt (Röm. 4, 16 ff.), oder seiner früheren Unfruchtbarkeit wegen, sondern wir haben bei diesem Vergleich einfach an einen Steinbruch zu denken: die Juden kommen von Abraham und Sara her, wie Steine aus Fels und Grube herausgeschlagen werden. Es war dringend erforderlich, bei dem starken Verlust, den das Volk erlitten hatte, durch diese lehrreiche Erinnerung die Frommen zu stärken. Gott hatte dem Abraham Samen verheißen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Ufer des Meeres; dem Anscheine nach war diese Verheißung zunichte geworden in jener Verwüstung, nach welcher der geringe Überrest des Volkes fast den Beeren glich, die bei der Weinernte hängen bleiben. Aber da sie schon die Erfahrung von der wirksamen Kraft Gottes gemacht hatten, die aus dem Nichts ein großes Volk hervorrief, so heißt der Prophet sie eine starke Hoffnung fassen, damit sie nicht undankbar gegen Gott seien, und richtet seine Rede gerade an die Gläubigen, denen diese Versuchung zu stark zu werden drohte. Denn er redet nicht alle an, sondern nur die, welche der Verheißung Raum geben konnten, die er als solche bezeichnet, die der Gerechtigkeit nachjagen. Das Land war ja voll von Ungläubigen und Heuchlern, die längst von der Frömmigkeit abgefallen waren; umso mehr Lob verdiente deren Beharrlichkeit, die nicht aufgehört hatten, zu trachten nach dem, was recht ist. Wo aber das Streben nach Gerechtigkeit ist, da gibt Gott Erhörung; wo Unglaube ist, da kann die Verheißung nicht Platz haben. Ob sie also sich auch rühmten, Abrahams Same zu sein, so konnten sie doch diese Lehre nicht fassen. Wie man aber der Gerechtigkeit nachjagt, zeigen die Worte: die ihr den Herrn sucht. Leute, welche die Gerechtigkeit ihr Ideal nennen, sie aber nicht zum Ziel ihres Strebens machen, müssen durchaus irre gehen. Man muss eben dies beides miteinander verbinden: das Trachten nach Gerechtigkeit und das Fragen nach Gott.

V. 2. Ich rief ihm, da er noch einzeln war. Dieser Ausdruck macht deutlich, wohin die Ermahnung des Propheten zielt, nämlich auf die Aufrichtung des Gemüts der Frommen zu einer Hoffnung besserer Zukunft. „Einzeln“ wird Abraham genannt, nicht nur, weil er bei seiner Abrufung aus dem Vaterlande allein war, sondern weil der Herr ihn auch im Lande Kanaan bis ins erschöpfte Greisenalter kinderlos bleiben ließ, so dass er keine Hoffnung mehr haben konnte, Nachkommen zu erhalten, zumal auch Sara unfruchtbar war; und schließlich schien der einzige, ihnen wie zum Trost ihres Alters geschenkte Sohn nur zum Opfer für Gott bestimmt. Dennoch machte der Herr ihn reich durch große Kinderzahl. Wie nötig dieser Trost den Juden war, habe ich bereits gesagt, und ist leicht zu beurteilen aus ihrem kläglichen und unglücklichen Zustande, den die Geschichte uns deutlich zeigt. Ja, er ist uns auch heute sehr nötig bei dieser Zersplitterung der Kirche; damit wir im Herzen nicht verzagen, weil unser so wenig ist, so lasset uns hoffen, dass Gott seine Kirche auf ungewöhnlichem Wege mehren werde! Denn ein klares und glänzendes Abbild davon schauen wir in der göttlichen Segnung, welche die Nachkommenschaft des bis ins höchste Greisenalter kinderlosen, „einzelnen“ Abraham gemehrt hat. Diese Verheißung gilt ja nicht nur den Juden, sondern auch den anderen Völkern, darum er nicht Abram, sondern Abraham genannt ist, d. h. Vater der Menge.

V. 3. Denn der Herr tröstet Zion. Der Prophet zeigt, dass das in Abrahams Person gegebene Beispiel allen Geschlechtern zugehört. Wie nämlich der Herr eine so große Nachkommenschaft unvermutet einem einzelnen Menschen gegeben hat, so wird er auf wunderbare und unbekannte Weise seine Kirche volkreich machen, nicht nur einmal, sondern so oft sie kinderlos und vereinzelt zu sein scheint. So passt auch Paulus (Röm. 4, 21), da er vom Glauben Abrahams geredet und seine Herrlichkeit gepriesen hat, diese Lehre einem jeden von uns an: Abraham hat gehofft gegen alle Hoffnung, sein Sinn blieb einfältig, und er war überzeugt, Gott könne seine Verheißungen auch erfüllen, ob sie schon unglaublich und außer aller Berechnung schienen.

Er tröstet alle ihre Wüsten. Dies hat etwa den Sinn: der Herr wird seine Kirche trösten, nicht nur, wenn sie blüht, sondern auch wenn sie verwüstet und verlassen sein wird. Denn sie musste verwüstet und fast bis zum Untergang verderbt werden, bevor sie diese Botschaft von Gottes Hilfe verstehen konnte. Dass er ihre Wüste wie Eden macht, erinnert daran, dass die ersten Menschen aus dem wonnigen Ort durch eigene Schuld vertrieben sind. Da wir nun jenes göttlichen Segens, der unserm Stammvater gegeben war, beraubt sind, wandern wir über den ganzen Kreis der Erde und müssen jener Wonnen entbehren. Ja, wie oft kommt zu großen Schäden, zur Umkehrung der gewöhnlichen Ordnung, zu jämmerlicher Verwüstung und Zerstreuung aller Dinge, und wir müssen einsehen, dass dies alles die Strafe unseres Unglaubens und unsrer großen Laster ist; dabei gedenken wir des Urteils, das über den ersten Menschen und so über das ganze Menschengeschlecht gefällt ist. Wenn dies auch auf alle unsere Lebensumstände zutrifft, so doch am meisten, wenn wir den Zustand der Kirche ins Auge fassen und schauen, wie sie auseinandergerissen und verderbt ist. Denn das Land, das sonst einen Überfluss an Gütern aller Art hätte, nun aber durch unsere Schuld zur Wüste geworden ist, ist ein Bild der Kirche, die überall blühen müsste und nun zerstört und zerrissen ist. Mit den Ausdrücken „Wonne und Freude“ wird die große Veränderung bezeichnet, die darin bestehen wird, dass das Seufzen und Klagen der Kirche aufhört. Während ihrer harten Gefangenschaft hörte man ja nichts anderes als dies, nun aber wird sie lobsingen ob ihrer Wiederherstellung und Gott danken. Durch diese Worte werden wir zur Dankbarkeit ermahnt; das Lob Gottes und der Dank der Tat muss aus der Erfahrung seiner Güte bei uns kräftig zum Vorschein kommen.

