Baur, Gustav - Was gehört zum Glauben an Christum?

Baur, Gustav - Was gehört zum Glauben an Christum?

Am 22. Sonnt. n. Trinitatis.

So wir sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Friede mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christ, und rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringet, Geduld aber bringet Erfahrung, Erfahrung aber dringet Hoffnung; Hoffnung aber lässet nicht zu Schanden werden. - Amen.

Unser heutiger Text, meine lieben Freunde, stellt uns wieder unsern Herrn und Heiland dar, wie er lehrend und helfend in dem heiligen Lande herumzog, um durch Worte und Werke die Herzen vorzubereiten auf das himmlische Reich, zu dessen Begründung der Vater ihn gesandt hatte. Nachdem er zum erstenmal nach seinem öffentlichen Auftreten Jerusalem besucht, hatte er mit seinen Jüngern sein Wesen im jüdischen Lande und machte mehr Jünger und taufte mehr, denn Johannes. Das machte bei den Pharisäern ein für ihn gefährliches Aufsehen, und weil seine Stunde noch nicht gekommen war, so entzog er sich ihren Verfolgungen. Durch Samarien, wo er am Jacobsbrunnen bei Sichar jenes wunderbare Gespräch mit der Samariterin hatte, infolge dessen viele Samariter gläubig wurden, kehrte er in seine galiläische Heimath zurück; und so finden wir ihn in unserem Texte wieder in Cana, wo er sein erstes Wunder verrichtet hatte. Aus Anlaß der Erzählung von Jesu Rückkehr in seine Heimath führt nun der Evangelist Johannes wenige Verse vor unserm Texte den Ausspruch des Herrn an, daß der Prophet in seinem Vaterlande nichts gelte. Es erinnert aber dieser Ausspruch daran, wie die Gewohnheit uns Menschen vermöge der natürlichen Trägheit unseres Geistes auch gegen das Außerordentlichste gleichgültig macht; wie denn die Landsleute Jesu, in welchem ihnen die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater entgegentrat, den Eindruck seiner gewaltigen Predigt bei sich selbst verwischten durch die Fragen (Matth. 13, 54 ff.): „Woher kommt diesem solche Weisheit und Thaten? Ist er nicht eines Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jacob und Joses und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das Alles?“ Und wie es dem Herrn damals in seinem Vaterlande gieng, so möchte ich sagen, geht es ihm jetzt da, wo er seine eigentliche Heimath hat finden wollen, in der Gemeinschaft derjenigen, welche zu ihm sich bekennen. Sein theures Wort, welches den Sündern Erlösung von ihrer Sünde und Versöhnung mit ihrem Gott verkündet, und welches, da es zuerst vernommen wurde, die nach Gerechtigkeit hungernden und dürstenden Seelen mit seliger Freude erfüllte: ach, wie ist es doch für so viele ein leerer Schall geworden! Seine Heilandsgestalt voll göttlicher Hoheit und voll göttlicher Freundlichkeit und Milde, die in unser seliges Kinderherz einst noch ihren Glanz hineinwarf, wie einen hellen und warmen Sonnenstrahl aus der überirdischen Welt; wie ist doch für viele unter uns dieser himmlische Glanz so traurig erblaßt! Und seine heilige Kraft, durch welche die Welt aus dem geistigen Tode zu neuem Leben wiedergeboren worden ist; wie wird sie doch, obgleich wir täglich und stündlich ihre heilsamen Wirkungen genießen, von vielen verkannt und verachtet, so daß sie lieber ihre Hülfe suchen bei menschlicher Weisheit und Kraft, die doch nicht helfen kann. Und darum, meine lieben Freunde, ist es so heilsam und nothwendig, daß wir immer und immer wieder zurückkehren zu unseren theuren Evangelien, damit wir erkennen, wie Christus allein m eine in die Knechtschaft der Sünde und in Gottverlassenheit versunkene Welt ein neues Leben hineingebracht hat; und damit uns zugleich deutlich werde, wie es auch heute noch aus der Nacht des Irrthums und aus dem geistigen Tode und aus aller uns bedrängenden Noth zur Wahrheit und zum wahren Leben und zu unvergänglicher Freude und ewigem Frieden in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott keinen andern Weg gibt, als Ihn, der uns von Gott selbst gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. Möge denn auch die Betrachtung unseres heutigen Evangeliums mit Gottes gnädiger Hülfe uns dazu dienlich sein!

