Calvin, Jean - Hebräerbrief - Kapitel 1.

Calvin, Jean - Hebräerbrief - Kapitel 1.

V. 1. Nachdem Gott vorzeiten usw. Dieser Eingang hebt das Wort Christi hoch empor. Es verlangt nicht bloß ehrfurchtsvolle Aufnahme, sondern gewährt auch allein volle Befriedigung. Durch die scharfe Gegenüberstellung der einzelnen Satzglieder wird diese Hervorhebung umso deutlicher. Einst hat Gott geredet durch die Propheten, jetzt durch den Sohn; damals zu den Vätern, jetzt zu uns; dort in mannigfacher und wechselnder Weise, hier in vollendeter Offenbarung, wie sie uns durch Christus zuteil geworden. Derselbe einige Gott ist es, der sowohl das Gesetz wie das Evangelium gegeben; jenes kann sich zu diesem nicht in Gegensatz stellen. An uns wie an die Alten ist die Rede dessen ergangen, der sich selbst nicht verändert und dessen Wort unverrückbare Wahrheit bleibt. Dennoch besteht zwischen uns und den Vätern ein Unterschied, weil zu jenen das Wort in anderer Form gelangte als heute zu uns. Dort bediente sich Gott der Propheten – denen auch Mose beigezählt wird -; für uns dagegen hat er seinen eigenen Sohn zum Gesandten bestellt. Schon in dieser Hinsicht sind wir also in besserer Lage. Und nicht minder haben wir einen Vorzug, was die Art der Offenbarung betrifft. Liefert doch die im alten Bunde zu Tage tretende Wandelbarkeit des prophetischen Schauens und göttlichen Regierens den Beweis, dass die Heilsveranstaltung noch nicht jene feste Ausprägung erhalten hatte, wie sie vollkommenen Dingen eigen ist. Das ist angedeutet in dem Ausdruck manchmal und mancherlei Weise. Denn wenn es damals schon eine in jeder Hinsicht endgültige Offenbarungsweise gegeben hätte, so würde Gott sie bis zuletzt beständig innegehalten haben. Wir sehen also, dass die Mannigfaltigkeit ein Zeichen von Unvollkommenheit war.

Wenn es heißt, zu uns habe Gott geredet am letzten in diesen Tagen oder am Ende dieser Tage, so ist damit gesagt, es sei kein Grund vorhanden, nach neuer Offenbarung auszuschauen. Denn Christi Wort ist nicht wiederum ein bloßes Stück, sondern höchster und letzter Abschluss. In diesem Sinne reden die Apostel von der letzten Zeit und den letzten Tagen. Und das nämlich meint auch Paulus, wenn er schreibt, auf uns sei das Ende der Welt gekommen (1. Kor. 10, 11). Wenn also jetzt Gott zum letzten Mal geredet hat, so gilt es, bis zu diesem Worte vorzudringen, dann aber auch hier Halt zu machen. Beides muss streng beachtet werden. Für das jüdische Volk war es verhängnisvoll, dass es nicht bedachte, dass Gott die volle Heilsverkündigung sich erst noch vorbehalten habe; so gab es sich mit seinem Gesetz zufrieden und streckte sich nicht nach dem Ziele. Seitdem aber Christus erschienen ist, begann der entgegengesetzte Schaden in der Welt um sich zu greifen: da möchten die Menschen über Christus hinausschreiten. In unserer Stelle lädt der Geist Gottes alle ebenso dringend ein, bis zu Christus zu kommen, wie er verwehrt, über diese letzte Offenbarung sich hinweg zu setzen. Nie wird unsere Weisheit das Evangelium dahinten lassen können.

