Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 35.

Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 35.

V. 1. Aber die Wüste und Einöde wird lustig sein. In diesem Kapitel wird vom Propheten eine wundersame Veränderung geschildert. Im vorhergehenden hat er den Untergang Edoms beschrieben und gesagt, dasselbe würde in eine Wüste verwandelt werden. Hier verheißt er nun im Gegenteil der Wüste Fruchtbarkeit. Unfruchtbares und unbebautes Land soll zu fruchtbarem Land werden; Einöden und wüste Landstriche sollen von einer zahlreichen Menschenmenge bewohnt werden. Das ist nun Gottes eigenstes Werk, die ganze Erde zu segnen. Freilich wendet er dabei einzelnen Gegenden seinen Segen spärlicher zu, während er andere mit demselben überschüttet. Auch nimmt er ihn wohl um der Undankbarkeit der Menschen willen ganz weg. Diese Stelle wird übrigens verschieden erklärt. Die Phantastereien jüdischer Ausleger übergehe ich; diese beziehen alle derartigen Stellen auf das irdische Messiasreich, wie sie sich dasselbe dachten. Einige Ausleger beziehen diese Stelle auf Judäa, andere verstehen sie von der Berufung der Heidenvölker. Ob es nicht richtiger ist, wenn wir sie von Judäa und zugleich von dem ganzen Erdkreis verstehen? Von dem Verderben, das der Prophet dem ganzen Erdkreis geweissagt hatte, sollte Judäa nicht verschont bleiben. Ja, weil das Gericht am Hause Gottes und seinem Heiligtum seinen Anfang nimmt, so wurde dem heiligen Lande eine besonders traurige Verwüstung vorausgesagt. Es sollte eben ein sonderlich ernstes Beispiel göttlichen Gerichts abgeben. Wenn der Prophet darum von einer Wüste und Einöde redet, so denkt er sehr richtig zunächst an Judäa, dann aber auch weiter an den ganzen Erdkreis, weil überall Gottes Zorn wütete. Er will sagen: Nachdem der Herr die Sünde und die Missetaten der Menschen gestraft und an Juden und Heiden sich gerächt hat, wird die Wüste wieder in bewohnbares Land verwandelt und die Erde wieder erneuert werden. Diese Erneuerung ist ein herrlicher Beweis göttlicher Güte. Denn die Menschen haben dadurch, dass sie den Herrn reizten und von ihm abfielen, für ewig unterzugehen und völlig vernichtet zu werden verdient, - die vor allem, welche von ihm zu seinem Eigentumsvolk erwählt waren. Bei diesen Verheißungen hat Jesaja besonders die Juden im Auge: diese sollten in ihrer Heimsuchung nicht verzweifeln. Wann ist nun diese Weissagung in Erfüllung gegangen oder wann wird sie sich noch erfüllen? Diese Erneuerung hat der Herr in gewissem Maße mit der Zurückführung seines Volkes aus Babylon begonnen. Doch war das nur ein schwaches Vorspiel. Darum muss diese Stelle, wie andere ähnliche, ohne Zweifel auf das Reich Christi bezogen werden. Anders kann diese Weissagung nicht verstanden werden, zumal wenn wir sie mit andern vergleichen. Dabei denke ich aber nicht nur an den Anfang des Reiches Christi, sondern auch an seine Vollendung am jüngsten Tage, der darum auch der Tag der Erneuerung und Wiederherstellung genannt wird. Vollkommene Ruhe werden fromme Seelen erst an jenem Tage finden. Darum schildern die Propheten das Reich Christi in so herrlichen Worten, sie sehen auf sein Ende, an dem die wahre Seligkeit der Frommen eine vollkommene sein wird. Nachdem der Prophet also von schrecklichen Heimsuchungen geredet und auf das jammervolle Verderben des ganzen Erdkreises hingewiesen hat, tröstet er die Frommen mit dieser Verheißung, dass alles wiederhergestellt werden soll. Letzteres geschieht aber durch Christum, durch welchen allein eine Wiederherstellung und Erneuerung möglich ist. Außer ihm kann es nur traurige Wüstenei geben, nichts als Verwirrung im Himmel und auf Erden. Aber das ist dabei wohl zu beachten, dass die Welt zuvor durch allerlei Züchtigungen zubereitet werden musste, damit sie für den Empfang so großer Gnadengaben tüchtig und geeignet wurde und damit umso herrlicher Christi Gnade sich offenbarte, die, wenn alles unversehrt geblieben wäre, nicht hervorgetreten wäre. Daher mussten die stolzen, trotzigen Menschenherzen erst niedergeworfen und gedemütigt werden, um dann Christi Gnade zu schmecken und seine Macht und Gewalt anzuerkennen.