V. 4. Merke auf mich, mein Volk! Nicht ohne Ursache fordert der Herr so oft Gehör für sich. Oft genug erfahren wir, wie träge wir sind, auf ihn zu hören, besonders im Unglück; während wir gerade am meisten Trostes bedürftig sind, weigern wir uns sein in unserer Ungeduld und wenden uns ab. So muss jeder von uns, je mehr er sich bedrängt fühlt, desto mehr ermahnt werden, sich ein Herz zu fassen und so sich selbst geistlich aufrichten lassen und seine Starrheit abschütteln, dass er die Tröstung zulässt. Es wird hier ein Aufmerken gefordert, das die Herzen in Geduld stärkt, bis die Zeit der Gnadenfülle kommt. Der Herr sagt, dass er wieder herrschen und die Kirche wieder aufrichten wird, worin sein Name angerufen werden soll. Wenn auch das Wort „Gesetz“ das Gebot bezeichnet, durch dessen Erlass Gott seine Kirche sammeln will, so bezeichnet es doch gleichzeitig die Weise seiner Herrschaft, die in Gesetz und Lehre sich vollzieht. Daraus ist zu erkennen, dass Gott nicht anerkannt wird und also nicht herrscht, wo man die Lehre verwirft. Das „Recht“ ist Grund und Maß seines Waltens, womit er sein Reich aufrichten wird. Dies stellt er„zum Licht der Völker“ , weil die Elenden der Finsternis entrissen und mit dem Licht seines Wortes erleuchtet werden, wenn Gott anfängt zu herrschen. Dass Gott sein Recht „stellen“ oder feststellen will, wird besagen, dass er es offenbart. Wie es zuvor hieß, dass vom Herrn das Gesetz ausgehen werde, so hören wir jetzt im gleichen Sinne, dass er sein Recht und Gericht offenbaren will.

V. 5. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil zeucht aus. Eine Verstärkung des Vorigen. „Die Gerechtigkeit des Herrn“ geht solche an, die erfahren, dass der Herr gerecht ist. In seiner harten Gefangenschaft erkannte das Volk wohl, dass es die gerechte Strafe für seine Frevel leide; dennoch konnte es sich darüber wundern, dass es so weit heruntergebracht war, dass der Gottesdienst aufhörte und Gottes Name von den Gottlosen geschmäht wurde, die ungestraft ihr Werk trieben. So gibt Gott ihnen nun den Trost, dass seine Wahrheit und Gerechtigkeit bald von allen erkannt werden solle. Also ist seine Gerechtigkeit nicht so gemeint, dass er einem jeden seinen gerechten Lohn gibt, sondern so, dass er der erste Hüter und Wohltäter seines Volkes ist, dass er allen Frommen Treue hält und seine Verheißungen erfüllt, wenn er sie rettet und nicht länger in der Bedrückung lässt. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich glänzend in der Befreiung seines Volkes. Das sagt das zweite Satzglied, das erste erläuternd: „Mein Heil zeucht aus.“ Die babylonische Gefangenschaft der Juden war ein Verderben, darum der Ausdruck „Heil“ für die Erlösung aus der Gefangenschaft.

Meine Arme werden die Völker richten. Gottes „Arme“ werden in menschlichem Gleichnis genannt, um die Ausbreitung seines Machtwirkens zu kennzeichnen. Weil manchmal Gottes Macht so beschränkt oder auch gar nicht vorhanden zu sein scheint, ist hier eben von ihrer Ausdehnung die Rede, die in die Weite gehen wird.

V. 6. Hebt eure Augen auf gen Himmel. Da wir leicht auf die Meinung kommen, dass die großen Veränderungen in der Welt auch die Kirche in ihre Wirbel ziehen, müssen wir den Geist über den gewöhnlichen Lauf der Dinge in der Natur hinaus erheben, sonst hinge das Heil der Kirche an einem Faden, sie wäre gleich dem Nachen auf stürmischer See. Indessen zeigen auch Himmel und Erde das weise Walten Gottes, wie väterlich er das ganze Weltwesen, seiner Hände kunstvolles Werk, pflegt und schützt, wie wohl er alle Geschöpfe berät. Aber in besonderer Weise geruht er, für seine Kirche zu sorgen, wie er sie auch von der großen Menge ausgesondert hat. Und beides fasst hier der Prophet ins Auge. Er heißt die Gläubigen nach oben und nach unten schauen, um wie am Himmel so auf Erden die wunderbare Vorsehung Gottes zu erkennen, wodurch er die einmal von ihm festgesetzte Ordnung in schönem Gefüge erhält. Aber er fügt hinzu, dass, obwohl Himmel und Erde dem Untergang geweiht sind, es nicht geschehen kann, dass seine Kirche erschüttert werde: ihre Festigkeit ist in Gott gegründet. Eher werden Himmel und Erde zusammenstürzen, als dass die Verheißung wirkungslos würde, darauf sich unser Heil stützt. Darum steht hier das Heil an erster Stelle, die Gerechtigkeit wird sodann hinzugefügt, auf welche das Heil wie auf ein sicheres Fundament gebaut ist. Wir sollen lernen, hierher unsere Zuflucht nehmen, so oft wir in Gefahr geraten. Ähnlich heißt es im Psalm (102, 27 ff.): „Die Himmel veralten und werden verwandelt. Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende. Also werden die Kinder deiner Knechte bleiben.“ Beide Stellen erinnern daran, dass Gottes Gnade, die er in der Erhaltung der Kirche betätigt, über alle seine anderen Werke hinausragt. Was zu Himmel und Erde gehört, ist hinfällig und zerbrechlich, aber das ewige Heil Gottes, wodurch er die Kirche schützt, kann keiner Gefahr erliegen.