Lied: 479, 3.

O du Glanz der Herrlichkeit,
Licht vom Licht, aus Gott geboren,
Mach' uns allesammt bereit,
Oeffne Herzen, Mund und Ohren
Unser Beten, Flehn und Singen
Laß, o Jesu, wohl gelingen,

Text: Joh. 4, 47-54.
Und es war ein Königischer, deß Sohn lag krank zu Capernaum. Dieser hörete, daß Jesus kam aus Judäa in Galiläam, und gieng hin zu ihm, und bat ihn, daß er hinab käme, und hülfe seinem Sohne; denn er war todtkrank. Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht, Der Königische sprach zu ihm: Herr, komm hinab, ehe denn, mein Kind stirbt. Jesus spricht zu ihm: Gehe hin, dein Sohn lebet, Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und gieng hin. Und indem er hinab gieng. begegneten ihm seine Knechte, und verkündigten ihm, und sprachen: Dein Kind lebet. Da forschte er von ihnen die Stunde, in welcher es besser mit ihm geworden war. Und sie sprachen zu ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, daß es um die Stunde wäre, in welcher Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebet. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause. Das ist nun das andere Zeichen, das Jesus that, da er aus Judäa in Galiläa kam.

„Und er glaubte mit seinem ganzen Hause“ -das, meine lieben Freunde, ist ein guter Schluß dieser Erzählung nach ihrem traurigen Anfange von dem todtkranken Sohn des Mannes, dem nun sein liebes Kind wiedergegeben ist und der darum gläubig wird mit seinem ganzen Hause. Zwischen jenem traurigen Anfang und diesem guten, seligen Schluß hat aber zugleich der Glaube, welcher uns aus dem Kreuz zum Heile hindurchführt, seinen Weg gemacht von seinen kleinsten Anfängen an bis zu seiner Vollendung. Was dieser Königische aus Capernaum gethan und erlebt hat, das gibt uns die Antwort auf die Frage: Was gehört zum Glauben an Christum? Es lautet aber diese Antwort erstens: Du mußt Christi Hülfe suchen; zweitens: Du mußt Christi Wort vertrauen; drittens: Du mußt Christi Heil erfahren.

I.

In Kana also, wo Jesus sein erstes Zeichen gethan, daß er das Wasser in Wein verwandelte, da verrichtete er auch dieses zweite Zeichen, daß er dem über das Leiden seines todtkranken Kindes tief bekümmerten Vaterherzen zuruft: „Dein Kind lebet!“ Und in diesen beiden Zeichen, meine geliebten Freunde, ist in der That die gesammte Art und Weise vorgebildet, wie der Herr seine Hülfe uns entgegenbringt, und wie er uns zugleich mahnt, seine Hülfe zu suchen. Er vermehrt den Besitz und erhöhet den wahren Genuß der Güter des Lebens, und er errettet uns aus der Noth des Lebens und verwandelt die Trauer unseres Herzens in selige Freude. Die Noth aber ist die kräftigste Mahnerin, die Hülfe zu suchen. Wenn wir das Leben da, wo das Christenthum auch nur äußere Anerkennung gefunden hat, mit dem tiefen Elend des Lebens der heidnischen Völker vergleichen, so muß ja freilich auch dem Verblendetsten klar werden, mit welch unschätzbaren geistigen Gütern Christus unser Leben bereichert und geschmückt hat, und wie unter ihrem Einflusse auch das äußere Leben zu einer besseren und freundlicheren Gestalt verklärt worden ist. Aber unser träges und übermüthiges Herz vergißt mitten in dem Genusse dieser Güter nur zu leicht, ihm den Dank darzubringen, welcher ihm gebührt, und seine Hülfe zu suchen, damit der Segen seiner Gnade uns immer vollständiger zu Theil werde. Wenn aber Noth und Kreuz in unser Haus einzieht und Angst und Trübsal in unser Herz, dann bewährt sich das Wort des Propheten (Joh. 26, 16): „Herr, wenn Trübsal da ist, so suchet man dich; wenn du sie züchtigest, so rufen sie ängstiglich.“ - So gieng es auch bei dem Manne in unserem Evangelium. Dieser Mann wohnte zu Capernaum, in der Stadt also, in welcher Jesus so viel gelebt und gelehrt und gewirkt hatte, daß sie, wie wir neulich gesehen haben, in dem Evangelium vorzugsweise seine Stadt genannt wird. Höchst wahrscheinlich also hatte jener Mensch Jesum schon gesehen und gehört, jedenfalls hatte er von ihm gehört. Gleichwohl glaubte er nicht an ihn. Und wenn wir sein Leben uns vergegenwärtigen und wenn wir uns erinnern, wie äußeres Glück den Menschen so leicht übermüthig und leichtsinnig machs, so werden wir uns über seinen Unglauben nicht einmal wundern. Dieser Mann war ja, wie unser Text sagt, „ein Königischer.“ Er war ein Beamter des Vierfürsten Herodes Antipas, welcher im Munde des Volks als ein König bezeichnet wurde.

