Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 34.

Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 34.

V. 1. Kommt herzu, ihr Heiden, und höret usw. Bisher stand der Prophet gleichsam mitten unter den Kindern Gottes, um sie zu trösten. Jetzt wendet er sich in seiner Rede an die Völkerwelt. Er setzt dabei seinen Gedankengang fort, wenn auch von einem andern Gesichtspunkt aus. Vorher hat er gezeigt, wie der Herr für sein Volk große Sorge trägt und schon Mittel finden wird, es zu retten; jetzt fügt er hinzu – in ähnlicher Weise trat uns das schon oft entgegen -, dass, wenn er die Seinen auch zur Zeit von den Gottlosen quälen lässt, er sie doch zuletzt rächen wird. Er spinnt also denselben Gedanken weiter fort, nur dass er jetzt von einer andern Seite her Trost darbietet, durch die Schilderung der schweren Rache, die Gott an den Gottlosen nimmt, die sein Volk bedrängten. Um die Aufmerksamkeit in besonderem Maße zu erregen, ruft er im Eingang, wie ein Herold, die Heiden und Völker vor Gottes Richtstuhl. Die Gottlosen müssen in dieser Weise aus ihrer Stumpfheit aufgerüttelt werden. In ihrer Sicherheit und ihrem Glück verachten sie nämlich alle Drohungen und glauben nicht, dass Gott ihre Freveltaten strafen werde. Bei diesem lebhaften Aufruf hat der Prophet allerdings mehr die Gemeinde des Herrn im Auge, als die Gottlosen; denn bei diesen tauben Leuten wären seine Worte doch erfolglos gewesen. Der Prophet redet nun die Edomiter an, die in ihrer Sicherheit Gottes Gericht verachteten, und ruft gegen sie Himmel und Erde zu Zeugen auf. Das Gericht wird so sichtbar und gewaltig sein, dass es nicht nur allen Völkern, sondern auch der stummen Kreatur offenbar werden muss. Das ist bei den Propheten Sitte, auch die stumme Kreatur zum Zeugen anzurufen, wenn die mit Sinn und Verstand begabten Menschen taub und stumpf sind (vgl. 1, 2).

V. 2. Denn der Herr ist zornig über alle Heiden. Ohne Zweifel denkt der Prophet an die den Juden feindlich gesinnten heidnischen Nachbarvölker. Ringsum wohnten die verschiedensten Heidenvölker, sodass die Juden fast ebenso viele Feinde wie Nachbarn hatten. Vor allem entflammte die Verschiedenheit der Religion die Wut derer, die es nicht vertragen konnten, dass ihr Götzendienst verdammt wurde. Umso nötiger aber war vonseiten Gottes die Verheißung, er werde Richter und Rächer sein.

Und grimmig über all ihr Heer usw. Das fügt der Prophet hinzu, weil die Juden im Vergleich mit den übrigen Völkern an Zahl nur gering waren. Wie sehr aber auch die Heiden den Juden an Zahl überlegen sein mochten und über deren geringe Zahl spotteten, der Prophet bekräftigt es, dass es Gott ein Leichtes sein werde, die Heiden zu schwächen und aufzureiben, um seine kleine Herde, deren Hüter er ist, zu erhalten. Er sagt dies nun nicht, wie oben erwähnt, der Edomiter wegen, bei diesen hätte dies Wort doch keine Stätte gefunden, sondern er sagt es zum Heil der Frommen; die will er trösten, da sie von ihren Feinden so jammervoll gequält wurden.

V. 3. Und ihre Erschlagenen werden hingeworfen werden usw. Für die Heidenvölker wird es eine furchtbare Niederlage werden. Fallen in einer Schlacht nur wenige, dann werden diese begraben; wenn aber die Menge der Getöteten so groß ist, dass die Überlebenden nicht ausreichen, um jene zu begraben, denn denkt man nicht ans Bestatten, und von dem Gestank der Leichname wird dann die Luft verpestet. Gott hat also Macht und Kraft genug, um auch gewaltige Heere niederzuwerfen. Vielleicht will der Prophet das Furchtbare dieses göttlichen Gerichts noch besonders durch den Umstand hervorheben, dass zu der Niederlage der Heidenvölker noch der Schimpf und die Schande hinzukommen, dass sie kein ehrenvolles Begräbnis erhalten.

