Calvin, Jean - Apostelgeschichte - Kapitel 11.

Calvin, Jean - Apostelgeschichte - Kapitel 11.

1 Es kam aber vor die Apostel und Brüder, die in dem jüdischen Lande waren, dass auch die Heiden hätten Gottes Wort angenommen. 2 Und da Petrus hinaufkam gen Jerusalem, zankten mit ihm, die aus der Beschneidung waren, 3 und sprachen: Du bist eingegangen zu den Männern, die Vorhaut haben, und hast mit ihnen gegessen. 4 Petrus aber hob an und erzählte es ihnen nacheinander her und sprach: 5 Ich war in der Stadt Joppe im Gebete und war entzückt und sah ein Gesicht, nämlich ein Gefäß hernieder fahren wie ein groß leinen Tuch mit vier Zipfeln, und niedergelassen vom Himmel und kam bis zu mir. 6 Darein sah ich und ward gewahr und sah vierfüßige Tiere der Erde und wilde Tiere und Gewürm und Vögel des Himmels. 7 Ich hörte aber eine Stimme, die sprach zu mir: Stehe auf, Petrus, schlachte und iss! 8 Ich aber sprach: O nein, Herr; denn es ist nie kein Gemeines noch Unreines in meinen Mund gegangen. 9 Aber die Stimme antwortete mir zum andern mal vom Himmel: Was Gott gereinigt hat, das mache du nicht gemein. 10 Das geschah aber dreimal; und ward alles wieder hinauf gen Himmel gezogen. 11 Und siehe, von Stund an standen drei Männer vor dem Hause, darinnen ich war, gesandt von Cäsarea zu mir. 12 Der Geist aber sprach zu mir, ich sollte mit ihnen gehen und nicht zweifeln. Es kamen aber mit mir diese sechs Brüder, und wir gingen in des Mannes Haus. 13 Und er verkündigte uns, wie er gesehen hätte einen Engel in seinem Hause stehen, der zu ihm gesprochen hätte: Sende Männer gen Joppe und lass fordern den Simon, mit dem Zunamen Petrus; 14 der wird dir Worte sagen, dadurch du selig werdest und dein ganzes Haus. 15 Indem aber ich anfing zu reden, fiel der heilige Geist auf sie gleichwie auf uns am ersten Anfang. 16 Da dachte ich an das Wort des Herrn, als er sagte: „Johannes hat mit Wasser getauft; ihr aber sollet mit dem heiligen Geist getauft werden.“ 17 So nun Gott ihnen gleiche Gabe gegeben hat, wie auch uns, die da glauben an den Herrn Jesum Christ: wer war ich, dass ich konnte Gott wehren? 18 Da sie das höreten, schwiegen sie stille und lobeten Gott und sprachen: So hat Gott auch den Heiden Buße gegeben zum Leben.

V. 1. Es kam aber vor die Apostel usw. Dass das Gerücht von der Bekehrung eines einzigen Hauses sich allenthalben unter den Brüdern verbreitete, erzählt Lukas, weil die Tatsache der Zugesellung von Heiden die Juden ein Wunder dünkte, gleich als hätten sie gehört, das aus Steinen Menschen geworden seien. Es hinderte sie auch die maßlose zu ihrem Volk, Gottes Werk anzuerkennen. Diese Überhebung hat die Gemeinde in heftige Kämpfe gestürzt, weil die Juden es nicht ertragen wollten, dass durch Gleichstellung der Heiden ihre Würde gemindert wurde. Freilich hatten die Propheten vielfach davon geweissagt, dass nach der Ankunft des Messias die Gemeinde Gottes aus allen Völkern solle gesammelt werden. Das wird man aber dahin gedeutet haben, dass die Heiden dem Gesetz Moses beitreten würden, um einen Platz in der Gemeinde zu finden. Die Weise der Berufung dagegen, deren Anfänge man jetzt zu sehen bekam, war nicht bloß unbekannt, sondern schien auch ganz unvernünftig. Es schien einen Flecken auf Gottes heiligen Bund zu bringen, wenn unter Abschaffung der Gebräuche die Heiden sich mit den Kindern Abrahams zu einem Leibe vereinigten. Jene Leute fassen das Geheimnis nicht so schnell, von welchem Paulus lehrt (Eph. 3, 9), dass es seit Schöpfung der Welt den Engeln verborgen gewesen sei.

