Calvin, Jean - Hebräerbrief - Kapitel 12.

Calvin, Jean - Hebräerbrief - Kapitel 12.

V. 1. Darum auch hier usw. Die Folgerung fügt sich wie ein Nachwort dem vorhergehenden Kapitel an. Dazu hat der Brief jene lange Reihe von Glaubenshelden des alten Bundes aufgezählt, dass jeder Christ sich anschicke, ihnen nachzufolgen.

Von einer Wolke spricht der angesichts ihrer großen Zahl. Das Vorbild wäre wirksam, auch wenn es wenige wären; die große Schar will uns ein umso stärkerer Antrieb sein. Wir haben diese Wolke um uns, sie umgibt uns; denn wohin wir schauen, treten uns alsbald Beispiele des Glaubens entgegen. Zeugen heißen sie, insofern ihre Tat genügend für den Glauben spricht, um jedem Zaudern zu wehren. Alle Tugenden der Heiligen sind Zeugnisse, die uns Mut machen sollen, in ihren Fußstapfen umso entschlossener Gott zu unserem Ziele zu wählen.

Lasset uns ablegen jede Bürde. Dies gehört zum Bilde vom Wettlauf; nichts hindert die Eile so sehr wie eine Last auf dem Rücken. Mancherlei Bürde gibt es, die unseren geistlichen Lauf aufhalten kann, Hangen am zeitlichen Leben, weltliche Ergötzung, fleischliche Lüste, irdische Sorgen, auch Reichtum, Ehre und dergleichen. Wer die Bahn Christi gehen möchte, muss vor allen Dingen brechen mit allem, was für ihn zu einer satanischen Verstrickung werden will; denn schon ohnedies sind wir nur zu schwerfällig von Natur. Der Gedanke ist dieser: wir sind zum Wettlauf berufen, und zwar auf einer Rennbahn sondergleichen; ringsum steht die Menge der Zeugen, und der Sohn Gottes als Kampfrichter hält uns den Siegespreis vor – schmählich, wenn wir da mitten im Lauf erlahmten! Alle jene früher genannten, heiligen Männer sind mit uns Genossen desselben Wettkampfes und unsere Vorläufer auf dem Wege; dennoch werden sie hier als Zeugen genannt, denn sie sollen uns nicht als gefährliche Nebenbuhler erscheinen, sondern eher als Beifall spendende, unsern Sieg mitfeiernde Zuschauer, sowie auch Christus nicht bloß der Kampfrichter ist, sondern uns die Hand reicht, Mut und Stärke einflößt, kurz von Anfang bis zu Ende des Laufes uns tüchtig macht allein durch seine Kraft.

Und die Sünde, so uns immer anklebt. Dies die schwerste Bürde, die uns beeinträchtigt und unseren Lauf zuschanden macht, wenn wir uns ihrer Fessel nicht entreißen. Es ist hier aber nicht von besonderen äußeren Verschuldungen die Rede, sondern von der bösen Wurzel, der fleischlichen Gesinnung, die unserem ganzen Wesen so sehr anhaftet, dass wir auf allen Seiten ihren Druck verspüren.

Lasset uns laufen durch Geduld. Dieses Wort erinnert uns immer wieder daran, worauf es nach dem Apostel beim Glauben am meisten ankommt: er lässt uns trachten nach Gottes Reich, dem unsichtbaren und über alle unsere Sinne erhabenen. Wer seinen Blick darauf gerichtet hält, dem hat alles Irdische wenig zu bedeuten.

V. 2. Da er wohl hätte mögen Freude haben. Die Freude bedeutet allseitiges Wohlergehen. Christus sah sie vor sich gelegt; er hätte seine Hand danach ausstrecken können. Aber wiewohl es ihm frei stand, sich von jeder Beschwerde loszumachen und ein Leben in Glück und Überfluss zu führen, nahm er statt dessen freiwillig den bitteren und schmachvollen Tod auf sich. Will man jedoch den Sinn des Satzes so verstehen, Christus sei um des in Aussicht stehenden Lohnes der Freude willen dem Kreuzestod nicht aus dem Wege gegangen, indem er auf den seligen Ausgang sah, so habe ich nicht viel dawider einzuwenden, bleibe aber für meine Person bei jener anderen Auslegung. Nach zwei Seiten wird uns die Geduld Christi zum Vorbild hingestellt: er ertrug den bittersten Tod, und er achtete der Schande nicht. Dann folgt die Erwähnung des glorreichen Ausgangs, damit die Gläubigen wissen, dass sich, wofern sie Christus nachfolgen, auch ihre Leiden in Heil und Ruhm wandeln werden (Röm. 8, 17; 2. Tim. 2, 12). So auch Jakobus (5, 11): die Geduld Hiobs habt ihr gehört, und das Ende wisset ihr.