V. 2. Sie wird blühen und fröhlich stehen usw. Noch herrlicher schildert der Prophet die wunderbare Wirkung der Gnade Christi. Was zuvor in Schmutz und Verderbnis lag, blüht durch seine Kraft und Macht und erlangt wieder seinen Glanz. In zwiefacher Weise können diese Worte aufgefasst werden. Entweder will der Prophet sagen: Es wird nicht ein Blühen werden, das bald wieder hinfällig und welk wird und in den früheren traurigen Zustand zurücksinkt, sondern ein beständiges, dauerndes, unablässiges Blühen, das nicht welken und hinschwinden kann. Oder er bezeichnet mit diesen Worten ein Wachstum, das von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr fortschreitet. In der Weise macht Christus uns ja reich, dass er von Tag zu Tag seine Gnade in uns mehrt. Die folgenden Bilder schildern jene Fruchtbarkeit noch weiter. Der Prophet begnügt sich nicht damit, zu sagen: Was früher eine trostlose Einöde war, wird blühen und fröhlich sein, - sondern er fügt hinzu: die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, der Schmuck Karmels und Sarons. Diese Gegenden überragten an Lieblichkeit und Fruchtbarkeit alle anderen des jüdischen Landes.

Sie sehen die Herrlichkeit des Herrn. Was der Prophet bisher bildlich ausgedrückt hat, bringt er jetzt klar und ohne Bild zum Ausdruck. Bis die Menschen Gott kennenlernen, sind sie unfruchtbar und aller wahren Güter bar. Unsere Fruchtbarkeit fängt also damit an, dass wir von Gott Leben erhalten, was ohne Glauben nicht geschehen kann. Zweifellos will der Prophet unsere Gedanken nach oben richten, dass wir den herrlichen Reichtum himmlischer Güter erkennen. Denn durch Speise und Trank und andere irdische Dinge können Menschen wohl satt werden, aber sie erkennen dabei Gott nicht als den Geber aller Gaben, werden auch nicht frei von ihrem Elend; werden doch oft Menschen durch die Fülle irdischer Gaben nur blinder und trotziger. Wenn aber der Herr sich uns offenbart, dass wir seine Herrlichkeit und seinen Schmuck schauen, dann kommt zu seinen Segnungen der wahre Heilsgenuss.

V. 3. Stärket die müden Hände und erquickt die strauchelnden Kniee! Wir können diesen Vers ganz allgemein fassen: Die müde Hände haben, sollen dieselben stärken, und deren Kniee zittern und straucheln, die sollen frischen Mut und neue Stärke gewinnen. Der folgende Vers zeigt jedoch, dass diese ganze Stelle auf die Diener des Wortes zu beziehen ist. Diese redet der Prophet an; sie sollen ermuntern, antreiben, die schwachen Menschenkinder, deren Mut gebrochen oder doch sehr erschüttert ist, erquicken, dass sie wieder mutiger und widerstandsfähiger werden. Das war sehr nötig. Alle die Zeichen göttlichen Zornes, die der Prophet weissagte, mussten unbedingt auch die tapfersten Herzen mit Angst und Furcht erfüllen. Denn wenn uns fortgesetzt Unglück trifft und schwächt, wenn Gott selbst im Zorn über unsere Sünde uns gleichsam offen den Krieg erklärt, wen wird da nicht Schrecken befallen? Aber der Prophet gibt Befehl, dass man die in ihrer Niedergeschlagenheit halbtoten Menschen wieder erquicken solle. Auf welche Weise dies geschieht, zeigt der nächste Vers.

