Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 37.

Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 37.

V. 1. Da aber der König Hiskia usw. Der Prophet zeigt hier, wie für den frommen König nur eine einzige Hoffnung auf Rettung übrig blieb, seine Klagen vor Gott, den gerechten Richter, zu bringen. Es ging ihm nach den Worten des Psalmisten (Ps. 123, 2): „Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frau, also sehen unsere Augen auf den Herrn unsern Gott, bis er uns gnädig werde.“ Als es mit Jerusalem aus zu sein scheint, begibt sich Hiskia, von aller irdischen Hilfe entblößt, unter Gottes Schutz und bezeugt damit, dass es für ihn in seiner größten Not keine andere Hilfe gebe. Gottes Gnade wurde dadurch noch herrlicher, sodass es als ein offenbares Wunder erschien, als der fromme König samt dem ganzen Volke den Krallen jenes Löwen entrissen wurde. Hier können wir lernen, was wir in solch traurigen Lagen tun sollen. Da dürfen wir nicht faul und lässig sein im Gebet um die Hilfe des Gottes, der uns selbst zu sich ladet. Wir sollen dann nicht vor Furcht vergehen und nicht verzweifeln, sondern uns vielmehr durch die uns drückende Not treiben lassen, seine Hilfe zu suchen. So sehen wir es hier bei Hiskia, der sich alsbald in den Tempel begibt, um dort eine Zufluchtsstätte zu suchen und sich mit seinem ganzen Volke unter dem Schatten und Schutze Gottes zu bergen. Dabei zerreißt er sein Kleid, hüllt einen Sack um seine Lenden, streut Asche auf sein Haupt, und was dergleichen mehr ist. Das waren die üblichen Zeichen der Buße, durch welche schwer heimgesuchte Leute sich vor Gott als schuldig bekannten und um Vergebung flehten. Wunderbar ist die Demut dieses Königs, der nach so viel herrlichen Taten, bei so viel ausgezeichneten Tugenden sich dennoch als ein Bittender vor Gott niederzuwerfen nicht zögert. Wunderbar auch sein hochherziger Mut und die Standhaftigkeit seines Glaubens, dass er von solcher Bergeslast von Versuchung sich nicht erdrücken lässt, vielmehr aus freien Stücken zu Gott betet, von dem er so schwer heimgesucht ward. Unter hundert findet sich kaum einer, der nicht murrt, wenn er von Gott etwas strenger behandelt wird, der ihm nicht vorwurfsvoll seine guten Werke vorhielte und eine bessere Behandlung forderte. Andere klagen, wenn Gott auf ihre Bitten nicht antwortet, es sei alles umsonst, dass sie Gott verehrten. Nichts Derartiges entdecken wir bei Hiskia, der trotz einer seltenen Frömmigkeit mit einem Schuldbekenntnis nicht zurückhält. Wenn wir also Gott anrufen und im Unglück von ihm Gnade erfahren wollen, dann müssen wir bußfertigen Herzens unsere Schuld vor ihm bekennen. Heimsuchungen treffen uns nicht ohne Grund; Gott will uns durch dieselben zur Buße leiten. Allerdings, im Sack und in der Asche sitzen hat an sich nicht viel zu bedeuten, wenn nicht eine innere Herzenserschütterung vorhergeht. Auch die Heuchler lassen es an äußeren Bußbezeugungen durchaus nicht fehlen, aber, wie wir schon früher betonten, nur wenn diese echt sind, sind sie Gott angenehm. Das war sicherlich ein Beweis seltener Frömmigkeit und Demut, dass der fromme König mit dem ganzen Volke solche Gottesfurcht offenbarte und dass er im Sack und in der Asche ein freiwilliges Schuldbekenntnis ablegte. Könige schämen sich sonst wohl, sich so zu erniedrigen.

V. 2. Und sandte Eljakim usw. Diese Gesandtschaft hatte nicht nur den Zweck, den Jesaja in die Trauerversammlung zu holen, sondern auch den, aus seinen Worten Trost zu schöpfen. Gebete werden sicherlich fruchtlos in der Luft verhallen, wenn sie nicht auf Gottes Wort gestützt sind. Die Ungläubigen machen bei ihren Gebeten nur zu viel Geschrei, und dennoch fliehen sie Gott, lassen seine Verheißungen dahinten und verachten sie. Das war demnach ein Beweis der tiefen Frömmigkeit Hiskias, dass er, als er sich aufs Bitten legte, doch zugleich, um in der Versuchung nicht zu unterliegen, eine Stütze für seinen Glauben und seine Hoffnung suchte. Dabei hält er sich an die von Gott gesetzte Ordnung, dass er den Herrn durch den Mund des Propheten zu hören begehrt. Zwar gründet er sich allein auf Gott, aber er verschmäht dabei doch nicht das Zeugnis eines sterblichen Menschen. Mit Absicht wird darum gesagt, dass er zu dem „Propheten“ Jesaja schickte. Bei ihm sucht er stärkende Zusprache durch eine neue Weissagung. Und er wendet sich an ihn nicht als an einen Privatmann, sondern als an einen Knecht Gottes, dessen Amt es war, den frommen König mit Trost zu erquicken. Durch zwei Mittel sollen wir uns im Unglück aufhelfen. Zunächst müssen wir Gott anrufen, dass er uns frei mache; sodann müssen wir Propheten, wenn man sie haben kann, um Rat angehen, dass sie uns durch Gottes Wort Trost darbieten. Denn ihr Amt ist es, Heimgesuchte durch ihre Verheißungen aufzurichten und zu trösten. Sind keine Propheten da, so fließt uns aus Gottes Wort doch reichlich Trost und Erquickung zu. Jene Propheten müssen auch wir um Rat angehen; sie sind ja nicht nur für ihre Zeit bestimmt gewesen, sondern für alle Zeiten. Sie mögen tot sein, ihre Schriften sind noch da; ihr Wort lebt und wird niemals untergehen. Nie werden wir also der rechen Heil- und Trostmittel beraubt sein, wenn wir dieselben nur nicht zurückweisen. Doch die Hauptsache bleibt die: wir müssen immer Gott um Rat angehen.

Nun könnte einer fragen: Wusste denn Hiskia nicht sehr gut Bescheid in den Verheißungen Gottes? War es nicht ein Zeichen von Unglauben, dass er von dem Propheten neue Verheißungen verlangte? Ich meine, man darf es nicht als Unglauben oder Misstrauen ansehen, dass er eine neue Verheißung begehrt. Denn nur weil er seiner Schwachheit sich bewusst ist, zögert er nicht, sich neue Kraft zu holen. Unser Fleisch regt uns immer zum Unglauben an, daher müssen wir neuen Trost und neue Hilfe, ja Hilfe jeder Art zu erlangen suchen, um in den mannigfachen Versuchungen zu bestehen. Der Satan bestürmt und umlagert uns von allen Seiten, sodass wir, wenn wir nicht recht gerüstet sind, seinen Nachstellungen und Ränken kaum zu entgehen vermögen. Wenn wir also auch aus Gottes Wort w9issen, dass Gott uns in Heimsuchungen nahe ist, so lohnt es sich doch, wenn der Kampf heiß geworden, wieder und wieder den Mund des Herrn zu fragen und neue Kraft zu suchen, um unsern Glauben zu stärken. Zwar werden uns heute solch neue Verheißungen nicht mehr zuteil, dafür müssen wir die alten, die ja auch für uns geschrieben sind, auf unsere Verhältnisse anwenden.

V. 4. Dass doch der Herr hören wollte die Worte des Rabsake. Buchstäblich wäre zu übersetzen: „Vielleicht wird der Herr hören“ usw. Damit scheint Hiskia einen Zweifel zu äußern, ob der Herr ihn erhören wolle. Die Gläubigen pflegen, durch ihre schwierige Lage ganz verwirrt, wohl zu reden, auch wenn sie genau wissen, dass der Herr ihnen nahe ist. Zwar hätte Hiskia, wenn wir seine Lage ansehen, Ursache zum Zweifel gehabt; da er aber sein Auge auf Gottes Wort richtet, so wird er über den Willen Gottes getroster und gewisser, sodass sein Zagen schwindet. Es kann ja nicht anders sein: das Fleisch steht den Gläubigen im Wege, dass ihre Rede voller Zaghaftigkeit wird und sie ihre Worte je und dann den augenblicklichen Verhältnissen anpassen. Auch sonst kann man beobachten, dass die heiligen Männer Gottes in dieser Weise geredet haben, auch wenn sie von einer ganz gewissen Sache sprachen. So sagt der Apostel Petrus zu dem Magier Simon (Apostelgeschichte 8, 22): „Tue Buße für diese deine Bosheit und bitte Gott, ob dir vergeben werden möchte die Tücke deines Herzens.“ Er will den Simon nicht unsicher, verzagt und zweifelsvoll machen, solch Gebet wäre doch umsonst; vielmehr will er ihm dadurch die Schwere seiner Sünde recht zum Bewusstsein bringen; er will ihn damit ins Herz treffen, ihn zwingen, aus seinem Sündenschlafe aufzuwachen und in wahrer Buße dem Herrn zu nahen. Dieses „dass doch“ oder „vielleicht“ am Anfang des Verses soll also keinen Zweifel ausdrücken. Auch hat Hiskia nicht gemeint, dass Gott für die Schmähworte der Gottlosen taub wäre oder dass ihm überhaupt irgendetwas entginge. Vielmehr stand in Hiskias Herzen jenes Psalmwort fest (Ps. 145, 18): „Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen.“ Er will nur gegen die Verzweiflung angehen und rüstet sich deshalb mit den Waffen des Gebets. Weil er sich schwer durchringen muss, sagt er: Vielleicht – dass doch der Herr hören wollte.

Auf den ersten Blick scheint allerdings ein Widerspruch in den Worten Hiskias zu liegen. Denn er ist doch sicher und ohne Zweifel davon überzeugt, dass dem Herrn nichts verborgen ist und dass er die Schmähreden Rabsakes vernommen hat. Und doch sagt er: Vielleicht – dass doch der Herr hören wollte oder möchte. Das Wort „hören“ gebraucht er in doppeltem Sinne. Dass Gott es gehört hat, davon ist Hiskia fest überzeugt. Nur darüber ist er mit sich selbst nicht im Klaren, ob Gott auch die Schmähungen des unreinen Hundes vor sein Gericht ziehen und ins Verhör nehmen wolle. Denn Gott verschiebt oft die Rache, zögert eine Zeitlang und scheint mit geschlossenen Augen vorüberzugehen. Wohl nimmt Hiskia als selbstverständlich an, dass dem Herrn alles offenbar und sichtbar ist; nur fragt er besorgt, ob Gott auch mit der Tat zeigen werde, dass er über die Schmähreden des Rabsake in Zorn entbrannt sei und sie nicht länger ungestraft lassen wolle. Endlich wünscht Hiskia, dass Gott dies Hören tatsächlich dadurch bekunde, dass er das Volk aus seiner bedrängten Lage befreie und sich als Richter offenbare. Tut Gott solches, dann erkennen wir tatsächlich, dass er alles gehört und gesehen hat. In diesem Sinne bittet Hiskia also: Der Herr wird doch die Schmähungen des Rabsake vernehmen und sie rächen, er wird doch zeigen, dass er die Ehre seines Namens sich angelegen sein lässt?

