Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 30.

Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 30.

V. 1. Weh den abtrünnigen Kindern, spricht der Herr. Der Prophet fährt die Juden heftig an, weil sie vor der Bedrängnis durch die Assyrer und andere Feinde, deren Macht sie nicht gewachsen waren, bei den Ägyptern Hilfe suchten. Dieses „Weh“ könnte gar zu schroff erscheinen, wenn man bedenkt, dass es elenden, armseligen und dabei bedrängten Menschenkindern doch erlaubt sein muss, auch bei schlechten Menschen Zuflucht zu suchen. Es liegt doch in der menschlichen Natur, dass die Sterblichen allesamt sich gegenseitig zu helfen bestrebt sind. Gehen wir aber der Sache auf den Grund, dann werden wir finden, dass ein ungewöhnliches, unerträgliches Verbrechen des Volkes vorlag. Erstlich ist es kein leichtes Vergehen, sondern eine schändliche Schmach, sich um Gottes Regierung nicht zu kümmern, ja sie zu verachten und nach eigenem Belieben zu handeln. Gott hatte ein Bündnis mit den Ägyptern streng verboten. Der Grund zu diesem Verbot war vor allem ein zwiefacher. Zunächst ein allgemeiner, der auch auf die Bündnisse mit andern Nationen sich bezog. Der Herr wollte nicht sein Volk durch heidnisches Wesen verderbt sehen. Langsam neigen wir uns, - wie es kommt, weiß ich nicht – zu den Fehlern derer, mit denen wir in Gemeinschaft zu leben pflegen. Wie wir von Natur sind, ahmen wir ihre Laster lieber nach als ihre Tugenden und gewöhnen uns leicht an ihr verderbtes Wesen. Das verderbliche Beispiel reißt uns dann zuletzt in kurzer Zeit von Laster zu Laster. So ist es auch oft unserm Volk mit anderen Nationen ergangen. Für das Volk Israel hatte aber zweitens jenes Verbot noch einen ganz besonderen Grund. Der Herr hatte die Juden aus der Knechtschaft Ägyptens befreit. Dieser großen Gnadentat sollten sie allezeit eingedenk bleiben, darum wollte er ein Bündnis mit den Ägyptern verhindern. Denn als Bundesgenossen der Ägypter hätten sie leicht jene Gnadentat vergessen können. Sie hätten dann die Erinnerung an dieselbe nicht mehr so freimütig festlich begehen können, wie es bestimmt war. Dabei war es überaus unwürdig, unter Preisgabe der Ehre Gottes mit einem gottlosen, heidnischen Volke Freundschaft zu pflegen. Gott wollte zugleich seinem Volk bezeugen, dass er allein stark genug sei, dasselbe zu schützen. Solche Verheißung hätte dem Volke genügen müssen und hätte es zum willigen Verzicht auf andere Hilfe bestimmen sollen. Und das war eben das schändlichste Verbrechen, dass Israel ringsum mit andern Völkern sich verband und so dem Herrn die ihm zukommende Ehre raubte. Wären sie mit dem göttlichen Schutze zufrieden gewesen, dann wären sie nicht so nach Ägypten gelaufen. Darin lag ihre Untreue. Ohne Zweifel wandte der Prophet sich deshalb so scharf gegen jenen Frevel, weil sie dadurch, dass sie eiligst bei den Heiden Hilfe suchten, Gott dem Herrn die Ehre, allein zu ihrem Schutze stark genug zu sein, raubten. Daher vergleicht der Geist Gottes anderswo diese Sucht mit schändlichen, ehebrecherischen Gelüsten. Als sie sich mit den Ägyptern verbunden hatten, da sagt der Prophet, es sei ebenso, wie wenn ein schlechtes Weib in maßloser, tierischer Brunst zu den Ehebrechern laufe (Jer. 5, 8; Hes. 23, 3). Deshalb nennt er sie auch abtrünnige Kinder.

Die ohne mich ratschlagen. Hier ist von geheimen, verborgenen Plänen die Rede, mit denen die Juden in ihrer Schlauheit die Propheten zu täuschen und gleichsam den Augen Gottes zu entschlüpfen beabsichtigen.

Die ohne meinen Geist Schutz suchen. Auch hier spielt der Prophet auf die eben erwähnte Verschlagenheit an. Alle diese Aussagen, dass sie abtrünnige Kinder sind, dass sie Gott nicht fragen, dass sie von seinem Geist sich nicht leiten lassen und ohne ihn Schutz suchen, zielen ungefähr auf dieselbe Sache. Denn wer von seinem eignen Geist sich leiten lässt, kommt auf allerlei verschlagene Gedanken, mit denen er seinen Unglauben und seine Auflehnung gegen Gott verdecken möchte. Weil man dem Worte Gottes nicht gehorchen will, bitten sie auch nicht um seinen Geist. So kommt es zu einem so unseligen, verabscheuenswerten Knäuel von Sünden. Pläne und Entschlüsse aber, die ohne den Herrn gefasst werden, müssen elend zu Schanden werden. Eine Weisheit und Klugheit, die von ihm nicht erbeten wird, taugt nichts. Fragen wir ihn aber, d. h. wenden wir uns an sein Wort, dann lassen wir uns auch von seinem Geist regieren, von dem alle Klugheit und Weisheit stammt. Wort und Geist müssen immer verbunden werden. Das ist zu beachten den Schwarmgeistern gegenüber, welche zu wunderbaren, geheimnisvollen Offenbarungen zu gelangen suchen ohne das Wort Gottes. Sie suchen Gott, aber nicht auf dem rechten Weg, der zu ihm führt. Sie wollen ohne Flügel fliegen. Das ist vor allem festzuhalten: Was wir im Leben angreifen oder versuchen ohne Gottes Wort, ist irrig und verkehrt. Von ihm sollen wir völlig abhängen. Wenn wir daran denken, wie eitel und nichtig alle menschlichen Pläne sind, dann müssen wir gestehen, dass die Leute doch gar zu töricht handeln, welche so viel Klugheit sich anmaßen und einbilden, dass sie Gott zu fragen nicht für der Mühe wert halten. Da wirft nun vielleicht jemand ein, die heilige Schrift enthalte doch nicht alles und gebe doch nicht im Einzelnen auf alles, was uns bewegt, Antwort. Ich antworte: Was zur Führung unseres Lebens nötig ist, ist reichlich in ihr enthalten. Wenn wir uns nur vom Worte Gottes regieren lassen und in ihm allezeit unseres Lebens Richtschnur suchen wollen, dann wird Gott uns niemals in Zweifeln stecken lassen, sondern uns einen Ausweg aus allen Fragen und Schwierigkeiten zeigen. Je und dann müssen wir vielleicht länger warten, aber zuletzt wird der Herr uns doch herauswickeln und von Zweifeln befreien, wenn wir nur unsererseits bereit sind, auf ihn zu hören. Hier wird also die kühne Frechheit derer verdammt, welche unerlaubte Wege versuchen und glauben, dieselben würden für sie einen glücklichen Ausgang nehmen, die im Guten, wie im Bösen alles unternehmen und auch ohne Gott sicher sein wollen. Das hat seinen Grund in dem Unglauben und dem Zweifel, dass sie meinen, Gott wäre nicht genug für sie, es müsste noch andere, wenn auch verbotene Hilfe hinzukommen. Daher jene unerlaubten Bündnisse, daher jener Lug und Trug, mit dem die Leute ihre Sache, wie sie meinen, besser führen können, als wenn sie in Einfalt und Offenheit miteinander verkehren. Alles Vornehmen also, alle Pläne und Unternehmungen müssen wir gemäß dem Willen Gottes beginnen. Immer müssen wir bedenken, was er verbietet oder erlaubt, damit wir in vollem Gehorsam gegen seine Gebote uns als Leute erweisen, die sich von seinem Geiste regieren lassen. Andernfalls wird unsere Torheit einen schlimmen Ausgang nehmen.

Zu häufen eine Sünde über die andre. Durch jene törichten Bündnisse, durch welche sie sich am besten gesichert glaubten, kamen die Juden nur dahin, dass sie denselben Fehler noch einmal machten und ihre Verfehlung, die schon schlimm genug war, verdoppelten. Unsere Schuld wird größer und schwerer, wenn wir mit unerlaubten Mitteln dem Zorne Gottes zu entfliehen suchen. Das galt vor allem von den Bewohnern des Reiches Juda. Dieselben hatten die Assyrer gegen das Reich Israel und gegen Syrien zur Hilfe herbeigerufen und, als sie dieselben auf diese Weise nach Judäa gelockt hatten, wollten sie sie wieder mit Hilfe der Ägypter vertreiben. Denn die Bewohner Judas wurden von den Assyrern heftig bedrängt und mussten ihre Untreue verdientermaßen büßen. Sie hatten eben lieber zu Menschen, als zu Gott ihre Zuflucht genommen. Weit entfernt also, dass die Juden ihr Tun bereuten und erkannten, dass sie mit Recht bestraft wurden, häuften sie vielmehr Sünde auf Sünde, als wenn sie eine Sünde mit der andern gut machen könnten. Deshalb bedroht sie der Prophet besonders scharf. Denn eine schwerere und härtere Strafe verdienen solche Leute, die in ihrer Verkehrtheit beharren, die wild wider Gott wüten und sich durch keine Warnungen und Züchtigungen auf den rechten Weg zurückrufen lassen.

V. 2. Die hinabziehen gen Ägypten und fragen meinen Mund nicht. Weshalb der Prophet das Hinabziehen nach Ägypten verdammt, wurde im vorhergehenden Verse auseinandergesetzt. Da aber diese offenbare Schmach und Schande ihr Verbrechen verdoppelte, so wiederholt der Prophet, dass sie das taten, ohne den Mund Gottes zu fragen.

Dass sie sich stärken mit der Macht Pharaos usw. Da weist der Prophet wieder auf den Grund jenes Übels hin. Auf die Macht der Ägypter setzen sie ihr Vertrauen. Daher jenes unwiderstehliche Bestreben, mit ihnen ein Bündnis zu schließen. Damit zeigten sie, dass Gottes Macht bei ihnen wenig galt und dass sie derselben wenig Vertrauen schenkten. So trugen sie ihren Unglauben offen zur Schau. Man könnte nun einwenden, die Menschen seien doch Gottes Werkzeuge, man dürfe doch, so oft es nötig sei, ihre Unterstützung gebrauchen, ohne damit Unrecht zu tun. Ich antworte: Wir dürfen die Hilfe und Unterstützung der Menschen gewiss gebrauchen, aber wir müssen dabei von Gott abhängig bleiben. Bei den Juden war die Sache aber eine andere. Sie wussten, dass Gott verboten hatte, bei den Ägyptern Hilfe zu suchen. Als sie es doch taten, entzogen sie dem Herrn ihr Vertrauen in demselben Maße, wie sie es dem Pharao und seinen Soldaten zuwandten. Daher stellt der Prophet absichtlich den Pharao Gott gegenüber. Kreaturen werden in Gegensatz zu Gott gestellt, gleichsam als seine Rivalen, wenn sie sich gegen ihn erheben, oder so oft die Menschen sie missbrauchen, sei es, dass sie ihr Herz und ihr Vertrauen auf sie stützen, oder dass sie mehr nach denselben fragen, als erlaubt ist.

