Calvin, Jean – Hiob 27, 19 – 28, 9.

Calvin, Jean – Hiob 27, 19 – 28, 9.

19) Der Reiche legt sich schlafen – und erraffet nichts; er öffnet seine Augen – und da sieht er nichts. 10) Schrecken überfällt ihn wie Wasser, und nächtlich rafft ein Wirbelwind ihn weg. 21) Der Ostwind reißt ihn fort, dass er dahin muss, und reißt ihn von seiner Stätte wie ein Wirbelwind. 22) Erbarmungslos stürzt er auf ihn herab; fliehen möchte er vor seiner Hand. 23) Mit den Händen klatscht man wider ihn und zischt ihn weg von seinem Ort. 28, 1) Das Silber hat seinen Quell und das Gold seinen Ort, wo man es läutert. 2) Das Eisen gewinnt man aus der Erde, und aus den Steinen schmelzt man das Erz. 3) Gott hat der Finsternis ein Ziel gesetzt und allem, was bis zu den Quellen des Dunkels und Todesschattens reicht. 4) Es bricht der Fluss hervor gegen den, der daran wohnt, die Wasser ergießen sich da, wo der Fuß ihrer vergisst; hoch über den Menschen steigen sie – und ziehen sich zurück. 5) Aus der Erde kommt das Brot, und unter ihr brodelt´s wie Feuer. 6) Da ist ein Ort, von dem die Saphirsteine kommen und die Goldklumpen. 7) Den Pfad kennt kein Vogel, und des Habichts Auge hat ihn nicht erspäht. 8) Kein Löwenjunges hat ihn je betreten, und niemals hat ein Löwe ihn beschritten. 9) Man legt seine Hand an den Felsen und wühlt die Berge um bis auf den Grund.

Der Reiche öffnet seine Augen und findet nichts; eine Zeitlang ist er sicher, es kann ihm ja nichts fehlen; aber am Ende hat er nichts mehr, und nichts bleibt ihm mehr zu hoffen; er wacht auf und sucht Hilfe, aber er findet keine. Kurzum, eine Zeitlang schlafen die Reichen ruhig in ihrem Überfluss, sie haben ja nie etwas von Mangel gewusst, und die Augen sind ihnen verbunden in ihrem Übermut, aber Gott kann sie schon dazu bringen, dass sie Hilfe suchen, und dann finden sie keine, und sie sehen ein, dass sie umsonst auf ihren Reichtum gehofft haben und nun zu Schanden werden. Dies Gottesgericht kann man täglich beobachten, und darum müssen wir das daraus lernen: Gott gibt uns wohl alles, was wir wünschen können, und wir brauchen nicht zu denken, wir würden irgendeinen Mangel haben; aber auf dieser Hoffnung dürfen wir ja nicht einschlafen, sondern sollen daran denken, dass unser Leben einem unbegreiflichen Wechsel unterworfen ist. Darum lasst uns wachen und beten, lasst uns nie bei dem stehen bleiben, was wir in unseren Händen haben, lasst uns wachsam sein und einsehen, dass wir in mancherlei Schicksalen Hilfe brauchen – dann lernen wir es auch, uns wieder zu Gott zu kehren und uns allein auf seine Vorsehung und Güte zu stützen.

Übrigens ist das nicht immer sichtbar. Darum dürfen wir keine allgemeine Regel daraus machen. Mögen auch die Reichen in ihrem Geld umkommen, mögen sie immer ein großes Gefolge um sich haben, mag ihnen auch jedermann zu Diensten stehen, kurzum, mag es ihnen auch an gar nichts fehlen, so sollen wir deshalb doch nicht denken, Gott habe seine Pflicht versäumt; nein, er behält sich das Gericht über sie vor, sonst möchten wir wohl denken, er könne in dieser Welt nicht mehr vollenden, was ihm beliebte. Die Schlechten werden dem Gericht Gottes gewiss nicht entgehen. Freilich geschieht das nicht immer sogleich. Also darf man nicht in jedem Falle nach der Auswirkung der göttlichen Gerichte suchen, als müssten sie in dieser Welt sichtbar werden; das wäre ganz verkehrt und müsste uns beunruhigen, wenn wir einmal nicht mit Augen sehen könnten, was wir uns eingebildet haben. Nein, unser Herr verschiebt seine Gerichte, wenn es ihm gut erscheint, und er macht sie hienieden nicht immer sichtbar.