Dein Gott – sagt er zu Jesaja. Hiskia meint nicht, dass nur von diesem einen Menschen, dem Propheten, Gott verehrt werde; auch schließt er sich damit nicht aus der Zahl der Frommen aus, sondern der fromme König will damit das Amt des Propheten auszeichnen und bezeugen, dass Jesaja ein wahrer Diener Gottes sei. Im Übrigen ist Gott ein Gott aller Gläubigen, denn sie rufen ihn alle an, und Gott zählt sie alle unter sein Volk. Aber besonders wird er doch auch der Gott eines Jesaja und eines Paulus genannt, weil diese Männer besonders von ihm berufen waren. Kurz, dieser Ausdruck „dein Gott“ enthält einen Lobpreis der Berufung und des Amtes des Jesaja.

Und du wollest ein Gebet erheben für die Übrigen usw. Das ist der zweite Grund, weshalb Hiskia die Gesandten zu Jesaja schickt: er soll für die andern beten. Das Amt eines Propheten besteht ja nicht nur darin, die Betrübten durch des Herrn Wort zu trösten, sondern auch darin, fürbittend für sie einzutreten. Die Diener des Wortes dürfen also nicht glauben, sie hätten ihre Pflicht getan, wenn sie gelehrt, ermahnt und getröstet haben, sie müssen auch für die andern beten. Das sollen zwar alle tun. Der König schickt zu Jesaja aber besonders deshalb hin, damit dieser den andern mit seinem Beispiel vorangehe. Dass der Prophet „ein Gebet erheben“ soll, besagt zwar einfach, dass er beten soll, und ist doch ein sehr bezeichnender Ausdruck. Es wird uns damit eingeprägt, dass wir die Gedanken unseres Herzens sammeln und erheben müssen, wenn wir beten. Die heilige Schrift gebietet uns immer wieder, die Herzen gen Himmel zu erheben. Sonst würde es an der heiligen Scheu vor Gott fehlen. Denn wir sind von Natur stumpf, sodass so leicht törichte Gedanken über Gott in unsere Herzen einschleichen. Wenn nicht Gott selbst unsere Herzen gen Himmel richtete, würden wir ihn weit eher zu unsern Füßen suchen. Ein Gebet erheben – heißt also derartig beten, dass unsere Herzen nicht stumpf an der Erde haften bleiben und nicht törichte irdische Gedanken über Gott hegen, sondern dass sie ihm geben, was seiner Majestät gebührt. In heiliger Inbrunst soll unser Sinnen und Denken emporsteigen, wie es im Psalm (141, 2) heißt: „Mein Gebet müsse vor dir taugen wie ein Räuchopfer, mein Händeaufheben wie ein Abendopfer.“

So noch vorhanden sind. Auch diese Wendung ist geeignet, auf Gott einzuwirken, - nicht zwar, als ob wir ihn beeinflussten, wie einen Menschen, aber er bequemt sich doch in seinem Handeln unserer Schwachheit an. Ist also unsere Lage besonders bedrängt, so dass wir dem Umkommen nahe scheinen, so sollen wir dem Herrn unser Elend vorrücken. Daraus wird unser Gemüt einigen Trost schöpfen: denn Gott hat verheißen, dass er die Elenden und Gebeugten ansehen will. Und je näher wir dem Untergang scheinen, mit umso größerem und brennenderem Eifer müssen wir Gottes Hilfe erbitten, - wie es hier Hiskia in der verzweifelten Lage tut.

V. 5. Und die Knechte des Königs kamen zu Jesaja. Der fromme König hat keine andere Zuflucht gesucht als den Mund des Herrn. Nun zeigt es sich, dass er das nicht umsonst getan. Er empfängt den erbetenen Trost. Daraus sollen wir lernen, dass, wenn wir unsere Sorgen und Lasten auf den Herrn werfen und von ihm Trost erflehen, unsere Hoffnung nicht vergeblich sein wird. Wenn auch nicht allezeit in der Welt solche Propheten erstehen, wie Jesaja war, so wird doch Gott selbst, wie es uns gut ist, zu unserer Hilfe herbeieilen.

V. 6. Der Herr spricht usw. Jesaja betont, dass er im Namen Gottes antworte: er weist ausdrücklich darauf hin, dass Gott selbst spricht. Propheten dürfen nicht aus sich selber reden und in einer so wichtigen Angelegenheit war Gottes Autorität vonnöten. Zwar brüsten sich auch die falschen Propheten mit dem Namen Gottes, aber sie lügen. Jesaja aber war ein wahrhaftiges Werkzeug des heiligen Geistes; darum stellt er mit Recht den heiligen Namen Gottes, dessen Gesandter er war, an die Spitze seiner Botschaft.

Fürchte dich nicht vor den Worten, die du gehört hast. Der Prophet verbietet dem Hiskia, sich zu fürchten; er soll ohne Furcht oder doch wenigstens in seinem Herzen getrost sein. Fürchte dich nicht – so oft wir dieses Wort hören, sollen wir daran denken, dass uns der Friede geboten wird, welchen der Glaube in unseren Herzen erzeugt. Die auf Gott vertrauen und von ihm Rettung aus ihrer Not erhoffen, die erheben sich geduldig über alle Furcht und haben dann auch in aller Unruhe Ruhe und Frieden.

Mit welchen mich die Knechte des Königs zu Assyrien geschmäht haben. Damit die Hoffnung des Königs auf Rettung noch mehr gestärkt werde, bringt der Prophet es klar zum Ausdruck, dass es sich hier um Gottes eigne Sache handelt, deren Vertretung er selbst in die Hand nehmen werde. Eine Beschimpfung seines Namens vonseiten der Gottlosen könne er nicht ungestraft hingehen lassen, er sei ein gerechter Richter. Dass die Knechte des Herrn geschmäht haben, macht die Sache noch schlimmer. Auch wenn der König selbst, ein sterblicher Mensch, wider den Herrn solch schändliche Schmähreden ausgestoßen hätte, wäre es unerträglich gewesen. Noch weniger kann aber Gott solche Schmähungen von Knechten dulden.

V. 7. Siehe, ich will ihm einen Wind schaffen usw. Die von andern bevorzugte Übersetzung: „Ich will ihm einen Geist eingeben“ – wobei von einem inneren Geistesantrieb die Rede wäre, scheint mir gezwungen. Dagegen ist es ein überaus passendes Bild, dass Gott einen Wind oder Wirbelsturm in der Hand habe, welcher den Sanherib in eine andere Richtung treiben solle. Die Gottlosen werden ja in der heiligen Schrift oft mit Stroh und Spreu verglichen. Gott fegt sie mit Leichtigkeit dahin, wohin er sie haben will, wenn sie auch glauben, wer weiß wie fest zu stehen. Einen im Reich des Sanherib entstandenen Aufruhr vergleicht der Prophet also mit einem Sturmwind, durch welchen er aus Judäa vertrieben werden soll. Es werde den Herrn nicht mehr Mühe kosten, jenen Feind zu vertreiben, als wenn er Stroh und Spreu wegschaffen wollte. Das gilt von allen Tyrannen, sie mögen noch so mächtig sein.

Und will ihn durchs Schwert fällen in seinem Lande. Damit will der Prophet sagen: Jetzt fällt er andere an und peinigt sie; er versucht die Grenzen seines Reiches weit auszudehnen. Ich aber will ihm mitten im Herzen seines Landes Feinde erwecken, von denen er gefällt wird.

V. 8. Da aber Rabsake wiederkam usw. Rabsake kehrte unverrichteter Sache zu seinem König zurück, aber nicht dorthin, wo er ihn verlassen hatte. Er vernahm nämlich, dass der König die Belagerung von Lachis aufgegeben habe und nach Ägypten gezogen sei, um Libna zu belagern. Manche Ausleger nehmen an, damit sei die Stadt Pelusium gemeint. Andere suchen Libna eher in Judäa. Wahrscheinlich hat Sanherib, als das Gerücht über den Anmarsch von Feinden zu ihm gedrungen war, sich gegen die Ägypter gewandt, um sie dadurch zu zwingen, Halt zu machen. So hielt Gott durch diesen neuen Krieg den Ansturm des Tyrannen gegen die Juden auf, wodurch er diesen eine gewisse Erleichterung verschaffte. Doch wollte er nicht, dass Sanherib durch Menschenhand überwunden werde, sondern er wollte nur den ungezügelten Hochmut des Tyrannen gleichsam wie in einem Schauspiel vorführen. Denn auch in dieser großen Gefahr ließ, wie wir gleich sehen werden, der Tyrann nicht ab, dieselben Schmähungen auszustoßen.

V. 9. Und es kam ein Gerücht von Thirhaka, der Mohren König, usw. Aus welchem Grunde der König von Assyrien Judäa plötzlich verließ, kann man aus dem Folgenden entnehmen. Die Könige von Ägypten und Äthiopien hatten gegen Sanherib ein Bündnis geschlossen, weil dessen Macht ungemessen zunahm und er unaufhörlich in andere Länder einfiel. Da glaubten sie, auch ihnen drohe große Gefahr, wenn sie nicht bei Zeiten seinen Gewalttaten entgegen träten. Diesen Königen war es nicht etwa um die Rettung Judäas zu tun; sie dachten nur an sich selbst. Denn eine so große Macht in der Hand eines einzigen empfinden andere Fürsten und Völker mit Recht als gefährlich. Sie tun also klug, wenn sie ihr mit vereinten Kräften zeitig entgegen treten. Darum vereinigten sich die beiden Könige, um den mächtigen Ansturm jenes Tyrannen zurückzuschlagen. Der Assyrer wird nun im Blick auf einen so schweren Kampf besorgt und schickt Gesandte zu Hiskia, um ihn mit furchtbaren Drohungen zur Unterwerfung zu bewegen. Ehrgeiz und Größenwahn verblenden solche Tyrannen. Darum meinen sie, ihre Worte, der Ruhm ihres Namens, ja schon ihr Schatten wäre für jedermann ein Gegenstand des Schreckens. Der Herr ist ein wunderbarer Helfer für die Seinen, die dem Untergang nahe zu sein scheinen. Zuerst legte er diesem Tyrannen, um seinen Ansturm zurückzuhalten, Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg, denen er so schnell nicht ausweichen konnte, etwa wie man einem wilden, wütenden Tier einen Zaum ins Maul legt oder einen Ring durch die Nase zieht. Die wilde Wut verschwindet zwar nicht, aber sie wird doch so in Schranken gehalten, dass sie nicht schaden kann. Wie oft hat sich das wiederholt! Mit welcher List suchten sie das zu erreichen! Wie viel Pläne haben sie untereinander geschmiedet! Wie viel Kraft haben sie dazu aufgewandt! Aber sobald sie etwas zu erreichen meinten, erweckte der Herr ihnen plötzlich Feinde; er hetzte sie gegeneinander und richtete die Wut, mit der sie gegen die Kinder Gottes losfahren wollten, gegen sie selbst. Trotzdem fuhren sie in ihrem wilden Treiben fort und ließen nicht ab, dies und jenes ins Werk zu setzen. So hört hier Sanherib, obwohl er genug mit sich selbst zu tun hat, nicht auf, den Hiskia zu reizen; er redet ihn von seinem königlichen Thron herab wie einen nichtswürdigen Sklaven an und erteilt im Befehle wie einem Untergebenen. Ja, in seiner Frechheit beleidigt er Gott selber und übertrifft seinen Diener Rabsake noch an Schlechtigkeit.

