Burger, Carl Heinrich August von - Am Sonntage Sexagesima 1856.

Burger, Carl Heinrich August von - Am Sonntage Sexagesima 1856.

Text:
Joh. 6, 35-40.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brod des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Aber ich habe es euch gesagt, daß ihr mich gesehen habt, und glaubet doch nicht. Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen. Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht, daß ich meinen Willen thue, sondern deß, der mich gesandt hat. Das ist aber der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, daß ich nichts verliere von allem, das er mir gegeben hat, sondern daß ich es auferwecke am jüngsten Tage. Das ist aber der Wille deß, der mich gesandt hat, daß, wer den Sohn siehet und glaubet an ihn, habe das ewige Leben; und Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.

Das Wort des Apostels Petrus vor dem hohen Rathe zu Jerusalem von Jesu Christo: Das ist der Stein von euch Bauleuten verworfen, der zum Eckstein geworden ist, und ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden! - dieser Ausspruch ist seitdem ein rechtes Schlag- und Stichwort, die Losung und das Kennzeichen der Gemeinde geworden, welche sich nach Christo nennet. Sie würde sich von ihrer Wurzel und von ihrem Ursprung lösen, wollte sie es je aufgeben. Aber in welchem Umfang sie es annimmt und welche Deutung sie ihm gibt, das ist nicht gleichviel. Jesum verehren, was man insgemein so nennt, das heißt noch nicht sein Heil in Ihm gefunden haben, und das Bekenntniß Seines Namens macht uns selig nur dann, wenn es der Ausdruck ist des Glaubens unsers Herzens. Darum haben wir noch immer Ursache nach jenem Zeugniß des Apostels Petrus uns zu prüfen und zuzusehen, ob es in uns nach seiner Wahrheit sich bestätigt. Je mehr sich Jedermann davor verwahret als vor einem schweren Vorwurf, daß er nicht glaube an den Herren Jesum Christum, um so nöthiger ist die Vorsicht, uns Rechenschaft zu geben, was wir denn von Ihm glauben, was unseres Glaubens Inhalt sei, und wie wir ihn bewähren, damit nicht der letzte Betrug ärger werde denn der erste, und die Gefahr unsrer Seele um so größer, weil wir uns gegen sie vollkommen sicher dünken. Unser heutiger Text lehrt uns aus dem Munde des Herrn selbst erkennen, was Er den Seinigen verleihen will, wie Er in Seiner Kraft an ihnen und in ihnen sich will kund thun. So haben wir daran einen Maßstab, ob, was er sagt, sich auch bei uns also befinde; und wo wir einen Mangel daran spüren, ist es noch Zeit, daß wir ihn auszufüllen trachten; denn einst schlägt eine Stunde, in der es zu spät ist.

So lasset uns denn auf Jesu Wort in unserem Texte lernen:

Wie Er sich als die einzige Quelle alles Heils erweise für uns Menschen; und zwar thut Er dieß:

  1. durch Sein Zeugniß, mit welchem Er Sich als den Bringer unseres Lebens uns erbietet;
  2. durch Seine Willigkeit, nach der Er Sich Niemanden entzieht, der Ihn aufsucht;
  3. durch die Kraft, mit welcher Er Sein Werk hinaus führt an den Seinen.

Herr Jesu Christe, hochgelobter Heiland! Du Ewigvater, unser Friedefürst! hilf daß Dein Wort nicht leer bei uns verhalle! Erwecke uns zu ernster Prüfung, ob Du in Wahrheit unser bist und ob wir Dein sind, und laß die Gabe Deines Wortes und Geistes, die Du uns geschenkt hast, nicht zum Gericht für uns ausschlagen, sondern mache sie zu unserem Leben wirksam. Erhöre uns um Deines Namens willen! Amen.

I.