V. 4. Saget den verzagten Herzen: Seid getrost! Jene Stärkung, von welcher der Prophet geredet, flößt Gott unsern Herzen ein durch sein Wort. Allein durch den Glauben an sein Wort werden wir stark. Darum schließt sich nunmehr eine Verheißung zukünftiger Gnade an: Sehet, euer Gott, der kommt zur Rache. Zunächst ist hier zu bemerken: Gott will seine Gnade nicht unbekannt und verborgen lassen, vielmehr sie offenbaren und austeilen, damit wankende und schwankende Herzen sich sammeln und stärken. Das ist die einzige Art und Weise, auf die Menschenherzen in schweren Heimsuchungen gestärkt werden können. Wenn wir nicht durch des Herrn Wort aufgerichtet werden, müssen wir verzagen und verzweifeln. Es ist also die Aufgabe der Diener am Wort, die zerbrochenen Herzen aufzurichten, die schwachen zu stärken, die schwankenden zu stützen. Weiter ist die große Kraft zu beachten, die dem Worte Gottes innewohnt; es stärkt die müden Hände und erquickt die strauchelnden Kniee. Wenn das Wort Gottes nicht wirklich imstande wäre, solche Kraft einzuflößen, würde der Prophet niemals so geredet haben. Wenn Gott mit seinem Wort nur die Ohren träfe und nicht die Herzen erschütterte, dann wären des Propheten Worte sicherlich nur leere Redensarten. Aber der Herr hat sein Wort für Ohren und Herzen bestimmt. Darum sollen wir auch wissen, dass ihm die Kraft gegeben ist, Herzen in ihrer Tiefe zu bewegen. Zwar geschieht Letzteres nicht immer und ausnahmslos, sondern nur da, wo es Gott gefällt, durch die geheimnisvolle Kraft seines Wortes in dieser Weise zu wirken. Zum Gehorsam gegen Gott werden wir also tüchtig durch eben dies Wort; ohne dasselbe werden wir feig erbeben, unser Mut wird hinsinken und wir werden nicht nur schwanken, sondern der Unglaube wird uns geradezu in Furcht erstarren lassen. Vom Herrn also muss uns geholfen, muss unsere Furcht gehoben, unsere Schwachheit geheilt und wir tüchtig gemacht werden, feste Schritte zu tun. – Wenn diese Mahnung: Seid getrost, fürchtet euch nicht; sehet, euer Gott, der kommt zur Rache! – uns fest ins Herz eingeprägt ist, wird sie alle Mattigkeit von uns abschütteln. Denn sobald die Menschen den Herrn nahe fühlen, hören sie auf, sich zu fürchten, oder werden doch Sieger über allzu große Furcht. So sagt auch der Apostel Paulus (Phil. 4, 5f.): „Der Herr ist nahe; sorget nichts.“ Auf unsere Stelle scheint auch der Brief an die Hebräer (12, 12) anzuspielen: „Darum richtet wieder auf die lässigen Hände und die müden Kniee.“ Es wird aber in dieser Aussage die Mahnung auf die einzelnen Gläubigen angewendet: sie sollen zum Ausharren sich antreiben und in den vielen Kämpfen, die sie zu bestehen haben, feste Tritte tun auf ihrem Wege. – Dass der Prophet sagt: „euer“ Gott – ist nicht überflüssig. Denn wenn wir nicht wissen, dass Gott „unser“ Gott ist, dann gibt seine Nähe uns mehr Anlass zur Furcht als zur Freude. Hier steht nicht Gottes Majestät im Vordergrund, die allen menschlichen Stolz in den Staub wirft, sondern seine Gnade, welche die geängsteten und zerschlagenen Herzen tröstet. Darum wird der Herr ausdrücklich als unser Gott, als unser Schutzherr hingestellt, der mit seiner Treue uns schirmt. Wirft jemand ein, er bringe doch nur Schrecken mit sich, da er ja zur Rache komme, so erwidere ich: diese Rache wird nur den Gottlosen und den Feinden der Kirche angekündigt. Darum wird Gott nur diesen ein Gegenstand des Schreckens, den Frommen aber des Trostes sein. Darum fügt auch der Prophet hinzu: Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen. Es könnte einer einwenden: Wenn an den Feinden Rache geübt wird, - was hat das mit uns zu tun? Was hilft uns das? Sollen wir denn an dem Elend der Feinde uns ergötzen? Deshalb sagt der Prophet deutlich, das werde uns zum Heil gereichen, Gott werde uns damit helfen. Die Rache, die Gott an den Gottlosen nimmt, ist verknüpft mit dem Heil der Frommen. Es ist also zu beachten, dass der Herr darum zur Rache sich anschickt und rüstet, damit die Gläubigen lernen, auf seine Hilfe zu bauen, und nicht meinen, er sei im Himmel müßig.

