Calvin, Jean - Der Brief an die Epheser - Kapitel 4.

Calvin, Jean - Der Brief an die Epheser - Kapitel 4.

Diese folgenden drei Kapitel enthalten nur Vorschriften für das sittliche Leben. Zuerst empfängt die Gemeinde eine Mahnung zur Eintracht. Bei diesem Anlass erörtert der Apostel auch die Gemeindeverfassung, welche ja Gott in einer solchen Weise geordnet hat, dass sie als Band der Einigkeit wirkt.

V. 1. Ich Gefangener in dem Herrn. Wegen seiner Bande, die ihn dem Anschein nach verächtlich machten, fordert der Apostel (wie schon 3, 1) von der Gemeinde nur umso größere Achtung. Denn diese Bande waren gleichsam die Siegel des ehrenvollen Amtes, das er überkommen hatte. Und alles, was von Christo stammt, müssen wir aufs höchste ehren, selbst wenn es vor der Welt als Schande gilt. So bedeutet die Gefangenschaft des Apostels einen größeren Ruhm, als der Glanz und die Herrlichkeit aller Könige.

Wandelt, wie es sich gebührt. Diese allgemeine Ermahnung bildet gewissermaßen die Einleitung für alles Folgende. Was wir früher von der Berufung hörten, wird jetzt durch den folgenden Hinweis ergänzt, dass die Christen sich dem Herrn zur Verfügung stellen sollen, um sich der erhabenen Gnade nicht unwürdig zu machen.

V. 2. Die Einzelausführung nennt zuerst die Demut: diese dient ja der Einigkeit, von welcher die Rede sein soll; sie ist der erste Schritt zum Frieden. Denn sie gebiert die Sanftmut, die uns nachgiebig macht. Wenn wir aber unsere Brüder tragen, so pflegen wir die Einigkeit, die sonst täglich hundertmal zerstört würde. Darum wollen wir nie vergessen, dass die erste Bedingung eines guten Einvernehmens die Demut ist; denn woher kommen Frechheit, Stolz, Schmähungen gegen die Brüder? Woher Streit und Beleidigungen? Kommen sie nicht daher, dass ein jeder sich selbst zu sehr liebt, und an sich selbst zu großes Gefallen hat? Wer dagegen Anmaßung und Selbstgefälligkeit fahren lässt, wird sich sanftmütig und umgänglich zeigen: und wer nun solche Mäßigung besitzt, wird auch den Brüdern vieles verzeihen und vieles an ihnen tragen. Daher ist diese Ordnung und dieser Zusammenhang wohl zu beachten. Man wird umsonst zur Geduld ermahnen, wenn man die Herzen nicht vorher zur Sanftmut gestimmt und den losfahrenden Sinn gezügelt hat; und ebenso vergeblich wird man Sanftmut predigen, wenn man nicht den Anfang mit der Demut gemacht hat.

Sollen wir nun einander in der Liebe vertragen, so liegt darin ein Hinweis auf die Art der Liebe, die eben geduldig ist (1. Kor. 13, 4). Wo diese Liebe herrscht, wird jeder bereit sein, manches am anderen zu tragen. Und mit vollem Rechte empfiehlt Paulus gerade die Geduld als Unterlage für die Ewigkeit im Geist. Denn tägliche Anstöße gibt es genug, aus denen Streit entstehen kann, besonders bei der bekannten Empfindlichkeit der menschlichen Natur.

V. 3. Die Einigkeit im Geist erklären viele als geistliche Einigkeit d. h. als die Einigkeit, die Gottes Geist unter uns schafft; und gewiss macht er allein uns eines Sinnes und eins. Aber ich verstehe darunter einfach die Einigkeit der Herzen. Diese Gemeinschaft wird zusammengehalten durch das Band des Friedens, während aus Streitigkeiten fast immer Hass und Missgunst entstehen. Man muss daher sanftmütig sein im Leben, damit das gute Einvernehmen mit den anderen erhalten bleibt.

V. 4. Ein Leib usw. Jetzt wird noch genauer beschrieben, wie vollkommen die Einigkeit unter den Christen sein muss: so fest geschlossen soll sie sein, wie ein von einer Seele durchwalteter Leib. Der Apostel will damit sagen, dass diese Einigkeit nicht bloß hier und dort sich zeigen, sondern alles durchdringen soll. Er gibt dafür einen einleuchtenden Grund an: wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eures Berufs. Wollen wir in diesem ewigen Ziel verbunden sein, so müssen wir schon in dieser Welt einträchtig leben. Darum ergeht ja Gottes Ruf an alle insgesamt, damit sie, in Einmütigkeit des Glaubens verbunden, einander auch zu helfen trachten. Wollten wir uns doch unauslöschlich einprägen, dass nach dem Gesetz der Gottesgemeinde Kinder Gottes ebenso wenig streiten dürfen, als das Himmelreich geteilt sein kann! Wie viel vorsichtiger würden wir dann handeln, um das gute Einvernehmen unter den Brüdern zu pflegen! Wie schrecklich müsste uns jeder Streit vorkommen, wenn wir es recht bedenken würden, dass alle sich vom Gottesreiche trennen, die sich von den Brüdern abscheiden! Ich weiß nicht, wie es kommt, dass wir uns rühmen Gottes Kinder zu sein, und dabei doch die brüderliche Liebe gegen einander vergessen. Lasst uns von Paulus lernen, dass diejenigen durchaus keinen Anteil an dem gemeinsamen Erbe haben, die nicht ein Leib und eine Seele sind!

V. 5. Ein Herr. Da der Vater alsbald (V. 6) noch besonders genannt wird, so ist mit dem Einen Herrn Christus gemeint, den uns der Vater zum Herrn bestimmt hat. Unter dessen Herrschaft können wir aber nur stehen, wenn wir Einmütigkeit beweisen. Mit besonderem Nachdruck kehrt darum das Wort „ein“ stetig wieder. Damit gibt der Apostel zu verstehen: Christus kann nicht geteilt, der Glaube nicht auseinander gerissen werden; es gibt keine verschiedenen Taufen, sondern die Eine ist allen gemeinsam; Gott kann nicht in verschiedene Teile auseinander gezogen werden. Daher ziemt es uns, diese heilige Einigkeit unter uns zu pflegen, die durch so viele Bande zusammengehalten ist: denn sowohl der Glaube, als die Taufe, als auch Gott der Vater und Christus müssen uns verbinden, sodass wir gewissermaßen wie ein Mensch zusammenhängen. So ergibt sich die vom Apostel gepredigte Glaubenseinigkeit aus Gottes einiger und ewiger Wahrheit, welche ihr fester Grund ist.

Eine Taufe. Die der ganzen Christenheit gemeinsame Taufe gibt uns Anteil an dem einen Leib und einem Geiste. Denn sie empfängt ihre Weihe durch den Namen des einen Vaters, Sohnes und Geistes. Darin liegt der stärkste Zusammenhalt.

V. 6. Ein Gott und Vater. Dieses ist das Wichtigste, weil alles Übrige daraus folgt; denn der Glaube, die Taufe und auch die Herrschaft Christi, unter dessen Leitung wir vereinigt werden, haben darin ihren Grund, dass Gott der Vater durch diese Mittel sich mit uns verbindet, um sich uns mitzuteilen.

Der da ist über euch allen und durch euch alle. Gott erhält, belebt und regiert Alles durch seine Macht. Apg. 17, 28: „In ihm leben, weben und sind wir.“ Ebenso Jer. 13, 13: „Ich will alle füllen.“ Aber von dieser allgemeinen Weltregierung redet Paulus hier nicht, sondern nur von der geistlichen Regierung der Gemeinde. Durch den Geist der Heiligung durchdringt Gott alle Glieder der Gemeinde, beschließt alle unter seine Herrschaft und wohnt in allen. Gott steht aber nicht in Widerspruch mit sich selbst: folglich muss er uns auch eins machen. Von dieser geistlichen Einigkeit redet Christus Joh. 17, 11.

V. 7. Einem jeglichen usw. Nunmehr folgt eine Beschreibung des Mittels, durch welches Gott unsere gegenseitige Verbindung schützt und erhält: Gott schenkt nämlich niemandem eine solche Vollkommenheit, dass irgendjemand an sich selbst, getrennt von den anderen, genug hätte und mit sich selbst zufrieden sein könnte. Jeder hat nur sein bestimmtes Maß empfangen, so dass er nur in der Gemeinschaft sich selbst zu behaupten vermag. Über die Verschiedenheit der Gaben spricht Paulus auch 1. Kor. 12, 4 in fast derselben Absicht: er zeigt dort, dass diese Verschiedenheit der Eintracht unter den Gläubigen nicht schadet, sondern vielmehr dazu dient, sie zu befestigen. Und auch an unserer Stelle wird uns vor allem eingeprägt, dass Gott auf keinen Einzelnen alle seine Gaben häufte, sondern jedem nur sein Teil gab, damit jeder des anderen bedürfen und seine Gaben zum gemeinen Besten anlegen sollte. Dabei enthält der Hinweis auf die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi noch eine Mahnung zur Demut: hätte uns Gott auch hervorragende Gaben geschenkt, so würden wir dadurch seiner Gnade nur zu größerem Dank verpflichtet sein. Christum nennt aber der Apostel als Geber, obgleich er bisher sicherlich an den Vater dachte: denn in ihm will er alles, was wir sind und haben, zusammenfassen, wie wir sofort sehen werden.

