Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 29.

Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 29.

V. 1. Weh Ariel, Ariel. Hier beginnt ein neuer Abschnitt. Jesaja droht der Stadt Jerusalem. Er nennt sie Ariel, d. h. Altar Gottes. Dieser Altar bildete ja den sichersten Schutz der Stadt. Wenn ihre Bürger auch auf die mancherlei andern Befestigungswerke der Stadt ihr Vertrauen setzten, so vertrauten sie doch noch vielmehr auf ihren Tempel mit dem Altar Gottes. Sie hielten sich schon in Anbetracht ihrer äußeren Macht und Stärke für unbesiegbar, aber als ihr stärkstes Bollwerk, das sie völlig unbesiegbar machte, sahen sie doch den Schutz ihres Gottes an. Daran hielten sie fest, dass Gott mit ihnen sei, solange sie im Besitz ihres Altars und ihrer sonstigen Heiligtümer ständen. Einige übersetzen Ariel mit „Gotteslöwe“; einfacher aber erscheint mir, es als Gottesaltar, Gottesherd zu fassen, ein Name, den auch der Prophet Hesekiel (43, 15 f.) dem Tempel beilegt. Diese Weissagung bezieht sich nun auf die ganze Stadt. Jesaja will den Juden ihr törichtes Vertrauen nehmen, dass sie sich einbildeten, Gott sei bei ihnen, solange Altar und Opfer bei ihnen beständen. In ihrer Torheit rühmten sie sich dessen und wähnten, sie seien damit gesichert, ob sie auch gottlos und nichtswürdig waren.

Die Stadt des Lagers David! So nennt der Prophet die Stadt, weil sie einst von David bewohnt gewesen war. Einige Ausleger verstehen darunter nur die innere Stadt von Jerusalem, welche von einer besonderen Mauer umgeben war. Jerusalem bestand gleichsam aus zwei Städten, einer inneren und einer äußeren. Doch ist die obige Bezeichnung, wie ich glaube, auf die ganze Stadt zu beziehen. David wird genannt, weil die Bewohner Jerusalems seines Namens sich rühmten und damit sich brüsteten, dass Gottes Segen ewig auf seinem königlichen Sitze ruhe. Gott hatte ja dem David ein ewiges Königreich verheißen.

Füget Jahr zu Jahr und feiert Feste. Das sagt der Prophet, weil die Juden meinten, sie seien der Strafe entronnen, da ihnen noch eine gewisse Gnadenfrist gegeben war. Die Gottlosen glauben, sie lebten mit Gott in Frieden, solange sie von dem nahenden Untergang nichts merken. Sie versprechen sich dauerndes Glück, solange der Herr sie in Ruhe und Frieden lässt. Dieser Sicherheit gegenüber verkündet der Prophet, der Herr werde doch seine Strafe an ihnen vollziehen, ob sie auch fleißig ihre Opfer darbrächten und dieselben Jahr für Jahr erneuerten. Wenn der Herr seine Strafe und Rache aufschiebt, so darf uns das nicht veranlassen, unsere Buße aufzuschieben. Denn ob er uns auch zurzeit schont und uns laufen lässt, damit ist unsere Sünde nicht abgetan; deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir hätten mit ihm Frieden. Lasst uns also seine Geduld nicht missbrauchen, sondern lasst uns nur umso mehr darum sorgen, Vergebung zu erlangen.

V. 2. Dann will ich den Ariel ängstigen, dass er traurig und voll Jammers sei. Der Herr führt seine Gerichte aus, mag er auch eine Zeitlang dieselben aufschieben und sie scheinbar vergessen haben. Anstatt der Freude festlicher Trage wird Trauer und Jammer herrschen. Der Herr wird die Stadt ängsten. Die Juden sollen durch diese Ankündigung zu der Einsicht kommen, dass sie mit Gott, nicht mit Menschen im Felde liegen. Wenn auch die Assyrer gegen sie Krieg führten, sie sollten erkennen, dass an deren Spitze Gott steht.

Und soll mir ein rechter Ariel sein. Das würde, auf den Tempel allein bezogen, nicht passen. Nach der Meinung des Propheten wird ganz Jerusalem in der kommenden Heimsuchung voll von Blut sein. Deshalb vergleicht er es mit einem Altar, auf dem allerlei Opfertiere geschlachtet werden. So pflegen ja auch die Gottlosen, die zum Schlachttag bestimmt sind, mit einem Opfer verglichen zu werden. Mit dem Ausdruck „Ariel, Gottesaltar“ spielt der Prophet darauf an, dass die gesamte Bürgerschaft ein Altar sein wird, der vom Blut der Getöteten überfließt. Äußerliches Bekenntnis, äußerliche gottesdienstliche Einrichtungen und äußerliche Sinnbilder göttlicher Gnade nutzen wenig, wenn wir nicht von Herzen dem Herrn gehorsam sind.

V. 3. Denn ich will dich belagern usw. Der Prophet bestätigt in diesen Worten, was er im vorigen Verse schon hervorgehoben, dass dieser Krieg unter Gottes Leitung geführt werden soll. Zwar würde die Triebfeder der Assyrer Habgier und Herrschsucht sein; doch würden sie ohne Gottes Einfluss und Befehl nichts unternehmen. Dem Propheten lag viel daran, die Juden zu der Erkenntnis zu bringen, dass alles Unheil, das ihnen widerfuhr, ihnen von Gott zugesandt wurde. Das sollte sie dann zur Selbstbesinnung und zur Erkenntnis ihrer Freveltaten bringen. Diese Wahrheit, dass Gott zu diesem Zweck Übel und Unheil schickt, tritt in der heiligen Schrift uns oft entgegen. Wir sollten sie uns sorgfältig einprägen. Denn nicht ohne Absicht schärft der heilige Geist dies immer wieder ein.