V. 5. Alsdann werden der Blinden Augen aufgetan werden usw. Der Prophet fährt fort, die Wiederherstellung der Kirche zu verheißen. Da aber die wahre Wiederherstellung derselben durch Christus zustande kommt, so müssen wir zu ihm hingehen, wenn wir das, was Jesaja hier beschreibt, erlangen wollen. Nur durch seine Gnade werden wir wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung des ewigen Lebens. Wahrscheinlich spielt hier der Prophet auf die 29. Kapitel enthaltene Weissagung an, in der er den Juden schreckliche Blindheit, Torheit und Stumpfheit ihres ganzen Seelenlebens ankündigte. Da aber in Christo ein neues Leben aufgeht, so verheißt er jetzt unverletzte, reine Sinne, deren sie nur eine Zeitlang beraubt sein sollen. Das Wörtlein „alsdann“ hat hier besonderes Gewicht. Es sagt uns: Solange wir von Christo fern sind, sind wir stumm, blind und lahm; wir sind dann nicht fähig, Gutes zu tun; durch Christi Geist werden wir aber erneuert, heil und gesund. Der Prophet redet hier von den Tätigkeiten der Zunge, der Ohren und Füße. Er denkt dabei an unser ganzes seelisches Leben, das an sich so verderbt ist, dass nichts Gutes aus ihm hervorgehen kann, bis es durch Christi Gnade erneuert wird. Die Augen können nicht sehen, was recht ist, die Ohren können es nicht hören, die Füße können uns nicht auf den rechten Weg leiten, bis wir mit Christo vereinigt sind. Zwar sind die Sinne der Menschen regsam genug, ja mehr als genug; die Begierde reißt sie hierhin und dorthin; die Zunge ist beredt zum Fluchen, zum Meineid, zum Betrug und allem leeren Gerede; die Hände sind zum Diebstahl, zum Rauben, zur Grausamkeit nur zu sehr bereit; die Füße sind eilig, Schaden zuzufügen; das ganze menschliche Wesen ist von Natur nicht nur zum Bösen geneigt, sondern ganz und gar aufs Böse versessen. Aber wenn es gilt, Gutes zu tun, dann sind die Menschen träge und stumpf. Darum müssen sie durch Gottes Kraft erneuert werden, um recht zu denken, fühlen, reden und ihre Pflichten erfüllen zu können; denn es kann niemand Jesum einen Herrn nennen ohne durch den heiligen Geist (1. Kor. 12, 3). Solche Erneuerung geht aber einzig von der Gnade Christi aus. Die sich zu ihm wenden, die erlangen Kräfte der Heiligung, während sie früher in jeder Beziehung untauglich und den Toten ähnlich waren. Christus hat zu dieser Stelle das treffende Zeugnis und den besten Beleg gegeben, wenn er den Blinden das Gesicht, den Stummen die Sprache, den Tauben das Gehör, den Lahmen und Krüppeln gesunde Glieder schenkte. Was er aber da im Leiblichen gewährte, war nur ein Sinnbild dessen, was er in weit überschwänglicherem und herrlicherem Maße unsern Seelen darbietet.