V. 2. Welchen er gesetzt hat zum Erben über alles. Da der Vater alles Christus unterworfen hat, gehören auch wir selbst unter dessen Herrschaft. Und zugleich liegt darin, dass außer ihm kein wahres Gut gefunden werden kann, weil er der Universalerbe ist. So sind wir die elendesten Menschen und arm an jedem Gut, wenn er uns nicht aus seiner Fülle darreicht. Es wird beigefügt, dass dem Sohn Gottes diese Ehre, über alles verfügen zu können, mit Recht zustehe, weil durch ihn alles geschaffen sei. Allerdings beziehen sich diese beiden Aussagen auf verschiedene Seiten seines Wesens. Die Welt ist durch ihn geschaffen, insofern er die ewige Weisheit Gottes ist, die allen göttlichen Werken von Anbeginn zu Grunde lag (Spr. 8, 27; Joh. 1, 3; Kol. 1, 16). Dagegen kommt ihm die Bezeichnung eines Erben nach seiner Menschwerdung zu. Denn dieses Erbe hat er erlangt, da er unsere Natur an sich genommen, um uns das wiederzugewinnen, was wir in Adam verloren hatten. Gott hatte ja schon am Anfang den Menschen wie einen Sohn zum Erben aller seiner Güter bestimmt; aber durch den Sündenfall und die daherige Entfremdung von Gott hatte der erste Mensch sich und seine Nachkommenschaft des göttlichen Segens und aller Güter verlustig gemacht. Daher treten wir in den rechtmäßigen Genuss der göttlichen Reichtümer erst ein, wenn uns Christus, der Gesamterbe, in seine Gemeinschaft aufnimmt. Denn zu dem Zweck ist er der Erbe, dass er uns aus seiner Fülle reich mache. Ja, der Apostel will uns, indem er ihn hier mit diesem Titel ehrt, zu bedenken geben, dass wir ohne Verbindung mit Christus gänzlich hilflos sind und weder auf den Himmel noch auf die Erde, noch auf irgendeine Kreatur Anspruch haben.

V. 3. Welcher, sintemal er ist der Glanz seiner Herrlichkeit und das Gepräge seines Wesens. Diese Bezeichnungen sind eine wie die andere bildlich gemeint. Von so erhabenen und so geheimnisvollen Dingen kann ja nur nach der Ähnlichkeit kreatürlicher Dinge gesprochen werden. Wir dürfen deshalb nicht zu genau bestimmen wollen, in welcher Weise der Sohn, der mit dem Vater eines Wesens ist, der Abglanz und Widerschein von dessen Licht sei. Es ist zuzugeben, dass die vom Kreatürlichen hergenommene Redeweise der verborgenen Majestät Gottes nicht völlig entspricht. Aber gleichwohl wird mit Recht sinnlich Wahrnehmbares auf Gott übertragen, um zu veranschaulichen, was wir in Christus zu suchen haben, und war er für uns ist. Denn auch das muss betont werden: nicht um müßige Grübeleien handelt es sich hier, sondern um kernhafte Unterweisung im Glauben. So sollen wir denn jene Ruhmestitel Christi nach der Bedeutung, die sie für uns haben, verstehen, wie sie auch mit Rücksicht auf uns ihm gegeben sind. Wenn du also hörst, der Sohn sei der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters, so denke dabei: diese Herrlichkeit ist für mich unsichtbar, bis sie in Christus mir entgegenstrahlt; und darum heißt er auch das Gepräge seines Wesens, weil des Vaters Majestät verborgen bleibt, bis sie sich mir in ihm wie in einem Bildabdrucke enthüllt. Die Absicht des Apostels geht nicht dahin, über die Art der Wesensgleichheit zwischen dem Vater und dem Sohne eine Lehre aufzustellen; er will vielmehr, wie gesagt, unsern Glauben auf fruchtbare Weise erbauen mit der Wahrheit, dass Gott uns nicht anders offenbar wird als in Christus. Denn so überwältigend ist die Lichtfülle im göttlichen Wesen, dass unsere Augen, davon geblendet, sie nicht ertragen, bis ihre Strahlen in Christus uns aufgehen. Das ist wahrhaft nutzbringende Philosophie, wenn wir aus ernster Glaubensempfindung und –erfahrung heraus Christi Größe erkennen lernen. Dasselbe gilt auch, wie schon bemerkt, von dem „Gepräge“: da Gott an sich für uns unfassbar ist, so kommen wir erst im Sohne zum Anschauen seines Bildes. Der erste jener beiden Ausdrücke erinnert uns, außer Christus sei kein Licht, sondern lauter Finsternis; denn wiewohl Gott das alleinige Licht ist, das uns alle erleuchten muss, kann es sozusagen nur in dieser Ausstrahlung in uns eingehen. Der andere besagt, dass wirklich und wahrhaftig Gott erkannt werde in Christus; denn nicht bloß einen dunkeln, unvollkommenen Umriss haben wir in ihm, sondern das deutliche Ebenbild, das die Züge Gottes ebenso wiedergibt, wie die Münze das Bild des Prägestempels.

