Bezzel, Hermann - Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat

Bezzel, Hermann - Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat

samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter, mit aller Notdurft und Nahrung des Leibes und Lebens reichlich und täglich versorget; wider alle Fährlichkeit beschirmet und vor allem Übel behütet und bewahret.

Drei Stücke sind es, Geliebte in dem Herrn, die uns Luther hier vor die Seele führt:

  • dass Gott beschert,
  • dass Gott beschirmt,
  • dass Gott bewahrt.

Dass Gott beschert, ist das Erste. Er hat mich geschaffen inmitten aller Kreatur, die mir dienen muss und der ich dienen soll. Die Umgebung, in die ich hineingeboren wurde, die Umwelt, die meine Erziehung leitete, den Umkreis, in den dann mein weiteres Leben sich hinein begab, das alles hat Er mir aus Gnaden beschert. Denn es ist nicht an dem, dass der Mensch sich die Verhältnisse erst schaffen müsste, sondern die Verhältnisse bilden ihn und er hat dann sie zu bilden. So hat Gott mich, den einzelnen Menschen, schon mit einer solchen Fülle von Gaben ausgestattet, und mit einer solchen Menge von Aufgaben ausgerüstet, dass ich die grösste Sünde begehe, wenn ich einmal in meinem Leben Langeweile habe. Langeweile haben ist ein Zeichen von Gedankenlosigkeit, Gedankenlosigkeit ist ein Zeichen von Undankbarkeit und Undank ist ein Zeichen des gemeinen Menschen. Wenn es so viele Leute gibt, hohe und niedere, die nicht wissen, wie sie ihre Tage mit Anstand hinbringen sollen, so ist das keine Anklage gegen Gott, sondern gegen das eigne Ich, das zu träge ist in die Tiefe zu gehen, weil es nicht in die Weite gehen darf, das sich immer neue Aufgaben sucht, weil es die alten verachtet, und wenn ihm dann die neuen nicht gelingen, unwirsch gegen Gott wird. Sie suchen eben immer neue Aufgaben da, wo sie nicht sind und zerbrechen dann, wie man so sagt, sich die Köpfe ihrer Umgebung, weil sie nicht treu genug sind, ihr eigenes Herz zu zerbrechen. Die meisten von ihnen kümmern sich um fremde Dinge, mischen sich in das Allgemeine, mengen sich in alle möglichen Fragen hinein, während sie in ihrem eigenen Haus und Leben die ungeordneten Verhältnisse bestehen lassen und sich wundern, wenn andere ein Gleiches tun und sich um ihre Verhältnisse kümmern, um die sie sich nicht annehmen mögen. –

Ich glaube, dass Gott mich mitten hinein in die Verhältnisse gestellt hat und mir das Leben bis zum letzten Stündlein erhält. Ich glaube, dass Er mir Leib und Seele gegeben hat; den Leib, dass er nicht der Herr, aber auch nicht das Gefängnis der Seele sei, sondern ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor. 6, 19). Der Leib ist nicht der Herr der Seele, wie bei den meisten Menschen, die für ihren Leib 3-4 Stunden täglich verwenden, während sie ihre Seele mit einer Minute abspeisen, wenn sie überhaupt für sie sorgen. Er ist nicht der Herr der Seele, so dass man ihn besonders pflegen und hegen, besonders zart und mild behandeln müsste. Er ist aber auch nicht das Gefängnis der Seele, dass man vielleicht meint frömmer zu werden, wenn man seinen Leib möglichst vernachlässigt; denn in der Untreue gegen den Leib liegt noch lange nicht die Treue gegen die Seele. Wer auf sein Äusseres nicht sieht, wird auch sein Inneres nicht recht versorgen und wer im Äusseren untreu ist, wird im Innern kaum treu sein. Beide sind in einer solch zarten Weise miteinander verbunden, dass die Seele, vom Leibe entkleidet, friert und der Leib, wenn er der Seele entbehrt, vergeht. Leib und Seele gehören so innig zusammen, dass die Seele sich nach einem neuen Leib sehnt und dass der Auferstehungsleib mit seiner Seele wieder verbunden wird. Und fragst du, welche Gestalt wird mein Auferstehungsleib annehmen, so verweise ich dich auf Luthers Wort: Schau das Körnlein an, wie es ein so runzeliges, armes und kleines Ding ist, und wie aus ihm sich die Ähre, der Halm, die wunderbare Herrlichkeit des Getreides entwickelt! So entwickelt sich aus deinem verfallenen Leib und seiner Ungestalt und Ungebärde der Auferstehungsleib; jeder in seiner Art. Luther sagt da auch wieder sehr deutlich und fasslich: Ein Gerstenkorn wird niemals ein Weizenhalm. Es ist nicht anzunehmen, dass der Leib, der eine bescheidene Seele birgt, ein anderes Gefäss möchte werden als eben das für eine bescheidene Seele gemeinte. Und dass einer grossen, bedeutenden Seele ein ihr entsprechender Leib zuteil wird, glaube ich; das entspricht der Gerechtigkeit Gottes, dass in der Ewigkeitswelt Leib und Seele vollkommen miteinander übereinstimmen, während hier auf Erden oft in einem schönen Leibe eine verkehrte und zerrissene Seele wohnt, ein unansehnlich ärmlicher Leib aber oft eine edle, reine, schöne Seele in sich birgt.