V. 8. Darum heißt es usw. Weil die Anwendung, die Paulus von dieser Stelle aus Ps. 68 macht, etwas von dem ursprünglichen Sinne abweicht, so beschuldigen ihn gottlose Leute, dass er die Schrift missbrauche. Ja die Juden entwerten sogar diese Stelle, indem sie das, was von Gott ausgesagt wird, auf David oder das Volk beziehen, damit ihre Schmähungen mehr begründet erscheinen. Sie sagen: David oder das Volk sei in die Höhe gefahren, als er, durch zahlreiche Siege erhoben, über seine Feinde die Oberhand gewann. Wenn man aber diesen Psalm im Zusammenhang betrachtet, so findet man, dass er eigentlich allein von Gott handelt; der ganze Psalm ist gleichsam ein Siegeslied, das David dem Herrn wegen der ihm geschenkten Siege singt. Das, was Gott durch seine Hand ausgeführt hat, gibt ihm dann Anlass, auch nebenbei zu erwähnen, welche Wunder Gott sonst noch zum Heile seines Volkes vollbrachte. Sein Ziel ist dabei zu zeigen, wie Gottes herrliche Macht und Güte in der Gemeinde offenbar geworden ist. Unter anderem sagt er auch: „Du bist in die Höhe gefahren.“ Dem Fleische erscheint es so, als wenn Gott still liege und schlafe, wenn er seine Gerichte nicht öffentlich ausübt. Wenn die Gemeinde bedrückt wird, so ist Gott gewissermaßen erniedrigt; wenn er aber seinen rächenden Arm erhebt, um sie zu befreien, so scheint er sich zu erheben, um den Richterstuhl zu besteigen. Es ist dies eine bekannte und geläufige Redeweise (z. B. auch Ps. 7, 7; 18, 47; 94, 2), nach welcher hier die Befreiung der Gemeinde eine Erhöhung Gottes heißen kann. Da nun Paulus in diesem Psalm ein Triumphlied Davids über alle Siege Gottes erkannte, welche seiner Gemeinde Rettung brachten, so hat er mit Recht diesen Vers von der Erhöhung Gottes auf Christi Person angewandt: denn das ist der größte Triumphzug, den Gott ausgeführt hat, als Christus, nachdem er die Sünde besiegt, den Tod überwunden, den Satan in die Flucht geschlagen hatte, in herrlicher Weise in den Himmel erhoben wurde, um als ein ruhmgekrönter Herrscher die Gemeinde zu regieren. Bis jetzt liegt also kein Grund vor für die Behauptung der Gegner, dass die Anwendung, die Paulus von dieser Stelle macht, in Widerspruch mit den Gedanken Davids stehe.

Hat das Gefängnis gefangen geführt. Gefängnis steht hier für gefangene Feinde. Der Sinn ist also einfach, dass Gott die Feinde in seine Gewalt bringt; das ward am vollkommensten in Christo erfüllt, denn er hat nicht nur den Satan, die Sünde, den Tod und die ganze Hölle unterworfen, sondern bereitet sich täglich aus Aufrührern ein folgsames Volk, indem er durch sein Wort die Zuchtlosigkeit unseres Fleisches zähmt und ebenso seine Feinde d. h. alle Gottlosen gleichsam mit eisernen Ketten gebunden hält, so dass sie nichts mehr können, als er ihnen zulässt.

Das Folgende bietet größere Schwierigkeiten. Während nämlich im Psalm steht, dass Gott Gaben empfangen hat, sagt Paulus scheinbar ganz gegenteilig: Gott hat den Menschen Gaben gegeben. Doch auch hierin liegt nichts Unvernünftiges, da Paulus, wenn er eine Schriftstelle anführt, sie nicht wörtlich wiederzugeben pflegt, sondern sich oft damit begnügt die Stelle anzurühren, und dann nur den Inhalt berücksichtigt. Es ist aber klar, dass Gott nicht für sich selbst, sondern für sein Volk die Gaben empfangen hat, von denen David hier redet. Deshalb heißt es auch kurz vorher in dem Psalm, dass die Beute unter die Familien Israels ausgeteilt wurde. Da Gott also zu dem Zweck Gaben empfangen hat, um sie auszuteilen, so hat Paulus an der Sache selbst nichts geändert. Dabei empfiehlt sich vielleicht noch mehr die Annahme, dass unsere Worte gar nicht mehr als eigentliches Zitat aus dem Psalm gemeint sind, sondern ganz frei aussagen wollen, was sich nun im eigenen Gedankenzusammenhange ergibt. So hätten wir es mit einer Steigerung gegenüber der alttestamentlichen Vorlage zu tun, welche Gottes Erhebung in Christi Person viel herrlicher erscheinen lässt, als alle früheren Siege für die Gemeinde: denn wie viel größer ist es doch, wenn ein Sieger freiwillige Spenden austeilt, als wenn er von den Besiegten Beute nimmt. Wenn dagegen andere erklären – um einigermaßen innerhalb des Zitats zu bleiben -, dass Christus vom Vater empfangen habe, was er uns austeilen soll, so erscheint dies als eine gezwungene Ausflucht.

V. 9. Dass er aber aufgefahren ist usw. Wiederum beschuldigt man Paulus, dass er durch eine unwürdige und kindische Beweisführung das auf Christi wirkliche Erhöhung beziehe, was bildlich zur Verherrlichung der göttlichen Ehre gesagt ist. Man sagt: Steht, wie wir sehen, das Wort „aufgefahren“ ursprünglich im bildlichen Sinne, so scheint man ja daraus auch nicht schließen zu dürfen, dass zuvor ein Abstieg erfolgt sein müsse. Doch will ja Paulus durchaus nicht in streng logischer Folgerung aussprechen, was sich etwa notwendig aus dem alttestamentlichen Wort ergeben sollte. Er wusste recht wohl, dass David sinnbildlich von einer Erhöhung oder Auffahrt Gottes gesprochen hatte. Welcher Abstieg Gottes war aber tiefer, als da er sich in Christo erniedrigte? Hat Gott jemals sich aus scheinbar tiefster Verachtung herrlich erhoben, so ist dies sicherlich geschehen, als Christus aus dem Stande der Niedrigkeit, in welchem er uns gleich war, zu himmlischer Herrlichkeit aufgenommen ward. Im Übrigen handelt es sich hier nicht um eine genaue wörtliche Erklärung des Psalms, da Paulus nur auf die Worte des Propheten anspielt, wie er auch Röm. 10, 6 eine Stelle aus Mose seinem Zwecke anpasst. Dass aber Paulus nichts auf Christi Person bezieht, was eigentlich nicht dafür passt, beweist uns der Schluss dieses Psalms; denn dort sehen wir deutlich, dass alles, was David in diesem Psalm singt, auf Christi Reich zielt. Dieser Schluss ist eine deutliche Weissagung von der Berufung der Heiden.

In die untersten Örter. Mit Unrecht beziehen einige Ausleger diesen Ausdruck auf die Vorhölle oder das Totenreich: es ist lediglich an den Aufenthalt in diesem Erdenleben gedacht. Der Ausdruck vergleicht nicht einen Ort der Erde mit einem noch tieferen, sondern stellt die Erde als Ganzes im Gegensatz zum Himmel: von diesem erhabenen Sitze ist Christus zu unserem tiefen Abgrunde d. h. zur Erde herabgestiegen.

V. 10. Über alle Himmel d. h. über die ganze erschaffene Welt. Denn wenn es von Christus heißt, dass er im Himmel ist, so dürfen wir das nicht so verstehen, als wenn er am Himmelsgewölbe säße, um etwa die Sterne zu zählen. Vielmehr ist dieser Himmel ein über das Himmelsgewölbe hoch erhabener Ort, der dem Sohne Gottes nach seiner Auferstehung zugewiesen ward, - und doch nicht ein wirklicher Ort außerhalb der Welt. Unsere Sprache kann ja aus ihrem Rahmen nicht heraus, wenn sie vom Himmelreich redet. Freilich darf man daraus auch nicht die Folgerung ziehen, dass Christus nicht leiblich von uns entfernt sei, weil die Erhabenheit über alle Himmel gleichbedeutend mit der Auffahrt in den Himmel sein soll. Denn wenn die Schrift Christum im Himmel oder über allen Himmeln sein lässt, so will sie von seiner jetzigen Existenzweise jedenfalls alles ausschließen, was unter Sonne und Sternen d. h. im Bereich der ganzen sichtbaren Schöpfung liegt.