V. 4. Alsdann sollst du geniedriget werden. Der Prophet verlacht die Anmaßung der Juden, mit der sie, wie es bei Heuchlern üblich ist, alle Drohungen und Mahnungen verachteten, solange sie im Glück lebten. Sie würden schon ihren Stolz ablegen und viel unterwürfiger werden, aber nicht etwa, weil sie dann ihre Herzen geändert hätten, sondern weil die Scham sie hindert, wie sonst zu jauchzen. Der Prophet redet hier Leute an, welche aufgeblasenen Sinnes wie große Geister sich gebärdeten, ihr Haupt hoch emporhoben und dabei auf alle mit Verachtung herabsahen, als wenn sie nicht einmal Gott unterworfen wären; ja sie zögerten sogar nicht, Gott selbst zu schmähen und zu lästern und sein heiliges Wort zu verachten. Im Gegensatz dazu sagt Jesaja: dieser Stolz wird erniedrigt werden und diese unerträgliche Anmaßung wird aufhören. Dasselbe drückt er noch deutlicher bildlich aus, wenn er sagt:

Und aus der Erde reden und aus dem Staube murmeln usw. Die Stimme derer, die früher so stolz und trotzig waren, vergleicht er mit der Rede von Zauberern. Wenn solche ihre Zaubersprüche hersagten, dann gaben sie ein unverständliches Murmeln von sich, wie wenn es aus der Tiefe der Erde käme; sie murmelten lieber, anstatt deutlicher zu sprechen. Solchen Zauberern sagt der Prophet, werden sie ähnlich sein. Die Erniedrigung, von der er redet, besteht also darin, dass sie mit Schmach und Schande überschüttet sein werden. Dann werden sie nicht mehr wagen, von oben herab mit ihren stolzen, windigen Prahlereien ums ich zu werfen.

V. 5. Aber die Menge deiner Fremden soll werden als ein dünner Staub. Darunter verstehen fast alle Ausleger die fremden Eindringlinge, die Feinde der Juden; deren Menge weder dem Staube ähnlich, d. h. zahllos sein. Doch wenn ich alles näher erwäge, neige ich mehr zu einer ganz entgegengesetzten Ansicht. Ich möchte bei den „Fremden“ an ausländische Hilfstruppen denken. Von diesen scheint der Prophet in verächtlicher Weise zu reden: die Juden werden vergeblich auf sie ihre Hoffnung setzen. Sie hatten ausländische Soldaten und Söldner, und zwar tüchtige. Wenn sie derartige Hilfstruppen von allen Seiten herbeiholten, meinten sie völlig sicher zu sein und fürchteten kein Unheil. Nun verkündigt der Prophet, ihre Hilfstruppen würden, obschon ihre Zahl gewaltig sei, im Kriege keinen Erfolg haben. Sie würden wie Staub sein oder wie Spreu, d. h. nichtssagender Kehricht. Daraus können wir ersehen, dass unsere Kraft und Macht, und sei sie noch so groß, zunichtewird, wenn der Herr mit uns nach Recht und Gerechtigkeit handeln will. Eine kurze Zeit halten vielleicht menschliche Hilfsmittel stand, aber sobald der Herr ernstlich seine Hand ausstreckt, fällt menschliche Macht dahin und wird zu Staub. So werden auch jene Schutzmittel nicht lange standhalten, sondern plötzlich, unversehens, in einem Augenblick hinschwinden. Die Menschen rühmen sich derselben vergeblich, wenn sie Gott zum Feinde haben.

V. 6. Denn vom Herrn Zebaoth wird Heimsuchung geschehen usw. Der Prophet gibt den Grund an, weshalb die gesamte Masse der Hilfstruppen wie Staub und Spreu sein wird. Ihnen gegenüber stellt er den strafenden Zorn des Herrn. Was bedeutet aber die Spreu der verzehrenden Feuerflamme gegenüber? Was der Staub gegenüber einem wilden Wirbelwind? Der Rache Gottes kann keine Macht widerstehen. So scheint mir der Zusammenhang am besten gewahrt, was meiner Meinung nach bei jener andern Auslegung nicht der Fall ist. Unsere Bedränger – das können wir daraus ersehen – vermögen nur so viel, als der Herr ihnen zulässt. Will uns der Herr erhalten, dann vermögen die Feinde nichts, auch wenn sie den ganzen Erdkreis gegen uns erregen. Dagegen können wir, wenn er uns züchtigen will, seinen Zorn durch keine Macht- und Schutzmittel aufhalten. Derselbe schmettert wie ein Sturmwetter alles zu Boden, er verzehrt es, wie eine Feuerflamme.

V. 7. Und wie ein Nachtgesicht im Traum soll da sein die Menge aller Heiden. Auch diesen Vers lege ich anders aus, als andere Ausleger. Diese meinen nämlich, der Prophet hätte hier den Frommen Trost spenden wollen, eine Ansicht, die allerdings manches für sich hat. Dann wäre der Sinn, dass die Feinde der Kirche wie ein Nachtgesicht sein, d. h. wie ein solches verschwinden sollen. Sie gleichen Träumenden, welchen der Herr Täuschungen vorspiegelt, während sie selbst schon ihr Ziel erreicht zu haben glauben. Doch will mir diese Auslegung nicht recht in den Zusammenhang passen. Es kommt ja öfters vor, dass eine anscheinend feine Auslegung uns anzieht und uns trügerisch vom wesentlichen Sinn der Worte ablenkt. Dabei verlieren wir aber den Zusammenhang aus den Augen und geben uns auch weiter keine Mühe, in den eigentlichen Sinn des Schriftstellers einzudringen. Wir wollen darum erwägen, ob obige Auslegung dem Sinn des Propheten entspricht. Wenn derselbe nachher, vom 9. Verse an, mit Drohungen fortfährt, so ist es mir nicht zweifelhaft, dass er hier eben denselben Zweck mit seiner Rede verfolgt. Er klagt die Juden an und beschuldigt sie, dass sie alle Drohungen Gottes in ihrer Sicherheit verachten. Mit einem sehr treffenden Bild greift er nun ihr falsches Vertrauen und ihre falsche Sicherheit an. Plötzlich und unerwartet werden die Feinde kommen, wenn die Juden meinen, sie lebten in Ruhe und Frieden und seien fern von jeder Gefahr. So plötzlich und unerwartet wird das Ereignis eintreten, dass es wie ein Traum zu sein scheint. Wenn du dir also jetzt auch eine dauernde Ruhe einbildest, sagt er, Gott wird dich plötzlich aufwecken und deine Sicherheit erschüttern. Sehr fein sagt der Prophet von den Juden, sie träumen, weil sie, in ihren Lüsten versunken, nichts sehen noch fühlen. Aber ihr Glück ist bei ihrem wirren, stumpfen Sinn nur ein eingebildetes. Plötzlich wie im Traum werden die Feinde über sie kommen. Sie werden den Schlafenden Schrecken einflößen, wie es oft vorkommt, dass ein süßer, erquickender Schlaf durch schwere Träume gestört wird. All das Blendwerk, das sie einschläfert, wird ihnen nichts nützen. Wenn sie nichts ahnen, wird plötzlich das Unheil über sie kommen. Diese Auffassung unserer Stelle wird durch den nächsten Vers vollends bestätigt.