V. 7. Hört mir zu, die ihr die Gerechtigkeit kennt. Weil es den Gottlosen so wohl geht, belachen sie unseren Glauben und freuen sich über unseren Kummer und unser Unglück, darum ermahnt der Prophet die Gläubigen zur Geduld; sie sollen jener Schmähungen nicht fürchten, durch ihre Lästerungen sich nicht entmutigen lassen, weil ihr Glück nicht lange dauern wird. Hier muss man aber auf die Wiederholung des „Hört“ achten. Der Herr fordert zum dritten Mal Gehör, weil wir nur mit der größten Schwierigkeit uns bei seinen Verheißungen beruhigen, wenn wir angstvoll zittern um unser Elendes willen. So müssen wir öfter gereizt und angestachelt werden, bis wir uns allen Hindernissen entrungen haben. Mahnt er doch hier nicht die Ungläubigen, sondern Leute, welche die Gerechtigkeit kennen, - weil sie zwar nicht ausdrücklich das Wort Gottes zurückweisen, aber doch oft seiner Gerechtigkeit den Zugang sperren und sie nicht an sich gelangen lassen, indem sie sich in ihr Unglück verbohren, die Ohren verschließen und fast verzweifeln. Damit sie die Verheißungen zulassen und der Tröstung Raum gewähren, ruft der Prophet sie also auf. Man muss aber auf das Gefüge der Rede achthaben. Der Prophet bringt zum Ausdruck, was für ein Volk der Herr haben will, das nämlich die Gerechtigkeit kennt, und sagt dann auch, was das bedeutet, nämlich ein Volk, in welches Herzen Gottes Gesetz gleichsam eingesät und festgewurzelt ist. Denn es kann keine Gerechtigkeit ohne das Wort des Herrn geben, kein noch so gutes menschliches Gesetz vermag uns zur wahren Gerechtigkeit zu bringen: ein Abschattung davon mag es sein können, niemals aber ihr wahrer Ausdruck. Zugleich aber hören wir, wie das Gesetz des Herrn bei uns wirksam werden kann, nämlich wenn wir es mit dem Herzen erfassen. Denn sein Sitz ist nicht im Hirn, sondern im Herzen; wenn das mit der himmlischen Lehre erfüllt wird, werden wir erneuert.

V. 8. Aber meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich. Weil Gottes fromme Diener allerlei Schmähungen und Tadel von den Feinden des Wortes leiden müssen, so ermahnt der Prophet sie, solches tapfer zu ertragen. Denn oft werden wir mehr durch die schändliche Nachrede der Menschen als durch ihre Misshandlungen beunruhigt; aber man muss für Lob und Ehre halten, was bei ihnen für verächtlich und fluchwürdig an uns gilt. So erwächst ein hoher Mut, weil wir bei Gott geachtet sind, mag auch die Welt uns für Kehricht und Hobelspäne halten; wir tragen ja Gottes Schmach. Lasst uns darum mit Mose Christi Schmach den Schätzen der Ägypter vorziehen! Lasst uns fröhlich sein mit den Aposteln, die munter und freudig aus dem Hohenrat fortgingen, weil sie würdig gewesen waren, um des Namens Christi willen Schmach zu leiden! Ferner zeigt uns das Trostwort vom Untergang der Gottlosen, während wir entrinnen, unsere künftige Lage: wir werden von Gottes Gerechtigkeit und Heil niemals verlassen sein. Doch scheint es wenig passend, dass dem Untergang der Gottlosen Gottes Gerechtigkeit gegenübergestellt wird. Viel glatter und deutlicher würde doch der Gegensatz lauten: Obwohl sich die Gottlosen freuen, werden sie doch bald untergehen, und obwohl die Frommen des Todes zu sein scheinen, werden sie leben. Der Prophet spricht aber gar nicht von uns, sondern ausschließlich von dem Bestande der göttlichen Gerechtigkeit. Was soll uns das helfen, wenn wir schon fast zu Boden gedrückt sind? Aber die Worte des Propheten wollen uns erinnern, dass eben dies die Quelle des Trostes für unsere Mühsale ist, dass unsere Rettung und unser Heil gleichsam in Gott beschlossen liegen. Denn so lange die Menschen sich um sich selbst drehen, können sie überhaupt keine Hoffnung fassen, die nicht alsbald zusammenbräche. Darum muss das Gemüt Gott zugewandt sein, dessen Barmherzigkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit währt über die, so ihn fürchten, wie David sagt (Ps. 103, 17), und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind. Weil also unser Heil sich auf Gottes Güte gründet, stellt Jesaja uns wieder die Nichtigkeit der Menschen und die einzige Vertrauenswürdigkeit Gottes vor. Das ist also der Sinn dieser Zusammenstellung: das Heil in Gott, wodurch er nicht sich, sondern uns bewahrt, ist Gerechtigkeit, die er zu unserer Verteidigung und Bewahrung offenbart. Ferner lehrt die Zusammenstellung des beständigen Heils mit der göttlichen Gerechtigkeit, dass Gottes Diener auf keine Weise untergehen können, wofür wir schon kürzlich an einen Ausspruch Davids erinnert haben (Ps. 102, 28 f.). Bleibender Bestand wird dort den Kindern Gottes zugesprochen, die nicht auf sich selbst, sondern auf Gott sich gründen und an ihm das Fundament ihres Heils besitzen.

V. 9. Wohlauf, zeuch Macht an, du Arm des Herrn. Hier zeigt der Prophet, dass wenn Gott uns mit seinen Verheißungen aufrichtet, wir zugleich mit Bitten anhalten müssen, dass er das gewähre, was er verheißen hat. Sein Trost soll uns nicht sorglos machen, sondern uns zu größerem Eifer im Gebet entflammen, sowie zur anhaltenden Übung unseres Glaubens. Der Prophet redet aber nach menschlicher Gedanken Art: wir meinen, Gott schliefe, solange er unserem Mangel nicht abhilft. Ja, soweit kommt der Herr uns entgegen, dass er uns nach unserem schwachen Verstand reden und bitten lässt. Also bitten die Frommen vom Herrn, dass er sich ermuntern möge, nicht weil sie meinen, er gebe sich im Himmel gemächlicher Ruhe hin, sondern vielmehr bekennen sie ihre Langsamkeit und Unwissenheit, weil sie von Gott, solange sie seine Hilfe nicht spüren, nichts zu fassen vermögen. Inzwischen aber, während unser Fleisch ihn für schläfrig und unempfindlich gegen unser Unglück hält, steigt der Glaube höher hinauf und ergreift seine immerwährende Kraft. Man sagt also vom Herrn, dass er erwacht und Macht anzieht, wenn er Beweise seines kraftvollen Wirkens gibt, nachdem wir zuvor meinten, dass er müßig dasäße (Ps. 78, 65). Indem nun der Prophet seine Rede an den Arm Gottes richtet, der verborgen ist, stellt er ihn den Frommen ganz anschaulich vor Augen; so lernen sie begreifen, weil Gott ihnen seine Hilfe entzogen hatte. Dass aber Gott zu helfen zögerte, wie wir sahen, war dadurch veranlasst, dass Israel ihn verlassen hatte. An das, was der Herr vor Zeiten getan, erinnert der Prophet, um dem Volk alles ins Gedächtnis zu rufen, was Gott von jeher für ihr Heil getan hat. Denn obwohl es scheint, als habe er aufgehört uns zu helfen und die Sorge für uns fahren lassen, so ist er doch derselbe Gott, der früher für seine Kirche eintrat. Also kann er die, welche er einmal in seinen Schutz genommen hat, nie verlassen oder verwerfen.