Auf dass er alles erfülle. Das ist schwerlich so gemeint, dass Christus durch seine Auffahrt und den Eintritt in die ihm vom Vater überwiesene himmlische Herrschaft vermöge seines Weltregiments nun alles zur Vollendung bringen soll, - was ja „erfüllen“ allenfalls heißen könnte. Viel schlagender wird der Gedanke, wenn die beiden scheinbar und doch nicht tatsächlich widerstrebenden Ausdrücke auf einander bezogen werden: Christus ist gen Himmel gefahren, also scheinbar (und nach seiner menschlichen Gegenwart auch wirklich) von uns fern, - aber doch nur so, dass er mit der Kraft seines Geistes jetzt alles erfüllt. Denn so weit Gottes Rechte reicht, die Himmel und Erde umfasst, erstreckt sich auch Christi geistliche Gegenwart, und ist er selbst gegenwärtig mit seiner unermesslichen Macht, - wenngleich sein Leib nach dem Worte des Petrus (Apg. 3, 21) den Himmel einnehmen muss. Wir sehen also, dass dieser scheinbare Widerspruch einen sehr guten Sinn gibt: Christus ist aufgefahren – aber um Himmel und Erde zu erfüllen, während er früher auf einen kleinen Raum beschränkt war. Aber erfüllte er nicht auch schon früher Alles? Gewiss, ich gestehe es, mit seiner Gottheit: aber die Kraft seines Geistes hat er früher nicht so ausgeübt, als nach Antritt seiner Herrschaft. Heißt es doch Joh. 7, 39: „Der Geist war noch nicht da, denn Christus war noch nicht verkläret.“ Und Joh. 16, 7: „Es ist euch gut, dass ich hingehe, denn so ich nicht hingehe, kommt der Tröster nicht.“ Kurz, wie er seitdem erst zur Rechten des Vaters sitzt, so hat er auch seitdem erst angefangen, Alles zu erfüllen.

Jetzt wendet sich die Rede zu ausführlicherer Entfaltung der eben erwähnten Gnadengaben, aus deren Mannigfaltigkeit sich die Einheit der Gemeinde aufbaut, wie in der Musik die verschiedenen Töne sich zu lieblicher Melodie fügen. Diese Aussprache muss übrigens zugleich dienen, uns den Wert der äußeren Predigt des Wortes nahezulegen. Der Hauptinhalt ist dieser: Das Evangelium wird durch bestimmte Menschen verkündigt, die zu diesem Amte berufen sind. Diese Ordnung hat Gott festgesetzt, um dadurch seine Gemeinde zu regieren, damit sie in der Welt unversehrt erhalten bleibe und endlich sicher zu ihrer Vollendung komme. Freilich könnte es verwunderlich scheinen, dass Paulus die Ämter aufzählt, wo man eigentlich eine Rede über die Gaben des heiligen Geistes erwartet. Aber wenn Gott Menschen in seinen Dienst beruft, so verbinden sich damit unweigerlich seine Gnadengaben. Setzt Gott Apostel und Hirten ein, so überträgt er ihnen nicht nur ein äußeres Amt, sondern rüstet sie zugleich mit den nötigen Kräften aus, ohne die sie ihr Amt nicht in rechter Weise verwalten können. Wer also von Gott selbst zum Apostel eingesetzt ward, hat nicht nur einen leeren Titel, sondern auch Vollmacht und Kraft empfangen. Danach können wir das Einzelne genauer erwägen.

V. 11. Und hat etliche usw. Zuerst lernen wir hier, dass es keine menschliche Erfindung, sondern eine unantastbare Einrichtung Christi ist, dass die Kirche durch die Predigt des Wortes regiert wird. Denn die Apostel haben sich nicht selbst erwählt, sondern sind von Christo erwählt worden; und ebenso drängen sich auch jetzt die rechten Hirten nicht willkürlich ein, sondern werden vom Herrn berufen. Alles in allem lehrt Paulus, dass die Regierung der Gemeinde, die im Dienst am Worte besteht, nicht von Menschen erdacht, sondern von dem Sohne Gottes selbst angeordnet ward. Mit dieser unantastbaren Verfügung sollen wir uns zufrieden geben: wer das Predigtamt verwirft oder verachtet, greift Christum an, der es eingesetzt hat, und ist ein Aufrührer. Christus selbst ist es, der Prediger gibt, und wenn er sie nicht erwecken würde, so würden keine da sein. Daraus schließen wir auch, dass keiner zu diesem herrlichen Amte würdig und geschickt ist, den Christus nicht dazu bereitet und gesetzt hat. Dass wir Diener des Evangeliums haben, ist seine Gabe; seine Gabe ist es auch, dass sie mit der nötigen Kraft ausgestattet werden, - und dass sie das ihnen anvertraute Amt verwalten, ist wiederum seine Gabe.

Bei der Aufzählung der verschiedenen Ämter sei wiederum erinnert, dass eben die mannigfachen Glieder einen ganzen und gesunden Leib ausmachen sollen. So hat Eifersucht, Neid und Ehrgeiz zu schweigen. Denn eben dies vernichtet ja den rechten Gebrauch der göttlichen Gaben, wenn jeder nur an sich denkt, für sich Ehre begehrt, sich selbst gefällt, und wenn dann in den Geringeren der Neid gegen die Größeren aufsteigt. So erinnert der Apostel, dass jeder etwas empfangen hat, - nicht um es für sich zu besitzen, sondern um es für die Gesamtheit zu verwenden. Da schon 1. Kor. 12 von den hier aufgezählten Ämtern die Rede war, so wollen wir hier nur das Nötigste anmerken. Fünf verschiedene Ämter werden verzeichnet, wobei freilich manche Ausleger die beiden letzten zu einem einzigen zusammenfassen. Auch sonst schwanken die Meinungen vielfach, so dass ich mich darauf beschränkten möchte, die eigene Ansicht vorzutragen. Unter Aposteln verstehe ich nicht nach der einfachen Wortableitung alle und jede Boten, sondern im engeren Sinne die besonders erwählten, welchen Christus einen eigenen Ehrenposten zugedacht: das waren nun die Zwölf, zu deren Rang nachmals auch Paulus erhoben ward. Ihr Amt war es, in der ganzen Welt überall das Evangelium zu verkündigen, die Gemeinde zu pflanzen und Christi Reich aufzurichten. Sie hatten also nicht jeder seine bestimmte, ihm zugewiesene Gemeinde, sondern es war ihre Aufgabe, überall wohin sie kamen, das Evangelium zu predigen. Ihnen am nächsten stehen die Evangelisten, die ein ähnliches Amt hatten und sich nur dadurch von den Aposteln unterschieden, dass sie einen niedrigeren Rang einnahmen. Zu ihnen gehörten Timotheus (2. Tim. 4, 5) und ähnliche. Schließt sich Paulus mit solchen Evangelisten manchmal in seinen Briefgrüßen zusammen (1. und 2. Thess. 1, 1), so will er damit keineswegs den ihm eigenen Aposteltitel an sie abtreten. Der Herr hat sich also der Hilfe der Evangelisten gleich nach den Aposteln bedient. Zwischen diese beiden Klassen stellt Paulus die Propheten. Viele verstehen darunter solche Leute, die wie Agabus (Apg. 11, 28; 21, 10) zukünftige Dinge vorauszusagen wussten. Da es sich hier aber um die Lehre handelt, so glaube ich, dass ebenso wie 1. Kor. 14, 28 Männer vorschweben, die besonders befähigt waren, die Weissagungen der Propheten auszulegen und dieselben kraft einer besonderen Gabe der Offenbarung auf die Verhältnisse der Gegenwart anzuwenden, wobei ich jedoch die Gabe der Vorhersagen, insoweit dieselbe der Lehre dienen kann, nicht ausschließe. Hirten und Lehrer halten viele für gleichbedeutend, weil sie die Rede nicht durch ein neues Anheben voneinander trennt, wie dies bei den vorigen Ämtern geschah. Trotz dieser unzweifelhaften Zusammenfassung lässt sich doch nicht jeder Unterschied verwischen. Haben auch alle „Hirten“ oder Pastoren zu lehren, so gibt es doch daneben noch eine besondere Gabe der Schriftauslegung, welche zur Erhaltung gesunder Lehre dient. Es kann auch jemand ein „Lehrer“ sein, dessen eigentlicher Beruf das Predigen nicht ist. „Hirten“ sind also nach meiner Ansicht die Leute, denen die Fürsorge für eine bestimmte Herde anvertraut ward. Man ist berechtigt, sie auch Lehrer zu nennen, nur muss man sie von den eigentlichen Lehrern unterscheiden, die bestimmt sind, die Hirten heranzubilden und zugleich die ganze Kirche zu belehren. Es kann ja auch ein Lehrer zugleich Hirte sein: aber darum fallen die beiden Ämter doch nicht notwendig zusammen. Zu bemerken ist übrigens, dass nur die beiden letztgenannten Ämter dauernd zum Bestand der Gemeinde gehören: Apostel, Evangelisten und Propheten hat Gott seiner Kirche nur für eine gewisse Zeit gegeben, - es wäre denn, dass er in Zeiten des Glaubensverfalls auch außerordentlicher Weise einmal Evangelisten erweckte, um die reine Lehre wieder auf den Leuchter zu stellen. Dagegen ist eine Regierung der Gemeinde ohne Hirten und Lehrer überhaupt nicht zu denken. Endlich wollen wir im Gegensatz zum papistischen Irrtum wenigstens anmerken, dass Paulus in unserem Zusammenhange, in welchem er von der Einheit der Gemeinde und ihren Ämtern handelt, von einem Papsttum nichts meldet. Hätte er davon schweigen dürfen, wenn dergleichen existiert hätte?