Und dieser König ist uns ja wohlbekannt. Er war es, welcher seine rechtmäßige Gattin, eine Tochter des arabischen Königs Aretas, verstoßen und ein ehebrecherisches Bündniß mit .Herodias, 'dem Weibe seines Bruders, geschlossen hatte. Er war es, der durch ein in toller Weinlaune gegebenes Versprechen dem blutigen Haß dieses schändlichen Weibes Johannes den Täufer aufgeopfert hatte. Aber im Besitze seiner fürstlichen Macht und im betäubenden Genusse irdischer Güter und Freuden dachte er nicht an den, welcher ein König ist über alle Könige, und daß dem Menschen gesetzet ist, einmal zu sterben und darnach das Gericht. Tauchte auch das blutige Haupt Johannes des Täufers einmal aus dem Dunkel hervor und stellte sich ihm vor die Seele, so daß sein böses Gewissen ihn mit der Angst erfüllte, ei möchte der Hingemordete in Jesu von Nazareth wieder aufgestanden sein; so wurde das ernste Bild hinweggetrunken und hinweggelacht, damit nicht der finstere Gast das Leben in Herrlichkeit und Freuden störe, welches der König, gleich dem reichen Manne im Evangelium, alle Tage führen wollte. Und wie der Herr ist, so ist der Diener, zumal an solchen fürstlichen Höfen, wo von dem Winde, der oben weht, die Untergebenen sich wägen und wiegen lassen. Unser Mann ist ja bei seinem Herrn in Gnade, und erfreut sich infolge dessen reichen irdischen Gutes; und darum ist ihm zum Lachen was dieser Nazarener redet von einem Reiche, welches nicht von dieser Welt ist, und von unvergänglichen Schätzen im Himmel. - Aber siehe, da klopft an seine Thür ein gar ernster Bote, ein gar gewaltiger Prediger an, und dieser Prediger heißt der Tod. Es trifft diesen Königischen das Schwerste, was ein Vaterherz treffen kann: ein liebes Kind, sein Sohn wird ihm krank, todtkrank. Anfangs zwar macht ihn auch das noch nicht sehr unruhig. Er hat ja Geld, und für Geld kann man ja Alles haben. Aber ach, das Alles, Alles ist umsonst! Das arme Kind, wird kränker und kränker. Die kleinen Pulse stiegen, in den Augen flimmert ein unheimlicher Glanz und der Fittig des Todesengels peitscht das Blut in die glühenden Wangen. Der einst so heitere und in seinem Glücke so sichere Hof- und Weltmann aber sitzt nun am Bette seines Lieblings gebrochen, im dumpfen Schmerze trostloser Verzweiflung; und alle seine Glücksgüter kommen ihm armselig, ja fast verächtlich vor, da er in dieser tiefen Noth keine Hülfe bei ihm finden kann. Und wie nun so in dem bekümmerten Vaterherzen ein Gedanke den andern jagt, da klingt aus seinen innersten Tiefen ganz leise ein