Calvin, Jean - Hebräerbrief - Kapitel 6.

Calvin, Jean - Hebräerbrief - Kapitel 6.

V. 1. Darum wollen wir usw. Dem Tadel folgt jetzt die Mahnung, über die Anfänge hinaus zum Ziele zu streben. Die Lehre vom Anfang christlichen Lebens ist die erste Unterweisung, die den Unwissenden bei der Aufnahme in die Kirche zu erteilen ist. Dabei ist nicht die Meinung, als sollten die Gläubigen später nicht mehr an diese Anfangsgründe denken; nur dürfen sie bei ihnen nicht stehen bleiben. Das nachfolgende Bild vom Grund macht die Sache klar. Bei einem Hausbau darf man niemals vom Fundament abweichen; aber wer über die Grundlegung gar nicht hinauskäme, brauchte für den Spott nicht zu sorgen. Denn der Grund wird um des Gebäudes willen gelegt; ohne den Oberbau bliebe er törichte und unnütze Arbeit. Ähnlich ist es auch im Christentum. Die handeln verkehrt, welche bei den Anfängen sich aufhalten lassen. Sie haben kein rechtes Ziel vor sich und gleichen dem Baumeister, der all seine Mühe auf den Unterbau verschwendete und darob die Aufrichtung vergäße. Unser Glaube soll fest gegründet werden, um dann in die Höhe zu steigen und in täglichem Wachstum sich zu vollenden.

Buße der toten Werke. Es wird hier auf eine übliche Form der grundlegenden, christlichen Unterweisung Bezug genommen. Daraus lässt sich der wahrscheinliche Schluss ziehen, dass der Brief nicht in der allerersten Zeit der Evangeliumsverkündigung geschrieben wurde, sondern damals, als es in den Gemeinden schon gewisse, feststehende Ordnungen gab. Bevor einer zur Taufe zugelassen wurde, hatte er ein Bekenntnis seines Glaubens abzulegen. Es waren bestimmte Stücke, worüber der Gemeindevorsteher die Katechumenen befragte. Das war für die Erwachsenen, welche Christen werden wollten, der Weg zum Eintritt in die Kirche. An diese Sitte erinnert der Apostel, weil für solche Einführung in die Lehre des Heils verhältnismäßig kurze Zeit verordnet war; sie glich dem Lernen des Alphabets in der Schule, das sogleich durch höhere Aufgaben abgelöst wird. Betrachten wir aber die Worte näher.

Buße und Glaube werden genannt. Darin besteht das ganze Evangelium. Denn was anders hat Christus seinen Aposteln sonst zur Verkündigung aufgetragen? (Luk, 24, 47.) Da, wo Paulus bezeugt, dass er sein Amt treu verwaltet habe, beruft er sich auf seine unablässige Einschärfung jener beiden Dinge (Apg. 20, 21). Es scheint deshalb ungereimt, wenn der Apostel mahnt, Buße und Glauben, diese Erfordernisse des ganzen Lebenslaufes, hinter sich zu lassen. Indessen, die Beifügung der „toten Werke“ zeigt, dass von einem grundlegenden Bußakt die Rede ist. Wiewohl nämlich jede Sünde ein totes Werk ist, sowohl hinsichtlich ihrer Wirkung als ihres Ursprungs, kann doch von den Gläubigen, die schon wiedergeboren sind durch Gottes Geist, nicht eigentlich gesagt werden, dass sie von toten Werken sich losmachen. Mag auch ihre Wiedergeburt nur erst ein schwacher Anfang sein, - der Same des neuen Lebens, den sie in sich tragen, bewirkt doch wenigstens so viel, dass sie vor Gott nicht mehr als tot gelten. Der Apostel redet also nicht von der Buße überhaupt, über die man nie hinauswächst, sondern nur von ihrem Anfang, durch den die eben erst zum Glauben Bekehrten eine neue Bahn betreten.

So bezeichnet auch das Wort „Glaube“ hier eine kurze Zusammenfassung der Heilslehre, die so genannten Glaubensartikel.

Der Toten Auferstehung und ewiges Gericht. Diese beiden gehören zu den tiefsten Geheimnissen der himmlischen Weisheit; ja unsre ganze Religion zielt dahin ab, und durch das ganze Leben soll sich unser Gedanke darauf richten. Aber für die nämliche Sache besteht eine verschiedene Art der Mitteilung gegenüber Anfängern und gegenüber Vorgerückten, und der Apostel hat hier nur das gewöhnliche Frageverfahren im Auge, wie es bei den ersteren angewendet wurde: Glaubst du an eine Auferstehung der Toten? Glaubst du an ein ewiges Leben? Auf diese Stufe immer wieder zurückzusinken, wäre ein innerer Rückgang.

