Brenz, Johannes - Hochfürstlich-Württembergische große Kirchenordnung

Brenz, Johannes - Hochfürstlich-Württembergische große Kirchenordnung

Stuttgart bey Christian Gottlieb Rößlin, Hof- und Kanzlei-Buchdruckerei, 1743

Bericht an den Leser

Da aus Mangel der Exemplarien von der sogenannten grossen Würtembergischen Kirchen-Ordnung, (welche gleichwohlen in denen Würtembergischen Landes-Gesetzen, Verträgen und Privilegien, als ein Grund-Stück dieses Herzogthums angezogen und geachtet wird,) eine neue Auflage derselbigen vonnöthen seyn wollen: So ist vor gut gefunden worden, der letzteren in Anno 1660, in Folio herausgegebenen Auflage von Wort zu Wort zu folgen; anbey zwar ein bequemeres Format zu gebrauchen, doch aber die Zahl der damahligen Blätter zu behalten, und hier an den Rand zu setzen; daß es folglich nichts anderes, als ein getreuer Abdruck der vorigen Ausgabe ist.

Von Gottes Gnaden/ Unser Eberhards, Hertzogen zu Würtemberg und Teck/ Graven zu Mümpelgardt, Herrn zu Heydenheim, etc. Summarischer und einfältiger Begriff, Wie es mit der Lehre und Ceremonien in den Kirchen Unseres Fürstenthums, auch derselbigen Kirchen anhangenden Sachen und Verrichtungen, bißher geübt und gebraucht, auch fürohin, mit Verleihung Göttlicher Gnaden, gehalten und vollzogen werden solle.

Gedruckt nach dem Exemplar de Anno MDCLX

Confession und Bekenntnis unseres wahren christlichen Glaubens

so weyland gedachte unser freundlicher geliebter Herr Vater, Herzog Christoph seeligen Gedächtnisses, auf den 24. Januari, Anno 1552, dem versammelten Konzil zu Trient, durch S. L. Gesandten überantworten lassen.

Nachdem wir erkennen, daß wir aus Gottes Gnade zum Regiment unseres Fürstentums und Gemeinde berufen und verordnet sind, haben wir bis anher nichts vortrefflicheres geachtet, denn daß wir vor Gott dem Vater unseres Herrn JESU Christi und vor seiner ganzen Kirche unseren Fleiß, zu pflanzen und zu erhalten die reche göttliche Lehre, mit allem unserem möglichen Dienst bezeugen.

Denn wiewohl wir wohl wissen, daß zwischen dem Weltlichen und Geistlichen Regiment fein Unterschied ist, jedoch, dieweil der Psalm uns ganz ernstlich ermahnet und sagt: Laßt euch weisen ihr König, und laßt euch züchtigen ihr Richter auf Erden, dienet dem Herrn mit Furcht, und freuet euch mit Zittern. So haben wir die göttliche Stimme nicht verachtet, sondern all unser Vornehmen und Fleiß unseres besten Vermögens, der rechten wahren Kirche des Sohnes Gottes zu helfen anrichten sollen.

Es haben zwar sonst etliche andere ihre eigene Weise und Wege, dadurch sie vermeinen, ihren Dienst dem Sohn Gottes und seiner Kirche zu erzeigen. Wir aber halten es dafür, daß, zu erbauen und zu erhalten das rechte Heil der Kirchen, nichts nützlicher und Gott gefälliger sei, denn daß die Predigt Göttlichen Wortes und der rechten reinen Lehre in allen Wegen, von Oberkeit und Untertan, gefördert werde.

Und dieweil Wir von wegen der unermeßlichen Barmherzigkeit Gottes, die er uns in JESU Christo seinem Sohn erkläret und bezeuget hat, in keinen Zweifel setzen, er nehme sich unser als seiner rechten wahren Glieder an. So haben wir hingegen ihm diesen Dienst beweisen sollen, daß wir unseren guten geneigten Willen, gegen seiner Gespons der Kirchen, ohne welche er auf dieser Erden nichts lieberes noch werteres hat, unser bestes Vermögens erzeigten.

Es befiehlt uns ein anderer Psalm, daß wir unsere Tore dem König der Ehren auftun sollen. Wir haben es aber dafür geachtet, daß die Tore einem so gewaltigen König dazumal offen stehen, wenn man seiner himmlischen göttlichen Lehre in der Kirche Raum gebe.

Nachdem aber sich mancherlei Zwiespaltung von der christlichen Lehre zugetragen haben, und den unüberwindlichsten Herrn Kaiser Carolum den fünfften unseren allergnädigsten Herrn, auch die anderen Stände des Heiligen Römischen Reiches, für gut angesehen, da wir etwas hätten, das wir zu gemeinem Frieden der Kirchen, oder zu besonderer Ruhe unseres Gewissens, dienstlich zu sein gedächten, solches öffentlich vorzubringen: So haben wir hierauf den Predigern der Kirchen in unserem Fürstentum, die Summe ihrer Lehre in Schrift zu verfassen, Befehl gegeben, damit öffentlich zu bezeugen, daß sonst keiner anderen, denn der rechten wahren apostolischen, katholischen und orthodoxen Lehre, in unseren Kirchen Raum gegeben worden sei.

Hierauf haben wir diese Schrift unserer Prediger öffentlich darlegen wollen und hoffen, die ganze christliche Kirche werde im Werk befinden, es habe gar nicht die Meinung, daß in unseren Kirchen etwas in der Lehre zu predigen oder in dem Gottesdienst zu verrichten, das der heiligen Propheten und Apostel Schrift, auch der einhelligen Meinung der rechten katholischen Kirche zuwider wäre, vorgenommen sei.

Von Gott und drei Personen in einem göttlichen Wesen

Wir glauben und bekennen, daß nur ein einiger, wahrer, ewiger, unbegreiflicher Gott sei, allmächtig und Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, und daß in diesem einigen, ewigen göttlichen Wesen, drei unterschiedliche, selbständige Eigenschaften oder Personen seinen, nämlich Vater, Sohn und heiliger Geist, wie hiervon die Schrift der heiligen Propheten und Apostel lehren, und die drei Symbole, das Apostolicum, Nizänum und Athanasium erklären.

Von dem Sohn Gottes

Wir glauben und bekennen, daß der Sohn Gottes, unser Herr Jesus Christus, sei von Ewigkeit von seinem Vater geboren, ein wahrer, ewiger Gott, eines Wesens mit Gott seinem Vater, und daß er, nachdem die Zeit erfüllt war, Mensch ist worden, die Sünde zu büßen, und dem menschlichen Geschlecht das ewige Heil zu verschaffen. Also daß Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch, sei nur eine Person und nicht zwei Personen, und daß in dieser einigen Person seien zwei Naturen und nicht nur eine Natur. Wie denn die heiligen Väter in den Concilio Niceno, Ephesino primo und Calcedonensi, mit Kundschaft der heiligen Schrift erwiesen haben. Darum verwerfen wir alle Ketzerei, so dieser Lehre von dem Sohne Gottes zuwider seien.

