Beck, Johann Tobias - 25. Beichtrede für Studierende gehalten.

Beck, Johann Tobias - 25. Beichtrede für Studierende gehalten.

Tübingen, den 24. Juni 1848,

Gebet aus Ps. 139. Zwei Wege hat der Mensch vor sich,
HErr den schmalen führe mich!

So denken alle redlichen Seelen, die im Gewirre der Welt die feste Urordnung Gottes im Reiche der Natur und des Geistes nicht verlieren, es beherzigen, wie im bunten Gemisch einer mit Gott zerfallenen Welt Alles zu zwei und zwei zusammengeordnet ist, daß immer Eins wider das Andre ist (Sir. 33,15f.), Licht gegen Finsterniß, Tag gegen Nacht, oben gegen unten, rechts gegen links, das Leben gegen den Tod, das Gute wider das Böse, der Christ gegen Belial, der heilige Geist wider den Irrgeist, und daß in der Mitte zwischen diesen unverkennbaren und unverrückbaren Unterscheidungen der göttlichen Weisheit und Heiligkeit nur der hohle Schein und leere Trug, das Zwitterhafte, das Unreine, das ekelhaft Laue, das Phantastische und Wahnsinnige sein kurzes, vergängliches Spiel treibt. Das muß man sich immer wieder einprägen, wenn man nicht sein Bestes verlieren will in dieser Zeit, welche das Entgegengesetzteste vereinen und vermischen will und darüber das zerstreut und zerstört, was Gott zusammengefüget hat, was die Erde mit dem Himmel verbindet, die Menschen mit ihrem Schöpfer und Heiland, die Kinder und Schüler mit den Eltern und Lehrern, das Volk mit den Regenten. Alle diese Bande der göttlichen Ordnung lösen sich unaufhaltsam unter den Händen der Menschen auf, wenn diese jene Unterscheidungen und Abscheidungen der göttlichen Ordnung nicht heilig halten; und so auch wenn wir den Leib des HErrn nicht unterscheiden, löst sich das Band mit dem HErrn, und es tritt Gericht an die Stelle der Gnade. Gleichgiltigkeit gegen die von Gott gesetzten Unterschiede ist immer der Anfang und Uebergang zur Entheiligung des Heiligen und zur Heiligsprechung, Verehrung und Rechtfertigung des Unheiligen; und für diese Gleichgiltigkeit gegen das, was Gott geschieden hat, arbeitet der Irrgeist in unsrer Zeit mit allerlei verführerischen Worten, vor welchen als vergeblichen die heilige Schrift längst schon gewarnet hat. Dahin gehört eben auch, daß nicht Ein Weg nur der Weg der Wahrheit und des Heiles sein soll, sondern viele Wege sollen zur Wahrheit und Seligkeit führen. Der HErr aber kennt nur zwei Wege, wovon nur Einer recht führt, in's Leben hinauf, der andere irre führt, in's Verderben hinab: entweder du thust den Willen Gottes, oder du thust ihn nicht, ob du auch HErr HErr sagest; entweder ein guter oder ein fauler Baum bist du; entweder Gutes bringst du hervor aus dem Schatze deines Herzens oder Böses; entweder auf den Fels baust du oder auf den Sand, entweder Gold, Silber, Edelstein auf den guten Grund, oder Holz, Heu, Stoppeln. Das Gute und Böse, welches auf beiden Wegen liegt, das Thun oder Nichtthun desselben breitet sich allerdings aus in mancherlei Abstufungen und Abarten; aber wie der Wege nur zwei sind für den Menschen, gibt es auch nur zwei Gattungen von Menschen und menschlichen Handlungen, je nachdem das Herz, der Geist und Sinn derselben ist; denn darnach ist ihr Grund und ihr Ziel bös oder gut. Bei diesem ernsthaften Anblick müssen wir unsere Gewissen festhalten, so schwer es auch heutzutage oft wird; was diese Einfalt auf Gott und Christus uns verrückt, ist „lauter leidiges Geschäft falscher Propheten; dagegen ist es die größte Liebe und Treue, was uns dabei festhält.“ Nur durch die rechte Unterscheidung zwischen den zwei mit einander unvereinbaren Wegen kommen wir auch zur rechten Entscheidung; und weil wir im Ersten, im Unterscheiden, heutzutage so nachlässig oder nachgiebig sind, sind wir auch im Zweiten, im Entscheiden, so schwach und zögernd.