V. 3. Gedenket an den usw. Die Ermahnung, die der Apostel aus der Vergleichung mit Christus herleitet, bekommt noch größeres Gewicht. Denn wenn der Sohn Gottes, dem vor allem Anbetung gebührte, aus freien Stücken so harte Kämpfe auf sich nahm, wer von uns dürfte sich dann weigern, Gleiches mit ihm zu tragen? Dieser eine Gedanke, dass wir den Sohn Gottes zur Seite haben, und dass er, der uns so hoch Überragende, in unsere Lage eingehen wollte, um uns durch sein Beispiel Mut einzuflößen, soll alle Anfechtung zu überwinden imstande sein. Ja, das hebt unsere Herzen, die sich sonst in Leid und Verzweiflung verzehren müssten, mächtig empor.

V. 4. Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden. Der Verfasser geht noch weiter: er spricht von einem Kampf wider die Sünde, der selbst dann statthaben muss, wenn wir um Christi willen verfolgt werden. In solchen Kampf konnte Christus freilich nicht eingehen, da er rein und frei von jeder Sünde war. In uns aber wohnt sie stets, und die Trübsale dienen zu ihrer Zähmung und Überwindung. Darauf zielt hier der Apostel; er meint, dass die Verfolgungen, die wir um des Evangeliums willen erleiden, in anderer Hinsicht uns wieder von Nutzen seien, nämlich als Heilmittel wider die Sünde. Gott hält uns auf diese Weise unter dem Joch seiner Zucht, damit unser Fleisch nicht mutwillig werde, oder damit ein schon vorhandener Übermut gedämpft werde und wir uns künftig vor Fehltritten besser in achtnehmen. In beiden Fällen sollen wir in jenem Kampf gegen die Sünde geübt werden. Indem wir die Sache Christi führen und verteidigen, haben wir gleichzeitig den Feind in der eigenen Brust zu bekriegen, und durch Gottes Gnade muss die eine Aufgabe zur Förderung der anderen ausschlagen.

Bedenken wir aber, an wen er diese Ermahnung richtet: an Christen, die mit Freuden den Raub ihrer Güter erduldet und manche Schmach getragen haben. Nichtsdestoweniger wirft er ihnen vor, dass sie träge ermattet seien, bevor sie sich bis zum Ziele hindurchgekämpft. Keine überstandene Beschwerde gibt uns das Recht, vom Herrn unsere Entlassung aus dem Dienste zu fordern; denn ausgediente Soldaten kennt Christus nicht, ohne die, welche auch durch den Tod hindurchgedrungen sind.

V. 5. Und habt ihr bereits vergessen? Ich nehme das als Frage. Der Sinn ist: es ist noch nicht an der Zeit, es zu vergessen. Die Ausführung dreht sich im Folgenden um den Gedanken, dass Erziehung durch Leiden uns heilsam sei. Dahin zielt das angeführte Wort aus den Sprüchen Salomos (Spr. 3, 11 f.), das zunächst eine Mahnung ausspricht und dann den Grund dafür angibt.

Schon die Anrede„mein Sohn“, womit sich Gott in diesem Worte an uns wendet, soll uns durch ihre große Herzlichkeit locken, dass wir die Aufforderung recht zu Herzen fassen. Und der Kern der Mahnung selber ist der: sind Gottes Züchtigungen ein Beweis seiner Liebe gegen uns, so dürfen sie nicht mit Verdruss oder Hass aufgenommen werden; denn es wäre doch mehr als Undank, nicht annehmen zu wollen, was zum eigenen Heile dient, ja zu missachten, was ein Zeichen väterlichen Wohlwollens ist.