V. 12. Dass die Heiligen zugerichtet d. h. als Glieder am Leibe in die rechte Stellung und das gehörige Gleichmaß gebracht werden zum Werk des Amts. Denn was Gott, wenn er wollte, freilich selbst leisten könnte, hat er Menschen aufgetragen: die Gemeinde zu lenken und so zu regieren, dass dadurch der Leib Christi erbaut werde. Ein schöneres Lob konnte der Apostel dem Amt des Wortes nicht spenden, als dass er ihm diese Kraft zuschreibt. Oder gäbe es eine größere Leistung als die ist, Christi Gemeinde zu ihrer allseitigen Vollendung aufzuerbauen? Und solch herrliches und göttliches Werk lässt Paulus an die Verkündigung des Wortes gebunden sein! Welche Schwärmerei also, ohne Wort von Vollkommenheit in Christo zu träumen, - und welcher Hochmut, sich etwa mit privatem Bibellesen zufrieden zu geben, wobei man des öffentlichen Amtes der Gemeinde nicht zu bedürfen glaubt! Ist der Aufbau der Gemeinde Christi Werk, so wird man sich wohl auch an das halten müssen, was er dafür geordnet hat. Nun bezeugt Paulus hier aber deutlich, dass wir nach Christi Vorschrift allein durch die äußere Predigt erbaut und zur Vollendung geführt werden können, wobei wir uns durch Menschen regieren und belehren lassen müssen. Diese allgemeine Regel gilt in gleicher Weise für Hoch und Niedrig. Die Gemeinde ist die gemeinsame Mutter aller Frommen, die sowohl Könige als Untertanen in dem Herrn gebiert, nährt und lenkt, - und das geschieht eben durch das Amt. Leute, die solche Ordnung vernachlässigen oder verachten, wollen weiser sein als Christus. Darum wehe über ihren Hochmut! Sicherlich wollen wir nicht leugnen, dass Gottes Kraft auch ohne menschliche Beihilfe einen Menschen zur Vollendung führen kann: aber hier ist die Rede davon, was Gott verordnet, was Christus festgestellt hat, und nicht davon, was Gott etwa auch sonst tun könnte. Gott erweist den Menschen damit eine außerordentliche Ehre, dass er ihrer Hilfe sich bedient, um andere Menschen selig zu machen. Und es ist das beste Mittel zur Förderung der Einigkeit, wenn wir uns um dieselbe Lehre wie um das Banner eines Führers sammeln.

V. 13. Bis dass wir alle hinankommen usw. Noch immer verweilt die Rede dabei, die Notwendigkeit des Predigtamtes weiter auszuführen. Hatten wir soeben vernommen, dass die Gemeinde durch den Dienst der Menschen regiert und geordnet werden muss, um vollkommen dazustehen, so lehrt der Apostel jetzt, damit niemand an einen nur vorübergehenden Zustand denke, dass dies bis zum Ende der Tage nicht anders sein könne. Das Predigtamt hat nicht bloß wie für die Kinderzeit seine Erziehung zu üben, sondern ist nötig, solange wir in dieser Welt unser Wesen haben. Gibt es doch Schwärmer, welche meinen, wenn man Christum gefunden hat, brauche man keine Predigt mehr. Solche überklugen Leute verachten, was sie nur für eine Kinderzucht halten. Paulus dagegen erklärt mit Nachdruck, dass wir in diesen Schranken bleiben müssen, bis der ganze Weg zurückgelegt ist. Bis zum letzten Atemzuge sollen wir unter der Leitung Christi Vollkommenheit suchen und uns als demütige Jünger der Gemeinde gebärden, in deren Hände der Herr unsere Erziehung gelegt hat.

Wir sollen zu einerlei Glauben hinankommen: denn wenn auch im Anfang diese Glaubenseinheit bei Kindern Gottes nicht völlig fehlen wird, so bringt es doch die Schwachheit unserer Natur mit sich, dass wir erst allmählich uns ineinander einleben, um schließlich in Christo völlig zusammenzutreffen. Völlig „hinankommen“ werden wir freilich erst, wenn alle unsere Sehnsucht erfüllt ist und wenn wir von diesem Fleische mit allen seinen Resten von Unwissenheit und Unglauben werden befreit sein. Was dann der Apostel von der Erkenntnis des Sohnes Gottes hinzufügt, soll wohl nur zur Erklärung dessen dienen, was er über den Glauben sagte: wahrer Glaube ist eben da, wo man den Sohn Gottes erkennt. Denn auf ihn allein muss der Glaube schauen, von ihm sich abhängig machen, in ihm ausruhen und mit ihm sich zufrieden geben. Wenn er darüber hinausstrebt, greift er ins Leere: er ist nicht mehr Glaube, sondern Selbstbetrug. So wollen wir uns einprägen, dass der wahre Glaube sich derartig in den Schranken Christi hält, dass er außer ihm nichts weiß, noch zu wissen begehrt.

Und ein vollkommener Mann werden. Diese Worte wollen als ein erklärender Beisatz zu den vorigen verstanden sein: dass er zur Erkenntnis des Sohnes Gottes hinankomme, macht die höchste Vollkommenheit eines Christenmenschen aus. Denn er erwächst damit zum Maße des vollkommenen d. h. ausgereiften Alters Christi. Das prägt der Apostel ausdrücklich ein, weil viele törichte Menschen ihre Vollkommenheit längst nicht in dem Maße, wie sie sollten, in Christo aufsuchen. Uns aber soll der Grundsatz feststehen, dass wir außerhalb der Gemeinschaft Christi nichts als Unheil und Verderben sehen. Also nur wer ein Mann in Christo geworden ist, darf als ganz vollkommen gelten.

V. 14. Auf dass wir nicht mehr Kinder seien. Ward uns soeben das höchste Ziel vor Augen gestellt, welches wir erst nach dem Laufe unseres ganzen Lebens erreichen werden, so erinnert der Apostel nunmehr daran, dass während des Laufes wir wenigstens uns nicht mehr als Kinder gebärden sollen. Er deutet damit auf die Übergangszeit zwischen Kindheit und reifem Mannesalter. Kinderart ist es, den eingeschlagenen Weg nicht festzuhalten, sondern in stetem Wechsel und verändertem Entschluss fortwährend hin und her zu springen. Wer dagegen schon in Wahrheit seinen Grund in Christi Lehre gefunden, mag von Vollkommenheit zwar noch weit entfernt sein, wird doch aber so viel Weisheit und Stärke besitzen, dass er das rechte zu wählen und den einmal betretenen richtigen Weg festzuhalten weiß. So gleicht also das Leben der Gläubigen, weil es im fortwährenden Fortschritt zu dem gesteckten Ziele strebt, dem Jünglingsalter. Die Wahrheit, dass wir in diesem Leben niemals völlige Männer werden, duldet also keineswegs die Überspannung, dass wir es über die Kindheit niemals hinausbringen könnten. Denn nachdem wir in Christo geboren sind, müssen wir wachsen, sodass wir nicht immer Kinder bleiben in der Erkenntnis. Hier sehen wir, wie traurig der Zustand des Christentums unter dem Papsttum war, wo die Hirten mit allem Fleiß bemüht waren, das Volk in der ersten Kindheit zurückzuhalten.

Und uns treiben und wiegen lassen. Zwei Bilder schildern treffend das Schwanken der Leute, die keinen festen Halt am Worte Gottes haben. Das erste erinnert an ein Schiff, das mitten im Meere von den Wellen umhergeworfen wird, keinen festen Kurs mehr einhält, nicht mehr mit Geschick und Überlegung gesteuert, sondern fortgerissen wird, wohin der Wind es treibt. Das zweite Bild lässt uns an einen Halm oder sonst einen leicht beweglichen Gegenstand denken, welchen jeder Windstoß oft in den entgegengesetzten Richtungen wiegt. So, sagt Paulus, muss notwendig jeder in stetem Unbestand hin und her wanken, der nicht auf der ewigen Wahrheit Gottes als einem festen Fundamente ruhen kann. Das ist dann die gerechte Strafe dafür, dass man mehr auf Menschen als auf Gott sieht. Dem gegenüber können wir hier lernen, dass der Glaube, der sich auf Gottes Wort stützt, unüberwindlich dasteht gegen alle Angriffe Satans.

