Calvin, Jean - Hebräerbrief - Kapitel 13.

Calvin, Jean - Hebräerbrief - Kapitel 13.

V. 1. Bleibet fest in der brüderlichen Liebe. Diese Mahnung hat vielleicht darin ihren besonderen Grund, dass der Druck der geheimen Verachtung vonseiten der übrigen Juden einen Keil in die Christengemeinden treiben konnte. Doch ist sie überhaupt bitter notwendig, weil nichts sich leichter verflüchtigt als die Liebe, wenn jeder mehr als billig auf das Seine sieht und gegen die anderen zu wenig Rücksichten nimmt. Auch fehlt es keinen Tag an Verdrießlichkeiten und Kränkungen, die leicht eine trennende Wirkung haben. „Brüderlich“ nennt der Apostel die Liebe nicht nur zur Beziehung ihrer Herzlichkeit, sondern auch um uns zu erinnern, dass wir einzig als Brüder wahre Christen sein können. Denn von der Liebe ist die Rede, welche Glaubensgenossen untereinander haben sollen, also Leute, die der Herr durch das gemeinsame Band der Kindschaft eng verbunden hat. In der ersten Christenheit war es üblich, sich mit dem Brudernamen anzureden; heutzutage ist mit dem Namen auch die Sache großenteils verschwunden.

V. 2. Gastfrei. Auch diese Form dienender Wohltat besteht heute nicht mehr wie ehedem; jene alte, vielgerühmte Gastfreundschaft ist uns unbekannt, und Herbergen sind an die Stelle getreten. Der Brief hat übrigens nicht allein das Gastrecht im Auge, wie es die Vermögenden unter sich pflegten; er redet wohl in erster Linie der Aufnahme Bedrängter und Dürftiger das Wort, da es damals viele gab, die um des Namens Christi willen von Hause vertrieben waren. Und um seiner Mahnung Nachdruck zu geben, fügt er bei, dass etliche schon ohne ihr Wissen unter ihren Gästen Engel beherbergt hätten. Offenbar haben wir an Abraham und Lot zu denken (1. Mose 18, 3; 19, 3), denen bei ihrer täglichen Übung schlichter Gastfreundschaft ganz unvermutet ein großer Segen ins Haus kam, zum Zeichen, dass vor Gott diese Tugend besonders wertgeachtet ist. Wollte aber jemand einwenden, dass jenes Erlebnis etwas ganz vereinzeltes gewesen sei, so ist zu erwidern, dass nicht Engel bloß, sondern Christus selbst bei uns einkehrt, so oft wir in seinem Namen Armen Aufnahme gewähren.

V. 3. Als die Mitgebundenen. Nichts erregt unser mitleidiges Gefühl stärker, als wenn wir uns in die Lage der Heimgesuchten hineinversetzen, als ob wir an ihrer Stelle wären. Das bringt uns als die Mitgebundenen den Gebundenen nahe. Die entsprechenden Worte im folgenden Satzglied werden verschieden aufgefasst. Die einen übersetzen: „als die ihr auch noch im Leibe seid,“ d. h. den nämlichen Übeln wie jene ausgesetzt, solange ihr lebt. Ich möchte vorziehen, an den Leib der christlichen Gemeinde zu denken und also zu erklären: Da ihr eines Leibes Glieder seid, müsst ihr auch gemeinsam tragen, was euch drückt, und nichts darf euch voneinander scheiden.

V. 4. Die Ehe. Die Ehe ist eine eheliche Ordnung und soll auch ehrlich geführt werden, also dass Mann und Weib in Keuschheit und Zucht beieinander wohnen und ihren Verkehr nicht mit unwürdiger Zügellosigkeit beflecken. Sie sollen die rechten Schranken zu wahren wissen und alles fernhalten, was die Reinheit ihres Verhältnisses zerstören müsste. Unter dieser Voraussetzung ist die Ehe der unmittelbar daneben genannten Unreinigkeit entgegengesetzt und ein Heilmittel dawider. So gewiss Gott der rechtmäßigen Verbindung von Mann und Weib seinen Segen verliehen hat, ergeht auch sein strafendes Urteil über jede Verkehrung derselben. Nicht nur dem Ehebruch, sondern aller geschlechtlichen Ausschweifung folgt der Fluch, weil dadurch die heilige Ordnung verletzt und umgestoßen wird. Die ehrlich gehaltene Ehe aber, die den gemeinen, unsteten Lüsten einen Damm entgegenzusetzen vermag, empfiehlt uns eben darum der Apostel.

