Beck, Johann Tobias - 26. Beichtrede für Studierende gehalten.

Beck, Johann Tobias - 26. Beichtrede für Studierende gehalten.

Tübingen den 2. Dezb. 1848,

Es liegt in uns Allen ein tiefer Drang nach Licht, nach einer Welt des Lebens und der Wahrheit; daher geschieht's, daß Verse, wie die eben gesungenen1)), Herzen aller Art in die Höhe heben; Worte von einer im Geist gesehenen Pracht der Unsichtbarkeit, von einem Schöpfer der Geister, von einem Thron der Allmacht, strahlend im Licht und umgeben von hellen Thronen, von einer Stadt Gottes und ihren goldenen Gassen, - solche Worte haben einen Reiz selbst für die, die an die Sache nicht glauben; sie ergötzen sich wenigstens an den Worten, greifen nach ihnen und ähnlichen, um in ihr alltägliches Dichten und Trachten oder in ihr müdes Leben einen augenblicklichen Aufschwung zu bringen, um wenigstens die Reize der Dichtung, den Schmuck einer höheren Färbung darüber auszubreiten. So unverlierbar tief liegt im Menschenherzen der Drang nach einem höheren, schöneren Licht, als das Licht dieser Welt ist, die Hinweisung in eine Welt, wo das Wahrheit ist, was hier nur Dichtung ist, und darum faßt das Evangelium eben hieran uns an, um uns zu retten aus dem Tod der Eitelkeiten in's Leben der Wahrheit. Aber wie leicht und wie lange begnügen wir uns mit der bloßen Dichtung, um den Ernst der Wahrheit nicht schmecken zu müssen! treiben ein Spiel mit den Worten, und um die Sache betrügen wir uns nicht nur, sondern verfeinden uns sogar mit ihr! wir gelangen nicht in's Wahre und werden selbst unwahr; wir wandeln nicht im Lichte, dessen Schönheit uns reizt, uno werden selbst finster. Und warum das? Weil zwischen uns und der Wahrheit eine Scheidewand steht, die erst durchbrochen werden muß, um in das Licht der Wahrheit wahrhaft und wirklich zu gelangen; diese Scheidewand ist unsere Sünde, die Sünde, die wir in uns wohnen haben, als eine unzerstörbare Lust und Last des Bösen, und die Sünde, die wir thun nicht bloß in der Schwäche des Fleisches, sondern auch in der trotzigen Selbsterhebung und Selbstverblendung der Vernunft. Unser Herz und Leben ist ein Widerspruch mit den Gesetzen der Wahrheit, will ihr Joch, ihre Zucht, ihre Schranken nicht tragen, sondern nur ihren Glanz und ihre Hoheit, ihre Borrechte und Güter an sich reißen - das nennen wir unsere Selbstständigkeit und Freiheit, ist aber eben unser Abfall von der Wahrheit, unsere Gesetzlosigkeit, unsere Schuld, die uns als falsche, lügnerische Wesen vom Gott der Wahrheit, vom Reich der Wahrheit scheidet, und uns an den Schein, an den Tod und die Finsterniß der Lüge kettet. Die Sünde ist uns an's Herz gewachsen, ist eine Wirklichkeit, die nach unserm innersten Bewußtseyn nicht sein sollte, die aber durch keine bloße Dichtung weggeräumt wird - dafür streiten wir so lange, so heftig mit der Zucht der Wahrheit, die uns die Dichtung mit ihrem Schein immer wieder zerstört und die Sünde uns vom Herzen reißen will.

Da liegt nun der Scheidepunkt zwischen uns und der Wahrheit für immer und ewig, oder der Bereinigungspunkt; darin liegt's, wie wir es halten mit unserer Sünde. Sind wir hier nicht wahr, so wird uns der Höchste, das Wesen der Wesen nicht zur Wahrheit, sondern zur bloßen Dichtung, ja zur Lüge: sind wir hier wahr, so wird uns die Wahrheit zur Rettung von der Sünde, zum reinigenden Licht.

