Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Zwanzigster Vortrag. - Einzug in Jerusalem und Abschied vom Volke.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Zwanzigster Vortrag. - Einzug in Jerusalem und Abschied vom Volke.

So trübe ist unserem Herrn noch keine Sonne untergegangen, wie am Abend des festlichen Sabbats, den er in Betanien verlebte. Er weiß, daß sich die Feindschaft in Jerusalem in der letzten Feit bis auf den höchsten Grad gesteigert hat, sodann hat sich ihm in seiner nächsten Umgebung der Abgrund des Widerwillens und Hasses gegen ihn aufgethan und seine Jünger sind noch so kurzsichtig und schwach, daß sie die Stimme des Verräthers für eine fromme Freundesstimme halten, diese sind also außer Stande, die von innen drohende Gefahr abzuwehren. So muß es ihm denn wohl aus unmittelbarer Erfahrung gewiß werden, daß sich nächstens die äußere und innere Feindschaft gegen ihn zusammenthun und in solcher Verbindung das Verderben über sein Haupt bringen wird. Wenn nun so die Abendsonne hinter einem finsteren Wolkenvorhang sich verliert, wird es da nicht einen sehr trüben Tag geben müssen? (s. Matth. 16,2). So gewiß der Herr in der Welt ist und wandelt und allen Weltgesetzen unterthan, so daß er den Unterschied zwischen Licht und Finsterniß sieht und fühlt, mit einer Schärfe und Feinheit, wie kein Anderer, so gewiß ist er nicht von der Welt und zeigt sich allewege erhaben über die Gesetze der Welt. Am ersten Morgen seiner letzten Arbeitswoche sehen wir ihn freudig und muthig an der Spitze seiner Jünger von Betanien nach Jerusalem aufbrechen und von der Trübheit der letzten Abendstunden ist in seinem Angesicht Nichts zu spüren.

Aber nicht bloß die Gesetze der Natur werden in der Geschichte Jesu zu Schanden, sondern ebenso sehr die Satzungen des Dogmatismus. Dieser hat kein inneres Interesse an dem Gange der Geschichte Jesu, er eilt immer nur zu Ende, denn es ist ihm nur zu thun um den Extract der Lehre, welche er aus den letzten Schicksalen des Herrn gewinnen will, es ist der verknöcherte, herzlose Verstand, dem Jesus gar nicht früh genug leiden und sterben kann, damit er nur Rechnung über seine Erbschaft und Verlassenschaft aufnehmen könne. Dieser dogmatisirende Verstand hat schon lange darauf gewartet, daß alle jene Zwischenacte in der Geschichte Jesu, welche nach seinem Dafürhalten für die Hauptsache Nichts austragen, ein Ende haben möchten und wir doch endlich zu dem kämen, worin allein das Ewige, nämlich die Versöhnung und Erlösung der Seelen enthalten ist. Jetzt denkt er, nachdem sich gezeigt hat, daß außerhalb und innerhalb des Hauses Jesu Unverstand und Bosheit waltet, ist doch gewiß der Zeitpunkt gekommen, in welchem ohne Aufschub und geraden Weges endlich das Leiden eintreten muß. Und doch hat es in der ganzen Geschichte Jesu noch keinen stärkeren Contrast gegen das Leiden gegeben, als der feierliche und königliche Einzug, den Jesus in den Morgenstunden nach jenem trüben Abend hält. Es muß also wohl dieser Dogmatismus bei all seiner Scheinheiligkeit von dem heiligen Geist, der das Leben und Thun Jesu regiert, recht weit entfernt sein. Wenn wir nun aber bedenken, wie sehr verbreitet diese Anschauungsweise ist, so dürfen wir uns nicht sehr wundern, daß wir in unseren Tagen so viel verkümmertes und verstümmeltes Christenthum finden, welches dem Namen unseres Herrn Schmach und Schande bereitet. Wir unsererseits wollen uns aber um so ernstlicher bemühen, den heiligen Spuren und Fußstapfen des Herrn, welche feine treuen Zeugen, die ihm mit unbegrenzter Liebe anhingen und ihr Leben für ihn gelassen haben, auf, gezeichnet haben, in fester Zuversicht, daß wir auf diesem heiligen Wege am sichersten den Sinn und Geist unseres Heilandes verstehen und somit das, was er uns durch seine Arbeit erworben und in seiner Liebe uns zugedacht hat, zu eigen machen werden.