V. 8. Denn gleich wie einem Hungrigen träumt, dass er esse, wenn er aber aufwacht, so ist seine Seele noch leer usw. Der Prophet vergleicht die Juden mit Hungernden und Dürstenden. Sie schlafen zwar, aber mit leerem Magen und mit dem Verlangen nach Speise. Dass solche Leute von Speise und Trank träumen, ist natürlich. Der Herr ermahnte die Juden fleißig durch seine Propheten und lud sie zu dem göttlichen Mahl seines Wortes ein. Das verachteten sie aber und ließen sich nicht heranziehen. Lieber wollten sie in ihren Lüsten völlig aufgehen und einschlafen, als an jenem heiligen Mahl sich sättigen. Solange sie dabei ihr Gewissen einschläferten, glaubten sie, alles im Überfluss zu haben und gegen jeden Mangel gefeit zu sein. Dieser Zustand, erklärt Jesaja, sei einem Traumzustand völlig ähnlich. Plötzlich würden sie aber von einem Schlag aufgeweckt werden und dann empfinden, was für eitle, leere Leute sie wären und in was für einer eingebildeten, falschen, trügerischen Sattheit sie gelebt hätten. Wie nun Hungernde bei derartigen Träumen besonders matt werden, so wird das Volk, das fälschlich sich einbildete, es befände sich in vortrefflicher Lage, weit mehr sein Elend empfinden, als wenn es sich nichts derartiges eingebildet, vielmehr seinen Mangel und seine Blöße erkannt hätte. Auf den ersten Blick freilich scheint diese Auffassung schwer verständlich. Aber so muss diese Stelle erklärt werden. Wenn die Juden, von falscher Hoffnung betrogen, sich Freiheit versprechen, als wenn die Feinde weit fort verschlagen würden, so werden sie bald erfahren, dass sie getäuscht wurden. Es geht ihnen dabei, wie einem Hungernden, der davon träumt, er tafele prächtig; wacht er aber auf, dann spürt er, wie sein Hunger nur noch viel schlimmer geworden ist. Von Trost kann ich also hier nichts entdecken, vielmehr wendet sich der Prophet gegen die Verachtung und Nichtswürdigkeit der Juden Gott gegenüber, die er durch keine Mahnungen und Drohungen hatte erschüttern können.

V. 9. Erstarret und werdet bestürzt, verblendet euch und werdet blind. Jesaja tadelt noch heftiger die grobe Stumpfheit des Volkes. Durch Gottes Gericht werden ihre Sinne so erstarrt werden, dass sie, ob sie auch mit Nachdenken und Nachsinnen sich abquälen, damit doch nicht zum Ziele kommen. Er gibt dann weiter den Grund an, weshalb sie in ihrer Stumpfheit trotz unablässigen Nachdenkens zu nichts kommen.

Werdet trunken, doch nicht vom Wein usw. Die Juden gleichen Trunkenen, sodass sie von Gottes Werken nichts erkennen und verstehen. Ähnliches tritt uns auch heute noch bei vielen Leuten entgegen. Ein geistiger Rausch nimmt ihre Sinne gefangen und stumpft sie derart ab, dass sie den klarsten Tatsachen gegenüber blind sind. Wenn Gott auch seine Gerechtigkeit und Geduld im klarsten Licht zeigt, sie sind doch so von Finsternis umhüllt, dass ihr Blick sich verwirrt und sie mehr und mehr zu Toren werden. Die Stumpfheit ist aber eine gerechte Strafe des Herrn für ihren Unglauben.

V. 10. Denn der Herr hat euch einen Geist des harten Schlafs eingeschenkt. Der Prophet will die Quelle jener Blindheit noch deutlicher aufweisen. Er schreibt dieselbe dem Gericht Gottes zu, der in dieser Weise die Gottlosigkeit des Volkes strafen wollte. Gott gibt Augen zum Sehen und klaren Verstand zum Urteilen. So kann auch er allein uns alles Lichtes berauben, wenn er sieht, dass wir von einem bösen, schlimmen Hass gegen die Wahrheit erfüllt sind, ja die Finsternis suchen. Wenn also Menschen blind sind, zumal in klaren, einleuchtenden Dingen, dann sollen wir darin Gottes gerechtes Gericht erkennen.

Eure Propheten und Fürsten samt den Sehern hat er verhüllt. Das Volk wird auch der Werkzeuge beraubt, welche die Pflicht gehabt hätten, das Licht der Erkenntnis zu bringen und andern ein Führer zu sein. Dazu waren die Propheten und Seher berufen. Also nicht nur mit Vernunft und Einsicht begabte Leute werden ihres natürlichen Verstandes bar sein, sondern selbst gelehrte Leute, deren Aufgabe es war, für andere ein Licht zu sein, werden derart aller Vernunft beraubt werden, dass sie keinen Weg wissen und, von finsterer Unwissenheit umfangen, schmählich in der Irre gehen. Sie werden sich selbst nicht leiten können, geschweige dass sie imstande wären, andere zu leiten.

V. 11. Dass auch aller [Propheten] Gesichte sein werden, wie die Worte eines versiegelten Buchs. Noch deutlicher bringt hier der Prophet die schon erwähnte große Blindheit der Juden zum Ausdruck. So große wird diese sein, dass sie nichts erkennen, trotzdem der Herr ihnen das helle Licht seines Wortes leuchten lässt. So wird es nicht nur bei dem gewöhnlichen Volke sein, sondern auch bei den Gebildeten und den Führern, die mit ihrer Weisheit den andern ein Vorbild hätten sein müssen. Diese Stumpfheit wird alle Stände durchdringen. Gebildete und Ungebildete werden geistlich so stumpf und starr sein, dass Gottes Wort für sie völlig dunkel bleibt und sie von demselben nicht mehr verstehen, wie von einem versiegelten Buch. Der Prophet spricht hier, wenn auch mit andern Worten, denselben Gedanken aus, wie im 13. Verse des vorhergehenden Kapitels, wo es heißt: „Darum soll ihnen auch das Wort des Herrn eben also werden: Gebeut hin, gebeut her; gebeut hin, gebeut her.“ Gottes Wort wird den Juden zwar nicht genommen werden; aber, ob sie es auch haben, so wird ihnen doch jedes Verständnis desselben fehlen.