wunderbares Wort herauf, das er einmal vernommen hat: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Wer hat dieses Wort gesprochen? Ist es nicht dieser Jesus von Nazareth gewesen? Es heißt ja, daß er jetzt wieder von Judäa nach Galiläa zurückgekehrt sei, und die Leute sagen, daß er sein Wort durch Wunder und Zeichen bewährt und vielen Mühseligen und Beladenen geholfen habe. Da durchzuckt die Nacht seines Schmerzes auf einmal wie ein Blitz der Gedanke, sollte der nicht auch dir helfen können? Was Jesus selbst gesprochen und was er über Jesum gehört hatte, das hatte bisher nur das Ohr dieses Mannes berührt. Jetzt aber hat die Noth dem Herrn und seinem Worte sein Herz aufgeschlossen. Der Glaube an den Herrn beginnt sich in ihm zu regen mit dem Gedanken: Du mußt die Hülfe Jesu suchen! Und dem Gedanken folgt sogleich die That. Mühselig und beladen, wie er ist, will er zu ihm hin. In der Aufregung seines Herzens, in welchem Furcht und Hoffnung sich streiten, weiß er nicht, wie er über die vier Meilen Weges zwischen Kapernaum und Kana hinwegkommt. Endlich ist er da und bittet mit der ganzen Innigkeit, deren ein bekümmertes Elternherz nur fähig ist: „O Meister, komme doch hinab, und hilf du meinen Sohn; denn er ist todtkrank!“ - Und wie nun, meine lieben Brüder und Schwestern, hat es nicht aus der Erzählung von dem Schicksal und von dem Verhalten dieses Mannas zu dem Herzen eines Manchen von euch gesprochen: „Du bist der Mann?“ Müssen wir nicht alle uns verklagen, daß ungestörtes Glück uns nur zu leicht eine Versuchung wird, unseres Gottes zu vergessen? Und wiederum muß nicht Mancher von euch sagen: Ja, die Geschichte dieses Mannes von Kapernaum ist meine Geschichte? In der Noth habe auch ich meinen Gott erkennen und zu meinem Gott beten, habe ich die Hülfe bei meinem Heiland suchen gelernt? O, meine Lieben, wenn der gnädige Gott mit äußerem Glück uns segnet, so laßt uns ihn doch nicht durch Uebermuth und Leichtsinn zwingen, uns in die Zuchtschule der Noth zu nehmen; sondern laßt auch die Gaben seiner Huld uns eine Mahnung werden, mit dankbarem Herzen in ihm die Quelle alles wahren Glückes zu erkennen und zu suchen. Und wenn er uns Noth und Trübsal zuschickt, so laßt uns darin den Zug des Vaters zu dem Sohn hin nicht verkennen, sondern verlassen die löcherichten Brunnen, die doch kein Wasser geben können zur Erquickung unserer schmachtenden Seele, und laßt uns den Weg des Glaubens betreten, indem wir unsere Hülfe suchen bei dem, der uns trinken will mit dem Wasser des ewigen Lebens.