Den Zusatz bei allen verstehe ich in dem Sinn, dass kein Stand von der Ehe auszuschließen sei. Denn was Gott dem menschlichen Geschlechte überhaupt zugedacht hat, ziemt ohne Ausnahme allen, sofern sie wenigstens zur Ehe fähig sind und ihrer bedürfen. Ausdrücklich musste dieses gesagt werden, um dem wohl damals schon verborgen keimenden Irrwahne zu begegnen, dass das eheliche Leben etwas Unheiliges oder doch mit christlicher Vollkommenheit unvereinbar sei. Denn schon früh erhoben sich jene verführerischen Geister, von denen Paulus geweissagt hatte (1. Tim. 4, 3). Damit also niemand glaube, die Ehe sei nur für den großen Haufen, während sich die vorzüglichen Christen ihrer zu enthalten hätten, spricht der Apostel ohne jeden Vorbehalt; sie ist nach ihm kein bloßes Zugeständnis der Nachsicht, sondern aller Ehre wert.

V. 5. Der Wandel sei ohne Geiz. Der Warnung vor dem Geiz geht in zutreffender und wohlüberlegter Weise die Mahnung zur Seite, sich an dem Vorhandenen genügen zu lassen. Der Geizige kommt dahin, dass er selbst im üppigsten Überfluss nie genug sieht. Und umgekehrt, wenn wir unserer Begierde Grenzen setzen, so dass wir uns zufrieden geben mit dem, was Gott uns gibt, es sei viel oder wenig (Phil. 4, 11 f.), so treiben wir die Habsucht aus unserem Herzen aus und lernen den richtigen und mäßigen Gebrauch der irdischen Güter.

Denn er hat gesagt. Hier und in Vers 6 werden Schriftzeugnisse angeführt. Doch glaube ich, was das erste derselben betrifft, nicht, dass eine bestimmte Stelle, etwa Joh. 1, 5 angezogen ist; vielmehr gehört es zur durchgängigen Lehre der heiligen Schrift, dass Gott der Herr uns niemals verlassen will. Aus dieser Verheißung wird nun gefolgert, was Ps. 118, 6 ausgesprochen ist, dass wir der Ängstlichkeit wohl Meister zu werden vermögen, da wir der Hilfe Gottes gewiss sind. Die Krankheit der Habsucht und Geldsorge möchte also der Apostel von ihrer Wurzel, dem Misstrauen, aus überwinden. Denn wer sich dies gegenwärtig hält, dass er nie von Gott im Stiche gelassen sein wird, kann sich nicht unnötige Sorgen machen, da er stets von der Vorsehung abhängig bleibt, und der wird sich dann auch vor der schlimmsten Begierde bewahren. Der Glaube allein bringt das menschliche Herz aus der jedem nur zu gut bekannten Unruhe heraus zum Frieden.

V. 7. Gedenket an eure Lehrer. Der Verfasser hält den jüdischen Christen das Beispiel derer vor, von denen sie unterrichtet worden waren, und zwar könnte der Hinweis auf ihr Ende es wahrscheinlich machen, dass im Besonderen von solchen die Rede ist, die die Lehre mit ihrem Blut besiegelten. Doch hindert nichts daran, überhaupt an alle zu denken, die bis zuletzt im Glauben beharrt und sowohl im ganzen Leben als im Sterben von der gesunden Lehre treulich Zeugnis gegeben hatten. Dass es aber ihre Lehrer sind, denen sie nacheifern sollen, gibt der Mahnung nicht geringes Gewicht: müssen uns doch Männer, die uns zum christlichen Leben verholfen haben, als Väter gelten. Wenn nun jene, sei es in grausamen Verfolgungen oder in sonstigen Kämpfen, standhaft und ungebeugt geblieben waren, so hatte ihr Vorbild umso stärkere Kraft.