„So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. So wir aber unsere Sünde bekennen, so ist Er treu und gerecht, daß Er uns die Sünde vergibt und reiniget uns von aller Untugend. So wir sagen, wir haben nicht gesündiget: so machen wir Ihn zum Lügner, und Sein Wort ist nicht in uns.“ (1 Joh. 1, 8-10.)

In allem unsrem Leben macht uns die Sünde zu schaffen, auch wo wir sie nicht erkennen, nichts nach ihr fragen wollen; es gibt eine verborgene, unwillkürliche Sünden-Erkenntniß, ein geheimes Schuldbewußtseyn in jedem Menschen, und indem wir das nicht an uns kommen lassen wollen, und keinen Weg finden, im Wege des Rechts davon los zu werden: nöthigt es uns zu Unglauben, zu Trotz, zu Leichtsinn, zu Verstellung, zu allen den künstlichen Um- und Abwegen, wodurch die Sünde immer mächtiger über uns wird, wir immer mehr verschlossen und verriegelt werden in ihren Bann - so muß laut und augenscheinlich unser Leben, unser Seyn und Thun zusammen zeugen mit jenem geheimen Schuld-Zeugniß, damit es uns doppelt schwer werde, wider den Stachel der Wahrheit zu lecken, und wir der Wahrheit endlich die Ehre geben. Aber das Menschenherz ist einer solchen Hartnäckigkeit fähig, daß wir auch durch jenes zwiefache Zeugniß, durch das von innen und außen uns aufgenöthigte Wissen von unserer Sünde, doch oft zu keinem Bekennen zu bringen sind. Wir wissen's, im tiefsten Grund unserer Seele ruft es: wir haben Sünde, ihre böse Lust treibt sie um durch alle unsere Sinne und Glieder, mischt sie ein in all unser Dichten und Trachten, lähmt und verderbt uns damit unsere besten Gedanken und Werke, und das Schuldurtheil darüber belästigt uns, so oft wir in uns selber wollen einkehren, und läßt uns außer uns in Leid und Freud nicht zur Ruhe kommen; wir wissen's unleugbar: wir sind innerlich unreine und schuldbeladene Wesen; und doch wie schwer hält's, daß wir es auch glauben und gestehen! Wie können wir Gott gegenüber, uns selbst gegenüber, Andern gegenüber so rein und unschuldig thun, in Gedanken, Worten und Werken thun, als hätten wir keine Versuchung und keine Verantwortung zu fürchten, als hätte das Leben keine Seelen-Gefahren für uns und der Tod keine Gerichts-Schrecken, als hätten wir vor der Heiligkeit Gottes unser Recht nicht verwirkt, und könnten unsere Vollendung selbst bewirken, als könnten wir die volle Wahrheit, Tugend und Seligkeit aus uns selbst schöpfen, und bedürften keines Vaters und Mittlers vom Himmel herab, nicht Gesetz und Gnade aus Gott, nicht Lehre und Strafe, Buße und Glauben, Reinigung und Erlösung von oben. Indem wir nun so rein und unschuldig thun, sagen wir eben: wir haben keine Sünde, und verführen damit uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns; wir bereden uns gegen besser Wissen und Gewissen, und beschädigen uns an dem noch übrigen Licht und Lebenskern unserer Natur; unsere Sünde wird eine Befleckung des Geistes, und unsere Fähigkeit für die Licht-Gemeinschaft Gottes läuft Gefahr, zu ersterben.

