Beck, Johann Tobias - 21. Aus der Abschiedsrede bei der Gemeinde Mergentheim.

Beck, Johann Tobias - 21. Aus der Abschiedsrede bei der Gemeinde Mergentheim.

Den 5. Juni 1836.

Es ist die Stunde da, meine theuer Geliebten, wo ich das Amt soll niederlegen, welches ich vor beinahe sieben Jahren an dieser nämlichen Statte vor Gott und euch übernommen habe. „Um ein Bischofs-Amt, ein evangelisches Predigt-Amt ist es ein köstliches Amt“ (1 Tim. 3,1.) sagte ich euch damals, und - die sieben Jahre haben mich auf keine andere Meynung gebracht; vielmehr nur wärmer wiederholt mein Herz heute noch einmal dasselbe Zeugniß: es ist ein köstliches Amt, zu dienen am Wort des HErrn, das Menschen-Seelen selig macht, zu weiden die Gemeine Gottes, welche Er durch sein eigenes Blut erworben hat, und als Botschafter an Christi Statt die Sünder zu vermahnen und zu bitten: lasset euch versöhnen mit Gott (Apostelg. 20,28. 2 Kor. 5,20.). Zwar des Ungemachs und der Beschwerden hat dieß Amt, wenn es recht verwaltet wird, mehr als die Welt weiß und glaubt; „meinen Kelch,“ spricht Christus zu seinen Boten, „sollt ihr trinken, und mit der Taufe, da ich mit getauft werde, sollt ihr getauft werden“ (Matth. 20,23.) - und auch das, m. L., habe ich hier und anderwärts erfahren; aber schon daß es Christi Kelch ist, giebt einen herrlichen Trost für Jeden, der Christum lieb hat, der darin eben seine Seligkeit weiß, daß er in die Fußstapfen des Sohnes Gottes darf treten; und es bleibt ewige Wahrheit, was ein heißbewährter Diener des HErrn, der Apostel Paulus, bezeugt: „gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, also werden wir auch reichlich getröstet durch Christum“ (2 Kor. 1,5.). Ja, meine Freunde, der ganzen Welt möchte ich es zurufen können: etwas Großes, etwas überschwänglich Großes übernimmt, wer ein christliches Predigtamt übernimmt, und der Weltmensch, der Weichling bleibe nur fern davon; denn Statt sich, und die ihn hören, selig zu machen, richtet er sich und Andere zu Grunde; er spielt mit dem Fürchterlichsten, das es giebt, mit dem heiligen Ernste des Gottes, der Leib und Seele verdammen kann in die Hölle; er spielt mit dem Anbetungswürdigsten, das es giebt, mit der Liebe und Gnade des Gottes, der seinen eingebornen Sohn dahin gab, auf daß Sünder selig würden, daß allen Menschen geholfen würde. Aber eben so möchte ich auch aller Welt es zurufen: wer treu ist im Haushalten über den Geheimnissen Gottes, deß Lohn ist auch groß, überschwänglich groß, zwar nicht an Silber und Gold, überhaupt nicht auf der Weltwaage; aber das Höchste und Beste, das es in der Welt giebt, der Trost eines guten Gewissens, der Herzens-Dank so Mancher, die durch Predigt und Seelsorge aus einer Sünde, Angst, Zweifel, Irrthum, und dergleichen Feinden ihres inneren Friedens sich erlöst fühlen, die stille Liebe gerade der Besten unter den Menschen, das Gefühl, diesem und jenem ein Mithelfer zur Seligkeit sein zu dürfen, die Gewißheit, dort drüben im Reiche des Vaters die herrlichste Aerndte halten zu dürfen mit denen, die uns lieben und die wir lieben - dieses, Geliebte, und noch Mehreres, das nicht in Worte sich fassen läßt, ist der überschwänglich große Lohn treuer Verwaltung des christlichen Lehramtes.

Gewiß, meine Freunde, ich könnte leicht eindringender und rührender hievon reden, denn gerade auch diesen köstlichen Lohn des Predigtamtes durfte ich ja, besonders in der letzten Zeit, so reichlich unter euch erfahren - mein Herz ist so voll davon, und mir bangte schon lange auf diese Abschiedsstunde: eben daher muß ich euch und mich mit diesen allzu angreifenden Erinnerungen verschonen, damit ich Kraft behalte, was zu eurem wahren Heile dient, zum letztenmal noch euch ans Herz zu legen, ihr es zu Herzen zu nehmen und darin zu bewahren. Noch so Vieles habe ich, nicht in meinem Namen, sondern in unsers Herrn und Heilands Namen, mit euch, ihr Lieben, zu reden, die ihr bisher euer Edelstes und Höchstes, eure und eurer Kinder Seelen mir anvertrautet zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung und Erziehung aus der heiligen Schrift Gottes, mit euch, die ich heute noch einmal mit so vollem Herzen die Meinigen nenne. Ihr übrigen theure Seelen aber, die ihr heute gekommen seyd, mich anzuhören, ohne weder zu meiner Gemeinde zu gehören, noch überhaupt zu meinen bisherigen Zuhörern - fordert nicht von einem scheidenden Hirten seiner Gemeinde, daß er auch die bedenke, die draußen sind, oder gar seine Worte abmesse nach dem, was etwa ein herzloses Urtheil daraus machen könnte. Ich will überhaupt, wie bisher, so auch heute, gewiß nicht Jemand beleidigen, aber such Niemand schmeicheln - als Zeuge der christlichen Wahrheit und Gerechtigkeit und Liebe will ich heute ohne Künstelei mein Herz noch einmal ausschütten vor den Meinigen, und das, m. l. A. alle, laßt mich harmlos thun, ohne daran zu grübeln; mache auch Niemand irgend eine Störung, denn wir sind hier versammelt vor dem Gott der Ordnung.