V. 2. Zankten mit ihm, die aus der Beschneidung waren. Mit dem Irrtum verbindet sich, wie es meist geschieht, ein hartnäckiger Sinn. Man hört, dass Heiden Gottes Wort angenommen haben. Was steht also im Wege, dass man sie annehme und unter der Herrschaft des einen Gottes mit ihnen Gemeinschaft pflege? Warum sollen nicht zu einem Leibe zusammenwachsen, die sich zum Messias Gottes als zu ihrem Haupt bekennen? Aber weil man sah, dass die äußere Form des Gesetzes Schaden litt, glaubte man, dass jetzt Himmel und Erde durcheinander gemischt würden. Übrigens waren die Leute aus der Beschneidung, die mit Petrus stritten, andere als die zuvor genannten Apostel und Brüder. Gemeint sind auch nicht einfach Juden, - denn andere als beschnittene Christen gab es damals in Jerusalem überhaupt noch nicht – sondern Leute, die auf die Beschneidung und die gesetzlichen Gebräuche einen übertriebenen Wert legten.

V. 3. Du bist eingegangen zu den Männern usw. Petrus hätte sagen können, dass dies ja nicht durch Gottes Gesetz, sondern nur durch die väterliche Überlieferung verboten war. Er verzichtet aber auf diese Verteidigung und antwortet nur, dass diese Männer zuerst zu ihm kamen und dass Gottes Hand sie ihm zuführte. Damit gibt Petrus ein seltenes Beispiel von Bescheidenheit; er hätte im Vertrauen auf die Güte seiner Sache die unerfahrenen Menschen, die ihn zu Unrecht belästigten, verächtlich abweisen können; er entschuldigt sich aber freundlich vor ihnen, wie es sich unter Brüdern ziemt. Gewiss war es keine leichte Versuchung, dass man ihn so unwürdig anklagte, lediglich weil er dem Herrn treulich Gehorsam geleistet hatte. Weil aber die ganze Gemeinde unter dem Gesetz steht, so dass ein jeder, wenn die Sache es fordert, zur Rechenschaft über Lehre und Leben bereit sein soll, und weil er sich sagte, dass auch er ein Glied der Herde sei, tritt er nicht nur in die Reihe der übrigen, sondern unterwirft sich auch aus freien Stücken dem Urteil der Gemeinde. Petrus lässt es sich nicht verdrießen, über seine Sache Auskunft zu geben, da man sein Tun missbilligt. Warum hält sich nun der römische Papst nicht an dasselbe Gesetz gebunden, wenn er doch des Petrus Nachfolger sein will?

V. 4. Petrus aber hob an usw. Weil seine Rede nur eine Wiederholung der Tatsachen ist, deren Absicht erst am Schluss deutlich heraustritt, genügen wenige Bemerkungen. Petrus macht (V. 14) die Predigt des Evangeliums zur Ursache der Seligkeit: der wird dir Worte sagen, dadurch du selig werdest. Nicht als wäre die Seligkeit im Wort eines Menschen beschlossen; aber Gott bietet uns darin seinen Sohn zum ewigen Leben an und schafft es auch, dass wir ihn durch den Glauben genießen. Welch wunderbare Güte Gottes, dass er Menschen, die in sich nur Stoff des Todes haben, selbst dem Tode unterliegen und sogar für andere todbringend sind, doch zu Dienern des Lebens macht!