Von allerlei Wind der Lehre. Es ist ein schönes Bild, dass alle Menschenlehren, die uns von der Einfalt des Evangeliums abziehen, „Wind“ heißen. Denn nur in dem Worte, welches Gott uns gegeben hat, wird unsere Wurzel feststehen, während Menschen mit ihren Täuschereien uns bald hierhin bald dorthin ziehen. So deutet denn der Apostel nebenher auf die Schalkheit der Menschen. Denn es wird nie an Betrügern fehlen, welche ihre List wider unseren Glauben aufbringen: aber sie werden nichts erreichen, wenn wir uns mit Gottes Wahrheit wappnen. Beides wollen wir nie aus dem Gedächtnis verlieren. Viele sind ja ganz überrascht und verwirrt, sobald Rotten und gottlose Lehren aufkommen. Aber Satan kann eben nicht ablassen, es immer wieder aufs Neue zu versuchen, durch seine Lügen die reine Lehre Christi zu verdunkeln. Und Gott will durch solche Kämpfe unseren Glauben prüfen. Zweitens empfangen wir einen großen Trost, wenn wir hören, dass man in Christi und der Apostel Lehre stets die beste Waffe zur Hand hat, sich wider jede Irrung zu schützen. So mag man uns angreifen, - aber überwinden wird man uns nicht. Die Worte, welche der Apostel gebraucht, erinnern übrigens an die „Schalkheit“ oder Betrügereien eines verschlagenen Würfelspielers, weiter an die „Täuscherei“ oder die Kriegslisten, mit welchen Satans Diener uns zu fangen suchen. Dies alles soll uns wach und scharf halten, damit unser Fortschrittseifer im Worte Gottes nicht erlahme und wir nicht eine Unachtsamkeit schwer büßen müssen.

V. 15. Lasset uns aber die Wahrheit treiben in d. h. verbunden mit der Liebe. Niemand soll eben bloß an sich denken, sondern soll mit dem Eifer um die Wahrheit auch den Trieb verbinden, sich anderen mitzuteilen, damit der Nutzen der Allgemeinheit zugutekomme. Freilich soll die Rücksicht auf menschliche Freundschaft nur so weit reichen, dass die Wahrheit darunter nicht leidet. Sollen wir nun in unserem Wahrheitsstreben wachsen, so bewegt sich dieser Gedanke noch in der Linie dessen, was wir kurz zuvor hörten: erreichen wir auch das volle Mannesalter noch nicht, so gilt es doch, über die Stufe einer unbewussten und urteilslosen Kindheit hinauszuwachsen. So viel Festigkeit muss Gottes Wahrheit ins uns gewinnen, dass kein Angriff Satans uns aus der Bahn werfen kann. Fehlt dann noch das Vollmaß der rechten Kraft, so werden wir doch bis zum letzten Atemzuge vorwärtsdringen. Als Ziel dieses Fortschritts wird hingestellt, dass wir wachsen an dem, der das Haupt ist, Christus. Denn nur in seiner Gemeinschaft können wir stark und groß werden. Jeder Christ hat sich unter dies Haupt zu beugen und so in den Leib einzufügen. Christus allein muss wachsen, und alle anderen müssen abnehmen: so wird die Gemeinde wohl geordnet dastehen. Jeder Fortschritt soll sich in der Schranke halten, dass wir nur immer mehr das Haupt groß machen und ihm dienen wollen.

V. 16. Von welchem aus der ganze Leib usw. Der beste Beweis dafür, dass alle unsere Fortschritte zur Vermehrung des Ruhmes Christi dienen müssen, ist, dass er es ist, der uns alles darreicht, dass er es ist, der uns bewahrt, sodass wir nur in ihm wohl geboren sind. Denn so wie der Baum allen Saft aus der Wurzel zieht, so fließt für uns alle Kraft, die wir besitzen, aus Christus. Hierbei ist dreierlei zu beachten. Erstens, dass, wie ich schon gesagt habe, alles wirklich kräftige und gesunde Leben, welches die Glieder weitergeben, vom Haupte ausgeht, sodass die Glieder nur Werkzeuge sind. Zweitens sind die Kräfte derartig verteilt, dass alle Glieder der Gemeinschaft pflegen müssen, weil jedes nur sein begrenztes Maß empfing. Drittens kann der Leib ohne diese wechselwirkende Liebe nicht gesund bleiben. Darum hören wir, dass vom Haupte her durch die Glieder wie durch Kanäle dem Leibe alles zugeführt wird, was zu seiner Ernährung nötig ist. Und wir verstehen, wie der Leib nur dann rüstig und gesund ist, wenn alle seine Teile ineinander greifen. Jedes Glied hat dabei seine Stelle, und die Liebe dient zur Selbst-Erbauung der ganzen Gemeinde. Jedes wirkliche Wachstum des Einzelnen muss ja mit dem Wachstum des ganzen Leibes zusammenstimmen. Wer nur für sich selber zu wachsen begehrt, befindet sich auf einem Irrwege. Denn was nützt es dem Schenkel oder dem Arm, wenn sie gewaltig dick werden? Oder was nützt es dem Knochen, wenn er gewaltig lang wird? Solche Anschwellung ist nur hinderlich. Wenn wir daher Glieder Christi sein wollen, so dürfen wir nichts für uns selbst sein, sondern was wir sind, müssen wir für andere sein; das geschieht durch die Liebe. Wo diese nicht herrscht, da gibt es keine Erbauung der Gemeinde, sondern nur Zerstreuung.

V. 17. So sage ich nun usw. An die Aussprache über die Ordnung, welche Christus seiner Gemeinde zu ihrer Erbauung gegeben hat, schließt sich ein Hinweis auf die Früchte, welche die evangelische Lehre im persönlichen Leben der Christen zeitigen soll. Man kann auch sagen, dass der Apostel jetzt die Auferbauung, welche sich aus der Lehre ergeben muss, in ihren einzelnen Zügen darlegt. Zunächst warnt er die Epheser vor dem inhaltlosen Treiben der Ungläubigen, welches mit ihrer Berufung zu Christo in Widerspruch stehen würde. Wäre es doch unbegreiflich, wenn Leute, welchen in Christi Schule das Licht der Heilserkenntnis aufging, in diesem eitlen Wesen untergehen und sich in nichts von den Ungläubigen und Blinden unterscheiden wollten, in deren Herz niemals ein Strahl der Wahrheit fiel! So ergibt sich notwendig aus allen früheren Darlegungen der Schluss: Christen sollen in ihrem Leben zeigen, dass sie nichts umsonst Christi Jünger wurden. Das bezeugt der Apostel mit besonderem Nachdruck in dem Herrn. So wird es uns eingeprägt, dass wir Rechenschaft werden geben müssen, wenn wir diese Mahnung verachten.

Unter den anderen Heiden versteht Paulus diejenigen, die sich noch nicht zu Christo bekehrt haben. In dem Hinweis auf sie liegt eine Erinnerung für die Epheser, wie nötig es für sie ist, im Stande der Bekehrung zu verharren: denn in ihrem natürlichen Stande waren sie ebenso verloren und verderbt wie die anderen. Ein Blick auf die in ihren eigenen Augen abschreckend hässliche Verfassung ihrer heidnischen Volksgenossen musste sie zum Fortschritt in der Besserung reizen. Es ist also des Apostels Wille, dass die Gläubigen sich von den Ungläubigen unterscheiden sollen, - und er sagt auch alsbald, warum. Von den Ungläubigen, welche Christi Geist noch nicht wiedergeboren, heißt es, dass sie in der Eitelkeit ihres Sinnes wandeln. Also der Sitz der Vernunft, welche den Willen bestimmt und somit eine Hauptrolle im Leben der Menschen spielt, ist hohl geworden: so haben die bösen Begierden ihren Zügel verloren. Die Vernunft geht in die Irre, gerade bezüglich der höchsten Dinge. Fällt nun auf die Vernunft, welche den Willen leiten soll, solche Schande, so kann von einem freien Willen, wie ihn der Stolz der Menschen träumt, keine Rede mehr sein. Aber scheint dem allen nicht die Erfahrung zu widersprechen? Denn die Menschen sind doch nicht so blind, dass sie überhaupt nichts mehr sehen, und nicht so hohl, dass sie jede Urteilsfähigkeit verloren hätten. Trotzdem müssen wir festhalten, dass in Dingen des Reiches Gottes und des geistlichen Lebens das Licht der menschlichen Vernunft sich nur wenig von der Finsternis abhebt: es wird verlöschen, noch ehe es den Weg weisen kann. Unser sogenannter Scharfblick ist nicht viel mehr als Blindheit: er wird erlöschen, ehe er sich irgend fruchtbar erwiesen. Winzige Fünkchen von Wahrheitserkenntnis sind ja vorhanden: aber sie werden durch unser verkehrtes Wesen erdrückt, ehe sie zur Anwendung und zum wirklichen Gebrauch kommen können. So weiß man z. B. wohl, dass es einen Gott gibt, und dass er von uns verehrt werden muss; aber infolge unserer Verderbtheit und der Unwissenheit, die uns beherrscht, bilden wir uns gleich aus unseren verworrenen Gedanken ein Götzenbild, das wir an Stelle Gottes verehren. Und wenn man auch Gott selbst verehrt, bleibt man doch, namentlich bezüglich der ersten Tafel seines Gesetzes, in tiefen Irrtümern befangen. Bei den Geboten der zweiten Tafel stimmt unser Urteil zwar mit den Vorschriften Gottes in Bezug auf die äußeren Taten überein, aber die Quelle aller Sünden, nämlich die böse Lust, bleibt uns verborgen. Übrigens ist zu beachten, dass Paulus hier nicht nur von der natürlichen Blindheit redet, die uns allen angeboren ist, sondern auch die tiefe Verblendung im Auge hat, womit Gott, wie wir sehen werden, die vorhergehenden Sünden bestraft. So viel Verstand und Erkenntnis ist ja dem Menschen noch geblieben, dass sie vor Gott keine Entschuldigung haben. Wenn sie sich aber selbst überlassen sind, so können sie nur irren, straucheln und anstoßen in allen ihren Entschlüssen und Taten. Daraus können wir auch abnehmen, dass vor Gott alle selbstgemachten Gottesdienste keinen Wert haben, weil sie ja aus diesem Abgrunde der Torheit und Wirrwarr der Unwissenheit erwachsen sind.