Du aber, großer Hirte Deiner Gemeinde, dieser und aller Gemeinden, welche auf Deinen Namen getauft sind, Du mein HErr und Heiland Jesus Christus, der Du bis hieher so treu mir geholfen, so gnadenreich mein Wort gesegnet hast, das ich an dieser Stätte verkündigen durfte - Du bist mir theurer noch, als Amt und Gemeinde; denn Du hast beides mir gegeben, Du nimmst mir auch beides heute ab, und Dein Ruf ist's, dem ich mit schwerem und doch dankbarem Herzen in ein neues Amt folge; ohne Dich kann ich weder hier noch dort Etwas thun, das wahrhaft den Namen eines Werks verdient, eines Werks, das da bleibet in Ewigkeit. Darum, Du HErr aller himmlischen Gaben, verlaß mich auch heute nicht mit Deinem Geist der Wahrheit; schenke mir nach Deiner Verheißung, Mund und Weisheit, daß ich rede als aus Dir, vor Dir und zu Dir, daß auch diejenigen, welche indeß noch müßige und unfruchtbare Hörer Deines Worts waren, wenigstens heute noch einen Stachel in ihr Herz bekommen, der ihnen keine Ruhe läßt, bis sie ablegen alle Bosheit und Unsauberkeit, und mit Ernst in Deinem Wort der Wahrheit forschen, was sie thun müssen, damit sie selig werden. Ja, treuer Bischof unsrer Seelen, mit unermüdlicher Liebe bist Du indeß uns Allen nachgegangen, um aus der Irre uns heimzubringen, hast uns reichlich gesegnet und uns schmecken lassen die himmlischen Kräfte Deines Worts, hast Großes an uns gethan die sieben Jahre hindurch, und Dir den Samen einer wahrhaften Gemeinde unter uns auserwählt - Dir gebühret der Ruhm dafür, nicht uns, und wir danken Dir von ganzem Herzen. Schenke auch heute uns noch mit einander Geist und Leben aus Deinem Wort, daß es kräftig und fruchtbar bleibe in unsern Seelen, und wir fortan in allen Dingen wachsen an Dir, der unser Haupt ist, Jesus Christus - Amen.

Text: Apostelgesch. 2, 42-47. Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre, und in der Gemeinschaft, und im Brodbrechen, und im Gebet. Es kam auch alle Seelen Furcht an; und geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig waren geworden, waren bei einander, und hielten alle Dinge gemein. Ihre Güter und Habe verkauften sie, und theilten sie aus unter alle, nachdem jedermann noth war. Und sie waren täglich und stets bei einander einmüthig im Tempel und brachen das Brod hin und her in Häusern. Nahmen die Speise, und lobten Gott mit Freuden und einfältigem Herzen, und hatten Gnade bei dem ganzen Volk. Der Herr aber that hinzu täglich, die da selig wurden zu der Gemeine.

Was dünket euch, Geliebte, von einer solchen Christen-Gemeinde, wie sie hier uns beschrieben ist? Bei dreitaufend Seelen wahrhaft wie Eine Familie unter sich lebend, wo Keiner zu dem Andern sagte: „das ist mein und nicht dein;“ sondern was Einer hatte, gehörte Allen an, und was Alle besaßen, kam Jedem zu Gut; wie Ein HErr, Ein Glaube, Eine Taufe, so Eine Habe und Haushaltung, Ein Bitten und Danksagen, Eine Tischgemeinschaft im Gedächtniß des Todes Jesu, Eine Anhänglichkeit an ihre Lehrer, die Apostel, und das Alles nicht nur in einer schnellen Begeisterung, die wieder verschwand, sondern beständig blieben sie in dieser inneren und äußeren Gemeinschaft, standen mitten unter dem Geizen und Verschwenden dieser Welt, ihrem Hassen und Heucheln, ihrem eigenliebigen und gottesvergessenen Wesen, mitten unter dem mit sich selbst und mit Gott zerfallenen Menschengeschlecht standen sie da als ein wahrhafter Bruderbund, fest und unzerreißlich in aufrichtiger Liebe, durch Nüchternheit, Mäßigkeit, stillen Fleiß, fromme Zucht und Gottesfurcht ihren Feinden selbst Ehrfurcht und Achtung einflößend, bei allen Besseren Liebe und Gnade sich gewinnend, und täglich durch ihr herzergreifendes Beispiel immer neue Bundesgenossen sich verschaffend, die sich selig fühlten, mit solchen Menschen Leid und Freud, Lehre und Wandel theilen zu dürfen.

Und was war denn das für eine Wunderkraft, meine Freunde, welche dreitausend Menschen so dauerhaft zu einer heiligen Familie vereinigte, daß sie, die vorher doch auch wie alle Welt in Habsucht, Vergnügungssucht, Ehrsucht, Jeder seinem Eigennutz und Eigenwillen, gefolgt waren, daß die nun zuerst trachteten nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit, mit einmüthigem Sinn beteten und jede Gelegenheit benützten, wo sie konnten Unterricht und Lehre aus dem Mund der Boten Christi schöpfen, daß sie diese Lehre, so anstößig sie war, nicht nur öffentlich mit dem Munde bekannten, sondern auch ausübten in ihrem Wandel? was benahm ihnen namentlich ihre Anhänglichkeit an die irdischen Güter so sehr, daß auch die Begüterten unter ihnen kein besonderes Eigenthumsrecht auf ihre Habe mehr sich vorbehielten, sondern dieselbe als Eigenthum Christi ansahen, woran sie auch den Aermeren den nöthigen Antheil verstatteten? Die größten Staatsmänner mit allen Weltmitteln und Kunstgriffen haben niemals die Menschen zu einem solchen wahrhaft brüderlichen Vereine bringen können: womit denn haben es die zwölf Fischer aus Galiläa zu Stande gebracht, sie, die außer ihrem Gewerbe von keiner Weltkunst Etwas verstanden, am wenigsten von einer Regierungskunst, von der Kunst, wie man neue Gesellschaften stiftet und verwaltet? M. Freunde, dieser beispiellose Christenbund war Gottes Werk - kein obrigkeitliches Ansehen, kein bürgerliches Gesetz, keine Staatsanstalt rief ihn ins Leben, sondern das Ansehen Jesu Christi, der als HErr und Heiland in diesen Menschen lebte, sein Gesetz der Liebe, das sein heiliger Geist in ihre Herzen schrieb, seine Anstalt der evangelischen Predigt und des gemeinschaftlichen Gebets und der häuslichen Erbauung, wodurch Versöhnung und Heiligung ihre Seelen immer seliger machte und ihr Leben immer reicher an wahrhaften Tugenden.