Und die Berge mit ihrem Blut fließen. Auch durch diese Worte will der Prophet noch mehr zum Ausdruck bringen, wie schwer jene Niederlage sein wird. Es wird dann sein, als ob die Berge flössen von Blut, wie bei gewaltigen Regengüssen die Wasser mächtig daher brausen und Erde und Geröll mit sich fortreißen. Auch auf den Bergen wird es keine Zuflucht geben, denn auch dort wird wilde Kampfeswut toben.

V. 4. Und wird alles Heer des Himmels verfaulen usw. In überschwänglichen Worten redet hier Jesaja, wie es auch wohl die andern Propheten tun. Er will die Schrecken des Gerichtes Gottes noch furchtbarer ausmalen, um dadurch die stumpfen, schwerfälligen Menschenherzen aufzurütteln. Würde er in seiner Rede trocken und kühl bleiben, dann würde er bei Menschen, die sich so sicher fühlen, wenig ausrichten. Sogar die Gestirne, das Heer des Himmels, sollen bei jener Niederlage verdunkelt werden und so gleichsam hinschwinden und verfaulen. Wie bei dunklem, stürmischem Himmel die Wolken sich zusammenballen, Sonne, Mond und Sterne erbleichen und gleichsam hinschwinden, sodass dort oben alles zu wanken und zu vergehen scheint, - so, sagt der Prophet, wird es zu jener Zeit geschehen, und alles wird von tiefster Trauer erfüllt sein. Das muss man nun alles verstehen von der Anschauung und Empfindung des Menschen aus. Denn der Himmel wird in Wirklichkeit nicht von seiner Stelle bewegt. Wenn aber der Himmel seine Zorneszeichen offenbart, geraten wir so in Furcht, dass wir meinen, der Herr rolle ihn zusammen oder stürze ihn herab. Nicht als ob etwas Derartiges wirklich geschähe, aber der Prophet redet hier Menschen an, die sich sicher fühlen: gegen sie musste er in dieser Weise vorgehen, damit sie nicht wähnten, es handle sich um eine einfältige, lächerliche Sache. Eine solche Furcht, will er sagen, wird euch niederschmettern, dass es euch scheint, als stürze der Himmel über euren Häuptern zusammen. Das ist der gerechte Lohn für die Nichtswürdigkeit der Gottlosen, dass sie, die Gott nicht im Geringsten fürchten, vor ihrem eignen Schatten erschrecken und bei jedem fallenden Blatt so erbeben, als ob die Sonne vom Himmel fiele.

V. 5. Denn mein Schwert ist trunken. Das Schwert des Herrn ist vom Blute trunken, wie Schwerter nach vielem Morden vom Blute triefen. Um seinen Worten noch mehr Gewicht zu geben, führt der Prophet Gott den Herrn redend ein. Warum aber heißt es, des Herrn Schwert sei trunken „im Himmel “? Gott bescheidet die Menschen doch nicht in den Himmel, um dort die Strafe an ihnen zu vollziehen. Er macht seine Gerichte in der Welt offenbar, und zwar durch Menschenhand. Der Prophet spielt hier aber auf den geheimen Ratschluss Gottes an, durch den er alles bestimmt und festsetzt, bevor er es ausführt. Er will die Weissagung als kräftig und wirksam bezeichnen, da dem unabänderlichen Ratschluss Gottes der Erfolg sicher ist. Wie sehr sich darum auch die Gottlosen den Zügel schießen lassen und ungestraft wüten, die Gläubigen sollen erkennen, dass der Herr doch im Himmel eine Untersuchung über ihre Freveltaten anstellt. Sie mögen in tiefem Frieden leben, Gott sieht doch das Schwert, von dem sie gefällt werden sollen, schon vom Blute trunken, und zwar schon in dem Augenblick, in dem er beschließt, die Strafe an ihnen zu vollziehen. So brannte Sodom schon vor Gottes Augen, als seine Bewohner noch dem Fressen und Saufen sich hingaben und zügellos in ihren Lüsten schwelgten. Das Gleiche gilt von allen Gottlosen, die, während sie noch ihren Genüssen frönen, schon von Gott zur Schlachtung bereitgehalten werden. Darum ist es verkehrt, an dem gegenwärtigen Stand der Dinge haften zu bleiben, wenn wir sehen, wie die Gottlosen im Glücke leben und ihnen alles nach Wunsch geht. Wenn sie auch noch niemand bedrängt, sie sind dem Untergang nicht fern, da sie Gott zum Feinde haben.