II.

Das also, daß wir die Hülfe Christi suchen, das wäre das Erste, was zum Glauben an Christum gehört. Aber auch auf das zweite Erforderniß des Glaubens weist das Beispiel des Vaters in unserem Evangelium uns hin: Du mußt auch dem Worte Christi vertrauen. - Die erste Antwort, welche Jesus dem bittenden Vater gibt, lautet nicht tröstlich und gnädig. Er spricht zu ihm: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht.“ Es ist das nicht die einzige Stelle der Evangelien, in welcher Jesus es ausspricht, daß er von dem äußerlichen Glauben, der nur auf seine Zeichen und Wunder sich stützt, nicht viel hält. Denn entweder gründet sich dieser Glaube auf Wunder, die an Anderen geschehen, und dann ist er gar oft nichts Anderes, als ein unfruchtbares Erstaunen über eine in das natürliche Leben eingreifende unbegreifliche, höhere Kraft, aus welchem ein innerliches Verhältniß zu dem Erlöser gar nicht hervorgeht; wie denn viele von denen, welche ihm um seiner Zeichen und Wunder willen zugefallen waren, zur Zeit der Verfolgung sofort wieder von ihm abfielen. Oder das Zeichen besteht in einer wunderbaren Hülfe, welche dem, der solchen äußerlichen Glauben hat, selbst zu Theil wird, und dann ist mit der Noth auch gar oft der Glaube vorbei, und der Gerettete bricht, gleich den nenn undankbaren Aussätzigen, jede Verbindung mit seinem Retter sofort wieder ab; wie es ja oft genug geschieht, daß Menschen im Drange der Noth ihrem Gott Alles geloben, wenn er nur dießmal noch sich ihrer erbarmen wolle, sobald aber die Noth vorüber ist, aller jener Gelübde schmählich und völlig vergessen. Der rechte Glaube dagegen stellt ein innerliches Verhältniß zu dem Erlöser, eine Seelengemeinschaft mit ihm her. Er ist, wie es im Briefe an die Hebräer heißt, eine gewisse Zuversicht deß, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet. Er ergreift die zukünftigen, unsichtbaren, himmlischen Güter, welche die Gnade Gottes uns in Christo aufgeschlossen hat, als wären sie gegenwärtig, und läßt sich die Freude an ihnen durch keine Noth dieser Zeit verkümmern und rauben. Er ist bereit, seinem Herrn und Erlöser nachzufolgen, und wenn er ihm auch sein Kreuz nachtragen muß, und er läßt sich durch keine Trübsal in dem unbedingten Vertrauen zu ihm erschüttern, sondern er spricht mit dem Psalmisten (73, 25. 26): „Herr, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und nach Erden; und ob mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.“ - Und in dem bei Jesu seine Hülfe suchenden Vater ist etwas von dem festen Vertrauen solchen rechtschaffenen Glaubens. Darum läßt er sich durch die scheinbar abweisende Antwort des Herrn nicht abschrecken. Er fühlt aus dem scheinbaren Nein dieser Antwort das tiefere Ja des Erlösers heraus. In guter Zuversicht wiederholt er mir dringender noch einmal seine Bitte: „Herr, komme hinab, ehe denn mein Kind stirbet!“ Und der Herr, der unser Herz kennet, läßt solches Vertrauen nicht zu Schanden werden, sondern er spricht zu ihm: „Gehe hin, dein Sohn lebet.