Wie nun, m. L.? haben wir nicht auch freien Zugang zu diesem Allem, und werden ihn ferner haben, Zugang zu Jesus Christus, der da bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende? Zugang zu seinem heiligen Geist, der uns straft, uns zieht, und als ewiger Tröster gegeben wird vom himmlischen Vater denen, die darum bitten und sich strafen und ziehen lassen? Zugang zu dem Wort Jesu Christi und seiner Apostel, zu unsrem Evangelium, welches jeden Menschen, der mit stillem sanftem Herzen es aufnimmt und bewahrt, selig macht in der Liebe Gottes und heiligt in seinem Lichte? Haben und behalten wir das nicht Alles, Geliebte, und ist das nicht ein Gemeinde-Schatz, den Niemand euch nehmen kann, wenn ihr nur selbst ihn nicht verschleudert und ungenützt liegen lasset? O meine theure Gemeinde - Christen, die ihre Bibel behalten und zu ihrem Haus- und Lebensbuch machen, zu ihrem beständigen Lehrer, Christen, die ihren lebendigen Heiland vor Augen und im Herzen haben, Christen, die anhalten im Gebet und bleiben in der Zucht des heiligen Geistes, die sind nie verlassen, „nie Waisen in der Welt, nie ohne den besten Lehrer, Hirten, Vertreter und Tröster; die brauchen nicht erst zu warten, bis Obrigkeiten und bürgerliche Gesetze ihrer Gemeinde die rechte Verfassung geben und ihre Angelegenheiten ordnen, das Schlechte unter ihnen im Zaume halten und ausrotten, das Gute aber pflanzen und pflegen. Nein, meine Freunde, nur Christum mit seinem heiligen Geist dürft ihr zu eurer Obrigkeit machen in euren Herzen und die Bibel zu eurem Gesetz und Lehrer in eurem täglichen Wandel: dann wird Unordnung und Zerrüttung nicht aufkommen unter euch, sondern Frömmigkeit, Ordnung und Wohlstand unter euch wachsen; ernste Andacht wird immerdar in dieser Kirche sein, brüderliches Zusammenhalten unter der Gemeinde. Ihr selbst werdet die Ungezogenen unter euch vermahnen, die Unverbesserlichen meiden, denn gutes Gewissen und guter Name wird euch über Alles gehen; eure Armen werden nicht unversorgt bleiben, denn die Liebe der Uebrigen versorgt sie; eure Kranken, eure Wittwen und Waisen nicht unverpflegt, denn eure Bibel lehrt euch als rechten Gottesdienst, Waisen und Wittwen in ihrer Trübsal aufzusuchen, und der Kranken euch anzunehmen mit Gebet und Arznei; kein redlicher Arbeiter wird ohne Nahrung bleiben, denn euch treibt der Befehl: thut Gutes an Jedermann, sonderlich aber an den Glaubensgenossen; die Stadt wird euch unter ihre besten Bürger zu zählen haben; denn Gott vermahnt euch: suchet der Stadt Bestes, da ihr wohnet; keine Zwistigkeiten und Prozesse werden Gut und Frieden unter euch verzehren; denn Gottes Wort wird euch stärken, lieber euch vervortheilen zu lassen im Vertrauen auf den Vergelter, als Unrecht zu thun, und wo Einige unter euch über zeitliche Güter Sachen haben, werdet ihr freiwillig diejenigen unter euch zu Friedensrichtern darüber setzen, die angesehen sind bei der Gemeinde als christliche und verständige Männer. Meynet ihr, das Alles sey nicht möglich, meine Freunde, wohl schön zu predigen, aber nicht auszuführen? Seyd doch nicht kleingläubig, ich bitte euch, werdet doch noch recht wacker, ernst und muthig für's Gute, für's Christliche - Alles ist möglich dem, der da glaubet, der mit treuem, redlichem Herzen die Gaben Gottes annimmt und gebraucht, welche das Evangelium uns darbietet. Höret, Geliebte, in gewissen Gebirgen Italiens leben schon seit uralten Zeiten christliche Gemeinden, die Waldenser, oft heiß verfolgt und schwer gedrückt; selbst die gelernten Prediger sind ausgestorben unter ihnen, und es fehlt heutzutage noch an Hirten, die sie weiden - aber dieß Volk hielt seine Bibel in Ehren mit der treuesten Liebe, ließ nicht das Gebet und die Brüdergemeinschaft, und bis auf den heutigen Tag genießt es den Ruhm besonderer Frömmigkeit und Freudigkeit; sein Wissen ist nicht groß, aber die alten Christentugenden blühen unter ihm, und Segen Gottes wohnt in seinen Hütten. Ist's also eine leere Einbildung und schwärmerische Zumuthung, m. L., wenn ich euch versichere und bitte: ahmt der ersten Christengemeinde nach, macht wie sie Christum und sein Evangelium zu eurer täglichen Speise, zu eurem Gebet und eurem Gesetz, zu eurem Lehrer und eurer Obrigkeit, zu eurem Hausfreund und Gemeindehaupt, und das Gute, das unter euch angefangen ist, wird nicht nur bleiben, sondern auch wachsen und sich vollbereiten; ihr werdet wie die Gemeinde Jerusalems als Eine Christenfamilie immer mehr euch fühlen und zeigen, und Segen Gottes reichlich unter euch haben; die Schlechten und Boshaften werden euch fürchten, nicht ihr habt sie zu fürchten, sie müssen euch fürchten in eurer Christenstärke und Einigkeit, wo Einer steht für Alle und Alle für Einen, wo ein Geist in euch ist, der stärker ist als die Welt; die Guten und Redlichen aber werden euch lieb gewinnen, und die Zahl der rechtschaffenen Christen wird durch euch wachsen in der ganzen Gegend: ihr werdet euch selig machen - beherziget das Wort, Geliebte, es liegt ein ganzer Himmel darin; ich sage: selig machen werdet ihr euch, und die sich an euch anschließen.