Von dem heiligen Geist

Wir glauben und bekennen, daß der heilige Geist, von Ewigkeit her, von Gott dem Vater und Sohne ausgehe und sei mit dem Vater und Sohne gleichen Wesens, Majestät und Herrlichkeit, ein wahrer ewiger Gott. Wie denn die heiligen Väter in dem ersten Concilio zu Constantinopel vermöge der heiligen Schrift ausgeführt haben.

Von der Sünde

Wir glauben und bekennen, daß der Mensch im Anfang gerecht, weise, eines freien Willens, geziert mit dem heiligen Geist und selig von Gott erschaffen sei. Aber nachfolgends des heiligen Geistes beraubt, des Teufels eigener Knecht, und nicht allein der leiblichen, zeitlichen, sondern auch der ewigen Verdammnis von wegen des Ungehorsams verpflichtet worden sei. Das auch dieses Übel nicht allein auf dem Adam geblieben, sondern auch auf alle seine Nachkommen geraten sei.

Daß aber etliche dafür geben, der Mensch sei nach dem Fall so ganz und vollkommen geblieben, daß er sich mit seinen natürlichen Kräften und guten Werken zu dem Glauben und Anrufung Gottes bekehren und bereiten möge, ist offensichtlich wider die Lehre der Apostel und wider die einhellige Meinung der rechten katholischen Kirche.

Röm. 5. Durch eines einigen Sünde ist die Verdammnis über alle Menschen gekommen.

Ephes. 2. Da ihr tot ward durch Übertretung und Sünde, in welchen ihr weiland gewandelt habet nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft wohnet, etc.

Und gleich darauf: Wir waren auch Kinder des Zorns, von Natur, gleich wie die anderen.

Paulus sagt, da ihr tot wart durch die Sünde und Kinder des Zorns (das ist) in Gottes Ungnade. Wie aber ein Mensch, der leiblich tot ist, sich nicht selbst aus eigenen Kräften schicken und bereiten kann, daß er das leibliche Leben überkäme, also kann auch der, so geistlich tot ist, sich nicht selbst aus seinem eigenen Vermögen schicken, daß er das geistliche Leben empfange.

Augustinus: Der Herr, damit er dem künftigen Pelagio begegnet, sagt er nicht, ohne mich könnt ihr schwerlich etwas tun, sondern sagt, ohne mich könnt ihr nichts tun. Und damit er auch diesen künftigen begegnet, hat er in dem ehegemeldeten Spruch des Evangeliums nicht gesagt, ohne mich könnt ihr nichts vollbringen, sondern er sagt, tun. Denn so er gesagt hätte vollbringen, so möchten sie sprechen, man sei der Hilfe Gottes notdürftig, nicht das Gut anzusehen, welches wir aus uns selbst haben, sondern das Gute zu vollbringen.

Und bald hiernach: Der Mensch setzt ihm wohl vor im Herzen, aber vom Herrn kommt, was die Zunge reden soll. Sie werden aus Mißverstand betrogen, daß sie meinen, so die Schrift sagt, der Mensch setze ihm wohl vor im Herzen, sei so viel gesagt, als stehe es in des Menschen Gewalt, das Gute ohne die Hilfe der Gnade Gottes anzufangen. Aber es sei so, daß die Kinder der Verheißung sollten dieses also verstehen. Gleich als wenn sie hören, daß der Herr sagt, ihr könnt ohne mich nichts tun, wollten ihn überstreiten und sagen: siehe, wir können ohne dich im Herzen das Gute vornehmen. Oder so sie hören von dem Apostel Paulus: Nicht daß wir tüchtig sind, von uns selber etwas zu gedenken, als von uns selber, sondern daß wir tüchtig seien, ist von Gott, wollten ihn auch überstreiten und sagen: Siehe wir sind aus uns selber tüchtig, das Herz zu bereiten, und demnach auch etwas Gutes zu gedenken.

Und abermals: Niemand kitzel sich selbst, der Mensch ist von dem seinen der Teufel, aber aus Gottes Gabe ist er selig. Was ist von dem seinen anders denn von seiner Sünde? Tu hinweg die Sünde, die von dem deinen ist, so spricht er: Die Gerechtigkeit ist von dem meinen, denn was hast du, das du nicht empfangen hast?

Ambrosius: Wiewohl im Menschen ist, daß er das Böse wolle, so hat er doch nicht, denn allein als eine geschenkte Gabe, das Gute zu wollen. Jenes hat die Natur, aus verdienter Schuld, an sich gebracht, dieses aber empfängt die Natur durch die Gnade.

Bernhardus: So die menschliche Natur nicht hat bestehen mögen, da sie ganz vollkommen war, wie viel weniger hat sie sich aus eigenen Kräften aufrichten mögen, da sie jetzt verdorben war.

Von der Rechtfertigung

Wir glauben und bekennen, daß diese drei Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe seien nötig, daß man tue und übe gute Werke, so Gott gefällig sein sollen.

Daß auch der Mensch diese Tugend nicht aus sich selbst hole, sondern empfange sie aus Gunst und Gnaden Gottes.

Und daß der Glaube sei tätig durch die Liebe.

Wir halten aber, daß deren Meinung, so lehren, der Mensch werde Gott angenehm und vor Gott für fromm und gerecht geachtet, von wegen dieser Tugend, und daß man sich vor Gottes Gericht auf den Verdienst dieser Tugend verlassen soll etc. der rechten apostolischen und katholischen Lehre ganz zuwider sei.

Denn der Mensch wird Gott angenehm und vor Gott für gerecht erachtet allein von wegen des Sohnes Gottes, unseres Herrn Jesu Christi, so er an ihn glaubt. So soll man auch sich vor Gottes Gericht auf kein Verdienst der Tugend, die wir haben, sondern allein auf den Verdienst unseres Herrn Jesu Christi, welcher Verdienst uns durch den Glauben als unser Eigentum zugerechnet wird, verlassen und vertrösten.

Und nachdem vor dem Richterstuhl Gottes, da dann von der wahren und ewigen Gerechtigkeit gehandelt wird, der Menschen Verdienst gar nichts gilt, sondern es gilt allein die Barmherzigkeit Gottes und der Verdienst unseres Herrn Jesu Christi, der von uns durch den Glauben angenommen wird, so halten wir, daß die Alten und unsere Vorfahren recht gesagt haben, wir werden vor Gott allein durch den Glauben gerechtfertigt.