Schrecken überfällt ihn wie Wasser. Hiob spricht hier vom Wasser, aber er versteht darunter so etwas wie einen plötzlichen Orkan, der bei Nacht hereinbraust. Solch ein Gottesgericht ist ebenso sichtbar wie alltäglich: Gott schickt den Bösen derartige Schrecken, dass sie gar nicht wissen, was sie machen sollen; das kommt wie ein Orkan, wie eine nächtliche Windsbraut, die kein Mensch voraussehen und vor der niemand sich schützen kann. Sonst würden ja auch die Bösen glauben, weil sie gerade nichts bedrückt, darum müsse sie Gott immer im Frieden lassen. Ja, sie versprechen sich Wunder über Wunder, wie es bei den Propheten, besonders bei Jesaja (28, 15) heißt: „Wir haben mit dem Tode einen Bund und mit der Hölle einen Vertrag gemacht; wenn eine Flut daher gehet, wird sie uns nicht treffen.“ So aufgeblasen sind die Bösen in ihrer Hoffart, wenn Gott sie einmal nicht drückt, und dann kommt es zu ihrer Verstockung! Und wenn er ihnen droht, wenn er ihnen zeigt, was für ein Ende es nehmen wird mit ihrem Vorhaben, so rührt sie das nicht im Geringsten, nein, sie machen sich gar noch darüber lustig. So also ist das Wort von dem Schrecken, der sie überfällt, gemeint: es ist dasselbe wie das Wort des Paulus an die Thessalonicher (I. 5, 3): „Wenn sie werden sagen: Es ist Friede, es hat keine Fahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen, und werden nicht entfliehen.“ Lasst uns also ja nicht an dem törichten Irrtum uns berauschen, als müsse Gott uns immer in Ruhe lassen: Gott will uns klein und niedrig halten, dann wird uns der Weg zu ihm leichter, und wir lassen uns nicht so sehr durch die Eitelkeiten dieser Welt zerstreuen; es kommt dann eher zu einer völligen Hingabe an ihn. In Gott müssen wir also unsern Frieden suchen, nicht in den Gütern dieser Welt. Dann brauchen wir auch nicht zu fürchten, der Sturm würde uns unversehens hinweg reißen. Alle, die zuviel von ihrem irdischen Glück halten, bekommen die Hand Gottes zu spüren: wenn nicht in diesem Leben, so kommt es doch im Tode sicherlich zur Abrechnung, und dann gibt´s kein Entrinnen mehr vor der Hand des himmlischen Richters. Also lasst uns in Furcht und Zittern wandeln! Es kommt einmal das Jüngste Gericht, das alles Verborgene an den Tag bringt. Allemal will Gott unsern Glauben prüfen, wenn er seine Hand vor uns verbirgt. Wenn aber die Schrecken Gottes, die er den Bösen und Verächtern seines Wortes schickt, nicht in die Erscheinung treten, so steht doch das eine fest: In ihrem Herzen tief drinnen fühlen sie den Schrecken doch, wie es bei Jesaja (48, 22) heißt: „Die Gottlosen haben keinen Frieden“, sie sind wie die unruhigen Meereswellen. Wir aber wollen trachten nach dem Frieden eines reinen und guten Gewissens, wollen uns stützen auf unsern Gott und ihn anrufen; schickt er uns dann Trübsal, so werden wir doch nicht völlig zu Schanden, sondern können uns immer noch an seiner Güte erquicken.

