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Boos, Martin - An einen Zagenden.

Boos, Martin - An einen Zagenden.

W., den 24. Juni 1817

Auf Deine Bedenklichkeiten, vom Heilande die Vergebung anzunehmen, möchte ich Dich beinahe ein bißchen ausfilzen. Geh, nimm die Absolution vom Heilande selbst noch etliche tausendmal in Deinem Leben ohne Weiteres an. Oder willst Du, wenn Du nach dem Gefühle der Gnade noch Sünde in Dir fühlst und hast, an Gottes Gnade verzweifeln? Ist denn das Verzweifeln ein gar so gutes Werk, daß Du lieber zweifeln und Verzweifeln, als Vergebung glauben, hoffen und nehmen wolltest? - Aber Du willst Deine Verzweiflung (verzeihe, daß ich Deiner Verzagtheit einen so derben Namen gebe) aus der Schrift mit Hebr. 6, 4-6 u. 10, 26. rechtfertigen? Warum suchst Du Dir gerade dieses, auf Dich gar nicht Passende aus der Schrift heraus? Steht denn sonst nichts mehr für verzagte und erschrockene Sünder in der Bibel, als bloß dieses? Also auf! Bruder, und nicht wieder zum alten Herrn gegangen, denn es ist in keinem Andern Heil, Trost, Ruhe. - Lebe nun im Glauben des Sohnes Gottes wohl, und laß Dir denselben durch Nichts nehmen, und besonders durch die Sünde nicht, sonst mußt Du Dir denselben des Tages siebenzig siebenmal nehmen lassen. Glaube Du lieber, daß Dir der Herr siebenzig siebenmal täglich verzeihe, weil Er's eben so zu thun befohlen hat. Lieber Bruder, es fehlt Dir, wie mir, nur am Glauben, daß uns Gott um Christi willen allezeit und immer gnädig sei, so lange wir nicht muthwillig des Teufels und der Sünde sein wollen. Denn Christus hat uns ein beständiges, ja ein ewiges Gnadenreich erworben, und das besteht eben in beständiger Vergebung der Sünden, und zwar auch für Die, welche die himmlische Gabe geschmeckt haben und des heil. Geistes theilhaftig geworden sind, und doch wieder fielen.

Denn auch uns steckt die Sünde noch im Fleisch und Blut, und ist nach St. Martin so tief eingewurzelt und eingewachsen, daß sie in diesem Leben nie gar und ganz kann ausgefegt werden, und dennoch soll sie uns nicht schaden, sondern geschenkt und nicht zugerechnet werden (2. Cor. 5, 19 ff.); doch sofern wir auch im Glauben bleiben und täglich daran arbeiten, die übrige böse Lust zu dämpfen, bis dieselbe durch den Tod gar gedämpft und getilgt und mit diesem, alten Madensack im Grabe verfaule, auf daß der Mensch ganz rein und neu aufstehe zum ewigen Leben. Wir können also nicht leicht zu viel, wohl aber zu wenig glauben von der Barmherzigkeit Gottes in Christo. Vermehre uns den Glauben! Noch mehr, noch mehr! heißt es hierauf. Bruder, es giebt keinen Mittelweg; entweder glauben oder verzweifeln. Denn selbst unser bestes Thun ist so schlecht und befleckt, daß wir ohne Erkenntniß und Bekenntniß unsrer Schlechtigkeit, und ohne Glauben Verdammte, Verzweifelte werden müßten; also heißt's: Vogel friß oder stirb! d.i. glaub' oder verzweifle. Ehe wir das thun, wollen wir lieber glauben. Wir wollen uns durch die Luc. 24, 47 anbefohlene Predigt der Buße schrecken, aber durch die gleichfalls dort befohlene Predigt von Vergebung der Sünden wieder trösten lassen, und glauben, daß Christus allein unser Gnadenrock sei, den er den bußfertigen Gläubigen selber anzieht, damit uns der Vater nicht für Sünder, sondern als gerechte, heilige und fromme Leute ansehe, und uns das ewige Leben schenken möge. Aber diese Kunst zu glauben lernt man nicht in dritthalb Jahren aus, wie das Schneider- oder Schuster-Handwerk. „Erst dünkts für Kinder zu gering, und dann zerglaubt ein Mann sich dran, und stirbt wohl, eh' er's glauben kann.“

Meine Kindlein! ob Jemand sündiget, so haben wir einen Fürsprecher beim Vater, sagt Johannes schon erleuchteten Christen. Ist Christi Tod nicht für die Sünden der Unerleuchteten und auch für Deine Sünden genug? War David nicht schon erleuchtet, da Nathan zu ihm sagte: Der Herr hat Deine Sünden von Dir genommen? 2. Sam. 12, 13. Wo die Sünde mächtig wurde, ist die Gnade überschwänglicher geworden. (Röm. 4, 21.) Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, und will nicht, daß Jemand verloren gehe (2. Petri 3, 9.) Hat nicht auch Adam schon die Kräfte der ewigen Welt geschmeckt? Und doch, wenn mich mein erleuchteter Bruder siebenmal beleidigt, muß ich ihm siebenzig mal siebenmal verzeihen; sollte Gott das nicht selbst thun? Jer. 3, 12. Christus mach jeden Gläubigen, aber keinen Zweifler gerecht. (Phil. 3, 9.) Also weg mit allen Zweifeln, Zweifel sind vom Teufel. - Du bist nicht der Einzige, dem es im Glauben bisweilen schwindelt und mangelt. Die Zahl Deiner Kameraden heißt Legion. Wir wähnen, Gott müßte endlich mit uns ermüden, wie ein Mensch. Auch ist's leichter, für Andere, als für sich zu glauben.

Quelle: Bodemann, Friedrich Wilhelm - Gesammelte Birefe an, von und über Martin Boos

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