Röm. 3: Sie sind allzumal Sünder, und mangeln des Ruhms, den sie an Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen ist, welchen Gott hat fürgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben, in seinem Blut, etc.

Gal. 3: Die Schrift hat es alles beschlossen unter die Sünde, auf daß die Verheißung käme, durch den Glauben an Jesum Christum gegeben denen, die da glauben.

Und Kap. 5: Wir warten im Geist, durch den Glauben, der Gerechtigkeit, der man hoffen muß. Denn in Christo Jesu gilt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Hilarius: Es bewegt die Schriftgelehrten, daß die Sünde durch einen Menschen vergeben sein soll, denn sie sahen an Jesu Christo allein einen Menschen, und daß er vergebe, was das Gesetz nicht nachlassen möchte, denn der Glaube macht allein gerecht.

Ambrosius: Sie sind ohne Verdienst gerechtfertigt, denn sie sind gerechtfertigt allein durch den Glauben, aus Gottes Gabe ohne eigenes Werk und Vergeltung.

Und abermals: Diese sind offenbar selig, welchen ihre Übeltat nachgelassen und ihre Sünde bedeckt wurde, ohne eigene Arbeit oder Verdienst der Werke, von denen auch kein anderes Werk der Buße erfordert wird, denn allein, daß sie glauben.

Es mögen aber viele Sprüche aus der Schrift der Apostel und Propheten und aus den heiligen Vätern herangezogen werden, daraus man erweisen kann, daß nicht allein anfänglich uns diese Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe, aus lauter Gnade von Gott geschenkt werden, sondern daß wir hernach unser Leben lang, ja, besonders in unserer letzten Not, vor dem strengen Richterstuhl Gottes, nicht anders bestehen mögen, denn allein, so wir uns verlassen auf die lautere Gnade Gottes, die uns in dem Sohn Gottes Jesu Christo bewiesen ist. Denn dies ists eben, das St. Paulus lehrt und die Skribenten der Kirche erklären, nämlich, daß wir allein durch den Glauben vor Gott gerecht werden.

Von dem Gesetz

Wir erkennen, daß das Gesetz Gottes, (welches in dem Decalogo oder zehn Geboten als in einer Summa kürzlich begriffen wird,) gebiete und erfordere die besten, gerechtesten und vollkommenste Werke.

Und daß der Mensch nicht allein schuldig sei, die Moralia oder sittlichen Gebote des Decalogi zu halten, sondern auch, daß er wahrlich, von wegen seiner Werke vor Gott für gerecht geachtet, und durch sein Verdienst, die ewige Seligkeit erlangen würde, so er die Werke des Decalogi so ganz und vollkommen, wie sie der Decalogi erfordert, ausrichtet.

Daß aber etliche vermeinen, der Mensch möge die in diesem Leben so weit kommen, daß er nicht allein den Decalogum oder jedes Gebot mit seinen Werken erfülle, sondern möge auch mehr und größere Werke tun, als im Decalogo erfordert werden, welche sie nennen Opera supererogationis (das ist) solche Werke, die der zehn Gebote Werk übertreffen, das reimet sich gar nicht mit der Propheten und Apostel Lehre und ist wider die Meinung der rechten katholischen Lehre.

Denn die zehn Gebote sind nicht dazu gegeben, als sollten sie anzeigen, der Mensch vermöge dieselben Gebote hier in diesem Leben vollkommen halten, sondern daß sie dem Menschen seine Gebrechen zu erkennen geben und bezeugen, daß der Mensch ungerecht sei und daß Gottes Zorn über alle Menschen gehe, und ihn hiermit aufwecke, daß er suche Verzeigung der Sünde, Gerechtigkeit und Seligkeit allein in dem Sohn Gottes, unserem Herrn Jesus Christus, durch den Glauben.

Röm. 3. Durch das Gesetz kommt die Erkenntnis der Sünde.

Und Kap. 7. Das Gesetz ist geistlich, ich aber bin fleischlich, verkauft unter die Sünde.

Und Kap. 8. Fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal es dem Gesetz Gottes nicht untertan ist, denn es vermag es auch nicht.

Gal. 7. Es steht geschrieben: Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in allem dem, das geschrieben stehe in dem Buch des Gesetzes, daß er es tue.

Augustinus: Das ist das erste Gebot der Gerechtigkeit, daß uns befohlen wird, den Herrn aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus ganzem Gemüt zu lieben, welchem das andere von der Liebe des Nächsten gleich nachfolgt, und diese Gebote werden wir in jenem Leben, in dem wir von Angesicht zu Angesicht sehen werden, erfüllen. Jedoch wird es uns auch zu dieser Zeit auferlegt, daß wir daraus erinnert werden, was wir durch den Glauben begehren, wohin wir unsere Hoffnung richten, und so vergessen wir, was hinter uns ist, auf was wir uns vergeblich uns schicken sollen. Und hierauf wird derjenige in diesem Leben an der Gerechtigkeit, die vollbracht werden soll, …, viel zunehmen, der da in seinem Zunehmen erkennt, wie fern er noch von der vollkommenen Gerechtigkeit sei.

Und abermals: Die Liebe ist eine Tugend, mit welcher man liebt, was man lieben soll. Diese ist in etlichen größer, in etlichen geringer, in etlichen keine. Sie ist aber in keinem Menschen, so lang er hier auf Erden lebt, so vollkommen, daß sie nicht mehr zunehmen möge. So lang sie aber zunehmen mag, so ist es gut zu rechnen, daß diese so geringer ist denn sie sein soll, mangelhaft sei. Von dieses Mangels wegen ist kein Gerechter auf Erden, der da Gutes tue und nicht sündige. Von dieses Mangels wegen ist kein Lebendiger vor dem Angesicht Gottes gerecht. Von dieses Mangels wegen betrügen wir uns selbst, so wir sagen, daß wir keine Sünde haben, und die Wahrheit ist nicht in uns. Von dieses Mangels wegen, ob wir wohl sehr zunehmen, so müssen wir doch sprechen, vergibt uns unsere Schuld, obwohl uns jetzt alle Worte, Werke und Gedanken in der Taufe vergeben sind.

Und abermals: Alle Gebote Gottes werden für erfüllt erachtet, wenn das, was nicht geschieht, verziehen wird.

Hieronimus: Das ist allein der Menschen Vollkommenheit, daß sie sich für unvollkommen erkennen.

Das ist des Menschen rechte Weisheit, so er sich unvollkommen erkennt, und aller Menschen hier im Fleisch Vollkommenheit ist, so zu reden, unvollkommen.