Von Alters her. Die Wiederholung macht noch klarer, dass man nicht nur die jüngste, sondern auch die ferne Vergangenheit betrachten soll. Denn wir müssen auf die ältesten Zeiten merken, um uns aus den Versuchungen loszumachen, in denen wir sonst leicht erliegen. Also häuft hier der Prophet die Zeugnisse der göttlichen Gnade, die zu verschiedenen Zeiten in großer Menge kund geworden sind, damit, wenn wenig nicht genügen sollte, die Fülle doch den Glauben der Gemeinde gründlich befestige. Weil eine vollständige Aufzählung zu lange wäre, hebt er jenes hervorragende und vor anderen merkwürdige Beispiel heraus, das die wunderbare Erlösung aus Ägypten nun einmal für das Volk gab. Denn ich zweifle nicht daran, dass er unter den „Stolzen“ das stolze und unbändige Ägypten versteht; wenigstens dient auch im Psalm (87, 3) das entsprechende hebräische Wort „Rahab“ zur Bezeichnung Ägyptens. Ebenso nennt Hesekiel (29, 3) den König Ägyptens einen „Drachen“. So darf man auch für unsere Stelle die Erklärung als richtig annehmen, dass sie sich auf die wunderreiche Befreiung des Volkes aus Ägypten bezieht. Wenn damals jener Stolz Ägyptens gebändigt und gedemütigt, und der Drache zerhauen und verwundet wurde, warum sollten wir nicht auf Gleiches hoffen? Wenn der Prophet nachdrücklich fragt, ob nicht der Arm Gottes noch unverändert wirke, so gründet er seinen Beweis auf Gottes Wesen. Von eines Menschen Arm könnte solches nicht gesagt werden, dessen Kräfte, ob sie auch noch so groß waren, mit der Zeit verfallen und vergehen, während keine Ewigkeit Gottes Kräfte mindern kann. Wenn nun auch Jesaja nicht aller Wunderzeichen gedenkt, durch die Gott die Erlösung seines Volkes aus dem Diensthause Ägypten auszeichnete, will er doch mit den wenigen, die er erwähnt, auf alle hinweisen, von denen Mose berichtet, damit die Juden darauf achteten, auf wie mannigfache Weise Gott seine Macht erwiesen hat. So wird (V. 10) auf die Austrocknung des Roten Meeres hingewiesen, nicht nur, weil sie ein so großes Wunder war, sondern weil sie den Schlussstein einer langen Reihe von Wundern bildete, die geschehen waren, damit das Volk der ungerechten Gewalt und Herrschaft entrissen würde und in das ihm verheißene Land ziehen könnte. Darum gedenkt der Prophet insonderheit der Öffnung des Weges der Erlösung. So ist denn dies auch für uns ein Beispiel, aus dem wir erkennen, dass der Herr auch in Zukunft derselbe gegen uns sein wird, der er früher war.

V. 11. Also werden die Erlösten des Herrn wiederkehren. Nun erklärt der Prophet deutlicher, was er vorher nur kurz berührt hatte: nachdem er die herrlichen Taten Gottes erwähnt, wodurch er vor Zeiten seine Macht in Ägypten gezeigt hat, um sein Volk zu befreien, schließt er, dass weder das Meer, noch die hohen Felsen, noch die Abgründe, ja selbst die Hölle nicht widerstehen können, wenn Gott das Volk aus Babel herausführen will. Zu größerer Versicherung und Anwendung des Beispiels auf sie selbst bezeichnet er sie als „Erlöste“, damit sie erkennen, dass es sich auf sie bezieht, wenn Gott sich den Befreier eines Volkes nennt; so dürfen sie nicht zweifeln, dass er an ihnen ein ebenso großes Befreiungswerk offenbaren wird, wie man es vor Zeiten schaute, da seine Weise noch immer dieselbe ist.

Und gen Zion kommen, d. h. an den Ort, wo Gott will, dass sein Name angerufen, also sein Tempel aufgerichtet und der reine Gottesdienst wiederhergestellt werde. Während die Juden in der babylonischen Verbannung Hoffnung auf eine ähnliche Hilfe hegen durften, wie die Väter sie erfahren hatten, weil Gott gleicherweise auch ihr Erlöser wie jener sein wollte, hatten sie eins vor den Vätern voraus, nämlich dass Gott den Berg Zion erwählt hatte, wo nach seiner Verheißung ewig seine Ruhe sein sollte. Weil aber das künftige Werk Gottes, das Jesaja verheißt, so wunderbar sein wird, darum ermahnt er das Volk zu Lob und Dank. Denn das „Jauchzen“ gilt dem Herrn, indem wir dadurch seine Wohltaten anerkennen. Groß, unverhofft ist die künftige Veränderung, so dass die Kinder Israel den stärksten Grund zu Freude und Dank haben. Dass Freude auf ihrem Haupt sein wird, ist eine Anspielung auf die Gewohnheit, sich bei frohem Mahl mit Kränzen zu schmücken. Dass Wonne und Freude sie ergreifen, soll die Stärke und Dauer des Genusses ausdrücken. Schließlich fügt der Prophet weiter ausmalend hinzu, dass Trauer und Seufzen von ihnen fliehen wird, damit sie nicht fürchten, dass wie so häufig im schnellen Wechsel großes Leid die Freude ablösen werde. Auch liegt darin die Ermahnung, geduldig denn nun verheißenen Ausgang zu erwarten, ob sie schon jetzt in fortwährender Trauer seufzen.

V. 12. Ich, Ich bin euer Tröster. Hier verheißt der Herr den Juden nicht nur Gnade und Heil, sondern stellt sie zur Rede, weil sie ihm den Glauben versagten und seine Macht ungebührlich herabsetzen. Denn es ist durchaus unwürdig, sich von den Drohungen der Menschen so schrecken zu lassen, dass man Gott Hilfe für nichts achtet: denn eben deshalb rühmt er seine Macht, um uns gegen alle Angriffe zu stützen. Darum zeugt eine allzu große Furcht vor Menschen von Gottesverachtung. Es ist ganz ungeziemend, sich durch Schrecken beunruhigen zu lassen, die von Menschen hervorgerufen werden, wenn Gott zur Ruhe ruft. Auch ist der Menschen Undankbarkeit gewiss etwas Wunderbares, die vernehmen, dass Gott auf ihrer Seite ist, und doch aus seinen so herrlichen Verheißungen keine Hoffnung schöpfen und nicht wagen, mit unerschüttertem Herzen auszurufen: Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein? So wird ihr Gemüt durch die Gefahren in der Betäubung festgehalten, dass sie dem sterblichen Menschen mehr Macht zu schaden zutrauen, als Gott zu helfen. Mit Recht werden also die Juden getadelt, dass sie sich dieser Verheißungen nicht trösten, wodurch sie unbesieglich allen Gefahren trotzen könnten. Es ist die größte Beschimpfung Gottes, an seiner Wahrheit zu zweifeln, und dies ist der Fall bei uns, wenn wir uns von Menschen so schrecken lassen, dass wir den Mut nicht mehr finden, uns bei seinen Verheißungen zu beruhigen. Die Wiederholung „Ich, Ich“ wirkt besonders nachdrücklich. Denn der verheißt den Trost, der wahrhaftig ist, gegen den Menschenkraft und Rat nichts vermag. Misstraust du ihm, so weißt du nicht und bedenkst nicht, wer er ist.