Bleibet also, Geliebte, beständig wie Jerusalems Christen in der Apostellehre, dann bleibet ihr auch in meiner Lehre; denn von dem Ihren habe ich genommen und euch gegeben. Der Wahrheit zu Ehren und euch zu Lieb muß ich es bekennen: ein Prediger wird nicht leicht mit mehr Liebe und Freude gehört werden, als ihr größtentheils mich hörtet; mein Wort hat hier und zu Hause viel gegolten bei den Meisten: woher aber nahm ich denn die Lehren und Vermahnungen, die Strafen und Tröstungen, welche so sehr euch ergriffen, erquickten und in’s Herz trafen? Aus der Apostellehre von Jesus Christus habe ich's geschöpft, meine Freunde, und Alles, was ich vor Manchen mag voraus haben, freudig bekenne ich es, von meiner Bibel habe ich's empfangen, die von Jugend an mir lieb und werth war, und Kräfte mir darreichte, daß ich Manchen in meinen Freund und fleißigen Zuhörer verwandelte, der anfangs nicht nur mir, sondern dem Christenthum und Gottesdienst überhaupt abhold war. Also, m. Geliebte, gehet auch in die Lehre zu den Aposteln, die in den Evangelien und Briefen von Ihm mit euch reden, der zur Weisheit und Gerechtigkeit, zur Heiligung und Erlösung gemacht ist für alle Menschen, und bleibet, bleibet beständig in dieser Lehre. Mit zeitenweisem Ansetzen und wieder Aufhören geht es nicht, auch nicht durch eiliges und flüchtiges Lesen, sondern durch beständiges und andächtiges Lesen - das Wort Christi muß reichlich unter euch wohnen, muß also sich festsetzen in euren Herzen, daß es haftet, und das nicht nur spruch- und geschichtsweise, daß ihr gewisse Reden und Erzählungen daraus behaltet, sondern sein Reichthum, seine Fülle von Lehre und Strafe, von Weisheit und Liebe, von Verheißung und Trost muß wie ein Schatz in eurem Gemüth sich sammeln. Denn die Bibel, meine Freunde, ist nicht wie ein anderes Buch, mit dem man fertig ist, wenn man es ein- und abermal gelesen hat - ein Pfarrer, der seine Bibel nur zum Nachlesen gebraucht für seine Predigt, wird immerdar schlecht predigen, und ein Zuhörer, der auch nur mit dem Lesen des sonntäglichen Evangeliums sich begnügt, wird alleweg schlecht zuhören. Hineinleben müßt ihr euch in die Bibellehre; was ihr täglich in der heiligen Schrift lest, müßt ihr festzuhalten suchen durch all' euer Sinnen und Trachten, Thun und Lassen, dieses daran richten, prüfen, reinigen, stärken. Daran gewöhne dich, mein Freund, mach es zum heiligsten Gesetz, das du unter keinem Vorwand dir zu übertreten erlaubst: und du wirst gewiß nicht nur an Einsicht in den heiligen Wahrheiten des Christenthums zunehmen, sondern auch Rath und Trost, Erquickung und Kräftigung in deiner Bibel finden. Denn dazu sind wir Prediger da, nicht daß wir ewig eure Lehrer sehen, sondern daß wir euch zur christlichen Mündigkeit bringen, wo nicht erst Einer den Andern lehrt, sondern wo Jeder von Gott gelehrt wird, durch sein Wort nämlich, das für uns Prediger, wie für die Gemeinden dasselbe ist. Also, meine Freunde, erkennet die Würde, zu der ihr berufen seyd, daß ihr Schüler der Apostel, ja was sage ich? daß ihr Schüler Gottes selbst seyd, welcher durch sie redet. Ihr Eltern denn, erbauet euch täglich mit euren Kindern aus dem Wort eures Heilands, der euch und ihnen das Himmelreich will geben; ihr Betagte, in der heiligen Schrift haltet euch täglich den Gott des Heils vor Augen, daß ihr wie Simeon im Frieden könnt dahinfahren, wie Johannes euren Kindern und Enkeln könnt ans Herz legen: Kindlein, bleibet in der Liebe! ihr Jünglinge und Jungfrauen, seyd täglich in dem, das eures himmlischen Vaters ist, in seinem Wort, daß ihr stark werdet, den Bösewicht zu überwinden, der mit faulen Geschwätzen und Beispielen die guten Sitten verderbt! ihr Armen, sammelt euch Schätze im Evangelium Jesu Christi, der arm wurde, um euch reich zu machen, der das wahrhafte Brod des Lebens ist; ihr Reichen, reiniget euch mit der Lehre Jesu Christi, der nicht mit Gold und Silber, sondern mit seinem theuern Blut euch erkauft hat, reiniget euch von allem Stolz auf den ungewissen und ungerechten Reichthum, daß ihr eure Hoffnung setzet auf den lebendigen Gott, und reich werdet an guten Werken. Ihr Alle, Alle - Sünder seyd ihr, und selig machen kann euch nur das Wort Gottes, nicht wie dieser oder jener unselige Mensch es euch lehrt, sondern wie die Apostel es lehren, die selig waren auch in Trübsal; bleibet beständig in der Apostellehre; suchet in der Schrift; wer sucht, der findet.