Von den guten Werken

Wir lehren, daß man soll und muß die guten Werke tun, die Gott geboten hat, daß auch diese guten Werke ihre leibliche und geistliche Belohnung aus lauter Gnade Gottes verdienen.

Man soll aber nicht dafür halten, daß man sich im Gericht Gottes, da von der Buße der Sünden, von der Versöhnung des Zorns Gottes und von dem Verdienst der ewigen Seligkeit gehandelt wird, auf diese guten Werke, die wir tun, verlassen soll.

Denn alle guten Werke, die wir tun, sind unvollkommen und mögen das strenge Urteil Gottes nicht erleiden. Sondern all unser Vertrauen soll gesetzt werden allein auf die Barmherzigkeit Gottes, wegen seines Sohnes unseres Herrn Jesu Christi.

Psalm 143: Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.

Gal. 5. Das Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider das Fleisch; dieselben sind wider einander, daß ihr nicht tut, was ihr wollt.

Röm. 7. Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt.

Dan. 9. Wir liegen vor dir mit unserem Gebet, nicht aufgrund unserer Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Augustinus: Wehe des Menschen Leben, es sei gleich wie löblich es wolle, wenn du es urteilen willst ohne die Barmherzigkeit.

Und abermals: All meine Hoffnung sieht auf den Tod meines Herrn. Sein Tod ist mein Verdienst, meine Zuflucht, mein Heil, Leben …, die Barmherzigkeit des Herrn ist mein Verdienst. Ich mangel keines Verdienstes, so lang mich der Herr des Erbarmens nicht verläßt, und da die Barmherzigkeit des Herrn viel ist, so ist auch meines Verdiensts viel.

Gregorius: Unser gerechter Fürsprecher verteidigt uns als gerecht vor dem Gericht, denn wir erkennen und verklagen uns selbst für ungerecht, darum sollen wir nicht auf unser Weinen oder Werk, sondern auf unseres Fürsprechers Verantwortung vertrauen.

Bernhardus: Die Zeugnisse unseres Gewissens sind unser Ruhm, ja nicht ein solches Zeugnis, wie der hoffärtige Pharisäer gehabt, der in seinen Gedanken verführt war und sich selbst verführt hat, der gab von sich selbst Zeugnis, und sein Zeugnis war nicht wahr, sondern so der heilige Geist gibt unserem Geist Zeugnis. Ich halte aber, daß diese Zeugnisse auf drei Stücken bestehen. Denn erstlich ist vor allen Dingen nötig zu glauben, daß du die Verzeihung der Sünden nicht haben könntest denn durch den Ablaß Gottes. Danach, daß du gar kein gutes Werk haben mögest, er gebe denn dasselbe. Zum letzten, daß du mit keinem Werk das ewiges Leben verdienen mögest, er gebe denn auch dasselbe umsonst.

Von dem Evangelio Christi

Wiewohl in der Evangelisten und Apostel Schrift viele Gebote göttlichen Gesetzes begriffen seien und Christus selbst lehrt, man soll nicht Böses mit Bösem vergelten, man soll kein Weib unzüchtig ansehen und dergleichen anderes, soll man jedoch nicht dafür halten, als ob das Evangelium Christi sei ein neues Gesetz, durch welches die Menschen im Neuen Testament selig werden müssen, wie man meint, die Väter im Alten Testament seien durch das alte Gesetz selig geworden.

Denn so man das Wort (Gesetz) nicht gemeiniglich für eine Lehre versteht, wie die Propheten etliche male dieses Wort gebrauchen, so ist gewißlich das Evangelium Christi eigentlich nicht ein Gesetz, wie Paulus das Wort (Gesetz) gebraucht, sondern ist eine gute fröhliche Botschaft, von dem Sohn Gottes unserem Herrn Jesu Christo, daß er allein der Büßer unserer Sünde, der Versöhner Gottes Zorn und Heiland sei. So sind auch die Gebote des Gesetzes, so in der Apostel Schrift begriffen, kein neues Gesetz, sondern sind das alte Gesetz nach des Heiligen Geistes Verstand und Auslegung. Und werden diese Gebote zuvor ausdrücklich in der Propheten Schrift gefunden, sie werden aber in der Predigt des Evangeliums wiederholt, daß wir, nachdem uns der Ernst göttlichen Gesetzes und unsere verderbte Natur angezeigt wird, auferweckt werden, den Herrn Christum, der durch sein Evangelium geoffenbart ist, zu suchen und anzunehmen, daß wir auch lernen, nach welcher Regel wir unser Leben aus Glauben in Christum richten sollen. Darum wenn man eigentlich von dem Gesetz Gottes und von dem Evangelium Christi reden will, so ist es gewiß, daß gleichwie man aus Christo keinen neuen Gesetzgeber machen soll, dieweil es kein neues Gesetz gegeben hat, auch kein neu weltliches Regiment auf der Erde angerichtet, also soll man auch nicht aus dem Evangelium ein neues und ein solches Gesetz machen, das durch seine harten, schweren Gebote denen, die es halten, das ewige Heil zuwege bringe. Es ist aber gewißlich dafür zu halten, daß das natürliche oder sittliche Gesetz, beide im Alten und Neuen Testament begriffen, nur einerlei Gesetz sei, und daß das ewige Heil keinem Menschen, er sei gleich zur Zeit des Alten oder zur Zeit des Neuen Testamentes von wegen des Verdienstes der Werke des Gesetzes, sondern allein von wegen des Verdienstes unseres Herrn Jesu Christi durch den Glauben gegeben werde.

Luk. 4. Christus predigt aus Jesaja von seinem Amt und wozu er in diese Welt gesandt sei, und sagt: Der Geist des Herrn ist über mir, darum hat er mich gesalbt und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Elenden, zu verbinden die zerbrochenen Herzens, etc. Hier lehrt Christus, daß sein eigentliches Amt sei, nicht ein neues Gesetz, das die elenden Sünder erschrecke und töte, zu geben, sondern zu predigen das Evangelium, das die Sünder tröste und lebendig mache.

Gal. 4. Da die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weib und unter das Gesetz getan, auf daß er die, so unter dem Gesetz waren, erlöst, damit wir die Kindschaft empfingen.

Apg. 15. Was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben möchten ertragen, sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie.

Augustinus: Wiewohl das Volk, so das Alte Testament empfangen hat, ist vor der Zukunft des Herrn mit etlichen sonderlichen Abgemälden und Figuren aufenthalten worden, wie denn die Zeit ganz wunderlich und auf das ordentlichste ausgeteilt worden ist: Jedoch, so ist im selben Alten Testament eine solche Predigt und Verkündigung des Neuen Testaments, das in der evangelischen und apostolischen Lehre, nichts so treffend in göttlichen Geboten und Zusagen gefunden wird, welches nicht auch in den alten Büchern begriffen sei.