Es geschah am Tage nach der wunderbaren Speisung der 5000 Mann mit 5 Gerstenbroden, daß der Herr in Kapernaum mit den Juden, welche Ihn umringten, das Gespräch führte, von dem unser Text ein Theil ist. Zum Glauben an Ihn hatte Er sie aufgefordert, und sie hatten Ihm entgegnet: „Was thust Du für ein Zeichen? was wirkest Du? Unsere Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben stehet: Er gab ihnen Brod vom Himmel zu essen.“ Aber jenes Himmelsbrod war nicht das rechte. Es war ein Schatten und ein Vorbild des wahrhaftigen. Die von jenem Brode aßen, konnten darum dem Tode nicht entfliehen. Das rechte Brod Gottes ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben; und dieses Brod ist unser Herr, und Er allein! Jesus sprach zu den Juden: „Ich bin das Brod des Lebens; wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten!“ Was die irdische Nahrung dem sterblichen vergänglichen Leibe ist, das ist der Herr dem ganzen Menschen nach Leib und Seele und Geist, und so, daß jegliches gegründete Verlangen und Bedürfniß in Ihm aufgeht und in Ihm gestillt wird. Darum ist in keinem Andern Heil und kein andrer Name den Menschen gegeben, darin wir selig werden sollen, als der Seine, weil Er allein das Sehnen unsers Geistes befriedigt, und außer Ihm im Himmel und auf Erden kein Gut ist, worin unsre Seele Ruhe finden könnte. Denn dem Gesetze der Vergänglichkeit und Eitelkeit ist Alles unterworfen, was um uns her ist, was wir an uns selbst sehen. Nur unser Geist trägt in sich eine Bürgschaft des Bestehens und der Dauer, die ihm zum Fluch wird, so lange er sich allein fühlt in der großen Oede der zeitlichen Hinfälligkeit, die ihn umgibt; so lange er mit seiner Liebe sich bloß Täuschung einkauft, mit seinem Drang und seinem Sehnen nach Erfüllung nur Schatten aufgreift, welche ihm zerrinnen, ehe er ihrer froh wird. Darum ist der Geist des Menschen in dieser seiner Einsamkeit auf Erden „gleich einem Hungrigen, der träumet, daß er esse; wenn er aber aufwacht, so ist seine Seele noch leer; oder gleich einem Durstigen, der träumet, daß er trinke; aber wenn er aufwacht, ist er matt und durstig.“ Nach bleibender Sättigung streckt er sich umsonst aus, bis er erkennt, was ihm fehlt, und mit dem Psalmisten ausruft: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott! Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue.“

Aber auch mit dieser Erkenntniß selbst ist ihm noch nicht geholfen. Denn wo wollen wir Gott finden, daß Er sich mit uns verbinde? Wohl ist Er überall; wir sind von Ihm umfangen, ja in Ihm leben und weben und sind wir. Aber diese Nähe erquickt uns nicht, wenn Er nicht uns mit Seiner Liebeskraft erfüllet. In Gott lebt nur, wer sich von Ihm geliebt weiß; wo aber ist ein Pfand solcher Liebe Gottes zu uns, das uns nicht durch die Sünde wiederum zunichte würde? von dem nicht das Bewußtsein unserer Schuld den Genuß uns raubte? das sich nicht wider uns kehrte, und in einen Vorwurf, eine Anklage, ja in ein Verdammnißurtheil über uns umschlüge, weil wir diese Liebe nicht erwidern, wie wir sollten; weil wir nicht wandeln, wie sie es um uns verdient hat; weil wir von diesem Gott der Lebenszweck des Lebens uns selbst feindselig abgewandt und durch den Abfall eine Kluft befestigt haben, die uns des Einzigen, was wir bedürfen, ewiglich bedürfen, der Gemeinschaft mit Gott und der Seligkeit in Ihm verlustig machet? Dawider kann uns nichts helfen, keine Creatur, am wenigsten wir selber, und der Fluch ewig ungestillten Sehnens bleibet auf uns liegen, wenn nicht Gott selbst, von dem wir uns geschieden haben, unser sich erbarmet und uns heimsucht, die klaffende Wunde des verdammenden Gewissens schließt und uns wieder Frieden schenket. Das hat Er gethan, da Er in Christo sich vereinigte mit unserem Fleisch und Blute, und zu uns trat nicht mit dem Schrecken zürnender Majestät und mit Gericht bewaffnet, sondern als erstgeborner Bruder unter die verirrten Kinder, als Friedebringer, weil in Ihm die Gottheit mit der Menschheit Eins ist, weil Er selbst das lebendige leibhaftige Pfand der Versöhnung ist, die wir bedürfen. Deßwegen nennt Er Sich unser Brod des Lebens. Er ist es, denn Er ist wahrhaftig Gott, und weniger kann uns nicht genügen; weniger nicht als nur Gott selbst vermag uns zu gewähren, was uns noth ist. Denn wir sind göttlichen Geschlechts, und nur in Gott kann unsre Seele satt werden und ihr Sehnen stillen. Aber das Brod, das unsern Hunger und Durst ausfüllt, ist Er als des Menschen Sohn geworden. Wir wären ja nimmermehr im Stande gewesen Gott zu nahen; das sündige Geschlecht der Menschen bliebe immer von dem heiligen, gerechten Gotte geschieden, und kein Verlangen, kein Sehnen und kein Weinen nach Ihm hätte uns vermocht zu Ihm zu bringen, wenn Er nicht uns zuvor gekommen wäre und als Mensch und Bruder zu uns getreten, und hätte durch Sich selber die Versicherung uns gegeben: Der Zorn ist aufgehoben und der Fluch getilgt; Gott ist mit euch; nun wendet euch zu mir und laßt von mir, dem Menschen, der wahrhaftig Gott ist, euch mit Licht und Seligkeit erfüllen. Darum preisen wir den Eingeborenen Sohn vom Vater, der unser Sich erbarmt hat und ist unsers Gleichen worden, als das Brod des Lebens für uns. Schon Seine Menschwerdung ist uns die Bürgschaft dafür, daß wir in Ihm es haben. Durch Seinen Tod und Seine Auferstehung hat Er nur verwirklicht, wozu Er nach des Vaters Rath uns als des Menschen Sohn von Ewigkeit bestimmt ist. Sein Sühnungswerk ist die Entfaltung dessen, wozu Er uns geboren worden ist. Weil Er der Gottmensch ist, deßwegen hat Er unsern Fluch getilgt und unsern Tod verschlungen und das Leben uns erworben; nun gilt das Wort: „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Denn in Ihm hat Gott selbst besuchet und erlöset Sein Volk, und wer Ihn hat, der hat die Fülle alles Gutes, aus welcher Himmel und Erde Dasein und Bestand hat. Er erweiset Sich als den einigen Quell alles Heiles für uns durch dieß Zeugniß, mit welchem Er Sich selber als das Brod des Lebens uns entbietet.