Weiter heißt es von den ersten Christen: sie blieben beständig im Brodbrechen, im Genusse des heiligen Abendmahls und im Gebet. Der Weltmensch betet nur in Nothfällen, communicirt nur aus Gewohnheit - euch, Geliebte, wenn ihr wollt Christen sein, muß Herzensdrang, Gewissensstimme und Christi Stimme zu Beidem treiben. Das tägliche Gebet bringt euch vor das Angesicht eures Vaters im Himmel, und seinen himmlischen Gütersegen in eure Herzen - wollet ihr den nicht? bedürfet ihr ihn nicht? Also bittet, damit euch Gnade des Höchsten immer mehr gegeben wird; klopfet an am Morgen und am Abend, in Freud und Leid des Tags, damit die Thüre euch aufgethan wird zu den Kräften des Himmelreichs; einst vor dem Richterstuhl Gottes werdet ihr nie es bereuen, nach der Meynung der Welt zu viel gebetet zu haben, wohl aber, wenn ihr dieser Meynung folgt, Zu wenig gebetet zu haben. Das heilige Abendmahl ferner ist die wahrhafte Speise, der wahrhafte Trank für eine nach Gerechtigkeit, nach Tugend und Seligkeit hungernde und dürstende Seele, bringt das „Selig seyd ihr“ in das Herz, das der HErr dort ausgesprochen hat (Matth. 5,3 ff.) - es weckt euch zur Erkenntniß eurer selbst und zur Buße, daß ihr nicht im Leichtsinn euer ewiges Erbtheil verscherzt; es deckt eure Sünden zu mit der göttlichen Vergebung, daß ihr nicht mit Heulen und Zahnklappen im göttlichen Gerichte erscheinet; es stärkt euch zum neuen Gehorsam, daß ihr den guten Kampf des Glaubens kämpfet und empfahet die Krone der Gerechtigkeit. Also das Brod des Lebens und der Kelch des neuen Testamentes sey und bleibe eure liebste, heiligste Mahlzeit; feiert sie fleißig, und immerdar würdig, damit nicht die Schwachen unter euch überhand nehmen, und Gericht von diesem Altar über euch ausgehe, statt Gnade und Leben' (1 Kor. 11,26 ff.).

Hier wo ihr Alle, Geringe und Vornehme, esset von Einem Brod, trinket von Einem Kelch, hier wird jedesmal der Ruf des HErrn in eurem Herzen sich erneuern: liebet euch unter einander, gleichwie ich euch geliebet habe; Keiner habe Gefallen an sich selber, suche Keiner, was sein ist, sondern was des Andern ist, gleichwie ich mich selbst äußerte und ward gleichwie ein anderer Mensch, und diente Allen bis zum Tod am Kreuze; kurz: bleibet beständig in der Gemeinschaft. Daß Jeder seine Güter und Habe verkaufe und sie ausgetheilt werden unter Alle, ist gegenwärtig weder noth noch thunlich, wie es denn auch nirgends in der Schrift besonders befohlen ist; aber das ist allen Christen befohlen, und darum bitte ich euch, m. geliebte Zuhörer., heute noch besonders, daß ihr durch brüderliche Liebe herzlich und friedfertig gegen einander gesinnet seyd, nicht falsch, gehässig, neidisch und streitsüchtig; ja mit dem Apostel beschwöre ich euch: gilt irgend eine christliche Vermahnung bei euch, so erfüllet doch meine Freude, daß ihr Eines Sinnes seyd, gleiche Liebe habt, einmüthig und einhellig seyd; Nichts thut durch Zank oder eitle Ehre, euch unter einander zu entrüsten und zu hassen, sondern kommet einander zuvor mit Freundlichkeit und Ehrerbietung, jaget dem Frieden nach statt dem Stolz, der Rache und dem Groll, verlasset niemals die Nothdürftigen unter euch, tröstet die Weinenden, segnet, die euch verfolgen (Phil. 2,1 ff. Röm. 12,5 ff.). Dienet einander mit den verschiedenen Gaben und Mitteln, die ihr habt, der Reiche dem Armen mit seinem Gut, der Arme jenem mit seiner Arbeit, der Höhere dem Geringeren mit kräftiger Vertretung, dieser jenem mit Treue und Gegendienst, der Gesunde dem Kranken mit Pflege und christlichem Zuspruch, der Kranke seinem Wohlthäter mit Gebet und Dankbarkeit; wer ein Amt hat, warte seines Amts als ein Diener Gottes - es ist ein großes Wort - und Diener der Menschheit, nicht als Weltknecht oder als eigener Herr; wer Etwas zu verwalten hat, sey sorgfältig, daß er das Gute schaffe, und keinem Bösen Vorschub leiste; wer besonders begabt ist, das Wort zu führen schriftlich oder mündlich: stelle sich für's Gute, für's Christliche an die Spitze der Gemeinde überall, wo es gilt; wer überhaupt durch irgend Etwas ausgezeichnet ist in der Gemeinde, denke nicht, er dürfe herrschen über dieselbe, oder sich nicht bekümmern um sie, sondern ein Vorbild und Vertreter des Guten sey er in ihr, ein Vorkämpfer gegen Arges und Unrecht.

Zuletzt, lieben Brüder, lasset euch nicht verführen durch der Menschen Täuscherei, durch die falsche Lehre und Brüderschaft, die in der Welt herrscht, und die mit allerlei Künsten, Schmeicheleien und Drohungen, mit stolzen Worten und Geberden das wahre Christenthum euch will verächtlich machen und euch dahin bringen, daß ihr dieser Welt euch gleich stellet.