V. 3. Denn es soll euch die Stärke Pharaos zur Schande geraten. Hier zeigt der Prophet, welchen Ausgang die Gottlosen nehmen, die Gott und sein Wort verachten und Pläne ausführen, die sie ohne Gott gefasst und für trefflich gehalten haben. Zur Schande wird ihnen alles gereichen, was sie in Angriff genommen haben. Sie werden nicht nur in ihrer Hoffnung getäuscht werden, sondern sie selbst suchen geflissentlich ihr Verderben und ihren Untergang, in dem sie nur Trauer und Schande ernten. So ergeht es allen Gottlosen. Wenn ihnen auch eine Zeitlang alles nach Wunsch zu gehen scheint und das Glück ihnen zu Willen ist, zuletzt gereicht ihnen doch alles zum Verderben. Das ist der gerechte Lohn für ihren Wahnwitz, mit dem sie sich über Gottes Wort hinwegsetzen. Es kann einem Menschen keinen Segen bringen, wenn er bösen, unerlaubten Schlichen nachgeht. Wenn der Prophet von der Stärke Pharaos redet, so tut er das im Sinne der Juden. Ihr meint, will er sagen, an Pharao einen gewaltigen Schutz zu besitzen, aber es wird euch zur Schmach und Schande ausschlagen.

V. 4. Ihre Fürsten sind wohl zu Zoan gewesen usw. Nicht genug, dass die Juden die Macht der Ägypter suchten und herbeiriefen, - sie taten es auch mit großen Kosten und Mühen; sie mussten schwierige, weite Reisen machen, große Mühsale auf sich nehmen, dazu gewaltige Kosten aufwenden, um zu den hier genannten fernen Provinzen Ägyptens, mit Geschenken beladen, zu gelangen. Zu dieser Gesandtschaft wurden auch nicht etwa gewöhnliche, einfache Leute verwandt, sondern Fürsten und Vornehme. Der Vorwurf wird also dadurch noch schwerwiegender, dass sie auf eine sie erniedrigende Art das Bündnis mit Ägypten geschlossen hatten und hilfesuchend in den verschiedensten Gebieten des Landes umhergelaufen waren. Hier tritt wieder ein scharfer Gegensatz hervor. Gott war nicht weit zu suchen, keine großen Anstrengungen brauchten die Juden zu machen, auch kostete es sie nichts, ihn anzurufen. Er selbst forderte sie dazu auf mit seiner Verheißung (Ps. 132, 14): „Dies ist meine Ruhe ewiglich, hie will ich wohnen.“ Und er hatte bezeugt, er wolle sich nicht vergeblich anrufen lassen. Aber die Elenden verachteten Gott und wollten lieber sich abquälen und an die äußersten Enden der Erde laufen, als die ihnen dargebotene nahe Hilfe annehmen.

V. 5. Aber sie müssen doch alle zu Schanden werden usw. Da es recht schwer ist, die Gottlosen davon zu überzeugen, dass alles, was sie gegen Gottes Wort unternehmen, einen bösen Ausgang nimmt, so bekräftigt der Prophet das zuvor Gesagte. Gott gewährt ihnen wohl eine Zeitlang glücklichen Erfolg, sodass sie sich immer mehr gehen lassen. Hernach straft er sie aber umso mehr. Sie werden zuletzt nicht nur der erwarteten Hilfe beraubt, sondern noch dazu für ihre Frechheit und Untreue schwer bestraft. Die Ägypter werden, so droht der Prophet, sich trügerisch erweisen, wie die Gottlosen so oft diejenigen, welche sie mit leeren Versprechungen zum Besten haben, in der Not verlassen oder treulos zu Grunde richten. Sie werden aber auch, sie mögen sich noch so sehr bemühen, Wort zu halten, doch nichts nütze sein können. Mögen Menschen sich noch so sehr für uns verwenden, sie nützen uns nichts, wenn Gott nicht seinen Segen dazu gibt. Denn der Erfolg liegt ja in seiner Hand. Das war nun schwer zu glauben, dass bei einem so mächtigen Volke gar keine Hilfe zu finden sein sollte. Aber wir müssen uns fest einprägen: Was immer in der Welt uns als nützlich einleuchtet, ist nutzlos, wenn es nicht durch Gottes Gunst und Gnade zu unserm Nutzen gewandt wird.

V. 6. Das ist die Last über die Tiere. Nachdem sich der Prophet gegen den Plan der Juden, Hilfe bei den Ägyptern zu suchen, gewandt hat, verspottet er ihren kostspieligen Aufwand und die schweren Mühsale, die sie zu diesem Zweck auf sich nahmen, womit sie ihren Untergang so teuer erkauften. Um die Menschen zu beschämen, spricht er von Tieren, weil man Tiere vergeblich anredet und sie taub sind gegen alle Ermahnungen. Da das Volk in seinem Hochmut alle Drohungen abschüttelt, wendet sich der Prophet an die Pferde und Kamele. Diese vernunftlosen Kreaturen werden es fühlen, dass Gott nicht umsonst geredet hat. Obschon das Volk sich in Ägypten alles herrlich vorstellte, so wird doch dies Land selbst für die Tiere ein Land der Angst und Trübsal sein. Dass die Tiere gegen Mittag ziehen, deutet auf ihren Marsch nach dem südlich gelegenen Ägypten. So sagt der Prophet, weil sie gegen Mittag reisen mussten. Ägypten war ja von Judäa aus südlich gelegen. Das war eine mühselige und schwierige Reise, aber die Juden nahmen alle Mühe auf sich, um nur ihr törichtes Verlangen zu stillen. Ihr brennendes Begehren hatte derartig ihren Verstand gefangen genommen, dass keine Ermattung sie aufhielt. Zu all jenen Mühsalen droht der Prophet den Juden noch mit einer besonderen göttlichen Strafe, mit Löwen und Löwinnen, mit Ottern und fliegenden Drachen. Wilde Tiere waren zwar für die nach Ägypten Reisenden nichts Neues und Ungewohntes, aber hier wird etwas außergewöhnlich Gefährliches verkündigt. Zu den Mühsalen und Schwierigkeiten, zu all ihrem Aufwand werden nach Gottes Fügung Unglück bringende Begegnungen kommen, sodass ihr Ende überaus jammervoll sein wird. Das ist eine Lehre auch für uns, die wir an einem ähnlichen Fehler leiden. In Gefahren nehmen wir unsere Zuflucht zu unerlaubten Hilfsmitteln und meinen, dieselben würden uns helfen, auch wenn sie Gott nicht gefallen. Wir müssen dann dasselbe erfahren und der gleichen Verdammnis anheimfallen, wie jene, wenn wir nicht unserm dreisten Unglauben durch Gottes Wort in Schranken halten.

V. 7. Denn Ägypten ist nichts, und ihr Helfen ist vergeblich. Dieser Vers bringt eine Erläuterung des vorigen. Er wiederholt die nachdrückliche Erklärung, dass die Ägypter den Juden, nachdem sie ihnen mannigfache Mühsale und große Kosten bis zur Erschöpfung bereitet haben, nichts nützen werden. Vergeblich wird für sie die Macht Ägyptens sein, auch wenn dieses ihnen wirklich zur Hilfe kommen und dabei alle seine Kräfte anspannen wollte. Die Juden werden in ihren Hoffnungen getäuscht werden; mit all ihrer großen Mühe, die sie sich geben, betrügen sie sich selbst. Den Grund dafür gibt der nächste Satz an: Darum rief ich ihnen zu usw. Die Juden werden keine Entschuldigung dafür haben, dass sie mit solcher Unruhe ihre Zuflucht bei den Ägyptern suchen. Sie sind völlig unklug und keiner Verzeihung wert: denn trotz ergangener Mahnung nahmen sie keine Vernunft an. Ich verstehe den Satz nämlich so, dass Gott Jerusalem zugerufen habe, dass ihre Kraft sein wird, stille zu sitzen. 1) Nun hat der Herr zu klagen, dass seine deutlichen, durch Züchtigungen unterstützten Mahnungen erfolglos blieben, - ein Zeichen völliger Widerspenstigkeit und Verstockung. Und doch hatte seine Ermahnung zum Stillsitzen guten Grund: er wollte damit den Schädigungen und Niederlagen begegnen, die er voraussah. So kam ihre Unruhe allein daher, dass sie den Worten des Herrn keinen Glauben schenken wollten. Der Prophet zeigt also, dass es ein Geist der Auflehnung war, der die Juden nach Ägypten trieb. Sie hätten für ihr Wohlergehen sorgen können, indem sie still zu Hause blieben. Denn eben dies will die Mahnung zum „Stillsitzen“ besagen. In der Fortsetzung der Rede (V. 15) ist freilich auch an die Stille des Herzens zu denken. Hier aber wird uns vornehmlich die lärmende Vielgeschäftigkeit vor Augen gestellt, die aus Angst und Verwirrung geboren war: man hielt Gottes Schutz nicht für ausreichend, wenn man sich nicht außerdem noch auf die Ägypter stützen konnte. Wer der Macht Gottes nicht die gebührende Ehre gibt, muss der Unruhe seines Unglaubens erliegen und kann in seiner Angst nirgends Frieden finden.

V. 8. So gehe nun hin und schreibe es ihnen vor usw. Nachdem der Herr die Juden ihres offenbaren Unglaubens überführt hat, will er diesen Unglauben auf einem Denkmal für die Nachwelt verewigen. Die Nachwelt soll erkennen, wie abscheulich hart dies Volk gewesen ist und wie der Herr im Rechte war, als er es strafte. Es war bei den Propheten Sitte, dass sie den Hauptinhalt ihrer Reden über die Tür des Tempels auf eine Tafel schrieben. Wenn die Schrift von allen gelesen und allgemein bekannt geworden war, dann wurde sie von den Dienern im Tempelarchiv aufbewahrt. So sind die Bücher der Propheten gesammelt worden. Wenn aber eine Verkündigung besonders wichtig und bedeutsam war, dann ließ der Herr dieselbe mit größeren Buchstaben als sonst aufzeichnen, um das Volk zum Lesen anzuregen und aufmerksamer zu machen. Das befiehlt der Herr also auch hier; er will damit dartun, dass es sich hier nicht um etwas Gewöhnliches handelt, vielmehr um eine Sache, die sorgfältig aufgezeichnet werden müsse und die größte Aufmerksamkeit erheische; man solle es nicht nur lesen, sondern so ins Gedächtnis der Menschen eingraben, dass es darin ewig haften bliebe. Jesaja zog sich durch diese Weissagung ohne Zweifel bei allen Ständen des Volkes großen Hass zu. Er wollte ja nicht nur bei ihren Zeitgenossen, sondern auch bei ihren Nachkommen ihre Schande verkündigen. Nichts aber ist den Menschen unangenehmer als der Gedanke, dass ihre Schandtaten im Gedächtnis der Leute haften bleiben und man noch nach langer Zeit von ihnen redet. Das verabscheuen sie als etwas Schmähliches und Schimpfliches, ja als das Allerschlimmste. Aber der Prophet musste Gott gehorchen, ob er sich auch den Hass der Menschen dadurch zuzog und sein Leben in Gefahr brachte. Dabei ist seine Standhaftigkeit bemerkenswert, dass er furchtlos dem Herrn gehorsam war und seinem Rufe sich nicht entzog. Hass, Neid, Lärm, schlimme Drohungen, augenblickliche Gefahren achtete er nicht; frei und unerschrocken erfüllte er seine Pflicht. So müssen auch wir handeln, auf Gottes Ruf hören und ihm folgen. Dass des Propheten Worte „ihnen vor“, d. h. öffentlich vor aller Augen, geschrieben werden, zeigt, dass die Juden durch diese Weissagung gereizt werden sollen. So müssen die Gottlosen, obschon sie keinen Tadel vertragen können und sich wie wild dabei gebärden, öffentlich scharf angeklagt werden. Wenn auch bei ihnen selbst Drohungen und Tadel nichts fruchten, sie sind dann doch für andere ein warnendes Beispiel, wenn ihre Schande verewigt wird. Dann wird das Wort erfüllt, das geschrieben steht (Jer. 17, 1): „Die Sünde Judas ist geschrieben mit eisernen Griffeln und mit spitzigen Diamanten geschrieben und auf die Tafel ihres Herzens gegraben und auf die Hörner an ihren Altären.“ Umsonst ist ihre Hoffnung, es würde in Vergessenheit geraten, wenn sie der Propheten Wort verachten und ihre Ohren verstopfen. Menschen und Engeln wird ihre Nichtswürdigkeit offenbar bleiben. Auch deshalb, weil sie selbst niemals über ihre Schandtaten Reue und Scham empfinden, lässt Gott ein Denkmal ihrer Schande aufrichten, das allezeit den Menschen vor Augen steht. Wie also Siege und Heldentaten auf eherne Tafeln eingegraben zu werden pflegten, so ließ Gott die Schandtaten der Juden, die sie auf jede Weise zu verdecken suchten, öffentlich auf Tafeln eintragen. Das war etwas Außergewöhnliches, dass einem Propheten der feierliche Auftrag wurde, seine Volksgenossen öffentlich dem Spotte preiszugeben.