Weiter heißt es: Der Ostwind reißt ihn fort, dass er dahin muss, und reißt ihn von seiner Stätte wie ein Wirbelwind. Im jüdischen Lande war der stürmischste Wind der Ostwind. Wenn die Bösen alle Tage herrlich und in Freuden leben können, - es kommt doch einmal ein wilder Sturm, der alles in Trümmer schlägt; und wenn es auch aussieht, als säßen sie in guter Ruhe und nichts könne ihnen etwas anhaben, - eines Tages werden sie doch merken, dass das Gericht Gottes über sie kommt. Lasst uns also immer an die kommenden Gottesgerichte denken, ehe sie wirklich da sind, damit wir Geduld lernen! Auch wenn Gott uns in Ruhe lässt, wollen wir dennoch ohne Aufhören unser sündiges Wesen erforschen und daran denken, dass wir die Schläge seiner Hand wohl verdient haben. Dann lernen wir, unser Haupt zu neigen und uns fest im Zügel zu halten, dann haben wir auch nicht den Mut, Böses zu tun, dann haben wir nur den Mut, unsern Gott anzurufen und in seiner Kraft der Sünde, des Teufels und der Welt zu spotten; denn wir stehen ja unter unseres Gottes Schutz. Lasst uns nur immer in bescheidener Demut wandeln, in der Gewissheit, dass die Bösen keine Zuflucht finden; denn das Wort (Psalm 139, 7) muss sich an ihnen erfüllen: „Wo soll ich hingehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Recht mich halten.“

Nun geht Hiob zu einer Erklärung so mancher Naturwunder und Geheimnisse in der Schöpfungswelt über, und er kommt zu dem Schluss, dass, auch wenn man alle verborgenen Geheimnisse begreifen würde, die Weisheit Gottes dennoch immer weit darüber hinausrage. Er vergleicht Kleinstes mit Größtem, als wollte sagen: Hier sucht man Mittel, um Gold und Silber zu finden, dort im kostbare Edelsteine zu entdecken, und schon das fällt dem Menschengeist schwer genug. Gewiss, man kann dabei zu seinem Ziele kommen, und doch kann man von einem Naturgeheimnis sprechen. Auch genug andere Dinge gibt´s, wobei die Menschen nicht aus dem Staunen herauskommen; es kommen Flüsse von einem Ort, wo niemand sie vermutet hätte; es gibt Gewässer, die zu- und abnehmen, so dass man bald trockenen Fußes hindurch kommt, bald das Wasser wieder zurückströmt. Dem scheint freilich kein großes Geheimnis zugrunde zu liegen, denn bei Schneeschmelze wachsen die Ströme an; aber man findet auch Quellen, die heute trocken und morgen voll sprudelnden Wassers sind, so dass man nicht weiß, was man dazu sagen soll, bis man merkt: Gott will uns darin seine Kraft zeigen.