V. 6. Welchen der Herr lieb hat usw. Da die Angeredeten Gläubige sind, wird das Leiden hier begreiflicherweise nur vom Standpunkt der gläubigen Erfahrung aus beleuchtet. Mag Gott sich gegenüber den Gottlosen im Strafen immer als strengen und erzürnten Richter beweisen, bei seinen Auserwählten sieht er es auf nichts anderes ab, als ihr Heil zu fördern; das ist seine väterliche Liebe gegen sie. Weil ferner die Gottlosen überhaupt an keine höhere Führung glauben, schreiben sie ihre Heimsuchungen meistens dem bloßen Zufall zu; flüchtigen und oberflächlichen Geistes, wie sie sind, merken sie nichts von Gottes Hand, die auch in ihr Leben eingreift. Die Gedanken göttlicher Liebe, die in der Züchtigung verborgen liegen, lassen sich nur dann herausfühlen, wenn wir mit Bestimmtheit daran festhalten, dass es väterliche Zuchtruten sind, die wir zu spüren bekommen. Übrigens muss das Gericht anfangen am Hause Gottes (1. Petr. 4, 17); reckt er seine strafende Hand nach den eigenen Hausgenossen aus, so geschieht es, weil sie ihm in besonderer Weise am Herzen liegen. Aber für jeden, der sich von Gott gezüchtigt weiß und in der Strafe die Nähe Gottes verspürt, handelt es sich darum, dass er dann wirklich auch den weiteren Schritt zu dem Glauben vollzieht, solches widerfahre ihm, weil er von Gott geliebt sei. Ohne Liebe würde er sich ja um unser Heil nicht bekümmern. Deshalb schließt der Apostel, Gott biete sich allen, welche die Züchtigung willig auf sich nehmen, zum Vater an. Wer ausschlägt wie ein störrisches Pferd oder unbeugsam bleibt, wird nie zu der Höhe dieser Erfahrung gelangen. So bleibt es denn dabei: Gottes Züchtigungen werden zu väterlichen Züchtigungen erst dadurch, dass wir uns ihnen gehorsam unterwerfen.

V. 7. Denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Wenn sich unter den irdischen Vätern, sofern sie wenigstens verständig sind, keiner findet, der seine Kinder ungestraft lässt, weil diese ohne Zucht nicht wohl geraten mögen, wie viel weniger wird Gott, der beste und weiseste Vater, dieses unentbehrliche Heilmittel außeracht lassen? Wollte man einwenden, solche Züchtigung höre auf, sobald die Kinder herangewachsen seien, so ist zu erinnern, dass wir vor Gott lebenslang mehr als unmündig bleiben und deshalb der Rute nie entbehren können. Mit Recht bemerkt daher der Apostel, wer allem Kreuz aus dem Weg gehen wolle, schließe sich damit von der Zahl der Kinder Gottes aus. Wir schätzen unser Kindsrecht nicht nach Gebühr und stoßen die Gnade von uns, wenn wir durch Mangel an Geduld in der Trübsal verraten, dass wir uns der göttlichen Zucht am liebsten ganz entzögen.

Von Bastarden, nicht von Fremden, spricht er, weil seine Leser immerhin Glieder der Gemeinde und darum dem Namen nach Gottes Kinder waren. Aber ihr christliches Bekenntnis ist falsch und erlogen und ihre Kindschaft unehelich, wenn sie sich außer des Vaters Zucht stellen.

V. 9. So wir haben unsere leiblichen Väter usw. Diese Vergleichung weist mehrere Beziehungspunkte auf. Erstlich, wenn wir unseren Vätern, von denen wir dem Fleische nach abstammen, so große Achtung erwiesen haben, dass wir ihre Zucht willig annahmen, wie viel mehr Ehre gebührt dann Gott, dem Vater der Geister, der unsere Seelen geschaffen hat und sie durch die Kraft seines Geistes wunderbar erneuert! Sodann ist die Zucht der irdischen Väter nur auf die kurze Spanne des gegenwärtigen Lebens berechnet, während Gott das viel weitere Ziel im Auge hat, uns zum ewigen Leben zu heiligen. Drittens erziehen sterbliche Menschen ihre Kinder so gut, wie sie es verstehen; in Gottes Zucht aber ist alles durch die beste Einsicht und vollkommenste Weisheit bestimmt und geordnet. Der Zusatz „und sie gescheuet“ deutet auf das tief eingewurzelte Gefühl kindlicher Ehrfurcht hin, das auch gegenüber harter Behandlung durch den Vater standhält.

Untertan sein dem Vater der Geister. Gott hat Vaterrechte an uns; so ist es billig, dass wir seiner Macht nicht widerstreben.

Dass wir leben. Darauf ist es bei des Vaters Zucht abgesehen. Und mit nichts schädigen wir unser Leben mehr, als wenn wir Gottes Führungen gegenüber den Gehorsam verweigern.

V. 10. Jene haben uns gezüchtigt für wenig Tage. Menschliche Erziehungsarbeit hat, wie alle menschlichen Veranstaltungen, ihr Ziel innerhalb des gegenwärtigen Lebens. Gewiss sieht sie es auch auf Pflanzung von Gottesfurcht und Frömmigkeit ab; aber in das Herrschaftsgebiet des Geistes Christi einzugreifen, hat sie keine Macht. Darum steht Gottes Zuchtübung unendlich viel höher. Indem sie eine Neuschöpfung ins himmlische Leben und Wesen hinein anbahnt, wirkt sie eine unvergängliche Frucht.