V. 16. Da dachte ich an das Wort des Herrn usw. Schon im ersten Kapitel (V. 5) haben wir genügend dargelegt, dass dieses Wort Christi nicht seine Taufe mit derjenigen des Johannes vergleichen, sondern vielmehr aussagen will, worin er sich von Johannes unterscheidet. Dies ist ganz im Allgemeinen der Unterschied zwischen Christus und allen Dienern der Gemeinde, dass diese zwar das äußere Zeichen des Wassers mitteilen, er aber durch das Wirken seines Geistes erfüllt und leistet, was das Zeichen bedeutet. Doch soll uns diese Aussage nicht etwa verleiten, die Taufe nur als ein frostiges Schauspiel anzusehen, das mit einem Gnadenwirken des Geistes überhaupt nichts zu tun hätte. Wir haben früher schon gesagt, dass die Schrift in doppelter Weise von den Sakramenten zu reden pflegt. Weil Christus uns in seinen Verheißungen nicht betrügt, lässt er seine Stiftungen nicht unwirksam bleiben. Wo man also den Herrn Christus mit dem Diener und das Wirken des Geistes mit dem Zeichen zusammenschaut, gibt man den Sakramenten die schuldige Ehre. Aber diese Verbindung darf man nicht als eine Vermischung betrachten, wobei die Gedanken der Menschen auf die vergänglichen, hinfälligen und ihnen selbst gleichenden Elemente der Welt abgelenkt würden. Sie sollen vielmehr lernen, das Heil allein bei Christus zu suchen und allein auf das Wirken des Geistes zu schauen. Übrigens wollen wir uns erinnern, dass Christus unter dem Geist, mit welchem die Jünger getauft werden sollen, nicht bloß die Gabe der Sprache und ähnliches verstanden hat, sondern überhaupt die Gnadengaben unserer Erneuerung. Die äußeren Geistesgaben, die er den Aposteln verlieh, sollten nur kundtun, dass er den Geist in seiner Hand habe. Er hat also auf diese Weise bezeugt, dass er der alleinige Urheber der Reinigkeit, Gerechtigkeit und überhaupt der neuen Geburt ist. Petrus macht nun die Anwendung für seinen Zweck; nachdem Christus vorangegangen war und die Kraft der Taufe mit sich brachte, musste er sich ihm anschließen und das Wasser als das äußere Zeichen gewähren.

V. 17. Wer war ich, dass ich konnte Gott wehren? Jetzt sehen wir, zu welchem Zweck Petrus seine Erzählung vortrug. Sie sollte ihm zum Zeugnis dienen, dass die ganze Sache unter Gottes Antrieb und Leitung geschehen sei. Denn wer auf Gottes Gebot sich stützt, hat Verteidigungsgründe mehr als genug. Kann er den Menschen nicht Genüge leisten, braucht er sich doch bei ihren verkehrten Urteilen nicht weiter aufzuhalten. Hätte Petrus hier den Heiden die Taufe und die brüderliche Gemeinschaft verweigert, so wäre er mit Gott in Streit gekommen.

V. 18. Da sie das höreten, schwiegen sie stille. Dieser Ausgang zeigt, dass jene Leute nicht aus Bosheit mit Petrus stritten. Es ist ein deutliches Zeichen von Frömmigkeit, dass sie zu streiten aufhören, sobald sie über Gottes Willen unterrichtet sind. Die Beispiel zeigt, dass man Leute nicht einfach beiseite liegen lassen darf, die in unüberlegtem Eifer Anstoß nehmen und irgendeinen Tadel äußern; man muss vielmehr die durch einen Irrtum beunruhigten Gewissen durch Gottes Wort beruhigen und wenigstens einmal versuchen, ob sie sich belehren lassen. Was aber uns angeht, so lernen wir hier ganz einfach, dass wir unser Urteil lediglich durch Gottes bloßen Wink leiten lassen sollen. Wer noch weiter zu fragen sich erlaubt und sich in seinem Vorwitz gehen lässt, stürzt sich mit teuflischer Kühnheit in einen Abgrund. Lukas erzählt aber gar nicht bloß, dass jene Leute stille schwiegen, sondern dass sie Gott lobeten, ihm also die Ehre gaben. Manchen zwingt die Scham, zu schweigen; aber er unterdrückt nur in seinem Geist, was er nicht auszusprechen wagt. Das ist erheuchelte Bescheidenheit, nicht aber Gelehrigkeit. Jene Leute unterwerfen sich dem Herrn so völlig, dass sie sich nicht besinnen, sofort sein Lob zu verkündigen.

So hat Gott auch den Heiden Buße gegeben. Diese Worte zeigen in knapper Zusammenfassung, was das Evangelium in sich birgt und worauf es zielt, nämlich dass Gott die Menschen durch seinen Geist erneuern und mit sich wieder vereinigen will. Allerdings wird hier nur die Buße genannt; indem es aber heißt, dass sie zum Leben führt, wird klar, dass sie vom Glauben nicht getrennt werden soll. Wer also im Evangelium rechte Fortschritten machen will, ziehe den alten Menschen aus und trachte nach einem neuen Leben; zugleich aber soll er mit aller Gewissheit festhalten, dass er nicht vergeblich zur Buße gerufen wird, sondern dass in Christus ihm Heil bereit liegt (Eph. 4, 21 ff.). So wird es geschehen, dass er in Heilsgewissheit allein auf Gottes unverdientem Erbarmen ausruht und doch die Vergebung der Sünden nicht zum Anlass träger Sicherheit nimmt. Dass Gott die Buße gibt, drückt aus, dass er allein durch seinen Geist die Herzen beschneidet, wie Mose sagt (5. Mos. 30, 6), und aus dem steinernen Herzen ein fleischernes macht, wie Hesekiel (11, 19) sich ausdrückt. Denn es ist Gottes eigenes Werk, die Menschen umzuschaffen und neu zu gebären, so dass sie neue Schöpfungen werden.