Dass es bleibe für und für ewiglich. Für alle Zeiten sollen sie verabscheuenswert bleiben. Weissagungen sind nicht nur ein Zeitalter geschrieben; allen Kindern und Kindeskindern sollen sie zur Unterweisung dienen, damit diese nicht in die Fußstapfen ihrer Väter treten. Darum heißt es (Ps. 95, 8f.): „So verstocket eure Herzen nicht, wie zu Meriba geschah, wie zu Massa in der Wüste, da mich eure Väter versuchten.“ Von dem prophetischen Wort gilt dasselbe, was der Apostel Paulus von der ganzen heiligen Schrift schreibt (2. Tim. 3, 16): „Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit.“ Das passt und ist nötig für alle Zeiten. Darum muss die Ansicht von Schwärmern und Gottlosen zurückgewiesen werden, die behaupten, für jene Zeiten seien solche Worte am Platze gewesen, für die unsrigen seien sie es aber nicht mehr. Weg mit solch schändlichen Ansichten! Ob Jesaja auch längst tot ist, sein Wort soll noch immer gelten und Frucht bringen.

V. 9. Denn es ist ein ungehorsam Volk. Der Prophet setzt hier auseinander, was nach des Herrn Willen den Nachkommen verkündet werden soll, dass nämlich die Bosheit dieses Volkes eine verzweifelte sei, da es sich durch kein Gotteswort im Zaume halten lassen wolle. Wie bitter jene Aufschrift sowohl dem Volke, wie seinen Nachkommen sein musste, kann man nach ihren großsprecherischen Prahlereien beurteilen. Sie rühmten sich: Wir sind Abrahams heiliger und auserwählter Same, - als ob dies ein Deckmantel für alle möglichen Schandtaten wäre. Gott lässt trotz ihrer Erwählung ihre Missetat ans Licht ziehen und öffentlich brandmarken. Die Quelle des Übels deckt die weitere Aussage auf, dass sie nicht hören wollen des Herrn Gesetz. Gemeint ist eine Verachtung des göttlichen Wortes, in welcher sich die Verachtung Gottes selbst und ein gottloser Sinn verrät. Das sind Lügner, die vorgeben, sie ehrten Gott, obwohl sie seinem Wort nicht gehorchen. Darum nennt Jesaja sie auch ein ungehorsam Volk und verlogene Kinder. Die sich seinem Worte nicht unterwerfen wollen, als wäre dessen Herrschaft für sie unerträglich, die stehen in offenem Abfall von Gott. Damit beweisen sie zugleich, dass sie Satans eitlen Blendwerken ergeben sind und an nichts Heiligem mehr Gefallen haben.

V. 10. Sondern sagen zu den Sehern: Ihr sollt nicht sehen usw. Hier beschreibt der Prophet noch deutlicher, wie sie Gottes Wort verachten; ja er malt das förmlich aus. Die Gottlosen haben nicht nur Gottes Wort zum Spott, sondern weisen es auch barsch zurück. Ja, sie möchten, es würde gänzlich unterdrückt und vernichtet. Das will Jesaja zum Ausdruck bringen. Sie wenden nicht nur Ohren, Augen und alle Sinne vom Worte ab, sondern sie möchten dasselbe zerstört und abgetan sehen. Gottlosigkeit hat notgedrungen das heiße Verlangen zur Folge, dass das, was sie nicht leiden mag, vernichtet werden möchte. Die Kraft und Wirkung des Wortes Gottes reizt und erbittert sie, dass sie, wie wilde Tiere, ihre Wut und ihren Blutdurst ausschäumen. Ob sie nun aber auch gern spotten, sie werden gezwungen, sie mögen wollen oder nicht, Gott zu hören und vor seiner Majestät zu zittern. Das ist bitter für sie, und darum verfolgen sie die Propheten mit Hass, Nachstellung, Verfolgung, Verbannung, Kreuz und Tod. Auf diese Weise glauben die Gottlosen das Wort Gottes samt seinen Lehrern abtun und vernichten zu können. Denn die Menschen wollen lieber mit Träumen und unnützen Possen unterhalten, als treulich mit dem Worte Gottes belehrt werden. Der Prophet führt hier nun nicht wirkliche Worte der Gottlosen an, als wenn sie diese tatsächlich offen gebraucht hätten; er zeigt nur ihre wirklichen Herzensgedanken. Denn der Prophet hatte es nicht mit so dummen Leuten zu tun, die ihre Gottlosigkeit offen an den Tag gelegt hätten; sie waren sehr schlaue Heuchler, die sich beklagten, sie würden unverdientermaßen von den Propheten verspottet. Diesen reißt der Prophet die Maske vom Angesicht; er zeigt offen, wie sie sind, dass sie der Wahrheit nicht Raum geben wollen. Woher kam doch das Murren wider die Propheten? Doch daher, dass sie Gott, der durch sie zu ihnen redete, nicht leiden konnten.

„Seher“ wurden die Propheten genannt. Was der Herr ihnen offenbarte, taten sie hinterher den andern kund. Sie waren gleichsam auf eine höhere Warte gestellt, so dass sie in der Ferne schauten, was an Glück und Unglück nahte. Unglück wollte aber das Volk sich nicht verkündigen lassen. Darum hasste es die Propheten, die ihnen scharf ihre Sünden vorhielten und zugleich das nahende Gericht Gottes bezeugten. Darauf beziehen sich die Worte: „Ihr sollt nicht sehen, ihr sollt nicht schauen die rechte Lehre.“ Nicht als ob sie, wie gesagt, in Wirklichkeit so geredet hätten; Jesaja schildert nur, wie sie hasserfüllt die Propheten zurückzuhalten suchten und ihre bitteren Vorwürfe nicht ruhig ertragen wollten. Es würde wohl keiner so frech gewesen sein, offen zu sagen, er wolle von der Wahrheit sich trennen und mit ihr nichts zu tun haben; sie gaben ja vor, dieselbe mit allem Eifer zu suchen. So sagten sie auch dem Propheten Jeremia (11, 21) gerade heraus, er sei ein Lügner, und stießen schlimme Drohungen wider ihn aus: „Weissage uns nicht im Namen des Herrn, willst du anders nicht von unsern Händen sterben.“ Sie wollten die Wahrheit, von der sie sich losgesagt hatten, nicht hören. Darum blieben sie in Lug und Trug stecken.

Predige uns aber sanft, schauet uns Täuscherei. Damit deckt der Prophet die Quelle ihres Widerstrebens auf. Schmeichlern vollen Beifall zu spenden, dazu wären sie bereit gewesen und hätten sich gern im Namen Gottes die Ohren vollschmeicheln lassen. Das ist auch der Grund, warum die Welt nicht nur für Betrug empfänglich ist, sondern selbst mit Lug und Trug eifrig umgeht. Fast alle Leute wünschen Nachsicht mit ihren Fehlern. Knechte Gottes aber, sofern sie treu ihre Pflicht zu erfüllen suchen, können nicht umhin, ernst zu tadeln. Darum ist es lächerlich und kindisch, wenn die Gottlosen tun, als ob sie mit Freuden Gottes Schüler würden, und dabei behaupten, sie wollten nur allzu große Strenge und Einseitigkeit fern halten. Es ist gerade so, als ob die Natur nach ihren Wünschen sich ändern und verleugnen sollte. So sagt auch Micha (2, 11), die Juden wollten keine andern Propheten, als solche, die ihnen predigen, wie sie saufen und schwelgen sollen.

V. 11. Weichet vom Wege, gehet aus der Bahn, lasset den Heiligen Israels aufhören bei uns. Das ist das Schlimme, dass, wenn man die Propheten zurückweist, man auch den Herrn zurückstößt; für ihn ist dann kein Raum mehr. Das leugnen die Gottlosen, weil sie sich schämen, solch eine Nichtswürdigkeit zuzugeben. Aber es hilft nichts. Denn Gott will durch die Propheten gehört werden. Diese hat er beauftragt, uns seinen Willen zu offenbaren und sein Wort zu lehren. Wenn also Gott gehört, wenn ihm Ehre erwiesen werden soll, dann müssen wir das darin zeigen, dass wir sein Wort annehmen, wie es in den Propheten und im Evangelium enthalten ist. Die dieses zurückweisen, tun dasselbe, als ob sie Gottes Dasein leugneten. Darum aber wollen die Menschen von Gott nichts wissen, weil er unsere Sünden nicht schont und uns nicht schmeichelt. Er übt das Amt eines guten, erfahrenen Arztes aus. Die Menschen suchen Lug und Schmeichelei und können es nicht ruhig ertragen, wenn Gott ihnen droht. Darum ist Gottes Wort den Menschen verhasst und wird von ihnen verworfen.

V. 12. Darum spricht der Heilige Israels also: Weil ihr dies Wort verwerfet. Gott ist es, der zu ihnen redet. Dass sie den nicht hören wollen, wird ihnen nicht ungestraft hingehen. Der Prophet sagt: „Dies“ Wort. Die Menschen machen sich gern irgendein beliebiges Wort zurecht, wie es ihnen passt, aber dem Wort, das Gott zu ihnen redet, wollen sie kein Gehör geben. Gottes freundliche Einladung und Aufforderung, in ihm ihre Ruhe zu suchen, wird nun in Gegensatz gestellt zu ihrem wilden Treiben.

Und verlasst euch auf Frevel und Mutwillen. Mit den beiden Ausdrücken „Frevel und Mutwillen“ will der Prophet die Kühnheit der Gottlosen schildern, mit der sie trotzig und frech sich gegen Gott erhoben und fortgesetzt gierig nach Verbotenem zu trachten wagten. Wie die Riesen, von denen die Sage erzählt, mit Gott Krieg führten, so kämpften jene wider Gott und seine Drohungen und wähnten mit ihrem wilden Trotz dessen Hand leicht zurückstoßen zu können.