Der Ausdruck auf dass wir seine Heiligung erlangen darf freilich nicht so verstanden werden, als ob die göttlichen Züchtigungen an und für sich heiligende Kraft hätten. Sie sind aber für uns wirksame Förderungsmittel, da der Herr sie braucht, um die Macht unseres Fleisches zu brechen.

V. 11. Alle Züchtigung … dünkt uns nicht Freude. Bei alledem dürfen wir die göttlichen Züchtigungen nicht nach der ersten Empfindung, die wir davon haben, beurteilen. Wir sind ja in dieser Hinsicht wie die Kinder, die, wenn es auf sie ankäme, niemals mit der Rute Bekanntschaft machten. Die richtige Schätzung ergibt sich erst aus dem über augenblickliche Stimmungen Herr werdenden Blick auf das Ziel und die zu erlangende, köstliche Frucht.

Diese Frucht der Gerechtigkeit ist der geheiligte Wandel in der Furcht des Herrn, dessen Übungsschule das Kreuz ist.

Friedsam heißt sie im Gegensatz zu der zaghaften Aufregung und stürmischen Ungeduld, wovon wir, solange die Trübsal währt, angefochten werden. Hinterher sehen wir ruhigen Geistes ein, wie viel Segen uns das gebracht hat, was zuvor bitter und verdrießlich schien.

V. 12. Darum richtet wieder auf usw. Nichts schwächt, ja lähmt uns so sehr wie die trüben Wahngedanken, die uns in schwerer Zeit beherrschen und über denen wir das Gefühl für Gottes Gnade ganz verlieren. Und nichts kann uns eher aufrichten als die Gewissheit: Gott steht uns zur Seite und sorgt für uns, auch wo er uns darnieder beugt. Die Mahnung des Apostels geht übrigens hier nicht mehr bloß auf geduldiges Ertragen der Trübsale, sondern spornt zu frischem, unverdrossenem Angreifen unserer pflichtmäßigen Aufgaben an. Wir erfahren es ja zur Genüge, wie sehr Kreuzesfurcht uns daran hindert, Gott zu dienen, wie wir sollten. Viele würden ganz gern ihren Glauben bekennen, für Gottes Ehre kämpfen, im kleinen Kreise und öffentlich der gerechten Sache sich annehmen; aber weil der Hass der Gottlosen droht und eine Menge von Verdrießlichkeiten in Aussicht steht, versagen Hände und Füße, und es bleibt beim frommen Wunsche. Wenn darum jene übergroße Leidensscheu einmal überwunden ist und wir die heilsame Wirkung des Kreuzes erkennen, dann erwacht in allen unseren Gliedern ein neuer Mut, und Hände und Füße stellen sich willig in den Dienst der göttlichen Berufung. Die Stelle enthält eine Anspielung auf Jes. 35, 3, wo der Prophet die treuen Lehrer ermahnt, mit der vorgehaltenen Heilshoffnung die strauchelnden Knie und die lassen Hände zu stärken. In unserem Brief ist es der Segen der Trübsal, der jedem einzelnen vorgehalten wird; eignet er sich ihn persönlich an, so mag er damit sich selbst aufrichten und Mut schöpfen.

V. 13. Und tut gewisse Tritte. Der Verlass auf die göttlichen Trostzusprüche macht uns stark und munter zum Handeln. Dann gilt es aber weiter auch vorsichtig wandeln und gewisse Tritte auf dem rechten Wege tun; denn ebenso schädlich wie Lässigkeit und Schwäche ist ein unbedachter Eifer. Doch wird es auch an diesem Innehalten des richten Weges nicht fehlen, wenn wir, ledig aller verkehrten Furcht, nur sinnen, was vor Gott recht ist. Denn wie uns die Furcht auf allerlei krumme Wege verleitet, so lässt umgekehrt die mutige Bereitschaft zum Leiden den Menschen geradeswegs vorrücken, ohne je auf etwas anderes als auf den Ruf und Willen Gottes zu achten.

Dass nicht jemand strauchle. Das Straucheln bedeutet, ähnlich wie das „Hinken auf beiden Seiten“ (1. Kön. 18, 21), ein launenhaftes Schwanken im Unterschied von der einfältigen Übergabe des Herzens an Gott. Es führt, wenn auch nicht sogleich, so doch allmählich, vom rechten Wege ab, bis der Mensch schließlich ganz von Gott wegkommt und sich in das Lügennetz des Satans verstrickt. Darum die Mahnung, ohne Verzug Heilung zu suchen.