19 Die aber zerstreuet waren in der Trübsal, so sich über Stephanus erhob, gingen umher bis gen Phönizien und Cypern und Antiochien und redeten das Wort zu niemand denn allein zu den Juden. 20 Es waren aber etliche unter ihnen, Männer von Cypern und Kyrene, die kamen gen Antiochien und redeten auch zu den Griechen und predigten das Evangelium vom Herrn Jesu. 21 Und die Hand des Herrn war mit ihnen, und eine große Zahl ward gläubig und bekehrte sich zu dem Herrn. 22 Es kam aber diese Rede von ihnen vor die Ohren der Gemeine zu Jerusalem; und sie sandten Barnabas, dass er hinginge bis gen Antiochien. 23 Dieser, da er hingekommen war und sah die Gnade Gottes, ward er froh und ermahnte sie alle, dass sie mit festem Herzen an dem Herrn bleiben wollten. 24 Denn er war ein trefflicher Mann, voll heiliges Geistes und Glaubens. Und es ward ein groß Volk dem Herrn zugetan.

V. 19. Die aber zerstreuet waren usw. Jetzt knüpft Lukas den Faden der früheren Erzählung wieder an. Er hatte kurz berichtet (8, 1. 4), dass nach dem Tode des Stephanus die Wut der Gottlosen sich steigerte und dass die meisten Christen aus Furcht hierhin und dorthin flohen, so dass fast nur die Apostel zu Jerusalem standhielten. Wie man aber den Samen ausstreut, um Frucht zu erzielen, so geschah es durch die Flucht und Zerstreuung der Christen, dass das Evangelium, das zuvor in den Mauern einer einzigen Stadt wie in einem Speicher verschlossen war, bis in die entferntesten Gegenden ausgestreut wurde. So übersprang Christi Name Berge und Meere und gelangte bis zu den äußersten Grenzen des Erdkreises. Wären nicht so viele Fromme aus Jerusalem vertrieben worden, so hätten Cypern und Phönizien, geschweige denn das viel weiter entfernte Italien und Spanien, nichts von Christus gehört. Der Herr aber schaffte es, dass aus einigen herausgerissenen Gliedern eine ganze Anzahl von Körpern erwuchs. Denn wie wären in Rom und Puteoli (28, 13 ff.) Gemeinden gesammelt worden, hätten nicht einige vertriebene Flüchtlinge das Evangelium dorthin gebracht? Wie aber damals der Herr die Anschläge des Satans wunderbar zunichte machte, so wird er ohne Zweifel auch heute aus Kreuz und Verfolgung sich Triumphe bereiten, damit seine Gemeinde aus der Zerstreuung umso fester zusammenwachse. Phönizien grenzt an Syrien und ist das Nachbarland von Galiläa. Antiochien ist die berühmteste Stadt Syriens, nach Cicilien zu gelegen.

Dass sie das Wort zu niemand denn allein zu den Juden redeten, hatte seinen Grund nicht bloß in der Furcht vor Verfolgung, sondern vor allem in einer törichten Scheu; man glaubte, das Brot der Kinder vor die Hunde zu werfen, wenn man das Evangelium auch den Heiden anbot. Und doch hatte Christus befohlen, dass nach seiner Auferstehung das Evangelium unterschiedslos der ganzen Welt gepredigt werden solle (Mk. 16, 15).