V. 2. Lehre der Taufe. Etliche lesen getrennt: „von der Taufe, von der Lehre“. Ich ziehe vor, beides zu verbinden, lege es aber anders aus, als es sonst geschieht, nämlich: nicht abermals Grund legen von Buße, Glauben an Gott, Auferstehung und Gericht, was alles die Belehrung bei der Taufe und Handauflegung bildet. Wird so „Lehre der Taufe und Handauflegung“ als Einschiebsel aufgefasst, so ist der Zusammenhang verständlicher. Denn andernfalls entstände eine sinnlose Wiederholung, da ja der Taufunterricht eben die genannten Dinge, Glauben an Gott, Buße, Gericht und dergl. umfasst haben wird.

Mit der Taufe wird die Handauflegung zusammen genannt. Diese eine Stelle würde zur Genüge beweisen, dass der Ursprung dieser Feier bis in die Zeit der Apostel hinaufreicht. Später ist sie einer abergläubischen Ausartung verfallen, wie denn so leicht die besten Einrichtungen mit der Zeit in Verderbnis geraten. Man machte nämlich daraus ein Sakrament1), durch welches der Geist der Wiedergeburt verliehen werde. Durch solche Erfindung wurde die Taufe entwertet; was dieser zukam, übertrug man auf die Handauflegung, aber ursprünglich hatte die letztere einfach die Bedeutung einer feierlichen Gebetshandlung, als welche auch Augustin sie noch bezeichnet; nichts war damit weniger beabsichtigt als eine Herabsetzung der Taufe. Deshalb sollte heutzutage die unverdorbene Feier beibehalten werden, unter Beseitigung des abergläubischen Beiwerks2).

V. 3. So es Gott anders zulässt. Die in diesem Abschnitt enthaltene Drohung ist schrecklich. Der Apostel möchte alles aufbieten, dass die Hebräer nicht, indem sie sich in ihrer schlaffen Gleichgültigkeit gehen lassen, Gottes Gnade verscherzen. Er gibt zu bedenken, hier sei kein Aufschub auf morgen am Platze, da die günstige Zeit zum Fortschreiten nicht immer dauern werde. Denn es sei nicht in des Menschen Belieben gestellt, nach dem vorgesteckten Ziele zu jagen, sobald ihn nur die Lust dazu ankomme; vielmehr müsse die Vollendung unseres Laufes als ein besonderes Geschenk Gottes betrachtet werden.

V. 4. Denn es ist unmöglich usw. Diese Stelle ist in alter Zeit für viele der Anlass gewesen, den vorliegenden Brief zu verwerfen, zumal da sich die Novatianer3) für ihre Forderung, den Gefallenen die Wiederaufnahme in die kirchliche Gemeinschaft zu verweigern, darauf beriefen. Besonders die abendländischen Kirchen hätten deshalb gern dem Brief die Autorität abgesprochen, weil ihnen die Sekte des Novatian viel zu schaffen machte und sie demselben auf dem Boden lehrhafter Auseinandersetzung nicht beizukommen vermochten. Allein, wenn die Meinung des Apostels nur richtig gedeutet wird, enthält sie nichts, was jenen Irrwahn begünstigte. Wieder andere, denen das Ansehen des Briefes für unantastbar galt, kamen um das vermeintlich Anstößige nur mit Spitzfindigkeiten herum, nahmen z. B. „unmöglich“ für „selten“ oder „schwierig“, was doch der Bedeutung des Wortes völlig widerspricht. Wie ist denn nun zu urteilen? Da der Herr allen ohne Ausnahme sein Erbarmen verheißt, scheint es undenkbar, dass überhaupt jemand aus irgendeinem Grunde davon ausgeschlossen sein sollte.

Die Lösung der Frage liegt in der richtigen Deutung von „abfallen“. Da muss nun zweierlei Abfall unterschieden werden, ein teilweiser und ein allgemeiner. Wer in irgendeiner Sache oder auch auf mehr als eine Weise sich vergeht, fällt aus dem wahren Christenstand heraus. Insofern ist eine jede Sünde ein Fallen. Allein der Apostel redet hier nicht von Diebstahl oder Meineid oder Mord oder Unmäßigkeit oder Ehebruch; er hat vielmehr den völligen Abfall vom Evangelium im Auge, wo der Sünder nicht nur von einer Seite her Gott beleidigt, sondern sich von dessen Gnade gänzlich scheidet. Aus dem Gegensatz der angeführten göttlichen Gnadengaben wird das noch deutlicher. Dieses Abfalls ist schuldig, wer vom Worte des Herrn sich losmacht, das göttliche Licht auslöscht, von der himmlischen Gabe nichts mehr will, den heiligen Geist verschmäht. Darin läge eine vollständige Lossagung von Gott. So sehen wir nun, für wen es nach dem Apostel keine Hoffnung auf Vergebung mehr gibt, für jene Abtrünnigen nämlich, die vom zuvor erkannten Evangelium Christi und von Gottes Gnade sich treulos abwenden, was nur bei demjenigen zutrifft, der die Sünde wider den heiligen Geist begeht. Denn wer die zweite Tafel des Gesetzes verletzt oder die erste aus Unwissenheit übertritt, ist dieses Abfalls noch nicht schuldig; und sicherlich beraubt Gott in einer Weise, bei der überhaupt nichts mehr übrigbleibt, nur die Verworfenen seiner Gnade. Warum wird aber hier davon zu Gläubigen gesprochen, die doch von solch argen Dingen weit entfernt waren? Sie sollten rechtzeitig gewarnt werden, um sich vorzusehen. Denn wohlgemerkt, wenn wir vom rechten Weg abbiegen, suchen wir nicht nur allerlei Beschönigungen vor andern, sondern belügen auch uns selber. Dann schleicht unvermerkt der Feind heran, lockt uns mit heimlichen Künsten, und wir sind in die Irre geraten, ohne es nur zu merken. So kommt es Schritt für Schritt zum Abfall, bis zum endlichen, jähen Sturz. Die tägliche Erfahrung liefert die Beweise. Darum mahnt der Apostel mit Grund alle Jünger Christi zu rechtzeitigem Aufmerken; denn anhaltende Gleichgültigkeit erzeugt leicht Schlafsucht, und auf diese folgt geistlicher Tod.