V. 10. Lass dich deinen Gott nicht betrügen, auf den du dich verlässest. Was für eine schändliche Gotteslästerung!erH Den Quell der Wahrheit klagt Sanherib des Luges und Truges an, als wenn er die Seinen zum Besten hätte. Was bleibt von Gott übrig, wenn ihm die Wahrheit genommen ist? Wahrheit gehört doch zu seinem eigensten Wesen. Gott hat dies Wort diesem Frevler entlockt, der vorher heuchelte, er verehre das göttliche Wesen. Solche Gottlosigkeit lässt Gott, wie schon gesagt, nicht lange verborgen sein.

Jerusalem wird nicht in die Hand des Königs zu Assyrien gegeben werden. Dass Sanherib diese Worte in direkter Rede anführt, daraus schließen manche, die Verheißung des Jesaja sei dem assyrischen König von dem Verräter Sebna hinterbracht worden. Allerdings lassen diese Worte das vermuten. Doch ist mit solchem Vermuten nichts getan. Die Hauptsache ist: Dem Assyrer war bekannt, dass Hiskia seine Hoffnung auf Gott setzte, und nicht unbekannt waren ihm die Verheißungen, die sowohl ihm, wie einem David gegeben waren, z. B. das Wort (Ps. 132, 13 f.): „Der Herr hat Zion erwählt und hat Lust, daselbst zu wohnen. Das ist meine Ruhe ewiglich, hier will ich wohnen.“ Nicht als ob Sanherib selbst mit den göttlichen Verheißungen sich beschäftigt hätte, sondern diese waren weithin bekannt. Die Juden rühmten sich derselben und prahlten öfter ihren Feinden gegenüber mit der Hilfe und dem Schutz Gottes. Dem stellt nun jener Tyrann diese Gotteslästerung entgegen. Er rühmt sich Gott gegenüber, als hätte dieser nicht Macht genug, Jerusalem zu schützen, er aber habe eine größere, nicht nur Menschen, sondern auch Gott dem Herrn überlegene Macht.

V. 11. Siehe, du hast gehört usw. Seine Gotteslästerung sucht Sanherib durch Beispiele zu bekräftigen. Er erzählt, dass er Völker besiegt habe, die andere Götter gehabt hätten. Auch auf die Macht seiner Vorfahren greift er zurück. Diese waren stärker, als die Götter anderer Völker. Also, denkt er, stehe ich schon durch meine Vorfahren allen weit voran, und darum wird auch der Gott Israels mir nicht überlegen sein. So pflegen die Gottlosen im Glück sich mehr und mehr zu erheben; sie vergessen, dass sie Menschen sind; sie maßen sich nicht nur göttliche Majestät an, sondern wähnen noch mehr zu sein als Gott. Ja ohne Rücksicht auf Recht und Unrecht suchen sie ihre Lust darin, andere zu schädigen, und rühmen sich ihrer und ihrer Vorfahren Freveltaten. Dass sie von Räubern und Mördern abstammen, ist für sie nur noch mehr ein Grund des Rühmens. Das macht diesen Tyrannen gar nichts aus, ob ihre Vorfahren mit Recht oder Unrecht so viele Länder in ihre Gewalt bekommen haben. Solche Leute sind befriedigt, wenn sie nur auf irgendeine Weise andere unter ihr Joch beugen können. Was sie fertig bringen, halten sie für erlaubt. Sanherib stellt also zunächst die Könige Assyriens und sich selbst in Vergleich zu den Königen anderer Länder. Diese sind von den assyrischen Königen besiegt worden, darum könne auch Hiskia ihm nicht widerstehen. Sodann vergleicht er sie und sich selbst mit den Göttern der Heiden. Wenn diese Götter ihre Völker nicht schützen konnten, dann wird auch der Gott Israels sein Volk nicht erretten. Wir sehen hier, wie schwer der Glaube des Hiskia angefochten wurde. Wir sollen uns darum mit den gleichen Waffen, wie er, zum Kampfe rüsten. Leben wir im Frieden, dann müssen wir beizeiten unsern Glauben zu stärken suchen, damit wir, wenn Gefahr droht, tapfer widerstehen können.

V. 12. Gosan. Aus 2. Kön. 17, 6 kann man schließen, dass dies eine Stadt in Medien war. Andere Ausleger suchen sie freilich anderswo. Haran wird oft in der heiligen Schrift erwähnt. Der römische Schriftsteller Plinius verlegte diese Stadt nach Arabien. Doch ist die Annahme verbreiteter, dass sie in Mesopotamien lag. Das bestätigt ja auch die Auswanderung Abrahams, der aus Chaldäa mit seinem Vater nach Haran zog.

V. 14. Da Hiskia den Brief empfangen und gelesen hatte usw. Nun zeigt der Prophet, wo Hiskia in solch großer Not seine Zuflucht suchte; er ging in das Haus des Herrn. Dem Herrn klagte er sein Unglück, das er selbst nicht abwenden konnte, und warf auf ihn seine Not und Sorge. Es war kein blindes, wirres Jammern; mit seinem Flehen und Klagen wollte der fromme König den Herrn zur Hilfe bewegen. Das ist in harter Bedrängnis das Beste, uns in Gottes Arme zu werfen. Tun wir das nicht, dann ist aller andere Trost unnütz.

Und breitete ihn aus vor dem Herrn. Das tut Hiskia nicht etwa deshalb, weil dem Herrn der Inhalt des Briefes unbekannt gewesen wäre. Gott lässt nur mit Rücksicht auf unsere Schwachheit so mit sich handeln. Weder unsere Bitten, noch unsere Tränen und Klagen machen dem Herrn unsere Not kund; er kennt ja unser Elend und unsere Bedrängnis, ehe wir ihn anrufen. Hier ist aber vielmehr ins Auge zu fassen, wessen wir bedürfen: Gott muss uns zeigen, dass er die Lästerungen der Feinde kennt und die Leute nicht ungestraft bleiben lässt, die sie ausstoßen. Das ist der Grund, weshalb Hiskia den Brief des frevelhaften Tyrannen vor Gott ausbreitet: er will sich zu eifrigem Gebet anspornen und seine Inbrunst anfeuern.

V. 15 f. Hiskia betete: Herr Zebaoth usw. Sanherib war ein Werkzeug des Satans, das den Glauben Hiskias erschüttern sollte. Dem stellt nun Hiskia Gott als den Herrn Zebaoth, den Herrn der Heerscharen, entgegen. Mit solchem Lob Gottes will er ohne Zweifel sich zum Glauben ermuntern und seine Gebetszuversicht stärken.

Du Gott Israels. Mit diesen Worten stellt Hiskia den Herrn als den hin, der ihm nahe steht und eng mit ihm verbunden ist. Das war ein ganz besonderer Beweis der Liebe Gottes gewesen, dass er jenes Volk in seinen Schutz und unter seine Fürsorge nahm.

Der du über den Cherubim sitzest. Hiskia will sagen: Du hast hier im Tempel deinen Sitz genommen und hast verheißen, du wollest der Beschützer derer sein, die dich vor der Lade des Bundes anrufen. Im Vertrauen auf diese Verheißung bin ich zu dir als meinem Beschützer geflohen. Ohne Zweifel denkt Hiskia hier an die Bundeslade, über der zwei Cherubim standen. Wir wissen ja, dass diese Lade ein gewisses Symbol der Gegenwart Gottes war, wenn auch Gottes Kraft und Macht keineswegs an sie gebunden war. Mit diesem Hinweis wollte Hiskia sicherlich betonen, dass der Gott ihm ganz nahe sei, der sich herabgelassen hatte, sein Volk wie mit ausgebreiteten Flügeln zu sich zu sammeln. Wenn auch zwischen Gott und Menschen ein weiter Abstand ist, so kann Hiskia doch dieses Unterpfand der Kindschaft ergreifen. Er hatte keine törichten, irdischen Gedanken über Gott, wie etwa abergläubische Leute Gott am liebsten vom Himmel herabziehen möchten. Zufrieden mit der empfangenen Verheißung war er dessen gewiss, dass er Gottes Gnade nicht ferne zu suchen habe. So ist diese Ausdrucksweise sehr bemerkenswert: Gottes Wort leitet uns an, Schritt für Schritt zum Himmel emporzusteigen. Dabei sollen wir doch nicht glauben, dass Gott etwa ferne sei und uns nicht helfen könne: hat er doch eine Stätte erwählt, da er unter uns wohnen will. Seine göttliche Majestät überragt weit Himmel und Erde; damit ist es unmöglich, ihn mit unsern Sinnen zu umfassen. Und doch können wir ihn fassen, freilich nur nach dem Maß seiner Offenbarung und nach dem Maß unserer schwachen Fassungskraft. Aber nicht so, dass er von seinem himmlischen Thron herabgezogen wird, sondern so, dass unsere sonst schwachen und langsamen Sinne von Stufe zu Stufe sich zu ihm erheben. Durch Wort und Sakrament lädt er uns zu seiner erhabenen Höhe. Darum müssen wir auch dorthin streben. Legen wir sein Wort recht aus, dann wird die geistliche Erkenntnis Gottes allezeit bei uns blühen. Wir werden Gott dann nicht in Steinen oder Holz oder Bäumen suchen, wir werden überhaupt keine grob sinnlichen, irdischen Gedanken über ihn hegen. Damit er sich nahe zu uns herabneige, werden wir alle Hilfsmittel, die er uns bietet, in rechter Weise zu gebrauchen trachten. Dabei werden unsere Gedanken nicht am Irdischen haften: denn nur darum bequemt sich Gott unserer rohen Fassungskraft an, damit die Sakramente, welche der Aberglaube zu gegenteiligem Zweck verkehrt, uns zur Höhe emportragen.