V. 20. Endlich aber erzählt Lukas, dass einige diesen Schatz auch zu den Heiden brachten; denn solche sind unter den Griechen zu verstehen1). Diese wenigen Männer, welche die Lehre des Evangeliums in freierer Weise ausstreuten, werden eben von der Berufung der Heiden gewusst haben. Übrigens verdient die Standhaftigkeit aller jener Leute nicht geringes Lob; soeben sind sie fast mitten aus dem Tode gerissen und tragen doch kein Bedenken, unter Gefahr ihr Wirken dem Herrn zu weihen. Wir können daraus ersehen, zu welchem Zweck und in wieweit Christen der Verfolgung entfliehen dürfen; sie dürfen es tun, um die übrige Zeit des Lebens wacker zur Ausbreitung der Ehre Gottes anzuwenden. Fragt aber jemand, woher die eben angekommenen Fremden, die doch wegen ihrer Vertreibung aus Jerusalem allen Juden verdächtig und widrig sein mussten, solche Zuversicht nahmen, so antworte ich, dass ein ganz besonderer Antrieb Gottes sie ihnen eingab und dass sie die gebotene Gelegenheit eben sofort ergriffen. Eine lange Erwägung von Fleisch und Blut war nicht im Spiel.

V. 21. Die Hand des Herrn war mit ihnen. Aus dem Erfolg bewährt Lukas, dass es nicht zufällig und unüberlegt geschah, wenn das Evangelium durch die Brüder aus Cypern und Kyrene auch den Heiden angeboten wurde. Gottes „Hand“ bezeichnet bekanntlich seine Macht und kräftige Wirkung. Gott bezeugte also durch seine gegenwärtige Hilfe, dass es unter seiner Führung geschah, wenn die Heiden zugleich mit den Juden zur Teilnahme an Christi Gnade berufen wurden. Und dieser Segen Gottes trug nicht wenig dazu bei, aller Herzen zu stärken. Übrigens erinnert diese Stelle, dass alle Mühe und aller Eifer, welche Gottes Diener auf die Lehre verwenden, eitel und vergeblich sind, wenn nicht Gott vom Himmel ihre Bemühungen segnet. Unsere Sache ist es, wie Paulus lehrt (1. Kor. 3, 6), zu pflanzen und zu begießen; aber das Wachstum kommt allein von Gott, der die Menschenherzen in seiner Hand hat und sie nach seinem Wohlgefallen biegt und gestaltet. Darum darf auch der Diener nichts im Vertrauen auf seine Begabung und seinen Fleiß unternehmen; er muss seine Arbeit dem Herrn befehlen, dessen verborgener Geisteshauch die Lehre wirksam macht und von dessen Gnade aller Erfolg abhängt. Wo aber die Lehre wirksam wurde, sollen die, welche Glauben fassten, lernen, diesen ihren Glauben auf Gottes Rechnung zu setzen. Dass ein große Zahl gläubig ward und sich dadurch zu dem Herrn bekehrte, ist eine bemerkenswerte und treffliche Beschreibung der Kraft und Natur des Glaubens. Derselbe ist also nicht eine müßige und kalte Erkenntnis, sondern führt die Menschen, die sich zuvor von Gott abgekehrt hatten, unter seine Herrschaft zurück und bindet sie an seine Gerechtigkeit.

V. 22. Es kam aber diese Rede usw. Wenn das Gerücht vor der Entschuldigungsrede des Petrus gekommen wäre, hätten viele jene trefflichen Männer, deren Dienst doch Gottes Geist durch sein gnädiges Wirken besiegelt hatte, heftig getadelt. Aber jener Aberglaube war schon aus den Herzen getilgt, da Gott durch eindrückliche Zeichen dargetan hatte, dass man kein Volk als unheilig ansehen dürfe. Man streitet also nicht weiter, noch klagt man auf Vorwitz, weil einige wagten, den Heiden Christus anzubieten, sondern schickt Hilfe und beweist damit, dass man billigt, was jene getan haben. Dass man den Barnabas schickt, hat guten Grund; es trugen damals die Apostel die ganze Last des Reiches Christi; so war es ihre Aufgabe, überall Gemeinden zu bilden, die zerstreuten Gläubigen in reiner und heiliger Zusammenstimmung des Glaubens zu erhalten und Lehrer und Hirten einzusetzen, wo eine erheblichere Zahl von Frommen sich fand. Es musste ihnen ganz besonders am Herzen liegen, dass der Satan nicht unter den noch Unerfahrenen und im rechten Glauben wenig Befestigten seinen Samen ausstreue; denn es ist nichts leichter, als dass beim ersten Keimen die Saat verderbt werde. Alles in allem wurde Barnabas gesandt, die ersten Anfänge des Glaubens weiter zu fördern, die Dinge in eine bestimmte Ordnung zu bringen, dem angefangenen Gebäude eine Form zu geben und dadurch einen gesetzmäßigen Bestand der Gemeinde zu schaffen.