Denn wir werden noch weiter geführt in der Verleugnung der Wahrheit, wenn wir die Sünde, die in uns wohnt, verleugnen - wir leugnen mehr und mehr auch die Sünde, die wir thun, und auch das gegen unser Wissen. Wir wissen's wohl, jeder Tag unseres Lebens rückt es uns unter die Augen: wir haben gesündigt; wir sind keine Stunde unseres Lebens, wie wir sein sollten, wie wir uns zu sein stellen, weil wir wissen, daß wir so sein sollten; wir reden und handeln nicht nach dem Bild des Lebens, das in uns liegt, und das eine solche Gewalt über uns hat, daß wir nie völlig, nie geradeaus mit unserem Reden und Handeln innerlich zufrieden sein können, daß wir so oft uns innerlich beschämt fühlen und Mühe haben, es zu verdecken; wir sehen es unsern Werken an, es spricht aus unsern Worten heraus, wir fühlen es unsrem ganzen Wesen ab, daß wir eigenliebig, hoffärtig, wollüstig sind, neiden, hassen, uns selbst rächen, heucheln, daß wir vor Gott, vor uns selbst, vor Andern der Wahrheit, der Liebe, dem Recht nicht nachkommen, Abbruch thun, ein Mäntelchen umhängen, und das verwickelt uns in eine Menge innerer und äußerer Verlegenheiten, die uns nur die Wahl lassen, entweder zu gestehen, wir haben unwahr, lieblos, ungerecht gehandelt, wir haben gesündigt, oder durch neue Beeinträchtigungen der Wahrheit, der Liebe und des Rechts uns zu helfen zu suchen. Das Alles wissen wir unleugbar, erfahren wir hundertfältig, und doch wie schwer hält's, daß wir es auch glauben und gestehen, daß wir sagen: wir haben gesündigt; wie raffen wir Entschuldigungen zusammen, spitzfindig und doch kurzsichtig, mühsam und doch leichtsinnig, scheinbar froh und doch innerlich geschlagen, Entschuldigungen aus der vorgeblichen Noth oder Gelegenheit, aus der Vergleichung mit Andern, aus den äußern Verhältnissen, unsern Trieben und Neigungen, unsern Absichten und Erfolgen, Alles um aus Schuld Unschuld zu machen, aus Bösem etwas Gutes, aus dem, Schein eine Wahrheit, und wenn Nichts mehr sonst hilft, aus der Sünde eine verzeihliche Schwäche, eine natürliche Unvollkommenheit, eine gleichgiltige Kleinigkeit, oder eine von selbst sich lösende Verwicklung. Indem wir so denken, so reden, so handeln, sagen wir: wir haben nicht gesündigt; und darin sind wir nicht nur Lügner, sondern wir machen Gott zum Lügner, haben Sein Wort nicht in uns und lassen es nicht ein in uns; denn unsrer eingebildeten Gerechtigkeit und Unschuld zu Schutz und Trutz müssen wir alle die Wahrheiten verdrehen und wegschaffen, mit denen Er sich uns entgegenstellt in der ganzen Schöpfung, in unserm Gewissen, unsern Lebens-Erfahrungen und in Seinen Bundes-Zeugnissen, sich als Gesetzgeber, Erlöser und Richter entgegenstellt unserm eigenliebigen Wahn, als wären wir nicht in That und Wesen Sünder an der Majestät seines Gesetzes, die vor Allem Buße schuldig sind, Sünder, die für immer und ewig es verlieren müssen in der Wahrheit Seines Gerichtes, und nur Einen Weg der Rettung vor sich haben, die Erlösung durch denselben Gott, von dem alles Gesetz in der Welt ausgeht und dem alle Sünde in der Welt entgegengeht.