Du bist allein Gott über alle Königreiche usw. Um frei und unerschrocken das Hindernis hinweg zu räumen, durch das der Satan seinem Glauben Abbruch zu tun versucht hatte, musste der fromme König dies festhalten: Mögen auch die Gottlosen mit ihrem Spott Gottes Macht noch so sehr herabsetzen, diese bleibt dennoch unangetastet. Der hochherzige Sinn des frommen Königs trat darin zutage, dass er Gottes Macht nicht durch Wortgezänk mit dem gottlosen Sanherib verteidigte, sondern dass er sie in seinem Herzen rühmte und den Herrn zum Zeugen dieser seiner Stimmung machte. Bevor er also eine Bitte ausspricht, schüttelt er die Lügen ab, mit denen Satan seine Seele zu erschüttern versucht hatte. Er preist nicht nur Gottes Allmacht, er spricht ihr auch die Herrschaft zu über den ganzen Erdkreis, über alle Königreiche auf Erden. Das tut der fromme König aber, um seinen Glauben an Gottes Vorsehung, mit der er die Welt im Großen wie im Kleinen regiert, zu stärken. Das muss allen Frommen feststehen, damit ihr Gebet nicht umsonst sei. Wenn der König nur etwa gesagt hätte: Herr, neige deine Ohren; - so hätte sein Gebet keine solche Kraft gehabt, als wenn er feststellt, dass dem Herrn seine Werke am Herzen liegen. Er ist fest überzeugt, dass Gott jene Angelegenheit führen wird; wenn es Gottes Sache ist, das ganze Weltall zu regieren, wird er diesen Tyrannen nicht frech lästern lassen, vielmehr seine Anmaßung in Schranken halten. Denn Sanherib maßte sich etwas an, was dem Herrn allein zukam; das konnte nicht ungestraft bleiben. Dieser Ruhm, dass er über alle Königreiche herrscht, kommt Gott allein und ihm allezeit zu. Damit soll nicht geleugnet werden, dass auch Könige, Fürsten und Obrigkeiten ihre Gewalt haben; aber sie stehen doch unter Gott und verdanken ihm alle Herrschaft und Gewalt. So will auch Paulus, wenn er (1. Tim. 6, 15) Gott den König aller Könige und den Herrn aller Herren nennt, die Fürsten und Obrigkeiten keineswegs abtun, sondern nur zeigen, dass alle, wie groß und mächtig sie auch sein mögen, von Gott allein abhängen; sie sollen nicht wähnen, sie seien ihm gleich, sondern sollen ihn als ihren Herrn und König anerkennen. Fürsten werden also die rechte Stellung behaupten, wenn sie sich zwar über den andern Menschen, aber unter Gott halten und nicht höher emporsteigen. – Hiskia stützt nun seinen Glauben auf die Schöpfung: der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, kann unmöglich sein Werk lassen. Er wird vor allem das Menschengeschlecht, die Krone der Schöpfung, mit seiner Fürsorge leiten. Es ist töricht, den Begriff der Schöpfung so eng zu fassen, als ob sie nur eine augenblickliche, vorübergehende Kraftwirkung Gottes wäre, sondern man muss sie als eine fortlaufende Tätigkeit ansehen. Daraus geht nun hervor, dass Herrscher, die nach ihrer Willkür regieren, Gott die Ehre rauben; für ihre Anmaßung empfangen sie darum auch mit Recht ihre Strafe.

V. 17. Herr, neige deine Ohren und höre doch usw. Diese bewegten Worte lassen darauf schließen, in welcher Angst Hiskia sich befand; sie atmen tiefest Besorgnis. Leicht ist aus ihnen ersichtlich, wie schwer er mit sich zu ringen hatte, um aus dieser Versuchung herauszukommen. Zwar verrät sein Gebet eine große Kraft des Glaubens, aber es spiegelt doch auch den Aufruhr seines Herzens ab. So oft wir also derartige Kämpfe zu bestehen haben, lasst uns von dem frommen König lernen, was zur Stärkung des Glaubens dient, damit uns nicht das Gefühl der Schwachheit ängstige, wenn schwere Furcht uns stark zusetzt. Der Herr freilich will, dass wir angestrengt arbeiten, schwitzen und frieren; uns ist kein Sieg verheißen in gemächlicher Ruhe, sondern einen glücklichen Ausgang verheißt uns der Herr erst nach mannigfachen Kämpfen. – Warum aber fordert Hiskia Gott auf, er solle doch hören? Meint er etwa, Gott schlafe oder wisse nichts von der Sache? Gewiss nicht. Aber so reden wir wohl in schwierigen Lagen und meinen, Gott sei ferne, oder er kümmere sich nicht um unsere Not. Dass er von solcher Angst erfüllt ist, zeigt Hiskia hier; er glaubt, von Gott fast verlassen zu sein. Das liegt in unserer natürlichen, fleischlichen Art. Könnten wir nicht mit Glaubensaussagen Gott nahe schauen, so müsste uns der Mut entfallen. Hiskia bittet also, es möchte durch eine Tat offenkundig werden, was er verborgen im Herzen erhoffte, die Hilfe Gottes. Deshalb bittet er, Gott möge Augen und Ohren öffnen, d. h. er möge zeigen, dass diese Angelegenheit ein Gegenstand seiner Sorge sei.

Höre doch alle die Worte Sanheribs usw. Hiskia erklärt hier deutlich, warum er hauptsächlich in solcher Erregung ist, darum nämlich, dass Gott die ihm zugefügten Lästerungen rächen möchte. Wohl drückte ihn die Sorge um Reich und Volk schwer; mehr aber, als alles andere, galt ihm Gottes Ehre. Dieser Eifer um Gottes Ehre muss auch uns erfüllen und treiben, und das umso mehr, wenn wir erkennen, dass unser Heil mit dieser Ehre eng verknüpft ist. Hiskia stellt jenen Tyrannen also als einen Feind Gottes hin, als einen, welcher den Herrn mit Schmähungen und Lästerung herausfordert, da ja Jerusalem sich seines Namens und Schutzes rühmen dürfe. Daraus schließt er dann, Gott könne die Stadt, deren Beschützer er sei, nicht preisgeben, er müsste denn zugleich seinen Namen aufgeben. Gott will also nach seiner unendlichen Güte unser Heil mit seiner Ehre verbunden sein lassen. Darum sollen wir jene Verheißungen festhalten und durch dieselben unsere Herzen stärken. Zwar verhärten sich die Gottlosen in der eitlen Hoffnung, der Strafe zu entgehen, wenn sie Gott schmähen und das Gift ihres Herzens gegen ihn ausbringen; aber es ist keine Silbe, die der Herr nicht hört und nicht zuletzt zur Rechenschaft zieht.

V. 18 f. Wahr ist es, die Könige zu Assyrien haben wüste gemacht alle Königreiche … und haben ihre Götzen ins Feuer geworfen. Hiskia scheidet die Götzen von dem wahren Gott. Das müssen auch wir tun. Die Gottlosen, die in Finsternis sitzen, machen sich die verworrensten Gedanken über Gott, die doch eitel und nichtig sind. Sie meinen, es gäbe überhaupt keinen Gott, oder sie halten ihn für nichts. Gott will aber nicht, dass die Seinen von solch eitlen, hinfälligen Gedanken sich berühren lassen. Er will als der wahre Gott von ihnen erkannt werden. Es genügt also nicht, irgendein höheres göttliches Wesen anzuerkennen, wie es auch die Welt tut, sondern Gott muss so erfasst werden, dass er von den falschen Göttern unterschieden und Wahrheit und Lüge auseinander gehalten wird. Und in der Tat! Wenn er uns einmal erleuchtet hat, dann fallen alle falschen religiösen Vorstellungen, die wir zuvor hatten, dahin. Das ist umso mehr festzuhalten, als sehr viele Leute sich in dunkeln Spekulationen verlieren und zufrieden sind, wenn sie zu der Erkenntnis irgendeines göttlichen Wesens gelangt sind. Sie sind sich darüber nicht klar, ob der Gott der Türken oder der Gott der Juden angebetet werden muss. So fliegen sie mit ihren Gedanken in der Luft umher und schweben, wie man sagt, zwischen Himmel und Erde. Nichts ist verderblicher als solche phantastischen Gedanken, denn durch sie wird Gott mit den Götzen zusammengeworfen und auf gleiche Linie gestellt. Gottes Majestät nimmt aber dann erst den rechten Platz ein, wenn alle Götzen abgetan sind und sie allein über alles emporragt. Darum ist das der Anfang aller wahren Frömmigkeit, den einen Gott, dem wir uns ganz zu eigen geben müssen, von allen andern Götzen zu unterscheiden. - Zwei Gründe gibt Hiskia an, weshalb die Götzen nichts sind. Erstlich, sie waren der Menschenhände Werk; sodann, sie bestanden aus Holz und Stein. Nichts ist verkehrter als die Anmaßung, mit der ein Mensch glaubt, Gott schaffen zu können; denn er ist zeitlich, Gott aber ewig; er vermag auch nicht einen einzigen Augenblick aus eigner Kraft zu bestehen. Die Welt mag all ihr Können zusammennehmen, sie wird nicht einmal einen Floh zustande bringen. Welche Kühnheit gehört also dazu, wenn ein Sterblicher einen oder mehrere Götter sich bildet! Wie sinnlos ist es endlich, aus vergänglichem, leblosem Stoff sich irgendeine Gottheit zu bilden, als ob Holz oder Stein, wenn es zum Bilde geformt ist, anfinge, Gott zu sein!

V. 20. Nun aber, Herr, unser Gott, hilf uns von seiner Hand. Der fromme König schließt sein Gebet. Von der Furcht, mit der er zu kämpfen hatte, wird er frei. Denn ohne Zweifel hat er durch das, was er bisher gesagt, sich gestärkt und neu belebt, so dass er nun guten Mutes mit kurzen Worten sein Gebet schließen kann. Gott reißt zwar nicht immer die Seinen aus ihren zeitlichen Nöten heraus. Hier hatte er aber doch verheißen, ein Beschützer der Stadt zu sein. Darum durfte Hiskia die gewisse Zuversicht hegen, dass die Versuche jenes gottlosen Tyrannen, die auf den Untergang der Stadt gerichtet waren, vergeblich sein würden.

Auf dass alle Königreiche erfahren, dass Du Herr seiest allein. Wiederum hält Hiskia dem Herrn vor, dass die Errettung der Stadt seinen Ruhm verherrlichen werde. Nichts ist mehr zu wünschen, als dass Gott seinen Namen auf alle Weise herrlich mache. Das ist auch der letzte und höchste Zweck unserer Erlösung. Das müssen wir festhalten, wenn Gott uns gnädig sein soll. Leute, die sich mit ihrer eignen Rettung zufrieden geben und nun übersehen und vergessen, für welchen Zweck Gott sie eigentlich retten wollte, sind seiner Hilfe nicht wert. Sie beleidigen nicht nur mit solcher Undankbarkeit den Herrn, sondern sie schaden sich auch selbst am meisten, indem sie auseinanderreißen, was Gott miteinander verbunden hat. – „Dass du Herr seiest allein“ – in diesen Worten spricht Hiskia den Wunsch aus, dass der Gott Israels nicht irgendwo nur als Gott erkannt, sondern dass er nach Vertilgung aller Götzen als alleiniger Herr offenbar werde. Viele Götzendiener hätten es geduldet, dass man ihn neben andern Göttern verehrte; aber Gott lässt keine Gleichgestellten zu. Darum müssen zunichtewerden die Götzen, die Menschen sich bilden. Er allein soll das Reich innehaben.