V. 6. Denn es werden Wasser in der Wüste hin und wieder fließen. Der Prophet redet hier noch von andern Gütern, an denen die Gläubigen Überfluss haben, sobald Christi Reich aufgerichtet ist. Keine Armut, keinen Mangel brauchen wir zu fürchten, wenn wir durch Christum mit Gott versöhnt sind. Von ihm fließt uns die volle Seligkeit zu, die der Prophet hier in bildreicher Sprache schildert. Wo also früher alles unfruchtbar war, dort soll dann die größte Fruchtbarkeit herrschen. Wir sind ja arm und unfruchtbar, wenn Gott uns nicht durch Christum segnet. Er allein führt des Vaters Segen mit sich; den teilt er uns zu. Zwar haben auch die Gottlosen oft genug Überfluss an Gütern, aber es ist ein trauriger Überfluss; sie haben Christum nicht, von dem allein alle wahren, heilsamen Güter ausgehen. Besser wäre der Tod, als solch ein Überfluss, auf welchem der Fluch Gottes ruht. Wo also Christus lebt, da werden Ströme von wahren, heilsamen Gütern fließen.

V. 7. Und wo es zuvor trocken ist gewesen, sollen Teiche stehen. Der Prophet bestätigt das zuvor Gesagte, dass Christus kommen wird, die Seinen an allen Gütern reich zu machen. Wir müssen festhalten, dass uns hier gleichsam das Bild des ewigen Lebens geschildert wird. Bei dem Erscheinen Christi ist jene Veränderung nicht klar zutage getreten, - und doch sagt der Prophet nicht ohne Grund, dass, wo Christus regiert, die ganze Erde fruchtbar wird. Zuvor war nämlich gesagt worden, dass uns ohne ihn alles zum Fluch gereicht. Die ganze Erde ist für uns dann gleichsam eine Wüste, in der Löwen, Drachen und andere wilde Tiere hausen, bis Christi Reich aufgerichtet ist. Ist das geschehen, dann wird es den Frommen an nichts fehlen. Ein Vorspiel dessen war es, als der Herr sein Volk befreite und aus der Gefangenschaft Babylons führte. Aber die eigentliche Erfüllung dieser Weissagung müssen wir in Christo suchen, durch den verwirrte Verhältnisse wieder ins rechte Geleise gebracht werden. Jene Befreiung aus der Gefangenschaft Babylons war nur ein mattes Vorbild. Hier auf Erden dürfen wir die vollkommene Erfüllung jener Weissagung überhaupt nicht suchen. Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Unsere Seligkeit ist hier bis zu einem gewissen Grade verborgen und darf erst für den jüngsten Tag erwartet werden. Es ist auch genug, in dieser Welt wenigstens einen Vorgeschmack desselben zu erhalten. Umso brennender soll unser Verlangen nach jener vollkommenen Seligkeit sein.