Von den Sakramenten

Das Wort (Sakrament) wie auch das Wort (Mysterium), welches die Interpretes für Sakrament verdolmetscht haben, greifet weit um sich. Dieweil aber etliche nur sieben Sakrament zählen, so wollen wir dieselben nacheinander überlaufen, damit wir anzeigen, was wir an etlicher Scribenten Lehre, Fehl und Mangel haben und was der Meinung der wahren katholischen und rechtgläubigen Kirche zuwider sei.

Von der Taufe

Wir erkennen, daß aus Stiftung Christi, der Taufe, beide, junge Kinder und Alte, in der Kirche bis zum Ende der Welt, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, mitgeteilt werde und man dieselbe gebrauchen soll.

Wir glauben auch und bekennen, daß die Taufe sei das Meer, in welches Tiefe, wie der Prophet sagt, der Herr all unsere Sünde versenke und vergebe sie wegen seines Sohnes Christi durch den Glauben.

Daß aber etliche lehren, die Sünde, die nach der Taufe im Menschen anhängend bleibt, sei ihrer Natur nach nicht wahrhaftige Sünde, halten wir, daß es viel schädlicher geirrt sei, denn der gemeine Mann versteht.

Denn wiewohl wir nicht zweifeln, die Sünde, die nach der Taufe anhängend bleibt, werde dem Gläubigen von Christi wegen verziehen und für keine Sünde mehr vor dem Richterstuhl Gottes, aus gnädiger Barmherzigkeit Gottes gerechnet, jedoch,. so man ihre Natur erwägt, so ist sie an ihr selbst wahrhaftige Sünde, von welcher wegen, wie Augustinus da oben gesagt, kein Lebendiger vor Gottes Angesicht gerecht ist, und ist auch kein Gerechter auf Erden, der das Gutes tue und nicht sündige.

Röm. 7. Ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern.

Hier redet Paulus von der Sünde, die nach der Taufe dem Menschen anhängend bleibt, und sagt, daß dieselbe Sünde widerstrebe dem Gesetz in seinem Gemüt, das ist, der Meinung des heiligen Geistes. Was aber dem heiligen Geist widerstrebet, da muß man wahrlich bekennen, daß es in sich selbst Sünde sei. Denn das ist die Natur der Sünden, daß sie dem heiligen Geist widerstrebe.

Gal. 5. Das Fleisch gelüstet wider den Geist, und der Geist wider das Fleisch, dieselbigen sind wider einander, daß ihr nicht tut, was ihr wollt.

Da redet abermals Paulus von der Sünde, die nach der Taufe anhängend bleibt, und legt ihr offenbar zu die Natur der Sünde. Nämlich, gelüsten wider den Geist, auch dem Geist widerstreben und verhindern, daß der Mensch nicht vollkommene Gerechtigkeit vollbringen möge.

Darum folgt hieraus, daß die Sünde, die nach der Taufe anhängend bleibt, sei ihrer natur nach zu rechnen als wahrhaftige Sünde, wiewohl sie dem Gläubigen nicht zugerechnet, sondern von Christi wegen vergeben wird.

Augustinus: Die Lust des Fleisches wird in der Taufe verziehen, nicht daß sie nicht sei, sondern daß sie nicht zur Sünde gerechnet wird, wiewohl nun ihre Schuld bezahlt ist, so bleibt sie doch so lang, bis all unser Gebrechen geheilet wird.

Und abermals: Durch die Taufe wird das ausgerichtet, daß das sündliche Fleisch werde ausgesäget, es wird aber nicht also ausgesäget, daß die Lust, so dem Fleisch ist angeboren, nicht mehr sei, sondern daß sie nicht mehr schädlich sei.

Danach lehren wir, daß der, der getauft wird, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes gesalbt werde mit dem geistlichen Chrysem, (das ist) er werde ein Glied Christi durch den Glauben und werde begabt mit dem heiligen Geist, daß die Ohren seines Gemütsaufgetan und die Augen seines Herzens erleuchtet werden, die himmlischen Güter zu fassen.

Und ist wohl offenbar, daß der Gebrauch des äußerlichen Chrysems sei in der Pollicey Messe eine göttliche rechtmäßige Ordnung gewesen, daß auch derselbe Gebrauch, nachdem das Evangelium allenthalben ausgebreitet, in der Kirchen gehalten worden ist.

Es ist aber herwiderum auch offenbar, daß man zur Zeit des Gesetzes Mose mit Abgemälden und Figuren umgegangen sei, jetzund aber, nachdem Christus geoffenbaret, seien die Figuren wahrhaftig erfüllt und ist das Abgemälde vollkommen heraus gestrichen.

So gehört auch der Gebrauch des äußerlichen Chrysems zu den Elementen dieser Welt, von denen Paulus schreibt, daß sie abgetan seien.

Coloss. 2. So ihr abgestorben seid mit Christus den Elementen der Welt, was laß ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebet ihr noch in der Welt?

Ja, auch Dionysius, den sie Areopagitam nennen und halten dafür, er habe die Gebräuche der Kirche, wie sie die Apostel angerichtet haben sollen, beschrieben, zeigt wohl an, daß der äußerliche Chrysam in der Kirche gebräuchlich gewesen sei; er zeigt aber auch klärlich daneben an, daß dieser Gebrauch entlehnt sei, zum Teil von dem Salben der heidnischen Kämpfer, zum Teil von dem Gesetz Mose. Aber wie ansehnlich und nützlich es sei, daß man lerne von dem Exempel der Heiden, Gott zu dienen und Sakramente zu reichen, bezeugt der Spruch Mose.

Deut. 12. Hüte dich, daß du nicht fragest nach der Heiden Götter, und sprechest, wie diese Völker haben ihren Göttern gedienet, also will ich auch tun, du sollst nicht also an dem Herrn, deinem Gott, tun.

Und der Spruch Christi, Matth. 15. Sie dienen mir vergeblich, weil sie lehren solche Lehre, die nichts denn Menschengebot seien.

Es ist auch unverborgen, daß die Kirchen-Gebräuche im Gesetz Mose (worunter dann der Gebrauch des äußerlichen Chrysems auch gehört) unter die Elemente dieser Welt zu rechnen seien, von welchen Paulus da oben gesagt hat, daß wir ihrer Satzung nicht verpflichtet seien, von welcher er auch sonst schreibt: Nachdem ihr Gott erkannt habet, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann um, wieder zu den schwachen und dürftigen Elementen, welchen ihr von neuem andienen wollt?