In doppelter Weise straft der Herr die Gottlosigkeit der Menschen. Das eine Mal nimmt er ihnen sein Wort ganz und gar weg, das andere Mal lässt er es ihnen zwar, nimmt ihnen aber das Verständnis desselben und verblendet ihre Sinne, dass sie sehen und doch nicht sehen. Im ersten Falle beraubt er sie des Wortes. Entweder werden dann durch die Tyrannei der Gottlosen die heiligen Bücher fortgenommen, oder man bringt die Menschen zu dem falschen Glauben, diesen dürften und sollten nicht von allen gelesen werden. Oder im andern Falle, wenn solche Bücher auch in jedermanns Händen sind und gelesen werden dürfen, so sind die Menschen doch blind, weil sie in ihrer Undankbarkeit mit den Büchern Missbrauch treiben und nicht, wie es sein sollte, Gottes Ehre dabei suchen. Sie verstehen dann so wenig davon, als wenn ihnen auch nicht ein Fünklein des Wortes entgegenleuchtete. Man soll also einer rein äußerlichen Verkündigung des Wortes sich nicht rühmen; denn eine solche bringt wenig Nutzen, wenn sie nicht unsern Verstand erleuchtet und dadurch Frucht schafft. Der Prophet will also sagen: Der Herr wird zwar um des Bundes willen, den er mit euren Vätern geschlossen hat, die Bundestafeln euch lassen, aber sie werden euch ein versiegeltes Buch sein. Nichts werdet ihr von ihnen verstehen. Wir wissen, dass bei den Juden diese Drohung des Propheten sich erfüllt hat. Wenn wir darum die Lage jenes von Gott auserwählten, zu seiner Kindschaft erhobenen Volkes betrachten, dann müssen wir alle ob einer so furchtbaren Strafe erschrecken. Sie hatten Gesetz und Propheten, waren vom hellsten Licht umleuchtet, und doch sind sie in schreckliche Irrtümer und verabscheuenswerte Gottlosigkeit hineingeraten; ihr ganzes religiöses Leben wurde verwirrt, in mannigfache, seltsame Sekten wurden sie gespalten. Wenn dann zuletzt die Sadduzäer, die gottlosesten unter ihnen, die Herrschaft erlangten, Leute ohne Glauben, ohne Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, ohne Hoffnung sogar auf Unsterblichkeit, - waren diese damit nicht rein zu Tieren geworden? Denn was bleibt dem Menschen übrig, wenn ihm die Hoffnung auf ein ewiges, seliges Leben genommen wird? Dass es solche Leute gab, als Christus erschien, bezeugen hinlänglich die Evangelisten. Da ist in Wahrheit in Erfüllung gegangen, was hier vom Propheten vorher verkündigt wurde. Es waren eben keine leeren Drohungen, was der Prophet hier dem Volke entgegenschleudert. Damals trat der Unglaube und Wahnwitz der Juden besonders zutage, als in der ganzen Welt das wahre Licht offenbar wurde, Christus, das einzige Licht der Wahrheit, der Kern des Gesetzes, das Ziel aller Propheten. Damals hing vor allem vor den Augen der Juden die Decke Moses, die aufzuheben und wegzunehmen Christus gekommen war (2. Kor. 3, 16). Bis heute hängt diese, obwohl Mose bei ihnen gelesen wird, vor ihren Augen, weil sie Christus verwerfen, auf den Mose hinweist. Aus diesen Gottesgerichten sollen wir erkennen, dass Gott noch heute derselbe Richter ist, und dass dieselbe Strafe diejenigen erwartet, welche seinen heiligsten Ermahnungen ihr Ohr nicht öffnen wollen. Es ist zu beachten, dass der Prophet hier ausdrücklich auch von den Gelehrten redet. Geistliches Verständnis wird also nicht mit der Schärfe des Verstandes gewonnen oder auf hohen Schulen gelehrt. Das Gelehrtsein hat jene nicht von dem Verblendetwerden bewahrt. Mit heilsverlangendem Herzen muss das Wort erfasst werden, wenn anders wir solcher Strafe entgehen wollen.

V. 13. Und der Herr spricht: Darum dass dies Volk usw. Aus völlig gerechten Gründen wird der Herr so streng mit seinem Volk verfahren. Es war eine harte, furchtbare Strafe, dass ihre Sinne durch Gottes Einwirkung stumpf und hart wurden. Wenn nun Menschen deshalb kühn und frech mit Gott zu rechten nicht zögern sollten, als wäre er maßlos streng, so zeigt demgegenüber der Prophet, dass Gott ein gerechter Richter ist, und dass die Schuld allein bei den Menschen liegt, die ihn mit ihrer Bosheit und Gottlosigkeit herausgefordert haben. Er weist darauf hin, dass das Volk diese Strafe verdient hat, vor allem wegen seiner Heuchelei und seines Aberglaubens. Auf die Heuchelei deutet die Aussage, dass das Volk mit seinen Lippen zu Gott nahet, aber ihr Herz ferne von ihm ist. Auf den Aberglauben deutet der nächste Satz, dass sie den Herrn fürchten nach Menschengeboten, die sie lehren. Diese beiden Stücke sind fast immer miteinander verbunden. Heuchelei ist niemals frei von Gottlosigkeit und Aberglauben, und umgekehrt, Gottlosigkeit und Aberglaube nicht frei von Heuchelei. Wenn der Prophet von Mund und Lippen redet, so versteht er darunter das äußere Bekenntnis, welches ja bei Guten und Bösen dasselbe ist. Der Unterschied liegt aber darin, dass die Bösen nichts haben als den leeren Schein und meinen, es sei genug, wenn sie die Lippen zum Preise Gottes bewegen. Die Guten stellen sich mit tiefster Bewegung des Herzens vor Gott hin, leisten ihm Gehorsam und erkennen und bekennen dabei, wie weit sie noch von einer vollkommenen Pflichterfüllung ihm gegenüber entfernt sind.

Die beste Auslegung zu dieser Stelle gibt Christus. Es war vom Waschen der Hände die Rede. Seine Jünger unterließen das, worüber die Pharisäer sie tadelten. Da sagt Christus, um ihre Heuchelei zu strafen (Mt. 15, 7 f.): „Ihr Heuchler, es hat wohl Jesaja von euch geweissagt und gesprochen: Dies Volk nahet sich zu mir mit seinem Munde und ehret mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir.“ Dem Munde und den Lippen stellt der Prophet also das Herz gegenüber. Dessen Reinheit sucht und verlangt Gott von uns. Fehlt diese, dann verschmäht er all unser Tun, selbst wenn es noch so glänzend scheint. Denn er ist Geist und will im Geist und in der Wahrheit angebetet werden. Wenn diese innere Reinheit und Wahrheit nicht die Quelle alles äußern frommen Tuns ist, so ist es eitel Schein. – Was dann das zweite Stück, die Menschengebote, angeht, so verwirft sie Gott als Aberglauben, mag man sie auch mit dem herrlichsten Schein von Frömmigkeit, Demut und Ehrfurcht umgeben. Die Regel der Gottesverehrung soll nicht aus Menschengeboten, sondern aus Gottes Wort entnommen werden. Was der Herr vor allem fordert, ist einfältiger Gehorsam, mit dem wir all unser Tun nach seinem Worte richten und nicht hierhin und dorthin von demselben abbiegen. Die also nach Menschengeboten ihre Gottesverehrung einrichten, handeln nicht nur völlig töricht, sondern mühen sich auch mit verderbenbringenden Dingen ab. Sie rufen nur Gottes Zorn hervor. Denn wie sehr er alle erdichtete Gottesverehrung verabscheut, kann nicht deutlicher bezeugt werden, wie durch diese furchtbare Strafe. Wenn also Menschen in ihrer Torheit und ihrer Verblendung sich abmühen, Gott zu versöhnen, so macht er nicht nur ihr Streben zunichte, er straft es auch schwer. Dass Gott so seine Ehre wahrt, ist nicht zu verwundern. Christus weist auch auf diese Stelle hin, wenn er sagt (Mt. 15, 9): „Vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren solche Lehren, die nichts denn Menschengebote sind.“