Bemerkenswert sind nebenbei die Ausdrücke für die Erfahrung, die der Mensch mit dem Evangelium macht. Es wird eine Erleuchtung genannt: der Mensch ist blind, ehe Christus, das Licht der Welt, ihn bestrahlt. Ein Schmecken der himmlischen Gabe: was in Christus uns gegeben ist, geht über Natur und Welt hinaus und wird doch im Glauben fühlbar genossen. Weiter ein Teilhaftigwerden des heiligen Geistes, der ja Licht und Verständnis einem jeden zuteilt, nachdem er will, ohne den niemand Jesus einen Herrn heißen kann (1. Kor. 12, 3. 11), und der uns die Augen öffnet für göttliche Geheimnisse. Ferner ein Schmecken des gütigen Wortes Gottes: das Evangelium macht, im Unterschied vom Gesetz, den göttlichen Willen in tröstlicher Ausstrahlung kund, indem es das Zeugnis von Gottes Liebe und väterlicher Milde ist. Endlich ein Schmecken der Kräfte der zukünftigen Welt: im Glauben betreten wir gleichsam den Himmel, um in die den Sinnen verschlossene Seligkeit des ewigen Lebens geistlicher weise einen Blick zu tun. Die richtige Bekanntschaft mit dem Evangelium ist also immer begleitet von der Erleuchtung des Geistes, Erhebung des Gemüts von der Erde zum Himmel, Erkenntnis der Güte Gottes und Freude an seinem Wort.

Hier erhebt sich aber die weitere Frage, wie es möglich sei, dass einer, nachdem er schon so weit gekommen, nachher wieder abfalle. Denn wirksame Berufung ist ja doch ein Zeichen der Erwählung, und Paulus bezeugt (Röm. 8, 14), die der Geist Gottes treibe, die seien wahrhaft Kinder Gottes, Auserwählte, die außer Gefahr des Verderbens stehen (vgl. Joh. 10, 28 f.). Darauf ist zu antworten, dass allerdings nur die Auserwählten den Geist als wiedergebärende Macht und als Pfand des zukünftigen Erbes empfangen und durch den Geist eine Versiegelung des Evangeliums in ihrem Herzen erfahren. Allein nichtsdestoweniger kann Gott auch die Verworfenen etwas von seiner Güte und Gnade schmecken, einzelne Strahlen seines Lichtes in sie hineinfallen und sein Wort ihnen irgendwie eindrücklich werden lassen. Auch bei Verworfenen kann es eine vorübergehende, geistliche Erfahrung geben, die sich wieder verliert, weil sie zu wenig tiefe Wurzel getrieben hat oder von etwas anderem erstickt wird (Mk. 4, 17. 19). Dadurch will uns Gott in der Furcht und Demut erhalten und vor der blöden Vertrauensseligkeit bewahren, die dem menschlichen Geist so nahe liegt. Doch darf unsre Sorge den Frieden des Gewissens nicht stören. Zu gleicher Zeit stärkt der Herr in uns den Glauben und zügelt das Fleisch; jener soll wie in einem sicheren Hafen friedlich ruhen, während diesem keine Ruhe gelassen wird, damit es nicht mutwillig werde.

V. 6. Wiederum zu erneuern zur Buße. So hart sie scheint, kann doch die genannte Strafe des Abfalls dem Herrn nicht als Grausamkeit vorgeworfen werden. Sie streitet auch nicht mit anderen Stellen der Schrift, wo Gottes Barmherzigkeit den Sündern angeboten wird, sobald sie nur darnach schreien (Hes. 18, 27). Denn wer einmal vom Evangelium so völlig sich abgewandt hat, ist der Buße, die dort vorausgesetzt wird, nicht mehr wahrhaft fähig. Solche Abtrünnige stürzen sich vielmehr, nachdem ihnen der Geist Gottes nach Verdienst entzogen worden ist, je länger je mehr in Gottlosigkeit hinein und häufen Sünde auf Sünde, bis sie schließlich entweder in einem Zustand der Abstumpfung Gott verachten oder aber in Verzweiflung den Richter, dem sie nicht entfliehen können, glühend hassen.