Wir haben schon früher gesehen, wie sehr die Person und das Wirken Jesu ein Gegenstand des Nachdenkens und des Gespräches für die Juden geworden war. Von Johannes erfahren wir, daß bei dem bevorstehenden Passafest diese allgemeine Aufmerksamkeit auf Jesum gespannter war, denn je. Die nicht lange vorher geschehene Auferweckung des Lazarus, die in Jerusalem allgemein bekannt geworden war, und der jüngst erfolgte Anschluß Jesu an den Festzug der Wallfahrer, sowie das immer mehr zum Ende und zur Entscheidung drängende Wirken und Verhalten des Herrn, dies Alles hat eine ungewöhnliche Spannung der Gemüther in Betreff Jesu hervorgerufen. Viele Juden, nämlich auswärtige, schreibt Johannes, waren schon vor dem Feste in Jerusalem anwesend, weil sie sich für das Fest reinigen wollten, diese nun suchen Jesum im Tempel, wo sie ihn sonst am regelmäßigsten gefunden hatten, und als er noch nicht da ist, sprechen sie mit einander im Tempel: „was dünket euch? Wird er etwa nicht kommen?“ (s. Joh. 11,55.56). Sie können Jesu Ankunft in Jerusalem gar nicht abwarten und als sie ihn nicht gleich auffinden, kommen sie auf die Vermuthung, ob er etwa aus Rücksicht auf die drohende Feindschaft des hohen Rathes ausbleiben werde. Urtheile über Jesum, wie früher, kommen nicht zum Vorschein, offenbar aus Furcht vor den Auctoritäten, aber die Aufregung in Bezug auf Jesum ist gesteigerter, denn je. Es gab aber auch andere Juden in Jerusalem, welche besser unterrichtet waren und überall eine entschiedenere Stellung zu Jesu hatten, diese wußten, daß er in Betanien weilte, sie gingen am Morgen des ersten Wochentages nach dem besprochenen Sabbat hinaus nach Betanien, um Jesum und Lazarus zu sehen und diese geriethen in hohe Begeisterung, als sie hörten und sahen, daß Jesus sich aufmachte, nach Jerusalem zu gehen. Die Begeisterung dieser, die einen großen Volkshaufen bilden, ist besonders aufgeregt durch die Thatsache der Auferweckung des Lazarus aus seinem Grabe, welche sie zum Theil wenigstens aus Augenzeugenschaft kennen und bewundernd verkündigen. Diese nun, da sie Jesum zum Feste nach Jerusalem aufbrechen sehen, fangen an. ihm Zeichen der Huldigung und Verehrung darzubringen, sie streuen Palmenzweige auf den Weg und begrüßen ihn als König Israels mit Psalmworten (s. Joh. 12,9-13.17.18). Und wie verhält sich Jesus dabei? Wir wissen, daß er bei einer anderen Gelegenheit einer ähnlichen ihm zugedachten Huldigung sich entzog (s. Joh. 6,15). Jetzt entzieht er sich dieser Anerkennung des Volkes so wenig, daß er sie vielmehr noch recht eigens und absichtlich befördert. Als er vor dem Flecken Betphage anlangt, macht er Halt und sendet zwei seiner Jünger, um ein Eselsfüllen, auf dem noch Niemand gesessen, für ihn zu holen. Er trägt ihnen auf, sobald sie Jemand über das Lösen und Abholen des angebundenen Thieres zur Rede stellen würde, so dürften sie nur sagen: der Herr bedarf seiner, das werde genügen. Und wie er gesagt, so geschah es, die Jünger fanden es, wie der Herr beschrieben, und als die Eigenthümer des Thieres sie über das Vornehmen befragten, genügte die ihnen aufgetragene Antwort (s. Luk. 19,33.34). Jesus verfügt also über das ausersehene und gewünschte Reitthier nicht anders, als der König Israels, dem Land und Leute zu Gebote stehen. Wir haben schon früher die Bemerkung gemacht, daß die vier Evangelisten in keinem Theile der Geschichte Jesu so harmonisch berichten, als da, wo dieselbe ihrer Vollendung entgegengeht. Wir wollen es nicht unbeachtet lassen, daß diese vierfache Evangelienharmonie, welche von nun an durchsteht und alle Hauptthatsachen vornehmlich des Leidens Jesu umfaßt, bei dem eben erwähnten Zuge und Allem, was damit zusammenhängt, einsetzt (s. Matth. 