Freunde, theuer erlöste Seelen, bestehet doch mannhaft in der Freiheit, die Christus euch schenkt; fürchtet euch vor der Welt nicht, und suchet euch ihr nicht gefällig zu machen; sondern euern Gott allein fürchtet und eurem Heiland sucht zu gefallen, indem ihr fest haltet über dem Wort, das da gesagt ist: hasset das Arge, hanget dem Guten an. Ist der Weg auch anfangs hart und sauer, werfen unartige Menschen manche Steine und Netze euch in den Weg, um euch hinein zu ziehen in ihr unordentliches Wesen: fürchtet euch vor ihrem Trotzen nicht und weichet nicht; ihr werdets gewinnen, sie müssens verlieren; bequemet euch nie zu etwas Argem und Unrechtem, immerdar hanget dem Guten an, und mit diesem überwindet das Böse. Nicht die feinste Weltklugheit wird euch verschaffen, was ihr wünscht und nicht entbehren könnt: Segen Gottes und Liebe der Menschen; nein, Sünde wäre es von mir, Geliebte, Undank gegen die unverdiente Treue und Barmherzigkeit Gottes, die mir wiederfahren ist, wenn ich nicht bezeugte, heute noch zum letztenmal es bezeugte: wer Christum erwählt, erwählt das beste Theil für Zeit und Ewigkeit! Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze! Gott fürchten ist Weisheit, und meiden das Böse, ist Verstand.

Darum ihr Alle, die ihr guten Willen in euch habt, ihr Rechtschaffenen, die ihr gerne indeß mein Wort annahmet - nehmet dieß letzte noch an und laßt's euch nicht entreißen: beharret bei euren guten Vorsätzen, und setzet das christliche Wesen fort, das bei euch angefangen hat, setzet es fort, ohne euch irren zu lassen durch die Welt um euch her; machet euch los immer mehr vom alten Menschen, und ziehet die Christentugenden an, indem ihr täglich euch übet in der Gottseligkeit durch Bibellesen, Gebet, Wachsamkeit und Enthaltsamkeit von den Gelegenheiten, die euch in weltliche Lüste und ungöttliches Wesen verführen. Haltet fest, meine Brüder, unter euch zusammen, und bestärket euch im Guten, und unterstützet einander gegen die Anfälle, welche das ungeschlachte Geschlecht der Welt auf euch macht.

Es ist ein Kern rechtschaffener Bürger in der Gemeinde - lernet euch kennen, l. Freunde, schließt euch an einander an, theilet Arbeit und Erholung mit einander in Ehrbarkeit und gutem Gewissen, und feget den alten Sauerteig aus, der mit seinem Gift auch euch anstecken will. Es sind junge Leute unter uns, die einen guten Anfang gemacht haben; aber wie bald seht, ihr sicher und verführt - um eures Lebens und Sterbens willen bitte ich euch, euch insbesondere, die meine Hand eingesegnet hat: werdet nicht Kinder des gewöhnlichen Weltverderbens, daß ich nicht dort als Verlorne euch finden muß; seyd stark in dem allerheiligsten Glauben, darauf ihr erbauet seyd; behaltet das Wort Gottes in euch und überwindet den Bösewicht (1 Joh. 2,14.). - Es sind aber auch Solche in der Gemeinde, wenn schon Wenige, von denen ich mit Betrübniß sagen muß, daß sie noch in Lastern einhergehen, ihr Eheglück, ihre Ehre und Habe, ihr Gewissen und Himmelreich mit Füßen treten - auch euch kenne ich: ihr habt mir schon manche bittre Stunde gemacht, wenn ich auch das beste Wort immer wieder an euch mußte verloren gehen sehen. Doch werdet ihr bezeugen müssen, ich habe euch weniger hart gerichtet, als die Welt gewöhnlich über euch richtet, aber nicht, weil ich eure Sünden für gering achtete, sondern weil ich gerade euch als offenbare Sünder, als verlorene Söhne Gottes immer noch glaubte retten zu können, wenn ich euch hinwies zu der Barmherzigkeit und Leutseligkeit eures Schöpfers und Heilands, der Sünder selig will machen. Noch einmal weise ich euch zu Ihm, der als treuer Hirte indeß euch suchte; noch einmal, zum letztenmal sage ich euch: thut Buße und glaubet an euer Evangelium, und lasset euch helfen von euren Sünden, daß ihr in einem neuen Leben wandelt. Wo ihr aber das nicht annehmet, so bezeuge ich euch auch im Namen des lebendigen Gottes: euch Säufer, euch Ehebrecher und Hurer, euch Geizige und Betrüger und Lästerer, euch Alle, die ihr Christen euch nennt und doch der Bosheit und Unsauberkeit dienet, auch euch, die ihr Frömmigkeit heuchelt und doch den breiten Weg dieser Welt wandelt, - euch Alle wird der allmächtige Gott richten, und ihr kommet nicht in das Himmelreich, so gewiß der Gott der Wahrheit nicht lügt (1 Kor. 6,9 f.). Von mir kann eure Seele nicht gefordert werden,, denn ich habe euch Nichts verhalten, daß ich nicht verkündigt hätte den ganzen Rath Gottes - darum zeuge ich euch an dem heutigen Tage, daß ich rein bin von Aller Blut (Apg. 20,26 f.).