V. 21. Da sandte Jesaja usw. Das war der Erfolg des Gebetes. Als es zum Äußersten gekommen, bietet Gott plötzlich durch Jesaja dem frommen König seine hilfreiche Hand an. Zur Niederwerfung der Feinde streckt er sie nicht sofort aus, aber er verheißt durch den Mund des Propheten Errettung. Dabei übt er seinen Knecht im Glauben. Jesaja hätte gewiss nicht von sich selbst aus Hilfe leisten können; er hätte sich lächerlich gemacht, wenn er damit geprahlt hätte. Aber Hiskia war davon überzeugt, dass diese Antwort von Gott sei. Das gab ihm Trost und ließ ihn stille warten, bis Gott seine Macht zeigte. Wir sollen also allezeit den Mund Gottes befragen, wenn wir in unsern Nöten und Ängsten Trost und Erleichterung erfahren wollen. Weisen wir sein Wort, das er uns durch die Arbeit treuer Lehrer bietet, zurück, dann verdienen wir gar keinen Trost. Auf dieses Wort müssen wir uns stützen und müssen lernen, es immer besser uns zunutze zu machen. Aus ihm müssen wir neue Kraft schöpfen, damit wir niemals, auch nicht im schlimmsten Unglück, des Trostes beraubt seien.

Das du mich gebeten hast des Königs Sanherib halber usw. Im Bericht der heiligen Geschichte (2. Kön. 19, 20) wird als Nachsatz hinzugefügt: „das hab ich gehöret.“ Diese Worte auch in unserem Text hinzuzudenken, ist kein Anlass. Die Satzverbindung ist einfach diese: Bezüglich dessen, was du gebeten hast, (V. 22) redet der Herr also usw. Gott verkündet als entsprechende Antwort auf die Bitte Hiskias, dass er alle Anschläge des Tyrannen zunichtemachen und seinen wilden Ansturm hemmen will. Und sicherlich wird jeder, der seine Bitten an Gott richtet, erfahren, wie gern er antwortet. Sehr oft freilich schweigt er auch und bietet gar keinen Trost aus seinem Worte; aber das doch nur deshalb, weil wir selbst in unserm Unglück stumm sind. Der Kern dieser göttlichen Antwort ist nun der, dass Hiskia keinen Grund habe, im Bewusstsein seiner Schwachheit und Ohnmacht völlig den Mut zu verlieren, wenn er diesen stolzen Tyrannen so frech sich gebärden sieht. Gott werde sich ins Mittel legen. Wenn Sanherib die Juden in ihrem Elend so schmähte, so bekräftigt es Gott, er nehme diese Sache auf sich, wie ja auch auf ihn jene Schmähungen zurückfielen. Er rächt es, wenn von den Ungläubigen seine Gnade verachtet wird. Die Gläubigen sollen sich keine Gedanken darüber machen, dass sie der Welt verächtlich sind. In ihrer Schwachheit werden sie im Himmel Hilfe finden.

V. 22. Die Jungfrau Tochter Zion verachtet dich usw. Hier redet der Prophet nicht von Hiskia, sondern von der ganzen Gottesgemeinde. Dadurch wird die schändliche Handlungsweise Sanheribs noch mehr hervorgehoben, dass er des ganzen Volkes in seinem Elend und in seiner Einfalt spottete, als wenn es mit der göttlichen Hilfe nichts wäre. So blind war Sanherib, dass er den Herrn hintenan setzt und prahlerisch das heimgesuchte Gottesvolk verhöhnt. Dass Städte als Töchter dargestellt werden, kommt in der heiligen Schrift oft vor. Schöne Städte werden auch wohl Jungfrauen genannt. Hier will aber der Prophet mit den Ausdrücken: „Jungfrau Tochter Zion“, „Tochter Jerusalem“ die Schwäche Jerusalems hervorheben. Die Stadt bot das Bild einer verwaisten, verlassenen Jungfrau, die jener schmutzige Taugenichts und frevelhafte Räuber beleidigte. Gott, als der Vater, dem solche Schmach angetan wird, erklärt aber, er wisse, was jener Gottlose plane und welches die Lage von ganz Judäa sei.

V. 23. Wen hast du geschmäht und gelästert? Der Prophet zeigt, dass dieser Tyrann nicht Jerusalem allein, sondern Gott selbst schmäht. An diese Stelle lasst uns denken, so oft wir uns den Beleidigungen und der Frechheit der Gottlosen ausgesetzt sehen. Denn wir auch machtlos sind und kein Mensch für uns eintritt, vielmehr ob unserer Schwachheit die Frechheit der Feinde immer mehr wächst, der Herr ist doch nahe; er schützt uns wie ein sicherer Schild. Die uns feind sind, die fangen mit dem lebendigen Gott Krieg an. Das ist eine nicht nur für eine bestimmte Zeit, sondern für immer geltende Verheißung (1. Mose 15, 1): „Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ Je geringer unser Vermögen, umso näher ist uns, davon dürfen wir überzeugt sein, Gottes Macht. Hat der Herr mit uns einen Bund geschlossen, dass er für uns eintreten will, dann lasst uns nicht zweifeln, dass er das in der Tat tun und zeigen wird, dass die uns zugefügten Schmähungen ihn treffen. Kurz, er ist so mit uns verbunden, dass er alles mit uns gemein haben will. Die Schmähungen, die Sanherib gegen die Kirche geschleudert hatte, sieht Gott als ihm selbst zugefügt an; die Gottlosen täuschen sich darum sehr, wenn sie sich in ihrem Stolz erheben und glauben, sie könnten ungestraft die Kirche, die zu ihren Füßen liegt, niedertreten. Wir willen wohl, Gottes Vorsehung achten jene Leute für nichts, zumal wenn sie die Gläubigen unter dem Kreuz seufzen sehen und denken, die seien gar nicht wert, dass Gott ihnen zur Hilfe eile. Deshalb tritt der Herr auf und bezeugt, dass er von der verächtlichen Behandlung seiner armen Herde sich ebenso getroffen fühlt, als wenn man seine Majestät unmittelbar beleidigt. Übrigens bringt der Prophet in mehrfachen Wendungen die Überhebung und Anmaßung jenes hochmütigen Menschen zum Ausdruck: er hat geschmäht und gelästert; er hat seine Stimme erhoben und hebt seine Augen empor. In Gebärde, Wort und Blick, in seinem ganzen Wesen und seiner ganzen Haltung ist er geradezu unerträglich gewesen. So sind Tyrannen von sich eingenommen; stolz erheben sie ihr Haupt und schauen, als wären sie vom Himmel herabgekommen, auf alle andern verächtlich herab. Wie jämmerlich aber auch die Lage des Volkes war, der Prophet weist darauf hin, dass Gott, unter dessen Schutz das Volk stand, doch im Himmel unverletzt bleibe. Er trifft damit den Wahnwitz Sanheribs, der das Volk nur nach seiner äußeren Lage beurteilt und nicht bedenkt, dass es Gottes heiliges Eigentumsvolk ist. Wollen wir also durch Gottes Kraft unverletzt dastehen, und soll seine Hand uns zur rechten Zeit Hilfe bringen, dann müssen wir das Israel Gottes sein. Das sind wir aber, wenn wir auf sein Wort uns stützen und unter dem Schatten seiner Flügel ruhen.

V. 24. Durch deine Knechte hast du den Herrn geschändet. Dass die Schmähung von dem Knechte des Sanherib ausgestoßen wurde, macht, wie wir schon oben darlegten, die Sache nur noch schlimmer und unwürdiger. Das Schmähliche jener Gotteslästerung wird dadurch besonders stark zum Ausdruck gebracht.

„Ich bin durch die Menge meiner Wagen heraufgezogen“ usw. Diese direkten Worte Sanheribs beziehen einige Ausleger allgemein auf dessen frühere Siege, durch die er viele Völker unterjocht hatte. Ich möchte dieselben aber einfacher auf den damaligen Zug gegen Judäa beziehen. Fast ganz Judäa schien in Sanheribs Hand, die Gebirge, welche dies Land rings umgaben, waren in seinem Besitz. Darum gebärdet er sich frech wie ein Sieger und prahlt, er habe die Höhen der Berge, den innersten Libanon eingenommen und seine Zedern und Tannen abgehauen. Er will damit sagen, nichts hindere ihn, Burgen und Festungen, auch die stärksten Plätze einzunehmen und mit ganz Judäa nach Belieben zu verfahren.

V.25. Ich habe gegraben und getrunken die Wasser usw. Der Tyrann prahlt weiter mit seiner Macht. Sein Heer sei so groß, dass es alle Quellen und Flüsse ausgeschöpft habe; er sei imstande, alle Wasser im Lande und in Jerusalem auszutrocknen und die Juden verdursten zu lassen. So gibt er zu verstehen, dass Jerusalem keine Belagerung aushalten könne und sich sofort werde ergeben müssen. So erheben sich die Gottlosen; aber Gott sitzt im Himmel und wird sie doch zuletzt vor sein Gericht ziehen. Denn eben dies bezweckt der Bericht des Propheten, uns das Gericht Gottes über diesen Tyrannen herrlich und groß erscheinen zu lassen.

