Bullinger, Heinrich - Hauptlehren der Widertäufer

Bullinger, Heinrich - Hauptlehren der Widertäufer

Die Widertäufer1) halten sich selbst vor die einige, rechte, GOtt wolgefällige Kirche und Gemeinde Christi, und lehren, daß die, welche durch die Widertaufe in diese ihre Gemeind aufgenommen seyen, gar keine Gemeinsam haben sollen weder mit den Evangelischen, nämlich unseren Christlichen, noch andern Kirchen. Dann unsere Kirchen seyen nicht rechte Kirchen Christi, so wenig als die Kirchen der Päbstler und anderer. Dieses wollen sie dannethin dieser Gestalt erweisen, und wahr machen. In ihrer Kirche sey scheinbahre Besserung. In den so genandten Evangelischen Kirchen werde wol etwas von dem Evangelio geprediget, aber da bessere sich niemand, und seye alles Volk unbusfertig, und verhaft in Sünden und Lastern. Da sich ja nicht gebühre mit einem solchen ungeläuterten Volk Gemeinsame zu haben.

Darnach seye Mangel nicht nur an dem gemeinen Volk, sondern auch an den Kirchen-Dienern, sowol an ihren Personen, als an ihrem Dienst. An ihren Personen zwar, weil sie zu ihrem Dienst nicht recht und ordentlich beruft seyen: Weil sie auch die Dinge, die Paulus 1. Timoth. 3. von einem Vorsteher erfordert, nicht an sich haben: Ferner weil sie das selber nicht thuen, das sie andere lehren: Endlich weil sie Besoldung und Pfründe annähmen, und doch nicht arbeiten, folglich Bauchprediger seyen.

Item, es mangle sehr viel an ihrem Dienst der Lehre halben und von wegen des Zudienens der Sacramente. Der Lehre halben zwar, weil dieselbige an eine Predigt gebunden sey, da doch Paulus wolle, so einem, der da sitzet, eine Offenbahrung geschähe, solle der erste schweigen, und den reden lassen, welcher sitzet.

Die Prediger bleiben nicht bey dem Wort allein, sondern legen die Schrift aus, da doch die Schrift nicht nach eines jeden besonderer Auslegung solle ausgeleget werden.

Die Predigen der Predicanten seyen auch viel zu geringfertig, dann sie lehren: Christus habe für die Sünd genug gethan, und der Mensch werde fromm vor GOtt durch den Glauben, und nicht durch die Werke, da man doch bey dieser bösen Welt nichts mehr treiben sollte, als die guten Werke.

So lehrten die Prediger auch, es seye dem Menschen nicht möglich das Gesetz zu halten, da doch die ganze Schrift heisse das Gesetz halten.

Die Liebe, nach welcher man alle Güter gemein haben sollte, würde nicht recht von den Predicanten gelehret; indem sie fürgäben: Der Christ möchte wol eigen Gut haben und reich seyn, da doch die Liebe vielmehr alle Dinge mit den Brüdern gemein hätte.

Item, die Predicanten vermischten alt und neu Testament unter einander, da doch das alte Testament abgethan sey, und bey den Christen nichts mehr gelte, und überdieß die im alten Testament die im neuen nichts mehr angiengen.

Es seye nicht gewiß, was die Predicanten sagen, die Seelen fahrten nach dem leiblichen Tod richtig in den Himmel, dann sie schliefen bis an den Jüngsten Tag.

Die Predicanten gäben der Obrigkeit viel zu, deren die Christen nichts bedörften, indem sie sich allein des Leidens versähen.

Ein Christ möchte kein Oberer seyn.

Die Obrigkeit solle und möge sich der Religion oder Glaubens-Sachen nicht annehmen.

Die Christen widerstünden keiner Gewalt, darum bedörften sie keine Gerichte. Ein Christ brauche auch kein Gericht.

Die Christen tödeten niemand. Ihre Straf wäre nicht mit dem Thurn und Schwert, sondern allein mit dem Ausschläussen.

Man solle niemand zum Glauben mit einigem Zwang oder Drang nöthigen, noch jemand von des Glaubens wegen töden.

Christen wehrten sich nicht, darum führten sie keine Kriege, und gehorsameten darinnen der Obrigkeit nicht.

Der Christen Red wäre Ja, Ja; und Nein, Nein. Sie schwörten gar nicht, darum schwörten sie auch keinen Eyd. Eydschwören wäre Sünd, und unrecht.

Weiter wär der Predicanten Dienst mangelbar an Zudienung der Sacramente, dann sie tauften die Kinder; da doch die Kindertaufe von dem Pabst und aus dem Teufel wär.

Die Widertaufe hingegen wär die wahre, Christliche Taufe, als die denen, welche Bekänntniß thäten, zur Bus gegeben würde, und denen, die gelehrt worden, und verständig seyen.

Die Predicanten machten keine Sonderung, und trieben die Sünder nicht vom Nachtmal, und gebrauchten keinen Bann.

Aus allen diesen und andern dergleichen Ursachen müßten sich die Widertäufer von uns absondern, wie sie sagen, und könnten nicht bey uns bleiben, es wär dann, daß sie mit uns aller Befleckung und Strafen theilhaftig werden wollten. Deßhalben dränge sie ihre eigene Seeligkeit und Vermeidung göttlichen Zorns, und also die höchste Nothwendigkeit, eine eigene und abgesonderte Kirche anzurichten, und darüber, was ihnen GOtt zu leiden gäb, zu leiden.

Quelle: Füßlin, Johann Georg - Beyträge zur Erläuterung der Kirchen-Reformations-Geschichten des Schweitzerlandes - Band 5

1)
Diese Hauptlehren der Widertäufer sind genommen aus H. Bullingers Widertäufer-Historie, B. 1 C. 8. Er schildert dieselbigen ferner also ab: „Im Anfang war es nur allermeist um eine Absonderung zu thun, damit sie eine abgetheilte Kirche hätten. Darum welche sich in die Absonderung begaben, daß sie von der päbstlichen und evangelischen, und überall allen andern Kirchen abtraten, und in dem neuen Täuferorden, den sie die wahre, GOtt wohlgefällige, Christliche Kirche nandten, leben wollten, dieselbigen empfiengen die Vorsteher der Widertäufer durch und mit dem Widertaufe in ihre Gemeind zum Zeichen der Absonderung, und zur Buß und Besserung des Lebens. Und solche führten dannethin ihr Leben unter einem Schein eines gar geistlichen Wandels, schalten den Geitz, die Hoffart, das Schwören, das garstige Reden und die Unzuchten der Welt, das Zutrinken und Fressen, und sagten viel von dem Tödten des alten Menschens.“
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