Es gibt also in der Welt und im gegenwärtigen Leben geheimnisvolle Dinge. Wohl kann der Menschengeist sich um ihre Erforschung mühen und irgendeinen Sinn darin finden, aber mit der Weisheit Gottes ist es ein ganz anderes Ding. Haben wir es mit seinen Gerichten zu tun, so müssen wir ja nicht meinen, wir könnten sie in unser Hirn einschließen oder je damit zu Ende kommen. Aber was uns unbekannt bleibt, dass lasst uns anbeten und bekennen, dass die Majestät Gottes uns zu hoch ist; wir müssen ja nicht meinen, wir könnten sie uns unterwerfen, als könnten wir sie so bestimmen, wie es uns gut scheint. Nein, wir müssen uns mit dem zufrieden geben, was Gott uns enthüllt, und wissen, dass zwischen Gott und uns ein gar zu großer Abstand besteht und dass er uns nahe kommen muss, sonst kommen wir niemals zu ihm. Kommt er uns aber nahe, so will er nicht, dass wir jetzt erkennen, was er uns erst am Jüngsten Tage offenbaren wird. Darum brauchen wir uns nun bei all diesen hier genannten Dingen nicht lange aufzuhalten, das ist nicht nötig; denn die Absicht des Heiligen Geistes geht nicht dahin, uns das Kunstwerk der unterirdischen Gänge aufzuzeigen! Das wäre ja ein gar zu magerer Gewinn, wenn wir in ein paar Predigten etwas lernten, Gold- und Silberminen aufzusuchen; denn darum geht es nicht, dass wir solche Dinge suchen, und es ist auch nicht jedermanns Sache. Es muss uns genügen, zu wissen, dass Gott solche Geheimnisse in die Natur hineingelegt hat, weil er von uns verherrlicht werden will. Das ist die Hauptsache. Die unendliche Kraft und Weisheit Gottes sollen wir erkennen, selbst in den geringen Dingen dieser Welt. Das gilt mit noch mehr Recht, wenn es sich um Geheimnisse handelt, die uns fern liegen, wie Gold und Silber und ähnliche Dinge. Dabei müssen wir noch mehr in Bewegung geraten, und unser Geist muss noch mehr erwachen, um die unschätzbare Kraft unseres Gottes noch besser zu begreifen. Denn unser Herr will keineswegs, dass wir stumpf bleiben wie Holzblöcke, sondern dass wir die Werke seiner starken Hand betrachten. Es hat in der Tat seinen guten Zweck, dass sie uns bekannt werden und unsere Gedanken auf sich lenken: es soll ihm seine verdiente Ehre durch uns zuteil werden, es soll uns zur Erkenntnis kommen, was er für ein Meister ist; wir sollen es nicht machen wie die Unglücklichen, die auf dieser Erde wandeln und dabei die Werke Gottes mit Füßen treten, ohne seine Majestät zu erkennen. Solche Rohheit darf bei uns nicht aufkommen. Wenn wir aber auch so schwerfällig und stumpf sind, dass wir Gottes Majestät und Kraft in den gewöhnlichen und alltäglichen Dingen dieser Welt nicht spüren, so sollten wir doch zum mindesten bei dem, was uns fremdartig ist, in innere Bewegung geraten, und es sollte uns eine Ahnung davon aufgehen, dass es einen Gott gibt, der auf gar wunderbare Weise wirkt – sonst ist unser Undank geradezu unentschuldbar. Gott will nicht, dass wir uns an den Dingen dieser Welt amüsieren; er will vielmehr, dass wir zu ihm den Weg finden und aus der Mahnung, die er uns damit gibt, unsern Gewinn ziehen.

Gott hat der Finsternis ein Ziel gesetzt. Die Finsternis deckt alles zu. Bei Tage kann man weiß und schwarz unterscheiden; wenn aber die Nacht hereingebrochen ist, so verschwinden alle Unterschiede. Aber die Finsternis ist begrenzt, Gott hat ihr ein Maß gesetzt, er gibt hernach wieder Klarheit, und die Finsternis dauert nicht ewig. Darin liegt eine gute und heilsame Lehre. Der Menschengeist hat wohl eine gewisse Fähigkeit, irdische Dinge zu verstehen und zu beurteilen; aber die himmlischen Dinge, das göttliche Reich, Gottes Gerichte, das alles ist für uns verborgen. Gewiss, auch in die kleinsten und geringsten Dinge können wir eindringen, wenn Gott uns die Fähigkeit dazu schenkt. Es gibt ja ungelehrte und simple Leute genug, deren Begreifen nicht weiter reicht als das der unvernünftigen Tiere. Solche Leute stellt uns Gott als Spiegel vor Augen, damit wir demütig werden. Woher kommt denn die Vernunft und Intelligenz, die wir besitzen? Ist das nicht ein ganz einzigartiges Gottesgeschenk? Darum sollen alle, die mit Geist und Scharfsinn begabt sind, erkennen, dass Gott sie mit solche einem Gnadengeschenk ausgezeichnet hat und dass sie ihm darum umso dankbarer sein müssen. Wenn unser Herr die einen scharfsinniger gemacht hat als die andern, dass sie mit Fleiß darauf bedacht sind, mit ihren Unternehmungen ans Ziel zu kommen, dass sie Schlüsse ziehen, überlegen, alles klüglich einrichten und sich in kurzer Zeit vieles aneignen können, während die andern schwerfällig und langsam sind, so dass man´s ihnen mit harten Schlägen einhämmern muss, wenn man ihnen etwas beibringen will, - so zeigt diese Verschiedenheit mit aller Klarheit, dass alle unsere Urteilskraft und all unser Unterscheidungsvermögen eine besondere Gottesgabe sind und dass wir das nicht etwa in dem Sinne der Natur zuschreiben dürfen, dass wir nicht einsähen, dass unser Gott jedem davon so viel zuteilt, als ihm gut scheint.