V. 8. Und es wird daselbst eine Bahn sein usw. Hier wird den Juden die Rückkehr in die Heimat verheißen. Sie sollen nicht glauben, sie müssten in Babylon ewig in der Verbannung bleiben. Doch greift meines Erachtens der Prophet mit dieser Weissagung weiter. Vorher hat er reichen Überfluss verheißen, wo zuvor Unfruchtbarkeit herrschte. Nun sagt er, Gegenden würden zugänglich und belebt werden, die zuvor von niemandem aufgesucht wurden; ganz Judäa werde mit anderen Gegenden in Frieden verbunden sein, und zwar derart, dass hin und her die einen, wie die andern ohne Furcht wandern können. Wo es keine Bewohner gibt, da gibt es auch keine Wege und keine Handelsbeziehungen. Die Juden werden also, nachdem sie in ihre Heimat zurückgeführt sind, wieder ihre Reisen machen und mit anderen Völkern Handel treiben. Nicht ohne Grund fügt nun der Prophet hinzu: und ein Weg, welcher der heilige Weg heißen wird. Wo großer Handelsverkehr ist, da nehmen auch Laster und Verderben überhand. Wo große Menschenmassen zusammenströmen, da beflecken sie die Erde, indem die Menschen sich gegenseitig anstecken und verderben. Der Prophet weist also mit jenen Worten darauf hin, dass nicht nur die Erde, sondern auch die Herzen der Menschen durch Christi Gnade erneuert werden, sodass sie nun die Erde heiligen, die sie sonst mit ihrer Schande zu verderben pflegen. Jedoch ist festzuhalten, worauf diese Worte zunächst gehen, dass nämlich die Juden, durch die jener Weg geheiligt werden wird, in ihr Vaterland zurückkehren werden, damit sie in demselben nun ihren Erretter recht ehren. Der Prophet will sagen: das Land muss von dem schändlichen Sündenschmutz des Volkes gereinigt werden, damit es von rechten Gottesverehrern bewohnt werde. Dieser Sinn wird noch verständlicher durch den Zusatz: dass kein Unreiner drauf gehen darf. Der Prophet will sagen: der Herr wird seine Gläubigen so sammeln, dass sie nicht mehr mit Gottlosen vermischt sind. Das ist sicherlich einer der schönsten Vorzüge der Kirche. In diesem Leben kommt das aber nicht zur Erfüllung, denn Verächter Gottes und Heuchler dringen miteinander in die Kirche und nehmen dort ihren Platz ein. Doch findet eine gewisse Scheidung statt, so oft der Herr auf mancherlei Weise seine Kirche reinigt. Eine völlige Reinigung ist allerdings erst am jüngsten Tage zu erwarten. Ja, auch die rechten Gottesverehrer, die er durch seinen Geist wiedergeboren hat, tragen noch viel Unrechtes an sich. Wohl sind sie von Gott geheiligt, aber eine vollkommene Heiligkeit können sie noch nicht haben; das Fleisch ist noch nicht völlig erstorben, sondern nur niedergeworfen und in Schranken gehalten, sodass es dem Geiste Gottes gehorsam ist. Weil der Herr in ihnen regiert und ihr Sinnen und Trachten beherrscht, so werden sie von diesem Gesichtspunkt aus Heilige genannt.

Und Er wird bei ihnen sein und darauf gehen. Gewöhnlich übersetzt man: „Derselbige (d. h. der Weg) wird für sie (d. h. Kinder Israel) sein, dass man drauf gehe.“ Richtiger aber bezieht man das hinweisende Fürwort auf Gott: Er wird vorangehen als Führer und Leiter auf dem Wege. Diese Übersetzung fordert meiner Meinung nach auch der ganze Zusammenhang.

Denn es würde nicht genügen, dass der Weg offen wäre, - wenn Gott nicht als Führer der Seinen voranginge. Der Prophet redet also von einer unvergleichlichen Gnade Gottes: der Herr ist zugleich mit seinem Volk auf dem Wege. Wenn er uns nicht den Weg zeigt, dann werden unsere Füße uns in die Irre führen; wir irren ja so leicht. Selbst wenn der Weg nahe ist und vor unsern Augen offen daliegt, sind wir doch vor Irrtum nicht sicher. Haben wir ihn beschritten, leitet uns unsere Torheit doch abseits, bald hier-, bald dorthin. Nun zeigt aber der Prophet, dass keine Gefahr des Verirrens vorhanden ist, wenn wir dem Herrn als dem Führer unseres Lebens folgen. Wahrscheinlich spielt der Prophet auf die Geschichte der Errettung aus Ägypten an. Damals führte Gott sein Volk bei Tag mit der Wolken-, bei Nacht mit der Feuersäule. Zugleich erinnert er uns daran, wie nötig wir es haben, von Gott uns führen zu lassen. In feiner Weise zeiht er uns alle der Torheit, wenn er am Schlusse sagt: dass auch die Toren nicht irren mögen. Die mit ihrer eignen Führung zufrieden sind und sich für weise halten, lässt Gott auf weiten Irrwegen zugrunde gehen. Soll er also mit uns wandeln, so müssen wir erkennen, dass wir seiner Leitung bedürfen. Er ersetzt aufs Beste, was uns fehlt. Die ihm folgen, kommen nicht in Gefahr, irre zu gehen, auch wenn sie sonst nicht viel Klugheit besitzen. Doch meint der Prophet nicht, die Gläubigen würden unerfahrene Toren sein, nachdem der Herr ihre Hand ergriffen. Er zeigt nur, wie sie sind, bevor der Herr sich ihnen als Führer darbietet.