V. 14. So will ich auch mit diesem Volk wunderlich umgehen, dass die Weisheit seiner Weisen untergehe. Die Strafe der Verblendung droht der Prophet nicht nur der großen, ungebildeten Masse an, sondern auch den Weisen, welche vom Volk bewundert wurden. Wie verabscheuenswert und fluchwürdig die Sünde der Heuchelei vor Gott ist, lässt sich daraus leicht entnehmen. Gibt es eine schrecklichere Strafe als Verfinsterung und Stumpfwerden des Geistes? Zwar begreifen im Allgemeinen die Menschen dies nicht und verstehen nicht die Größe dieses Übels; aber es ist von allen das traurigste und schlimmste. Der Prophet redet nicht von dem gemeinen Volk, sondern von seinen Führern, welche gleichsam dessen Augen sein sollten. Das Volk ist wie die andern Glieder des Leibes blind. Wenn also die Augen erblinden, was wird dann mit dem übrigen Körper? Wenn nun das Licht, sagt Christus (Mt. 6, 23), Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein? Dieser Vers soll also die Schwere der Strafe zum Ausdruck bringen.

V. 15. Weh, die verborgen sein wollen vor dem Herrn. Der Prophet wendet sich gegen die gottlosen, frivolen Verächter Gottes, welche ihre Weisheit darin suchen, dass sie den Herrn frech verspotten. In den Augen dieser Leute ist die Religion nur eine dumme, einfältige Sache. Sie verkriechen sich in ihre Schlauheit und Weisheit, wie in eine Höhle. Von dort aus verspotten sie dann alle Ermahnungen und Drohungen und jedes fromme, ernste Wort. Aus diesem Verse geht deutlich hervor, dass schon damals jene Pest, die später noch weiter um sich griff, in der Welt verbreitet gewesen ist, dass die Heuchler mit geheimer Lust Gott verlachen und sein Wort verachten. Gegen diese Leute wendet sich der Prophet und nennt sie Leute, die verborgen sein wollen vor dem Herrn, die sich gleichsam verborgene Verstecke aussuchen, um von da aus Gott betrügen zu können.

Ihr Vornehmen zu verhehlen, und ihr Tun im Finstern halten. Diese Worte weisen auf jenes freche Sich-Drehen und Wenden hin, hinter dem die Gottlosen sich verstecken, um ihre innere Verderbtheit nicht offenbar werden zu lassen. Daher auch die sichere Frage: „Wer siehet uns? Und wer kennet uns?“ Sie gaben zwar vor, Gott zu ehren, aber durch allerlei Schliche glaubten sie die Propheten zu täuschen und das Gericht Gottes zunichte zu machen. Damit traten sie allerdings nicht offen hervor. Denn die Gottlosen wollen einen gewissen frommen Anstrich behalten, um besser täuschen zu können. Aber in ihrem Herzen kennen sie kein göttliches Wesen, es sei denn das, welches sie sich selber gebildet haben. Diese Geriebenheit also, in der die Gottlosen sich gefallen und auf die sie sich etwas zugutetun, vergleicht Jesaja mit einer Decke, hinter der sie sich verbergen. Sie wähnen hinter dieser Hülle so versteckt zu sein, dass selbst Gott ihre Schlechtigkeit nicht erkennen und bemerken könne. Da an dieser Sünde besonders Hochgestellte leiden, so hat der Prophet hier, wie ich glaube, vor allem an solche gedacht. Diese scheinen in ihren Augen erst dann recht scharfsinnig und weise, wenn sie Gott verachten und sein Wort mit Geringschätzung ansehen. Sie glauben zuletzt nur so viel, wie ihnen beliebt. Völlig die Religion wegzuwerfen, wagen sie nicht, ja sie sind gezwungen, wenn auch wider Willen, sie beizubehalten, aber sie tun das nur so weit, soweit es, wie sie glauben, für sie nützlich ist. Aber irgendeine Furcht vor dem wahren Gott kennen sie nicht. Diese Gottlosigkeit macht sich auch heute noch genugsam breit. Die Menschen meinen, sie könnten sich vor Gott verbergen, wenn sie hinter ihrer Schlauheit sich verstecken. Wie wenn vor seinen Augen nicht alles offen und bloß wäre oder jemand ihn täuschen oder vor ihm sich verbergen könnte!

Wer siehet uns? Und wer kennet uns? Diese Fragen sind nicht so aufzufassen, als wenn die Gottlosen dieselben offen aufzuwerfen wagten, sondern nur in ihrem Herzen reden und empfinden sie so. Ihre Sicherheit und ihr törichtes Vertrauen offenbarte das. Denn sie gaben sich jeder Schlechtigkeit hin und verachteten alle Ermahnungen, als ob es nie ein Gericht Gottes gäbe. Der Prophet hatte es also mit Gottlosen zu tun, die dem Schein und Namen nach eine gewisse Gotteserkenntnis hatten, die aber in Wahrheit Gott leugneten und die schärfsten Feinde seines heiligen Wortes waren.

V. 16. Wie seid ihr so verkehrt? Gleich als wenn usw. Der Prophet will sagen: Ist es nicht mit euch und euren verkehrten Gedanken gerade so, als wenn ein Gefäß zum Töpfer sagen würde: du hast mich nicht gemacht? Euer Stolz ist zu bewundern; denn ihr tut, als hättet ihr euch selbst geschaffen, als läge alles in eurer Hand. Mein Recht war es, zu bestimmen, was mir gut schien. Wenn ihr wagt, dies Recht und diese Vollmacht an euch zu reißen, dann versteht ihr doch zu wenig eure Lage und vergesst, dass ihr Menschen seid.