Und trägt alle Dinge usw. „Tragen“ steht hier für „schützen“ oder „das Geschaffene in seinem Bestand erhalten“. Die Meinung ist, dass alles sogleich zerfiele, wenn es nicht durch seine Kraft erhalten würde. Sein kräftiges Wort, oder genau: das Wort seiner Macht, bezeichnet hier einfach den Willen, und der Sinn ist der: Christus, der durch seinen bloßen Willen die ganze Welt erhält, hat es doch nicht verschmäht, das Werk unsrer Reinigung zu vollbringen. Und dies eben ist das zweite Stück der Lehre, die in dem Briefe behandelt wird. Denn die ganze Verhandlung dreht sich um die beiden Hauptpunkte: Weil Christus mit dem höchsten Ansehen bekleidet ist, muss er vor allen andern gehört werden, - und weil er durch seinen Tod uns mit dem Vater versöhnt hat, sind die alten Opfer durch ihn dahingefallen. So enthält dies beides schon der erste Satz des Briefes, der einleitend das Thema angibt.

Wenn es dann heißt: durch sich selbst, so ist der Gegensatz hinzuzudenken, dass er sich bei seinem Werke nicht auf die Schattenbilder des mosaischen Gesetzes stützte. Auch liegt darin der Unterschied zwischen ihm und den levitischen Priestern. Denn auch diese sollten Sünden wegschaffen; aber ihre Macht dazu hatten sie nicht aus sich selbst. Endlich sollen, indem die Kraft der Reinigung allein in Christus verlegt wird, alle andern Mittel oder Stützen des Heils ausgeschlossen sein.

Hat er sich gesetzt zu der Rechten. Nachdem er auf Erden den Menschen das Heil erworben, ist er aufgenommen in die himmlische Herrlichkeit, um die Herrschaft über alles anzutreten. Wir pflegen sonst eine Macht abzuschätzen nach ihrer sichtbaren Erscheinung. Aber das Heil, das Christus uns erlangt hat, ist eben nicht zeitlicher Art; wir dürfen ihn deshalb, weil er unseren Augen entzogen ist, nicht geringer achten. Vielmehr bedeutet das den Gipfel seines Ruhmes, dass er zu jener höchsten Stufe der Herrschaft erhöht und aufgenommen ist.

Von einer Rechten ist in übertragenem Sinn die Rede, da ja Gott weder an einen Ort gebunden ist, noch eine rechte oder linke Seite hat. Das Sitzen Christi daselbst ist nichts anderes als das Reich, das ihm vom Vater gegeben ist, und jene Gewalt, die Paulus erwähnt (Phil. 2, 10), dass in seinem Namen aller Knie sich beugen sollen. Auf den glänzenden Thron erhoben, von welchem Gottes Majestät ausstrahlt, regiert er gleich dem Vater, wie die fürstlichen Gesandten tun, denen unbeschränkte Vollmacht erteilt ist. Wie er daher um der Erlösung willen unsre Liebe beansprucht, so kraft dieser Herrlichkeit unsre Anbetung.

V. 4. So viel besser usw. Durch Vergleichung mit den Engeln wird nun die Würde Christi in ein noch helleres Licht gesetzt. Es war eine gangbare Rede bei den Juden, das Gesetz sei durch Engel gegeben worden. Man hörte, was die Schrift da und dort in auszeichnender Weise über die Engel aussagt, und schrieb ihnen dann, der merkwürdigen menschlichen Neigung zum Aberglauben folgend, eine übertriebene Bedeutung zu, selbst auf Kosten der Ehre Gottes. Sie müssen daher in die ihnen gebührende Schranke gewiesen werden, damit nicht dem Ansehen Christi durch sie Abbruch geschehe. Und zuerst soll Christi Name zum Beweis dienen, dass er hoch über ihnen steht, weil er der Sohn Gottes heißt. Dass dieser Titel wirklich Christus zukomme, wird aus zwei Schriftzeugnissen dargetan, die wir beide genau zu prüfen haben, bevor wir das Ergebnis ziehen können.