Jetzt wird Gottes Schwert herniederfahren auf Edom. Die Edomiter stellten sich feindlich wider Gottes Volk, obwohl sie durch Bande des Blutes mit ihm verbunden waren und dieselbe religiöse Überlieferung hatten. Sie waren ja Nachkommen Esaus und leiteten ihren Ursprung von Abraham ab. Aber gerade sie waren die schlimmsten Feinde der Juden. Darum greift der Herr gerade sie heraus. Dass sie das verbannte Volk genannt werden, dient zur Bekräftigung des soeben gefällten Urteilsspruches. Vergebens würden sie versuchen, dem Verderben zu entfliehen, dem sie geweiht und für welches sie bestimmt sind. Denn der Ausdruck kennzeichnet sie als Leute, die durch göttlichen Ratschluss schon verloren sind; es ist, als wären sie schon aus der Zahl der Lebendigen ausgesondert und hinweggetan.

V. 6. Des Herrn Schwert ist voll Blut usw. Der Prophet fährt in seinem Gedankengang fort. Um die Gottlosen, die alle Ermahnungen zu verlachen und zu verspotten pflegen, aus ihrer Stumpfheit aufzurütteln, gibt er eine Schilderung, die so recht zur Bekräftigung seiner Worte dient. Gottes Gerichte müssen in einem lebendigen Gemälde gleichsam vorgemalt werden, in einem Gemälde, das nicht nur auf die stumpfen Herzen der Gottlosen einen tiefen Eindruck macht, sondern auch die Frommen mit heiliger Zuversicht belebt, wenn sie sehen, dass ihren Feinden alle übermütigen Schmähungen nichts nützen, dass sie vielmehr wie das Vieh zur Schlachtbank geschleppt werden, sobald es dem Herrn gut dünkt.

Vom Blut der Lämmer und Böcke, von der Nieren Fett aus den Widdern. Jene Abschlachtung vergleicht der Prophet einer Opferhandlung. Wie die Opfertiere zur Ehre und zur Verherrlichung Gottes geschlachtet wurden, so sollte auch der Untergang jenes Volkes zur Ehre Gottes ausschlagen. Durch seine Gerichte verherrlicht der Herr seine Ehre, und die Menschen geraten dabei in eine heilige Scheu und Furcht vor ihm. Das Verderben der Gottlosen wird mit Recht mit den Opfern verglichen, die man beim Gottesdienst darbrachte. Die Opfer boten gewiss keinen sehr lieblichen und angenehmen Anblick; die schauderhafte Marter, das triefende Blut, der übel riechende Opferrauch konnten Menschen wohl abstoßen. Und doch erglänzte in ihnen Gottes Ehre. So war auch jene Niederwerfung der Völker schrecklich anzusehen und nicht geeignet, Wohlgefallen zu erwecken. Damit aber die Gläubigen auch in diesem Stück den Namen Gottes heilig halten, sollen sie ihre Augen gen Himmel erheben. Wenn Gott solche Strafen vollzieht, baut er sich Altäre für die Schlachtopfer. Jene hatten ja ungerechterweise die Kirche Gottes bedrängt und, alle Menschlichkeit vergessend, die Kinder Gottes grausam misshandelt. Darum verkündigt Jesaja, dass mit ihrem Blut ein Opfer dargebracht werden soll, welches voll guten Geruchs und Gott sehr angenehm ist, weil er eben darin sein Gericht ausübt. Als Lämmer und Böcke wird bildlich das Volk bezeichnet, das geopfert werden sollte. Darin liegt eine Anspielung auf die verschiedenen Arten von Opfertieren und ein Hinweis darauf, dass bei diesen Strafen, die der Herr an seinen Feinden vollziehen wird, niemand verschont bleiben soll: Obrigkeit und gemeines Volk wird in gleicher Weise getroffen. Bozra war die Hauptstadt des Landes. Da soll vor allem das Schlachten furchtbar werden. Aber nicht nur dort, durch das ganze Land Edom wird weit und breit dies Verderben sich verbreiten.