V. 17. Wohlan, es ist noch um ein klein wenig usw. In diesem und den folgenden Versen hebt der Prophet wieder die Gnade Gottes hervor. Wenn Gott wieder anhebt, sein Volk zu segnen, dann wird er den waldreichen Libanon zum fruchtbaren Feld machen. Auf bebautem Lande wird aber eine solche Menge von Früchten geerntet werden, dass sein jetziger Zustand, mit dem zukünftigen verglichen, für unfruchtbar und öde, für Wald gehalten werden könnte. Die Frommen sollen nicht den Mut verlieren. Darum geht der Prophet von den Drohungen zur Verheißung der Gnade Gottes über. Wenn sie eine kurze Zeit das ihnen auferlegte Kreuz getragen und Glaubensgehorsam bewiesen haben, dann wird plötzlich eine Veränderung eintreten, die sie wieder fröhlich machen soll. Die Gottlosen haben an dieser Hoffnung keinen Teil. Wenn sie in ihrer Sicherheit sich Ruhe und Frieden versprechen, ist die Strafe nahe, wie Paulus sagt (1. Thess. 5, 3): „Wenn sie werden sagen: Es ist Friede, es hat keine Fahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen.“

V. 18. Und zur selbigen Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buchs usw. Die Kirche Gottes wird trotz jener Heimsuchungen bestehen bleiben. Wenn die Welt von endlosen Stürmen erschüttert wird, wenn es auf und nieder wogt, ja wenn Himmel und Erde zusammenstürzen, wird der Herr die Herde der Frommen erhalten und seine Kirche aus dem Rachen des Todes reißen. Das ist für die Frommen eine besondere Glaubensstärkung; denn es ist ein herrliches Wunder Gottes, dass, während hier und dort Königreiche und Herrschaften zusammenstürzen, der Frommen Same erhalten und unter ihnen dieselbe Religion, dieselbe Gottesverehrung, derselbe Glaube, derselbe Weg des Heils bestehen bleibt. Jesaja scheint sich hier aber zu widersprechen. Denn vorher hat er geäußert, unter dem Volke Gottes werde eine völlige, geistliche Stumpfheit zu Tage treten und ein Mangel an jeder geistlichen Erkenntnis. Hier aber sagt er, die Tauben werden hören und die Blinden werden sehen. Damit deutet er jedoch nur an, dass vorher die Kirche gezüchtigt und gereinigt werden muss, und zwar in einer so ungewöhnlichen Weise, dass sie dabei gänzlich dem Untergang geweiht zu sein scheint. Darum heißt es: „zu selbigen Zeit“, d. h. nachdem der Herr die Gottlosen bestraft und seine Kirche gereinigt hat, wird er das Land nicht nur mit reicher Fruchtbarkeit segnen, sondern dasselbe völlig erneuern, den Tauben das Gehör und den Blinden das Gesicht geben, dass sie sein Wort aufnehmen können. Solange ein furchtbares Strafgericht wütet, haben die Menschen kein Ohr und kein Auge für Gottes Wort. Aller Herzen sind dann verwirrt und erstarrt; nichts vermögen sie zu fassen. Sind aber Plagen und Jammer zu Ende, dann öffnet der Herr den Seinen die Augen, sodass sie seine Güte und Barmherzigkeit schauen und verstehen können. Das ist die wahre Erneuerung der Kirche, dass er den Blinden das Licht und den Tauben das Gehör wiedergibt. Das hat auch Christus nicht nur im Leiblichen, sondern auch im Geistlichen getan. Das haben wir auch selber erfahren, da wir aus der Finsternis der Unwissenheit, von der wir umhüllt waren, herausgerissen und ins helle Licht der Wahrheit gerückt wurden. Augen wurden uns gegeben, diese zu erkennen, und Ohren, sie zu vernehmen. Zuvor waren wir blind und taub. Diese Finsternis hat der Herr durchbrochen, um uns zum Gehorsam gegen ihn zu bringen. Die Erneuerung, von welcher der Prophet im vorhergehenden Verse redet, ist schon ein gewisses Abbild der Erlösung; die Erleuchtung aber, von der in diesem Verse die Rede ist, ist weit bedeutsamer. Ohne diese letztere verlieren alle Wohltaten Gottes nicht nur ihren Wert, sondern gereichen uns auch zum Verderben. Ein so herrliches, einzigartiges Werk schreibt mit Recht Gott sich allein zu. Denn das ist doch unmöglich, dass aus eigener Kraft Blinde das Gesicht und Taube das Gehör wiedererlangen. Dass dies alles aber nur den Auserwählten verheißen wird, ist klar; denn ein großer Teil der Menschen bleibt immer in seiner Finsternis liegen.

V. 19. Und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn. Der Prophet will sagen: Obwohl sie elend und traurig sind, werde ich ihnen Anlass zum Frohlocken geben; sie sollen von neuem mit Freude erfüllt werden. Von Elenden ist die Rede. Durch Elend und Heimsuchungen – das können wir daraus entnehmen – sollen wir zur Aufnahme der göttlichen Gnade bereit gemacht werden. Der Herr sucht uns heim und demütigt uns, um uns hernach zu erhöhen. Wenn also Gott die Seinen züchtigt, dürfen wir nicht mutlos werden; dann müssen wir uns vielmehr solche Worte ins Gedächtnis rufen, auf bessere Tage hoffen und daran festhalten, dass er selbst nach Schlägen und Heimsuchungen zuletzt seine Kirche wieder mit Freude erfüllen wird. Allerdings müssen wir wieder darauf hinweisen, dass nicht allen ohne Unterschied die Gnade der Erleuchtung zuteilwird. Zwar wurden sie alle gleicherweise gezüchtigt, aber die Züchtigung beugte keineswegs die Herzen aller in den Staub, sodass sie wahrhaft geistlich arm und elend geworden wären.

V. 20. Wenn die Tyrannen ein Ende haben usw. Der Prophet weist hier noch deutlicher auf das hin, was wir schon im vorhergehenden Verse erkannten: die Erneuerung der Kirche wird darin bestehen, dass der Herr die Niedergebeugten aufrichtet und der Elenden sich erbarmt. Vorher ist freilich jene schon erwähnte Reinigung der Kirche nötig: denn solange der Herr sein Gericht gegen die Gottlosen nicht ausübt, solange die Bösen mit den Guten vereinigt sind, ja sogar in der Kirche obenan stehen, so lange wird Gott nicht geehrt noch gefürchtet, ja die Frömmigkeit wird mit Füßen getreten. Diese Leute müssen also zurückgedrängt und abgetan werden; dann strahlt die Kirche wieder in neuem Glanze, und die Frommen, frei von Elend und Jammer, jauchzen vor Freude. Unter den „Tyrannen“ und „Spöttern“ versteht der Prophet Leute, die Räubern gleich Menschen berauben, bedrücken, gegen sie wüten, alle Frechheiten sich anmaßen und dabei durch keine Gottesfurcht in Schranken gehalten werden, da ihnen die Religion nur eine Fabel ist. Die so wachen, Mühe anzurichten, sind Leute, die auf allerlei heillose Schandtaten ausgehen, die aber doch zu den Frommen gehören wollten und sich rühmten, Abrahams Same zu sein.