V. 5. Du bist mein Sohn. Unstreitig ist in dieser Schriftstelle von David die Rede, insofern er Träger des Messiasgedankens ist. Was also der Psalm enthält, musste in David vorgebildet werden; in Christus ist es erfüllt. Denn wenn jener viele Feinde ringsum bezwungen und die Grenzen seines Reiches weit gemacht hat, so liegt darin bereits eine schattenhafte Erfüllung der Verheißung (Ps. 2, 8): „Ich will dir die Heiden zum Erbe geben.“ Aber was war das, verglichen mit dem Reiche Christi, das sich vom Morgen bis zum Abend ausbreitet! Ebenso wird nun David „Sohn Gottes“ genannt, darum weil Gott ihn in besonderer Weise zu hervorragenden Taten berief, und lässt doch kaum ein Fünkchen der Herrlichkeit sehen, die uns in Christus, dem Ebenbild des Vaters, aufgegangen ist. So kommt der Name des Sohnes im ausgezeichneten Sinne einzig Christus zu und kann auf niemand sonst ohne Entweihung angewendet werden. Denn diesen und keinen andern hat der Vater versiegelt (Joh. 6, 27). Indessen scheint auch so noch der Schriftbeweis des Apostels nicht sehr zwingend. Nur aus dem Sohnesnamen leitet er den Vorrang Christi vor den Engeln ab. Aber hat er diesen Namen denn nicht gemein mit den Fürsten und Machthabern, von denen es heißt (Ps. 82, 6): „Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten“? Und heißt nicht gelegentlich ganz Israel „Sohn“, einmal sogar „erstgeborener Sohn“ Gottes (Jer. 31, 9)? Ja, die Engel selber nennt David anderwärts Kinder Gottes (Ps. 89, 7): „Wer mag gleich sein unter den Kindern Gottes dem Herrn?“ Auf diese Einwürfe ist leicht zu antworten. Die Fürsten heißen so in übertragener Bedeutung gemäß ihrer Machtstellung, Israel wegen der gemeinsamen Erwählungsgnade und die Engel im bildlichen Sinne, weil sie himmlische Geister sind und in seliger Unsterblichkeit göttliches Leben mitgenießen. Wenn aber David als Repräsentant Christi sich ohne weitere Beifügung Sohn Gottes nennt, so bezeichnet er damit etwas Besonderes, was über die Ehre der Engel oder der Fürsten, geschweige des ganzen Israel, hinausgeht. Hätte jener Name hier nicht einen vielsagenderen Inhalt, so ginge es nicht an, ihn als höchste Auszeichnung zu anzuwenden; denn Christus soll dadurch aus der Schar aller übrigen herausgerückt werden. Es gilt daher in einem ausschließlichen Sinne von Christus: Du bist mein Sohn; und keinem Engel kommt gleiche Ehre zu.

Über das „gezeugt“ ist in Kürze zu urteilen, dass es hier seine besondere Bedeutung hat. Augustins Auffassung von einem ewigen und unaufhörlichen „heute“ ist haltlos. Gewiss ist Christus ewiger Sohn Gottes, weil er die vor aller Zeit gezeugte, göttliche Weisheit ist. Aber das hat mit gegenwärtiger Stelle nichts zu tun, wo auf die Menschen Bezug genommen ist: von ihnen ist Christus als Sohn Gottes erst erkannt worden, nachdem der Vater ihn als solchen kundgemacht hatte. Diese göttliche Erklärung, deren auch Paulus Röm. 1, 4 Erwähnung tut, war gewissermaßen die äußere Erscheinung jener „ewigen“ Zeugung, welche als schon vorangegangener, verborgener und innerer Vorgang den Menschen unbekannt war und keine Bedeutung für sie haben konnte, wenn sie nicht vom Vater in sichtbarer Offenbarung beglaubigt worden wäre.

Ich werde sein Vater sein. Auch zu dieser Schriftstelle ist ähnliches zu bemerken. Sie handelt von Salomo, der aber hier aus der Reihe der gewöhnlichen Menschen heraustritt, indem Gott verspricht, ihm Vater sein zu wollen. Denn das gilt ihm nicht als Sohn Abrahams oder als einem Glied des Königshauses, sondern als dem, der alle andern überragt. Sein Sohnesvorrecht schließt alle übrigen von gleicher Ehre aus. Andrerseits geht aus dem Zusammenhang der Stelle hervor, dass von Salomo nur, insofern er ein Vorbild auf Christus war, also gesprochen wird. Dem dort erwähnten Sohne wird nämlich die Herrschaft über die ganze Welt verliehen und die Zusicherung gegeben, dass sein Reich beständig und unversehrt bleiben solle, solange Sonne und Mond am Himmel glänzen (vgl. Ps. 72). Nun ist aber im Gegenteil bekannt, dass Salomos Reich in engen Grenzen eingeschlossen war und, statt dauernden Bestand zu haben, gleich nach seinem Tode in Zerrüttung fiel, um einige Zeit hernach völlig zu Grunde zu gehen. Es ließe sich weiter aus mehreren Stellen bei den Propheten leicht nachweisen, dass jene Verheißung niemals anders als von Christus verstanden worden ist. Daher stammte ja auch bei den Juden der allgemeine Brauch, den Messias als „Sohn Davids“ zu bezeichnen.