Wenn der HErr (Matth. 19,21.) sagt: „willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach;“ und wenn Petrus (V. 27.) dazu sagen kann: „siehe, wir haben Alles verlassen und sind Dir nachgefolgt“ - wie sticht auch hiegegen das Sagen und Thun in der heutigen Christenheit ab. Da ist's Vollkommenheit, Alles mit einander zu vereinigen und Nichts zu verlassen; man will sich nicht entscheiden zwischen dem alten, väterlichen Gut und Wandel und zwischen dem neuen Weg und seinem Erbe. Was aber von den Reichen an Vermögen gilt, gilt auch von den Reichen an Geist und Ehre im Sinne dieser Welt - auch die Männer der Wissenschaft, die Gelehrten und Hochstehenden wollen, wie die Männer des Geldes, allen ihren Ballast von Schätzen durch die enge Pforte mitnehmen und nicht zu den Armen heruntersteigen, um dem HErrn nachzufolgen. Man denkt, um Christ zu werden und zu sein, nicht daran, die alte Habe zu sichten, sogenannte wissenschaftliche Bestrebungen und Ansichten, Glanz des Wissens und der Bildung, weltliche Standesvorzüge u. dergl. vermeintliche Schätze aufzugeben, um den Einen Schatz im Himmel zu gewinnen, und mit demselben Alles, was man dort umsonst sich verspricht, mit der Zeit vollkommen zu gewinnen; man bildet sich ein, einer Kunst Meister zu sein, von welcher wir bei dem HErrn und Seinen Aposteln keine Ahnung finden, der Kunst, daß man mitten in seiner Habe sitzen bleibe und doch in's Himmelreich eingehe; was bei den Menschen unmöglich, bei Gott Ungebühr ist, soll da möglich und recht sein, wird aber nie Wirklichkeit und Wahrheit, sondern ist Seelen-Betrug. Da wird immerdar gelernt, und je mehr man lernt, um so weniger kann man die Wahrheit und die Kraft Gottes erkennen; man ist begierig nach dem Höchsten, und erlangt das Nächste nicht; man lauft und rennt, und hat nichts Gewisses vor sich und hinter sich; man streitet und kämpft, und thut Luftstreiche; man möchte auch wohl selig werden, und findet die Pforte nicht, weil die wahre Pforte zu eng däucht, ein engherziges, gar zu kleinliches, von Geist und Glanz und Größe verlassenes Wesen däucht. Dagegen die redlichen Jüngerseelen, die in ihrer Armuth thun, was den Reichen fehlt, die verlassen, was sie haben, und folgen Ihm, der hat, was die Aermsten und Reichsten der Welt nicht haben, - die fragen nicht umsonst: was wird uns dafür? Garnichts zu werden und Nichts zu bekommen, muthet die göttliche Liebe ihren Freunden nicht zu; denn für Nichts und wider Nichts hat sie nicht Menschen erschaffen, will sie nicht Menschen erlösen und heiligen, sondern daß sie Etwas feien zum Lobe der göttlichen Herrlichkeit, daß diese sich spiegelt in ihnen und sie vollendet werden in die Fülle Gottes.