II.

Aber Er beweiset es im Fortgang Seines Werkes durch Seine Willigkeit, nach der Er Niemanden, der zu Ihm kommt, Sich entzieht. „Denn Alles, was mir mein Vater gibt,“ so bezeugt Er uns selber, „das kommt zu mir, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen; denn ich bin vom Himmel gekommen nicht daß ich meinen Willen thue, sondern deß, der mich gesandt hat.“ „Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir.“ Ja, sagst du, da bin ich wieder mit meiner Hoffnung auf das Ungewisse und Schwankende gestellt; weiß ich, ob ich gehöre zu denen, welche Ihm der Vater gibt? Gewiß, du weißt es; denn der Herr gibt dir es aus der Wirkung zu erkennen, die du an dir selbst erfährst. Eben wer zu Ihm kommt, der ist es, der vom Vater Ihm gegeben wurde; anders würde er ja nach dem Ausspruch Christi gar nicht zu Ihm kommen. Also nicht nach verborgenen Rathschlüssen Gottes über dich hast du zu forschen. Das Wort vernimm, das dich zu Jesu ruft; dem Zug des Herzens folge, der dich zu Ihm hinführt. In diesem Zug erkenne Seines Vaters Willen; denn Er hat ihn in dir erweckt. Deßwegen hält der Herr dieß Wort den Juden vor, weil sie dem Sohne gegenüber sich beriefen auf den Vater, und auf den Vater pochten als auf ihren Gott; weil sie als die vermeintlichen Verehrer des Vaters sich dem Sohne widersetzten, und einen Unterschied aufrichteten, für welchen die Verantwortung allein auf sie fällt, als könne dem Vater nahe stehen, wer den Sohn verschmähet. Darum bezeuget ihnen Jesus, was des Vaters Wille in Wahrheit sei, und lehret diesen Willen uns erkennen in dem Verlangen, welches Er im Herzen des Menschen erregt und zum Sohne es damit hintreibet. Denn dieß Verlangen ist ein Werk des Geistes Gottes in uns, mit welchem Er zu Seiner weiteren Wirksamkeit an unserm Geiste Grund legt und sich Bahn macht. Wenn dir das Herz beschwert wird durch die drückende Erfahrung der Eitelkeit der Welt; wenn ihre Haltlosigkeit und Unzuverlässigkeit, wenn ihre Falschheit und ihr Trug dir aufgeht, und du begehrest einen sichern Hort, auf den du bauen und trauen kannst, und der dich nicht verläßt, wo du am meisten sein bedarfst; und deiner fragenden Seele: Wo ist der zu finden? begegnet das Wort von Christo Jesu, der die Mühseligen und Beladenen zu Sich einlädt: so hat der Geist des Herrn dich zu Ihm gewiesen und an Ihn gemahnet; es ist der Zug des Vaters zu dem Sohne, den du spürest. Dem sollst du folgen und zu Jesu kommen, so wirst du inne werden, daß du nicht vergeblich und nicht ungehört kommst. Wenn du erwachst aus deinen eiteln Träumen von eigner Trefflichkeit und Herzensgüte, und wirst inne, wie weit sie abstehen von der Wirklichkeit, die sich bei dir befindet; wie deine Liebe durchfressen und befleckt ist von der Selbstsucht; wie deine Wahrhaftigkeit nicht einen Augenblick Stand hält in den Versuchungen zur Lüge, welche Gefallsucht und Genußsucht und Vorspiegelung des Vortheils dir bereiten; ja wie sich eine lange Kette von Unwahrhaftigkeit zu Unwahrhaftigkeit hindurchzieht durch dem ganzes Leben und es bezeichnet als verrathen und verkauft an den, den Jesus Christus als den Vater der Lügen uns erkennen lehret; und