V. 21. Welche die Leute sündigen machen durchs Predigen. Wir haben schon oben darauf hingewiesen, mit wem der Prophet es zu tun hat, mit Heuchlern und Gottesverächtern, welche alle seine Warnungen und Drohungen für nichts achteten, die sich einen Gott zurecht machten, wie er ihnen passte. Weil diese Leute in ihren Lüsten und Schandtaten sich nicht stören lassen wollten, so wehrten sie sich gegen den scharfen Tadel der Propheten und ließen sich nicht so ohne weiteres zurückweisen. Darum gaben sie fleißig acht und lauerten auf die Worte der Propheten, ob sie etwas auffangen und verdrehen könnten. Ohne Zweifel will der Prophet solche gottlosen Leute treffen, welche über den Freimut der Propheten und über ihre ernsten Drohungen sich beschwerten, die es so wandten, als hätten die Boten Gottes das Volk und die Obersten und die Priester beleidigen wollen. Daher die Schmähungen und die falschen Beschuldigungen, wie sie ja auch jetzt noch frommen Gottesknechten entgegengeschleudert werden. Daher die zweideutigen, gefährlichen Fragen, mit denen sie wie mit Stricken und Netzen den Gerechten entweder in eine schwere Anklage zu verflechten oder ihn in Lug und Trug hinein zu verwickeln suchen. So ist es auch Christo von Seiten der Pharisäer und Sadduzäer ergangen.

Und stellen dem nach, der sie strafet im Tor. Hier verdammt der Prophet noch deutlicher alle Umtriebe, durch welche die Gottlosen sich jeder Kritik und jedem Tadel zu entziehen versuchen. In den Toren der Städte wurde damals die öffentlichen Angelegenheiten verhandelt und wurde Gericht gehalten. Dort kam die Menge zusammen, und eben dort deckten die Propheten öffentlich die Schuld des Volkes auf und schonten auch die Richter nicht. Damals waren gottlose, verbrecherische Menschen am Ruder, die besonders scharf ermahnt und getadelt werden mussten. Diese hätten auf solche Ermahnungen hin Buße tun sollen, aber sie wurden noch schlimmer und zorniger gegen die Propheten und stellten ihnen nach. Sie sind, wie Amos (5, 10) sagt, dem gram, der sie im Tor straft, und haben den für einen Gräuel, der heilsam lehret. Das gilt von allen Gottlosen, aber besonders von solchen, die im Staat das Ruder in der Hand haben; diese ertragen Tadel noch weit weniger und widerwilliger. Sie wollen ja vor andern ausgezeichnet und für die Besten gehalten werden, selbst wenn sie die Nichtswürdigsten sind.

Und stürzen durch Lügen den Gerechten. Durch falsche, trugvolle Künste suchen sie es zu erreichen, dass die Gerechten zu einem allgemein verwünschten Gegenstand des Hasses werden, dass man sie für die schlechtesten von allen hält. Aber wenn sie auch so alle Welt verspotten, am letzten Ende gehen sie doch zu Grunde. Diesen Trost gibt der Herr. Er wird es nicht zulassen, dass die Gottlosen sich ungestraft breitmachen. Wenn sie auch eine Zeitlang ausgelassen jauchzen, er wird sie doch zuletzt in ihre Schranken zurückweisen. Aber Geduld ist not, um die Erfüllung solcher Verheißungen zu erwarten.

V. 22. Darum spricht der Herr usw. Der Prophet tröstet das Volk, damit es in seiner elenden, jammervollen Lage nicht verzweifle. Als das Volk in die Verbannung geführt, der Tempel niedergerissen war und alle Opfer ein Ende hatten, schien es mit aller Religion aus und keine Hoffnung mehr auf Befreiung vorhanden zu sein. Durch diese Weissagung sollten nun die Herzen der Frommen aufgerichtet werden. Wenn sie auch Schiffbruch erlitten, so konnten sie sich doch noch an dies Brett fest anklammern und in den Hafen treiben. An solche Verheißungen sollen auch wir uns fest anklammern, auch in den verzweifeltsten Lagen, und von ganzem Herzen in ihnen Ruhe und Frieden suchen.

Der Abraham erlöset hat. Der Prophet weist sein Volk auf den Anfang der Gottesgemeinde zurück. Es soll auf Gottes Macht schauen, die einst so oft herrlich sich offenbart hatte, sodass hernach für Zweifelsgedanken kein Raum blieb. Wenn sie sich des Namens Abrahams rühmten, mussten sie daran denken, aus was für Verhältnisse der Herr diesen zuerst herausgerissen hatte, aus der Knechtschaft des Götzendienstes, den er gleich seinen Vätern gepflegt hatte. Aber er hat ihn auch sonst oft gerettet und erlöst. Damals, als er in Ägyptenland seines Weibes wegen in Gefahr war, dann in Gerar, ferner als er die vier Könige im Kampfe besiegte, ebenso als ihm, der schon alt und schwach war, ein Erbe geschenkt wurde. Allerdings denkt der Prophet hier vornehmlich daran, dass Abraham in die Kindschaft Gottes aufgenommen wurde, als der Herr ihm befahl, aus seinem Vaterhause auszuziehen. Aber mit diesem Wort „erlösen“ umfasst er doch zugleich alle jene Wohltaten in ihrer Gesamtheit. Wenn nun der Herr aus dem einen Abraham und zwar aus ihm allein sich eine Gemeinde erweckte und sie hernach bewahrte, wird er sie nicht auch in Zukunft schützen, auch wenn Menschen glauben, sie sei verloren? Wie? Befand sie sich, als Christus erschien, nicht in jammervoller Verfassung? Wie viel mächtige Gegner hatte sie! Aber mochte auch alle Welt ihr entgegen sein, sein Reich war fest gegründet, die Kirche blühte wieder und war allen ein Gegenstand der Bewunderung. Darum soll niemand daran zweifeln, dass der Herr, soweit es nottut, mit allen Kräften für seine Kirche eintritt, sie von ihren Feinden befreit und wieder aufrichtet. Dass diese Trostworte dem Hause Jakob gesagt werden, mag uns erinnern, dass die Kraft dieser göttlichen Belehrung beständig und wirksam bleibt, solange ein Volk besteht, das Gott fürchtet und ehrt. Einige gibt es aber immer, die der Herr sich aussondert; den Samen der Frommen lässt er nicht untergehen. Wenn der Herr redet, und wir glauben seinem Wort, dann werden wir zweifellos die Frucht desselben empfangen. Seine Wahrheit steht fest; darum werden wir, wenn wir in ihm ruhen, nie seines Trostes beraubt werden.