Wir müssen, wenn wir im Sinne der Ewigkeit und Herrlichkeit Gottes Etwas werden sollen, Gottespflanzen werden, eben daher aus dem alten Boden der Eitelkeit uns verpflanzen lassen in den Boden der göttlichen Wahrheit. Aber wenn auch die Versetzung in das neue Land schon geschehen ist, so gilt es nicht voreilig die niedrigen Stufen des Wachsthums überspringen, nicht das Beste und Höchste übereilen zu wollen. Wie man vor der Versetzung nicht säumig und verzögernd sein soll mit dem, was zwischen Altem und Neuem entscheidet, wie Man da das Heute, da man Gottes Stimme hört, nicht auf morgen und übermorgen hinausschieben darf, um nicht verstockt zu werden: so wenn dann im Glauben das gehörte Wort mit dem Herzen sich vermählt hat, darf man nicht das Morgen zum Heute machen, nicht die Entwicklungsordnung des neuen Lebenssamens überstürzen wollen. Was ächte Gottespflanzung ist und bleiben soll, wurzelt erst unter sich, ehe es grünt und blüht und Frucht trägt (2 Kön. 19,30. Jes. 27,6.); dagegen fehlt den Neubekehrten, der menschlichen Lehr- und Lernweise so oft die Geduld und Stille zum Untersichwurzeln, und es soll gleich in Früchte schießen. Statt die empfangene Wahrheit still im Herzen erst zu pflegen und zu bewegen, zu verarbeiten oder einzuüben bei sich selber, und so von einer Wahrheit in die andere zu gelangen, will man bälder als bald nach außen wirken, für's Reich Gottes, wie man sich ausdrückt, arbeiten, und aller Wahrheiten Meister sein. Kommt dann seiner Zeit eine Anfechtung, die bis an die Wurzel dringt, so zeigt es sich, daß das üppige Gewächs nicht Wurzel hat; es schien Wurzel, Wachsthum und Frucht der Gottseligkeit mit einander da zu sein, der Mund ist Ruhmes voll davon; aber die Gottseligkeit war doch nicht in die Nieren gedrungen, wo Reines und Unreines sich von einander scheiden durch den, der die Nieren prüft (Jer. 12,2. vgl. 11,20.). Mangel an Lauterkeit und Mangel an Gründlichkeit lassen alles noch so gottselige Treiben und Wirken zu keiner Kraft kommen. Den gefundenen Schatz immer wieder bergen, bewahren und bewegen im seinen, guten Herzen; beten im Verborgenen und fasten im Verborgenen; mit dem verborgenen Menschen des Herzens unverrückt dem Geistesgeschäft obliegen - das preist die heilige Schrift als den köstlichen Weg, auf welchem ächte Frucht und Erbauung gedeiht von selbst; im Gegentheil, wie Rieger (Predigten S. 397.) sich ausdrückt, durch die verführerischen Absichten auf Menschen, durch die Begierde, den ausgegangenen neuen Sinn ihnen in's Gesicht zu richten, wird Alles so locker, so obenhin, so herumflatternd werden, daß es die nächste Hitze der Anfechtung zum Verdorren bringen, der nächste Wind es wegnehmen könnte.

Die Frucht aller Früchte, das Werk aller Werke, und der Genuß aller Genüsse ist, daß ich den HErrn habe, den Gottmenschen, welcher ist Geist und Leben, geoffenbart im Fleisch. Ihn empfangen als das nahrreiche Brod und den geistreichen Trank im wesenhaften Sinn, nicht im Schattenwerk des eitlen, irdischen Bildes, Ihn empfangen und haben: darin ruht der ganze Gnadenstand und Gnadengang von A bis O; damit trage ich das große Gottesgeheimniß in mir, wodurch ein sündiger Mensch Ein Geist ist und wird mit dem Ebenbild Gottes und dem Urbild der Menschheit, um auch seines Leibes Glied zu werden von seinem Fleisch und seinem Gebein.

Aber das ist nicht ein Wort für das eitle, stolze Selbstgefühl, das aus dem eigenen Busen den Gott hervorziehen will, statt den Sünder darin zu erkennen und zum Opfer zu bringen Dem, der den Sünder zu sich ruft, um sich Ihm zu schenken und mit sich den Geist und das Leben aus Gott. Daß das geschehen könne, ist durch die tiefste Selbsterniedrigung des Sohnes Gottes erworben worden, und wird auch nur durch Selbsterniedrigung von uns empfangen. In diesem Sinn, Geliebte, stellet euch nun, um euch der Gnade des göttlichen Mahles theilhaftig zu machen, in das helle, untrügliche Licht der göttlichen Wahrheit. (Liturgie.)

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