Dass du dich vor Menschen fürchtest. Wie zerbrechlich, hinfällig, flüchtig und eitel ist doch der Menschen Zustand und wie frevelhaft der Stumpfsinn, der Schatten und Rauch mehr achtet als Gott! Menschen, die Gottes eingedenk sind, können sich nicht von Furcht außer Atem bringen lassen. Als sind wir gottvergessen, wenn drohende Gefahr uns betäubt. Darum heißt es weiter:

V. 13. Und vergisst des Herrn. Es ist nicht genug, es gäbe einen Gott, sondern als unseren Gott müssen wir ihn erkennen und erfassen. „Der dich gemacht hat“ bezieht sich nicht auf die Erschaffung, sondern auf die geistliche Wiederherstellung, wie wir anderen Ortes gesehen haben. So nennt uns Paulus (Eph. 2, 10) Gottes Werk, geschaffen zu guten Werken. Wenn wir also unserer Erschaffung und Gotteskindschaft eingedenk sind, dürfen wir hoffen, dass dem Anfang der Fortschritt stets einsprechen werde, wollen wir anders nicht undankbar sein gegen den Gott, der sich uns in sicherer Erfahrung als wahrhaftig erwiesen hat. Aber nicht nur an sein besonderes Wohlwollen gegen sein Volk erinnert Gott, sondern darnach auch an seine unermessliche Macht. Er stellt dieselbe der Schwachheit der Menschenkinder gegenüber, die er soeben mit vergänglichem Heu verglich. Und er beweist diese Macht an den Werken, so dass ein Mensch, der sie nicht wahrnimmt, völlig stumpfsinnig sein muss. Können wir doch nirgendhin die Augen wenden, ohne die umfassendsten Beweise der göttlichen Güte und Macht zu schauen, was mit verkürztem Ausdruck in den Worten gesagt ist: der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet. Es ist also größte Verstandeslosigkeit und Lässigkeit, des Herrn zu vergessen, da er sich mit so vielen Zeichen und Denkmalen den Menschen in Erinnerung bringt.

Du aber fürchtest dich usw. Derselbe Vergleich wird fortgesetzt. Wer sind denn die Menschen, heißt es, die du fürchtest, wenn du sie mit Gott vergleichst, der dir seine Hilfe verheißt? Gräulich wird Gott beleidigt, wenn wir nicht einsehen wollen, dass er mächtiger ist, uns zu schützen, als die Feinde, uns zu verderben. Also will Gott, dass wir erkennen, wer und wie groß er ist, wie lang und weit seine Macht, damit keines sterblichen Menschen Wut fürchten, der wie Wind und Rauch vergeht.

V. 14. Der Gefangene wird eilends losgegeben. Es könnte sinnlos scheinen, dass hier von einer eiligen Losgebung geredet wird, während die Gefangenschaft noch so lange dauerte; doch redet Gott nicht ohne Ursache so, wenn er auch bis auf die rechte Zeit die Erfüllung aufschiebt. Mag es uns auch lang vorkommen, doch ist es kurz, weil es die angemessene und geeignete Zeit ist. Ja, auch dann erscheint die Zeit als kurz, wenn man auf den Zustand jenes Reiches blickt, das so weit und wohl geordnet war, dass es für immer unzerstörbar zu sein schien. Was uns bei den Verheißungen Gottes lange zu dauern scheint, wird kurz, wenn wir nur nicht zu widerwillig sind, unsere Augen gen Himmel erheben.

Die folgenden Worte bestätigen diesen Sinn: dass er nicht hinsterbe zur Grube. Darum also beeilt sich Gott, die Seinen bald zu befreien, damit sie sich unversehrt aus der Tiefe erheben. Ja, die Verheißung des Herrn, plötzlich seinem Volk zu helfen, geht nicht nur auf eine Befreiung aus der Gefangenschaft, sondern auch auf die nachfolgende Gewährung seiner Guttaten an das befreite Volk, denn er verheißt ihm alles zum Lebensunterhalt Nötige, damit es vertraue, dass Gott ihm beständige Fürsorge werde angedeihen lassen. Er pflegt ja nicht nur Augenblick, sondern immerfort bereit zu sein, den Seinen zu helfen.

V. 15. Denn Ich bin der Herr. Wiederum preist der Herr seine Macht; denn der Menschen Unglaube und Stumpfheit ist groß. Mag man ihnen immer wieder Gottes Macht verkünden, so zeigt doch die geringste Anfechtung, dass sie durchaus nicht hinreichend von ihr überzeugt sind. Immer wieder kehren sie den Blick auf sich selbst und denken nicht daran, dass, was bei Gott ist, ihnen zu Gute kommt. Übrigens spricht der Herr nicht im Allgemeinen, sondern bringt jenen Beweis wieder vor, den er schon oft anwandte, nämlich, dass er in der Erlösung der Väter ein für allemal den Nachkommen die Verheißung ewigen Heils gegeben hat. So ruft er aus, er sei derselbe Gott, der ehedem das Meer austrocknete1), und fügt in weiterer Ausmalung des Wunders hinzu, dass die Wellen, so sehr sie tosen, seinem Winke sich haben fügen müssen. Man muss also wissen, dass es keine noch so aufgeregten Wogen gibt, die der Herr nicht ebnen und stillen könnte, um seine Kirche zu befreien. Er erregt das Meer und beruhigt es wieder nach seinem Wohlgefallen. Mit dem Namen Herr Zebaoth, d. h. Herr der Heerscharen, wird Gott geschmückt, um den weiten Umfang seiner Macht zur Erkenntnis zu bringen. Auf seine Macht aber zeigt er hin, so oft er seiner Kirche Hilfe bringen will.