21,1-10. Marc, 9,1-10. Luk. 19,29-38. Joh. 12,12-19). In der Anordnung Jesu hinsichtlich des Reitthiers liegt ja offenbar eine Absichtlichkeit und den Sinn derselben zu errathen, war für das israelitische Bewußtsein nicht schwer. Der erste Sohn Davids, Salomo, hatte sich dadurch zuerst als Erben des davidischen Thrones ausgewiesen, daß er auf dem königlichen Reitthier in Jerusalem seinen Einzug hielt (s. 1 Kön. 1,38.44), und der Prophet Sacharja hatte den künftigen König Israels gleichfalls als reitend auf einem Esel und in Jerusalem einziehend dargestellt (s. Sach. 9,9). Wenn freilich auch selbst den Jüngern das klare Bewußtsein über diesen Zusammenhang erst später einleuchtete, so mußte doch diese Veranstaltung Jesu auf die Volksstimmung unmittelbar einen erhebenden und begeisternden Eindruck machen, zumal die Volksstimmuna bereits vor dieser Anordnung in der bezeichneten Richtung in vollem Zuge war. Wir werden es daher vollkommen begreifen, daß die schon angefachte Begeisterung durch dieses Zeichen des königlichen Einzuges auf die höchste Höhe gebracht wird, wie es namentlich die drei Synoptiker darstellen. Die ganze Volksmenge, die durch Zuzüge noch immer wuchs (s. Joh. 12,18), nimmt den reitenden Herrn in seine Mitte und zieht unter Huldigungen und Psalmenjubel über das Kommen des Reiches Davids (s. Marc. 10,10) einher und natürlich kommt die ganze Stadt Jerusalem bei solchem Einzuge in heftige Bewegung (s. Matth. 21,10), welche sich in fortwährendem Jubel namentlich der Kinder in den Gassen der Stadt und im Tempel fortsetzte (s. Matth. 21,15). Zunächst ist uns dies Alles insofern wichtig, als wir darin den thatsächlichen Beweis finden, daß Jesus sein israelitisches Königthum niemals kann aufgegeben haben, denn was hier geschieht, ist ja offenbar eine Huldigung des Volkes vor seinem König, und diese läßt sich Jesus nicht bloß gefallen, sondern, da er gesehen, daß die Stimmung dafür vorhanden war, thut er selber mit einer Angelegentlichkeit, wie er selten etwas anordnet, dazu, daß sich diese Huldigung in vollkommen correcter Form nach israelitischer Anschauung vollziehe und vollende. Es ist ihm also noch jetzt ebenso wie bei seinem ersten öffentlichen Auftreten auf dem Tempelberge mit seiner königlichen Würde vollkommen Ernst und von diesem seinem Ernst erhält ganz Jerusalem mit seinen Tausenden von Festbesuchern einen allgemeinen und unzweideutigen Eindruck. Aber wie sollen wir uns dies von dem Standpunkte des Herrn recht vorstellen? Denn wir haben uns doch vorgenommen, bei Allem, was geschieht, bis in das Innere Jesu selber vorzudringen und hier unseren Standpunkt zu nehmen, um das Verständniß dieser heiligen Geschichte zu gewinnen. Muß nun nicht aber dieser ganze Volksenthusiasmus als ein bloßer Rausch angesehen werden, dem jeder sittliche Werth abzusprechen ist? Das, was man gegenwärtig christliche Weltanschauung nennt, kann hier offenbar nichts Anderes finden, sie erinnert sich gleich, daß nach wenigen Tagen diese ganze Begeisterung des Volkes für Jesum in das gerade Gegentheil verwandelt erscheint, sie weiß viele Beispiele aus der Geschichte alter und neuester Zeit, wo es ebenso ergangen