V. 6. Und abermals, da er einführt den Erstgeborenen usw. Aus einem andern Grund noch erhebt jetzt der Brief Christus über die Engel. Diesen wird geboten, ihn anzubeten; daraus folgt, dass er ihr Haupt und Gebieter ist. Es könnte indessen scheinen, als sei hier einfach von Gott die Rede und das Wort werde unrichtig auf den in die Welt eingeführten, also fleischgewordenen Sohn bezogen. Allein die angeführte Psalmstelle handelt in der Tat von Christi Menschwerdung. Der Eingang des Psalms ist eine Aufforderung zur Freude, und zwar nicht an die Juden, sondern an die ganze Erde bis zu den Inseln, d. h. den Gegenden über dem Meer. Als Grund wird angegeben: weil der Herr König sein wird. Durchgeht man dann den Psalm, so findet man nichts anderes als das Reich Christi, wie es mit der Verkündigung des Evangeliums beginnt, und der ganze Inhalt lautet wie eine feierliche Urkunde, durch die Christus in den Besitz seiner Herrschaft eingesetzt wird. Wie könnte aber auch der ganzen Welt, Heiden wie Juden, zugemutet werden, sich zu freuen, wenn nicht die Herrschaft des heilbringenden Evangeliums gemeint wäre? Mit Recht sieht daher der Apostel hier die Ankunft Christi bei den Menschen, seine „Einführung in die Welt“, beschrieben. Ihm, dessen Erscheinung allen zur Wonne sein soll, hat sich jede noch so hochgestellte Macht unterzuordnen.

V. 7. Von den Engeln usw. Die zitierte Schriftstelle scheint ihrem ursprünglichen Sinn entfremdet zu sein. David beschreibt dort die Ordnung, die wir im Gang der Natur beobachten, und nichts ist sicherer, als dass in diesem Zusammenhang der wirklichen Winde Erwähnung geschieht, von denen es heißt, dass der Herr sich ihrer als Boten bediene, ebenso wie an den Blitzen, mit denen er die Erde durchmustert, gezeigt wird, wie schnelle und schlagfertige Diener ihm zur Verfügung stehen. Von den Engeln ist da nicht die Rede. Ich nehme aber gern an, das angeführte Schriftzeugnis sei der Ähnlichkeit halber auf die Engel bezogen. So nämlich: die Winde sind den Engeln vergleichbar, insofern sie hier auf Erden gleicher Weise Dienst tun, wie im Himmel die Engel; denn die Winde sind sozusagen Geister der sichtbaren Welt. Und gewiss, wie der mosaische Schöpfungsbericht nur solches erwähnt, das mit den Sinnen wahrnehmbar ist, und uns doch zugleich auch Höheres zu bedenken gibt, so entwirft David in jener Welt- und Naturbeschreibung ein Gemälde, das auch auf die himmlische Ordnung der Dinge übertragen und aus ihr heraus verstanden werden kann.

V. 8. Aber von dem Sohn usw. Der 45. Psalm mag wohl auf Salomo gedichtet sein als Hochzeitslied, anlässlich seiner Vermählung mit einer ägyptischen Königstocher. Es ist indessen nicht zu leugnen, dass das daraus hier Angeführte viel zu herrlich ist, um bei Salomo zuzutreffen. Wessen Thron kann als ewig bestehend bezeichnet werden als allein der Thron Gottes und des Messias, der hier Gott genannt wird?

Das Zepter des Reiches Christi heißt hier weiter ein aufrichtiges Zepter. In Christi Herrschaft bestätigt sich die Gerechtigkeit in weit vollerem Maße, als bei irgendeinem andern König, weil er durch das geistliche Zepter, sein Evangelium, uns verhilft zu der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Dasselbe ist von seiner Liebe zur Gerechtigkeit zu sagen: gerade darum, weil er sie liebt, macht er, dass sie auch in den Seinen die Herrschaft gewinnt.