V. 16. Ich lege mein Wort in deinen Mund. Damit kehrt die Rede zu der Ankündigung zurück (V. 12): „Ich, Ich bin euer Tröster.“ In eben diesem Sinne erklärt der Herr jetzt, dass er seinen Propheten in den Mund gelegt habe, was sie sagen sollen. Daraus darf man den Schluss ziehen, dass ihre Rede nicht von einem Menschen ausgeht, der trügerisch zu sein pflegt, sondern von dem Gott, der nicht lügen kann. Angeredet sind alle Propheten, zuerst Jesaja, dann ein jeglicher in seiner Ordnung, endlich muss man auch an Christus denken. Denn man darf diese Worte durchaus nicht auf Jesaja oder auf Christus beschränken, sondern muss sie an alle Propheten gerichtet sein lassen. Es will aber der Herr, dass man diese Tröstungen aus dem Munde der Propheten so anhöre, als rede er selbst leibhaftig; ja, er gibt zu verstehen, dass er tatsächlich durch ihren Mund sich offenbart. Man muss daraus auch den Schluss ziehen, dass niemand sonst der Kirche mit Tröstungen nahen darf, als wer aus dem Munde des Herrn redet. Wer nur eigene Träume vorbringt, und wäre es unter Vorsetzung des Namens Gottes, ist abzuweisen. So gilt es, auf die Absicht des Propheten zu achten: da er weiß, dass des Menschen Gewissen ängstlich schwankt, wenn nicht Gott es stark macht, prägt er eben den Grundsatz ein, dass Gott es ist, der durch die Propheten redet, - sonst müssten wir ja stets in Zweifeln der Ungewissheit umgetrieben werden. Besonders nachdrücklich ist seine Redeweise, indem er ausdrücklich auf den Auftrag Gottes sich beruft, der ihm zur Ausrichtung seines Amtes Mut gab.

Und bedecke dich unter dem Schatten meiner Hände. Obwohl dies schon gesagt wurde (49, 2), ist die Wiederholung nicht überflüssig; wir sollen nicht daran zweifeln, dass Gott seinen Dienern stets nahe ist, sie mit seiner allgegenwärtigen Hilfe zu unterstützen und dadurch über alle Hindernisse zu erheben. Zweierlei ist aber nötig, damit sie unter diesem Schatten des Herrn bedeckt werden: erstens müssen sie des gewiss sein, dass es Gottes Wort ist, das sie verkünden, zum anderen, dass sie dazu den Auftrag von Gott haben. Denn wer sich so ohne weiteres herzudrängt, mag wohl des Namens Gottes sich rühmen, aber vergeblich; wo es zu ernstlichem Kampf kommt, muss er ermatten. Haben wir aber das Zeugnis des Gewissens, so brauchen wir an Gottes Schutz und Hilfe nicht zu zweifeln, die uns zum Siege hindurchdringen lässt. Als Zweck der prophetischen Sendung gibt Gott an: auf dass ich den Himmel pflanze und die Erde gründe. Die Meinung ist, dass Gott alles in seine rechte Ordnung zurückbringen wird. Dass dies der einfache Sinn des sehr verschieden gedeuteten Ausdrucks ist, scheint mir daraus hervorzugehen, was Paulus (Eph. 1, 10) sagt: „dass alle Dinge zusammen verfasset würden in Christo, beide, das im Himmel und auf Erden ist, durch ihn.“ Denn da wir in Folge des Falles der ersten Menschen nur eine ungeheure Verwirrung erblicken, die auch die stummen Kreaturen ergriffen hat, dass sie gewissermaßen die Strafen unserer Sünde tragen, kann die Wiederherstellung nur durch Christus erfolgen. Also, da eine schreckliche Zersplitterung das Angesicht der ganzen Welt entstellt, heißt es nicht ohne Grund von den frommen Lehrern, dass sie die Welt erneuern. Denn es ist, als schüfe Gott durch ihre Hand Himmel und Erde neu. Man sieht daraus, wie gräulich unsere Sünde ist, da ihr eine so schreckliche Störung der Schöpfung folgte. Dass der Himmel gepflanzt und die Erde gegründet wird, hat also den Sinn, dass der Herr seine Kirche durch sein Wort gründet. Das aber tut er durch die Arbeit seiner Diener, die er durch seinen Geist treibt und gegen Feindseligkeiten und allerlei Gefahr schützt, damit sie den von ihm erhaltenen Auftrag wirksam ausführen. Endlich weist das Wort höher hinauf, über die Gestalt der sichtbaren Welt hinaus, die bald vergeht; es will nämlich die Hoffnung himmlischen Lebens im Herzen der Frommen erwecken und nähren. Weiter aber gründet sich der feste Bestand der Kirche sowie die Wiederherstellung der Welt darauf, dass die Auserwählten zu einer Einheit des Glaubens gesammelt werden, in welcher sie alle einmütig zu Gott nahen, wie er sie sanft und liebkosend mit diesem Worte einlädt: Ich bin dein Gott. Auch sieht man hier, wie viel dem Herrn am Heil der Kirche gelegen ist, da er dasselbe nicht nur der ganzen Welt vorzieht, sondern auch zeigt, dass die Gründung der Welt davon abhängt. Man muss auch darauf merken, welcher Art das Wort ist, das der Herr zu verkündigen befiehlt. Es gibt uns nicht nur eine Lebensregel, sondern ist das Zeugnis unserer Gotteskindschaft, worin unser Heil vornehmlich besteht.

V. 17. Wache auf usw. Weil die Kirche Gottes in Zukunft schwere Drangsal wird ertragen müssen, wappnet der Herr sie mit Trost und begegnet dem Zweifel, der entstehen konnte, weil die einstweilen von den Gewaltigen unterdrückten Juden keine Frucht dieser Verheißungen sehen konnten. So verkündet er, dass die Kirche, so vielfach sie auch in Trübsal und Erregung gekommen ist, doch gewiss aufgerichtet werden soll zu voller Kraft. Das Wort „Wache auf!“ ruft sie gewissermaßen aus Tod und Grab heraus. Es will etwa besagen: kein noch so schwerer Fall, keine noch so schreckliche Verwüstung wird imstande sein, den Herrn an dieser Wiederaufrichtung zu hindern. Dieser Trost war sehr nötig. Denn so lange Traurigkeit unser Herz ganz einnimmt, meinen wir, die Verheißungen gingen uns nichts an. Daher muss es uns des Öfteren ins Gedächtnis zurückgerufen und beständig vorgehalten werden, dass Gott es ist, der redet und uns darauf hinweist, dass wir Menschen uns nicht in einem ungeschwächten und blühenden Zustand befinden, sondern verderbt und tot sind, und dass er uns dennoch durch sein Wort aufrichten und erwecken kann. Diese Heilslehre gilt denn auch denen nicht, die an diesem Todeszustand hangen, sondern denen, die darüber bekümmert sind.