V. 14. Jaget nach dem Frieden. Die Menschen sind von Natur so beschaffen, dass sie den Frieden eher zu fliehen scheinen: da ist jeder mit sich selbst beschäftigt und fordert Rücksicht auf seine eigene Art, während er die Art der anderen nicht gelten lassen will. Wenn wir daher dem Frieden nicht mit ganzem Ernste nachjagen, entschwindet er uns beständig; denn an Gelegenheiten und Anlässen zum Zwiste fehlt es keinen Tag. Der Apostel ermahnt uns, den Frieden nicht nur zu schätzen, solange uns dies bequem ist und leicht fällt, sondern ihm aus aller Macht nachzutrachten, damit er unter uns unversehrt bleibe. Das ist aber dann nur möglich, wenn wir viele Kränkungen übersehen und einander in vielen Dingen Verzeihung gewähren.

Weil sich indessen mit den Gottlosen nicht anders Frieden halten lässt als durch Zustimmung zu ihrem Tun und Lassen, so fügt der Apostel sofort bei: und der Heiligung. Den Frieden empfiehlt er uns mit der bestimmten Einschränkung, dass wir uns nicht mit der Freundschaft der Schlechten beflecken. Und sollte es in der ganzen Welt darüber zum Krieg kommen, die Heiligung, das Band unserer Gemeinschaft mit Gott, darf nicht hintenangesetzt werden.

Ohne sie wird niemand den Herrn sehen: nur wer zum göttlichen Ebenbilde erneuert ist, hat Augen, Gott zu schauen.

V. 15. Und sehet darauf, oder: seht euch wohl vor, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume. Die Gnade schließt unsere ganze Berufung in sich. Leicht fällt man aus ihr heraus. Nicht umsonst wird Aufmerksamkeit in diesem Punkte verlangt, weil im Augenblick, da wir die angestrengte Wachsamkeit außeracht lassen, der Satan uns umgarnt. Aber niemand soll deswegen sagen, die göttliche Gnade erlange erst durch unsere eigene Mitwirkung ihre Kraft. Denn wenn der Herr uns, wie wir es bei der Trägheit unseres Fleisches fortwährend bedürfen, durch Ermahnungen aneifert, so ist er es gleichweise, der unsere Herzen also erweckt, dass die Mahnungen nicht wirkungslos an uns abprallen. Auch die Behutsamkeit, die der Apostel hier fordert, ist unzweifelhaft Gottes Gabe.

Dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse. Offenbar wird auf die Stelle 5. Mose 29, 17 Bezug genommen, wo ebenfalls von einer aufschießenden, bitteren Wurzel, einem giftigen Gewächs innerhalb des Volkes Gottes, die Rede ist, d. h. von dem frechen Beispiel sich straflos wähnender Sünder, die um sich her Verachtung Gottes aufbringen. Eine solche Wurzel, sagt der Apostel, wird, wenn man sie gewähren lässt, viele vergiften und verderben. Wir sollen sie nicht nur jeder in seinem Herzen ausrotten, sondern überall, wo sie sich in unserer Mitte zeigen will, ihr entgegentreten. Da stets Heuchler und Gottlose den Frommen zur Seite wohnen, kann zwar die Gemeinde Gottes von jenen Giftwurzeln nicht verschont bleiben; aber es gilt, sie unnachsichtig zurückzuschneiden, damit sie nicht im Wachsen den guten Samen ersticken.

V. 16. Dass nicht jemand sei ein Hurer oder ein gemeiner Mensch. Die unreine, geschlechtliche Lust ist eine der Befleckungen, vor denen gewarnt wird. Sie fließt aber aus der gemeinen Gesinnung, welche der Heiligung direkt entgegengesetzt ist. Wenn der Herr uns beruft, so will er uns zu seinem Dienste heiligen; das schließt in sich, dass wir der Liebe zur Welt entsagen. Gemeine Menschen sind nun solche, die im Streben nach Ehre, Macht und Reichtum, Wohlleben und Ergötzungen so sehr aufgehen, dass ihnen die Gnade Gottes kaum mehr des Begehrens wert erscheint und Christi geistliche Herrschaft unter ihren Sorgen keine oder doch jedenfalls die letzte Stelle einnimmt. Aber auch der macht sich gemein, der aus der Heiligungsgnade wieder in den Kot der Welt zurücksinkt.