V. 23. Da er sah die Gnade Gottes usw. Diese Worte zeigen, dass es das rechte Evangelium war, was die Leute in Antiochien angenommen hatten, und weiter, dass Barnabas nichts anderes suchte als die Verherrlichung Christi. Dass er froh ward, ist ein Zeichen seiner echten Frömmigkeit, denn Ehrgeiz ist immer neidisch und missgünstig. Nur zu viele, die mehr die eigene als Christi Ehre befördern möchten, suchen Lob zu gewinnen, indem sie andere tadeln. Treue Knechte Christi aber müssen nach dem Beispiel des Barnabas aus dem Fortgang des Evangeliums Freude schöpfen, ganz einerlei, durch welche Leute der Herr seinen Namen verherrlichen wollte. Wiederum erscheint bemerkenswert, dass Lukas den Glauben der Antiochener und alles, was an ihnen lobenswert war, der Gnade Gottes zuschreibt. Er hätte einzelne Tugenden aufzählen können, welche den Mensche zum Lob gedient hätten; aber er umfasst alles, was in jener Gemeinde Vortreffliches war, mit dem einen Wort „Gnade“. Damit übrigens die Lehre nicht wieder verfließe, muss sie durch ständige Ermahnungen tief in die Herzen der Gläubigen eingedrückt werden. Denn da wir mit vielen und starken Feinden ununterbrochen zu kämpfen haben, unser Geist aber nur zu schwankend ist, wird ein Mensch, der sich nicht ernstlich wappnet, alsbald zu Fall kommen. Täglich sehen wir ja an dem Abfall zahlloser Menschen, wie wahr dies ist. Darum wird berichtet, dass Barnabas die Gemeindeglieder ermahnete. Der Inhalt dieser Ermahnung ist, dass sie mit festem Herzen ausharren sollen. Dieser Ausdruck lehrt, dass erst ein Glaube, der seinen Sitz im Herzen hat, lebendige Wurzeln schlägt. Es ist nicht verwunderlich, dass unter zehn Leuten, die den Glauben bekennen, kaum einer bis zum Ende ausharrt; wissen doch die wenigsten, was das Ergriffensein und der Vorsatz des Herzens bedeutet.

V. 24. Denn er war ein trefflicher Mann. Als Quell dieser Trefflichkeit wird hinzugefügt, dass er voll heiliges Geistes und Glaubens war. Frei von fleischlichen Stimmungen, pflegte er unter Leitung des Geistes eine Frömmigkeit von ganzem Herzen. Eben sein Glaube war der entscheidende Beweis dafür, dass der Geist ihn erfüllte.

Es ward ein groß Volk zugetan. Die schon erhebliche Zahl der Frommen wuchs noch durch die Ankunft des Barnabas. So schreitet der Bau der Gemeinde fort, indem einer den anderen durch gegenseitige Zusammenstimmung unterstützt und der zweite ehrlich anerkennt, was der erste begann.

25 Barnabas aber zog aus gen Tarsus, Saulus wieder zu suchen; 26 und da er ihn fand, führte er ihn gen Antiochien. Und sie blieben bei der Gemeine ein ganz Jahr und lehreten viel Volks; daher die Jünger am ersten zu Antiochien Christen genannt wurden.

V. 25. Dass Barnabas den Saulus herbei ruft, ist ein neuer Beweis seiner Einfalt. Er hätte zu Antiochien die erste Rolle spielen können, vergisst aber sich selbst und sieht auf nichts anderes, als dass allein Christus groß sei. Nur der Aufbau der Gemeinde steht ihm vor Augen; mit dem glücklichen Fortgang des Evangeliums ist er zufrieden. Er fürchtet nicht, dass die Ankunft des Paulus ihm Abbruch tun werde, obwohl er sich doch sagen musste, dass dieser einen Vorsprung gewinnen werde.