So hat mir Gott Leib und Seele beschert, dazu auch die Sinne, Auge und Ohr, mit denen ich vor allem meiner Seele die Eindrücke zuführe, und alle anderen Sinne. Die Augen hat Er mir gegeben, damit ich meiner Seele die reichsten und reinsten Eindrücke aus der Bibel, dem Buch der Offenbarung, dem geistlichen Buch, und aus der Natur, der Schöpfung, dem natürlichen Buch, zuführe. Er hat mir die Ohren gegeben, nicht damit ich allerlei loses Gerede höre, sondern die Predigt und Sein Wort, alles Hehre, Reine, Edle, Echte, Heilige vernehme und auf meinen Leib wirken und in meine Seele dringen lasse. Die wenigsten Leute denken wohl daran, welch eine edle Himmelsgabe sie dadurch haben, dass ihnen unmittelbar durch Auge und Ohr die höchsten Eindrücke vermittelt werden. Ein einziger Blick in Gottes Schöpfung – und meine Seele freuet sich Gottes, ihres Heilandes (vgl. Luk 1, 47). Ein einziger Blick in Gottes Buch, in die Heilige Schrift – und meine Seele jauchzt: Das ist auch mir geschrieben. Ein einziges Mal wieder den Choral der Kirche in seiner ganzen wundersamen Einfalt erlauscht, die Predigt seines Wortes in ihrer beabsichtigten und bewussten Schlichtheit vernommen – und Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott (Ps. 84, 3). Denn das ist das Wundersame: wenn der Leib von der Seele gut gehalten wird, tut er der Seele wohl; doch wen er von der Seele schlecht behandelt wird, rächt er sich. Wenn die Seele allerlei schlechte Eindrücke mit Wollust in sich aufnimmt, so wird der Leib, der durch sie zerstört und verzehrt wird, sich also rächen. Je mehr aber die Seele die höchsten geistlichen Güter in sich hereinnimmt, durch Auge und Ohr, desto frömmer wird das Leben. Leib und Seele werden sich freuen in dem lebendigen Gott. Es ist dies nicht bloss ein frommes Verslein, sondern eine Tatsache: Dein Wort bewegt des Herzens Grund; Dein Wort macht Leib und Seel gesund.

Leib und Seele! Und so hat er mir gegeben Vernunft und alle Sinne, so dass ich über die höchsten Fragen nachdenken kann, auch über die Frage des Sterbens. Alle Kreaturen neben mir gehen dahin und welken, aber sie welken ohne es zu wissen. Aber der Mensch hat die Vernunft, um darüber nachzudenken, was sein wird, wenn er einmal nicht mehr ist. Und die Vernunft lässt sich nicht abweisen und dieser Gedanke, dieser kläffende Hund vor der Türe des Herzens, wird wohl manchmal verscheucht, doch er kehrt wieder, ja er kehrt wieder, dieser bittere Gedanke, in einsamen Stunden, an den Krankenbetten, an den Särgen deiner Lieben, an den Gräbern der Deinen, wenn der Leib krank und die Seele beunruhigt ist: Was wird dann sein, wenn ich nicht mehr bin? Eine wundersame Vernunft, dass, während alles um mich verfällt, ohne es zu wissen, ich selbst jeden Tag meiner Sterbestunde ins kalte, starre Angesicht sehen kann. Eine wundersame Vernunft, die mir sagt, es kann nicht sein, dass der Mensch mit dem Ende endet, sondern indem dieses Leben aufhört, beginnt ein neues, ein ewiges, wen auch nicht immer ein seliges! Er hat mir Vernunft und alle Sinne gegeben. Verachtet das nicht, wie Gott der Herr durch äusserliche, von dir kaum beachtete Bewegungen, durch dein Gefühl, deinen Geruch, deinen Tastsinn eine ganze Welt von Gedanken und Erinnerungen dir gibt, wie er durch jeden einzelnen, unscheinbaren dieser Leiter die grösste Gabe dir verleiht! Jener alte Philosoph hat gesagt: Rede, damit ich dich sehe! Bei dem ersten Wort, das ein Mensch spricht, bekommt man einen Eindruck von ihm, nicht durch das, was er sagt, sondern vielmehr dadurch, wie er es sagt, durch seine Gebärden. So sind wir von Gott begnadet, dass scheinbar ganz unansehnliche Eindrücke eine ganze Menge von Begriffen uns bilden.