du erschrickst und schaust nach Hülfe aus, und hörst und stehest von dem Heiland aller Sünder, in dessen Munde kein Betrug erfunden wurde und der die Ketten Satans bricht: so ist es der Vater, der dich retten will aus dem Verderben und dich dem Sohne gibt, daß Er dich heile. In Freud und Leid tritt Er zu dir mit Seinem Geist und weist dich auf das Eine hin, was noth ist. Er öffnet dir das Auge über dich; Er weckt in dir das Wohlgefallen an der Gerechtigkeit und Wahrheit; Er macht die Sünde dir ekel und verleidet dir die Lust der Erde: Alles, damit du doch verlangend werdest nach dem Brod des Lebens. Und weil denn so der Vater geschäftig ist in dir und du verspürst Sein Walten, und es drängt dich auch an dir selbst Erfahrung von der Kraft und Gnade deines Heilands zu gewinnen: so komm und widerstrebe nicht. Von Ihm wirst du nicht hinausgestoßen. Warum wäre Er herabgekommen aus dem Himmel, wenn Er nicht die erlösen wollte, die vom Himmel fern sind und geschieden? Warum hätte Er Sich selbst erniedrigt und wäre gehorsam worden bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz, wenn Er den Liebeswillen Seines Vaters, der dich zu Ihm weiset, nicht vollbringen wollte? Nur die kleinmüthige Verzagtheit und der Trug des eignen Herzens versucht noch dich von Ihm zurückzuhalten mit nichtigen Vorwänden, die dein eigenes Gewissen Lügen strafet. Am Vater und am Sohne liegt die Schuld nicht, wenn du von deinem Heil und Leben fern bleibst; sie liegt an deiner Störrigkeit und deinem eigenwilligen Beharren in der Finsterniß des Todes; du bist noch nicht recht geistlich arm geworden, darum verschmähst du Seinen Reichthum; du trägst noch nicht Leid über dich und deine Sünde, darum kannst du nicht getröstet werden; du hungerst und dürstest noch nicht nach der Gerechtigkeit, weil du dich wiegst in Träumen, als ob du sie selber schaffen könntest; darum magst du nicht gesättigt werden. Gieb dem Zuge des Geistes Gottes Raum, den du schon oft gespürt hast von Kind auf, und durchbrich die Garne des Verführers, der doch ohnmächtig ist dich fest zu halten, wenn du nicht selbst in seinen Stricken zu beharren vorziehst; und du wirst bald erfahren, daß des Herrn Mund Wahrheit redet, der dir Ausnahme und Gewährung zusagt. Wer aus der Wahrheit ist, der höret Seine Stimme; nur wer zur Lüge Lust hat, hält sich von Ihm ferne. Und ihr, getaufte Christen, wie könnt vollends ihr eures Herzens Härtigkeit entschuldigen, wenn ihr nicht glaubet dem, der euch bezeugt wird als das Brod des Lebens. Ihr seid doch von dem Vater Ihm gegeben, noch ehe ihr von Ihm wußtet, und ihr betrügt Ihn um Sein Eigenthum, wenn ihr Sein Heil verschmäht und Seinen Ruf zurückweist. An euch hat Gott unzählige Male, seit ihr wisset und denken könnt und euch erinnert, mit Seinem Wort und Geiste angeklopft und euch zum Sohn gezogen und getrieben und gedränget. Wenn ihr Ihm ausweicht und zurückgeht und euch selbst verbittert gegen das Wort, das eure Seelen retten kann, so erfüllet ihr muthwillens wider euch selber das Gericht, von dem der Mund der ewigen Weisheit Gottes über euch gesagt hat (Spr. Sal. 8, 36): Alle, die mich hassen, lieben den Tod!