V. 8. Jesus Christus usw. Der einzige Weg, im rechten Glauben zu beharren und wahrhaft weise zu werden, ist das unerschütterliche Festhalten am Glaubensgrund; das lehrt unsere berühmte Stelle. In Christus allein müssen wir mit all unseren Sinnen wurzeln. Wer Christus nicht festhält, dessen Weisheit ist leerer Dunst, ob er auch im Himmel und auf Erden Bescheid wüsste; denn in Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis (Kol. 2, 3).

Da aber der Verfasser jüdische Leser vor sich hat, legt er Nachdruck darauf, dass Christus die Herrschaft, die ihm heute zukommt, stets innegehabt habe und dass er bis ans Ende der Welt kein anderer sein werde: Gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Ist man einmal zu Christus gelangt, so hat man kein Recht, über ihn hinauszuschreiten. Das Gestern umfasst die ganze Zeit des alten Bundes. Die Kundmachung des Evangeliums ging in die jüngste Zeit zurück; konnte sie nicht unversehens wieder von etwas anderem abgelöst werden? Nein, die Offenbarung Christi gilt, wie sie ist, ein für alle mal. Es ist deutlich, dass hier der Apostel nicht von Christi ewigem Sein und Wesen spricht, sondern von seiner Bezeugung unter den Menschen, die sich zu allen Zeiten bei den Frommen bewährte und der beständige Grund der Gemeinde Gottes gewesen ist, wobei sich allerdings von selbst versteht, dass Christus vor aller Erweisung seiner Kraft gewesen sein muss. Der äußeren Art und Beschaffenheit nach war freilich seine Offenbarung unter dem Gesetz verschieden von derjenigen, die wir heute haben; nichtsdestoweniger kann der Apostel der Wahrheit gemäß sagen, es sei stets derselbe Christus, auf den die Gläubigen schauen.

V. 9. Lasst euch nicht umtreiben. Ist die Wahrheit fest und gegeben, so ziemt kein Schwanken. Das Wirrsal der Meinungen, jeder Aberglaube, ungeheuerliche Irrtümer und alle Verderbnisse der Religion stammen nirgend anderswoher als daher, dass es am Gegründetsein in Christus fehlt. Er ist uns von Gott gemacht zur Weisheit (1. Kor. 1, 30). Ruhen unsere Gedanken in ihm, so haben wir gewisse, göttliche Wahrheit, wogegen alle, welche über ihn hinwegsehen, satanischen Täuschungen und beständiger Ungewissheit ausgeliefert sind. Möge denn die Mahnung des heiligen Geistes nicht aus unserem Herzen weichen, dass uns nur das Hangen an Christus der Gefahr entreißt.

Die von Christus wegführenden Lehren heißen mancherlei, weil es außer dem Zeugnis von Christus keine einige und reine Wahrheit gibt, fremde, weil Gott nichts als sein eigen erkennt, was nicht Christi Stempel trägt. Auch im Verständnis der Schrift bleibt auf einem toten Punkt und ein Fremdling, wer nicht genau auf Christus zielt.

Denn es ist ein köstlich Ding. Christus der alleinige Grund unseres Glaubens – dies findet im Folgenden noch seine besondere Anwendung mit Bezug auf jenes bei den Juden so hoch im Schwange gehende, abergläubische Unterscheiden von zulässigen Speisen, was auch zu den „fremden“ Lehren gehörte und viel Streit und Trennung anrichtete: eine Bedeutung für unser Heil und für wahre Heiligkeit kommt ihm nicht zu.

Wenn den Speisen die Gnade gegenübergestellt wird, so zweifle ich nicht, dass dabei an die Wiedergeburt und die wahre Gottesverehrung gedacht ist. Gottes Gnade schafft ein festes, den Schwankungen entrissenes Herz, nicht das Achten auf reine und unreine Speisen.