Jakob soll nicht mehr zu Schanden werden, und sein Antlitz soll sich nicht mehr schämen. Mit diesen Worten gibt der Prophet zu, dass oft eine Zeit kommt, in der die Frommen gezwungen sind, voll Scham die Augen niederzuschlagen. So heißt es bei Jeremia (Klagel. 3, 29): „Ich will meinen Mund in den Staub stecken.“ Wenn der Herr sein Volk schwer heimsucht, müssen die Guten sich schämen. Der Prophet sagt aber, das werde nicht ewig dauern. Wir brauchen im Unglück nicht zu verzweifeln. Wenn auch gottlose Leute mit allerlei Schimpf unserer spotten, der Herr wird uns von Schimpf und Schande befreien. Das tut er aber nicht bei den Stolzen und Unbeugsamen, welche den Schlägen Gottes einen harten Nacken entgegensetzen, sondern nur bei den Demütigen, die ihre Scham niedergebeugt, und die traurig und betrübt einhergehen. – Es könnte nun jemand fragen, weshalb der Prophet sagt: „Jakob“ soll nicht mehr zu Schanden werden. Jakob war doch schon längst tot. Es könnte den Anschein gewinnen, als ob der Prophet den Verstorbenen eine gewisse Kenntnis unserer Lage und Verhältnisse zuschriebe. Es handelt sich aber hier nur um eine rednerische Einführung einer Person. So lesen wir auch bei Jeremia (31, 15): „Man höret eine klägliche Stimme und bitteres Weinen auf der Höhe. Rahel weinet um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen.“ Jeremia schildert da die Niederlage des Stammes Benjamin in der Trauer der Rahel, die dessen Stammmutter war. In dieser Weise führt Jesaja hier den Jakob ein, wie ihn gleichsam Scham überkommt ob der Missetaten und Frevel seiner Nachkommen. Der Prophet wollte damit sein Volk noch schärfer treffen, indem er ihm seinen Ahnherrn vor Augen führt, der von Gott mit so viel großen Wohltaten geehrt wurde, von seinen Nachkommen aber mit Schande beladen wird. Wäre er persönlich zugegen, er wäre gezwungen, im ihretwillen sich aufs tiefste zu schämen. Jesaja zielt also auf die Undankbarkeit des Volkes hin, welches seinem Ahnherrn Schimpf und Schande bereitete, während es ihn hätte ehren sollen.

V. 23. Denn wenn sie sehen werden ihre Kinder usw. Der Prophet zeigt hier, wie die Schmach Israels weggenommen wird. Es werden Kinder aufkommen, und die, die verloren schienen, werden bleiben. Dass Gott diese Kinder „die Werke meiner Hände“ nennt, ist ein Hinweis auf das wunderbare Werk der Erlösung. Gott bildet gleichsam neue Menschen, welche er zu seinen Kindern macht, wie es im 102. Psalm heißt: „Das Volk, das geschaffen soll werden, wird den Herrn loben (V. 19).“ Damit wird in ähnlicher Weise auf die Erneuerung der Kirche hingewiesen. Gott führt uns zur Erkenntnis seiner Macht, damit wir nicht das Heil der Kirche nach ihrem augenblicklichen Zustand beurteilen. Eine Reihe von Gegensätzen tritt uns da entgegen, der zwischen der Knechtsgestalt der Kirche und ihrer Herrlichkeitsgestalt, zwischen ihrer Schande und ihrer Ehre; zweitens zwischen dem Volk Gottes und andern Nationen; drittens zwischen dem Werk der Hände Gottes und menschlichen Werken, - allein durch Gottes Hand kann die Kirche wiederhergestellt werden -; viertens zwischen einem Zustand der Blüte und dem des Zerfalls, in welchem sie zuvor elend darniederlag.

Werden sie meinen Namen heiligen usw. Das ist das Ziel der Erlösung. Dazu sind wir alle geschaffen, dass Gottes Güte unter uns geheiligt und gepriesen werde. Weil aber der größte Teil der Menschenkinder von diesem Ziel abgewichen war, erwählte Gott eine Gemeinde, in der sein Lob dauernd ertönt, wie es im 65. Psalm heißt: „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion.“ Weil jedoch die Heuchler Gott mit ihren Lippen ehren, aber mit dem Herzen ferne von ihm sind, fügt der Prophet hinzu: und den Gott Israels fürchten. Unser Lobpreis gilt nichts, wenn wir nicht in Wahrheit und von Herzen dem Herrn zugetan sind und wenn nicht unser ganzes Leben Zeugnis davon gibt, dass Gottes Name nicht fälschlich von uns gepriesen wird.

V. 24. Denn die, so irrigen Geist haben, werden Verstand annehmen. Der Prophet wiederholt seine Verheißung. Solange der Menschen Sinn und Geist von Unwissenheit und Blindheit umstrickt ist, ist ihnen der Untergang nahe, wenn sie auch von mancherlei Segen überschüttet sind. Wenn also der Herr seine Kirche erneuert, dann schafft er Erleuchtung durch sein Wort und macht durch das Licht der Erkenntnis diejenigen helle, die zuvor in Finsternis umherirrten. Das wirkt er aber durch den verborgenen Einfluss des heiligen Geistes. Denn eine rein äußerliche Belehrung durch das Wort genügt nicht; er muss auch innerlich unsere Herzen belehren.

Und die Schwätzer werden sich lehren lassen. Diejenigen, welche früher den Propheten in den Weg traten und deren Ermahnungen mit Widerwillen vernahmen, werden dann willfährig und gehorsam sein. Da schauen wir Gottes wunderbare Barmherzigkeit, welcher gänzlich unwürdige Menschenkinder auf den rechten Weg zurückbringt und sie so großer Gnadengaben teilhaftig macht. Daran lasst uns treulich denken. Denn wie viele sind es, die einst nicht gegen Gott geredet und gemurrt und das Wort der Wahrheit nicht verachtet haben? Ja, wenn Gott mit seinen Widersachern nicht gnädig umginge und sie freundlich zum Gehorsam führte, dann würde das ganze menschliche Geschlecht in seiner Torheit zu Grunde gehen.

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