ist, sie hat überhaupt allen Volksbewegungen gegenüber nur Argwohn, Mißtrauen und Furcht. Das Volk urtheilt deshalb schon seit Menschengedenken, daß diese sogenannte christliche Gesinnung kein Herz und kein Verständniß habe für seine Güter und Gebrechen, für seine Freuden und Leiden, und zwischen dem Kreise dieser christlichen Gesinnung und dem Volksleben ist seitdem eine tiefe Kluft. Zwar fangt man jetzt an, in christlichen Kreisen diesen Fehler zu erkennen und sucht ihm abzuhelfen, aber das Gefühl dafür ist noch viel zu oberflächlich und deshalb auch die Mittel der Abhülfe kleinlich und schwächlich. Nicht eher ist hier auf wirkliche Besserung zu hoffen, als bis die christliche Gesinnung sich auf ihren Ursprung gründlich besinnt, also sich selbst ohne Vorbehalt in den versenkt und hingibt, der der Anfänger und Vollender alles Christlichen ist und seinen eigenen Wandel auf der Erde als ewiges Vorbild für Alles, was sich auf seinen heiligen Namen berufen will, aufgerichtet hat. Jesus hat ein Herz, mit welchem er das Ganze seines Volkes umfaßt; wie er sich in die verborgenen Tiefen eines stillen Gemüthslebens zu versetzen weiß, so sind ihm die Längen und Breiten eines Volkswesens vertraut und er weiß, was auf dem weiten Raum eines Volksthums unter der Oberfläche ruht im Guten wie im Bösen. Jesus ist das reinste Vorbild eines wahren Volksmannes und Volksführers; er ist der vollendete König David. Dieser wurde König Israels, nachdem er alle Höhen und Tiefen des Volkslebens selber durchschritten und allenthalben seinen Ausgang und Eingang bewährt hatte. Nach solcher Selbstbewährung in allen Lebenslagen fühlte David die Theile seines Volkes wie Gliedmaßen seines eigenen Leibes (s. Ps. 60,9) und Alles, was das Volk bewegte innerlich und äußerlich, hatte in seinem königlichen Selbstbewußtsein einen reinen und richtigen Ausdruck. Die ewige Vollendung dieses zeitgeschichtlichen Vorbildes ist Jesus, der als Sohn Davids den ursprünglichen, gottgesetzten David wiederherstellte, wie er als Sohn des Menschen den ursprünglichen, gottgeschaffenen Menschen als neuen Anfang des Menschengeschlechtes wiedereinsetzte. Jesus ist der verheißene andere David (s. Jer. 30,9. Ezech. 34,24. 37,24.25. Hos. 3,5). Als solcher beweist er sich, wenn er die Volkshaufen sieht und sich ihnen offenbaret, weil sie ihm erscheinen als hirtenlose zerstreute und verschmachtete Schafe (s. Matth. 9,36), oder wenn ihn des Volkes jammert, weil er es in äußerer Noth und Verlegenheit erblickt (s. Matth. 14.14. 15,32). Bei verschiedenen Gelegenheiten zeigt auch das Volk, daß es diesen göttlich königlichen Sinn Jesu sehr wohl merkt, wir haben sowohl in Galiläa als in Jerusalem dahinlautende Volksstimmen vernommen. Es bewährt sich in der Geschichte Jesu ebenso gut, wie in anderen Geschichten, daß in dem Kern des Volkslebens immer noch ein unverwüstlicher Fond von gesundem Instinct übrig bleibt, wenn bereits die höheren Schichten der Gesellschaft längst an unheilbaren Schäden leiden. Es entgeht dem scharfen Blick der Liebe Jesu nicht, daß auch in dem damaligem Israel als Ganzem noch eine heilige Spur von der diesem Volke anerschaffenen Empfänglichkeit für das Göttliche vorhanden ist. Tief verdeckt und verborgen ist diese Empfänglichkeit, aber durch das in ihm flammende Feuer weiß Jesus diese hart verschlossene Empfänglichkeit seines Volkes bei seinem feierlichen Einzug in Jerusalem zu einem hell aufleuchtenden Strahl zu