V. 9. Es wird da kein Löwe sein usw. Von einer weiteren Gnade Gottes redet hier der Prophet. Obwohl das Volk durch die Wüste reist, wird es doch vor allem Schaden bewahrt werden. Unter den Folgen des göttlichen Fluches hatte der Prophet auch die erwähnt, dass wilde Tiere den Juden, wo sie auch hingingen, entgegen treten würden. Nun aber, da sie wieder in Gnaden angenommen sind, sollen keine Löwen, noch andere wilde Tiere ihnen gefährlich sein. Gott wird diese abwehren und den Seinen einen von jeder Gefahr und jedem Grauen freien Weg eröffnen. Wenn ihnen auch die Möglichkeit zur freien Rückkehr gegeben war, so hätten ihnen auf dem Wege doch noch viele Hindernisse entgegen treten können. Aber der Herr wird jeden Schaden und jede Schwierigkeit aus dem Wege räumen. Hieraus ergibt sich eine nützliche Lehre. Der Herr fängt nicht nur das Werk unserer Rettung an, er führt es auch bis zum Ende durch, damit seine Gnade bei uns nicht nutzlos und vergeblich sei. Wie er uns den Weg öffnet, so ebnet er ihn auch und räumt alle Hindernisse hinweg. Auf dem ganzen Wege bietet er sich zum Führer an. So häuft er seine Gnade gegen uns, dass sie zuletzt bergehoch vor uns steht. Diese Ausführungen müssen auf unsern ganzen Lebensweg bezogen werden. Wir wandern hier auf Erden auf dem Wege zu jenem seligen Erbe. Endlose Schwierigkeiten legt uns der Satan in den Weg, Gefahren umgeben uns von allen Seiten. Aber der Herr, der uns vorangeht und uns an seiner Hand führt, verlässt uns nicht mitten auf dem Wege, sondern vollendet, was er durch seinen Geist in uns angefangen hat. Dabei ist noch zu bemerken: Ist Gott uns gnädig, dann werden selbst die wilden Tiere gebändigt, dass sie nicht in ihrer Wildheit gegen uns wüten, wie es bei Hosea (2, 20) heißt: „Ich will zur selbigen Zeit ihnen einen Bund machen mit den Tieren auf dem Felde, mit den Vögeln unter dem Himmel und mit dem Gewürm auf Erden, und will Bogen, Schwert und Krieg vom Lande zerbrechen und will sie sicher wohnen lassen.“