So hat dir Gott Vernunft und alle Sinne gegeben und erhält sie dir noch. Denn es ist nicht an dem, dass Gott nur einen Menschen schuf, so wie jene Alten gesagt haben, er habe die Uhr aufgezogen und lasse sie nach einem ganz bestimmten Gesetze ablaufen und wenn die letzte Stunde abgelaufen ist, ist es auch mit dem Uhrwerk vorüber. Nein, sondern dein Gott erhält dich, indem er jeden Tag die Schöpfung wiederholt. Der Gott, der gnadenvoll am ersten Schöpfungstag gesprochen hat: Es werde Licht!, spricht es jeden Morgen, wenn die Morgenröte den Himmel umsäumt. Der alte Schöpfersegen, der Jahrtausende schon über die Erde ausgegossen ist, wird jeden Tag neu. Der Mond, unter dessen Schein einst Israel 40 Jahre durch der Wüste Einsamkeit den Weg genommen, ist noch derselbe und, um mit einem weltlichen Dichter zu reden, „die Sonne Homers, seht, sie lächelt auch uns“. Es ist die alte Sonne, die Gott der Herr einst dem Rund aufgehen liess, und alle Morgen heisst er sie heraufkommen wie ein Held zu laufen den Weg (vgl. Ps. 19, 6). Und der Gott, der alle Schöpfungsgabe erneut, der erhält auch dich. Die moderne Naturforschung hat entdeckt, dass in dem Gehirn des Menschen 9000 Millionen einzelne Zellen sind. Wenn ein einziger Blutstropfen in diesen Myriaden von Zellen anders kreist, als es dein Herr geordnet hat, so ist das Leben am Ziel. Seht, wunderbarlich bin ich gemacht, und das erkennt meine Seele (vgl. Ps. 139, 14), weil er mich erhält. Denn nicht bloss die Lebensbedingungen im allgemeinen gibt er mir, sondern gerade das, was ich brauche. Er gibt mir nicht bloss die Luft, die ich atme, sondern gerade die Luft, die mir am zuträglichsten ist. Ich kann es nicht zugeben, dass ein Mensch sagt: Käme ich in diese oder jene Verhältnisse, so wäre ich glücklich; glaube mir, wenn du hinkommst, ist dein Glück entschwunden! Daran halte der Glaube fest: Die Luft, die ich atme, auch äusserlich, so wenig sie meinem Ich zusaget, die Gegend, so wenig sie mir gefällt, ist gerade das, was ich brauche, nicht, was mir dient, das ist noch zu wenig, sondern was mir notwendig. So muss er mich führen und nicht anders. Und wenn es dir recht schwer werden will, so fange einmal an zu danken, solange, bis das Eis des Misstrauens gegen deinen Gott gebrochen und geschmolzen ist, und dann sagst du: Ich lobe dich von ganzer Seele.

Der mich erhält, so, wie es ihm immer gefällt, nicht zunächst mir. Das macht den Menschen so ruhig, wenn er weiss, alle Tage sind in sein Buch geschrieben (vgl. Ps. 139, 16) und wenn er das letzte Lebensblatt umwendet, so ist’s wohl gemacht. Das macht die Seele so gelassen, wenn sie fest daran hält: Er erhält mich.