V. 13. So soll euch solche Untugend sein wie ein Riss an einer hohen Mauer. Hier kündigt Jesaja die Strafe an und bringt dieselbe in einem überaus treffenden Bild zum Ausdruck. Er vergleicht die Gottlosen mit einer zerrissenen oder auch ausgebogenen Mauer. Solcher Mauer droht der Einsturz. Eine Mauer kann nur dann feststehen, wenn alle ihre Teile unter sich festen Zusammenhang haben. So ist es nun auch mit den Gottlosen. Ihre Anmaßung und Frechheit ist das Anzeichen und er sicherste Beweis für den nahen Zusammenbruch. Denn je aufgeblasener sie sind und je mehr sie sich, durchdrungen von ihrer Unverletzlichkeit, freiwillig in Gefahren stürzen, umso eher werden sie in kurzer Zeit unter ihrer eignen Last zusammenbrechen. Erhebt euch nur, meint der Prophet, und seid frech gegen Gott; der wird schon bald eure Kühnheit und Frechheit, die nur nichtswürdige Aufgeblasenheit ist, niederwerfen. Das ist für uns eine Mahnung, dass es das Allerbeste ist, sich dem Herrn ganz zu unterwerfen. Wir sollen uns in unserm ganzen Sinnen und Denken von ihm überwinden lassen, wir sollen an ihn uns binden und unter seiner Herrschaft bleiben. Leute, die alle Demut von sich werfen und sich stolz erheben, deren Treiben ist sehr windig; sie verderben und vernichten sich selbst. Zwar eine Zeitlang lässt der Herr die Gottlosen sich aufblähen und in ihrem aufgeblasenen Wesen frei dahingehen, zuletzt aber ziehen sie sich mit ihrer Aufgeblasenheit und Prahlerei Untergang und Verderben zu.

V. 14. Als wenn ein Topf zerschmettert würde usw. Wenn eine Mauer einstürzt, bleiben doch noch Trümmerhaufen übrig, deren Steine wieder verwandt werden können. Man kann sie wieder herstellen. Hier aber verkündigt der Prophet, diejenigen, welche schändlich wider Gott sich erheben, werden ein solches Ende finden, dass von einer Wiederherstellung keine Rede mehr sein kann. Die Überbleibsel werden völlig unnütz sein. In diesem Sinne gebraucht er das Bild von einem zerbrochenen irdenen Topf, dessen Scherben nicht wieder zusammengesetzt werden können. Durch solche Drohungen sollen wir uns ernstlich bestimmen lassen, Gottes Wort mit heiliger Scheu zu umfassen. Denn wir sehen hier, was für schwere Strafen seine Verächter treffen. Sie werden völlig vernichtet werden. Gar keine Hoffnung lässt ihnen der Prophet. Und das mit Recht. Denn wenn die Verächter Gottes auch zwei- oder dreimal niedergeworfen sind, es schwillt ihnen doch wieder der Kamm. Nichts ist schwerer, als die Herzen solcher Leute von ihrem eitlen Selbstvertrauen frei zu machen.

V. 15. Denn so spricht der Herr usw. Der Prophet redet in diesem Verse von einer besonderen Art der Gottesverachtung. Wenn man die Heuchler nur so im Allgemeinen ermahnt, dann pflegen sie davon wenig berührt zu werden. Darum fügen die Propheten solchen allgemeinen Ausführungen spezielle hinzu, welche sie der besonderen Art der Leute, mit denen sie zu tun haben, anpassen. Sie konnten ja Ausflüchte suchen und einwenden: Warum beschuldigst du uns der Gottlosigkeit, als ob wir Gottes Wort verwürfen? Da werden ihnen nun ihre besonderen Verfehlungen vorgehalten, welche ihre Gewissen bedrückten und alle leeren Einwände in ihrer Nichtigkeit aufzeigten. Er sagt ihnen: Ist das nicht ein Wort des Herrn: „Durch Stillsein und Hoffen werdet ihr stark sein?“ Warum seid ihr nicht stille in Gott gewesen? Warum seid ihr in so großer Unruhe? So überführt sie der Prophet, sodass sie keine Ausflucht mehr finden können, sie müssten denn ihre Frechheit auf die Spitze treiben. Und wenn sie trotzdem eine Ausflucht fänden, so würden sie damit keinen Erfolg haben.

Dass Gott der Heilige in Israel genannt wird, lässt die Undankbarkeit noch tadelnswerter erscheinen. Die Juden sollen erkennen, was für einen Schutz sie an Gott gehabt hätten. Gott wollte der Seinen Schutz und Schirm sein. Ihn hatten sie hintenangesetzt, und ihr Misstrauen hatte sie verführt, bei den Ägyptern Hilfe zu suchen. Das war eine böse, unerträgliche Sünde.

Durch Stillsein und Hoffen würdet ihr stark sein. Wenn ihr umkehret usw. Der Prophet will dem Volk wiederholt einprägen, wie der Herr nur das Eine fordert, dass es gänzlich in ihm ruhe und stille sei. Diese Sätze bestehen aus zwei Stücken, aus einem Befehl und einer Verheißung. Der Herr befiehlt, das Volk solle stille sein; er verheißt, es würde ihm dann geholfen werden. Dieser Verheißung traute das Volk nicht. Darum gehorchte es auch nicht jenem Befehl. Denn wie soll einer Gott gehorchen, dem er nicht glaubt und dessen Verheißungen er nicht traut? Es ist darum nicht verwunderlich, dass solche Leute ihres Friedens und ihrer Ruhe verlustig gehen. Ohne Glauben gibt es keine Ruhe und keinen Frieden. Der Glaube aber kann nicht ohne Verheißungen sein. Diese müssen erfasst werden, dann beschwichtigen sich die unruhigen aufgeregten Herzen. Also der Unglaube allein erzeugt jene Unruhe. Darum straft der Prophet denselben auch mit Recht und zeigt, dass er die Quelle alles Unheils ist. Wenn unsere Verhältnisse nun auch nicht die gleichen sind, wie die der Juden, so fordert Gott doch auch von uns, dass wir auf seine Hilfe stille warten, damit wir nicht von Unruhe und Angst verwirrt werden und seinen Verheißungen nicht misstrauen. Diese Mahnung gilt allen Frommen. Der Satan hat nichts anderes im Sinn, als sie zu verwirren und aus ihrer sicheren Stellung heraus zu stürzen. So hatte ja schon Mose gemahnt (2. Mos. 14, 14): „Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.“ Sie sollten nicht etwa schlafen und müßig sitzen, sondern er wollte ihnen nur wahren Herzensfrieden schaffen. Haben wir den, dann werden wir erfahren, dass wir darin Schutz genug haben; haben wir ihn nicht, dann werden wir unsern Leichtsinn und unsere Unbesonnenheit büßen.

V. 16. Und sprechet: Nein, sondern auf Rossen wollen wir fliehen. Der Prophet zeigt wieder, wie die Juden auf die Hilfe des Herrn nicht harren, sondern lieber zu den Ägyptern ihre Zuflucht nehmen wollten. Dazu gebraucht er eine sehr hübsche Redeform, in der er ihre von Selbstvertrauen erfüllten Worte gegen sie selber richtet. Fliehen bedeutet hier so viel, wie entgehen. Die Juden meinten, es sei das Beste, wenn sie dem Unheil, das ihnen drohte, zuvorkämen und ihm entgingen, und dazu nähmen sie am besten die Hilfe der Ägypter in Anspruch. Gewiss, sagt Jesaja ihnen, werdet ihr entfliehen, aber ihr werdet keinen Zufluchtsort finden, sondern fortgesetzt vor schnelleren Reitern, die euch verfolgen, fliehen: ihr werdet flüchtig sein. Die scharfe Verneinung „Nein, sondern“ – zeigt, in welch frevelhafter Weise die Juden dem ihnen vom Propheten gegebenen Rat den Gehorsam verweigerten, und wie sie sich lieber auf andere Weise Rat verschaffen wollten. Gott setzten sie hintenan und hielten sich an ein leeres Trugbild. Unseres Herzens Gedanken müssen wir von dem Anblick unserer gegenwärtigen Lage und der Hoffnung auf andere Hilfe losreißen und müssen sie ganz und gar auf Gott richten. Wir vertrauen ihm freilich dann erst, wenn wir aller äußeren Hilfe beraubt sind. Wir dürfen gewiss solche Hilfe gebrauchen, aber verkehrt ist es, Gott dabei zu übergehen. Achten wir nur auf die jammervolle Lage derer, die mehr auf menschliche Hilfe, als auf Gott ihr Vertrauen setzen. Denen muss alles verkehrt und ihren Wünschen entgegen ausschlagen. Solche Leute müssen – das sehen wir hier – anstatt eine Zuflucht zu finden, die Flucht ergreifen, und zwar in einer Weise, die ebenso schmählich, wie nutzlos ist. Anfänglich lässt sich freilich vielleicht alles glücklich an, aber nur zu dem Zweck, damit hinterher, wenn die Sache sich gewandt hat, der Ausgang desto schwerer und schmerzlicher empfunden werde. Das leugnet Jesaja zwar nicht, dass den Juden von Ägypten aus Hilfe gebracht werde; aber der Herr werde schon Mittel finden, um solche Hilfe wirkungslos zu machen. Seiner Hand werden sie nicht entfliehen können. Wenn auch die ganze Menschheit sich verbinden würde, gegen Gott und seinen Ratschluss wird sie nichts ausrichten.

V. 17. Denn euer tausend werden fliehen vor eines einigen Schelten. Die Juden setzten, wie die Menschen gerne tun, auf die große Menge ihrer Leute ihr Vertrauen. Diese vermeintliche, innere Schutzwehr wird ihnen aber ebenso wenig nützen wie die Hilfe eines auswärtigen Volkes. Der Herr wird ihren Mut brechen, damit sie von ihrer großen Masse keinen Gebrauch machen können. Denn was helfen Waffen und gewaltige Menschenmassen, was helfen Burgen und Festungen, wenn der Mut gebrochen und die Herzen niedergeschmettert sind? Stark und mächtig können wir nur sein, wenn der Herr uns durch seinen Geist stark und kräftig macht. Das ist eine im Alten Testament häufig wiederkehrende Drohung, dass, weil die Juden sich von Gott abgewandt haben, ihre gewaltige Zahl Soldaten von einer ganz geringen Zahl von Feinden in die Flucht geschlagen werden soll. Zwei Dinge sind hier zu beachten. Erstlich: wir haben nur so viel Mut, soviel der Herr uns gibt; wir sind ganz machtlos, wenn er uns nicht durch seine Kraft stark macht. Zum andern: es ist eine gerechte Strafe, dass Menschen uns Furcht einjagen, wenn Gott uns nicht hat bewegen können, ihn selbst zu fürchten. Wenn wir Gottes Wort und Gebot verachten, dann werden wir vor der Menschen Wort und Drohungen erschrecken und zu Boden stürzen. Dazu kommt noch ein Drittes: der Herr bedarf keines großen Aufwandes, um uns zu züchtigen. Er braucht nur einen Finger gegen uns zu erheben, dann sind wir verloren; dann genügen nur wenige Menschen, um uns zu verderben, selbst wenn wir in großer Zahl und stark gerüstet sind. Auch wird dann das Verderben nicht eher enden, als bis die Menschen in die jämmerlichste Lage gebracht und auf der wüsten, schreckensvollen Erde nur noch wenige Anzeichen göttlicher Barmherzigkeit übrig geblieben sind. Darum sagt der Prophet: bis dass ihr überbleibet wie ein Mastbaum oben auf dem Berge. Auf zwiefache Weise kann man diese Worte verstehen. Einige Ausleger leiten das Bild vom Fällen der Bäume ab. Wird ein Wald niedergeschlagen, dann lässt man wohl einige schlanke Bäume, die zum Schiffsbau gut verwandt werden können, stehen. Anstatt: auf einem Berge – kann man aber auch übersetzen: auf einer Klippe, auf einem Vorgebirge. Auf einem solchen ragt wohl öfters der Mast eines gestrandeten Schiffes empor. So aufgefasst, weist der Mastbaum auf einen Schiffbruch hin. Das andere Bild – wie ein Panier oben auf einem Hügel – erinnert an ein Siegeszeichen, wie man es etwa nach Niederwerfung von Feinden aufrichtet. Von den Juden werden so wenig übrigbleiben, dass der Rest von einer furchtbaren Niederlage zeugen wird. Der Prophet will ihnen sagen: Eure große Zahl hat eure Augen geblendet, aber ihr werdet so zerrissen und dezimiert werden, dass ihr gar nicht mehr das Aussehen eines Volkes habt. Wie demütig und bescheiden müssen wir also sein, auch wenn wir an Zahl und Macht stark sind! Wenn wir stolz uns erheben, kann der Herr unsern Stolz leicht zermalmen und uns feiger als Weiber und Kinder machen, sodass wir den Anblick auch eines einzigen Kindes nicht zu ertragen vermögen und all unsere Macht dahinschmilzt wie Schnee.