V. 26. Hast du aber nicht gehöret, dass ich es lange zuvor gemacht habe, und von Anfang habe ich es bereitet? Nach der Ansicht der meisten Ausleger1) erklärt der Herr in diesem Verse, dass dieser Tyrann nichts tue oder schon getan habe, was nicht von ihm zuvor bestimmt worden sei: Er selbst sei also der eigentliche Urheber dieser Ereignisse. Ich ziehe jedoch eine andere Auslegung vor: Gott ist Jerusalems Hüter, und dasselbe wird durch seine Hilfe unversehrt bleiben. Dass der Name der Stadt nicht genannt, sondern mit „es“ auf Jerusalem hingewiesen wird, ist besonders nachdrucksvoll. Es lautet, als hätten andere Städte in Gottes Augen gar keine Bedeutung: durch seine Hand ward Jerusalem gegründet und unter seiner Obhut gebaut. So folgt, dass Sanherib erst Gott besiegen muss, wenn er Jerusalem zerstören will. Darin liegt ein herrlicher Trost, durch welchen sich die Frommen auch in der äußersten Not aufrichten können: weil sie von Gott erwählt sind, müssen sie unter seinem bleibenden Schutze stehen. Denn die Beweisführung ist eben diese: Ich habe die Gemeinde gegründet, also wird ihr Wohlergehen mir immer am Herzen liegen; denn ein Werk, welches ich angefangen, werde ich nicht unvollendet liegen lassen, sondern bis zum letzten Ziel durchführen. So bezeugt der Herr, dass er sein Werk schützt und hütet, weil dies einerseits zu seiner Ehre, anderseits zu unserm Heil dient. Dass Gott übrigens seine Gemeinde „gemacht“ habe, will in einem anderen Sinne verstanden sein, wie dass er Himmel und Erde geschaffen hat. Wir sind in einem ganz eigenartigen Sinne (Eph. 2, 10) „sein Werk“, weil wir durch seinen Geist neu geschaffen wurden. Dies ist ein Werk, dessen Herrlichkeit die Erschaffung des ganzen Weltgebäudes übertrifft: und niemand soll es auf eigne Bemühung oder Kraft zurückführen, dass er ein Glied der Gottesgemeinde wurde. Fragen kann man aber, wieso der Herr Jerusalem „lange zuvor“ gemacht habe, wörtlich: „seit den Tagen der Urzeit.“ Waren doch andere Städte weit älter. Aber es bezieht sich diese Aussage nicht auf die äußere Erbauung der Stadt, sondern auf jenen ewigen Ratschluss, durch welchen Gott sie zu seinem Wohnsitz erwählte. Derselbe wird freilich erst kund, als die Stiftshütte aufgeschlagen wurde (Ps. 132, 14 vgl. 2. Mose 20, 24). Aber erwählt sind wir doch, wie Paulus lehrt (Eph. 1, 4), ehe der Welt Grund gelegt war. – Der Schlusssatz des Verses ist als Frage zu lesen, was allerdings den gegenteiligen Sinn gibt wie die gewöhnliche Auslegung. Nach dem Hinweis darauf, dass Gott seine Gemeinde als sein kostbarstes Werk geschaffen, folgt der Schluss, dass er sie nicht dem Zusammenbruch überlassen kann, dem sonst alle Dinge unterliegen: Jetzt aber sollte ich es kommen lassen, dass es zerstört werde zu Steinhaufen? Sollte ich Jerusalem austilgen lassen wie andere feste Städte, die zerstört und verwüstet wurden? So tritt Jerusalem in Vergleich mit anderen Städten, welche die Assyrer umgestürzt und in ihre Gewalt gebracht hatten: niemand soll glauben, dass es mit gleicher Leichtigkeit vom Tyrannen zerstört werden könne. Es steht ganz anders da wie die andern, die zerstört und dem Erdboden gleich gemacht wurden. Auch die stärksten Festungen kann man mit Jerusalem nicht vergleichen. Sie mit ihrer irdischen Stärke stürzen leicht: Gottes Gemeinde aber hat trotz ihrer Schwäche und Kleinheit in seiner ewigen Erwählung ein festes, nie wankendes Fundament und kann nicht durch Fluten noch Stürme umgestürzt werden. Welch überraschenden Umsturz wird man überall auf dem ganzen Erdkreis gewahr! Staaten wurden umgewälzt, Reiche zerstört, mächtige Nationen unterjocht, ihr Name ausgelöscht und ihr Ruhm getilgt. Wo ist jetzt die Majestät des römischen Reiches? wo der Adel jenes Volks, das den Erdkreis beherrschte? Aber unter allen schrecklichen Umwälzungen will der Herr der Stadt Jerusalem, d. i. seiner Gemeinde, beistehen. Mag sie auch unter jenen Veränderungen mannigfach gedrückt und umgetrieben werden, so wird sie doch stehen bleiben. Wenigstens kann ihre Erschütterung und Unterdrückung nicht hindern, dass sie durch eine immer neue Auferstehung von einem Jahrhundert zum andern fortdauert. Ihre Glieder wechseln, ihr Leib bleibt immer derselbe und ist unlöslich mit Christo, seinem Haupte, verbunden. Der Herr wird also seine Stadt schützen und wird machen, dass die Söhne seiner Knechte ewig bleiben und ihr Same erhalten werde.

V. 27. Denn ihre Einwohner werden geschwächt. Hier drückt der Prophet deutlicher aus, was er zuvor nur kurz anrührte, dass man aus den allgemeinen Erfahrungen in der Welt nicht auf die Schicksale der Gottesgemeinde schließen dürfe. Denn wenn auch befestigte Städte erobert werden und die beherzten Männer erschreckt in der Feinde Gewalt fallen, so wird Gottes Gemeinde stehen und blühen, weil sie nicht auf eigne Kraft sich stützt, ihre Wurzeln auch nicht auf Erden, sondern im Himmel hat. Alle menschliche Kraft muss zerbrechen, wenn sie nicht durch Gottes Kraft gehalten wird. Dies will der nun folgende Vergleich vollends deutlich machen: Gott will dadurch seine Gnade in helles Licht stellen, damit die Gläubigen nicht gottlose Menschen um ihre Erdenschätze beneiden. Denn bei allem Glanz sind dieselben wie das Feldgras und wie das grüne Kraut, das eine Zeitlang blüht und bald verwelkt. Noch tiefer setzt das nächste Gleichnis die irdischen Güter herab: sie gleichen dem Heu auf den Dächern, welches dorret, ehe denn es reif wird. Das Gras auf den Strohdächern ragt zwar hoch empor und ist weithin sichtbar, aber je höher es steht, umso mehr ist es der Hitze ausgesetzt und umso schneller verdorrt es; es ist zu nichts nütze, wie es im Psalmwort (129, 6) heißt: „Ach, dass sie müssten sein wie das Gras auf den Dächern, welches verdorret, ehe man es ausrauft.“ Wie das Gras, das auf dem Boden wächst, mehr Kraft und Wert hat, wie das, was unfruchtbar auf einem Dache stolz sich erhebt, so, will der Herr sagen, sind seine Knechte, auch wenn sie am Boden liegen, bei weitem stärker, als die Leute, die im Bewusstsein ihrer eignen Kraft über andere sich erheben und selbst Gott gegenüber sich rühmen. So steht es mit stolzen Menschen: sie erheben sich bis in den Himmel, sie blühen und gedeihen, aber dennoch sinken sie schnell hin.

V. 28. Ich kenne aber deine Wohnung, deinen Auszug und Einzug. Der Prophet kommt wieder auf den unerträglichen Hochmut jenes Tyrannen zu sprechen, der alles sich anmaßte, als wäre er niemandem untertan, und der es wagte, Gott zu verachten und mit Schmähungen zu überhäufen. Dessen Stolz und Frechheit weist er zurück. Der wilde Trotz der Gottlosen hat darin seinen Grund, dass sie glauben, sie seien keinem Menschen untergeordnet, sie seien auch nicht einmal der Vorsehung Gottes unterworfen. Da zeigt nun der Prophet, dass dieselben gar nichts tun können, Gott erlaube es ihnen denn. Ich kenne deine Wohnung, deinen Auszug und Einzug – darunter sind allerlei Absichten, Pläne, Unternehmungen zu verstehen, durch die gottlose Menschen das Volk Gottes verderben und vernichten können. Aber wohin sie sich auch wenden, welche Wege sie auch einschlagen, ohne den Willen Gottes werden sie nichts erreichen. Durch Gottes Vorsehung werden sie im Zaum gehalten, durch diese werden sie hierhin und dorthin getrieben, und wider ihren Willen muss das, was sie treiben, oft zum Guten ausschlagen, wie Gott es eben führt. Er lenkt der Menschen Schritte. Auch das Toben des Sanherib, sagt der Herr, sei ihm bekannt: mögen also die Gottlosen auf Erden toben, - in schweigender Ruhe verlacht Gott ihren Wahnwitz. Es wird dies ausdrücklich hinzugefügt, weil Sanherib wähnte, sich ungestraft so frech gebärden zu dürfen: die Gläubigen sollen nicht meinen, dass solches Treiben dem Herrn neu oder verborgen sei, oder dass er sich um sie nicht kümmere.

V. 29. Weil du denn wider mich tobest usw. Je wütender die Gottlosen sich wider Gott erheben, und je wilder sie wider ihn anstürmen, umso ernster pflegt Gott sich ihnen zuletzt entgegenzustellen. Zwar lässt er sie eine Zeitlang triumphieren und erreichen, was sie begehren, aber, nachdem er sie länger hat gewähren lassen, bändigt er sie doch, legt ihnen einen Zaum an und hält sie in Schranken, damit sie nicht glauben, sie hätten alles in ihrer Hand. Ein prächtiges Beispiel dafür war Sanherib. Er tobte wider Gott, aber je kühner er sich erhob, umso schwerer musste er Gottes Zorn erfahren. Und das müssen alle Gottlosen erfahren. Treffend ist die Verhöhnung seiner dummen Frechheit. Es ist, als wollte Gott sagen: „Ich sehe, wie es mit dir steht; dadurch, dass ich sanft und freundlich mit dir umging, erreichte ich nichts, deine Wut ist ja nicht zu beschwichtigen. Weil du denn nicht zahm werden willst, werde ich dich wie ein wildes, blutgieriges Tier im Zaume halten.“ So hebt der Prophet noch deutlicher hervor, dass Gott nicht nur sieht und weiß, was die Gottlosen tun und treiben, sondern dass er sie auch so in seiner Gewalt und ihren wilden Trotz derartig in der Hand hat, dass er sie wider ihren Willen dahin treibt, wohin er sie haben will, wie wenn jemand ein wildes Tier an einem Zügel oder an einem Nasenring führt. Sanherib wurde gezwungen, auf dem Wege, den er gekommen, zurückzukehren. Schleunigst suchte er unverrichteter Sache auf dem kürzesten Wege zurückzukommen, während er eigentlich im Sinne hatte, ganz Judäa und Ägypten zu durchziehen. Das hätte er aus sich nicht getan, wenn Gott ihn eben nicht auf wunderbare Weise zurückgetrieben hätte.