Wie Esau. Am Beispiel Esaus wird das Wesen des gemeinen Menschen deutlich: ein einziges Linsengericht galt ihm mehr als sein Erstgeburtsrecht, und darüber ging er des Segens verlustig. Das Bild ist umso treffender, als der Herr, wenn er seine große Liebe gegen sein Volk ausdrücken will, die zur Hoffnung des ewigen Lebens Berufenen ebenfalls Erstgeborene nennt. Welch unschätzbare Ehre ist uns dadurch erwiesen, so dass daneben alle Schätze, Titel und Freuden der Welt wie eine lose Speise erscheinen! Nur die Verblendung durch verkehrte Begierden bringt es zustande, uns das Geringe und Eitle als Dinge von hohem Wert vorzugaukeln. Wollen wir unseren Platz im Heiligtum Gottes behaupten, so müssen wir lernen, solche Kost, die der Satan als Köder für die Verworfenen braucht, zu verachten.

V. 17. Hernach, da er den Segen ererben wollte. Anfangs kam ihm der Handel um die Erstgeburt wie kurzweiliges Spiel vor; er hatte Hunger und keinen anderen Gedanken, als den Bauch zu füllen, und als er sich gesättigt, lachte er über die Torheit des Bruders, der sich um ein gutes Gericht hatte bringen lassen. Zu spät erst ward er der Größe des eigenen Verlustes gewahr, da der väterliche Segen an Jakob erteilt und ihm entzogen wurde. So meinen die Gottlosen, die um weltlicher Lüste willen ihre Seligkeit verscherzen, durchaus nichts zu verlieren, sondern im Gegenteil eben jetzt das wahre Glück zu genießen; hinterher, nachdem der Rausch verflogen, kommt ihnen zum Bewusstsein, wie viel sie leichtsinnig eingebüßt haben.

Er ward verworfen, d. h. er erfuhr eine entschiedene Abweisung.

Er fand keinen Raum zur Buße. Die nachträgliche Reue half ihm nichts, wiewohl er mit Tränen den Segen begehrte, den er durch eigene Schuld verloren hatte (1. Mose 27, 38). Ähnliche Beispiele göttlicher Strenge ereignen sich jeden Tag. Mancher, der sich stets der Zukunft vertröstete, wird durch einen unvermuteten Tod plötzlich dahingerafft; oder schwere Erfahrungen und furchtbare Gewissensqualen zwingen dazu, Gott als den Richter anzuerkennen, an den man nie glauben wollte. Wenn auch nicht bei allen, welche Gottes Gnade verachtet und die Welt über sein Reich gestellt haben, die Hoffnung auf künftige Vergebung ausgeschlossen ist, so spricht doch der Apostel im Blick auf die mögliche Gefahr eine ernste Warnung für jedermann aus. Es könnte indessen auffallen, dass er an dieser Stelle der Buße die rettende Wirkung abspricht. Wir müssen aber bedenken, dass nicht von wahrer Bekehrung zu Gott hier die Rede ist, sondern lediglich von jener schrecklichen Angst, die die Gottlosen befällt, nachdem sie sich lang genug in ihrer Schlechtigkeit umgetrieben haben. Da sie gleichwohl ihre Sünden nicht hassen und nicht anders werden, sondern nur mit quälenden Gefühlen ihrer Strafe sich verzehren, bleibt ihre Angst ohne Frucht. Mögen sie klagen, weinen und heulen über ihr Los, soviel sie wollen, es ist nicht das richtige Anklopfen an Gottes Tür, dem aufgetan wird (Mt. 7, 8), darum weil es am Glauben fehlt. Sie möchten jetzt wohl Zutritt zu Gott bekommen; aber weil sie nur seinen Zorn sehen, fliehen sie in Wahrheit vor seiner Gegenwart und murren und grollen je länger je mehr wider ihn. Noch auf dem Totenbett brechen vielleicht die ohnmächtigen Seufzer hervor: O, wenn doch alles nicht wäre, bis die Verzweiflung ihnen den Mund schließt und alle ihre Wünsche begräbt.

V. 18. Ihr seid nicht gekommen usw. Nochmals wird die im Evangelium geoffenbarte Gnade dem Gesetz gegenübergestellt, und zwar in doppelter Hinsicht. Einmal tritt im Evangelium die Majestät Gottes ungleich herrlicher an den Tag. Der Berg Sinai, der sich mit Händen berühren lässt, und alle jene gewaltigen Zeichen, welche Gott dort zur Bekräftigung des Gesetzes kundgab, Feuer, Dunkel, Ungewitter usw., sind doch nur irdische Dinge und Kräfte, und wenn auch ein geistlicher Sinn ihnen zukam, so verschwinden sie doch vor dem geistlichen Berge Zion und vor den unsichtbaren Gütern, die uns im Reiche Christi dargeboten werden.