V. 9. Darum hat dich Gott gesalbt. Salomo wurde zum König gemacht, weil Gott ihn seinen Brüdern vorzog, die im Übrigen gleich ihm beschaffen und so gut wie er Königssöhne waren. Noch besser treffen aber die Worte auf Christus zu, der uns zu seinen Genossen angenommen hat, wiewohl wir es von Rechts wegen nicht waren. Er ist gesalbt worden reichlicher als wir alle, weil ohne Maß (Joh. 3, 34), wir aber nach dem Maße, das einem jeden zugeteilt ist. Er hat aber die Salbung empfangen um unsertwillen, damit wir alle aus seiner Fülle schöpfen möchten. Deshalb heißt er Christus, d. h. der Gesalbte, und wir nach ihm Christen, wie die Bächlein sich herleiten von der Quelle.

V. 10. Du, Herr, hast von Anfang usw. Die Anwendung dieser Stelle auf Christus könnte auf den ersten Blick ungeeignet scheinen. Handelt es sich doch nicht um die Herrlichkeit Gottes, sondern um das, was Christus eigentümlich zukommt; nun finden wir aber dort keine Erwähnung Christi, sondern es wird lediglich Gottes Majestät dargestellt. In der Tat, der ganze 102. Psalm nennt Christus nicht mit Namen. Allein offenbar deutet er doch in einer Weise auf ihn hin, dass jedermann erkennt: wir sollen auf sein Reich aufmerksam gemacht werden. Denn nur in ihm ist das erfüllt (V. 14. 16): „Du wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen, dass die Heiden deinen Namen fürchten und alle Könige auf Erden deine Ehre;“ und wiederum (V. 23): „Wenn die Völker zusammenkommen und die Königreiche, dem Herrn zu dienen.“ Den Gott, der die ganze Welt zu einem Glauben und Gottesdienst zusammenbringt, suchen wir gewiss vergeblich, wenn wir ihn nicht in Christus suchen. Und so passt auch der übrige Inhalt des Psalms sehr wohl auf Christi Person: Er ist ewiger Gott, Schöpfer Himmels und der Erde, erhaben über alle Vergänglichkeit und Wandelbarkeit, so dass ihm die allerhöchste Majestät zukommt und er außer der Reihe aller Kreaturen steht.

Dass selbst die Himmel vergehen sollen, verstehen einige nach der Art einer unmöglichen Voraussetzung: „sogar wenn solches geschähe“. Allein was bedarf es einer so gezwungenen Auslegung, da wir ja wissen, dass alle Kreaturen der Eitelkeit unterworfen sind (Röm. 8, 20. 22)? Woher anders jenes Sehnen nach Erneuerung, das wie in Geburtswehen auch durch die Himmel hindurchgeht, als daher, dass sie dem Zusammenbruch entgegengehen? Christus allein bleibt – das ist den Seinen zum großen Trost. Sie sollen, wie der Psalm am Schluss sagt, an jener Unvergänglichkeit Anteil haben, da Christus sich und seine Gaben seinem Leibe mitteilt.

V. 13. Setze dich zu meiner Rechten. Der hier zitierte 110. Psalm kann nur auf Christus recht gedeutet werden. Denn da es den Königen nicht gebührte, sich ein Priesteramt anzumaßen (2. Chron. 26, 18), und bekanntlich weder David noch einer seiner Nachfolger zum Priester geweiht gewesen ist, so muss hier, wo König und Priester in der nämlichen Person vereinigt auftreten, nach beiden Seiten hin etwas ganz Neues ins Auge gefasst sein. Überdies kommt ein „ewiges“ Priestertum einzig Christus zu. Das Sitzen zur Rechten Gottes, womit der Psalm gleich beginnt, bedeutet, wie früher erwähnt, gleichviel, als wenn ihm die zweite Stelle nächst dem Vater angewiesen würde. Er ist des Vaters Stellvertreter und erster Bevollmächtigter, so dass durch seine Hand der Vater regiert. Unter den Engeln ist keiner, der ein so ehrenvolles Amt hätte, und weit ragt darum über sie alle Christus hervor.