V. 30. Das sei dir aber das Zeichen usw. Der Prophet wendet sich wieder an den Hiskia und das ganze Volk. Er hat bisher den Sanherib angeredet; nicht, als ob dieser ihn hörte, aber er redete über den abwesenden Tyrannen verächtlich und verspottete ihn, um die Herzen der Frommen zu festerem Vertrauen zu stärken. Es wäre weniger wirkungsvoll gewesen, wenn der Prophet einfach gesagt hätte: Fasse Vertrauen, Hiskia, mag Sanherib sich noch so frech gebärden, so werde ich ihn doch zu rechter Zeit dämpfen! Der Herr redet darum den Tyrannen persönlich an und donnert wider ihn, um den Gläubigen Mut zu machen, seine Frechheit zu verachten. Darum folgt nun auf die Rede wider Sanherib eine passende Ansprache an Hiskia und das Volk, welche Befreiung verheißt. Gott wird die Seinen nicht nur den Klauen jener unmenschlichen Bestie entreißen, Hiskia soll auch in Ruhe und Frieden regieren, und das übriggebliebene Volk soll alles haben, was zu einem glücklichen, fröhlichen Leben nötig ist. Nicht auf eine einzige Weise nur, sondern auf mancherlei Weise will Gott für sein Volk sorgen. Er reißt die Seinen nicht nur einmal und nur für einen Augenblick aus der Gefahr, sondern reichlich und verschwenderisch schüttet er seine Wohltaten über sie aus, sodass ihr Segen noch lange offenbar bleibt. – Nun ist hier merkwürdiger Weise von einem „Zeichen“ die Rede, das erst nach der Befreiung selber eintraf: des dritten Jahres säet und erntet. Wenn Gott in den Herzen der Belagerten eine frohe Hoffnung erwecken wollte, so sollte man meinen, das Zeichen hätte vorher erscheinen müssen, sich aber nicht auf etwas beziehen dürfen, was erst nachher geschehen sollte. Dazu bemerke ich: Es gibt zwei Arten von Zeichen; die einen gehen der Sache, die sie bezeugen sollen, voraus; die anderen folgen hinterher zur Bestätigung der Sache, damit diese uns besser im Gedächtnis haften bleibe und nicht in Vergessenheit gerate. Als z. B. der Herr sein Volk aus Ägypten führte, gab er vorher dem Mose mehrere Zeichen; anderseits aber bestimmte er für die Zeit nach der Rettung aus Ägypten (2. Mose 3, 12): „Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.“ Sie sollen eben solche Gnadentat nicht vergessen, sondern nach Empfang derselben sich dem Herrn dankbar erweisen. Und solch ein Zeichen führt Jesaja hier an. Sicherlich ist es für die Stärkung unseres Glaubens von großer Bedeutung, wenn uns fortgesetzt vor Augen steht, wie mannigfach Gottes Wohltaten gegen uns sind. Nach der Vertreibung des Feindes lag nun die Gefahr einer Hungersnot nahe. Die Äcker waren verwüstet und verheert; darum musste bald ein sehr großer Mangel an Getreide eintreten. Angesichts solcher Not, wie sie bevorzustehen schien, verheißt der Herr, es solle an Nahrungsmitteln nicht mangeln. Das stellt er als das deutlichste Zeichen der Rettung hin, um die Juden zu vergewissern, dass er selbst der Urheber dieser Rettung sein werde, oder um ihnen dieselbe fest ins Gedächtnis zu prägen. Wohl war das unglaublich und wider alle Hoffnung und Aussicht. Aber der Glaube Hiskias und des Volkes sollte auf diese Weise geweckt werden; wenn sie von solchem Segen hörten, sollten sie fröhlicher werden in getroster Hoffnung. Dann aber sollte ihnen die Zukunft auch zeigen, dass solch herrliche Gottestaten nicht dem Schicksal zugeschrieben werden könnten. Der Sinn also ist der: Gott wird den Feind vertreiben und ihn so im Zaum halten, dass er keine neuen Truppen ins Feld führen kann: du wirst ruhig im Genuss deines Landes leben können; auch Speise und Nahrungsmittel wird er in Fülle darbieten, sodass du nichts mehr begehrst.

V. 31. Denn die Erretteten vom Hause Juda, und die überbleiben, werden noch wiederum unter sich wurzeln. Gott der Herr wird Jerusalem nicht befreien, um hinterher nicht weiter für die Stadt zu sorgen, er wird vielmehr bis ans Ende sie erhalten. Und in der Tat! Alle Wohltaten des Herrn sind Beweis und Zeugnis eines bleibenden Wohlwollens gegen uns; wir werden von ihm niemals verlassen werden. Hier müssen wir aber besonders daran denken, was wir schon vorher berührten, dass Gott Jerusalem darum geschützt hat, weil er sich dort ein Heiligtum erwählt hatte und weil von dort auch Christus kommen sollte. Nicht ohne Grund verheißt er den Überbleibenden, dass sie wiederum unter sich wurzeln sollen. Wurde auch die Belagerung aufgehoben, so hatte das arg zusammengeschmolzene Volk doch noch wenig Grund zur Freude. Bei seiner geringen Zahl war ja auf volle Wiederherstellung kaum zu hoffen. Um diesen Schmerz zu lindern, verheißt der Prophet, das Land werde wieder voll Bewohner sein, wie wenn ein überreicher Feldertrag die leeren Scheunen wieder füllt. Nicht allein die Verwüstung des Landes konnte ja die Frommen entmutigen oder mit Traurigkeit umstricken, sondern vor allem auch die starke Abnahme der Bevölkerung, da die zehn Stämme in die Verbannung geführt worden waren. Aber obschon sie so geschwächt wurden, sollen sie durch Gottes Macht doch wieder ihren früheren Stand erlangen und zu einer großen Menge anwachsen. Der Herr lässt wohl die Seinen bis zum Äußersten geschwächt werden, aber nur dazu, damit nachher in ihrer Rettung sein Ruhm umso heller glänze. Was er aber damals getan, dürfen wir auch heute noch erhoffen. Je mehr wir die Kräfte der Gemeinde Gottes geschwächt und zunichte werden sehen, umso gewisser dürfen wir davon überzeugt sein, dass Gott in seiner Hand Mittel bereit hat, ihre schwache Zahl zu mehren. – So schlimm wird die Verwüstung sein, dass die Kirche gleichsam mit ihrer Wurzel ausgerissen und gänzlich verloren erscheint. Das traurigste Schauspiel solch einer Entwurzelung bot sicherlich der Untergang des Reiches Israel. Aber der fast entwurzelte Baum wird wieder Wurzel schlagen und im Verborgenen zu treiben beginnen. Zwar zeigt die Kirche nicht offen solches Wachstum, wie die Reiche dieser Welt, aber der Herr reicht ihr eine verborgene Kraft dar, durch die sie menschlicher Art entgegen wächst und zunimmt. Lasst uns darum nicht erschrecken, wenn sie entwurzelt ist oder wir sie für verloren halten. Er hat verheißen, dafür zu sorgen, dass sie doch wiederum unter sich wurzle. Dazu wird sie auch Frucht tragen. Die Kirche wird nicht nur, wie es zuvor von den Gottlosen hieß, blühen wie das Gras, sondern wird überreiche Frucht bringen. So vollendet der Herr in ihr, was er einmal begonnen hat.

V. 32. Denn von Jerusalem werden ausgehen, die überblieben sind usw. Im vorhergehenden Verse hat der Prophet unter dem Bilde der Wurzel und der Frucht die Befreiung der Kirche vorausgesagt. In diesem Verse erklärt er dasselbe ohne Bild. Er spielt auf die Belagerung an, durch welche der Rest des Volkes, der in der Stadt übrig geblieben war, in derselben wie in einem Gefängnis eingesperrt und in die Enge und die äußerste Bedrängnis gebracht wurde. Nun sagt er, das Volk werde von Jerusalem ausgehen, das ganze Land werde ihm offen stehen, und ohne Furcht werde es frei sich ausdehnen können. Dies „Ausgehen“ steht in Gegensatz zu der bedrängten Enge, in welche der Schrecken vor den Feinden die zitternden Juden getrieben hatte. Der Ausdruck weist also nicht nur auf einen freien Ausgang hin, sondern auch auf die Ausbreitung des Volkes, das auf eine ganz geringe Zahl zusammengeschrumpft war. Dass nun nicht nur Judäa wieder eine zahlreiche Bevölkerung bedeckte, sondern dass aus den Überbleibenden auch eine große Menge Volkes, welche sich über die verschiedenen Teile der Erde ergoss, hervorgegangen ist, das konnte nur geschehen, weil der Herr aus jener kleinen Zahl nicht ein Volk nur, sondern mehrere schuf.

Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth. Gott ist es, der einen wunderbaren Beweis seiner Kraft gibt. Was hier verheißen war, war ja auf den ersten Blick unglaublich. Auf allen Seiten eine Menge Hindernisse, aber keine Hilfe. Gott aber umfasste seine Kirche mit einem so brennenden Liebeseifer, dass er nicht zögert, auch auf ungewohnte Weise bei ihrer Rettung vorzugehen. Dieselbe Redewendung gebrauchte der Prophet bei einer ähnlichen Gelegenheit schon früher (9, 6).

V. 33. Daher spricht der Herr also vom Könige zu Assyrien: Er soll nicht kommen in diese Stadt usw. Hier redet der Prophet wieder von der Befreiung der Stadt, von der schon oben die Rede war. Zuerst hatte Gott verheißen, er werde den Sanherib vertreiben; sodann, er werde trotz der Verwüstung des Landes für genügende Speise und Lebensmittel zur Ernährung des Volkes sorgen; drittens, er werde den kleinen Rest des Volkes wieder zu einer zahllosen Menge anwachsen lassen. Hier kehrt er wieder zum ersten Punkt zurück. Denn alles andere wäre hinfällig gewesen, wenn eben nicht das Volk aus den Händen jenes Tyrannen befreit worden wäre. Gott wird sich also als ein Bollwerk gegen den Feind beweisen, er wird ihn hindern, in die Stadt einzudringen, ja der Feind soll ihr nicht einmal näher kommen, er soll auch keinen Pfeil dahin schießen.

V. 34. Sondern des Weges, des er kommen ist, soll er wiederkehren usw. Unverrichteter Sache soll Sanherib zurückkehren. Er soll gehen, wie er gekommen ist. Nichts ist von ihm erreicht, seine Anstrengungen sind umsonst. Um das zu bekräftigen, heißt es am Schluss des Verses: spricht der Herr. Wenn der gesprochen, der nicht lügen kann, dann ziemt es sich, sein Wort so zu umfassen und so innig festzuhalten, als ob die Gefahr schon vorüber und der Erfolg schon eingetreten wäre.

V. 35. Denn ich will diese Stadt schützen, dass ich ihr aushelfe. Hier wird der Grund angegeben, weshalb Sanherib nicht in die Stadt kommen soll: der Herr schützte sie. Hiskia und das ganze Volk sollen darum auf Gott die Augen richten. Der Anblick jenes Tyrannen war ja schrecklich genug, dass man sich vor ihm wohl entsetzen konnte. So kann auch uns wohl bange werden, wenn wir heutzutage die Macht der Feinde der Kirche anschauen. Wir müssen aber auf Gott schauen, seine Verheißungen umfassen und mit ihnen wie mit einem Schilde uns schützen. Jene Verheißung ist ja nicht nur für jene Zeit gegeben, sondern für alle Zeiten.