Alles läuft auf die Mahnung hinaus, dass die Buße nicht in des Menschen Willkür stehe, sondern dass Gott nur solchen dazu verhelfe, die nicht gänzlich vom Glauben abgekommen sind. Diese Erinnerung tut uns überaus not, damit wir nicht durch beständigen Aufschub immer weiter von Gott uns entfremden. Wohl spielen die Frevler mit der Rede, man könne ja noch am letzten Ende sein sündhaftes Leben bereuen. Aber wenn es so weit gekommen ist, legen die furchtbaren Gewissensqualen Zeugnis davon ab, eine wie wenig leichte Sache es um die Bekehrung eines Menschen ist. Da Gott einzig denen Vergebung verheißt, die den Weg der Ungerechtigkeit verlassen, so darf man sich nicht darüber verwundern, wenn hartnäckiges Beharren in Glaubenslosigkeit oder Gleichgültigkeit zum Verderben führen. Steht dagegen jemand vom Falle wieder auf, so liegt eben darin ein Zeichen, dass er sich des Abfalls noch nicht schuldig gemacht hat, wie schwer er auch gefehlt haben mag.

Als die ihnen selbst den Sohn Gottes wiederum kreuzigen. Eine weitere Rechtfertigung der göttlichen Strenge gegen die Abgefallenen: der Sohn darf nicht durch unwürdige Nachsicht dem Spott preisgegeben werden. Wir sollen ja mit Christus sterben, um dann dauernd in einem neuen Leben zu wandeln. Wer in geistlichen Tod zurückfällt, kreuzigt für „sich selbst“, d. h. für seinen Teil, Christus abermals und hätte ein zweites Opfer nötig, wie 10, 26 ff. ausgeführt wird. Es hieße aber Christus einen Schimpf antun, wenn die Menschen nach geschehenem Abfall nach Belieben wieder sich seiner getrösten dürften.

V. 7. Denn die Erde usw. Das hier gebrauchte Bild ist sehr geeignet, zu rechtzeitigem Fortschritte anzuspornen. Wie das Erdreich keine gute Ernte hervorbringen kann, wenn der Same nicht bald nach der Aussaat zum Keimen kommt, so soll bei uns im Interesse des Fruchttragens das Wort Gottes sogleich, nachdem es in uns gepflanzt worden ist, Wurzel fassen und aufgehen. Lassen wir es ersticken oder verkümmern, so ist die Hoffnung auf gute Frucht verloren. Das Bild muss aber genau nach dem Gedanken des Apostels verstanden werden. Die Erde, sagt er, die den Regen aufsaugt und dann zunächst kräftiges Kraut hervorbringt, wird durch den Segen Gottes endlich instand gesetzt, reifes Korn zu liefern. Gleichweise führen gläubige Aufnahme des Samens des Evangeliums und entsprechender Wandel zu immer erfreulicherem Erstarken im Guten, bis schließlich die gereifte Lebensfrucht zu Tage tritt. Wie hingegen das Land, welches trotz Pflege und Bewässerung nichts als Dornen trägt, bei zunehmendem Wachstum seines Erzeugnisses einen nur umso verzweifelteren Anblick bietet, so dass dem Landmann nichts übrigbleibt, als das nichtsnutzige Gewächs wegzubrennen, so sind die Verderbnis, welcher der Same des Evangeliums bei gleichgültigen oder das Schlechte liebenden Menschen verfällt, und der daraus entstehende Mangel jedes guten Fortschrittes in ihrem Leben Beweise einer hoffnungslosen Verworfenheit. Der Apostel will also hier nicht bloß die Frucht des Evangeliums beschreiben, sondern es liegt ihm hauptsächlich an der praktischen Wahrheit, dass wir das Evangelium frisch und freudig umfassen und dann auch dafür sorgen sollen, dass bald nach der Aussaat die Halme sprießen und unter dem täglichen Gnadenregen das Wachstum sich vollende.

V. 9. Wir versehen uns aber usw. Da die letzten Sätze gleich Donnerschlägen die Leser hätten einschüchtern können, fährt der Verfasser jetzt in tröstlicherer Weise fort, so Schlimmes traue er ihnen keineswegs zu. So muss ja jeder Lehrer, wenn er bessern einwirken will, den Mut nicht lähmen, sondern ihn zu stärken wissen. Nichts macht uns zum Hören unwilliger, als wenn wir das Gefühl haben, man habe uns aufgegeben. Der Apostel versichert daher, seine Mahnung entstamme nur der guten Hoffnung für sie und dem Wunsche, sie zum Heil zu führen. Wir sehen daraus, dass nicht bloß den Gottlosen, sondern gelegentlich selbst den Auserwählten und denen, die wir für Kinder Gottes halten, energische Vorhaltungen zu machen sind.