Wenn an unsere Stelle übrigens zum Ausdruck kommt, der menschliche Geist sei von Natur imstande, die Dinge hier auf Erden zu erkennen, die im Bereich des gegenwärtigen Lebens liegen, so bedeutet das Wort „Natur“ nicht, dass das keine Gottesgabe sei, sondern es will uns darauf aufmerksam machen, dass diese Gabe auch den Ungläubigen und denen gegeben ist, die nicht von Gott durch seinen Heiligen Geist wiedergeboren sind, der der Geist der Kindschaft heißt, weil diese das Merkzeichen ist, das Gott seinen Kindern aufdrückt. Wenn wir also auch den Geist Gottes, der die Wiedergeburt wirkt und Pfand und Angeld der Heilshoffnung ist, nicht besitzen, so können wir gleichwohl mit Vernunft begabt sein; das haben die Ungläubigen mit den Gläubigen gemein, dass sie über irdische Dinge urteilen können. Ja, die Bösen und die Gottesverächter sind häufig noch scharfsinniger und klüger in ihren Geschäften, wie auch unser Herr Jesus Christus sagt: die Kinder der Finsternis seien klüger als die Kinder des Lichts. Die Menschen sind nicht in diese Welt gesetzt, ohne dass Gott ihnen einen Anteil an Klugheit gäbe, so dass sie also über irdische Dinge urteilen können, ja, sie können sogar Gut und Böse unterscheiden. Oder könnte man so stumpfe Menschen finden, die nicht die Räuber und Mörder verdammten? Das lehrt uns doch die Erfahrung! Irgendwelche Gesetze, irgendwelche Gesittung und Ordnung haben sie alle; sie wissen ganz gut, dass sie bei ihren irdischen Geschäften um eine gewisse Ordnung nicht herumkommen. Sie treiben allerlei Künste und Handwerke, der eine ist Bäcker, der andere Bauer, der dritte Schuhmacher, der vierte Tuchmacher, und alle diese Fertigkeiten sind Gaben Gottes, gleichermaßen an die Ungläubigen wie an die Gläubigen, die Gott durch seinen Heiligen Geist erleuchtet hat; aber solche Gnadengaben sind nur für die Menschen da, weil sich das Menschengeschlecht nicht anders in seinem Bestande erhalten kann als durch solche Hilfen und Mittel.

Aber alle hoffärtigen Leute treiben Missbrauch mit diesen Begabungen; sie meinen, weil sie klug genug sind in den Dingen dieser Welt, so seien sie auch Manns genug, um über alle Geheimnisse Gottes, über die ganze Lehre des Gesetzes, der Propheten und des Evangeliums zu urteilen. Nun, Gott sucht sie mit doppelter Blindheit heim, wenn sie so töricht sind. Denn der Glaube ist ein „übernatürliches Licht“: das Urteil über Gottes Gerichte wächst nicht in uns, wir besitzen es nicht als sterbliche Menschen, sondern wir haben es nur, soweit es ihm gefällt, über die Naturanlage hinaus und etwas davon mitzuteilen. Wir sehen ja selbst, dass Gott den Stolz bestraft, der auf seine irdische Klugheit vertraut. Wie machen es die braven Weltmenschen in ihrer spitzfindigen Klugheit? Sie wollen Gott und die Welt betrügen; sie sind so schlau, dass sie meinen, es könne ihnen nichts entgehen; zudem schmieden sie wunderbare Pläne und gehen in ihren Unternehmungen weit über ihre Grenzen hinaus. Dann stürzt sie Gott von ihrem hohen Thron, und wenn es nötig ist, verblendet er sie dermaßen, dass die kleinen Kinder darüber lachen. Denn das geschieht häufig, dass die ganz Schlauen und die sich für die Allerweisesten halten, alle Vernunft verlieren, dass sie völlig überlistet werden, wie es auch in der Schrift heißt, dass Gott die Weisen in ihrer Klugheit fängt wie in einer Falle. Wie wäre es sonst möglich, dass ein ganz vorsichtiger Mensch sich mit einemmal so überlisten lässt und in Kleinigkeiten so blind ist? Es ist, als wäre Gott nur deshalb im Himmel, um die zu verblenden, die gar zu helle Augen haben und sich auf ihre Klugheit und Weisheit verlassen. Solche Anmaßung muss er bestrafen; die Menschen haben von sich eine viel zu gute Meinung, sie rauben Gott seine Ehre, und gegen solche Frevler muss Gott doch vorgehen!