entzünden. Als einen solchen heiligen Strahl aus göttlich verborgener Tiefe betrachtet Jesus offenbar die Begeisterung seines Volkes, die ihn bei seinem Eintritt in Jerusalem umringt. Wir ersehen das nicht bloß aus seinen Reden, sondern auch aus seinem Handeln. Er leidet es nicht, daß man diese Begeisterung verdächtigt und dämpfen will. Schon unterwegs machen sich die Pharisäer an Jesum und sagen ihm: „Meister, strafe doch deine Jünger,“ weil das ganze Volk mit freudiger und lauter Stimme Gott lobt über alle die Thaten, die sie gesehen hatten, und den König Israels mit Psalmen begrüßte, nicht anders, als wären sie alle Jünger Jesu geworden (s. Luk. 19,37-39). Die Pharisäer fühlten sich selbst dieser allgemeinen Volksbegeisterung gegenüber ohnmächtig, sie merkten recht gut, daß, so groß ihre Auctorität beim Volke war und so dreist sie auch sonst, auf dieses Ansehen gestützt, es wagten, Jesu entgegenzutreten, sie dieser Geistesmacht des Volkes Nichts anhaben konnten, sie erkannten ganz richtig, daß Jesus allein die Macht besaß, dieser Aufregung zu wehren. Sie glauben ihm das zumuthen zu dürfen, da sie richtig wahrgenommen haben, daß er kein Freund von öffentlichen Demonstrationen war. Gerade ebenso denken die Hohenpriester und Schriftgelehrten im Tempel, sie gerathen in Unwillen, wie Matthäus schreibt, am allermeisten über das unaufhörliche Hosianna, welches die Kinder dem Sohne Davids darbrachten, sie sagen zu Jesu: „hörst du, was diese sagen?“ (s. Matth. 21,15.16). Sie setzen voraus, daß sie nur nöthig haben, Jesum aufmerksam zu machen auf dieses ungehörige Kindergeschrei, dann werde seine Bescheidenheit und Ordnungsliebe dieser Störung schon wehren. Es ist übrigens auch hier offenbar, daß diese geistlichen Oberen mitten im Heiligthum dem für Jesum begeisterten Volk gegenüber ihre Macht verloren hatten, da sie sich nämlich über die Kinder ärgerten, so würden sie ohne Zweifel mit ihrer eigenen Machtvollkommenheit eingeschritten sein, wenn sie nicht bemerkt hätten, daß der anhaltende Jubel der Kinder nichts Anderes war, als das Echo des ringsum stehenden Volkes. Also die schriftgelehrten Leiter und priesterlichen Oberen des Volkes sind es, welche die allgemeine Begeisterung des Volkes nicht theilen, die sich im Gegentheil daran stoßen und sogar der Meinung sind, daß auch Jesus ihre Auffassung von einer solchen das Heilige profanirenden Volksdemonstration theilen müsse. Unsere Hochchristlichen mögen sich in diesem Spiegel genau betrachten und vor ihrem eigenen Bilde ein wenig erschrecken, zumal wenn sie die Antwort erwägen, welche Jesus diesen kaltherzigen, scheinheiligen Reden entgegensetzt. Jesus nimmt nämlich sowohl den jubelnden Volkshaufen als die singende Kinderschaar so sehr in Schutz, daß er diese Verachteten und Getadelten ihren hochmüthigen Richtern zum beschämenden Vorbilde hinstellt. Den Pharisäern sagt er: „würden diese schweigen, so werden die Steine schreien.“ Dieser Jubel also, deutet Jesus an, ist ein Naturlaut von unhemmbarer Nothwendigkeit und ihr, indem ihr daran Anstoß nehmt, statt mit einzustimmen, gebt zu erkennen, daß ihr gefühlloser seid, als die Steine. Die Schriftgelehrten im Tempel verweist er mit ihrem Tadel auf das Schriftwort von dem Lobe Gottes aus dem Munde der jungen Kinder, und verlangt damit von den Meistern in Israel, daß sie gleich ihm in diesen Lobgesängen der Jugend eine Offenbarung Gottes erkennen und sich daran freuen sollten.