V. 18. Entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, d. h. welches Gott seinen Auserwählten durch den Geist der Erneuerung mitteilt. Ist doch das gemeine Leben, welches wir vermöge unserer menschlichen Existenz führen, nur ein blasses Schattenbild des wahren Lebens, nicht nur weil es schnell vorübergeht, sondern auch weil unsere Seele mitten im Leben tot ist, wenn sie nicht an Gott hängt. Überhaupt gibt es in dieser Welt drei Stufen des Lebens. Die erste Stufe ist das natürliche Leben, das als Bewegung und sinnliche Wahrnehmung sich äußert, und das wir mit den Tieren gemeinsam haben. Die zweite Stufe ist das besondere menschliche Leben, durch das wir Kinder Adams sind. Die dritte Stufe ist das übernatürliche Leben, das allein die Gläubigen bekommen. Alle Arten des Lebens stammen von Gott. Die erste Stufe meint Paulus in seiner Rede zu Athen, wenn er sagt (Apg. 17, 28): „In ihm leben, weben und sind wir.“ Ebenso ist diese Stufe gemeint Ps. 104, 30: „Du lässest aus deinem Odem, so werden geschaffen und erneuerst die Gestalt der Erde.“ Von der zweiten Stufe handelt Hiob 10, 12: „Leben und Wohltat hast du an mir getan, und dein Aufsehen bewahrt meinen Odem.“ Im eigentlichsten Sinne heißt jedoch nur das wiedergeborene Leben der Gläubigen ein Leben aus Gott: denn Gott lebt erst dann wirklich in uns, und wir erfreuen uns seines Lebens, wenn er uns mit seinem Geist regiert. Solches Leben spricht nun Paulus allen Sterblichen ab, die nicht in Christus neue Kreaturen geworden sind. Hier zeigt es sich, wie traurig unser Zustand ist, so lange wir im Fleische d. h. für uns selbst und nicht für Gott leben. Und wir bekommen zugleich einen Maßstab in die Hand zur Beurteilung der gewöhnlichen menschlichen Moral. Wirkliche und wahrhafte Tugenden können ja auf einem Boden, der nicht dem Herrn gehört, nicht erwachsen. Soll etwas Gutes in uns werden, so müssen wir zuerst durch Christi Gnade erneuert sein. Hier liegt der Anfang des wirklichen Lebens, welches erst seinen Namen verdient. Dass nun die Menschen sich so von Gott entfernten, kam durch die Unwissenheit, so in ihnen ist. Denn wie die Erkenntnis Gottes das wahre Leben der Seele ist, so ist auf der anderen Seite die Unwissenheit der Tod. Und damit man diese Unwissenheit nicht für ein zufälliges, von außen eingedrungenes Übel halte, wie etwa sich einmal ein Irrtum einschleicht, so lehrt Paulus, dass ihre Wurzel in der Blindheit des Herzens ruht, womit er eben sagen will, dass sie in der Natur selbst begründet ist. Die Blindheit, welche den Menschengeist von Anbeginn umfängt, ist eine Strafe der Erbsünde: denn nach seinem Falle ward dem Adam das wahre Licht Gottes genommen, außer dessen Umkreis man sich in schrecklicher Finsternis bewegt.

V. 19. Welche stumpf sind. War bisher von den angeborenen Fehlern der Menschennatur die Rede, so schreitet der Gedanke nunmehr zu dem äußersten Übel fort, welches der Mensch sich durch seine eigenen Taten schafft: das sittliche Gefühl stumpft sich ab, und das Gewissen verliert sein Empfindungsvermögen, so dass nun die Bahn für jegliche Nichtswürdigkeit offen steht. Unsere Natur ist verderbt und zum Bösen geneigt, ja völlig an das Böse gefesselt. Wird nun ein Mensch nicht mit Christi Geist begabt, so lässt er dieser Natur ihren zügellosen Lauf, und es kann nicht fehlen, dass er mit immer neuen Beleidigungen Gott zum Zorne reizt. Schlägt ihn nun Gott mit Gewissensbissen, so kümmert ein solcher Mensch sich nicht darum, sondern verhärtet sich wider alle Mahnungen. Solche Auflehnung verdient aber mit völliger Verwerfung gestraft zu werden. Deren Erkennungszeichen ist die Stumpfheit, von welcher Paulus hier redet, in welcher ein Mensch mit fortwährenden Sünden Gott beleidigt, wobei keine Furcht vor dem Gericht ihn anwandelt: in voller Sicherheit geht er seinen Weg, ohne Scheu geht er seinem Ergötzen und Wohlgefallen nach, womit er sich selbst betrügt; keine Scham stört ihn, er fragt auch nach keinem Anstand mehr. Kann man die Gewissensqualen, in welchen der Mensch die Schrecken des Gerichts erlebt, mit dem Vorhof der Hölle vergleichen, so ist dieser Zustand der Sicherheit und Gleichgültigkeit schon beim Höllenschlunde selbst angelangt. Wie auch Salomo sagt (Spr. 18, 3): „Wo der Gottlose hinkommt, da kommt Verachtung und Schmach mit Hohn.“ So kann denn der Apostel mit Recht ein schreckliches Beispiel göttlicher Rache darin sehen, wenn gottverlassene Menschen, deren Gewissen abgestorben, deren Furcht vor dem göttlichen Gericht erloschen, deren sittliche Empfindung völlig stumpf geworden ist, sich wie besinnungslos mit viehischer Leidenschaft aller Schande preisgeben. Damit ist freilich nicht ein Bild der Menschheit im Allgemeinen gezeichnet: denn Gottes unermessliche Güte hält auch viele von den Verworfenen derartig fest, dass in der Welt nicht alles aus Rand und Band geht. So kommt es, dass sich nicht bei allen eine solch schamlose Begierde und eine so zügellose Leidenschaft zeigt. Es genügt, dass uns in mehrfachen Beispielen ein Spiegel vorgehalten wird, der uns von einem ähnlichen Wege abschreckt.

Unter Zügellosigkeit verstehe ich den schrankenlosen Mutwillen, mit welchem das Fleisch frei daher stürmt, wenn Gottes Geist es nicht zurückhält. Unreinigkeit ist alles schamlose Treiben, welchem viele sich mit Gier hingeben. Das Wort, welches wir mit „Gier“ übersetzen, kann sprachlich allerdings auch als „Geiz“ verstanden werden. Aber in den Zusammenhang passt es viel besser, an die Unersättlichkeit der bösen Begierden zu denken, die jeder Mäßigung spotten.

V. 20. Gegensätzlich wird nun das christliche Leben geschildert, damit wir innewerden, wie wenig es sich mit wahrer Frömmigkeit verträgt, wenn man sich aus dem heidnischen Schmutze nicht abhebt. Den Heiden, welche in der Finsternis wandeln, muss ja eine klare Erkenntnis dessen fehlen, was gut und böse ist. Leute aber, denen Gottes Wahrheit leuchtet, soll man von ihnen unterscheiden können. Wenn die Heiden, die ihre Lebensregeln nur aus der Eitelkeit ihres Sinnes entnehmen können, sich in schmähliche Gier verwickeln, so wundern wir uns weiter nicht, aber Christi Lehre weiß doch etwas davon, dass wir unseren eigenen Sinn verleugnen sollen. Wessen Leben sich nun von dem Treiben der Ungläubigen nicht abhebt, der kann nicht wohl von Christo gelernt haben. Denn Erkenntnis Christi ist ohne Abtötung des Fleisches gar nicht zu denken. Um aber die Aufmerksamkeit und den Eifer seiner Leser stärker zu spannen, sagt Paulus nicht einfach, dass (V. 21) sie von Christo gehört haben, sondern auch, dass sie in ihm gelehrt sind. Er wirft also die Frage auf, ob sie eine bloß oberflächliche Kunde oder eine gründliche Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, welche wirklich dem entspricht, wie in Jesu die Wahrheit ist. Diese Wendung soll jene Scheinkenntnis des Evangeliums treffen, mit der viele sich brüsten, die doch von einer Erneuerung des Lebens nichts wissen wollen. Mögen solche Leute sich für sehr weise halten, so sagt doch der Apostel rund heraus, dass sie nur einen trügerischen Scheinglauben haben. Es schwebt ihm also eine doppelte Erkenntnis Christi vor, eine wahre und echte, und eine andere, die nur Trug und Schein ist. Nicht als ob es in Wirklichkeit eine zweifache Erkenntnis Christi gäbe. Vielmehr ist die Erkenntnis, mit welcher viele sich fälschlich schmeicheln, lediglich Fleischesweisheit. Wie es also 2. Kor. 5, 17 heißt: „Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur,“ – so hören wir hier, dass von einer Erkenntnis der Wahrheit in Christo nur da die Rede sein kann, wo man auch von Abtötung des Fleisches etwas spürt.