V. 7. Da werden die Einhörner samt ihnen herunter müssen usw. Dieser Vers hängt mit dem vorhergehenden zusammen. Der Prophet bringt nichts Neues vor, sondern führt noch weiter aus, was er von Lämmern und Böcken sagte: zu ihnen fügt er nicht nur Farren, sondern auch wilde Waldtiere. Gottes Rache wird eben vollständig sein; keine Art und kein Alter schont er; auch die blutdürstigen Ungeheuer mit ihrer Wildheit gibt er zur Schlachtung preis. Wenn es nun auch den Anschein der Härte hat, dass Gott so unter seinen Feinden wütet, so soll doch gerade das hier gebrauchte Bild des Opfers Gottes Gerechtigkeit hervorheben. Und wenn man der Sache prüfend auf den Grund geht, dann wird sicherlich niemand unschuldig gefunden werden. Gott hat das Recht auf seiner Seite, wenn er alle ohne Ausnahme zu Grunde richtet. Solch ein Ende erwartet alle Gottlosen, die mit vollem Bewusstsein sich weigern, sich dem Herrn zu weihen.

Unter den gemästeten Ochsen versteht der Prophet Leute, die vor andern an Macht und Einfluss hervorragen.

V. 8. Denn es ist der Tag der Rache des Herrn. Dieser Vers gibt den Grund an, weshalb der Herr so streng gegen die Edomiter verfährt. Er will sein Volk rächen und seine Sache schützen. Wenn diese Angabe des Grundes nicht hinzugefügt wäre, würden die vorhergehenden Ausführungen uns nicht ganz verständlich sein oder uns doch kalt lassen. Denn dass über die Gottlosen das Gericht hereinbricht, würde noch nicht viel bedeuten, wenn wir nicht zugleich wüssten, dass Gott durch seine Rache an den Gottlosen seine Liebe gegen die Seinen bezeugt und seinen Eifer, sie zu erhalten. Was aber hier von den Edomitern gesagt wird, ist auf alle Feinde der Kirche zu beziehen. Jene sind nur die Vertreter derselben. Der Prophet will durch diesen Trost im Unglück unsere Herzen aufrichten und uns stark machen, Unrecht zu ertragen. Das kommt doch ins Gedächtnis vor Gott; der wird der Seinen sich annehmen. Zu beachten sind die Ausdrücke: „Tag der Rache“, „Jahr der Vergeltung“. Der Prophet will damit andeuten, dass Gott nicht im Himmel schläft, wie es oft den Anschein hat, sondern dass er die Rache nur auf eine günstige Zeit verschiebt. Die Gläubigen sollen unterdessen ihre Seelen in Geduld fassen und sollen den Herrn nach seiner unbegreiflichen Weisheit walten lassen.

V.9. Da werden Edoms Bäche zu Pech werden. Dieser Vers bringt nichts Neues, sondern schildert nur noch ausführlicher die Verwüstung Edoms. Wie haben früher auseinandergesetzt, weshalb die Propheten in so lebendiger Weise Gottes Gerichte schildern. Sie wollen die Leute recht mitten in die Sache hineinführen und sie zwingen, das zu erkennen, was sonst ihren Augen und Sinnen nur zu leicht entgeht oder nur zu bald von ihnen vergessen wird. Dabei ist zu beachten, dass die Propheten von wunderbaren, verborgenen Dingen geredet haben, die allgemein unglaublich erschienen. Sehr viele Leute meinten, dergleichen würde von den Propheten so aufs Geratewohl vorgebracht. Darum bedurfte es solcher vielen Bekräftigungen, wie sie hier und an andern Stellen zu finden sind. Der Prophet weist also auf eine schreckliche Verwüstung hin, durch welche Edom ein ganz anderes Aussehen erhalten wird. Er spielt dabei auf den Untergang von Sodom und Gomorra an, wie es die Propheten häufig tun. Darin haben wir, wie im Briefe des Judas (V. 7) erwähnt wird, ein ewiges Denkmal und Beispiel des göttlichen Zorns gegen die Gottlosen. Nicht ohne Grund spielt also der Prophet auf jenen Untergang Sodoms an. Wir sollen eben lernen, Gottes Gerichte zu fürchten. Darauf geht auch der folgende Vers.