Noch merkwürdiger ist es, daß Jesus in seinem Handeln die allgemeine Begeisterung des Volkes zur Grundlage nimmt. Wir wissen, daß der Herr, als er das erste Mal nach seiner amtlichen Weihe das Heiligthum betrat, hier schaltete und waltete als der, welchem die Macht gegeben ist, der sich Alles beugen und fügen muß. Wir haben ihn dann später wiederum im Heiligthum gefunden, aber in ganz anderer Lage, nämlich so, daß er kaum der Steinigung der Juden entging. Es ist uns weiter erinnerlich, daß in der jüngsten Zeit die geistlichen Großbeamten Israels bereits zu förmlichen Beschlüssen und Maßregeln gegen das Leben Jesu vorgeschritten sind. Wie unendlich weit liegt das Alles ab von jenem Panier auf dem heiligen Berge, welches Jesus einst aufrichtete! Und dennoch erzählen alle drei Synoptiker, daß Jesus nach seinem letzten Einzuge in Jerusalem sofort wiederum den Tempelberg bestieg und abermals austrieb, die darin kauften und verkauften (s. Matth. 21,12. Marc. 11,15.16. Luk. 19,45.46) und Marcus fügt noch einen Zug hinzu, der diese zweite Reinigung als eine noch strengere und gewaltigere erscheinen läßt, denn die erste: „er ließ nicht zu,“ schreibt Marcus, „daß Jemand ein Geräth durch das Heiligthum trug.“ Jesus erkannte, daß die feindliche Gewalt der Oberen vor der Volksbegeisterung zu nichte wird. Schon beim Einzuge besprachen sich Pharisäer mit einander und kommen zu einer Aeußerung, welche in Bezug auf Alles, was sie über Jesum beschlossen und festgesetzt, vollständige Verzweiflung ausspricht, sie sagen nämlich Folgendes: „schauet, daß ihr Nichts schaffet, siehe, die Welt läuft ihm nach“ (s. Joh. 12,19). Ohne daß sie es natürlich wissen und wollen, sprechen die Pharisäer und Schriftgelehrten in jenen an Jesum gerichteten Worten über das Psalmensingen das Selbstgeständniß aus, daß sie über das aufgeregte Volk ihre Autorität verloren haben und Jesus gegenwärtig an ihre Stelle getreten sei. Von Anwendung der gegen Jesum beschlossenen Maßregeln ist so wenig die Rede, daß diese ganz in den Hintergrund gedrängt und im Gegentheil die Obersten und Schriftgelehrten sich fürchten vor dem Volk, welches in seiner Gesammtheit Jesu anhängt (s. Matth. 21,46. 22,33. Marc. 11,18. 12,12. Luk. 19,48). Aus den eben bezeichneten, mehrfachen und starken Aeußerungen der Evangelisten über die Stimmung des Volkes in Ansehung Jesu während der nächsten Tage geht deutlich hervor, daß sich aus der unterwegs entstandenen allgemeinen Begeisterung eine sehr merkliche Anhänglichkeit an seine Person und Lehre in den ersten Tagen, während welcher Jesus in Jerusalem weilte, zu erkennen gab. Marcus schreibt unter Anderem von diesen Tagen: „und das zahlreiche Volk hörete ihn gerne“ (s. 12,37), und Lukas führt den charakteristischen Zug an, daß das ganze Volk früh Morgens auf Jesum wartete, wenn er von seiner Nachtherberge wiederkam, um ihn im Tempel zu hören (s. 21,38). So sieht denn Jesus die Berge abgetragen und die Thäler erhöhet, was sollte ihn denn abhalten, seinen Einzug in den Tempel so zu halten, daß er, getragen von der Begeisterung des Volkes in seiner königlichen Machtvollkommenheit das Heiligthum abermals reinige von seinem störenden Weltgetümmel? So genau und so strenge nimmt er es mit seiner Regel, zu wirken, so lange es Tag ist und ehe die Nacht kommt. Er weiß, daß das Licht nur noch eine kleine Weile scheinet (s. Joh. 12,35), diese Zeit kauft er vollständig aus, er nimmt die sich regende Begeisterung des Volkes wahr, er ergreift sie mit fester Hand und auf diesem Grunde stellt er die heilige Ordnung des Tempels her und erfüllt ihn mit seiner Herrlichkeit. Denn nachdem er den weltlichen Handel aus dem Hause der Anbetung vertrieben und mit strenger Miene darauf gehalten, daß nicht Etwas der Art sich wieder einschleiche, heilete er Blinde und Lahme, die sich im Tempel eingefunden (s. Matth. 