So habt nun Acht auf euch selbst, ihr Lieben alle, die ich indeß geweidet habe, und die ich nun verlassen muß - mögt ihr manche Sorge haben; euch, denen es Ernst ist um Christenthum, läßt der HErr heute durch mich wissen: fürchte dich nicht, du kleine Heerde; denn es ist eures Vaters Wille, daß ihr das Reich ererbet. Gebt also ihr nur auch euren Willen dazu; die an Ihn, den treuen ewigen Hirten, sich halten, werden nicht aus dem Glauben fallen noch ihre Krone verlieren, werden auch nie Mangel leiden; die Meinen, spricht Er, hören meine Stimme und folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und Niemand soll sie aus meiner Hand reißen! Er lebt, meine Freunde, der das versprach; Er regiert, regiert auch hier in Mergentheim und aller Orten - betet zu Ihm ernstlich, Geliebte, daß Er, der seine Arbeiter kennt, einen guten Hirten euch sende, der nicht rede nach den klugen Fabeln dieser Welt und wie den Leuten die Ohren jücken, sondern das Wort der Wahrheit recht austheile mit uneigennütziger Christenliebe. Und einen Solchen, Geliebte, nehmt auf als wahrhaft einen Boten Gottes; nehmet auch Strafworte von ihm an mit sanftem Herzen; er meint es redlicher und besser, als der süß redet; richtet überhaupt nicht über ihn nach dem Fleisch, nach dem Aeußerlichen, sondern nach dem, was er geistlich ist, und je treuer er sein Amt versieht, um so lieber habt ihn. Auch eure Lehrer an der Schule, die ihr Amt redlich ausrichten, haltet in gebührenden Ehren, Geliebte, und betrübet sie nicht durch Undank; es ist ein schweres, karges Amt, das sie führen, unterstützet sie darin, daß sie nicht noch mit mehr Seufzern es müssen thun, als es natürlicher Weise ihnen auspreßt. Ihr aber, theure Lehrer, vergesset nie des HErrn Wort: weidet meine Lämmer! suchet Rath und Hilfe bei Ihm, der da gibt einfältig und rückets Niemand auf; euch segne Gott noch besonders mit Kraft, mit Frieden, mit heiligem Geist und mit Himmelstrost. Ihr, geliebte Schulkinder, habt eure Lehrer lieb und nehmet willig ihre Zucht an; leget doch eure Fehler ab, womit ihr sie und mich öfters betrübt habt, leget besonders das Lügen ab, das unnütze Schwatzen und neidische Verschwatzen; murret und richtet nicht über eure Lehrer - sie haben genug mit euch durchzumachen, sie sind Menschen und keine Engel, daß sie nicht ihre Schwächen hätten, und ihr seyd nicht zu gut, daß ihr nicht Etwas euch dürftet gefallen lassen; ihr sollt Geduld lernen, gehorsam und demüthig sein, euch selbst erniedrigen, dann werdet ihr zu tüchtigen Menschen Gottes erhöhet werden, dann hat der Herr Jesus Christus euch lieb. Ja, Er hat euch lieb, der so freundlich ruft: lasset die Kinder zu mir kommen; ich gebe ihnen das Himmelreich I gehet zu Ihm, liebe Kinder, ich bitte euch darum, thuts mir zu Gefallen - betet täglich zu Ihm, leset seine herrlichen Reden und Thaten in eurer Bibel, seyd fleißig und stille und aufmerksam in der Schule und Kirche, wachset nicht nur an Jahren, sondern auch an Weisheit und Gnade; dann freuen sich eure Engel im Himmel, und ich, liebe Kinder, wenn ich euch wiedersehe oder von euch höre, darf mich auch freuen.

Und nun, Jugend und Erwachsene, ihr Geliebte alle, ich befehle euch Gott und dem Wort seiner Gnade, Ihm, der da mächtig ist, euch zu erbauen und zu geben das Erbe mit Allen, die sich heiligen lassen. Habt Dank, herzlichen Dank für alle Liebe und Treue, die ihr mir und den Meinigen erzeigtet, für alle freundliche Theilnahme, womit ihr meinen schweren Beruf mir erleichtertet, für die reichen Opfer, die ihr auf meine Fürsprache zum Dienst des Guten hier zusammenlegtet, für den Fleiß und Eifer, den ihr meinen Predigten widmetet, für die Nachsicht und Geduld, die ihr mit meinen Fehlern hattet, für eure immer wachsende Anhänglichkeit unter so manchen harten Urtheilen, die über mich ergiengen, und die ich von Herzen vergebe, so wahr mir Jesus Christus vergebe, für euer treues Ausharren mit mir unter allen Anfechtungen, für Alles, Alles empfanget meinen brünstigen Dank, geliebte Mitchristen. Der HErr, der da sagt: was ihr denen thut, die ich unter euch sende, das habt ihr mir gethan - dieser wahrhaftige HErr alles Guten im Himmel und auf Erden, Er segne euch und vergelte Jedem auch das geringste Gute, das er mir erzeigt hat, noch auf dem Sterbebett, noch an jenem großen Vergeltungstage. Amen.