V. 22. So legt nun von euch ab. Paulus fordert von einem Menschen, der ein Christ sein will, Buße und Erneuerung des Lebens. Diese bestimmt er als Selbstverleugnung und Wiedergeburt durch den heiligen Geist. Mit dem ersteren beginnt er, indem er befiehlt den alten Menschen abzulegen. Es ist dies ein gebräuchliches Bild (vgl. auch zu Röm. 13, 14): wie ein Gewand sollen wir das alte Wesen ausziehen. Was der Apostel unter dem „alten Menschen“ versteht, haben wir bereits zu Röm. 6, 6 dargelegt (vgl. auch 7, 18. 22): er meint die ganze Richtung unseres Wesens, die wir von Mutterleibe her an uns tragen. In der Person Adams und wiederum in der Person Christi stehen sich gewissermaßen zwei Naturen gegenüber. Da wir nun zuerst als Nachkommen Adams geboren werden, so heißt die verkehrte Natur, die wir von ihm her empfangen, der alte Mensch. Dann aber werden wir in Christi Gemeinschaft neu geboren: so kann die aus der Verderbnis erneuerte Natur der neue Mensch heißen. Also: wer den alten Menschen ausziehen will, muss seiner Natur absagen. Damit aber niemand solche Ermahnung für gegenstandslos halte, ruft Paulus den Lesern ihr früheres Leben ins Gedächtnis zurück. Er will sagen: der alte Mensch regierte in euch, als Christus sich euch noch nicht offenbart hatte. Daher müsst ihr euer früheres Leben aufgeben, wenn ihr den alten Menschen ablegen wollt.

Wie der alte Mensch beschaffen ist, soll man nun an seinen Früchten erkennen: es heißt von ihm, dass er durch Lüste im Irrtum sich verderbt. Die bösen Lüste sind es, die ihn ins Verderben locken. Ist übrigens von Verderbnis die Rede, so liegt darin eine Anspielung an den „alten“ Menschen. Denn was alt ist, verdirbt leicht. Die bösen Lüste, welche der Apostel meint, sind nun keineswegs bloß grobe und offenkundige Laster, sondern unter Umständen Dinge, welche bei Menschen gar Anerkennung finden, als da sind: Ehrgeiz, fleischliche Klugheit, überhaupt alles, was aus unserer Eigenliebe oder unserem Unglauben kommt.

V. 23. Erneuert euch aber usw. Dies ist das zweite Stück der Anweisung zu einem frommen und heiligen Wandel: wir sollen uns in unserem Leben mehr durch Christi Geist als durch unseren eigenen Geist bestimmen lassen. Aber was bedeutet „Geist des Gemüts“? Ich verstehe es einfach so, dass Paulus damit sagen will: Erneuert euch nicht nur in Bezug auf die niederen Neigungen und Begierden, welche offenbar verdorben sind, sondern auch in Bezug auf jenen Teil der Seele, welcher für den edelsten und vorzüglichsten gehalten wird. Soll aber dies innerste Gemüt, unser ganzer Sinn und Geist der Erneuerung bedürfen, so kann der Apostel wohl darin nichts für gesund und unverdorben halten. Er wird auch schwerlich die löbliche und vielgepriesene Vernunft für die Königin ansehen, die uns regieren könnte, - sondern deutet vielmehr stillschweigend auf den Geist Gottes vom Himmel, welcher den Geist unseres Gemüts erneuern muss.

V. 24. Zieht den neuen Menschen an. Der Gedankenzusammenhang ist folgender: Wenn ihr den neuen Menschen anzieht, so werdet ihr eben damit eine innerliche Erneuerung im Geist erfahren, eine Erneuerung, die nicht nur einen Teil eures Wesens umfasst, sondern im Gemüte, als dem scheinbar noch am wenigsten verderbten innersten Lebenspunkte, anhebt. Heißt es nun von diesem neuen Menschen, dass er nach Gott geschaffen ist, so lässt sich dabei sowohl an die erste Schöpfung des Menschen als auch an seine Neuschöpfung durch Christi Gnade denken. Denn im Anfang ward Adam nach Gottes Bild erschaffen, so dass sich in ihm die göttliche Gerechtigkeit spiegelte. Da aber dieses Bild durch die Sünde zerstört worden ist, so musste es in Christus wiederhergestellt werden. Die Wiedergeburt der Frommen ist nun nichts anderes, als die Wiederherstellung des Bildes Gottes in ihnen (vgl. auch zu 2. Kor. 3, 18). Der Unterschied zwischen beiden Schöpfungen besteht nur darin, dass bei der zweiten Gottes Gnade viel reicher und mächtiger waltet. Und die Neugeburt führt uns von unseren Irrwegen auf das Ziel zurück, zu welchem wir ursprünglich bestimmt waren: zur Übereinstimmung mit dem Bilde Gottes.

In rechtschaffener Gerechtigkeit usw. Wenn man Gerechtigkeit allgemein für Rechtschaffenheit nimmt, so steht die Heiligkeit noch höher, bei welcher ja an eine Gott geweihte Reinheit zu denken ist. Aber man kann auch so unterscheiden, dass die Heiligkeit sich auf die erste Gesetzestafel bezieht, die Gerechtigkeit dagegen auf die zweite. So heißt es im Lobliede des Zacharias (Lk. 1, 74): „Dass wir ihm dienen unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit.“ Beide Tugenden sollen „rechtschaffen“ oder vollkommen wahr sein: denn hier handelt es sich um das Verhältnis zu dem Gott, der sich mit keinem Schein täuschen lässt.

V. 25. Aus der Hauptlehre von der Gerechtigkeit des neuen Menschen entwickeln sich nun alle Einzelanweisungen zu einem frommen Wandel, wie die Bäche aus der Quelle. Wo aber dieser Grund nicht gelegt ist, wird die schönste Sammlung von Lebensregeln wenig ausrichten. So stellt denn der Apostel alles auf umfassenden Grund. Soll auf dem Grunde des wahren Evangeliums sich eine wahre Gerechtigkeit oder Heiligkeit aufbauen, so empfangen wir für unser Verhältnis untereinander als erste Einzelvorschrift die Mahnung: legt die Lüge ab und redet die Wahrheit. Unter „Lüge“ wird dabei alles betrügerische Wesen, Verstellung und List, unter „Wahrheit“ klare und durchsichtige Offenheit verstanden: in allem Verkehr mit dem Nächsten sollen wir lauter sein. Wir hören dafür auch den Grund: sintemal wir untereinander Glieder sind. Denn es ist widernatürlich, wenn Glieder nicht zusammenstimmen, und erst recht, wenn sie einander betrügen.

V. 26. Zürnt und sündigt nicht. Wahrscheinlich spielt der Apostel auf Ps. 45 an. Sicher ist dies jedoch nicht, da sich dort etwa auch übersetzen ließe: „Zittert und sündigt nicht!“ Jedenfalls ruft uns Paulus zu: zürnt, - und sündigt dabei nicht. Er warnt uns also vor der Sünde, mit welcher wir nur zu leicht bei unserem Zürnen Gott beleidigen. Das geschieht gemeinhin in dreifacher Weise. Erstens: geringe und unbedeutende Anlässe und rein persönliche Anstöße, über die wir hinweggehen sollten, erregen unseren Zorn. Zweitens: eine einmal angefachte Erregung überschreitet alles Maß und Ziel. Drittens: der Zorn, den wir gegen uns selbst und die eigene Sünde richten sollten, wendet sich vielmehr gegen die Brüder. Demgegenüber will uns Paulus lehren, wie man recht und mit Maßen zürnen soll: das geschieht nämlich, wenn man den Grund des Zorns mehr bei sich selbst, als bei anderen sucht, und wenn man vor allem gegen seine eigenen Fehler unwillig wird. Was aber andere betrifft, so muss sich unser Zorn weniger gegen die Personen als gegen ihre Sünde richten. Wir dürfen uns auch nicht durch persönliche Beleidigungen zum Zorn reizen lassen: nur der Eifer um die Ehre Gottes soll unseren Zorn entflammen. Endlich muss unser Zorn sich in solcher Schranke halten, dass wir ihn nötigenfalls zügeln können, damit keine wilden Leidenschaften des Fleisches sich mit ihm verbinden.

Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn. Da es fast nicht zu verhindern ist, dass der Zorn nicht zuweilen in ungerechten und verderblichen Jähzorn ausarte, weil alle menschlichen Gemütsbewegungen eine Neigung zum Bösen haben, so gibt Paulus uns ein zweites Hilfsmittel an die Hand: wir sollen uns bald beruhigen und nicht zulassen, dass der Zorn lange Zeit andauert und sich festsetzt. Dabei bleibt als Hauptvorschrift bestehen, dass wir zürnen und nicht sündigen; weil dies aber bei der Schwachheit unserer Natur sich kaum durchführen lässt, so tritt die zweite Vorschrift ein, dass man den Zorn nicht im Herzen hegen, noch ihm Zeit lassen soll, sich einzuwachsen. Hätte uns ja der Zorn gepackt, soll unsere Seele doch wieder stille werden, ehe die Sonne sich neigt.