V. 10. Denn Gott ist nicht ungerecht. Auf Grund des guten Anfangs lässt sich ein gutes Ende erhoffen. Eine Schwierigkeit entsteht aber dadurch, dass das Heil hier scheinbar auf Werke gegründet wird, durch welche der Mensch Gott zu seinem Schuldner macht. Die Klügler, die das Verdienst der Werke der göttlichen Gnade gegenüberstellen, betonen denn auch: Gott ist nicht ungerecht; also muss er die Werke mit ewiger Seligkeit belohnen. Darauf möchte ich in Kürze Folgendes erwidern. Der Apostel will hier gar nicht die Frage nach dem Grund unsres Heils erörtern, weshalb aus unsrer Stelle keinerlei Schlüsse auf die Verdienstlichkeit guter Werke gezogen werden dürfen. Die Schrift kennt überall keine andere Quelle des Heils als das freie Erbarmen Gottes. Wenn hie und da ein Lohn in Aussicht gestellt wird, so geschieht dies auf Grund der freien Verheißung, durch die Gott uns zu Kindern annimmt und mit sich versöhnt, indem er uns die Sünde nicht zurechnet. Der Lohn folgt also den Werken nicht kraft ihres Verdienstes, sondern als reines Geschenk, und zwar erst, nachdem wir um Christi willen in den Gnadenstand getreten sind. So sehen wir, dass Gott uns nicht etwas auszahlt, wozu er verpflichtet wäre; er hält nur ein freiwillig gegebenes Versprechen, indem er dabei uns und unsere Werke huldvoll anblickt. Oder, besser gesagt, er sieht nicht sowohl die Werke an als das, was von seiner Gnade darin ist. Er vergisst jener deshalb nicht, weil er sich selbst und das Werk seines Geistes darin erkennt. Das ist seine Gerechtigkeit, wie sie der Apostel meint: er kann sich selbst nicht verleugnen. So entspricht die Stelle dem Worte des Paulus (Phil. 1, 6): Der in euch angefangen hat das gute Werk, wird es auch vollführen. Denn was könnte Gott überhaupt Liebenswertes an uns finden, das er nicht selber zuvor in uns gewirkt hat? In Summa, die Gerechtigkeit Gottes hat nicht auf unsere Werke und ihre Verdienstlichkeit Bezug, sondern auf ihn selbst und auf seine Gaben, durch die er, ohne Veranlassung von unsrer Seite, ein Neues in uns angefangen hat. Weil er treu und wahrhaftig ist, wird er das Begonnene hinausführen. Zu unserm Schuldner aber macht er sich, wie Augustin sagt, nicht dadurch, dass er etwas von uns empfinge, sondern indem er aus Gnaden uns alles verheißt.

Arbeit der Liebe. Die Arbeit dürfen wir nicht scheuen, wenn wir am Nächsten unsre Liebespflicht erfüllen wollen; denn es handelt sich nicht bloß um Geldunterstützungen, sondern um Rat und Tat in dieser oder jener Form. Da gibt es manchen Tritt zu tun, mache Verdrießlichkeit zu schlucken, mitunter selbst Gefahren zu bestehen. Darum richte sich auf ein tätiges Leben ein, wer im Dienste der Liebe sich zu üben begehrt.

Die Liebe der Leser bewährte sich darin, dass sie den Heiligen dienten. So sollen wir uns den Brüdern gegenüber nicht weigern, ein Gleiches zu tun. Nicht zwar ist die Meinung, als wären wir einzig der Heiligen Schuldner; unsre Liebe muss vielmehr allem, was Mensch heißt, zugewandt sein. Aber insbesondere sind uns doch die Genossen des Glaubens ans Herz gelegt (Gal. 6, 10). Denn da die Liebe sich zum Wohltun bewogen fühlt, teils durch den Blick auf Gott, teils durch unsre Zusammengehörigkeit mit dem Nächsten, so ziemt uns Hilfeleistung vornehmlich gegen die, mit denen wir uns vor Gottes Thron als seine gemeinsamen Kinder zusammenfinden.

Indem der Apostel sagt: dientet und noch dienet, lobt er die Ausdauer, welche in diesem Stück besonders not tut. Nichts ist ja häufiger, als im Wohltun zu ermüden. Von den vielen zur Hilfeleistung Willigen lässt jeweilen ein guter Teil den Eifer sehr bald erkalten. Schon dies eine sollte uns aber ein unablässiger Antrieb sein, dass die den Heiligen erwiesene Liebe dem Namen des Herrn erzeigt wird. Was irgend wir zum Besten des Nächsten aufwenden, will der Herr annehmen als ihm getan (Mt. 25, 40). Wer sich des Armen erbarmet, leihet dem Herrn (Spr. 19, 17).