V. 26. Auf dieser frommen Eintracht ruht himmlischer Segen. Es war eine besondere Ehre für die Gemeinde, dass in ihr die Jünger zuerst Christen genannt wurden, was nun für die ganze Welt Geltung gewann. Es wird dies geschehen sein, weil in Antiochien zuerst ein zahlreiches Volk aus Juden und Heiden zu einem einzigen Körper zusammengewachsen war. Tatsächlich waren Christen schon früher zu Jerusalem und Samaria; und wir kennen Jerusalem als den wahren Quell, von welchem das Christentum ausfloss. Denn ein Christ ist doch nichts anderes als ein Jünger Christi. Es war aber eine besondere Zierde der Stadt Antiochien, dass von ihr aus Christus seinen Namen wie ein Panier erhob. So wurde der ganzen Welt kund, dass es ein Volk gibt, welches Christus zum Führer nimmt und sich seines Namens rühmt. Wenn Rom solchen Grund zum Stolz hätte, könnte es wenigstens mit einem gewissen Schein sich prahlend die Mutter und das Haupt aller Kirchen nennen. Gerade aber das Beispiel Antiochiens zeigt, dass nicht eine einzige Stadt für alle Zeit solchen Vorzug genießt. Denn hat es etwa darum jetzt eine besondere Würde, weil dort der Christenname aufgekommen ist?

27 In denselbigen Tagen kamen Propheten von Jerusalem gen Antiochien. 28 Und einer unter ihnen, mit Namen Agabus, stand auf und deutete durch den Geist eine große Teuerung, die da kommen sollte über den ganzen Kreis der Erde; welche geschah unter dem Kaiser Klaudius. 29 Aber unter den Jüngern beschloss ein jeglicher, nach dem er vermochte, zu senden eine Handreichung den Brüdern, die in Judäa wohneten; 30 wie sie denn auch taten und schickten´s zu den Ältesten durch die Hand des Barnabas und Saulus.

V. 27. Jetzt wird von einer rühmlichen Frucht des Glaubens der Antiochener berichtet; sie waren bestrebt, den Mangel der Gemeinde, von der sie das Evangelium empfangen hatten, durch ihren Überfluss zu lindern, und sie taten dies, ohne dass man sie bat. Der Name eines Propheten wird, wie der 1. Korintherbrief (12, 28 ff.; 14, 1 ff.) zeigt, im Neuen Testament in verschiedenem Sinn gebraucht. Hier sind Leute gemeint, welche weissagen, d. h. zukünftige Dinge voraus erkennen können.

V. 28. Agabus deutete durch den Geist. Lukas sagt ausdrücklich, dass der heilige Geist der Urheber dieser Weissagung war. Wir sollen also wissen, dass er nicht aus den Sternen oder anderen natürlichen Ursachen eine Vermutung anstellte oder überhaupt auf menschliche Erwägungen seine Aussage gründete, sondern unter verborgenem Antrieb des Geistes vortrug, was Gott beschlossen hatte. Aber die Weissagung einer Hungersnot scheint unglücklich und wenig erwünscht zu sein. Was sollte es nützen, die Menschen dadurch vor der Zeit unglücklich zu machen? Indessen ist es aus mancherlei Gründen nützlich, dass die Menschen rechtzeitig an die drohenden Gerichte Gottes und an die durch ihre Sünden verschuldeten Strafen erinnert werden. So wird ihnen Raum zur Umkehr gegeben, damit sie dem Gericht Gottes zuvorkommen; sie können sich auch zur Geduld rüsten. Insbesondere geht der Nutzen der gegenwärtigen Weissagung nach dem Zusammenhang der Erzählung daraus hervor, dass sie den Antiochenern ein Stachel wurde, den armen Brüdern zu helfen.

Dass diese Hungersnot unter dem Kaiser Klaudius eintrat, berichtet auch der römische Schriftsteller Sueton. Darnach hat man den Klaudius mitten auf dem Markt in Rom mit Steinbrocken beworfen, und die Furcht vor der Steinigung hat ihn derart erschüttert, dass er während seines ganzen Lebens eifrig darauf bedacht war, Nahrungsmittel in Vorrat zu halten. Und der jüdische Schriftsteller Josephus berichtet im 15. Buch seiner Altertümer, dass Judäa wegen fortwährender Dürre von schwerem Mangel bedrückt war.