Und damit wir das recht glauben, fährt Luther in seiner tiefsinnigen und doch so kindlichen Weise weiter: Er gibt uns Kleider und Schuhe, Essen und Trinken usw., was das Leben eben erhält und erquickt. Er gibt die Kleider, die jeder bedarf. Und wenn sie manchmal mangeln, so frage der Arme sich wohl, ob er nicht an der Stunde und Gelegenheit vorüber gegangen ist, durch die ihm Gott das Nötige gönnen wollte. Wir haben Schuhe die Füsse zu bekleiden, Essen und Trinken, was nötig ist. Und wenn wir solche wahrnehmen, die das nicht haben, so sollen wir ja nicht unbarmherzig sein, aber fragen: Welche Gelegenheit, in der Gott diese Leute kleiden und speisen wollte, haben sie übersehen oder ist an ihnen von andern geraubt worden? Wenn wir der Geschichte ihrer Armut nachgehen, ist sie meist eine Geschichte der Versäumnissen und Versündigungen, wobei ich aber nicht sagen will, dass wir, die wir das Nötige haben, es verdienen. Gott hat niemand verlassen. Er gibt dir alles, was dein Leben erhält: Essen und Trinken – nicht Speise und Trank, wie fein ist’s ausgedrückt – damit nämlich deine einfachen Bedürfnisse gestillt werden. Der Mensch der Speise und der Mensch, der an den Speisen hängt und dem Tranke frönt, macht das Mittel zum Zweck und die Vermittlung zur Hauptsache. Jener reiche Mann (vgl. Luk. 16, 19 ff.) hat nichts anderes getan, als dass er alle Tage herrlich und in Freuden lebte, aber das war eben auch alles. Sein ganzes Denken war auf diese äusseren Dinge konzentriert. Gott aber gibt dir Essen und Trinken, damit er dich erhält. Damit du dich schützen kannst, gibt er dir Kleider und Schuh, er schenkt dir dein bescheiden Teil an Haus und Hof, Äcker, Vieh und allen Gütern, damit er dich für die Ewigkeit bereite. Er gibt auch Weib und Kind und stiftet so heilige Ordnungen, einen Schutz vor mancher Gefahr, vor der Selbstsucht, dem Eigenwillen, vor aller Vereinsamung und Vereinzelung, aber auch sehr hohe Pflichten. Wie schwer sind sie für Menschen, die sich selbst nicht erziehen können. Die meisten unglücklichen Ehen rühren davon her, dass zwei Menschen aneinander geraten, von denen keiner imstande ist, sich selbst zu erziehen, geschweige denn den anderen. Die vielen Eheirrungen und Ehewirrungen, unter denen wir so schwer leiden, gehen immer darauf zurück, dass diese Menschen nicht den Mut der Wahrheit, sondern nur die Schwachheit der Liebe besitzen. Die Liebe, die nicht die Wahrheit kennt, ist eben so sicher erschlaffender Tod, als die Wahrheit, die die Liebe nicht kennt, erkältender Tod ist. Wenn zwei Eheleute nicht den Mut haben einander zu erziehen, so haben sie den Schrecken einander verzogen zu haben.

Aus solcher Verziehung kommt zuerst das Widereinander und dann das Ohneeinander.

In allen Ehen beginnt der Zwist durch den Gegensatz und hebt der zweite an durch die Gleichgültigkeit und der dritte endet mit der Trennung und Scheidung. Wenn die Leute meinen, die Ehe sei das höchste Erdenglück, so ist das nicht falsch, getraute Treue ist höchstes Erdenglück, aber auch die höchste Aufgabe und die grösste Prüfung für sich selbst. Die meisten Ehen in ihrer grossen, schweren Vereinsamung – denn die Verheiratung hebt die Einsamkeit nicht auf – sind deshalb so unglücklich, weil sie nicht von Gott gestiftet und darum nicht von ihm gesegnet sind. –

Er gibt dann noch allerlei Güter, all die Freude am Wege; denn er ist kein karger Gott, der einen öden Weg gehen heisst, sondern der am Wege auch manche Blume blühen lässt aus der Ewigkeit für die Ewigkeit. All den Schmuck, den Gottes Treue dem Leben gibt: edle Geselligkeit, wahre Freundschaft, treue Nachbarlichkeit, vornehme Lektüre, all das, was die Seele aus der Diesseitigkeit in die Heimat, aus der Dürftigkeit in den Reichtum, aus dem Alltag in den Feiertag erhebt, hat ihr Gott gegönnt. Das ist nicht evangelisch, wenn man an den Blumen am Wege vorübergeht, Gott hat sie uns doch geschenkt; das ist nicht christlich, wenn man mit Absicht die düsteren Pfade aufsucht um am Schmerz sich zu erquicken. Sondern der seine Sonne leuchten lässt, dass sie die Pracht der Farben über die Erde hingiesse, der mit verschwenderischer Fülle die Erde mit Blüten und Blumen schmückt, hat das alles getan, damit dein Herz voll seiner Güte werde. So erhält er dich; das alles hat er dir beschert.