Die du den Kelch seines Grimmes getrunken hast. Es ist ein gewöhnliches Bild, dass der Herr die auferlegte Strafe einen „Kelch“ heißt, ein gewisses Maß, das er jedem zuteilt. So oft dabei von den Auserwählten die Rede ist, deutet der Ausdruck „Kelch“ auf eine Mäßigung des göttlichen Urteils, weil der Herr, auch wenn er sein Volk hart heimsucht, doch Maß hält. Der „Taumelkelch“ ist demnach ein Kelch der Angst und des Zitterns, der die Menschen fast betäubt, wenn schwere Kümmernisse sie drücken. Man kann sagen, sei seien so trunken, als ob sie den Becher ganz bis auf den Grund geleert hätten, weil ihr Elend und Verderben die überhaupt erdenkliche Höhe erreicht haben. Darauf deutet auch der Schluss: und die Tropfen geleckt. Im Übrigen wird die Gemeinde Gottes hier daran erinnert, dass ihr nirgend anderswoher alles Übel zukommt, als von Gottes Hand, damit sie es weder für Zufall halte noch meine, sie würde unverdientermaßen geschlagen. Denn das ist die Absicht des Propheten, dass das Volk die Gerechtigkeit der ihm auferlegten Strafen seiner Sünden erkenne. Denn niemand kann sich erheben, der nicht zuvor seinen Fall erkannt hat, noch aus seinem Elend erlöst werden, der nicht einsieht, dass er selbst schuld daran ist. Darum findet die Verkündigung des Trostes nur da Raum, wo Buße vorhergeht. Wenn also hier von Hefen die Rede ist, so ist die Meinung nicht etwa die gleiche wie in einer ähnlichen Stelle bei Jeremia (25, 15 ff.). Dort handelt es sich um die Verworfenen, welchen der Herr mit seinem Kelche zum Verderben einheizt. Hier aber soll das Bild eine gerechte und bis zu ihrem Ziel sich erschöpfende Strafe beschreiben, welcher der Herr doch ein Maß setzt. Wenn also der Herr nach seinem Willen die Strafen von uns nimmt und unserem Elend ein Ende macht, sagt er, die Hefen seien nun ausgetrunken (vgl. auch 40, 2).

V. 18. Es war niemand, der sie leitete. Dieser Vers stellt die Höhe des Verderbens der Kirche vor Augen. Denn das allerschwerste und in jeder Hinsicht äußerste ist, dass sie von den Kindern, die sie hervorgebracht hat, keinerlei Erleichterung und Trost empfängt. Der Prophet gedenkt aber dieses höchsten Elends, damit die Gemeinde, wie beklagenswert ihr Zustand auch ist, nichtsdestoweniger von Gott den Trost erwarte, um den er niemals seine Diener betrügen wird, und wären sie bis in die Hölle versunken. Wie sehr also auch die Kirche von den Menschen verlassen ist, selbst von denen, die sie an ihrem Busen genährt und liebevoll gepflegt hat, Gottes Hilfe wird ihr doch nicht fehlen. Kein herberes Geschick widerfährt einer Mutter, als wenn ihre Kinder, die sie unterhalten müssten, sie im Stich lassen. Solche Undankbarkeit, die man als unmenschlich bezeichnen muss, ist schwerer zu ertragen, als zügellos wilde, feindliche Wut. Denn wozu gebiert und erzieht eine Mutter Kinder, wenn diese sie gegebenen Falles nicht wieder unterhalten wollen? Wenn aber die Kinder diese ihre Pflicht vernachlässigen, muss sie da nicht glauben, sie habe sie umsonst geboren und aufgezogen? Also, obwohl die Kirche in mütterlicher Weise Kinder bis zum mündigen Alter aufgezogen hat, muss sie doch klagen, dass die Undankbaren ihr keinerlei Hoffnung auf Hilfe und Trost gewähren. Doch der Gedanke des Propheten reicht noch weiter: er will auch zu verstehen geben, dass jene Söhne entartet und ganz verkehrt sind, die ihrer Mutter keine Hilfe gebracht haben, weswegen sie ihren Verlust mit größerem Gleichmut ertragen möge. Hart und traurig war es für die Kirche, ganz und gar ihrer Sprösslinge beraubt und zur Kinderlosigkeit zurückgebracht zu werden, - und doch musste sie dies erleiden. Aber der Prophet erinnert an den Unwert derer, um derentwillen die Mutter so traurig ist; sie solle vielmehr der neuen Nachkommenschaft warten, wie es in Psalm (102, 19) heißt: „Das Volk, das geschaffen soll werden, wird den Herrn loben.“ War hier der Prophet schreibt, passt auch durchaus auf unsere Zeit. Denn viele rühmen sich zwar ihrer Zugehörigkeit zur Kirche, wie wenig ist aber derer, die sich um ihre Drangsale kümmern! Wen ängstet ihr Niedergang? Wer lässt sich dadurch bewegen, seine Kraft für sie einzusetzen? Wie viele geben sie preis, ja verfolgen sie gerade unter dem Vorwande der Zugehörigkeit schlimmer, als ihre öffentlichen und erklärten Feinde! Eben damit erreicht ihre Drangsal sozusagen die Höhe. Ja, die in der Kirche wollen für die Ersten gehalten werden, geben sich nicht so sehr für ihre Söhne aus, als vielmehr, unter Missbrauch dieses Namens, für ihre Väter, verlassen sie treulos, gerade wo sie um Treue inständig bittet. Darum ist es keineswegs zu verwundern, wenn Gott sie verjagt, um mit echten und rechten Kindern seine Kirche zu füllen.

V. 19. Diese zwei sind dir begegnet usw. Fast dasselbe hat der Prophet früher (47, 9) über Babel gesagt: es wird dir solches beides kommen plötzlich auf einen Tag, Kinderlosigkeit und Witwenschaft. Hier aber verheißt der Herr der Kirche schließlich einen ganz anderen Ausgang der Sache; er wird sie eben aus der Tiefe des Abgrunds heraufholen. Das größte Leid wird aber verkündigt, damit die Gläubigen sich zur Geduld rüsten und nicht aufhören, in ihren Ängsten sich betend und flehend nach oben zu wenden. Es scheint, als müsse die Kirche durch Übel aller Art erdrückt und ganz und gar zermalmt werden, da sie von außen die schwersten Drangsale auszuhalten hat, und im Innern ihre Angehörigen sie ohne Hilfe und Unterstützung lassen. Eben dies sind die zwei überaus herben Dinge, welche der Prophet meint. Die von außen kommenden Übel werden mit den Worten beschrieben: Verstörung und Schaden, Hunger und Schwert. Das innere Leid ist der Mangel an Mitleid und Trost.

Die Frage „Wer sollte dich trösten?“ schließt die Hoffnung auf irgendwelchen Trost aus. Dieser Vers entspricht dem vorhergehenden, wo wir schon erklärt haben, wozu der Prophet den so unglücklichen, beklagenswerten Zustand der Kirche beschreibt.