Davon keinen Nutzen haben, die damit umgehen. Man mag dabei zunächst an die schwachen Gewissen denken, welche auch noch unter dem Evangelium an den alten Zeremonien kleben blieben. Von den Vätern dagegen, die unter dem Gesetze lebten, muss man sagen, dass die Zucht des ganzen auferlegten Joches, unter das sie sich gehorsam beugten, erzieherische Bedeutung und insofern Nutzen für sie hatte. Doch auch für sie gilt, dass die Enthaltung von Speisen, an sich betrachtet, wertlos war. Eine andere Wichtigkeit kommt ihr in der Tat nicht zu als die eines pädagogischen Hilfsmittels aus der Anfangszeit der göttlichen Menschheitserziehung. Übrigens wird man das auch auf die übrigen gesetzlichen Gebräuche anwenden dürfen.

V. 10. Wir haben einen Altar usw. In geistreicher, bildlicher Rede verknüpft der Apostel das alte Ritualwesen mit dem gegenwärtigen Heilsgut der Gemeinde. Es gab ein jährliches Opfer, in 3. Mose 16, 27 erwähnt, wovon nichts für die Priester und Leviten bestimmt war. Dessen Erfüllung weist er mit treffender Vergleichung in Christus nach: auch sein Opfer hat nach der Ordnung stattgefunden, dass die, die der Hüte pflegen, vom Genuss ausgeschlossen sind. Unter den Dienern der Stiftshütte sind aber jetzt alle Verehrer der alten Zeremonien zu verstehen; wollen wir also an Christus teilhaben, so ist diesen Dingen der Abschied zu geben. Denn wie der Altar die Opferung und das Opfer mitumfasst, so will die Hütte als Bezeichnung aller jener äußerlichen Schattenbilder verstanden sein. Der Sinn der Stelle ist daher: Jenes Opfer, das die Leviten hinaus vor das Lager tragen sollten, um es dort zu verbrennen, deutete selbst schon das einstige Aufhören des Gesetzeswesens an; denn gleichwie die Diener der Hütte davon nichts zu genießen bekamen, so verzichten wir auf unsere Person auf das Opfer, das Christus einmal gebracht, und auf die Versöhnung, die er mit seinem Blute einmal gestiftet hat, wenn wir fortfahren, der Hütte zu pflegen, d. h. die Gesetzesbräuche zu beobachten.

V. 13. So lasset uns zu ihm hinausgehen. Der eben gezogene, bildliche Vergleich bekommt noch mehr Wärme und Kraft durch den weiteren Hinweis auf die ernste Aufgabe, die aller Christen wartet. Ähnlich wie Paulus jedes Mal, wenn er die Gläubigen von wertlosen Übungen, worin sie sich umsonst abmühen, zu lösen versucht, gleichzeitig vollen Nachdruck legt auf den Dienst, den Gott wirklich von ihnen fordere, so verfährt hier auch unser Verfasser. Er zeigt, dass es sich bei der Einladung zum Verlassen der Hütte, um Christus zu folgen, um ganz andere Dinge handle als um behagliche Gottesverehrung im Schatten prunkvoller Tempel: unser Weg geht durch Bann und Verfolgung, Schmach und Schande und Trübsal aller Art. Den müßigen Betrachtungen, welche den Befürwortern der Zeremonien einzig am Herzen lagen, stellt er solchen Kriegsdienst mit seinen Mühen und Kämpfen bis aufs Blut gegenüber.

V. 14. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt. Das Hinausgehen, wovon er gesprochen, versteht er noch in einem strengeren Sinn. Wir sind in dieser Welt überhaupt nur Fremdlinge, ohne festen Wohnsitz, daran sollen wir im rauen Wechsel des Lebens denken. Der Himmel ist unser Erbe, und in der Schule der Leiden haben wir uns auf den letzten Auszug vorzubereiten. Die ein allzu geruhiges Leben haben, pflegen sich sozusagen hier auf Erden einzunisten; es ist uns darum gut, zum Schutz gegen solche Lauheit viel hin und her geworfen zu werden, damit wir die niederwärts gerichteten Augen zum Himmel erheben lernen.