Bis ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße. Da es Christus niemals an Feinden fehlt, die gegen sein Reich ankämpfen, könnte dieses gefährdet scheinen, zumal da die, die auf seine Zerstörung sinnen, vielvermögend sind, mit mancherlei Künsten es versuchen und dann wieder in wütendem Ansturm alles dran setzen. Gewiss, wenn wir nach dem Augenschein rechnen, so kann Christi Reich jeden Augenblick zusammenbrechen. Aber diese Verheißung benimmt uns jede Furcht. So wenig wird Christus je von seinem Thron gestoßen, dass er vielmehr alle seine Feinde niederwerfen wird. Dies beides ist also festzuhalten: Christi Reich wird niemals Ruhe haben, sondern stets von vielen Widersachern bedrängt sein; aber, was auch die Feinde unternehmen mögen, sie werden nie obsiegen, weil Christus nicht nur eine Zeitlang, sondern bis ans Ende der Welt zur Rechten des Vaters sitzt. Fragt man aber, ob nach Niederwerfung der Feinde das Reich Christi zu Ende gehen wird, so antworte ich: es wird bleiben, aber in der Weise, wie Paulus (1. Kor. 15, 25 ff.) es ausspricht. Denn wiewohl Gott, der jetzt nur in Christus erkannt sein will, uns dann durch sich selbst erscheinen wird, so wird doch deswegen Christus nicht aufhören, das Haupt der Menschheit und der Engel zu sein, und seine Ehre keine Verminderung erfahren.

V. 14. Sind sie nicht allzumal usw. Um die Vergleichung noch deutlicher zu machen, wird nun beigefügt, was der Beruf der Engel sei. Dass sie Geister heißen, ist freilich eine Auszeichnung; denn in dieser Hinsicht stehen sie über den mit einem Leibe bekleideten Kreaturen. Aber das dabei stehende Eigenschaftswort„dienstbar“, dem Herrschen entgegengesetzt, weist ihnen ihre Schranke. Zwar ist es ein ehrenvoller Dienst, den Gott ihnen überträgt; doch die Tatsache selbst, dass sie dienen, zeigt, dass sie bei weitem nicht auf der gleichen Linie stehen mit Christus, der ein Herr ist über alle. Allerdings wird Christus seinerseits an mehreren Stellen ein Knecht und ein Diener genannt, nicht nur Gott, sondern auch uns gegenüber. Allein das ist bei ihm nichts Ursprüngliches, sondern Sache freiwilliger Entäußerung, wie Paulus Philipper 2, 7 bezeugt. Inzwischen bleiben ihm doch alle seine Vorrechte ungeschmälert; und auch während seiner Erdenzeit geht ihm durch sein Dienen nichts von seiner königlichen Würde ab. Die Engel dagegen sind eigens zum Dienen erschaffen, und ihr ganzer Beruf geht darin auf.

Aus dieser Stelle schöpfen die Gläubigen großen Trost, indem sie vernehmen, dass die himmlischen Heerscharen ihnen als Helfer beigegeben seien zur Sorge für ihr Heil. Denn es ist kein geringes Pfand der göttlichen Liebe gegen uns, wenn um unsertwillen jene unverdrossen in der Arbeit stehen. Daraus fließt auch eine besondere Glaubensstärkung: unser Heil, das mit solchen Wachen umgeben ist, ist außer Gefahr. Aufs Beste trifft Gott Vorsorge für unsre Schwachheit, indem er uns solche Beistände gibt, die mit uns dem Satan widerstehen und auf jede Weise zu unserm Schutze sich bemühen. Aber dieser Wohltat würdigt er im Besonderen seine Auserwählten; sollen daher die Engel uns zugehören, so müssen wir Glieder Christi sein. Es ließen sich dem freilich Schriftzeugnisse entgegenhalten, wonach zuweilen auch um Gottloser willen Engel ausgesandt werden; im Buche Daniel z. B. (10, 28) werden Engel der Perser und der Griechen erwähnt. Indessen haben jene in solchen Fällen den Beistand der Engel zu dem Zweck erfahren, dass Gott das Wohl seines Volkes fördere; ihre erlangten Erfolge und Siege zielten im letzten Grunde stets auf die Gemeinde Gottes ab. Weil wir wegen der Sünde im Reich Gottes kein Heimatrecht haben, können wir nur kraft der durch Christus bewirkten Versöhnung mit den Engeln in Verbindung treten, wie es an der Himmelsleiter, die dem Patriarchen Jakob im Traum erschien, zu sehen ist (1. Mose 28, 12 ff.).

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