“ Und siehe da, der Mann bittet jetzt nicht mehr, daß Jesus mit ihm hinabkommen und seinem Sohne helfen möge; sondern er glaubete dem Worte, das Jesus zu ihm sagte, und gieng hin; ergieng hin in dem festen Vertrauen, daß seine Bitte erhört sei. Und so muß es sein, Geliebte, so muß es sein bei uns allen! Haben wir erst im Glauben unsere Hülfe bei Christus suchen gelernt, so müssen wir nun auch das Weitere lernen, was zur Vollendung des Glaubens gehört, daß wir unbedingt auf sein Wort vertrauen. Mag er mit seiner Hülfe verziehen, mag er seine Hülfe in der Weise, wie unsere Kurzsichtigkeit sie wünscht und erfleht, uns versagen: wir müssen festhalten an seinem Worte, womit er alle Mühseligen und Beladenen einlädt, damit er sie erquicke, und nichts darf uns irre machen in dem Vertrauen, daß er helfen kann, daß er helfen will, ja daß uns schon geholfen ist, wenn wir nur an ihn glauben. - Und wie kommen wir nun zu solchem Vertrauen auf das Wort des Herrn, meine geliebten Freunde? Wie ist denn der Mann in unserem Evangelium dazu gekommen, welcher zu Jesu gekommen war, um dessen äußere Hülfe zu suchen in einer ihn bedrängenden äußeren Noth, und welcher nun wieder von ihm hinweggieng, obgleich er diese äußere Hülfe noch nicht mit Augen gesehen hatte, doch in fröhlichem Vertrauen auf das Wort des Herrn, gleichsam ein lebendiger Beweis für die Wahrheit seiner Verheißung (Joh. 20, 29): „Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben?“ Nun, Geliebte, dieser Mann mochte wohl Jesum vorher schon mit leiblichen Augen gesehen haben. Jetzt aber hatte die Trübsal sein hülfsbedürftiges und nach Hülfe sich sehnendes Herz ihm aufgeschlossen und von dem Auge seiner Seele die Decke hinweggenommen, daß er in in diesem vielgepriesenen Propheten von Nazareth auch seinen Erlöser erkannte. Jetzt fiel ihm, da er den Herrn sah, aus dessen ganzem Wesen der Strahl der göttlichen Wahrheit und Liebe hell und warm in sein Herz hinein, und da wurde es ihm gewiß: dieser Jesus von Nazareth kann dir helfen und wird dir helfen, und wenn auch Himmel und Erde vergehen, auf sein Wort kannst du dich verlassen. Und auch vor uns steht ja dieser Heiland noch da im Glanze der Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahrheit. Und wenn wir uns nun vertiefen in sein heiliges Bild, wie es die Evangelisten und Apostel in den Schriften des Neuen Testamentes mit einfachen und großen Zügen, welche das Siegel der Wahrhaftigkeit in sich selbst tragen, uns vor die Augen gezeichnet haben - o Geliebte, welche menschliche Größe reicht auch nur entfernt hinan an diese göttliche Reinheit und Hoheit? Wie könnte dieses reine Bild ein Erzeugniß der bloßen Einbildungskraft sündiger Menschen sein, welche ja nicht anders konnten, als daß sie selbst die Götter, die sie sich geschaffen haben, mit dem Flecken ihrer eignen Sünde verunreinigten? Wie könnten wir dieses Bild, in welchem die Hoheit und Herrlichkeit des heiligen und lebendigen Gottes mit einem einfachen menschlichen Dasein so wunderbar verwoben ist, uns erklären, wenn es nicht der Abglanz ist des wirklichen gottmenschlichen Lebens des Erlösers, in welchem der Vater im Himmel in der Fülle seiner Kraft und Gnade seine Kinder heimgesucht hat, um sie aus den Banden der Sünde und des Todes zu erretten? Und wenn uns nun aus dem ganzen Wesen des eingeborenen Sohnes vom Vater die ewige Liebe Gottes zu Herzen spricht, der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns gegeben, damit er uns Hülfe bringe: sehet, Geliebte, da lernen wir auch seinem Worte, welches uns solche Hülfe verheißt, vertrauen, wenn wir auch seine Hülfe noch nicht sehen; da werden wir gewiß, daß der, welcher sich selbst für uns gegeben hat, unsere Noth auf seinem eignen Herzen trägt, und in all unsrer Noth am besten Rath und Hülfe zu finden weiß.