V. 11. Wir begehren aber usw. Auf die ernste Zusprache hatte der Apostel ein Wort aufmunternder Anerkennung folgen lassen. Aber das sollte nicht Schmeichelei sein: darum erinnert er jetzt wieder freimütig an das, was ihnen noch fehlt. Eure Liebe, sagt er ihnen, habt ihr vielfach bewährt; nun darf auch der Glaube nicht zurückbleiben. In eifrigem Werk erwiest ihr euch den Mitmenschen nützlich; mit nicht geringerem Fleiß sollt ihr nach Mehrung des Glaubens trachten, um mit voller und fester Zuversicht Gott zu ehren. Das christliche Leben hat zwei Seiten, entsprechend den beiden Tafeln des Gesetzes. Wer sie auseinanderreißt, begeht eine Verstümmelung. Das wäre eine falsche Weisheit, die nur auf äußere Unschuld und Rechtschaffenheit vor den Menschen abzielte und Gottes oberste Herrschaftsansprüche verkürzte. Vergessen wir darum nie, dass das Christentum ebensowohl die treue Pflege des Glaubens wie diejenige der Liebe erfordert.

Festzuhalten. Da sie trotz ihres christlichen Bekenntnisses zwischen mancherlei Ansichten hin- und hergeworfen wurden und selbst noch in unevangelischen Anschauungen befangen waren, werden sie ermahnt, sich so tief im Glauben gründen zu lassen, dass jedes unsichere Schwanken aufhöre. Diese Mahnung ist für keinen Christen überflüssig. Da die göttliche Wahrheit in sich feststeht, weist sich auch der darauf gerichtete Glaube eben durch seine Gewissheit und seinen Sieg über jeden Zweifel als echt aus.

Statt des Glaubens verwendet hier der Verfasser, absichtlich den verwandten Begriff der Hoffnung, weil von der Beharrlichkeit die Rede ist. Der wahre Glaube geht in der Tat stets mit der Hoffnung Hand in Hand. Er ist weit verschieden von jenem allgemeinen Führwahrhalten, dass Gott z. B. gerecht und wahrhaftig sei. Das mögen auch Gottlose zugeben; aber weil sie Gottes väterliche Gnade in Christus nicht ergreifen, geht ihnen nichts von guter Hoffnung auf.

Bis ans Ende, oder: bis zur Vollendung. Sie sollen wissen, dass sie das Ziel noch nicht erreicht haben, und deshalb auf weiteren Fortschritt bedacht sein.

Dazu braucht es ernsten Fleiß. Es ist nichts Leichtes für Geschöpfe, die kaum auf flachem Boden sich mühsam fortbewegen, den Geist beständig zum Himmel erhoben zu halten, während unsere Natur mit aller Macht niederwärts zieht und der Satan durch immer neue Künste uns an die Erde ketten will. Da gilt es vor Trägheit und vor Verweichlichung wohl auf der Hut zu sein.

V. 12. Sondern Nachfolger derer usw. Die Mahnung zu steter geistlicher Munterkeit bekommt größeres Gewicht durch den Hinweis auf die Väter, welche nur durch unüberwindliche Glaubensstärke der Verheißungen teilhaftig geworden seien. Beispiele bilden immer die beste Veranschaulichung. Die bloße Lehre würde nie solchen Eindruck machen, wie wenn wir in einer bestimmten Person erfüllt sehen, was von uns verlangt wird. Das den Lesern besonders vorgehaltene Beispiel Abrahams, der mit allen Frommen den wahren Glauben gemein hatte und nicht umsonst Vater der Gläubigen geheißen ward, ist aber auch ein Spiegel von ausgezeichneter Klarheit.

Glaube und Geduld bilden ein Zusammengehöriges. Der Glaube ist zwar das erste Erfordernis; allein angesichts der Tatsache, dass viele, die anfangs einen bewundernswerten Glauben zur Schau trugen, bald ermüden, kann der unwandelbare, nicht schlaffe Glaube nur in der Geduld seine Bewährung finden.

Der Ausdruck „die Verheißung ererben“ räumt den Verdienstaberglauben beiseite. Erben sind wir einzig nach dem Recht der Annahme an Kindesstatt.

V. 13 ff. Abraham. Es handelt sich um den Nachweis, dass uns Gottes Gnade vergeblich angeboten werde, wenn wir nicht die Verheißung gläubig annehmen und sie im Herzensschrein geduldig hegen und pflegen. Als Gott dem Abraham große Nachkommenschaft verhieß, schien dies gegen alle Vernunft zu streiten. Sara war kinderlos geblieben und ihr Leib jetzt erstorben, beide Gatten standen im Greisenalter; wer mochte glauben, dass von ihnen ein Volk abstammen könnte, zahlreich wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meer? Trotz alledem wartet Abraham und fürchtet keine Enttäuschung; er hat ein Wort des Herrn. Die Umstände, in denen er sich befand, muss man sich gegenwärtig halten bei der Bemerkung des Apostels: Abraham erlangte die Verheißung, aber erst nachdem er gewartet hatte auf das, was in jedermanns Augen unmöglich schien. Das heißt Gott die Ehre geben, wenn wir unbeirrt hoffen auf Dinge, die er einstweilen unsern Sinnen verbirgt und zur Übung unsrer Geduld in weite Ferne rückt.