V. 10. Das weder Tag noch Nacht verlöschen wird usw. Gewiss redet der Prophet hier in dichterischer Übertreibung. Aber der Herr uns sein Prophet sehen sich gezwungen, so mit uns zu reden, um uns aus unserer Stumpfheit aufzurütteln. Einfachere Worte würden auf uns keine Wirkung ausüben. Er vergleicht also den Zorn Gottes gegen die Edomiter mit einem ewigen Feuer, von dem ewiglich Rauch aufgehen wird. Damit schneidet er den Feinden jegliche Hoffnung auf Gnade ab. Sie haben nicht aufgehört, den Herrn herauszufordern; sie werden ihn darum auch unerbittlich finden. Auch der Prophet Maleachi (1, 4) stellt uns dies als ein Zeichen der Verwerfung vor Augen, dass der Fluch Gottes sich jenem Volk gleichsam anheften wird. Anderseits wird den Kindern Gottes gegenüber, ihnen zum Trost, immer eine gewisse Milde angewandt. Doch das bedarf nicht einer langen Auseinandersetzung. Es genügt, den Sinn und die Absicht des Propheten festzuhalten.

V. 11. Sondern Rohrdommeln und Igel werden's innehaben usw. In Betreff der hier genannten Tiere gehen die Ansichten auseinander; auch die hebräischen Ausleger stimmen darin nicht überein. Klar jedoch ist, was der Prophet meint. Er gibt die Beschreibung einer verlassenen Gegend und einer wüsten Einöde. Er nennt allerlei Tiere, welche die Nähe der Menschen fliehen, die mehr im Verborgenen leben und so vielfach etwas Unheimliches an sich haben. Der erste Teil des Verses ist also hinreichend klar, weniger jedoch der zweite.

Denn er wird eine Messschnur darüber ziehen, dass es wüste werde usw. Manche Ausleger beziehen diese Worte auf die Juden. Ich glaube dagegen, dass sie, wie das Vorhergehende, auf die Edomiter bezogen werden. Dass dies im Sinne des Jesaja ist, geht noch deutlicher aus der ähnlichen Weissagung hervor, die im ersten Kapitel des Propheten Maleachi, der lange nachher lebte, sich findet. Diese ist gleichsam eine ausführlichere Umschreibung unserer Jesajastelle. Es heißt dort (Mal. 1, 4): „Und ob Edom sprechen würde: Wir sind verderbt, aber wir wollen das Wüste wieder erbauen, so spricht der Herr Zebaoth also: Werden sie bauen, so will ich abbrechen, und soll heißen die verdammte Grenze und ein Volk, über das der Herr zürnt ewiglich.“ Was Jesaja etwas dunkel aussagt, bringt Maleachi zu deutlicherem Ausdruck. Er verkündigt, die Edomiter würden vergeblich versuchen, Häuser aufzurichten. Jesaja aber sagt hier: Gott wird eine Messschnur darüber ziehen, dass es wüste werde, und ein Richtblei, dass es öde sei. Er will also sagen: die Baumeister werden mit der Errichtung von Gebäuden sich vergeblich abmühen. Baumeister gebrauchen ja Messschnur und Richtblei, mit denen alles gemessen und gerichtet wird. Nun zeigt der Prophet, dass die Bemühungen derer umsonst sein werden, die Edom wieder aufbauen wollen; seine Bewohner sollen derartig zu Grunde gerichtet werden, dass sie von ihrem Untergang sich nicht mehr zu erheben vermögen. Während der Herr doch sonst andere Gerichte durch irgendwelchen Trost zu mildern pflegt, so tut er es hier nicht. Daraus können wir eine überaus nützliche Lehre ziehen. Wenn Städte und Staaten nach ihrer Zerstörung wieder zu ihrem früheren Zustand kommen, so geschieht das durch Gottes einzigartige Güte. Die Arbeit der Baumeister und Handwerker ist umsonst, wenn er nicht zum Anfang und Fortgang des Werkes die Hand bietet. Die Menschen machen vergeblich große Anstrengungen und versuchen alles umsonst, wenn er nicht dabei ist und die Arbeit segnet. Durch Gottes Segen allein bestehen wir. Darum heißt es auch von Jerusalem (Ps. 87, 5): „Man wird zu Zion sagen, dass allerlei Leute drinnen geboren werden, und dass er, der Höchste, sie baue.“ Was hier Jesaja den Edomitern droht, das Gleiche verkündigt der Geist Gottes an andrer Stelle dem Hause Ahabs; auch dieses solle von Grund aus vernichtet werden (2. Kön. 21, 13).