V. 15. So lasset uns nun opfern usw. Sollen denn aber für die Christen mit dem Wegfall der alten Religionsübungen alle Opfer aufgehört haben? Nein, erwidert der Apostel, ein Opfer ist uns geblieben, das Gott weit angenehmer ist als alle äußeren, wie das Gesetz sie erforderte, und in diesem Sinne schon im 50. Psalme jenen gegenübergestellt wird: der Dank, womit wir Gott um seine Güte preisen, wenn wir ihm nach dem Ausdruck des Propheten Hosea (14, 3) die Farren unserer Lippen darbringen. Dies Opfer will Gott von uns, und wir sind jederzeit imstande, ihm diese rechtmäßige und vollkommene Verehrung zu bezeigen. An jede Anrufung seines Namens ist dabei mitgedacht; denn Dank und Lob setzen Erhörung voraus und diese die Bitte.

Indem der Apostel so auf den wahren Gottesdienst des neuen Bundes hinweist, erinnert er nebenbei mit dem durch ihn daran, dass die echte Anrufung und Lobpreisung Gottes an das Mittleramt Christi gebunden ist. Er ist es, der unsere befleckten Lippen heiligt und unsere Bitten priesterlich vor Gottes Thron gelangen lässt.

V. 16. Wohlzutun. Hier nennt er noch eine weitere Art des gültigen und Gott wohlgefälligen Opfers: alle Dienste der Liebe sind ebenso viele Opfergaben. Wie töricht und verkehrt ist somit das Trachten der Leser, welche meinen, es gehe ihnen etwas ab, wenn sie keine Tiere mehr nach dem Gesetz darzubringen haben! Gibt uns doch Gott so reichlich Gelegenheit zum Opfern, wenn wir nur wollen. Ihn anrufen und unter Danksagung seine Güte verkündigen, ferner unseren Brüdern Gutes tun, das sind die wahren Opfer für wahre Christen; die anderen gehören einer vergangenen Zeit an. In solchen Gedanken liegt ein mächtiger Antrieb zur Wohltätigkeit gegen den Nächsten; denn es ist keine geringe Ehre, dass Gott, was wir Menschen erweisen, als ein ihm dargebrachtes Opfer ansieht und unseren geringen Dienstleistungen solchen Wert und Würde gibt, dass sie ihm heilig gelten. Wo deshalb unter uns die Liebe erkaltet ist, betrügen wir nicht nur Menschen um ihr Recht, sondern Gott selber, der alles Gute, das er gegen Menschen zu erzeigen gebietet, feierlich als seine Sache erklärt hat. Der Ausdruck mitteilen ist noch umfassender als wohltun. Er begreift alles, womit überhaupt Menschen einander zur gegenseitigen Förderung sind; und in dieser durch Gottes Geist gewirkten, lebendigen Gemeinschaft offenbart sich erst, was echte Liebe heißt.

V. 17. Gehorchet euren Lehrern. Offenbar ist hier von den Gemeindehirten und anderen Leitern der Kirche die Rede. Ihnen muss vertrauensvoller Gehorsam und Ehrerbietung entgegengebracht werden. Doch ist zu merken, dass der Apostel nur die im Auge hat, die ihr Amt treu verwalten. Die bloß den Namen haben oder den Amtstitel gar zum Verderben der Kirche missbrauchen, verdienen nicht große Ehrfurcht und noch viel weniger Vertrauen. Der Apostel spricht ja von einem Wachen für die Seelen, was nur von solchen gilt, die ihre Pflicht tun und sind, was sie heißen.

Denn sie wachen. Je größer die Last, Schwierigkeit und Gefahr ist, die einer um unsertwillen auf sich nimmt, desto mehr sind wir ihm verpflichtet. Nun fasst die Aufgabe der Seelenhirten so außerordentliche Beschwerden in sich, dass, wenn wir erkenntlich sein wollen, es kaum möglich sein wird, alle Schuldigkeit zu erstatten. Besonders aber, da sie über unsere Seelen zu wachen und Gott dafür Rechenschaft zu geben haben, wäre es sehr unangebracht, über sie hinwegzusehen. Bereitwilligkeit, zu lernen und zu gehorchen, wird von uns gefordert, damit sie, was das Amt sie tun heißt, gern und freudig tun. Traurigkeit und Verdruss müsste auch die Rechtschaffenen und Treuen unter ihnen lässiger machen, weil mit dem frohen Sinn zugleich die Tatkraft schwindet. Durch kränkenden Undank schadet also, wie der Apostel hervorhebt, die Gemeinde sich selbst; ihre Unempfänglichkeit fällt in der Nachlässigkeit der Hirten als Strafe auf sie zurück. Dass aber von zehn Christen kaum einer daran denkt, zeigt nur, wie gleichgültig man in den Dingen des Seelenwohls geworden ist. Und unter den Hirten sind leider auch nur wenige dem Paulus ähnlich, dass sie den Mund auftun, mag das Volk die Ohren verstopfen oder nicht, und ihr Herz weit machen, ob es in den Herzen der anderen noch so eng ist (2. Kor. 6, 11 – 13).