V. 18. Darum harret der Herr, dass er euch gnädig sei. Mit diesem Verse hebt der Prophet zu trösten an. Bisher hat er Drohungen ausgestoßen, und zwar in einer Weise, dass alle Frommen in Verzweiflung geraten konnten. Deren Herzen will er nun stärken und zu getroster Hoffnung aufrichten. Inmitten dieser Trübsale sollen sie Gottes Barmherzigkeit ergreifen und ihre Herzen mit seinem Worte nähren. Dieses Harren und Zuwarten des Herrn stellt der Prophet in Gegensatz zu der übergroßen Eile, gegen die er im Anfang des Kapitels sich gewandt hat. Dort tadelte er das Volk, weil es voller Unruhe und Hast sich nach Ägypten um Hilfe gewandt hat, und beschuldigte es des Unglaubens. Hier dagegen weist er darauf hin, dass der Herr trotz der ihm angetanen Schmach nicht Gleiches mit Gleichem vergelten und nicht ebenso mit ihrer Bestrafung eilen werde.

Und hat sich aufgemacht, dass er sich euer erbarme. Solange Gott sein Volk von gewalttätigen Gottlosen bedrängen lässt, scheint er ruhig dazuliegen oder zu schlafen. Darum lesen wir öfter in der heiligen Schrift, dass Gott, solange er seine Kirche nicht schützt, dasitze und der Ruhe pflege. Zu ruhen schien er also, als er den Chaldäern zur Unterdrückung der

Juden die Freiheit ließ. Da sagt nun der Prophet: Der Herr hat sich aufgemacht und wieder seinen Richtstuhl bestiegen. Und zu welchem Zweck? – Dass er sich euer erbarme.

Denn der Herr ist ein Gott des Gerichts. Genauer heißt es: Der Herr ist ein Gott des Rechts. Der Prophet will damit Gottes Gerechtigkeit hervorheben, nach der er bei Strafen und Züchtigungen maßvoll und zur Milde geneigt ist, wie es beim Propheten Jeremia heißt (10, 24): „Züchtige mich, Herr, doch mit Maßen und nicht in deinem Grimm, auf dass du mich nicht aufreibest;“ ferner (30, 11): Mit dir will ich`s nicht ein Ende machen, züchtigen aber will ich dich mit Maßen.“ So stellt der Prophet der Strenge gegen die Gottlosen die Mäßigung gegenüber, die der Herr bei der Züchtigung der Gläubigen anwendet. Er hat immer ihr Heil im Auge. Darum will er ihrer nicht ein Ende machen. So heißt es auch beim Propheten Habakuk (3, 2): „Wenn Trübsal da ist, so denke der Barmherzigkeit.“ Der Herr ist also anders als wir. Er ist nicht so erregt und hastig, sonst wären wir jeden Augenblick verloren; er harret, dass er uns gnädig sei.

Wohl allen, die sein harren! Weil Gott ein Gott des Rechtes ist, d. h. weil er mit Maßen züchtigt, darum ermahnt der Prophet die Frommen zu geduldigem Ausharren. Er gebraucht dabei dasselbe Wort, das er im Anfang des Verses von Gott gebraucht hat. Die Juden litten ja an der Sünde des Misstrauens und des Unglaubens und wurden von großer innerer Unruhe und Friedlosigkeit hin und her geworfen. Ihr Unglaube bereitete ihnen Qual, sodass sie nicht mit friedvollem Herzen auf Gott zu harren vermochten. Damit dem nun abgeholfen würde, ermahnt er sie auszuharren, d. h. zu hoffen. Hoffnung ist nichts anders als geduldiger Glaube, in welchem wir ruhig stille halten, bis der Herr seine Verheißung erfüllt. Glücklich, sagt also der Prophet, werden die sein, die geduldig auf Gott harren. Und umgekehrt werden diejenigen elend und unglücklich sein und zuletzt zu Grunde gehen, welche von Ungeduld sich hinreißen lassen und sich von ihren Missetaten und ihrer Gottlosigkeit nicht bekehren. Denn ohne Hoffnung auf Gott kann es kein Heil und kein Glück geben.

V. 19. Denn das Volk Zions wird zu Jerusalem wohnen. Das Volk wird zwar heimgesucht werden, aber zuletzt doch nach Zion zurückkehren. Allerdings war das nach der Verwüstung der Stadt und des ganzen Landes ganz unglaublich; denn das Volk schien völlig verloren. Trotzdem verheißt der Prophet, die Kirche Gottes werde bestehen bleiben. Er hebt an mit dem Berg Zion, auf welchem der Tempel lag. Dort wird man dann wieder den Herrn anrufen. Zu Jerusalem wird das Volk wohnen. Alles, was zuvor zerstört war, soll wiederhergestellt werden. Jerusalem soll wieder volkreich werden. Gott hatte es ja zu seinem Heiligtum erwählt.

Du wirst nicht weinen. Die Trauer wird keine dauernde sein. Die Kirche, d. h. alle Frommen, mussten in so elender, beklagenswerter Lage mit tiefster Trauer erfüllt werden. Aber diese Trauer und dies Weinen wird ein Ende haben; wie es im Psalm heißt (126, 5): „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Wohl lässt uns der Herr von großer Angst umstrickt werden, aber er heitert uns auch wieder auf und gibt Anlass zu großer Freude, wenn er seine Kirche wiederaufrichtet. Das ist der Frommen wahre Freude. Freilich, wenn Gottes Gericht unsere Herzen niederdrückt, dann ist es schwer, Trost zu fassen. Darum stellt der Prophet Gottes Barmherzigkeit als Quelle des Trostes hin. Ist Gott mit uns versöhnt, ist er uns gnädig und barmherzig, dann können wir gewiss sein, dass bald frohe Heiterkeit wiederkehrt. Niemals wütet Gott derart gegen die Frommen, dass er seine Schläge nicht milderte und mäßigte.

Er wird dir gnädig sein, wenn du rufest. Hier zeigt der Prophet, wie man Gottes Gnade erlangen kann: durch Schreien und Rufen. Er regt die Gläubigen zu eifrigem Bitten an und ermuntert sie zu angstvollem Seufzen. Ohne Buße, ohne Gott um Vergebung zu bitten, sind wir seiner Barmherzigkeit völlig unwert. Wollen wir, dass die Kirche wieder gesammelt und vor dem Untergang bewahrt werde, dann lasst uns zum Herrn schreien, dass er unser Klagen und Seufzen erhöre. Wenn wir uns nicht durch Heimsuchung zum Gebet treiben lassen, können wir auch keine Hilfe und Erleichterung von ihm erwarten.

Er wird dir antworten, sobald er es hört. Gott wird einen Beweis seiner Güte und Hilfsbereitschaft geben. Nicht mit Worten antwortet der Herr, sondern mit der Tat. Wir sollen aber nicht meinen, er willfahre sofort unsern Bitten, die oft recht unangemessen sind. Er hört gewiss dann, wenn es uns gut ist; dann werden wir es erkennen, dass er unser Heil im Auge gehabt hat.

V. 20. Und der Herr wird euch in Trübsal Brot geben. Der Prophet will noch weiter die Frommen, damit sie nicht den Mut verlieren, in der Geduld stärken. Geduld ist eine Tochter der Hoffnung, der Hoffnung auf einen günstigen Ausgang unsrer Sache. Er bereitet also die Juden auf die kommende Heimsuchung vor; denn zunächst soll der Zorn Gottes sie drücken. Dabei verheißt er ihnen aber einen glücklichen Ausgang. Sobald sie jene Heimsuchungen und Schrecknisse durchgemacht haben, wird Gott mit seinem Grimm innehalten. Dann, will der Prophet sagen, wird der Herr euch wieder gnädig sein und eure Lage verbessern, euch in Trübsal Brot und in Ängsten Wasser geben. Damit weist er einerseits auf ihre Armut und ihren Mangel an den nötigsten Dingen hin, anderseits aber auch darauf, dass der Herr dieser Armut und diesem Mangel ein Ende machen werde.

Und deine Lehrer werden sich nicht mehr verbergen müssen. Das ist vornehmlich eine Frucht unserer Versöhnung mit Gott, treue Lehrer2) zu haben. Die will der Herr dann geben. Wenn also der Herr uns straft, dann lasst uns unsere Herzen an solchen Verheißungen, wie diese, aufrichten.

V. 21. Und deine Ohren werden hören das Wort usw. Das gibt vor allem Anlass zu herzlicher Freude, wenn Gott uns sein reines, lauteres Wort wieder schenkt. Kein andrer Mangel darf für uns so niederdrückend und schrecklich sein, als der Mangel seines Wortes. Wie die Seele wichtiger ist als der Leib, so ist auch dieser Mangel des Wortes mehr zu fürchten als jeder andere (vgl. auch Am. 8, 11). Das also verheißt Jesaja den Juden als größte Wohltat, dass sie mit dem Worte Gottes gespeist werden sollen, durch dessen Mangel sie vorher schwer bedrückt wurden. Auch die falschen Propheten rühmen Gottes Wort; sie wollen als die besten Lehrer angesehen werden. Aber sie verführen in Irrtum und stürzen zuletzt ins Verderben. Das Wort, das uns den rechten Weg weist, kommt von Gott allein. Dasselbe würde freilich wenig ausrichten, wenn er uns nicht zugleich verhieße, er werde uns Ohren dafür geben. Sonst würde er Taube anreden, und wir würden nur einen leeren Schall vernehmen. Darum sagt der Prophet auch: deine Ohren werden hören hinter dir her das Wort sagen. Das „hinter dir her“ ist dahin zu verstehen, dass Gott nicht vergeblich sein Wort uns verkündigen lässt. Es soll uns vielmehr Herz und Seele treffen und zu wahrem Gehorsam führen. Von Natur sind wir dazu allerdings nicht geschickt, wir müssen erst unbedingt von Gottes Geist erneuert werden. Darum wird mit Nachdruck gesagt, dass wir Gottes Wort „hören“. Der Prophet vergleicht den Herrn hier mit einem Lehrer, der seine Kinder immer vor Augen hat, um sie besser unterrichten und in Zucht halten zu können. Damit bringt er Gottes wunderbare Liebe und Fürsorge für uns zum Ausdruck. Auch das spricht der Prophet damit aus, dass Leute, welche Gott als ihrem Führer folgen, nicht in Gefahr sind, auf Irrwege zu geraten. Darum sagt der Herr: Dies ist der Weg, denselbigen geht. Hurtig sollen sie ihn wandern ohne Aufenthalt, sonst weder zur Rechten noch zur Linken.