V. 12. Dass seine Herren heißen müssen Herren ohne Land. Zu dieser Stelle gibt es eine Reihe von Auslegungen, welche aufzählen und widerlegen zu weit führen würde. Vor andern annehmbar wäre etwa die Übersetzung: „Seine Vornehmen werden zum Königtum aufrufen, aber vergeblich.“ Die Meinung wäre, dass bei dem verzweifelten Zustande niemand sich finden werde, der Herrscher sein und die Sorge für das Staatswesen auf sich nehmen wolle. Eine ähnliche Stelle lernten wir schon früher kennen (Jes. 3, 6 f.). Hier aber scheinen die Worte zu diesem an sich passenden Gedanken nicht zu stimmen. Buchstäblich wäre zu übersetzen: „Seine Vornehmen werden, aber nicht daselbst, ein Königreich ausrufen.“ Ohne Zweifel will der Prophet in diesem Verse dem Stolze jenes Volkes der in einer langen üppigen Friedenszeit immer größer geworden war, einen Stoß versetzen. Die Edomiter, die sich auf ihren Bergen so sicher fühlten, blähten sich in stolzem Übermut. Schmählich aber, sagt nun der Prophet, werden sie von ihrer Höhe herabgestürzt werden: es wird keinen Adel und kein Königtum mehr geben. Da das Königtum gestürzt ist, wird es überhaupt kein Regiment mehr geben: so muss das gemeine Volk in seiner Unordnung einem verstümmelten und zerrissenen Körper gleichen, - einen Unterschied der Stände gibt es nicht mehr. So, sagt der Prophet spöttisch, werden jene großen Herren, die sich so erhaben dünkten, Herren ohne Land sein. Noch klarer wird der Sinn durch den zweiten Teil des Verses: Und alle seine Fürsten werden ein Ende haben. Edom wird einem verstümmelten Leibe gleichen, an dem nichts als schreckliche Zerstörung sich zeigt. Das ist Gottes schlimmster Fluch. Denn wenn die Menschen keine geordneten staatlichen Verhältnisse mehr haben, dann unterscheiden sie sich kaum noch von wilden Tieren; ja, ihre Lage ist noch weit furchtbarer. Wilde Tiere können einer Leitung entbehren: sie wüten nicht gegen ihr eignes Geschlecht. Der Mensch aber ist, wenn er nicht im Zügel gehalten wird, das grausamste Geschöpf, das es gibt, weil einen jeden seine Leidenschaft wie ein Dämon fortreißt.

V. 13. Und werden Dornen wachsen in seinen Palästen usw. Der Prophet schildert noch weiter die schreckliche Verwüstung, durch die Schlösser und Paläste dem Erdboden gleich und zur Einöde gemacht werden, wo Menschen nicht wohnen können, wo vielmehr nur Nesseln, Disteln und Dornen wachsen. Das ist noch viel schlimmer, als wenn sie in Äcker und Wiesen verwandelt würden. So straft der Herr den Hochmut derjenigen, die stolze, glänzende Paläste erbauten, um bei der Nachwelt ein ewiges Gedächtnis sich zu stiften. Er vertreibt die Menschen und macht ihre Wohnungen zu Schlupfwinkeln von Vögeln und wilden Tieren. Ihre Behausungen werden zu Wahrzeichen eines törichten Hochmutes und Ehrgeizes, während sie zu Triumphzeichen ihres Namens und ihrer Ehre werden sollten. So treten an Stelle der Menschen wilde Tiere; die geben Kunde von der Art derer, welche jene herrlichen Gebäude errichteten. Das ist ein trauriges Zeichen göttlichen Zornes, wenn die Erde, für den Dienst der Menschen bestimmt, nach Vernichtung ihrer natürlichen Herrn gezwungen wird, andere Bewohner aufzunehmen. Dann wird sie von dem Unflat gereinigt, von dem sie beschmutzt worden war.