Wer die erste Kapitel der Bekenntnisse Augustins kennt und am Ende des Kirchenjahres sei diese Lektüre der Gemeinde warm empfohlen – weiss, dass der scheidenden Mutter Monika der bleibende Sohn Augustin sagt: Ich habe die Wolken gefragt…

Er hat uns geschaffen. Und was in deiner Seele gross und reich ist, alles, was dir die Erde nicht bloss als Jammertal, sondern auch als Garten Gottes erscheinen lässt, in dem du fröhlich sein darfst, bis er dich in seinem himmlischen Garten verpflanzt, alles das, was unser Herz höher schlagen lässt, froh, aber keusch, freudig, aber in Demut, das alles ist von dem Schöpfer geschenkt, und zu erhalten. Indem er uns das beschert, so sagen wir weiter, will er uns auch wieder alle Fährlichkeit beschirmen. Er beschirmt mich. In diesen Tagen ist mir das Lebensbild des seligen Domherrn Professor Luthardt wieder in die Hände gefallen. Er erzählt, dass er einmal im Heimathause in Nürnberg sich einige Tage der Mutterliebe erfreuen durfte. Als er eben eingeschlafen war, sei er von einem Knistern in der Wand aufgeweckt worden. Er sei nochmals eingeschlafen, aber das Knistern sei immer ärger geworden, so dass er sein Lager verlassen, sich in ein anderes Zimmer begeben habe. Nach 5 Minuten habe sich die Decke über seinem Bette losgelöst und ein zentnerschwerer Kalkstein sei dort hingefallen, wo eben noch sein Haupt geruht hatte. Das ist „wider alle Fährlichkeit beschirmet“. O, wenn ihr das an jedem Abend überlegen wolltet, wie oft Gott Gelegenheit gehabt hätte, uns in den zeitlichen Tod zu versenken, und erst, wie oft er Gelegenheit gehabt hätte, uns in den ewigen Tod zu senden, ihr würdet des Dankens kein Ende finden. Wenn du am Abend alles das übersehen würdest, jeden Tritt, jeden Schritt, jede Bewegung, jede Biegung deiner Strasse, jede Kleinigkeit – du nennst die Zufälligkeiten, es sind aber lauter Dinge, die dich zum Danke stimmen sollen! Wider alle Fährlichkeit beschirmet! Wir ahnen es ja nicht, wie oft der Tod vor unserer Türe steht und wie oft ihn der Herr von der Türe scheucht. Wir wissen es nicht, wie oft der Tod unsere Unbereitschaft und Ungesammeltheit benützen könnte, um uns aus dem Leben zu reissen, aber der Herr spricht: „Ich will, dass dieser Mensch bleibe.“ (Vgl. Joh. 21, 22).

Wir leben so gedankenarm und gedankenträg in den Tag hinein, während wir es doch jeden Abend bekennen müssten: „Bis hierher hat mich Gott gebracht, in seiner grossen Güte.“ Und wen er so mein Leibesleben in seine väterliche treue Obhut nimmt, wie viel mehr wird er an meiner Seele tun! O du Kleingläubiger, er ist doch der Seelsorger ohne Mass und Ende, der treue Hirte, der, wenn wir schlafen, über uns wacht! Es ist doch ein wundersames Geheimnis: sechs, sieben Stunden nichts von sich wissen, hilflos, regungslos, ganz verantwortungslos in die allertreuesten Hände der ewigen Erbarmung ergeben sein! Was gibt es rührenderes, als wenn ein Kind auf dem Arm der Mutter einschläft: sorglos, freudenreich, sein Antlitz vom Glück überstrahlt. Und wir Alten mit unseren Sorgen und Sünden, mit dem Grauen der Arbeit, mit den schweren uns bis in die letzten Stunden des Tages verfolgenden Nöten, legen uns ganz vertrauensvoll in seine Hände:

„Es hätten tausend Schrecken
Mich grausam können wecken,
Wo er nicht selbst gewachet
Und alles gut gemachet

Das sind nicht fromme Redensarten einer veralteten Glaubenswelt, sondern das sind die königlichen Rechte eines gläubigen Bekenntnisses, das mich sprechen lässt: wider alle Fährlichkeit beschirmet. Das ist das Königsrecht und der Adelsbrief, die Gott der Herr schon im 91. Psalm einem armen Menschen ausgestellt: „Wer unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“