Um meinetwillen. Den Hiskia und alle Frommen erinnert Gott damit an seinen Gnadenbund. Die Juden hatten durch ihre Herzenshärtigkeit den Zorn Gottes gegen sich herausgefordert. Sie hatten es verdient, nicht nur, dass der Herr sie aller Hilfe beraubte, sondern auch, dass er an ihnen ein schreckliches Exempel statuierte. Um sie nun nicht völlig verzweifeln zu lassen, verheißt ihnen Gott, er wolle ihr Helfer sein. Das werde er aber nicht um ihretwillen sein, sondern um seinetwillen. Und zunächst deshalb, weil er seinem Vorsatz treu bleiben wolle, Abrahams Geschlecht, das er an Kindesstatt angenommen, nicht zu verwerfen, die rechte Gottesverehrung nicht auszulöschen, sein Heiligtum nicht zu vernichten und das Gedächtnis seines Namens auf Erden nicht auszutilgen. Sodann aber auch deshalb, um nicht seinen Namen dem Schimpf und Spott der Heiden auszusetzen. Der Herr tut es also nicht um des Verdienstes des Volkes oder irgendeines andern, sondern allein um seiner Ehre willen. Dieser Gegensatz tritt uns auch bei dem Propheten Hesekiel (36, 22) entgegen: „Ich tue es nicht um euretwillen, ihr vom Hause Israel, sondern um meines heiligen Namens willen.“ Wenn wir uns nun in einer ähnlichen Lage befinden, sollen wir nicht zögern, uns mit diesem Schild gegen unsere Sünden zu decken. Ob wir auch hundertmal des Verderbens wert sind, Gott erfüllt doch schon um seiner Güte und Treue willen seine Verheißungen. Den Heuchlern nützt es jedoch nichts, dass Gott seiner Kirche ewiger Schutz ist. Für seine Auserwählten aber wird der Gedanke immer die sicherste Zuflucht sein: Aus sich selbst vermögen sie zwar nicht Gottes Zorn zu beschwichtigen; aber wer wird seine Kirche niemals untergehen lassen, da er sie aufgerichtet und sie zu schützen beschlossen hat allein um seiner unendlichen Güte willen.

Und um meines Dieners David willen. Dieser Zusatz ist besonders bemerkenswert. Der Grund für jene Errettung lag einzig in Gott, in seiner freien Liebe, mit der er jenes Volk umschlossen hatte. Mit voller Absicht jedoch weist der Prophet auf David hin als das gewisseste Unterpfand dieser Liebe. In dessen Hand hatte der Herr seinen Bund bestätigt und hatte ihm bezeugt, er werde sein Vater sein. Der Prophet führt David an als den heiligen König, dem durch Gottes Hand sein Thron bestätigt worden war, unter dessen Herrschaft das Gottesvolk unversehrt bleiben, der endlich der Mittler zwischen Gott und seinem Volke sein sollte, eine Bezeichnung, durch die er als ein Vorbild auf Christus selbst über die Engel emporragte. Wenn nun auch bald darauf sein Thron umgestürzt und seine Krone zerrissen wurde, so war jene Verheißung, dass Gott zu seiner Zeit Jerusalem schützen wolle, doch keine leere. Gott wollte nicht ungültig machen, was er über das ewige Königreich Davids verheißen hatte.

V. 36. Da fuhr aus der Engel des Herrn und schlug im assyrischen Lager usw. Damit wir nicht meinen, des Herrn Wort sei eitel, berichtet der Prophet, wie es den Assyrern ergangen ist. Seine Verheißung wurde durch die Erfüllung bestätigt, woraus klar zu ersehen war, dass er von Gott gesandt war und nicht aufs Geratewohl geredet hatte. Solch wunderbare göttliche Tat musste aber nicht nur zu Bestätigung eines einzelnen Wortes des Propheten dienen, sondern seiner ganzen Predigt wurde damit der Stempel einer wirklich prophetischen aufgedrückt und seine Berufung als eine göttliche sanktioniert. Wo nun den Assyrern jene Niederlage von dem Engel des Herrn beigebracht wurde, steht nicht hinreichend fest. Die gewöhnliche Annahme ist die, dass dieselbe sich bei der Belagerung von Jerusalem ereignet hat. Doch konnte sie sich auch auf dem Marsche ereignen, als Sanherib zur Belagerung der Stadt heranrückte. Das lasse ich unentschieden; es liegt auch nicht viel daran. Als sicher aber dürfen wir aus dem Zusammenhang entnehmen, dass der Tyrann nicht so nahe an die Stadt herangekommen ist, dass er in dieselbe einen Pfeil hat schießen können. Zurückweisen müssen wir indes jene Auslegung weltlicher Geschichtsschreiber, durch welche der Satan ein so wunderbares Gottesgericht zu verdunkeln versucht hat, als ob in dem Kriege mit Ägypten ein Teil des Heeres durch die Pest hingerafft und Sanherib darauf in sein Land zurückgekehrt wäre. Ein so großes Sterben, wie es in jener einen Nacht geschah, kann doch nicht der Pest zugeschrieben werden. Und nach seiner bekannten List behauptet der Vater der Lüge, die Gnadentat, die Gott seiner Kirche zugewandt hat, wäre Ägypten widerfahren. Die Tatsache selbst bezeugt es laut, dass Jerusalem auf wunderbare Weise mitten aus dem Verderben herausgerissen worden ist. Damit niemand dies Wunder natürlichen Mächten zuschreibe, sagt der Prophet ausdrücklich: der Engel des Herrn fuhr aus und schlug hundertfünfundachtzigtausend Mann. Es ist nichts Neues, dass der Herr der Engel sich bedient zum Heil der Frommen, zu deren Dienst er alle himmlischen Heere bestellt hat. Das trägt nicht wenig zur Stärkung unseres Glaubens bei, wenn wir hören, dass eine zahllose Menge Wächter für uns wacht. Zwar ist der Herr an sich stark genug und vermag allein uns sicher zu bewachen. Die Engel sind gleichsam nur seine Hände, weshalb sie auch Gewalten und Mächte genannt werden. Ob nun jene wunderbare Tat durch die Hand eines oder mehrerer Engel ausgeführt worden ist, können wir nicht sicher sagen. Das ist aber auch für die Sache selbst nicht von großer Bedeutung. Gott kann leicht durch einen Engel dasselbe ausrichten, wie durch tausend. Wahrscheinlich ist, was ja auch dem Wortlaut mehr entspricht, dass dies Gericht nur ein Engel vollzogen hat, wie auch bei jener Errettung aus Ägypten der Engel des Herrn durch ganz Ägyptenland wanderte und die Erstgeburt schlug. Nun führt Gott zuweilen auch durch böse Engel seine Strafgerichte aus; doch hier wählte er einen aus der Zahl seiner gehorsamen Diener, um für das Heil seiner Gemeinde zu sorgen. - Wie jene Tausende niedergeschlagen wurden, darüber ist nichts Bestimmtes überliefert. Die Juden fabeln, ohne irgendeinen Beweis für ihre Vermutung zu erbringen, sie seien vom Blitz erschlagen worden. In der Erfindung von Fabeln sind sie dreist, und urteilslos nehmen sie als sicher hin, was ihnen gerade in den Sinn kommt, als wenn es geschichtlich bezeugt wäre. Unser Bericht zeigt deutlich genug, dass jene Niederlage nicht so zu verstehen ist. Wären sie vom Blitz erschlagen worden, dann wäre das doch keinem verborgen geblieben, und der Prophet hätte es nicht unerwähnt gelassen. Die Tatsache genügt, dass der Herr, um Jerusalem aus der Hand der Assyrer zu befreien, deren Heer plötzlich schlug und ohne irgendwelche Vermittlung und menschliche Hilfe vernichtete.

V. 37. Und der König von Assyrien, Sanherib, brach auf usw. Hier schildert der Prophet den schmachvollen Rückzug jenes stolzen Tyrannen, der in seiner Gier schon ganz Judäa verschlungen hatte und es vorher wagte, gegen Gott selbst sich zu erheben. Um in feiner Weise das Entehrende dieser Flucht zu kennzeichnen, häuft der Prophet die Ausdrücke: er brach auf, zog weg und kehrte wieder heim. Er betont auch ausdrücklich: „der König von Assyrien,“ – um noch mehr das Schimpfliche dieses Rückzuges hervorzuheben. Sehet da, will er sagen, diesen großen König, dessen Macht Rabsake mit so stolzen Worten rühmte! Er war nur nach Judäa gekommen, um mit Schimpf und Schande wieder abzuziehen. Durch Gottes Hand wird er also zurückgetrieben und wie Spreu vom Winde daher gejagt.

Und blieb zu Ninive. Das weist wiederum darauf hin, dass sein Mut in demselben Maße wie seine Kraft gebrochen war. Freiwillig hätte er keine Ruhe gehalten, wenn die Verzweiflung ihn nicht, wie eine eherne Kette, festgehalten hätte.

V. 38. Es begab sich auch, da er anbetete im Hause Nisrochs, seines Gottes usw. Hier erlauben sich jüdische Ausleger allerlei Phantastereien. Sanherib soll seinen Götzen gefragt haben, weshalb er die Juden nicht hätte besiegen können. Da sei ihm die Antwort zuteil geworden, weil Abraham seinen Sohn Gott hätte opfern wollen. Daraufhin habe der Tyrann in Anlehnung an jenes Beispiel seine Söhne zum Opfer bestimmt, um seinen Gott sich zu verpflichten. Die Söhne seien aber über den grausamen Beschluss ihres Vaters aufgebracht worden und hätten ihn im Tempel seines Götzen getötet. Mit dergleichen Vermutungen sich aufzuhalten hat keinen Zweck. Aber der Mühe wert ist es, hier, wie in einem Gemälde, den Untergang von Tyrannen zu betrachten, die der Herr vernichtet in dem Augenblick, als alles ihrem Ansturm zu unterliegen scheint. Kraft seiner Allmacht setzt er sie dem allgemeinen Gespött aus. Sanherib war mit einem gewaltigen Heer nach Judäa gekommen, mit wenigen Leuten kehrt er heim und wird von Gott, dem Sieger, wie in einem Triumphzuge daher geführt. Doch damit nicht genug! Mitten in seinem Reich, in seiner Hauptstadt, ja in dem Tempel seines Gottes, der auch für den geringsten seiner Untertanen eine Zufluchtsstätte gewesen wäre, wird er ermordet, und zwar nicht von einem Feind oder einem Fremden, nicht von einem aufrührerischen Volke, nicht von Verrätern, auch nicht von Dienern, nein von seinen eigenen Söhnen. Das macht seinen Fall noch viel schmachvoller. Es ist bedeutsam, dass dieser unersättliche Blutmensch, der mit teuflischer Lust in dem Blute anderer watete, von den Seinen getötet wird und die Rache derer erfährt, bei denen er doch am sichersten hätte sein sollen. So straft der Herr die Grausamkeit derer, die in ihrer Herrschsucht nicht einmal Unschuldige verschonten. – So wurde der Tyrann getötet, aber nicht nur das, auch sein Reich ging nicht lange nachher unter. Die Assyrer wurden von den Chaldäern besiegt, und die Herrschaft ging an Babylon über, zehn Jahre nach dem Tode Sanheribs. Während dieser Zeit regierte sein Nachfolger Assar-Haddon, der hier erwähnt wird. Damit dieser nun nichts gegen die Juden zu unternehmen wagte, wurde er nach Gottes Rat durch innere Verwicklungen festgehalten. Auf diese gestützt fiel der Babylonier Merodach in Assyrien ein und brachte es in seine Gewalt.

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Die auch ohne Zweifel richtig ist
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