Zudem brauchen die Menschen ihre Klugheit mehr zum Bösen als zum Guten; darum muss Gott sie strafen, weil sie seine Gaben so entweihen. Denn es ist doch ein ganz besonderes Geschenk, wenn Gott uns einen scharfen und hellen Verstand gibt. Wenn wir diesen aber zu Lug und Trug missbrauchen, - hat dann Gott nicht vollkommen recht, wenn er uns darum straft? Wir beflecken ja die Gabe, die er uns doch nicht nur zu unserm Heil, sondern auch zum gemeinen Wohl unserer Nächsten verliehen hat! Ja, wenn Gott eine solche Anmaßung bestraft, wenn sich die Leute gar zu sehr auf ihren Verstand in irdischen und niedrigen Dingen verlassen, - wie wird es dann erst gehen, wenn sie über alle Himmel hinaufsteigen und alle himmlischen Geheimnisse erforschen wollen, wenn sie Einsicht nehmen wollen in Dinge, die Gott sich vorbehalten hat, und in das, was ihm allein zusteht? Kurzum, wenn es sich um das ewige Leben handelt, so müssen wir wissen, dass das all unser Maß übersteigt und dass Gott, unser Herr, über alle natürliche Ordnung hinaus an uns wirken muss, um uns nicht allein nach unserer menschlichen Art zu erleuchten, sondern uns eine ganz neue Klarheit zu geben, die uns verborgen ist, weil sie aus dem Geist der Kindschaft hervorgeht. Und weil es sich so verhält, müssen wir doch auch endlich einsehen, wie es um den „freien Willen“ der Menschen steht und dass die Behauptung dieses freien Willens ein Wahnsinn ist. Denn wenn wir einen „freien Willen“ hätten, um nach Gottes Willen wandeln und zum ewigen Leben gelangen zu können, so müssten wir doch vor allem Glauben, Gerechtigkeit und Heiligkeit besitzen! Darum verdammt uns die Schrift als arme Blinde und erklärt: Die Menschen dürfen sich nicht so hoch erheben, zu den Geheimnissen Gottes hinaufklettern zu wollen, sondern sie müssen bekennen, dass dazu ihr Sinn und Verstand nicht ausreicht.

Das also ist die erste Lektion, die wir in der Schule Gottes lernen müssen: dass wir Toren sind, wie Paulus sagt (1. Kor 3, 18): „Welcher sich unter euch dünkt, weise zu sein, der werde ein Narr in dieser Welt, dass er möge weise sein.“ Das mag uns seltsam vorkommen, aber wir müssen es gelten lassen: wenn wir wollen, dass Gott uns unterweise, dass er als Lehrmeister gegen uns handle, so müssen wir Toren sein, müssen erkennen, dass es keinen einzigen Tropfen von Verstand und Einsicht in uns gibt. Dann lernen wir auch die rechte Demut, und Gott kann uns seine Hand reichen.

Zwei Dinge also müssen wir uns merken, wenn wir von dieser Lehre den rechten Gewinn haben wollen: zum ersten, dass wir uns nicht vermessen dürfen in unserer Torheit, mehr wissen zu wollen als uns erlaubt ist, sondern Gott bitten müssen, dass er uns in diesem Stück regiere und durch seinen Heiligen Geist erleuchte; zum zweiten, dass wir uns an sein Wort halten und uns seine Unterweisung gefallen lassen, ohne mehr wissen zu wollen, als darin enthalten ist, und auch dass uns unser Herr in seinem Worte zeigt, was uns zusteht und uns nützlich ist zu unserm Heil.

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autoren/c/calvin/calvin-hiob/40.txt · Zuletzt geändert: von aj