V. 22. Und ihr werdet entweihen eure übersilberten Götzen. Dass sie sich von Gott führen lassen, bleibt nicht ohne Wirkung. Sie werden ihren Irrtümern Valet sagen und ihre Herzen der reinen Gottesverehrung öffnen. In beredter Weise schildert der Prophet, wie sie ein Bekenntnis ernster Frömmigkeit ablegen und dadurch bekunden, dass sie auf ihre Götzenbilder verzichtet haben. Götzenbilder und –säulen sind Mittel und Gegenstände abergläubischen Götzendienstes. Die nun wirklich zu Gott sich bekehrt haben, verabscheuen und verwerfen dieselben und entweihen sie, so viel sie können. So lesen wir (2. Kön. 10, 27) von Jehu, dass er die Altäre Baals entweihte und aus seinem Tempel heimliche Gemächer machte. Diesem und ähnlichen Beispielen müssen fromme Fürsten und Obrigkeiten folgen, wenn sie einen sicheren Beweis ihrer Buße geben wollen. Zwar hat die Buße im Herzen ihren Sitz und hat Gott zum Zeugen, aber an ihren Früchten tritt sie zutage. Hier nennt Jesaja nun besonders eine Frucht. Er sieht das als ein Zeugnis wahrer Buße an, wenn Menschen ihren Abscheu gegen alles, was der wahren Gottesverehrung widerstreitet, kundtun. Darum sagt er: Ihr werdet entweihen eure übersilberten Götzen. Der Prophet meint nicht etwa, dieselben wären heilig. Wie kann das heilig sein, was Gott zur Schmach gereicht und die Menschen mit Unreinheit befleckt? Nur weil die Menschen in ihrem falschen Wahn ihren Götzen eine gewisse Heiligkeit andichten, darum sagt er, ihre Götzen müssten entweiht und wie wertlose, unflätige Dinge vernichtet und weggeworfen werden. Der Prophet redet von ihren „übersilberten“ Götzen und den „güldenen“ Kleidern ihrer Bilder. Durch keinen Schaden, durch keinen Verlust, und wäre er noch so groß, lassen die Gläubigen sich hindern, den Götzendienst zu verabscheuen. Viele freilich mögen ihre Götzen nicht gänzlich abtun, weil ihnen Gold oder Silber oder sonst etwas Wertvolles dabei verloren geht. Sie wollen lieber ihre Götzen behalten, als den geringsten Verlust erleiden. Die Habsucht hat sie so umstrickt, dass sie lieber mit vollem Bewusstsein sündigen und mit jenem Sündenschmutz sich besudeln, als dies oder jenes drangeben. Dem Dienste Gottes gegenüber muss aber alles zurückstehen. Gold müssen wir gering schätzen, Edelsteine wegwerfen, und auch das Kostbarste muss uns eher stinkend werden, als dass wir von solchen bösen Dingen uns besudeln lassen. Es mag etwas noch so hoch in unsrer Schätzung stehen, es muss von uns für gering, ja für nichts geachtet werden, wenn es sich um den Sturz des Satansreiches und um die Wiederaufrichtung wahrer Gottesverehrung handelt. Ob wirklich Liebe zu Gott und zu seinem Dienst in unsern Herzen wohnt, müssen wir darin zeigen, dass uns ein ernster Abscheu vor unserm verkehrten törichten Treiben veranlasst, allen Schmutz von uns abzutun.

V. 23. So wird er deinem Samen Regen geben usw. Wiederum zeigt das Prophet an dem Segen, den der Herr gibt, wie wünschenswert die Bekehrung zu ihm ist. Denn das ist die Frucht der Buße, dass er Menschen, die zu ihm sich wenden, in Gnaden annimmt und sie mit seinem Segen so überschüttet, dass ihnen nichts fehlt. Wie Unheil und Heimsuchungen ihren Grund haben im Zorne Gottes, den wir durch unsere Sünden hervorrufen, so schlägt uns, sobald er versöhnt ist, alles zum Guten aus, und jegliche Wohltat wird uns zuteil. Auch das können wir hier lernen, dass die Menschen bei Bestellung ihrer Felder sich vergeblich abmühen, wenn der Herr keinen Regen vom Himmel schickt. Von ihm müssen unsere Fluren bewässert und muss ihnen Gedeihen geschenkt werden, sonst ist alle Mühe umsonst. Nur aus der Segenshand Gottes können wir Regen erwarten. Wenn wir nun reichlich ernten, muss ihm auch Dank dargebracht werden. Weiter ist das hervorzuheben: Nichts wird uns fehlen, und unserer Arbeit wird der reichste Segen folgen, wenn wir zu Gott uns wenden. Wenn wir oft in Mangel und Dürftigkeit uns abmühen, so ist das die Folge unserer Sünde und Bosheit, durch die wir Gottes Segen zurückstoßen. Kommen also unfruchtbare, dürftige Zeiten, dann lasst uns den Grund dafür einzig in unserer Sünde suchen. Die Zahl der Menschen kann nicht so groß sein, dass die Erde nicht zu ihrer Ernährung und Erhaltung genügte. Aber wir verschließen ihren Busen durch unsere Sünden und Freveltaten. Sonst würde er uns offen stehen und Früchte aller Art im Überfluss hervorbringen, sodass wir ein fröhliches und glückliches Leben führen könnten.

Und dein Vieh wird zu der Zeit weiden in einer weiten Aue. Diese Worte heben noch mehr die reiche Fülle göttlicher Gnade hervor. Wenn Gott nämlich sein Erbarmen selbst über die stumme Kreatur ausgießt, wie viel mehr wird er das bei den Menschen tun, die er nach seinem Bilde geschaffen hat! Wie die einfältige Kreatur, die zu Nutzen der Menschen geschaffen ist, zugleich mit ihren Herren Hunger leidet, so geht auf sie, wenn Gott den Menschen gnädig ist, auch sein Segen über.

V. 25. Und es werden auf allen großen Bergen zerteilte Wasserströme gehen. Wenn die Propheten das Reich Christi schildern wollen, pflegen sie Bilder aus dem gewöhnlichen Leben zu gebrauchen. Die wahre Seligkeit der Kinder Gottes können sie nicht anders zum Ausdruck bringen, als wenn sie naheliegende Dinge als Gleichnis uns vorhalten, Dinge, in denen die Menschen ihr höchstes Glück sehen. Das ist nun die Hauptsache: Glücklich werden sie sein, die Gott gehorchen und Christo als ihren Könige untertan sind. Dies Glück darf man nicht beurteilen nach der Fülle äußerer Güter. Die Frommen leiden oft Mangel an solchen, sind aber nichtsdestoweniger glückliche Leute. Die Ausführungen dieses Verses sind also bildlich zu verstehen. Der Prophet passt sich unserm mangelnden Verständnis an. Wir sollen in dem, was wir mit unsern Sinnen erfassen, Größeres und Herrlicheres erkennen. Das Bild von den zerteilten Wasserströmen schildert den überreichen Segen, mit welchem der Herr die Seinen überschüttet. Auf den Gipfeln hoher Berge pflegen wenig Wasserquellen zu sein. Sie sind zumeist trocken und dürr. Dagegen sind die Täler sehr wasserreich. Und doch verheißt der Herr gerade dies, ob es auch dem Anschein nach sehr unwahrscheinlich ist, dass die Gipfel hoher Berge wasserreich sein sollen. Damit weist der Prophet darauf hin, dass wir im Reiche Christi in jeder Beziehung glücklich sein werden, und dass es da kein Platz gibt, an dem nicht Gaben aller Art im Überfluss dargeboten werden. Kein Ort kann so unfruchtbar sein, dass Gott ihn nicht durch seinen Segen fruchtbar machte, sodass man allerorten glücklich leben kann. Das würden wir in der Tat erfahren, wenn Christus uns völlig beherrschte. Allenthalben würde sein Segen für uns spürbar sein, wenn wir ihm beständig und von Herzen untertan wären. Alles würde uns nach Wunsch gehen, und die ganze Welt mit allem, was in ihr ist, würde uns zum Besten dienen. Aber weil wir von solchem Gehorsam so fern sind, haben wir nur einen schwachen Vorgeschmack dieser Güter. Wir genießen dieselben in dem Maße, als wir in dem neuen Leben fortgeschritten sind.

Zur Zeit der großen Schlacht, wenn die Türme fallen werden. Mit diesen Worten weist der Prophet auf einen weiteren Beweis göttlicher Gnade hin. Gott wird die Seinen vor der Gewalt der Feinde schützen und sicherstellen. So gleicht der Prophet den Widerspruch zwischen diesen und den früheren Weissagungen aus. Es wäre sonst schwer zu glauben gewesen, dass es den Gefangenen und Verbannten noch einmal so gut gehen werde. Von einer Niederlage der Gottlosen redet er also. Er will den Frommen sagen: der Herr wird nicht nur euch segnen, sondern auch eure Feinde niederwerfen. Fast alle Ausleger nehmen an, der Prophet rede hier von der Niederlage, die dem gottlosen König Sanherib beigebracht wurde, als er Jerusalem belagerte. Wenn ich aber die ganze Sachlage näher erwäge, möchte ich lieber an den Untergang Babylons denken. Denn wenn auch bei der furchtbaren Niederlage Sanheribs eine ungeheure Menge Menschen umkam, so wurde doch dadurch das Volk nicht frei. Wir brauchen also nicht zu verzweifeln, wenn auch die Feinde uns an Zahl der Soldaten und allerlei starken Schutzmitteln überlegen sind. Der Herr kann sie mit Leichtigkeit zu Boden werfen und seine Kirche erhalten, wenn er jene auch eine Zeitlang schmähen und nach ihres Herzens Lust ihr Wesen treiben lässt. Lasst uns nicht erschrecken vor ihrer Macht und ihrem Wüten und nicht den Mut verlieren ob unserer kleinen Zahl! Sie mögen noch so zahlreich und stark und noch so wild und kühn sein, der Hand des Herrn werden sie nicht entfliehen.