21,14), außerdem wurde er umgeben von den psalmsingenden Kindern und dem Volke, das an seinen Lippen hing, welches er alle Tage lehrete (s. Luk. 19,47). Zu dem Allem fügt Marcus noch hinzu, daß Jesus eben in diesen Tagen sich den Tempel eigens angesehen habe (s. Marc. 11,11), wie denn auch der Zug hierher gehört, daß er sich zu dem Gotteskasten hinsetzte, um zuzuschauen, wie das Volk seine Gaben darbrachte (s. Marc. 12,41-44). Diejenigen, welche das Christenthum ausschließlich in gewissen passiven Tugenden wiedererkennen, welche so gefährliche und verderbliche Laster, wie Stumpfsinn, Trägheit, Feigheit, Verzagtheit für verzeihliche Schwächen halten, sie mögen hierher kommen und die wahren Fußstapfen Jesu kennen lernen. Den letzten Sonnenstrahl seines Tages benutzt Jesus, unter dem Jubel des Volkes und dem Schrecken seiner Feinde stellt er das Heiligthum her in seinem Schmuck und sucht von da aus den letzten Tropfen von heiliger Empfänglichkeit in seinem Volk in Bewegung zu setzen, damit Nichts versäumt, Nichts unversucht bleibe.

In der That, so weit und so vollständig gibt Jesus sich an die Begeisterung des Volkes hin, daß wir bei unserer argwöhnischen Art sogar auf den Gedanken kommen können, ob ihm auch bei der unverkennbaren Freude, welche er über diese erste und letzte Huldigung, die ihm sein Volk darbringt, empfindet, sein sonst so klarer Blick in des Volkes Unbeständigkeit und Oberflächlichkeit getrübt worden sei. Wir haben aber andererseits den thatsächlichen Beweis, daß dies durchaus nicht der Fall gewesen. Im Gegentheil, mitten in der Freude hat der wehmüthige Schmerz einen starken und unzweideutigen Ausdruck, daß diejenigen, welche sich und Anderen vorreden, daß sie um der Verderbniß und des Unglaubens der Welt willen nicht handeln könnten noch dürften, vor dem Beispiel Jesu sich abermals beschämt zurückziehen müssen.

Lukas erzählt, als Jesus bei seinem Einzuge unter der jubelnden Menge vom Oelberg her der Stadt Jerusalem ansichtig geworden, da habe er geweinet (s. Luk. 19,41). Und diese Thränen sind nicht Zeichen der Freude, sondern sie fließen aus der Ueberfülle eines namenlosen Schmerzes. Jesus selbst hat mit einem begleitenden Wort seinen Begleitern und seiner Gemeinde für alle Zeiten das Geheimniß dieser seiner heiligen Thränen aufgeschlossen. Wenn er schon unterwegs die Stadt Jerusalem anredete, ehe er sie sah, weil ihr Gedanke immerdar seine ganze Seele erfüllt, so redet er jetzt, als er das Ziel seiner letzten Reise vor sich liegen sieht, Jerusalem abermals an und spricht: „wenn du es doch erkenntest, und wenn nur wenigstens an diesem deinem Tage, was zu deinem Frieden dient, jetzt aber ist es verdeckt vor deinen Augen, denn kommen werden die Tage über dich, und deine Feinde werden eine Wagenburg um dich schlagen und werden dich umzingeln, und werden dich ängsten von allen Seiten und werden dich und deine Kinder in dir in die Enge treiben und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, darum weil du nicht erkannt hast die Zeit deiner Heimsuchung“ (s. Luk. 19,42-44). Der Jubelruf, mit welchem die Volksmengen und die Kinder Jesum begrüßen, ist ein Wort aus dem 118. Psalme, einem hohen Festliede, welches zu dem großen Halle! gehört, derjenigen Reihe von Festgesängen, welche am Passafest gesungen wurden. In