V. 14. Da werden untereinander laufen Wüstentiere und wilde Hunde usw. Was unter den Feldteufeln und Kobolden zu verstehen ist, steht nicht hinreichend fest. Es hat aber auch keinen Zweck, darüber übermäßig nachzugrübeln und sich damit abzuquälen. Es genügt, Sinn und Absicht des Propheten zu erfassen. Er gibt das Bild einer furchtbaren Zerstörung. Edom soll derart zerstört werden, dass es keine Bewohner mehr hat und an Stelle der Menschen schreckliche Tiere und Wesen sich in ihm aufhalten. Das ist der durchaus gerechte Lohn für den stolzen Ehrgeiz von Leuten, die kostspielige Paläste als Denkmäler ihres Namens und Ruhmes erbauten. Zugleich ist es freilich auch die Strafe für die Grausamkeit des gottlosen Volkes, das von einem glühenden Eifer erfüllt war, seine Nachbarn und Brüder zu unterdrücken. Übrigens ist die Sünde, die Gott hier so streng an einem Volke gestraft hat, fast allen gemeinsam. Denn kaum werden solche herrlichen Paläste erbaut, ohne dass man dabei zugleich mit Gewalt und Unrecht die Schwächeren aussaugt und andern große schwere Lasten auferlegt. Mörtel, Holz und Steine triefen, in göttlichem Lichte betrachtet, gleichsam von Blut. Deshalb heißt es auch beim Propheten Habakuk (2, 11): „Auch die Steine an der Mauer werden schreien, und die Balken am Gespärr werden ihnen antworten.“ Wundern wir uns also nicht über solche furchtbaren Veränderungen. Stolzer Ehrgeiz ist ja so oft mit Unrecht und Raub verbunden. Lasst uns schauen auf des Herrn gerechte Gerichte.

V. 16. Suchet nun in dem Buch des Herrn usw. Unter dem Buch des Herrn verstehen viele Ausleger diese Weissagung selbst, als wenn der Prophet ermahnten wollte, aufmerksam seine Weissagung zu lesen; zu seiner Zeit werde auch nicht der kleinste Buchstabe fehlen. Ich denke noch lieber an das Gesetz selbst, welches hier in besonderem Sinne das Buch des Herrn genannt wird. Denn aus ihm, als ihrer Quelle, haben die Propheten ihre Lehre geschöpft, wie ich schon oft erwähnte. Wenn es etwas Neues gewesen wäre, was Jesaja verkündigte, so würde das dem Glauben an seine Verheißung Abbruch getan haben. Damit dies aber nicht geschehe, sagt er, das alles sei den Juden ja schon früher bezeugt worden. Auf diese Weise trifft er so recht den Unglauben derer, die ob seiner Rede stutzten, als wäre sie etwas Unerhörtes. Mit Recht weist er sie auf das Gesetz zurück, in dem Gott öfter versichert, dass er für sein Volk Sorge tragen, die Gottlosen und Sünder aber strafen werde. Da Mose schon längst vorher hiervon geredet, so ist, meint der Prophet, kein Grund vorhanden, seiner Predigt gegenüber ungläubig zu sein. Denn er bringt ja nichts Neues, sondern bestätigt nur das, was schon von Mose gesagt und bezeugt worden ist. Das scheint mir der eigentliche Sinn des Propheten zu sein. Mit diesen Worten will der die Juden stärken, dass sie geduldig auf des Herrn Verheißungen warten und es für gewiss halten sollen, dass dereinst alles sich bestätigen wird, was über die Edomiter und die übrigen Feinde der Kirche vorhergesagt war. Mose muss ihnen doch als Zeuge dafür genügen, dass Gott allezeit seines Volkes Rächer sein werde. Außerdem war ein solcher Hinweis nötig, damit, wenn an den Edomitern jenes Strafgericht sich vollzog, die Juden nicht glauben möchten, das geschehe von ungefähr; sie sollten dann vielmehr eher erkennen, dass es infolge göttlichen Gerichts geschah. Denn so verkehrt sind die Menschen, dass sie dem Herrn nicht glauben, wenn er ihnen zuvor etwas sagt, dass sie aber nachher, wenn das vorausgesagte Gericht eingetroffen ist, dies dem blinden Schicksal zuschreiben. Dem kommt Jesaja zuvor und fordert die Juden auf, in dem Buche des Herrn, d. h. also bei Mose, dessen Autorität sie alle ehrfurchtsvoll anerkannten, nachzuforschen.