V. 10. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen usw. Der Prophet bestätigt hier das Vorhergehende. Da Gott beschlossen hat, sein Volk zu erlösen, so kann nichts seinem Ratschluss widerstehen. Die „Erlösten des Herrn“ nennt er sie. Sie sollen auf des Herrn Macht schauen und nicht nach menschlichen Verhältnissen das beurteilen, was er wegen ihrer Rückkehr verheißen hat. Nach Zion werden sie kommen. Gott will sie nicht aus Babylon herausführen, um sie unterwegs zu verlassen; er will sie nach Zion bringen. Zu beachten ist bei diesem Verse, dass uns ein Zugang zur Kirche Gottes nur offen steht durch die Erlösung. An dem Beispiel des Volkes Israel wird uns hier eine allgemeingültige Wahrheit vor Augen geführt. Niemand wird von der Tyrannei des Teufels, dem wir alle dienstbar sind, befreit, bis Gottes Gnade ihm zu Hilfe kommt. Keiner kann sein eigner Erlöser sein. Diese Erlösung ist das ganz besondere Gnadengeschenk der Kirche Christi. Darum ist er unser einziger Befreier, wie auch der Evangelist Johannes (8, 36) bezeugt. Übrigens genügt es nicht, einmal erlöst zu sein: wir müssen der Kirche Gottes Ehre machen und von Tag zu Tag darin mehr und mehr fortschreiten. Sind wir also von Christo frei gemacht, dann müssen wir dies Ziel ins Auge fassen und mit aller Kraft ihm nachstreben. Wenn aber einer behauptet, eines so langen Weges bedürfe es nicht, um ein Glied der Kirche zu werden – wir würden ja durch die Taufe in dieselbe aufgenommen, - so antworte ich: der Prophet redet hier im Bilde von dem ganzen Lebensweg eines Christen. Dann kommen die Erlösten in Wirklichkeit nach Zion, wenn sie nach Ablauf dieses Lebens eingehen zum ewigen Leben. Zugleich ist das zu beachten: je mehr wir in der Gnade Gottes wachsen und je inniger wir mit der Kirche verbunden werden, umso näher kommen wir Gott selber.

Ewige Freude wird über ihrem Haupte sein. Dass von „Jauchzen“ und „Freude“ die Rede ist, zeigt uns, wie unermesslich das Glück im Reiche Christi sein wird: wir werden unerschöpflichen Stoff zu froher Danksagung haben. Und das ist in der Tat der einzige und wahre Grund zur Freude, zu wissen, dass wir mit Gott versöhnt sind; seine Gnade genügt uns zu einer ewigen Seligkeit, sodass wir auch im Unglück rühmen und jauchzen können. Anderseits müssen wir, wenn Christi Gnadensonne uns nicht bestrahlt, in Trauer und Finsternis wandeln. Ferner ist die Freude der Frommen gewiss keine rechte, wenn sie sich nicht zugleich dem Herrn dankbar erweisen. Darum ist diese geistliche Freude von der weltlichen wohl zu unterscheiden. Wohl freuen sich auch die Gottlosen, aber ihr Ende zeigt zuletzt, wie verderblich die Freude des Fleisches ist, wenn es Gott verachtet und ohne ihn seine Lust sucht. Jene andere Art der Freude aber nennt der Apostel nicht ohne Grund eine geistliche, eine Frucht des Geistes (Gal. 5, 22). Denn sie hängt nicht von hinfälligen Dingen ab, als da sind Ehre, Macht, Reichtum und anderes, Dinge, die leicht vergehen. Diese Freude ist vielmehr eine verborgene und hat im Herzen ihren Sitz, aus dem sie in keiner Weise herausgerissen werden kann, ob auch der Satan uns mit allen Mitteln in Unruhe und Traurigkeit zu stürzen sucht. Darum sagt der Prophet mit voller Absicht: „Ewige“ Freude wird über ihrem Haupte sein.

Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. Obwohl Leid und Schmerz der Kinder Gottes tägliche Speise ist, so haben sie dennoch so viel kräftigen Trost, dass er alle Trauer verzehrt. Wir rühmen uns, sagt der Apostel Paulus (Römer 5, 3), auch der Trübsal. Dies Rühmen kann nicht ohne Freude sein. Darum wird uns von den Aposteln berichtet (Apostelgeschichte 5, 41): „Sie gingen fröhlich von des Rats Angesichte, dass sie würdig gewesen waren, um seines Namens willen Schmach zu leiden.“ Allerdings werden die Frommen oft von großen Nöten heimgesucht; sie sind gegen Trauer nicht gefeit. Aber so richtig dies ist, so lassen sie sich davon doch nicht überwältigen, da sie geradeaus auf Gott schauen, durch dessen Kraft sie immer wieder siegreich aus aller Not emportauchen. Es geht ihnen, wie einem, der auf einem Bergesgipfel sich des leuchtenden Sonnenglanzes erfreut, während drunten im tiefen Tal alles in Wolken und Nebel gehüllt ist.

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