V. 18. Denn wir sind sicher usw. Nachdem er sich ihrer Fürbitte empfohlen, sagt er, dass er ein gutes Gewissen habe. Denn wiewohl unsere Bitten ebenso wie die Liebe, aus der sie fließen, die ganze Welt umspannen sollen, ist es doch natürlich, dass wir uns in besonderer Weise um die Menschen kümmern, deren Rechtschaffenheit oder andere gute Eigenschaften wir erprobt haben. Die Unverletztheit seines Gewissens erwähnt er also in der Meinung, ihre Sorge um ihn dadurch desto mehr zu entfachen. Die Redeweise: ich bin überzeugt oder sicher, bringt beides, Bescheidenheit und Zuversicht, zum Ausdruck.

Bei allen kann sowohl auf Verhältnisse wie auf Personen bezogen werden, weshalb es in der Übersetzung unbestimmt gelassen ist.

V. 19. Ich ermahne aber desto mehr usw. Zur Fürbitte darf er sie umso eher ermahnen, als es ihm dabei nicht sowohl um sich selbst, als vielmehr um der Leser eigenes Wohl zu tun ist. In ihrem Interesse wünscht er nämlich, dass er ihnen recht bald wiedergegeben werden möchte. Man könnte aus dieser Stelle nebenbei die Vermutung schöpfen, der Verfasser des Briefes sei damals durch andere Verpflichtungen oder Verfolgungsgefahr verhindert gewesen, seine Leser in nächster Zukunft von Angesicht zu sehen; bei Vergleichung mit Vers 23 erscheint aber wahrscheinlicher, dass er sich so ausdrückt, einfach weil er bedenkt, dass des Menschen Schritte in Gottes Hand ruhen.

V. 20. Der Gott des Friedens. Die Fürbitte, um die er für sich ersucht, übt er selbst, indem er den Brief mit einer solchen schließt. Er bittet Gott, dass er sie zu allem guten Werk ausrüste oder fertig mache. Zum Guten sind wir ja in keiner Weise geschickt, bis Gott uns neugeschaffen hat, noch sind wir fähig, darin zu bleiben, wenn er uns nicht kräftigt. Denn das Beharren im Heilsstand ist allein seine Gabe.

Was aber gute Werke sind, beschreibt er, indem er auf die Regel des göttlichen Willens verweist. Nur was diesem gemäß geschieht, ist für gut anzusehen, wie auch Paulus Römer 12, 2 und an mehreren anderen Stellen lehrt. Vergessen wir darum nicht, dass die richtige Vervollkommnung des Lebens darin besteht, dass es auf den Gehorsam gegen Gott eingestellt wird.

Das unmittelbar folgende Satzglied dient zur näheren Erklärung: Er schaffe in euch, was vor ihm gefällig ist. Vom Willen, wie er im Gesetz offenbart ist, war soeben die Rede. Jetzt wird angedeutet, dass man Gott nichts aufdrängen könne, was er nicht verlangt hat, weil ihm an seinem Willen mehr gelegen ist als an allen willkürlichen Erfindungen der Welt.