„Als im Jahre 1854 die Cholera durch Deutschland und auch durch England zog, da musste ich“ – so schreibt ein englischer Geistlicher – „an die Kranken- und Sterbelager der von ihr Befallenen. Die natürliche Angst begleitete mich; hätte ich mich nicht geschämt, feig zu sein, wäre ich vor den Hütten der Armen und den Palästen der Reichen umgekehrt. Als ich hinaus in die äusseren Strassen ging, war an ein Fenster eines armen Schuhmachers ein Papierstreifen geklebt. Ich ging hin, las und war beschämt; denn es waren die Worte: Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. … Ich war nun ruhig und getrost.“

Das sage auch deiner Seele: Wider alle Fährlichkeit beschirmt. Und wenn dann der Morgen wieder kommt und man vom Schlaf erquickt ist, war es nicht bloss die natürliche Ruhe, sondern die Stille in Gott: dass man elend arm und bloss sich legt in seines Heiland Schoss. Es war die Freude, dass die reisende, schweifende Seele, die durch Jahrhunderte hindurcheilende Seele immer wieder verankert war in dem Erbarmen Gottes, das in Jesu Christo ist; dass nicht schändliche Träume uns plagten, böse Traumbilder uns verwirrten, schreckliche Gestalten an unser Lager traten, das haben wir ihm zu danken. Lobet den Herrn! Wider alle Fährlichkeit beschirmet. Wer das über die Türe seines Schlafgemachs, auch über die Türe seines Arbeitsraumes schreibt, ist ein Held und wenn er ein verzagter Sünder wäre.

Und das Letzte: Vor allem Übel behütet und bewahret. Die Israeliten haben neben dem Alten Testament noch ein Gesetzbuch, das entstanden ist 150 vor Chr., den Talmud. Dieser enthält viel Edles und Herrliches, aber auch viel Schädliches und Schändliches, die grössten Flüche gegen Jesum, aber auch die herrlichsten Worte der Weisheit. Ein Wort hat mir immer gefallen: Wenn der Mensch sehen würde, welche Gestalten ihn täglich begleiten, so würde er wohl vor Schrecken erstarren oder vor Freude sich nimmer lassen. Er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Sind das fromme Dichtungen, tote Reminiszenzen oder sind es Tatsachen, denen der Mann traut um ein Mann zu sein? Ich meine das Letztere. Wenn ich bitte: lehre mich das rechte Wort finden, damit ich dich nicht betrüge, lehre mich das rechte Wort sagen, damit ich deiner Kirche nicht schade, hilf mir in dieser Stunde zum rechten Entschluss, dass ich deine Wege gehe – sind das unnütze Bitten? Gewiss nicht. Erhört er sie? So gewiss er treu und wahrhaftig ist. Als Gustav Adolf sich zur letzten Schlacht rüstete – am 10. November 1632 – und ihm sein treuer Page den Harnisch darreichte, sprach der König: Lass ihn weg, Gott ist mein Harnisch. Das sei der Spruch jedes Tageslaufes: Gott ist mein Harnisch, der mich vor allem Übel behütet (vgl. Ps. 121, 7) und bewahret. Wenn die Pfeile der Verleumdung gegen mich fliegen, prallen sie ab. Wenn die Versuchungen des Feindes andringen, fallen sie nieder, wenn all die Reizungen und Lockungen der Sünde einkehren, können sie nicht schaden; denn er spricht: Ich bin bei dir, dass ich dir helfe! (Jak. 15, 20).

Alles das, was wir eben gehört haben, ist Erfahrung. Wer es aber nicht erfahren hat, der weiss es nicht. Du magst dem Blinden von der Herrlichkeit einer Gegend noch so viel sagen, er kennt sie nicht; denn er sieht sie nicht. Und du magst dem, der nicht liebt, ich rede gern mit Bernhard von Clairvaux, von der Herrlichkeit der Liebe noch so viel erzählen, er versteht dich nicht, denn er kennt sie nicht.

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt’ es nicht erblicken.

So müsst ihr alles das, was wir eben miteinander gehandelt haben, erfahren und erleben, damit ihr sagen könnt:

Nun weiss und glaub ich feste,
Ich rühm’s auch ohne Scheu,
Dass Gott, der Höchst und Beste,
Mein Freund und Vater sei.
Und dass in allen Fällen
Er mir zur Rechten steh,
Und dämpfe Sturm und Wellen,
Und was mir bringet Weh.

Ich glaube, darum rede ich (Ps. 116, 10); stärke uns den Glauben! (Luk. 17, 5).

Amen.

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