V. 16. Die Menschen schwören bei einem Größeren. Wo ihnen keine anderen Beweisstücke zu Gebote stehen, greifen die Menschen zum Eide, indem sie über sich selbst hinaus an eine höchste Instanz appellieren; und der schwörenden Versicherung unter Anrufung des göttlichen Namens kommt eine solche Heiligkeit zu, dass sie zur gerichtlichen Entscheidung einer Sache genügt. Sollte nun der, den alle zum Zeugen anrufen, seinen eigenen Worten nicht den Nachdruck eines vollgültigen Zeugnisses verleihen können? Und wenn Gottes Name im Munde der Menschen eine derartige Kraft besitzt, wie viel größer ist dann die Glaubwürdigkeit, wo Gott selbst, der ewig Wahrhaftige, bei seinem Namen schwört! So viel zur Erläuterung der vorliegenden Stelle. Beiläufig mögen wir aber aus ihr auch ersehen, dass der Eid als eine rechtmäßiges Mittel, die Wahrheit mangels anderer Beweise an den Tag zu bringen und dem Streit ein Ende zu machen, auch dem Christen wohl erlaubt sein muss; spricht doch der Apostel hier davon als von einer frommen und Gott wohlgefälligen Sache, und zwar nicht im Blick auf vergangene Zeiten, sondern auch für die christliche Gegenwart. Der Eid soll aber immer beim Namen Gottes geschehen; denn er allein als der Wahrhaftige und einzige Herzenskündiger (Jer. 17, 10) kann Richter sein in Dingen, die sich menschlichem Urteil entziehen, sowie er auch allein imstande ist, einen falsch geschworenen Eid zu rächen. Wenn in Anlehnung an biblische Beispiele außer der direkten Anrufung des höchsten Richters gelegentlich andere Schwurformeln zur Anwendung kommen, worin die teuersten Dinge, wie unser Leben, unser Haupt und dergleichen genannt oder Kreaturen vor Gott als Zeugen angerufen werden, so zielt doch im Grunde jede solche Bezeugung mittelbar ebenfalls auf den einigen Gott.

V. 17. So hat Gott usw. Siehe, wie nachsichtig Gott als ein allgültiger Vater auf unsere Herzensträgheit Rücksicht nimmt: seiner Gnadenverheißung fügt er einen Eid hinzu, um uns volle Bürgschaft zu geben. Daraus erhellt, von wie großer Wichtigkeit es für uns sein muss, seines Wohlwollens gegen uns so versichert zu werden, dass kein ängstlicher Zweifel gegen uns mehr aufkommen kann. Seinen heiligen, allerteuersten Namen, dessen leichtfertigen Gebrauch er mit schwerer Ahndung bedroht, setzt er zum Pfande, wo es gilt, unsere Heilsgewissheit fest zu gründen; so viel ist an dieser gelegen. Er ist um unsere Erlösung dermaßen besorgt, dass er um ihretwillen für unsern Kleinglauben nicht nur Verzeihung, sondern auch freundliche Heilung bereithält.

Den Erben. Darunter scheinen die Juden insbesondere verstanden zu sein. Sie als die nächstberufenen Erben der Verheißung werden in der Pfingstrede des Petrus Apostelgeschichte 2, 39 (und 3, 25) an die erste Stelle gerückt gegenüber den Heiden, welche Gott aus der Ferne herzu ruft. Die Leser unseres Briefes sollen desto bereiter sein, den Bund der Verheißung anzunehmen, da dieser zunächst um ihres Volkes willen gemacht wurde. Doch gilt heute die Stelle auch uns Christen, die wir in die durch den Unglauben der Juden entstandene Lücke eingetreten sind.

Merke: „Rat“ Gottes heißt die Verkündigung des Evangeliums, damit niemand daran zweifle, dass sie aus Gottes innerstem Herzen geflossen und die Gläubigen jedes Mal, wenn sie das Evangelium vernehmen, dessen gewiss seien, es werde ihnen der geheime, ehemals verborgene Ratschluss bekannt gemacht, den Gott zu unserer Erlösung vor Grundlegung der Welt gefasst hat.

V. 18. Durch zwei Stücke, die nicht wanken. Bei Gott ist, ganz anders als bei den unzuverlässigen Menschen, die bloße Verheißung ebenso unabänderlich wie der Schwur. Seine Rede ist „lauter wie durchläutert Silber, bewährt siebenmal“ (Ps. 12, 7). Selbst ein Bileam muss ihr Zeugnis geben: Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten (4. Mose 23, 19)? Was Gott spricht, ist ganze Wahrheit und durch sich selbst glaubwürdig; tritt aber noch der Schwur hinzu, so entsteht überschwängliche Gewissheit – uns zum starken Troste.

Der Ausdruck Zuflucht besagt, dass die wahre Zuversicht auf Gott darin besteht, unter Verzicht auf alle anderen Stützen zu seiner untrüglichen Verheißung hinzufliehen und hier und sonst nirgends eine Freistatt zu suchen. Unser Mangel und unsere Not sind es, die uns dazu treiben.