V. 27. Gebt nicht Raum dem Teufel. Das griechische Wort für Teufel könnte auch einen Lästerer bedeuten: so findet man hier eine Warnung, sich vor übler Nachrede böswilliger Leute zu hüten, die sich an unseren Zorn hängen könnte. Ohne Zweifel will uns der Apostel aber warnen, nicht dem Satan unsere Seele auszuliefern, der davon Besitz nehmen würde wie ein Feind von einer Festung, um sie nach seinem Willen zu regieren. Die tägliche Erfahrung lehrt ja, eine wie unheilbare oder wenigstens schwer heilbare Krankheit der lang anhaltende Hass ist. Das kommt aber nur daher, dass wir dem Satan unser Herz übergeben haben, statt ihm Widerstand zu leisten. Daher müssen wir uns vom Zorn frei machen, ehe er sich in unserem Herzen in das Gift des Hasses wandelt.

V. 28. Wer gestohlen hat usw. Der Apostel verwehrt nicht allein den groben Diebstahl, welchen die Obrigkeit straft, sondern auch den heimlichen, welchen kein menschliches Gericht fassen kann, - als da sind alle Anschläge, durch welche wir fremdes Gut an uns zu bringen suchen. Aber er verbietet nicht nur, dass wir keine fremden Güter auf unrechte und unerlaubte Weise uns aneignen sollen, sondern gebietet auch, dass wir die Brüder nach unserem Vermögen unterstützen sollen. Du, der du Fremdes geraubt hast, erwirb dir nicht allein deinen Lebensunterhalt mit ehrlichem Schweiß, sondern arbeite auch für andere! Als erste Regel wird uns gegeben, dass keiner aus der Übervorteilung anderer seinen Vorteil suchen, sondern dass ein jeder sich durch redliche Arbeit ernähren soll. Aber dann führt die Liebe uns weiter, dass ein jeder nicht nur für sich selbst lebt, ohne an andere zu denken, sondern dass er auch bestrebt ist, den anderen in ihrer Not zu helfen. Dabei darf man dem Apostel nicht die übertriebene Meinung unterschieben, dass jeder ohne Ausnahme buchstäblich mit den Händen arbeiten soll. Man versteht ja wohl, dass er einfach sagen will: jeder halte sich so, dass er nicht zu stehlen und zu betrügen braucht, - lieber leiste er die härteste Arbeit! Ja, solche Arbeit soll er auch willig auf sich nehmen, um den Brüdern helfen zu können.

Er schaffe etwas Gutes. Da viele Berufsarten lediglich dem Vergnügen, oft sogar dem unsauberen Genusse dienen, so empfangen wir ausdrücklich den weiteren Hinweis, solche Arbeit zu wählen, welche dem Nächsten wahren Nutzen bringt. Hielten schon heidnische Philosophen solche nur dem Vergnügen und somit der Sittenverderbnis dienenden Berufsarten für unehrenhaft, so kann sie ein Apostel Christi noch viel weniger als einen Gott wohlgefälligen Beruf gelten lassen.

V. 29. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Munde gehen. Erstlich will der Apostel aus den Reden der Gläubigen alles entfernt wissen, was faul und schmutzig ist. Er denkt dabei etwa an lüsterne Witze, welche die Begierde zu wecken pflegen. Weiter aber begnügt er sich nicht, das Böse zu hindern: er will unsere Reden auch der Erbauung dienstbar machen. Heißt es Kol. 4, 6: „Eure Rede sei mit Salz gewürzt“, so erscheint hier dieser Gedanke in einer etwas anderen Form: wir sollen reden, was nützlich zur Besserung - wörtlich „zur Erbauung“ - ist d. h. was dem Wachstum des inneren Lebens dient. Wollen wir dies erreichen, so gilt es darauf zu achten, dass unsere Rede holdselig sei zu hören. Wörtlich: dass sie dem, der sie hört, eine Gnadengabe (also Trost, Mahnung usw.) mitteile.

V. 30. Und betrübt nicht den heiligen Geist. Da der heilige Geist in uns wohnt, so müssen Leib und Seele in allen ihren Teilen ihm geheiligt sein. Wenn wir uns nun der Unreinigkeit ergeben, so treiben wir ihn gleichsam aus seiner Wohnung. Um dies allgemeinverständlich auszudrücken, legt Paulus dem heiligen Geiste menschliche Gefühle, nämlich Freude und Traurigkeit bei. Er sagt: Gebt euch Mühe, dass der heilige Geist gerne bei euch wohne, wie in einem freundlichen und angenehmen Hause, und gebt ihm nie Anlass zur Traurigkeit. Andere lassen freilich den Apostel sagen, dass wir den heiligen Geist bei anderen betrüben, wenn wir fromme Brüder, die vom heiligen Geiste regiert werden, durch schmutzige Reden u. dgl. beleidigen; denn fromme Ohren verwerfen nicht nur alles, was wider die Frömmigkeit streitet, sondern können dergleichen nur mit tiefster Betrübnis anhören. Aber aus dem Folgenden geht hervor, dass dies hier nicht die Meinung ist. Paulus sagt: mit welchem ihr versiegelt seid. Also weil Gott uns mit seinem Geiste versiegelt, so betrüben wir ihn, wenn wir nicht seiner Führung folgen, sondern uns mit gemeinen Leidenschaften beflecken. Es lässt sich nicht aussagen, wie wichtig dieser Satz ist, dass der heilige Geist sich freut und sich wohl fühlt bei uns, wenn wir uns ihm in allem willfährig zeigen, nichts denken und nichts sprechen, was nicht rein und heilig ist; dass wir ihn aber betrüben, so oft wir etwas zulassen, das unserer Berufung unwürdig ist. Nun möge ein jeder bei sich denken, welch eine schreckliche Gottlosigkeit es ist, den heiligen Geist zu betrüben, so dass er sich zuletzt gezwungen sieht, von uns zu weichen. Ähnlich, und doch in einem etwas anderen Sinne redet der Prophet (Jes. 63, 10) davon, dass die Sünde den heiligen Geist erbittert und entrüstet: es schwebt hier mehr der Gedanke an eine Reizung zum Zorn vor. – Von einer Versiegelung durch den Geist kann gesprochen werden, weil der heilige Geist gewissermaßen das Siegel ist, welches uns von den Verworfenen unterscheidet, an welchem wohl auch Gott selbst seine Kinder erkennt. Dies Siegel ward unseren Herzen eingedrückt, um uns die Gewissheit unserer gnädigen Annahme zur Gotteskindschaft zu geben. Die Versiegelung währt bis auf den Tag der Erlösung, also bis uns der Herr in den Besitz des verheißenen Erbes einsetzt. Tag der „Erlösung“ heißt dieser Tag, weil wir erst dann von all unserem Jammer erlöst werden. Über die Doppelbedeutung des Wortes „Erlösung“ haben wir uns zu Röm. 8, 23 und 1. Kor. 1, 30 geäußert.

V. 31. Alle Bitterkeit usw. Hatte Paulus kurz zuvor die Zornmütigkeit verurteilt, so kommt er jetzt darauf, zugleich aber auf seine gewöhnlichen Begleiterscheinungen, zurück, als da sind bittere Streitereien und Lästerungen. Grimm und Zorn unterscheiden sich nur wenig: das erste Wort bezeichnet mehr die innere, verhaltene Gesinnung, das letztere mehr den offenen Ausbruch. Die Bosheit soll aus dem Wege geräumt werden, damit die übrigen hier genannten Laster nicht aufwachsen. Gemeint ist jener verkehrte, wie man sagt, „boshafte“ Sinn, welcher das Gegenteil von Freundlichkeit und Billigkeit ist.

V. 32. Seid untereinander freundlich. Im Gegensatz zur Bitterkeit wird uns ein freundliches Wesen empfohlen, ein gefälliges Gebaren in Wort und ganzer Haltung. So schön werden wir uns freilich nur halten, wenn wir einen herzlich teilnehmenden Sinn für die Brüder hegen, einen Sinn, der nicht nur das Leid des anderen wie eigenes Leid empfindet, sondern der in wahrer menschlicher Gemeinschaft auch nach der anderen Seite hin alles innerlich miterlebt, was der Bruder erfährt. Das Gegenteil davon ist die Hartherzigkeit, welche die Menschen so gefühllos und roh macht, dass sie ganz kalt lässt, was anderen begegnet.

Und vergebt einer dem anderen. Es kommt vor, dass ein Mensch Zartgefühl und herzliche Anteilnahme besitzt, aber ein ihm angetanes Unrecht nicht vergessen und verzeihen kann. Solche sonst vielleicht gutmütige Naturen empfangen hier eine Mahnung, nicht an der Undankbarkeit der Menschen vielleicht doch noch zu scheitern, sondern sich versöhnlich zu beweisen. Besonders eindrücklich wird diese Mahnung durch den Hinweis auf das Vorbild Gottes selbst, der uns durch Christum viel mehr vergeben hat, als ein Bruder dem anderen vergeben kann (vgl. Kol. 3, 5).

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