V. 26. Und des Mondes Schein wird sein wie der Sonne Schein usw. Der Prophet begnügt sich nicht damit, mit schlichten Worten das zukünftige Glück zu beschreiben, er fügt noch einen außerordentlichen Zug hinzu. Der Herr wird mit seiner Güte und Freigebigkeit noch über die natürliche Ordnung der Dinge hinausgehen. Nun wurde zwar niemals der Schein der Sonne vermehrt, damals ausgenommen, als unter Josua die Sonne stille stand, um Zeit zur Verfolgung der Feinde zu gewähren, und damals als zum Besten Hiskias der Zeiger der Sonnenuhr rückwärtsging. Der Prophet redet hier aber nicht davon, dass die Zeit des Sonnenlaufes verlängert werden solle, sondern er redet von einem siebenfach vermehrten

Schein der Sonne. Er will die Lage der Frommen im Reich Christi schildern. Der Herr bescheint sonst mit seiner Sonne die Bösen so gut, wie die Frommen. Hier aber handelt es sich um eine Seligkeit, die den Gottlosen nicht zuteilwerden kann. Anders ist seine Güte, welche alle insgemein umschließt, anders diejenige, die er im Besonderen den Frommen zuwendet, wie es im Psalm (31, 20) heißt: „Wie groß ist deine Güte, die du verborgen hast für die, so dich fürchten.“ Von dieser redet Jesaja hier. Von einem solch göttlichen Glanz sollen also die Frommen bestrahlt werden, dass, wenn sieben Sonnen zusammengehäuft würden, sie denselben nicht erreichen könnten.

Zu der Zeit, wenn der Herr den Schaden seines Volkes verbinden und seine Wunden heilen wird. Damit die schweren Leiden, von denen das Volk kurz darauf überschüttet wurde, ihnen den Glauben an solche Verheißung nicht nähmen, wird noch die andere hinzugefügt, Gott werde wie ein Arzt ihre Wunden verbinden. Gezüchtigt werden musste das Volk und durch Schläge zur Buße bereitet; da derart musste es zerrieben und verringert werden, dass es fast völlig zunichte gemacht wurde. Von Wunden redet der Prophet, um jene Heimsuchung als eine schwere zu bezeichnen. Das Volk war einem von vielen Wunden durchbohrten und mit Wunden bedeckten Körper ähnlich. Wenn wir also einmal von Gott scheinbar allzu hart behandelt werden, dann lasst uns an diese Weissagungen denken. Der Herr wird unsere Wunden, die tödlich zu sein scheinen, verbinden. Fragt aber jemand, warum der Herr die Seinen so schwer züchtigt, so antworte ich, er würde bei uns gar wenig ausrichten, wenn er milder mit uns verführe. Unsere Sünden wurzeln tief, sie sind bis ins Mark eingedrungen, und sie können nur mit einem sehr harten und sehr tief eindringenden Meißel herausgegraben werden.

V. 27. Siehe, des Herrn Name kommt. Der Prophet droht hier den Assyrern, welche damals die Hauptfeinde der Kirche waren, den Untergang. Zwar bedrückten fast alle Nachbarn die Juden schwer, aber da die Assyrer die andern an Macht und Stärke überragten, so erwähnen die Propheten, wenn von Feinden die Rede ist, zumeist diese allein, höchstens noch die Babylonier, welche die Herrschaft an sich gerissen hatten. Häufig werden auch die Chaldäer an Stelle der Assyrer genannt. Mit dem Namen des Herrn meint der Prophet ohne Zweifel den Herrn selber. Er gebraucht diese Umschreibung aber deshalb, weil die Assyrer samt den übrigen Völkern goldene und silberne Götzen anbeteten und die Juden verspotteten, dass sie nur einen leeren Gottesnamen verehrten, weil sie ihren Gott nicht irgendwie in einem Bild oder einer Bildsäule darstellten. So beurteilten die Heiden und Gottlosen Gott immer nach etwas Sichtbarem. Die Propheten dagegen weisen die Frommen auf jenen Namen Gottes hin. Der Gott, sagt er zu ihnen, der sich euch in seinem Namen offenbart, den ihr nicht mit Händen greifet und nicht sehet, der wird kommen und das euch zugefügte Unrecht rächen. Dass der Herr von ferne kommt, sagt der Prophet vom Standpunkt der Gottlosen aus. Wenn diese Gottes Hand nicht fühlen, glauben sie ihn in weiter Ferne. Das Vertrauen der Frommen verlachen sie als eitel. Der Gott aber, welchen sie ferne glauben, wird kommen, ja er ist schon gekommen und ist nahe.

Sein Zorn brennet und ist sehr schwer. Damit nun kund würde, dass man den Namen Gottes in Juda nicht vergeblich und nicht ohne Grund verehrte, beschreibt der Prophet dessen furchtbare Macht, die er zu Niederwerfung der Feinde seiner Kirche gebrauchen wird. Wenn es um seine Gläubigen sich handelt, zeigt Gott sich, um sie zum Glauben zu ermuntern, gnädig, freundlich, geduldig, langsam zum Zorn; den Gottlosen aber stellt er nur Furcht und Schrecken vor Augen. Wie die Gottlosen bei Nennung des Namens Gottes zusammenfahren, so ruhen die Frommen in der Erfahrung seiner Güte und seines Friedens und lassen durch dergleichen sich nicht erschrecken, noch verwirren. Darum sollen wir in der Furcht Gottes beständig beharren, damit wir ihn nicht kennenlernen, wie wir ihn hier vom Propheten beschrieben sehen. In furchtbaren Schlägen wird der Herr die Gottlosen niederwerfen, dass sie dieselben nicht zu ertragen vermögen. Als sehr schwer bezeichnet er die Strafen, welche den Gottlosen auferlegt werden.

Seine Lippen sind voll Grimmes und seine Zunge wie ein verzehrend Feuer. Mit diesen Worten will der Prophet dasselbe ausdrücken. Warum erwähnt er aber die Lippen und die Zunge und nicht Gottes Hände? Weil die Gottlosen alle Drohungen verlachen, welche aus Gottes Wort ihnen vorgehalten werden, und weil sie alles für Fabeln halten, was ihnen vom Propheten verkündigt wird. Zu ihrem Verderben werden sie nun erfahren, dass aus Gottes heiligem Munde kein leerer Schall ausgeht, und dass es kein leerer Ton ist, der ihre Ohren trifft; sie werden es vielmehr zuletzt fühlen, wie gewaltig die Kraft des Wortes ist, das sie verachtet haben.

V. 28. Und sein Odem wie eine Wasserflut, die bis an den Hals reicht. Der Prophet setzt die begonnene Schilderung fort. Wohl wird Gottes Gemeinde heimgesucht werden, aber so, dass die Assyrer dabei einem völligen Untergang anheimfallen. Dieselben sollen von dem Odem Gottes in einen Abgrund versenkt werden, oder vielmehr er vergleicht den Odem, den Geist Gottes, mit einer reißenden Wasserflut, die sie verschlingt.

Zu zerstreuen die Heiden, bis sie zunichtewerden. Genauer heißt es: die Heiden in der Schwinge des Verderbens zu schwingen. Der Prophet gebraucht das Bild einer Schwinge oder eines Siebes, das in der heiligen Schrift oft vorkommt. Gott siebt die Heiden, nicht um sie zu retten, sondern um sie zunichte zu machen. Auch die Seinen pflegt der Herr zu sieben, aber nur zum dem Zweck, um sie als reinen Weizen in seine Scheuer zu sammeln.

Und wird die Völker mit einem Zaum in ihren Backen hin und her treiben. Ein drittes Bild. Wie durch einen Zaum hält Gott je und dann den Stolz und die Verkehrtheit der Gottlosen in Schranken und offenbart sich ihnen als Richter. Wohl pflegt der Herr auch die Seinen im Zaum zu halten und zu bändigen, aber er will sie damit nur zum Gehorsam bringen. Die Gottlosen aber bedrängt er dabei derart, dass er sie kopfüber ins Verderben stürzt. Wie wilde Rosse von ihren Reitern hin und her gejagt und, je mehr sie ausschlagen, umso schärfer angespornt und angetrieben werden, so werden die Gottlosen gejagt, dass sie übereinander stürzen (vgl. auch Ps. 32, 9). Diese Bilder sollen uns zu der Erkenntnis bringen, dass man des Herrn nicht spotten darf. Wenn auch zeitweise anders scheint, zuletzt werden wir erfahren, dass das Wort des Propheten Wahrheit ist, dass sein Odem ist wie eine Wasserflut, von der die Gottlosen überschüttet werden, in der sie bald umkommen. Und wenn der Prophet sagt, dass die Heiden in der Schwinge des Verderbens hin und her geschwungen werden sollen, dann müssen wir uns hüten, nicht etwa zum Unrat geworfen zu werden, - wenn der Herr etwa nur Spreu bei uns fände.

V. 29. Da werdet ihr singen. Die Strafen, welche der Prophet den Assyrern angedroht hat, werden der Kirche zum Heil ausschlagen. Gott rächt das den Seinen zugefügte Unrecht ebenso streng, als wenn man ihn selbst angegriffen hätte. Damit bezeugt er seine unendliche Liebe und Güte gegen die Seinen, dass er sie für wert achtet, zu ihrer Rettung die Waffen zu ergreifen. Alle Drohungen also, welche hier und dort in der heiligen Schrift sich finden, sollen den Frommen zum Troste dienen.

Wie in der Nacht eines heiligen Festes. Es wird ein heiliger Gesang sein. Der Prophet vergleicht denselben mit einem heiligen Festgesang. Er will damit die Gläubigen zur Dankbarkeit ermuntern und sie darauf hinweisen, dass ihre Freude Gott zum Ziele haben müsse. Das ist nicht genug, dass wir uns freuen, unsere Freude muss geradewegs auf Gott schauen; er muss einzig uns immer vor Augen stehen. Sonst ist es eben eine eitle, weltliche Freude, nicht heilsam und Gott nicht angenehm. Weil die Juden den Tag von Sonnenuntergang an rechneten und demnach am Abend ihre Feste begannen, darum heißt es hier: wie in der Nacht eines heiligen Festes.

Und euch von Herzen freuen, als wenn man mit Flötenspiel gehet zum Berge des Herrn. Mit diesen Worten will der Prophet die Art jener Freude noch klarer zum Ausdruck bringen. Die Frommen werden nicht singen und tanzen, wie die Welt. Sie werden vielmehr ihre Herzen auf Gott richten und zu ihm erheben, den sie als den Geber aller guten Gaben erkannt haben. Unter dem „Berge des Herrn“ ist der Tempel zu verstehen, der auf dem Berg Zion lag.

Zum Hort Israels. So nennt der Prophet Gott, weil die Juden durch seine Hilfe und Macht erlöst und errettet waren. Für die Zukunft, will er sagen, gibt es nur dann Rettung, wenn sie ihre Hoffnung einzig auf Gott setzen. Solange wir noch von unserer eignen Kraft durchdrungen sind, wird Gott dem Herrn dieser Ehrentitel, unser Hort zu sein, geraubt. Nur die Gebeugten und Demütigen, welche alles Vertrauens auf eigene Kraft bar sind, können ihm in Wahrheit und mit innerer Aufrichtigkeit diesen Ehrentitel geben.