III.

Aber wer den Sohn hat, hat das Leben, und damit bewährt der Herr an ihm, daß Er der einige Quell alles Heils ist für uns Menschen, indem Er durch Seine Kraft und Gnade mächtig an den Seinigen Sein Werk hinausführt. Denn „das ist der Wille des Vaters, der mich gesandt hat,“ spricht Er, „daß ich nichts verliere von Allem, das Er mir gegeben hat, sondern daß ich es aufwecke am jüngsten Tage;“ denn „wer den Sohn sieht und glaubet an Ihn, hat das ewige Leben, und Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.“ Es ist ein großes Wort, das uns nicht ziemet, irgend abzuschwächen, daß unser Herr sagt: „Wer an mich glaubt, hat das ewige Leben, und Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.“ Er spricht den Gläubigen das ewige Leben zu nicht als ein künftiges Gut, das Er ihnen, sei es auch in noch so gewisse Aussicht stellet; Er bezeugt, daß sie es durch den Glauben an Ihn haben; ausdrücklich unterscheidet Er den gegenwärtigen Besitz desselben von seiner Offenbarung, die noch der Zukunft vorbehalten bleibt. Denn die Auferweckung am jüngsten Tage ist nur die Enthüllung des Werkes, das hienieden schon in Kraft besteht. Wenn unser Herr sagt in Seinem hohenpriesterlichen Gebete: „Das ist das ewige Leben, daß sie Dich, daß Du allein wahrer Gott bist, und den Du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen,“ so faßt doch jedermann, daß Er hier nicht von etwas spricht, das erst in einem andern Leben, als dem, in welchem wir jetzt schon stehen, uns zu Theil werden soll. Aber freilich heißt auch den Herrn erkennen etwas mehr, als bloß von Ihm gehört haben oder um Ihn wissen. Jedes wahrhaftige Erkennen setzt eine innere Verwandtschaft und Gemeinschaft voraus mit dem, was wir erkennen. Wir sind mit Gott verwandt, darum vermögen wir Ihn zu erkennen; und wenn aus diesem Vermögen, dieser uns voraus verliehenen Anlage zum Erkennen Gottes die Wirklichkeit geworden ist, daß wir Ihn inne worden sind als unsern Gott, als unsern Heiland, unser Licht und Leben, dann sind wir nicht mehr blind und todt in Sünden, dann haben und besitzen wir die Fülle dessen, wornach unser Geist verlanget; dann ist Gott unsers Herzens Trost und Theil, und wem Er das geworden ist, der hat das ewige Leben. Er findet es in Jesu Christo, der zum Vater ihn zurückführt; er genießt es in der Vergebung seiner Sünden, in der Kraft des Friedens, mit dem Gott die hungernde Seele sättigt und erquicket, in der Macht Seiner Gnade, die ihn siegreich macht über die Versuchungen des Fleisches, über die Angst der Welt und die Furcht des Todes; und das ist's, was der Eingeborne des Vaters den Seinen jetzt schon schenket, worin Er Seines Vaters Willen in Gehorsam und mit heiliger Lust vollzieht an ihnen. Ich rede ja hier wahrlich nicht von Dingen, die außer dem Kreis menschlicher Erfahrung liegen; im Gegentheil, ich spreche nur aus, was ein jeder Christ, der seinem göttlichen Berufe folgt, erfahren hat und erfahren haben muß. Er kann nicht mehr der alte, von Lust und Furcht in steter Wechselwirkung gefangne und gebundene Knecht seines Fleisches sein; er muß in sich ein neues Leben, eine neue Liebe, eine neue Kraft zum Wollen und Vollbringen, eine sieghafte Hoffnung spüren, die ihn über die Noth des Lebens hinaus hebt und ihn auf den Höhen der Erde schweben läßt schon jetzt, im Geiste, aber nicht im Traume, in manchem Kampfe, aber auch in vielen Siegen, nicht ohne das Gefühl des Druckes, das ihn einengt, aber doch in stetigem und sichrem Fortschritt; und darin erfüllt der Herr an uns des Vaters Willen, daß Er nichts verliere von Allem, was der Vater Ihm gegeben hat. Denn Er weiß so gut und noch besser als wir selbst, daß wir solchen Schatz des Lebens, den wir von Ihm haben, in irdischen Gefäßen tragen; Er kennt, was für ein Gemächte wir sind, und daß wir bald verloren wären, sollten wir uns selbst behüten und bei Ihm erhalten. Aber deßwegen breitet Er Seine schützende Hand über uns und wachet über unser Leben, das Er uns geschenkt hat, und führt ihm immer neue Kräfte zu, und löset Sein Versprechen, daß das glimmende Docht nicht verlöschen, das gebückte Rohr nicht brechen solle. Wir sind nicht verlassen und versäumt bei Ihm, dem guten Hirten, dem uns der Vater zugewiesen hat. Er und der Vater sind ja Eins, im Wesen und im Willen, und was Er im Fleisch begonnen hat und hat Sein Blut und Leben daran gesetzt es für uns zu erringen und zu sichern, davon läßt Er nicht ab, nachdem Er nun erhöht ist in die Herrlichkeit zur Rechten Gottes. Nur daß wir nicht uns unser Kleinod muthwillens selber schmälern und verdecken durch Zweifel an der Treue unsers Herrn, die Er nicht um uns verdient hat, durch Zweifel, welche immer ihren Ursprung nehmen aus unterlassener Wachsamkeit und Vorsicht in unserm Wandel und in der pflichtgemäßen Wahrung unsres Geistes vor den Befleckungen der Welt. Denn dann zieht Eins das andere nach sich; dem Ungehorsam und der Abweichung von dem vorgeschriebenen Wege der Nachfolge Christi folgt die innre Unruhe, und aus ihr das Mißtrauen, das den Zweifel ausgebiert; der Grund desselben liegt allein in uns und nimmermehr in Seiner Treue. Aber Er nimmt die Sünder an; auch die gestrauchelt haben, können wieder aufstehn an Seiner Hand; Er hat den Petrus nicht verstoßen, der Ihn verleugnete in einer schwachen Stunde; Er hat für ihn gebeten, daß sein Glaube nicht aufhöre, und hat ihn wieder aufgerichtet aus seinem tiefen Fall. So will Er Sein Wort lösen auch an dir, wenn dein Gewissen dich verklagt, daß du nicht, wie du solltest, Ihm gefolgt bist. Auch du sollst nicht verloren sein. Vertraue Ihm, die Gabe Seines Lebens erlischt nicht; denn es ist das ewige Leben, von dem dich nur dein eigner Wille scheidet, wenn du geflissentlich es von dir stoßest.