V. 19. Welcher sich weigerten, die sie hörten. Der zweite Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium besteht darin, dass, während wir hier aufs freundlichste geladen werden, dort die Verkündigung unter mannigfachen Schrecknissen vor sich ging. Das Volk sollte wissen, dass Gott als gestrenger Richter seinen Thron besteige. Wenn jedes unschuldige Tier, das zufällig zu nahe an den Berg herangekommen war, getötet werden sollte, eine wie viel härtere Strafe drohte dann den Sündern, die ein böses Gewissen hatten: das Gesetz erklärte sie des ewigen Todes schuldig. Im Evangelium dagegen kommt uns, wenn anders wir glauben, nichts als Liebe und Güte entgegen. Für manches Weitere sei der Leser auf 2. Kor. 3 verwiesen. Die Weigerung des Volks darf nicht auf das Hören der Worte Gottes bezogen werden; aber sie baten sich aus, nicht Gott selber zu ihnen reden hören zu müssen. Das Dazwischentreten Moses milderte denn auch einigermaßen den Schauer.

Die Worte freilich (V. 21): Ich bin erschrocken und zittere, die hier Mose in den Mund gelegt werden, stehen nirgends zu lesen. Es war aber die Stimmung des Volkes, und wir können und wohl vorstellen, dass Mose im Namen der Gesamtheit, deren Anliegen er vor Gott zum Ausdruck brachte, also gesprochen hat.

V. 22. Sondern ihr seid gekommen zu dem Berge Zion. Von dort sollte nach der Weissagung, wie wir sie in Jes. 2, 2 ff. und ähnlichen Stellen finden, des Herrn Wort ausgehen. So tritt der Berg Zion dem Sinai gegenüber.

Gleicherweise das himmlische Jerusalem dem irdischen, welches einst seine hohe Bedeutung hatte, aber zum Sinai geworden ist, weil es mit starrem Sinn unter dem knechtischen Joch des Gesetzes zu bleiben vorzog (Gal. 4, 24 ff.). Unter dem himmlischen Jerusalem versteht der Apostel die Gottesstadt, die über der ganzen Erde aufgebaut werden sollte; der Mann mit der Messschnur, von dem der Prophet Sacharja (2, 5 ff.) spricht, wandert von einer Himmelsgegend bis zur anderen, sie zu messen.

Und zu der Menge vieler tausend Engel. Wenn Christus uns durch das Evangelium zu sich ruft, so widerfährt uns die unschätzbare Ehre, dass wir den Engeln beigestellt, mit den Patriarchen auf eine Stufe gestellt und allen seligen Geistern im Himmel verbündet werden. Der Ausdruck „viele tausend Engel“ stammt aus Daniel (7, 10).

V. 23. Erstgeborene heißen wir nicht, wie wohl etwa sonst in der Schrift, alle Kinder Gottes ohne Unterschied, sondern der Name wird als besonderer Ehrentitel den Patriarchen und übrigen Häuptern der alten Gemeinde gegeben. Sie sind im Himmel angeschrieben, wie es anderwärts von Gott heißt, dass er alle seine Auserwählten in seinem Buche aufgezeichnet habe (Hes. 13, 9).

Und zu Gott, dem Richter über alle. Dies wird zu heilsamer Warnung beigefügt, damit wir bei aller Anbietung der Gnade an die ernste Rechenschaft denken, die von uns gefordert wird, falls wir mit unheiligem Sinn in das Heiligtum einzudringen wagen würden.

Und zu den Geistern der vollendeten Gerechten. Vollendet sind sie, weil sie nach Ablegung des Leibes allen Schmutz der Welt hinter sich gelassen haben und die Schwachheit des Fleisches sie nicht weiter anficht. Wir dürfen gewiss sein, dass die frommen Seelen, nachdem sie sich vom Leibe getrennt, weiterleben bei Gott; nur dadurch ist unsere Gemeinschaft mit ihnen möglich.

V. 24. Und zu dem Mittler des neuen Testaments. Jesus wird in dieser Aufzählung an den Schluss gestellt, weil er allein es ist, der uns mit dem Vater versöhnt, also dass wir ohne Furcht vor sein gnadenreiches Angesicht treten dürfen. Auch das Mittel, wodurch Christus unser Mittler wird, ist genannt, nämlich sein Blut, das Blut der Besprengung: wie es einmal zu unserer Erlösung vergossen worden ist, so müssen sich unsere Seelen jetzt noch im Glauben damit besprengen lassen. Die Anspielung auf den alten Gesetzesbrauch, von welchem früher die Rede war, ist nicht zu verkennen.

Das da besser redet. Christi Blut redet eine wirksame Sprache und wird besser erhört als das Blut Abels. Die Tat des Brudermörders schrie zu Gott um Rache; Christi Blut aber ruft für uns nach Vergebung und Erlösung, und sein Begehren findet täglich Erfüllung.