Zu dem, wie kann man für gewiß ausgeben, daß die Apostel gelehrt haben, den äußerlichen Chrysem zu machen und zu gebrauchen, wie Fabianus schreibt, so doch die Acta Conciliorum bezeugen, daß solches von Sylvester angerichtet worden sei , und die Kirchen-Historie bezeugt, daß der Apostel Vornehmen nicht gewesen sei, Gesetz zu machen von den Feiertagen, sondern zu lehren, wie man ein recht göttlich Leben und Wandel führen sollte, viel weniger ist ihr Vorhaben gewesen, äußerliche Salben in der Kirche anzurichten und das helle, klare, scheinende Licht der Sonne mit Finsternis zu verdunkeln.

Man hat zu dem Chrysem in der Taufe auch andere Stücke gebraucht, nämlich Salz, Kaat, Kleider. Weil aber diese Stücke auch von denen, so sich ihrer bedienen, für unnötig gehalten werden und zum Teil vergebene Nachfolger der Ceremonien, die Christus etwa in seinen Wunderwerken gebraucht hat, so ist es ohne Not, nachdem wie nötigeres zu schaffen haben, daß wir uns von derselben wegen bekümmern.

Von der Firmung

Es ist kein Zweifel, daß die Apostel haben anfänglich, da das Evangelium am Pfingsttag eröffnet und bestätiget ward, den Gläubigen in Christus, die wunderbarlich Gab des heiligen Geistes, mit mancherlei Sprachen zu reden, durch Auflegung der Hände mitgeteilt.

Wir haltens auch für sehr nützlich, daß die Pfarrherrn, die Jugend ihrer Pfarrkinder im Catechismo verhören, und so sie recht unterricht, gelobt, so sie aber unrecht unterricht, gebessert werden. Man soll aber aus der Handlung, so allein der Person der Aposteln ein Zeitlang zu üben befohlen, kein gemein, allzeit während Sacrament, ohn sonderlichen gewissen Befehl Gottes, in der Kirchen aufrichten.

Und ist erschröcklich zu hören, daß das Sacrament der Firmung, welcher Gestalt es die Weihbischöfe gegen die Kinder gebrauchen, soll in seinem Wert das Sacrament der Taufe übertreffen. Dann also dürfen etliche hievon unverschämt schreiben und sagen: Gleichwie das ein von den höhern (das ist) von den obersten Bischöfen geschieht, welches von den geringern nicht mag vollbracht werden, also soll dasselbe mit größerer Ehrentbietung angenommen und gehalten werden.

Denn die Apostel waren vom Himmel herab hiemit begabet, daß sie den Gläubigen in Christum, die Gaben des heiligen Geists, durch Auflegung der Hände mitteilen sollten. Das ist aber nicht eigentlich zu verstehen, von den sonderlichen Gaben des heiligen Geists, die einem jeglichen Menschen zur Seligkeit nötig seien, denn die Gläubigen empfangen solche Gaben durch die Predigt des heiligen Evangeliums und durch die Taufe.

Sondern es ist zu verstehen, von den öffentlichen Gaben des heiligen Geistes, nämlich mancherlei Sprache zu reden und andere desgleichen, so dazumal zur öffentlichen Bestätigung des Evangeliums von Christo nötig waren.

Nachdem nun das Ansehen des Evangelions, mit solchen Wunderwerken genugsam bestätiget ist, gleichwie die wunderbarliche Gabe mancherlei Sprache zu reden abgegangen ist, also ist auch nunmehr, so viel diese Sache belangt, die Weise, die Hände aufzulegen, dadurch die wunderbare Gabe mitgeteilt ward, unnütz und nichtig geworden.

Denn wo es gelten sollte, so müßte man auch ein gemeines Sacrament der Kirche aus dem Schaffen machen, und die Kranken überschatten, dieweil viele Kranke die Gesundheit durch den Schatten Petri empfangen haben.

Man müßte auch ein gemeines Sacrament machen aus dem Auflegen der Schweißtücher, dieweil etliche von ihrer Krankheit erlediget worden sind, da man ihnen die Schweißtüchlein Pauli aufgelegt hat. So müßte man sich auch auf die Toten ausbreiten, nachdem Paulus einen Jüngling von den Toten auferweckt hat, da er sich über ihn ausgebreitet hat.

Jedoch soll den Pfarrherrn nicht gestattet werden, daß sie versäumlich seien, die Jugend in rechter christlicher Lehre zu unterrichten, sondern man soll ihnen ernstlich auferlegen, daß sie den Catechismum auf das fleißigste lehren.

Von der Buße

Nachdem wir allweg unsere Sünde erkennen und glauben sollen, daß die Sünde uns durch Christum vergeben werde, so halten wir auch, daß wir in diesem Leben allweg Buße tun sollen.

Aber die Buße deutet einer viel anders denn der andere. Man zählet gemeinglich drei Stücke der Buße, nämlich die Reue, die Beichte und die Genugtuung. Hierauf wollen wir diese drei Stücke, ein jegliches insonderheit, kürzlich überlaufen, daß wir anzeigen, was uns in der lehre von der Buße für recht Catholisch und Apostolisch ansiehet.

Von der Reue

Das nennen wir die Reue, so man empfindet den Zorn Gottes, oder überkommet ein herzliches Schmerzen und Schrecken, aus der Erkenntnis der Größe der Sünden, und der Schwere des Zornes Gottes. Solche Reue halten wir, daß sie zu rechter wahrer Buße nötig sei, welche Reue im Menschen durch Gottes Gesetz erwecket wird.

Wir achten aber, daß es sich mit der Apostel Lehr nicht reimt, so man lehret, diese Reue verdiene Vergebung der Sünden vor Gott, und sei eine Buße der Sünden.

Denn Gott verschmähet wohl nicht ein geängstes und zerschlagen Herz, wie der Psalm sagt, die Ursach aber, warum er es nicht verschmähet, ist diese, daß der Sohn Gottes, unser Herr Jesus Christus, ein geängstes und zerschlagen Herz an sich genommen hat, durch welches einig Angst und Schmerzen unser Sünde vor Gott gebüßt und der Zorn Gottes versöhnet ist. Wir werden aber dieser Versöhnung teilhaftig, so wir, nachdem unser Herz geängstiget und zerschlagen ist, glauben, daß allein Jesus Christus unser Versöhner vor dem himmelischen Vater sei.