Aber was in Schwachheit hier beginnt, in Kampf und Mühe fortgeführt wird, in Niedrigkeit und viel Demüthigung sich verbirgt oft vor uns selbst und mehr noch vor den Andern, das soll nicht also bleiben. „Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage,“ spricht der Herr von dem, der an Ihn glaubt. Dann wird erscheinen, was jetzt unsern Geist mit zitternder Freude füllt, was wir selber kaum zu fassen, und uns zu gestehen wagen. Er streift die Hülle des Fleisches von uns ab; die Niedrigkeit und Schwachheit, die nur von uns noch herrührt, bleibt dahinten und Sein Werk wird im Lichte offenbar. Dann werden wir Ihn schauen mit aufgedecktem Angesichte, und werden selbst verklärt werden in Sein Bild von einer Klarheit zu der andern, daß erfüllet werde das Wort des Apostels: „Wir werden Ihm gleich sein, denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist.“ Das ist der Wille Seines Vaters, dieß Sein eigner. Dann wird die Welt erkennen, wie groß das Heil ist, das die Seinigen in Ihm gefunden haben, aber sie hat es verschmähet und verworfen; und alle Gottesverheißungen werden als Ja und Amen in Ihm offenkundig werden, der unsers Lebens Wurzel und die Kraft ist, aus der es wächset und die es zur Reife aufführt.

Gott sei gelobt, der solchen Reichthum unerschöpfter Liebe zu uns getragen hat und trägt und wird nicht müde immer noch zu ihrem Genuß uns einzuladen. Er gebe Seinem Worte Kraft, daß es uns treibe nach dem vorgehaltnen Gut und Theil mit allem Ernst zu trachten; Er mache unsere Berufung uns gewiß und versiegle Seine Gnadenwahl in unsern Herzen durch Erfahrung Seiner Liebe; Er lasse uns einst mit den Schaaren der vollendeten Gerechten dankend zurücksehn auf die irdischen geringen Tage, in welchen solches große Heil bei uns gewirkt ward. Amen.

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autoren/b/burger_carl_heinrich_august_von/burger_sexagesimae.txt · Zuletzt geändert: von aj