V. 25. Dass ihr euch des nicht weigert, der da redet. Der Ausdruck ist derselbe wie oben (V. 19) bei der Weigerung des Volkes, der Sinn aber, wie ich glaube, ein anderer, nämlich dass wir das an uns gerichtete Wort selbst nicht verwerfen sollen. Sonst erwartet uns – darauf läuft jetzt die ganze vorangegangene Vergleichung hinaus – die strengste Verurteilung, da ja schon die Verachtung des Gesetzes bei den Alten unfehlbar Strafe nach sich zog. Damals hat Gott oder Mose auf Erden geredet, nun aber redet Gott oder Christus vom Himmel her. Eher noch wird beide Mal an Gott selber zu denken sein. Was er dort verkündigen ließ, hatte in gewissem Sinn irdische Art an sich, ging weniger in die Tiefe und besaß als vorbereitende Stufe noch nicht die Macht, in die Fülle und Vollkommenheit himmlischer Weisheit einzuführen.

V. 26. Welches Stimme usw. Viel majestätischer erschallt jetzt Gottes Wort; denn nicht nur die Erde wird davon erschüttert, wie bei der Gesetzesverkündigung, sondern Erde und Himmel miteinander. Der Prophet Haggai hat davon zum Voraus geweissagt. Dass die betreffende Stelle wirklich auf die Zeit zu beziehen ist, da Christus herrscht und sein Evangelium Himmel und Erde durchdringt, wird aus dem unmittelbar folgenden Worten deutlich: „Ja, alle Heiden will ich bewegen. Da soll dann kommen aller Heiden Bestes; und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen.“ Alles das wird doch erst durch Christus zur Wahrheit. Wenn nun also beim Anbruch des Reiches Christi nicht nur die niederen Gebiete der Welt sich bewegen, sondern von seiner Kraft auch der Himmel erbebt, so schließt der Apostel daraus mit Recht, dass das Wort des Evangeliums alles Frühere übertreffe und von aller Kreatur umso ernstlicher gehört werden müsse.

V. 27. Solches „Noch einmal“ usw. Wörtlich sagt der Prophet: Es ist noch ein Kleines dahin, dass Ich usw. Er meint, das Volk in seiner gedrückten Lage werde nicht mehr lange auf die Hilfe des Herrn warten müssen. Der Apostel legt den Nachdruck auch nicht auf das „Noch einmal“, sondern auf die Umwandlung, welche durch Christi Erscheinung der ganzen Welt in Aussicht steht. Alles Geschaffene unterliegt der Vergänglichkeit; Christi Reich aber ist ein ewiges Reich. Daher muss alle Kreatur neugestaltet und verklärt werden.

V. 28. Dieweil wir empfangen ein unbeweglich Reich. Darin findet jene allgemeine Erschütterung ihr Ziel und Ende. Gott versetzt uns in Bewegung, um uns zur wahren und beständigen Ruhe bei ihm zu bringen.

Haben wir Gnade. Treten wir gläubig in das Reich Christi ein, so werden wir begnadet mit dem gewissen Geiste, der uns zum wirklichen Dienst Gottes geschickt macht und uns darin festhält; denn wie jenes Reich, so ist auch die Gabe der Wiedergeburt stärker als die Welt.

Gott dienen mit Zucht und Furcht. Verlangt Gott einen muntern und freudigen Gehorsam, so kann ihm doch kein Dienst gefallen, der nicht auch mit Demut und Bescheidenheit gepaart ist. Verwerflich ist daher ebenso sehr das kecke Selbstvertrauen wie jeglicher Schlendrian. Dieser hat gewöhnlich in jenem seine Wurzel.

V. 29. Denn unser Gott ist ein verzehrend Feuer. Nach dem gewinnenden Vorhalten der Gnade Gottes folgt dieser wohl aus 5. Mose 4, 24 entlehnte, ernste Hinweis auf seine Strenge. Gleicherweise pflegt Gott selber uns bald freundlich zu locken, bald wieder zu schrecken, um kein Mittel an uns unversucht zu lassen. Wir haben es nötig, überall neben seinen Verheißungen den Drohungen zu begegnen; denn geneigt, wie wir sind, uns selber zu schonen, würde ohne diesen Stachel der gütige Zuspruch uns völlig kalt lassen. Jawohl, Gott, der Herr, barmherzig und gnädig gegen die, so ihn fürchten, auf Tausende hinaus, ist auch ein eifriger Gott, der nach Gerechtigkeit heimsucht die losen Verächter die ins dritte und vierte Glied.

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