Vom Fasten

Wir halten, daß das Fasten nützlich sei, aber nicht dahin, daß es aus Verdienst seines Werks die Sünde vor Gott büße oder daß es dem, der da fastet, den Verdienst Christi zustelle, sondern daß durch ein nüchternes Leben dem Fleisch ein Biß werde eingelegt, damit der Mensch durch Völlerei und Fresserei nicht verhindert werde, Gottes Berufung auszurichten und sein Amt zu versehen. Aber von dem Fasten wird hernach weitläufiger folgen.

Vom Almosen

Wir lehren, daß man fleißig Almosen geben soll, und ermahnen die Kirchen, daß ein jeglicher seinem Nächsten mit allem seinem möglichen Dienst zu Hilfe kommen und seine Liebe an ihm bezeugen soll.

Daß aber etwa in der Schrift gesagt wird, das Almosen tilge die Sünde aus wie das Wasser das Feuer auslöscht, das verstehen wir also, wie es der Glaube erleiden mag, und demselben ähnlich ist. Denn so die Sünde durch den Verdienst des Almosens ausgetilget werden möcht, wozu bedürften wir zur Verzeihung der Sünden des Leidens und Todes des Sohnes Gottes, unseres Herrn Christi?

So auch das Almosen von Gott verordnet wäre, daß es sollt sein ein Werkzeug, dadurch uns der Verdienst Christi zugestellet wurde, war bedürfen wir des Amts und der Predigt des Evangeliums? Darum, auf daß dem Herrn Christi seine Ehre unverrückt und dem Amt des Evangeliums sein ordentlicher rechter Gebrauch bleibe, so lehren wir, daß das Almosen tilge aus die Sünde, nicht auf diese Weise, daß es für sich selbst ein köstliches Werk sei, dadurch die Sünde gebüßet oder der Verdienst Christi zugestellet werde, sondern daß es sei ein Werk und eine Frucht der Liebe gegen den Nächsten, mit welchem Werk wir unseren Glauben und Gehorsam, so wir Gott schuldig sind, bezeugen.

Wo aber der Glaube ist, da erkennet man, daß Christus allein sei der Sündenbüßer. Darum, nachdem das Almosen auf seine Weise bezeugt, daß Christus in den Gläubigen wohne, so bezeuget es auch, daß sie haben Verzeihung der Sünden. Denn wo das Almosen nicht ist ein Werk der Liebe, die da bezeuge den Glauben in Christum, so fehlet es so viel, daß es nicht allein nicht anzeige, der Mensch habe Verzeihung der Sünden durch Christum, sondern daß es vielmehr vor Gott ein ganz unlustig, stinkend Werk sei. Paulus sagt: Wenn ich alle meine Habe den Armen gebe und hätte der Liebe nicht, so wäre mirs nichts nutze.

Darum lehren wir, daß man müsse gute Werke tun, Gott mit dem Gebet anrufen, recht fasten und Almosen geben, dadurch unseren Glauben und Liebe zu bezeugen, und Gottes Beruf zu folgen. Aber so man reden will, wie man rechtschaffene Buße tun soll, so lehren wir, daß wir erlangen Verzeihung der Sündern allein von wegen des Sohns Gottes, unseres Herrn Jesu Christi, durch den Glauben, wie Petrus sagt: Von diesem zeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.

Vom Nachtmahl Christi

Wir glauben und bekennen, daß die Eucharistia (denn also haben unsere Eltern Lust gehabt, das Nachtmahl Christi zu nennen) sei ein Sakrament, das Christus selbst gestiftet und eingesetzt habe, das auch der Kirche befohlen sei, dasselbe bis zum Ende der Welt zu gebrauchen.

Dieweil aber ein Unterschied ist zwischen der Substanz oder Wesen und zwischen dem Gebrauch des Nachtmals, wollen wir davon ordentlich nacheinander reden.

Von der Substantia oder Wesen der Eucharistien halben lehren wir, daß der wahre Leib Christi und sein wahres Blut in der Eucharistie ausgeteilt werden, und verwerfen deren Lehre, so sagen, das Brot und der Wein in der Eucharistie seien allein Zeichen des abwesenden Leibs und Bluts Christi.

Wir glauben auch, daß die Allmächtigkeit Gottes so gewaltig sei, daß sie die Substanz des Brotes und des Weines entweder vernichten oder in den Leib und das Blut Christi verwandeln. Daß aber Gott sich stracks dieser seiner Allmächtigkeit in der Eucharistie gebrauche, wird durch kein gewiß Wort Gottes bezeugt und es scheint, als hätte die alte Kirche nichts davon gewußt.

Denn gleichwie in Hesekiel, da die Stadt Jerusalem auf einen Ziegelstein abgemalt und gesagt wird, das ist Jerusalem, nicht vonnöten ist, daß die Substanz der Stadt Jerusalem, also auch, da von dem Brot gesagt wird, das ist mein Leib, ist nicht vonnöten, daß die Substanz des Brotes verwandelt werde in die Substanz des Leibes Christi, sondern daß es ein wahres Sakrament sei, so ist es genug, daß der Leib Christi wahrhaftig bei dem Brot gegenwärtig sei, ja auch, daß es ein wahres Sakrament sei, so erfordert die Not, daß das wahre Brot bleibe bei der wahren Gegenwärtigkeit des Leibes Christi. Denn gleichwie im Gebrauch der Taufe vonnöten ist, daß das Wasser sei und bleibe ein wahres Wasser, soll anders die Taufe ein rechtes Sakrament sein, also ist im Nachtmahl des Herrn vonnöten, daß das Brot in seinem Gebrauch sei und bleibe ein recht wahres Brot, nachdem es nicht ein recht Sakrament sein kann, so die Substanz des Brots verwandelt wird. Daher Paulus und die alten Scribenten der Kirche das Brot der Eucharistie auch nach dem Segen ein Brot nennen.

1. Korinth. 11. Der Mensch prüfe sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch.

Augustinus. Das ihr habet gesehen, das ist Brot und Kelch, wie auch dasselbe eure Augen bezeugen. So viel aber euer Glaube Bericht empfangen soll, so ist das Brot der Leib Christi und der Kelch das Blut

So viel aber den Gebrauch der Eucharistie belangt.

Anfänglich, wiewohl wir nicht leugnen, daß der ganze Christus wird in beidem, Brot und Wein der Eucharistie, ausgeteilt, jedoch so lehren wir, daß der Gebrauch beider Stücke überall in der Kirche gemein sein soll.

Denn es ist offenbar, daß Christus selbst beide Stücke der Kirche zu gebrauchen befohlen hat, unangesehen der Gefährlichkeit und anderer erdichteten Meinung, so menschlicher Aberglaube ihm hernach hat träumen lassen.