Denn sein Mund hat es geboten. Der Prophet bekräftigt das zuvor Gesagte. Gottes Werke sind an sich klar genug, aber er macht sie, damit wir sie noch klarer erkennen, durch seinen Mund, d. h. durch sein Wort, noch deutlicher. Gottes Werke und Tun betrachten wir in rechter Weise, wenn wir sie in dem Spiegel seines Wortes anschauen. Wenn wir uns nicht von dem Lichte des Wortes Gottes leiten lassen, dann geraten wir mit unsern Gedanken und Urteilen auf verkehrte Wege. Darum muss die Kühnheit und Dreistigkeit der Menschen zurückgewiesen werden, welche über Gottes Gerichte und sein ganzes Tun reden und urteilen wollen ohne Rücksicht auf sein Wort. Würden sie sich aus dem Buche Gottes unterrichten und den Mund Gottes befragen, dann würde bei ihnen die heilige Ehrfurcht und Scheu vor Gott größer sein. Es war also des Propheten Absicht, mit dem Hinweis auf den Mund des Herrn das geweissagte Strafgericht zu bestätigen. Denn was durch den Mund Gottes kommt, kann keinem Irrtum unterliegen. Was Gott einmal beschlossen hat und in seinem Namen verkündigen lässt, das kann, sagt Jesaja, nicht rückgängig gemacht werden. Mit diesem Schild hält er alle Zweifel ab, die leicht auftauchen, so oft Gottes Verheißungen über unser Verstehen hinausgehen. Allerdings kündigt Gott zuweilen nur bedingungsweise Strafe an, wie wir bei Ninive, Pharao und Abimelech sehen; die schonte er, weil sie Buße taten. Wenn er aber einmal vorzugehen und zu strafen beschlossen hat, dann zeigt er es in der Folge nicht weniger, als wenn er den Seinen Rettung verheißen, dass er wahrhaftig und allmächtig ist.

Und sein Geist hat sie zusammengebracht. Der Prophet stellt den Mund und den Geist Gottes zusammen. Zwar bedeuten Mund und Geist Gottes dasselbe, wie es denn die Hebräer lieben, ein und dieselbe Sache doppelt auszudrücken. Hier aber spielt der Prophet in seiner Weise auf den Atem, den Hauch an, von dem die Worte ausgehen und gebildet werden. Er will sagen: Diese Weissagung besitzt in sich genug Kraft, denn derselbe Gott, der durch seinen Mund den Tieren befahl, von Edom Besitz zu nehmen, wird diese Tiere selbst allein schon durch den Hauch seines Geistes anziehen und zusammenbringen. Das ist nichts Wunderbares, dass alle Wesen allein auf den Wink Gottes sich sammeln. So sehen wir es ja bei der Sintflut, ja schon bei der Schöpfung. Mose erzählt uns, wie zu dem ersten Menschen auf Gottes Geheiß alle Tiere zusammenkamen, um seiner Herrschaft unterworfen zu werden. Ohne Zweifel wären sie dem Menschen untertan und gehorsam geblieben, wenn er nicht selbst in schmählicher Weise auf seine Herrschaft und seine gebietende Stellung verzichtet hätte. Als er aber von Gott abgefallen war, fingen alsbald auch die Tiere an, den Gehorsam zu verweigern und ihm selber gefährlich zu werden.

V. 17. Er wirft das Los für sie usw. Jenen Tieren und Wesen wird in Edom ein fester, beständiger Wohnsitz gegeben, aus dem sie nicht so leicht vertrieben werden können; sie sollen darinnen erben ewiglich. Ganz Edom ist also der Gewalt Gottes unterworfen; er gibt es nach Vertreibung seiner Bewohner zum Besitz, wem er will, wilden Tieren oder Vögeln oder Ungeheuern. Hier wollen wir uns einprägen, dass die Menschen sich vergeblich einen dauernden Besitz versprechen. Wenn Gott ruft, muss der Mensch alsbald weichen. Wo immer Gott uns Nahrung gibt, leben wir von seiner Gnade; ja, sowohl in unserm Vaterlande, wie außerhalb desselben sind wir Fremdlinge. Wenn er nach seinem göttlichen Rat uns irgendwo einen Ort der Ruhe schenken will und wir bleiben dort, so ist das nichts als seine besondere Güte. Sobald er es jedoch für gut hält, müssen wir den Platz wechseln. Wenn wir aber anderseits erkennen, dass uns hier oder dort von Gott unser Wohnsitz angewiesen ist, so können wir auch sicher und ruhig wohnen. Denn wenn er wilde Tiere in dem Besitz des ihnen zugewiesenen Landes erhält, wieviel mehr dann doch die Menschen, um derentwillen er Himmel, Meer und Erde und alles, was darinnen ist, erschaffen hat!

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