V. 29. Doch erhebt sich hier die Frage, weshalb man dem einen Volk mehr helfen musste als den anderen, da doch das Übel sie alle insgemein betraf. Ich antworte: da Judäa durch viele böse Kriegsfälle und andere Übel erschöpft war, ging den Antiochenern das Elend der dortigen Brüder mit gutem Grunde am meisten zu Herzen. Es war auch eine sehr lobenswerte Dankbarkeit, dass sie beschlossen, gerade die bedürftigen Brüder zu unterstützen, von denen sie das Evangelium empfangen hatten. Ist doch nichts billiger, als dass Leute, die Geistliches gesät haben, Irdisches ernten. Weil jeder Mensch nur zu sehr darauf bedacht ist, für sich selbst Vorsorge zu treffen, so hätte damals jeder einwenden können: Warum soll ich nicht lieber für mich sorgen und vorbauen? Indem ihnen aber in den Sinn kommt, was sie den Brüdern schulden, schieben sie jene übertriebene Ängstlichkeit in den Hintergrund und stellen sich zu ihrer Hilfe bereit.

Ein jeglicher, nach dem er vermochte. Damit erfüllen die Antiochener eine Regel, die Paulus auch gegenüber den Korinthern (2. Kor. 8, 12) aufstellt. Möglicherweise hat er hier schon diese Vorschrift gegeben. Es soll ein jeglicher erwägen, wie viel ihm gegeben ist, und im Bewusstsein der schuldigen Rechenschaft gütig mit den Brüdern teilen. So wird es geschehen, dass auch ein mäßig begüterter Mann freigebigen Sinn zeigt und eine bescheidene Gabe als ein volles und reiches Opfer gerechnet werden kann. Dass ein jeglicher beschloß, will die Freiwilligkeit der Gabe ausdrücken. So mahnt auch Paulus (2. Kor. 9, 7), dass wir nicht gezwungen und widerwillig, sondern fröhlich unsere Hand den Dürftigen entgegenstrecken sollen. Dass „ein jeglicher“ so tat, will besagen, dass nicht einer dem anderen ein Gesetz auflegte, noch ihn durch sein vorgreifendes Urteil beschwerte, sondern dass jeder einzelne sich zu eigenem Wohltun entschloss. Bemerkenswert ist auch der Ausdruck Handreichung oder buchstäblich „Dienst“. Er lehrt uns, dass den Reichen ein größerer Vorrat unter der Bedingung in die Hand gegeben ward, damit sie Diener der Armen in der ihnen göttlich anvertrauten Austeilung werden sollen. Endlich bemerkt Lukas, dass die Segensgabe nicht dem ganzen Volk gesandt ward, sondern nur den Brüdern, den Genossen des Glaubens. Sicherlich sollen von unserer Wohltätigkeit und Menschenfreundlichkeit die Ungläubigen nicht immer ausgeschlossen sein, da ja die Liebe das ganze Menschengeschlecht umspannen muss. Diejenigen aber müssen vorgezogen werden, an welche Gott uns durch ein engeres und heiligeres Band geknüpft hat.

V. 30. Und schickten´s zu den Ältesten. Hier ist zweierlei bemerkenswert. Die Antiochener wählten zur Überbringung der Gabe treue Männer von erprobter Rechtschaffenheit; sodann richteten sie die Sendung an die Ältesten, die eine kluge Verteilung vornehmen sollten. Denn wenn man Almosen unter das Volk wirft oder öffentlich auflegt, wird jeder schnell die bereitliegende Beute an sich reißen; so werden die Frechen die Dürftigen betrügen, ja mit ihrer Räuberei die Hungrigen zugrunde richten. Wir wollen also auf solche Stellen achten, welche lehren, dass man nicht bloß mit rechtschaffener Treue vorgehen muss, sondern dass für die Auswahl und ganze Verwaltung auch eine bestimmte Ordnung und Weisheit notwendig ist. Als „Älteste“ werden die Leute bezeichnet, welche die Gemeinde zu leiten haben, unter welchen die Apostel die erste Stelle einnahmen. Allerdings war eigentlich nicht diesen, sondern den Diakonen die Armenpflege anvertraut, weil die Apostel nicht diesem Dienst neben dem Amt der Lehre genügen konnten (6, 2). Doch wurde die für die Armen bestimmte Summe den Ältesten zur Verfügung gestellt; denn die Diakonen waren ihnen unterstellt und handelten unter ihrer Autorität.

1)
Anders als 9, 29. Der griechische Text unterscheidet Hellenen und Hellenisten.
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