Also daran, wie wir uns zu unserer Sünde stellen, daran entscheidet sich unser ganzes Verhältniß zum Gott der Wahrheit und zum ganzen Reich der Wahrheit; umgehen wir die Wahrheit an unserer Sünde, so ist jeder Weg und jedes Mittel umsonst, in die Wahrheit einzudringen; wir behalten unsre Sünde und die Sünde behält uns - es ist ein ungelöster ewiger Bann, und daneben geht unaufhaltsam eine Scheidung vor: wir lassen die Wahrheit und die Wahrheit läßt uns, die Wahrheit, wie sie uns im Herzen ist, und in Allem ist, und wie sie über Allem auf dem Thron ist. Indem wir sagen, wir haben keine Sünde - wir haben nicht gesündigt: kehren wir alle die Gottestreue und Gerechtigkeit, wie sie siehet auf Wahrheit und zur Wahrheit, die kehren wir wider uns. Dagegen, „so wir unsre Sünde bekennen,“ damit geht das ganze Reich der Wahrheit uns auf, denn im Bekennen schlägt die Wahrheit die Luge in uns auf das Haupt; da ist der Gott der Wahrheit treu und gerecht für uns, nicht wider uns, denn in dem Bekenntniß treten wir gegen uns selbst für Gott auf; da scheidet sich in uns das Licht von der Finsterniß und wir scheiden uns von unsrer Sünde, stellen uns aus der Finsterniß in das Licht, gleichwie Gott im Lichte ist, und damit haben wir und Gott in wirklicher Wahrheit Gemeinschaft mit einander, und auf Grund dieser Gemeinschaft tritt nun der auf's Blut Jesu Christi gestellte Versöhnungsbund mit aller Seiner Treue der göttlichen Wahrheit und allen Seinen Rechten für uns ein wider alle unsre Sünden, mit Seiner Vergebungskraft wider die Sünde, die wir gethan haben, mit Seiner Reinigungskraft wider die Sünde, die wir in uns haben. Da wird Alles an Gott, was uns in und unter der Sünde kalt läßt, uns abschreckend, niederschlagend und zuwider ist. es wird uns anziehend, tröstlich und erhebend, denn es ist für uns, auf unsrer Seite, weil wir auf Seiten Gottes sind, und indem wir Ihn im Sohne haben, haben wir die ganze Vatertreue und Liebesgerechtigkeit, das ganze Licht- und Wahrheitsleben uns offen stehend, das Vater und Sohn verbindet. Darum, was wir von der Sünde wissen und immer wieder zu erfahren bekommen, das diene uns immer nur dazu, das Wissen und Erfahren der Gnade in uns zu erneuern, indem wir es durch Buße in's Licht der göttlichen Wahrheit stellen und eben damit in die Treue und Gerechtigkeit Gottes hineinstellen, die im eigenen Sohn sich Allen schenkt, die ans der Wahrheit sind; was wir thun von der Sünde und leiden von der Sünde, dürfen und sollen wir bekennen dem Treuen und Gerechten, der uns als Vater und Heiland sich gibt, sobald wir uns Ihm geben als das, was wir sind, als von Ihm abgekommene, aber Ihn suchende Kinder und Sünder. Dann löst sich der Bann immer wieder in Gottes Vergebung, und die Befleckung scheidet sich aus in seiner Reinigung; das Blut Jesu Christi, in der Opferkraft des heiligen Geistes dargebracht für alle Befleckung des Fleisches und des Geistes, wird in der Wirkung des Geistes der Wahrheit kräftig an unsern Seelen, und reinigt uns von aller Sünde zu Dienst dem lebendigen Gott; wir stehen nun unter dem Testament Gottes, das die Sünder auf Erden in das Erbe der Heiligen im Licht wieder einsetzt, und wir haben den Eingang in dieß Heiligthum, es öffnet sich uns die Welt der Wahrheit als die wahre Welt über dieser Scheinwelt, wir kommen zu der Stadt des lebendigen Gottes, zum himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler tausend Engel und zu der Gemeine der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind; wir empfahen ein unbeweglich Reich, das uns bleibt, wenn das Bewegliche dieser Zeit geändert wird.

Wohlan, wir wollen bekennen nach Treue und Recht unsre Untreue und Ungerechtigkeit, damit sich Gott in Vatertreue und Heilands-Gerechtigkeit zu uns bekennen kann. (Beichte. Gebet.)

Der Geist Gottes erforschet alle Dinge und weiß, was des Geistes Sinn ist in euch Allen. Euch, die von Herzen zu solchem Bekenntniß und Gebet Amen sagen, verkündige ich kraft des Amtes, das im Namen Jesu Christi Buße und Versöhnung zu predigen hat, Vergebung aller eurer Sünden im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

1)
Aus dem Liede: „Ich hab' von ferne, Herr, deinen Thron erblickt“ (Württemb. Gesangbuch Nr. 650
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autoren/b/beck_jt/beck_beichtrederede_26.txt · Zuletzt geändert: von aj