III.

Ja, selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Selig ist, wer trotz Allem, was der kurzsichtige Verstand, und das trotzige und verzagte Herz dagegen einzuwenden haben, an das Wort des Herrn sich hält und der Verheißung seines Gottes vertraut (Ps. 50, 15): „Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen.“ Denn wenn der Glaube in solchem Vertrauen auf das Wort des Herrn sich bewährt, dann bleibt auch das dritte nicht aus, was zur Vollendung des Glaubens gehört, dann mußt du auch das Heil Christi selbst erfahren. So geschah es bei dem Mann aus Kapernaum, „Indem er hinab gieng, begegneten ihm seine Knechte, verkündigten und sprachen: Dein Kind lebet. Da forschere er von ihnen die Stunde, in welcher es besser mit ihm geworden war. Und sie sprachen: gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkete der Vater, daß es um die Stunde war, in welcher Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebet. Und er glaubete mit seinem ganzen Hause.“ Der Mann selbst glaubte schon, als er von dem Herrn wieder weggieng. Auf sein Vertrauen zu dem Worte Christi war bei ihm gleich die selige innere Erfahrung von dem Heile Christi gefolgt, welches der Herr den Seinen ankündigt in dem Worte (Joh. 5, 14): „Wer an mich glaubet, der hat das ewige Leben.“ Er hatte aus dem Munde des Erlösers Worte des ewigen Lebens vernommen, er hatte erkannt und geglaubt, daß er sei Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Er hatte in ihm seinen Heiland gefunden und fühlte sich unzertrennlich mit ihm und mit seinem Gott verbunden; er wußte, daß nichts in der Welt von der Liebe Gottes ihn mehr scheiden könne. Darum gieng er getrost in seine Heimath zurück, und wenn er sein liebes Kind todt gefunden hätte, ich glaube, er hätte in seinem Glauben die Kraft gefunden zu sprechen: „Wohlan, mein Sohn lebet und ich werde mit ihm leben in der ewigen Gemeinschaft mit unserem Vater im Himmel. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ Aber sein junger Glaube hat ja auf diese starke Probe noch nicht gestellt werden sollen, sondern zu der inneren Erfahrung von dem neuen Leben, welches ihm in Christo aufgegangen war, sollte auch die äußere Erfahrung von der Gnade und mächtigen Hülfe des Herrn hinzukommen- Da der Herr in Kana zu ihm sprach: „Dein Sohn lebet!“ da geschah es in seinem Hause zu Kapernaum, wie Jesus gesprochen hatte. Im Erstaunen und in der Freude ihres Herzens können seine treuen Knechte es nicht abwarten, bis ihr Herr nach Hause zurückkommt: sie eilen ihm entgegen und verkünden dem hocherfreuten Vater: „Dein Kind lebt!“ Daß dieser aber bei Christus mehr gefunden hat, als, was er anfänglich suchte, die Hülfe in dieser bestimmten äußeren Noth, das bezeugt sein weiteres Verfahren. Er konnte seinen Hausgenossen sagen: „Ihr habt mir das Leben meines Kindes verkündigt. Ich muß euch verkündigen, daß ich selbst todt war und bin lebendig geworden; ich muß euch den verkündigen, welchen der barmherzige Gott auch euch gesandt hat, damit er euch von dem Verderben des ewigen Todes zur Seligkeit des ewigen Lebens errette.“ Und so glaubete er mit seinem ganzen Hause. - O, meine lieben Freunde, laßt uns doch von dem bekümmerten Vater in unserem Evangelium lernen, in all unserer Noth bei dem Herrn unsere Hülfe zu suchen und festzuhalten an dem Worte seiner Verheißung, damit, wie jener, auch wir das Heil erfahren, welches Christus denen verheißen hat, die an ihn glauben. Ist nur einmal das Herz erst fest geworden in dem Glauben an den Erlöser, dann schmeckt es auch die Kraft der zukünftigen Welt. In dieser Gemeinschaft mit dem ewigen Leben darf es mitten unter den Stürmen und Leiden dieser Zeit eines unzerstörbaren Friedens sich freuen, und auch im äußeren Leben erfährt es, wie denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen müssen, und wie der Herr den Seinen auch die Anfechtung in Freude zu verwandeln weiß. Und ein solcher lebendiger, durch die ^eigne selige Erfahrung bekräftigter Glaube, der kann nicht schweigen, Geliebte; sondern er muß zeugen von dem, was er erlebt und innerlich erfahren hat. So sammelt sich um eine dem Herrn gewonnene Seele zuerst ein christliches Haus, und an das eine Haus reihen dann sich andere an. Und da entsteht denn ein lebendiger und belebender Wechselverkehr geistigen Gebens und Empfangens. Der Eine weiß dieß zu erzählen und der Andere jenes, wie er durch Gottes wunderbare und gnädige Führung, durch unverdientes Glück, oder durch die Schule des lieben Kreuzes, wie unsere frommen Alten es nannten, zum Glauben hingeführt worden ist. O möchte doch das Zeugniß solchen Glaubens, das die Verirrten zurecht führt und die Zerstreuten sammelt, immer kräftiger sich regen in der Gemeinde des Herrn! Möchte dadurch doch Jesus Christus immer mehr eine Gestalt gewinnen in seiner Gemeinde, und möchten alle ihre Glieder, als die lebendigen Steine, je mehr und mehr auferbauet werden zu einem geistlichen Hause und zu einem heiligen Priesterthum zu opfern geistliche Opfer, die Gott angenehm sind, durch Jesum Christum (1. Pet. 2, 6.) - Amen.

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autoren/b/baur_gustav/baur-22_nach_trinitatis.txt · Zuletzt geändert: von aj