V. 30. Und der Herr wird seine herrliche Stimme schallen lassen. Der Prophet bestätigt seine vorhergehenden Aussagen über das Gericht Gottes gegen die Assyrer. Nach prophetischer Sitte beschreibt er dasselbe in Bildern. Wenn Gott sich verbirgt und nicht sogleich die Gottlosen straft, dann meinen wir wohl, er ruhe, oder er sei doch nicht so mächtig; wir werden dann von ängstlichen Zweifelsgedanken hin und her geworfen. Es genügt daher dem Propheten nicht, nur ein einzig Mal die Strafe Gottes gegen die Assyrer verkündet zu haben; er will dieselbe mit deutlichen Strichen ausmalen und so scharf wie möglich einprägen. Der Untergang der Feinde soll so furchtbar sein, dass die Menschen aus ihm die Stimme Gottes heraushören, dass sie darin sein Gericht erkennen und gestehen müssen, dass dieser Untergang sein Werk ist. Es wird gerade so sein, als wenn Gott offen vor aller Welt redete. Der Prophet spricht zunächst von der herrlichen Stimme Gottes, dann hebt er auch die Kraft seines Wortes hervor, auf die das Volk sich stützen und dessen Wirkung zu seiner Zeit offenbar werden sollte. Auf Gottes Ratschluss und Stimme folgt aber gleich die Tat. Darum fügt der Prophet hinzu: dass man sehe seinen ausgereckten Arm. Diese beiden Dinge muss man bei Gott immer miteinander in engster Verbindung denken; seine Stimme oder sein Wort und seinen Arm oder seine Tat. Man darf sich Gott nicht nach Art der Menschen vorstellen, die plötzlich irgendetwas angreifen, dasselbe aber unfertig und unvollendet liegen lassen. Was Gott beschlossen hat, führt er auch aus; niemals können bei ihm Mund und Arm, Wort und Tat getrennt werden. Und anderseits: er führt nichts unüberlegt aus, vorher muss es überlegt und beschlossen gewesen sein, sodass alle Strafen, die er auferlegt, ebenso viel Zeugnisse klarer Überlegung sind.

Mit zornigem Dräuen und mit Flammen usw. Mit diesen Bildern schildert der Prophet jene Heimsuchung der Assyrer. Die Juden sollen durch die fruchtbare Größe des Gerichtes sich bewegen lassen, fleißiger ihr Vertrauen auf Gott zu setzen. Obschon sie hart bedrängt wurden, ist ihnen hier reichlich Trost in der Tatsache geboten, dass ihren Feinden ein noch schrecklicheres Gericht bevorsteht. Es liegt kein Grund vor zu der abgeschmackten Annahme, die Assyrer seien etwa vom Blitz getroffen worden, wie die rabbinischen Ausleger meinen. Vielmehr schildert der Prophet in gewohnter Weise unter diesen Bildern das Gericht Gottes, da wir anders Gott zu begreifen zu schwerfällig und zu stumpf sind. Durch Flammen des verzehrenden Feuers, durch Wetterstrahlen und starkem Regen und mit Hagel, sie oft einen furchtbaren Anblick gewähren, werden wir eher erschüttert und innerlich getroffen. Darum benutzen die Propheten solche Ereignisse als Bilder, damit in ihnen die Menschen die schreckliche Hand des rächenden Gottes, die sich gegen die Gottlosen ausstreckt, erkennen.

V. 31. Denn Assur wird erschrecken usw. Das fügt der Prophet aus zwei Gründen hinzu. Erstlich, um zu zeigen, weshalb die Assyrer so zerschmettert werden sollen. Sie waren unmenschlich grausam gegen andere. Billig aber wurde ihnen mit demselben Maße gemessen, mit welchem sie selber maßen. So richtet Gott gewöhnlich die Gottlosen, wie der Prophet an einer andern Stelle sagt (33, 1): „Weh aber dir, zu Zerstörer! Meinst du, du werdest nicht verstört werden?“ Zweitens fügt der Prophet dies hinzu, weil die Macht der Assyrer so groß schien, dass sie nicht zu Boden stürzen könnte. Sie waren sehr stark nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zum Angriff. Dennoch, sagt der Prophet, sollen sie allein durch die Stimme des Herrn vernichtet werden. Wie eitel ist also das Vertrauen der Gottlosen, die auf ihre Schutzmittel und ihre Waffen vertrauen und in ihrer Sicherheit Gott verachten, als ob sie seinem Gericht nicht unterworfen wären! Zu ihrer Vernichtung braucht der Herr keine andere Waffe als seine Stimme. Mit einem einzigen Ton streckt er sie nieder. Ohne Zweifel will der Prophet die Gläubigen davor bewahren, irgendwelche irdischen Schutzmittel zu suchen. Mit der Verheißung Gottes allein sollen sie zufrieden sein und auf sie allein ihr Vertrauen setzen. Sobald der Herr nur ein Wort spricht, ist er auch stark genug, dasselbe zur Tat zu machen.

V. 32. Und es wird die Rute ganz durchdringen und wohl treffen. Die Assyrer werden umsonst alles versuchen, um der Hand Gottes zu entfliehen. Wohin sie sich auch wenden mögen, vorwärts oder rückwärts, die Hand Gottes wird sie treffen. Bei diesem Bild denke ich mit andern Auslegern an Menschen, die derart gezüchtigt wurden, dass noch lange nachher Striemen und Spuren bei ihnen sichtbar sind. Die Schläge sollen so tief und fest sitzen, dass sie nicht abgeschüttelt werden können. So liegt Gottes Zorn wie eine schwere Last auf den Gottlosen, er drückt sie nieder und hält sie fest bis ans Ende; sie haben keine Hoffnung, sich ihm entziehen zu können. Der Ausgang des Kampfes ist nicht ungewiss. Sobald Gott zum Kampf hervortreten will, ist der Sieg schon in seiner Hand. Pauken und Harfen bedeuten Freude, mit der Sieger jauchzen und ihre Siegesgesänge anstimmen. Die Gottlosen müssen zuletzt untergehen, mögen sie scheinbar noch so viel Zufluchtsstätten haben. Wohin sie sich auch wenden und welchen Weg sie auch einschlagen, die Rute des Herrn verfolgt sie, sie hängt gleichsam an ihrem Rücken. Niemals werden sie seiner Hand entgehen und seine Schläge von sich abhalten. Wir werden auch von der Hand Gottes gezüchtigt, aber die Schläge dauern nicht an. Unsere Schmerzen werden gemäßigt und gelindert und unsere Trauer wird in Freude verwandelt. Ferner führt der Herr in einer Weise mit den Gottlosen Krieg, dass sie ihm nicht widerstehen und mit all ihren Bemühungen nichts ausrichten können. Wohl lässt er sich mit ihnen in einen Kampf ein, aber von vornherein ist er Sieger. Kämpfen wir also unter seiner Fahne, dann brauchen wir an dem Siege nicht zu zweifeln. Unter seiner Führung sind wir vor jeder Gefahr sicher und gehen zweifellos als Sieger hervor.

V. 33. Denn die Grube ist von gestern her zugerichtet. Nicht nur zeitliche Heimsuchung, sondern ewiges Verderben erwartet die Gottlosen. Für sie ist die Grube d. h. die Hölle zugerichtet und zwar nicht nur für das Volk, sondern auch für den König und die Fürsten. Unter Grube, dem Tophet, wie es im Hebräischen heißt, versteht der Prophet ohne Zweifel die Hölle. Man braucht dabei nicht an irgendeinen bestimmten Ort zu denken, an dem die Gottlosen nach dem Tode wie in einem Gefängnis eingeschlossen wären, um die verdienten Qualen zu leiden. Der Prophet bezeichnet damit ihre jammervolle Lage und ihre schrecklichen Qualen. Im 2. Buch der Könige (23, 10) wird Tophet als der Ort bezeichnet, wo die Juden ihre Kinder dem Moloch opferten; auch Jeremia (19, 6) erwähnt ihn. Vom Könige Josia wurde dieser Ort um des schändlichen Götzendienstes willen zerstört. Ohne Zweifel brachten die Propheten seinen Namen zu dem Zweck mit den Strafen und Qualen der Gottlosen in Verbindung, damit schon seine Erwähnung allein den Frommen Schrecken einflößte und so der Götzendienst bei allen noch weit mehr verabscheut würde. Jenes Tophet lag im Tal Hinnom. Und dies letzte Wort wird von demselben Wortstamm abgeleitet wie das Wort Gehenna, d. h. Hölle. Das Tal Hinnom wurde wegen jener furchtbaren Gräuel für die Hölle angesehen. Wenn es nun den Gottlosen gut zu gehen und ihnen alles zu gelingen scheint, meinen wir, sie blieben ungestraft. Der Prophet aber sagt im Gegenteil: Von gestern her ist ihnen die Grube zugerichtet, d. h. schon lange, von Anbeginn der Welt an hat der Herr bestimmt, wie er die Gottlosen strafen wird. Wenn jener Ratschluss uns auch verborgen ist, er ist doch gewiss und kann nicht hinfällig gemacht werden. Das Los der Gottlosen dürfen wir also nicht nach dem äußeren Schein beurteilen. Lasst uns auf Gott harren, der wird zur rechten Zeit sein gerechtes Gericht ausüben. Wir sollen nicht ungeduldig werden und meinen, Gott habe seine Rache vergessen. Er hatte schon beschlossen, was geschehen sollte, ehe es uns nur in den Sinn kommen konnte. Wir mögen noch so eilig das Verderben der Gottlosen erbitten, - der Herr kommt unsern Gedanken und Wünschen weit zuvor: denn er hat von Anfang an für dieselben Pein und Strafen festgesetzt. Der Prophet spricht hier, wie gesagt, von den Strafen der zukünftigen Welt, welche die Gottlosen, abgesehen von ihren zeitlichen Heimsuchungen, erleiden sollen. Zu verwundern ist, dass die Sadduzäer so töricht und stumpf waren, dass sie Strafe und Belohnung der Menschen auf dieses irdische Leben beschränkten, als wenn Gottes Gericht über diese Welt und dies irdische Leben nicht hinausginge. Was nämlich nachher der Prophet von dem „Scheiterhaufen drinnen“ sagt, passt nicht zu zeitlichen Strafen, und schon der Name Tophet selbst entspricht nur dem schlimmsten Fluch Gottes und dem äußersten Verderben. Auch die Könige, die doch wegen ihrer Macht und ihrer hohen Stellung einen gewissen Vorzug genießen zu dürfen meinen, werden von diesen Höllenstrafen nicht ausgenommen. Ihre Macht und Größe blendet menschliche Augen, aber der Herr wird gegen sie vorgehen, wie sie es verdient haben; davor kann nichts sie schützen. Die Grube, sagt der Prophet, ist tief, sodass sie nicht heraussteigen und entschlüpfen können. Auch als weit genug beschreibt er die Grube. Der Gottlosen mögen noch so viele sein, allesamt werden sie untergehen. Der Herr hat Platz genug, um alle seine Feinde einzuschließen.

Der Scheiterhaufen drinnen hat Feuer und Holz die Menge. Der Prophet redet hier im Bilde von dem Ende der Gottlosen. Anders können wir das nicht recht verstehen, wie wir ja auch das ewige Leben uns nicht vorstellen können, wenn es nicht unter bestimmten Bildern, die unserm Verständnis angepasst sind, geschildert wird. Wie töricht und lächerlich handeln also die klugen Leute, welche über das Wesen und die Eigenschaft dieses Feuers spitzfindige Erörterungen anstellen und mit der Erklärung desselben sich abquälen. Derartige grobsinnliche Vorstellungen sind zu verwerfen. Der Prophet redet im Bilde, wie er ja auch an einer andern Stelle (66, 24) von einem Wurm spricht, der nicht stirbt, und von einem Feuer, das nicht erlischt.

1)
Der Text ist schwierig und zweifelhaft. Doch dürfte Luthers Übersetzung dem Sinn immerhin näher kommen: „Darum sage ich (von Ägypten) also: Die Rahab (d. h. das Ungetum, Bezeichnung Ägyptens Ps. 87, 4; 89, 11) wird still dazu sitzen“, - d. h. sich nicht für die Juden bemühen.
2)
Calvin möchte allerdings die Übersetzung bevorzugen: „dein Regen wird sich nicht mehr verbergen.“
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