Es ist auch offenbar, daß die alte Kirche beide Stücke viele Jahre im Gebrauch gehabt hat. So bezeugen etliche Scribenten klärlich, daß die, so allein das Brot empfangen, nicht das ganze Sakrament sakramentlich (wie sie reden) empfangen, und daß es ein großer Kirchenraub sei, so man ein einig einzelig Sakrament von einander zerteilet.

Darum halten wir, daß der Gebrauch beider Stücke sei wahrhaftig katholisch und apostolisch, und es gebühre keinem Menschen, diese Stiftung Christi, auch so langwährenden Gebrauch der alten wahren Kirche, seines Gefallens verändern und die Laien (wie man sie nennet) des andern Stücks der Eucharistie zu berauben.

Und ist sich zu verwundern, wie es doch zugehe, daß die, so vorgeben, sie verfechten die Gebräuche der alten Kirche, hierin so sehr von der alten Kirche abgewichen seien.

Ferner, nachdem das Wort (Sacrificium) weit um sich greifet und in der Gemeinde ein heiliger Gottesdienst heißt, so wollen wir gerne zugeben, daß man den rechten wahren Gebrauch der Eucharistie auf diese Weise ein Sacrificium oder Opfer nenne.

Und so die Eucharistie nach der Stiftung Christi also gehalten wird, daß man darinnen den Tod Christi verkündige und das Sakrament des Leibs und Blutes Christi der Kirche austeile, so wird recht gesagt, daß hiermit der Verdienst des Leidens Christi appliciert oder zugestellt werde, nämlich denen, so das Sakrament empfangen.

Es sollen auch die guten christlichen Lectiones und Gebete, so vor und nach der Consecration (wie sie es nennen) auch Austeilung der Eucharistie gebräuchlich seien, nicht verworffen werden.

Aber hierunter will sich nicht gebühren, daß wir die Irrtümer, so zu diesem heiligen Gottesdienst mehr aus Unverstand etlicher sonderlicher Personen denn aus rechter Meinung der wahren katholischen Kirche hinzu gekommen sind, verschweigen und billigen sollten.

Der erste Irrtum ist, daß man aus dem Gottesdienst, so der Kirche in gemein zugehört, ein sonderliches Werk eines einzelnen Meß-Priesters macht, welcher, wie er ihm allein die Worte des Nachtmahls in Stille liest, also ißt und trinkt er auch allein das Brot und den Wein.

Denn unser Herr Christus hat das Nachtmahl nicht auf solche Weise gestiftet, daß es sollt eines einzelnen Menschen Werk sein, sondern daß es sei eine Gemeinschaft der Kirche. Darum, so man das Nachtmahl recht halten will, gehören auf das allerwenigste zwei Personen dazu, nämlich der Diener, so das Nachtmahl segnet, und der andere, dem das Nachtmahl gereicht wird. Denn als Christus dieses Sakrament gestiftet, hat er nicht allein gegessen, sondern hat es auch seiner Kirche, die er dazumal bei sich hatte, mitgeteilt und gesagt: Nehmet hin und esset etc. Und trinket alle daraus, etc.

Diese Stiftung Christi hat die alte wahre katholische Kirche so steif und ernstlich gehalten, daß sie die aus der Kirche getrieben haben, welche bei dem Nachtmahl gegenwärtig waren und doch dasselbe nicht mit anderen empfingen.

Anakletus. Wenn das Nachtmahl gesegnet ist, so soll jedermann dasselbe empfangen, der nicht aus der Kirche ausgetrieben werden will.

Und setzt hinzu: Denn also haben es die Apostel verordnet, und also hält es auch die heilige römische Kirche.

Concilium Antiochenum. Es sollen diese alle von der Kirche ausgeschlossen werden, welche in die Kirche Gottes gehen und hören die heilige Schrift, wollen aber aus eigener Andacht mit dem Volk das gemeine Gebet nicht halten noch das heilige Sakrament des Herrn empfangen.

Dionysius. Wenn der Bischof von den göttlichen Gaben ausgepredigt hat, so segnet er das heilige Nachtmahl und stellt das heilige Sakrament, davon er vorhin gepredigt hat, herfür in das Gesicht, und nachdem er die heiligen Gaben des Nachtmahls gezeigt, so empfängt er es selbst und ermahnt auch die anderen, daß sie es empfangen sollen. Darauf, so er es empfangen und den anderen mitgeteilt hat, beschließt er das Amt mit heiliger Danksagung.

Hierauf, so man im Nachmahl die rechte Stiftung Christi erhalten und den Gebrauch der alten wahren katholischen Kirche folgen will, halten wir für nötig, daß die Winkelmesse der Meßpriester abgetan und das Nachtmahl öffentlich in der Gemeinde der Kirche gehalten werde.

Der andere Irrtum ist, daß das Nachmahl sei ein solches Opfer, das da soll stets, für und für, in der Kirche die Sünden der Lebendigen und Toten zu büßen und andere, bald leiblich und geistliche Guttagen zu erlangen, geopfert werden.

Dieser Irrtum streitet öffentlich wider das Evangelium Christi, welches bezeugt, daß Christus mit seinem Opfer, das er nur einmal getan und das ewig gilt, vollkommen heilig macht.

Und nachdem Christus uns mit seinem Leiden und Tod die Verzeihung der Sünden, die auch im Neuen Testament durch das Evangelium verkündiget wird, verdienet hat, so bedarf es keines Opfern mehr, wie die Epistel zu den Hebräern Kap. 10 sagt: Wo der Sünden Vergebung ist, da ist nicht mehr Opfer für die Sünde.

Denn als Christus sagt, das tut zu meinem Gedächtnis, befiehlt er nicht, seinen Leib und Blut im Nachtmahl unserem Herrn Gott, sondern der Kirche zu opfern oder darzureichen, auf daß, so die Kirche den Leib und das Blut Christi genießt und von der Guttat seines Todes predigt, ermahnt werde an das einzige Opfer des Leibs und Bluts Christi, welches nur einmal am Kreuz zur Buße unserer Sünden vollbracht worden ist. Denn also erklärt Paulus diesen Spruch Christi und sagt: So oft ihr esset (er sagt nicht opfert) dieses Brot und trinket den Kelch, so prediget von dem Tod Christi, bis er kommt.

Und wiewohl wir bekennen, daß die alten Scribenten der Kirche das Nachtmahl ein Sacrificium oder Opfer genannt haben, jedoch so erklären sie sich selbst, daß sie durch das Wort Opfer das Gedächtnis, die Verkündigung und die Predigt des Opfers, das Christus einmal am Kreuz ausgerichtet hat, verstehen, wie sie denn auch das Gedächtnis der Ostern und Pfingsten Ostern und Pfingsten nennen.

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