Die Beifügung durch Jesus Christ kann auf zwiefache Weise verstanden werden, entweder: Er schaffe es durch Jesus Christus, oder: was ihm gefällig ist durch Jesus Christus. Beide Mal ergibt sich ein treffender Sinn. Denn wir wissen, dass die Wiedergeburt aus dem Geiste und alle Gnadenwirkungen für uns durch Christus vermittelt sind; und weil anderseits nichts ganz Vollkommenes aus uns hervorgeht, ist es wiederum gewiss, dass Gott an nichts Gefallen haben kann ohne die durch Christus erlangte Vergebung. Wenn Christi Gnade unsere Werke durchdringt, erlangen sie vor Gott einen Wohlgeruch, den sie sonst nimmer haben. Ich möchte daher beide Beziehungen festhalten.

Den Schluss dieses Segenswunsches: Welchem sei Ehre usw. beziehe ich am liebsten auf Christus. Wird aber ihm hier zugeschrieben, was allein Gott gehört, so haben wir an dieser Stelle eine klare Bezeugung seiner Gottheit. Ich habe nichts dawider, wenn man die Deutung auf den Vater vorzieht, aber das andere liegt näher.

Der von den Toten ausgeführt hat. Darin liegt eine Verstärkung des Gedankens: es soll betont werden, dass wir Gott erst dann recht anflehen, uns zur Vollendung zu führen, wenn wir seine Macht in der Auferweckung Christi anschauen und Christus selbst als den Hirten erkennen. Auf Christus haben wir immer wieder zu sehen, um uns der Hilfe Gottes zu getrösten. Denn dazu wurde wer vom Tode erweckt, dass wir in derselben Kraft Gottes zum ewigen Leben erneuert würden, und der große Hirte ist er, damit er die Schafe, die der Vater ihm befohlen, schützt.

Im Blut. Andere übersetzen: durch das Blut. Besser aber gefällt mir: in und mit dem Blut. Denn der Apostel scheint sagen zu wollen: Indem Christus von den Toten erstand, ist doch sein im Tode vergossenes Blut nicht wirkungslos geworden, sondern behält seine Kraft zur Beglaubigung des ewigen Bundes auch nach der Auferstehung und bringt seine Frucht, wie wenn es ewig flösse.

V. 22. Ich ermahne euch aber. Irgendeine neue Lehre vorgetragen zu hören, geht den Menschen, neugierig wie sie von Natur sind, viel leichter ein, als in bekannter und oft verhandelter Sache eine Ermahnung zu beherzigen. Und eine Rüge oder Strafe hinzunehmen, kommt sie schon darum schwer an, weil sie so gewohnt sind, sich gehen zu lassen.

V. 23. Wisset. Besser ist es, so zu übersetzen als, was ebenfalls möglich wäre: ihr wisset. Es soll offenbar den weit entfernt wohnenden Lesern etwas mitgeteilt werden, was sie noch nicht wissen. Wenn übrigens hier Timotheus, der bekannte Begleiter des Paulus, gemeint ist (was ich gern annehme), so gewinnt es an Wahrscheinlichkeit, dass Lukas oder Klemens Verfasser dieses Briefes ist. Paulus pflegt ja doch den Timotheus nicht Bruder, sondern seinen Sohn zu nennen; auch würden die folgenden Worte nicht auf Paulus passen. Allem Anschein nach ist nämlich der Briefschreiber nicht gefangen, sondern in voller Freiheit, hält sich auch kaum in Rom auf, sondern zieht hin und her durch die Städte und rüstet sich eben jetzt, die Reise über das Meer anzutreten. Bei Lukas oder Klemens konnten alle diese Umstände nach des Paulus Tod leicht zutreffen.

V. 24. Grüßet. Da er den Brief allen jüdischen Christen insgesamt schreibt, ist es auffällig, dass besondere Grüße an einzelne aufgetragen werden, wie wenn sie nicht zu den übrigen gehörten. Ich denke indessen, der Gruß an die Vorsteher ist in gewinnender Absicht beigesetzt, um sie zu ehren und der Mahnung zur Einigkeit in der Lehre einen freundlichen Nachdruck zu geben. Wenn er noch beifügt: und alle Heiligen, so sind darunter entweder die Gläubigen aus der Heidenwelt zu verstehen, und die Meinung ist, dass Juden- und Heidenchristen sich möchten verstehen lernen, oder es bezieht sich darauf, dass die, in deren Hände der Brief zuerst gelangt, ihn den anderen zu lesen geben sollen.

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