Laßt uns, l. Freunde, unsre Herzen noch einmal vereinen in frommer Andacht zum Gebet: Unser Vater in dem Himmel - bei uns Menschen hat Leben und Sterben, Suchen und Verlieren, Kommen und Scheiden seine Zeit, und Alles stehet in Deiner Hand; Du aber änderst Dich nicht und bleibest bei uns in der Nähe und in der Ferne; Deine Gnade ist alle Morgen neu, und Deine Güte reichet, so weit der Himmel ist. Ja Du Vater bist auch bei uns in dieser Scheidestunde, bleibest bei uns auch nach derselben - mit gerührtem Herzen danken wir Dir für alle Wohlthaten, die Du durch die Verkündigung Demes Wortes bisher uns erwiesen hast, für alle guten Vorsätze, christliche Gesinnungen, Tröstungen und Hoffnungen, die Du dadurch geweckt und genährt hast. Heiliger Vater, erhalte Alle, die Dein Wort angenommen haben und glauben, erhalte sie in Deinem Namen, und heilige sie in Deiner Wahrheit; die aber noch nicht glauben, auch ihrer erbarme Dich nach Deiner Gnade und erwecke sie doch aus ihrem nichtigen Leben zu jenem ewigen Leben, daß sie Dich den allein wahren Gott und den Du gesandt hast, Jesum Christum erkennen und heilig halten. Dein Reich, Dein Reich der Gnade komme immer mehr inwendig in die Herzen, daß Alle Eins werden mit Deinem Sohne Jesus Christus, unserm Heiland, daß Du, Vater, wohnest in dieser Gemeinde und sie bleibe in Dir, und sie sich lieb haben unter einander als ächte Jünger Christi. Segne Du selbst dazu die Arbeit der künftigen Lehrer; rüste sie mit Kraft und Rath, mit Weisheit und Muth aus, Dein Evangelium rein und unverfälscht, ohne Menschenfurcht und Menschengefälligkeit zu verkündigen, und die Gemeinde also zu weiden, daß die Ungezogenen gestraft, die Kleinmüthigen gestärkt, die Schwachen gepflegt werden, daß Dein Reich komme mit seinem Geist und Leben. Du willst ja, daß allen Menschen geholfen werde, und darum gebietest Du Keinem von uns Etwas, was nicht gut ist - aber der Menschen Viele streiten in thörichtem Eigendünkel wider Deinen guten Willen, bis sie Dir sich unterwerfen müssen mit Schrecken und Verdammniß. Guter Vater, nicht also gehe es in dieser Gemeinde - wie im Himmel oben, mit willigem freudigem Herzen, zum ewigen Segen geschehe unter ihr Dein Wille; rüste Du selbst Dir Diener aus unter ihnen, die nichts Köstlicheres kennen, als Deine Gebote zu halten, und mit dem, was Du ihnen gegeben hast, ihren Mitmenschen zu dienen in Liebe und Wohlthun; regiere das Herz und Leben unsers Königs, Deines Knechts, erfülle mit Deiner Furcht und Liebe alle Obrigkeit und Vorgesetzten, daß wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Gieb, reicher Vater, auch ferner Jedem, was er bedarf: Du weißt es, wie viel ihm gut ist; gieb Jedem sein tägliches Brod; pflanze und mehre Fleiß und redliche Arbeit in der Gemeinde; erlöse die Herzen von Geiz, Vergnügungssucht, Betrug und ungerechter Gewinnsucht, damit Keiner sein Brod dahin nehme ohne Gebet, und Dein Segen einkehren könne in alle Haushaltungen; öffne die Herzen der Reichen zur brüderlichen Liebe, versorge die Armen, sey ein Vater der Waisen, Richter und Schirmherr der Wittwen! erquicke mit Deinem himmlischen Gnadenschatze alle Betagte, Kranke, Verlassene, Alle, die nach Dir seufzen und rufen! Herr, Herr Gott! barmherzig und gnädig und von großer Gnad und Treue, Du kennest uns Alle, weißt all' unser Thun von Anfang an bis hieher - vergieb uns unsre Schulden, und hilf uns vergeben unsern Schuldigern; vergieb die Sünden, die in dieser Kirche, in der Schule, in Ehen und Familien, im Handel und Wandel, an Sonn- und Werktagen, bei Tag und Nacht begangen worden sind. HErr, wie viele Kläger, wie viele Verdammer - o wecke Alle, Alle noch zur aufrichtigen Buße, daß sie Versöhnung suchen bei Deinem Sohne und Heiligung bei Deinem Wort und heiligen Geist, daß die Verirrten umkehren zum Hirten und Bischof ihrer Seele. Wo noch Streit und Haß ist, wo noch ein Bruder wider den andern, ein Ehegatte gegen den andern Etwas hat: großer Heiland, der Du ja die Feindschaft getödtet hast an Deinem Kreuze, mache heute bei Allen noch einen Versöhnungstag, daß der Beleidiger um Verzeihung bittet, der Beleidigte wieder liebreich aufnimmt, und Beide mit Vorsicht wandeln fortan, mit Geduld einander tragen, mit Eifer und Ernst sich selbst richten und bessern. Du Hüter aller Menschenkinder, laß die Güter, mit denen Du uns segnest, nicht eine Versuchung zum gottvergessenen Leichtsinn uns werden, die Leiden, die Du sendest, nicht eine Versuchung zum Unglauben, Verzagen und Trotzen - hilf, daß wir Beides annehmen und gebrauchen als Zeichen Deiner Liebe, als Mittel unsrer himmlischen Erziehung. Du Erlöser der Menschheit, nimm weg, was vom Uebel ist: erlöse die Seelen von ihrem inwendigen Schaden und Gewissensschmerz, den keine Welt kann lösen; schaffe hinaus aus der Gemeinde das Sündenübel und alles Aergerniß; heile die verwundeten Herzen mit Deinem Lebenswort; verwandle alle Lasten in Seelengewinn; führe Dein Volk durch Kampf und alle Noth hindurch zu jener Ruhe, die Du von Anbeginn der Welt bereitet hast.

Gerechter Vater! die Welt kennet Dich nicht - laß aber diese Gemeinde immer reicher werden an Deiner Erkenntniß, daß die Liebe, die Du der Welt erzeigen willst in Jesu Christo, sey in ihnen, und sie Alle Dich erfahren als das Licht, das Leben und die Gnade. O Du treuer Hüter, der Du wachest, und schlummerst nie - sei Du selbst der Seelenhirte deren, die Du bisher mir anvertrautest: suche die Verlorenen, weide die Gewonnenen, stärke alle Herzen, unsträflich zu sein in der Heiligung vor Dir! Ja treuer Gott, der Du hörest, die im Glauben Dich anrufen, drücke Du selbst das Siegel auf unser Gebet: wohne in der Gemeinde Deines Sohnes mit Deiner Herrschergewalt, die da spricht und es geschieht; mit Deiner Schöpfer-Kraft, die Alles trägt und wirkt; mit Deiner Vergeltungs-Herrlichkeit, die da reich ist, einem Jeden zu geben nach seinen Werken. Ja Dein ist das Reich, die Kraft, die Herrlichkeit. Amen.

Zum Beschluß, Geliebte, empfahet den Segen im Namen dessen, der sein Volk zu segnen befohlen hat: der Gott aller Gnade, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu, derselbige vollbereite, stärke, kräftige, gründe euch in aller Lehre und Werken des Glaubens! Seine Gnade tröste eure Herzen im Leiden, heilige euch im Glücke, verkläre euch im Sterben, und helfe euch aus zu seinem ewigen Reiche. Amen.

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autoren/b/beck_jt/beck_rede_abschiedsrede.txt · Zuletzt geändert: von aj