V. 20. Deine Kinder waren verschmachtet usw. Dieser Zug malt den traurigen und jammervollen Zustand der Kirche noch weiter aus. Es gibt keinen herberen Schmerz für eine Mutter, als wenn vor ihren Augen ihre Kinder vernichtet werden, vollends wenn es sich nicht nur um eines handelt, sondern um alle, wenn sie „auf allen Gassen liegen.“ Ein Vergleich mit gefangenen Tieren wird hinzugefügt: dass sie im Netze liegen, will ausdrücken, dass auch die Stärksten dem Verderben nicht entrinnen können. Das nächste Satzglied deutet sehr eindringlich darauf hin, dass von alledem nichts durch blinden Zufall geschieht: sie sind voll des Zorns vom Herrn. Und doch dürfen sie den Herrn nicht der Grausamkeit zeihen, wenn er sich ernstlich gegen sie wendet; denn sein Gericht ist recht und gerecht. Dabei ist daran festzuhalten, dass die Gläubigen die Hoffnung nicht fahren lassen dürfen, mögen auch noch so viele Schläge sie zur Verzweiflung reizen.

V. 21. Darum höre dies usw. Von hier an wird es deutlicher, wozu der Prophet vom Unglück der Kirche geredet hat: nämlich damit die Gläubigen lernen nicht zu zweifeln, dass der Herr zu trösten bereit ist, obwohl sie das Äußerste erdulden. Aber warum bezeichnet er die Gemeinde Gottes als die„Elende“ , da es doch kein größeres Glück gibt, als Gottes Eigentum zu sein, und dieses Glück durch keine Drangsale beeinträchtigt werden kann? Es heißt doch nicht umsonst (Ps. 33, 12; 144, 15): „Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist.“ Ich antworte: nur in einem gewissen Betracht ist die Gemeinde elend und unglücklich; und der Herr nennt sie so nicht ohne Grund: denn, wie wir schon hörten, gerade den Unglücklichen und von Hilfe Verlassenen will er helfen. „Trunken“ nennt er sie, weil die Gläubigen die ihnen auferlegten Strafen niemals so standhaft ertragen, dass sie nicht mitunter dadurch betäubt würden; aber, obgleich betäubt, müssen sie des eingedenk sein, dass sie vom Herrn gestraft sind, und also glauben, dass der Herr ihnen nahe ist. Freilich redet er nicht die Starken und Gesunden an, sondern die Schwachen, Unglücklichen, Verwirrten, die Trunkenen ähnlich sind, und sagt, dass er ihnen Trost bringt. Kurz, mit diesem Wort lehrt er zur Linderung ihrer Betrübnis, dass er auch dem äußersten Übel zu begegnen, die dem Verderben verfallene Kirche zu retten, sozusagen einen schon verwesenden Leichnam zu erwecken vermag.

V. 22. Nicht willkürlich gibt der Prophet dem Herrn hier drei besondere Namen: „Herrscher“ oder Sachwalter der Kirche, ihr„Gott“ , und endlich ihr Rächer, „der sein Volk rächt“ . Denn immer sollen wir uns vor Augen stellen, in welch nahem Verhältnis wir zu Gott stehen, weil er uns so vertraut anredet, da er einen ewigen Bund mit uns gemacht hat durch die Aufnahme in sein Volk. Durch solche Eingangsworte wurden vor Zeiten die Juden ermuntert, nicht an dem zu zweifeln, was hier verheißen wird. Ebenso steht es jetzt mit dem Volk des neuen Bundes, das Gott nicht minder in seine Gnade und seinen Schutz aufgenommen hat. Rächer aber nennt sich Gott, damit wir in den schweren Gefahren, die uns drohen, wenn es gar aus mit uns zu sein scheint, zu diesem Anker unsere Zuflucht nehmen, dass er selbst Schützer und Rächer seines Volkes sein will. Und dies gilt nicht allein, wenn äußere Feinde uns angreifen, sondern auch bei den Angriffen des Satans.

Ich nehme den Taumelkelch von deiner Hand. Dies zeigt uns den Inhalt unserer Hoffnung: Gott züchtigt seine Kirche nur eine Zeitlang. Zugleich sollten die Juden daraus lernen, dass jedwedes Unglück ein gerechter Lohn ihrer Sünden sei, und dass ohne Versöhnung mit Gott sich kein Ende absehen ließe. Also: des Herrn Zorn wird besänftigt werden, so dass er den Schlägen, womit er bisher seine Kirche straft, Maß und Ende setzt. Über das Bild vom Kelch sprachen wir soeben schon (zu V. 17). Der Hinweis auf die Hefen will besagen, dass nun das volle Maß der Strafe erreicht ist, mit welchem Gott nach seiner Gnade sich zufrieden gibt.

V. 23. Sondern ich will ihn deinen Schindern in die Hand geben. Der andere Teil des Trostes ist das Versprechen, dass der Herr nicht nur die Kirche von so großem Übel erlösen wird, sondern auch die Leiden, womit sie betrübt wurde, ihren Feinden auferlegen will. Also wenn wir betrübt werden, soll sich unsere Lage bald ändern, dagegen werden die Feinde die schwersten Strafen leiden. Denn es ist so, wie Paulus sagt (2. Thess. 1, 6 ff.): „Es ist recht bei Gott, zu vergelten Trübsal denen, die euch Trübsal anlegen, euch aber, die ihr Trübsal leidet, Ruhe mit uns, wenn nun der Herr Jesus wird offenbart werden vom Himmel samt den Engeln seiner Kraft, und mit Feuerflammen Rache zu geben über die, so Gott nicht erkennen, und über die, so nicht gehorsam sind dem Evangelium unseres Herrn Jesu Christi.“ Es sind also die zeitlichen Strafen, womit Gott sie trifft, das Vorspiel des ewigen Urteils, dem sie schließlich anheimfallen. Um die Frechheit und den Übermut der Feinde, wie wir sie täglich von ihnen erfahren, deutlich zu kennzeichnen, führt der Prophet ihre eigenen Worte an, womit sie die armen Kinder Gottes schmählich quälen. Denn mit der Gottlosigkeit ist stets Übermut und Grausamkeit verbunden; die wahre Gotteserkenntnis macht die Menschen sanftmütig, so wird, wer Gott nicht kennt, wild, roh und selbstgefällig, und maßlos schmäht er Gott selbst und seine Diener. Dies ist zwar sehr traurig und schlecht, aber wenn Gott es zulässt, dass sein eigener Name von den Gottlosen beschimpft wird, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass man uns seinetwegen beleidigt: haben wir doch weder höhere Würde als er, noch den Anspruch auf ein besseres Los als das der alten Gottesgemeinde. David wendet einen anderen Vergleich an (Ps. 129, 3): die Kirche gleicht einem Acker, der zerpflügt und mit Furchen durchzogen wird; zu oft ist sie zerrissen und niedergetreten, als dass wir für uns etwas anderes erwarten dürften.

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So übersetzt Calvin statt „bewegt“
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