Die angebotene Hoffnung zu ergreifen. Unserem Bedürfnis kommt Gott von sich aus entgegen; er reicht uns das dar, woran sich der Glaube halten und entzünden kann. Aber wenn diese Worte den Lesern Mut zum Ergreifen des Evangeliums machen sollten, so nehmen sie andererseits denen, die ein so naheliegendes Heilsgut missachten, jede Entschuldigung. Gewiss kann nach Kundmachung des Evangeliums mit noch mehr Recht als zur Zeit der Gesetzesverkündigung gesagt werden: „Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel oder hinab in die Tiefe fahren oder über das Meer? Denn das Wort ist dir nahe in deinem Munde und in deinem Herzen“ (5. Mose 30, 12 ff.; Röm. 10, 6 ff.).

Unter der „Hoffnung“ verstehe ich die Verheißung, sofern unsere Hoffnung sich darauf gründet. Der Apostel redet nämlich nirgends von einer ins Leere gesprochenen oder in der Luft schwebenden Verheißung, sondern von der im Glauben aufgenommenen und festgehaltenen.

V. 19. Einen sicheren und festen Anker. In einem prächtigen Bilde wird der Glaube mit einem Anker verglichen. In der Tat, während unsrer ganzen irdischen Wallfahrt stehen wir nicht auf festem Boden, sondern treiben wie auf einem heftig bewegten Meere dahin. Unaufhörlich erregt der Feind unsrer Seele Stürme, die unser Schiff alsbald zum Sinken brächten, wenn wir nicht den Anker tief in den Grund einsenkten. Nirgends zeigt sich ein ruhiger Ort, wohin auch unsere Sinne wandern, sondern überall nur Wasser und bedrohliche Wogen. Aber gleichwie der Anker durch die Flut ausgeworfen wird ins Dunkle und Verborgene und, solange er dort haftet, das Schiff festhält und vor dem Wellengrab bewahrt, so muss unsere Hoffnung auf den unsichtbaren Gott sich heften. Nur in Gott kommt sie zur Ruhe, an keiner Kreatur darf sie hangen bleiben. Und wie das Ankertau über allen grausigen Tiefen hinweg das Schiff mit dem Meeresgrund verbindet, so vermag die in uns lebendig gewordene, göttliche Wahrheit zwischen uns und Gott ein Band zu knüpfen, das in jeder noch so dunklen Erfahrung standhält. So mit Gott verbunden, mögen wir beständig von Stürmen umbraust werden, wir sind doch außer Gefahr des Schiffbruchs. Denn unser Anker ist „sicher und fest“. Draußen auf dem Meere kann es ja vorkommen, dass beim Anprall der Wellen der Anker ausgerissen wird oder das Tau reißt oder das Schiff von der Erschütterung berstet; aber größer ist Gottes Kraft, uns zu schirmen, größer die Gewissheit seines Wortes, größer die Macht der Hoffnung.

Der auch hineingeht usw. Der Glaubensanker findet nichts als Unbestand und Haltlosigkeit, bis er in Gott eingeht; darum muss er bis zum Himmel dringen. Mit Rücksicht auf seine jüdischen Leser spricht der Apostel davon unter einem Bilde, das von der alten Stiftshütte entlehnt ist: er sagt ihnen, sie sollen sich nicht bei sichtbaren und äußeren Dingen aufhalten, sondern in das innerste Heiligtum hinter dem Vorhang eintreten. Uns im Glauben himmelwärts zu wenden, haben wir aber umso mehr Grund, weil Christus dorthin eingegangen ist. Ihm folgt das Glaubensauge nach und darf nirgend anderswohin schweifen. Die Menschen würden Gott gewiss vergeblich suchen in seiner Majestät, die viel zu unerreichbar für sie ist; aber Christus reicht uns die Hand und führt uns in den Himmel. Und auch das war einst unter dem Gesetze schattenhaft angedeutet; der Hohepriester pflegte in das Allerheiligste zu gehen nicht nur in seinem, sondern auch in des Volkes Namen, wie er denn die zwölf Stämme, deren Namen in die zwölf Edelsteine des Brustschildes und die zwei Onyxsteine des Leibrockes eingraviert waren, gleichsam auf seinem Herzen und auf den Schultern trug, sodass in seiner Person zugleich alle anderen das Heiligtum betraten. Es hat daher guten Sinn, wenn der Apostel im gegenwärtigen Zusammenhang daran erinnert, dass unser Hohepriester in den Himmel eingegangen sei: er tat es nicht nur für sich, sondern „für uns“. Und so ist nicht zu fürchten, dass unser Glaube die Tür zum Himmel je verschlossen finde, da er nichts anderes als die unauflösliche Verbindung mit Christus ist. Weil wir aber Christus nachgehen müssen, wird der der Vorläufer genannt.

1)
Die römische Firmelung.
2)
Calvin denkt an eine mit Glaubensbekenntnis verbundene Feier beim Abschluss des Unterrichts, den die getauften Christenkinder empfangen. Er hält dafür, dass schon zur urchristlichen Zeit die Handauflegung in dieser Weise in Anwendung gekommen sei.
3)
Anhänger eines römischen Presbyters Novatian (i. J. 251), welcher für Rückfällige (Lapsi) das Recht der Wiederaufnahme in die Kirche bestritt.
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