diesem 118. Psalme wird der Freudentag für Israel als ein Tag bezeichnet, den Jehova gemacht hat (s. V. 24). An dieses Wort knüpft der Herr an und bezeichnet den gegenwärtigen Tag als einen Tag Jerusalems, an welchem Jerusalem zum letzten Mal heimgesucht werde und damit noch jetzt die Möglichkeit habe, dem es bedrohenden schrecklichen Gericht zu entrinnen. Dieses Wort schließt uns die ganze Tiefe und Weite des Gemüthes Jesu auf, wie er mit vollem Ernst die Möglichkeit ausdenkt, daß Jerusalem, wenn es sich heute besinnt und von ganzem Herzen den, welchen Gott ihm jetzt sendet, aufnimmt und festhält, des göttlichen Zornes ledig wird und einer herrlichen Zukunft entgegengeht. Wenn wir diese Worte des Herzens Jesu beim ersten Anblick der Stadt erwägen, so können wir uns erst recht die Freude vorstellen, mit welcher er den Psalmenjubel seines Volkes hören mußte. In diesem Jubel war keinerlei Mißton, es war ein heiliger Anfang, der, wenn er sich vollendet, diesen Tag zu einem ewigen Freudenfest für Jerusalem machen würde. Darum duldet es Jesus auch nicht, daß Argwohn und Mißtrauen den Geist dieser heiligen Begeisterung lästern und dämpfen dürfen. Aber noch tiefer als diese Freude liegt das Wehe in der Seele Jesu. Allerdings nimmt er den Jubel seines Volkes ganz und voll für das, was er ist, aber eben so fest und klar läßt er ihn auch durchaus nicht mehr gelten, als er ist. Dieser Jubel ist ihm wie ein heiliger Lichtstrahl, der durch seine Gottesoffenbarung entzündet aus der tiefsten Empfänglichkeit der israelitischen Volksnatur hervorblitzt, aber auch eben so schnell, wie er entstanden, wieder verschwindet. Die Freude über das Aufleuchten vertieft nur den Schmerz über die demnächst wieder eintretende Finsterniß. Dieser Schmerz verwandelt ihm den Anblick der Stadt, die vor ihm liegt, in das gerade Gegentheil. Jerusalem liegt vor ihm in tiefem Frieden, in heiterem Festglanze, umwogt von den feiernden, jubelnden Volksmengen. Jesus schaut plötzlich im Geiste die Stadt seines Volkes umgeben von den feindlichen Legionen der Römer, die Tochter Zions mit ihren Kindern von Angst und Noth ringsum bedrängt, den Tempel Jehovas und die Mauern der Stadt zertrümmert. Und welches ist der Grund? Jerusalem erkennt nicht die Zeit seiner letzten Heimsuchung, den, welchen sie jetzt als ihren König jubelnd umringen, werden sie verrathen an die Heiden und sein unschuldiges Blut werden sie auf ihr eigenes Haupt bringen. Darum müssen die schrecklichen Legionen kommen, sie fordern das unschuldig vergossene Blut von Jerusalem, darum muß die Tochter Zions mit ihren Kindern in der Verzweiflung sitzen, darum müssen die ungeheuren Quadern des Tempels und der Ringmauern auseinanderbrechen, da der Jubel über den Sohn Davids sich in das Geschrei des Verrathes und Hasses verkehren wird, so müssen die Steine auseinandergehen mit Krachen und um Rache zum Himmel schreien. Das also, was Jesus im Geiste schaut und mit seinem Wort beschreibt, ist nichts Anderes als die gerechte Rache für sein eigenes unschuldig vergossenes Blut. Und dennoch weint der Herr über sein Jerusalem. Das sind Thränen der Liebe, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat und nicht wiedersehen wird.

Das ist also ganz klar, irgend einer Selbsttäuschung in Ansehung der Volksbegeisterung hat sich Jesus in keinem Augenblick hingegeben. Und dennoch hat er Angesichts der Dinge, welche er mit Sicherheit kommen sieht, Freudigkeit und Muth, in voller Kraft und mit ganzer Hingebung zu handeln, so weit und so lange ihm ein Raum vergönnt ist, und wir haben gesehen, daß er noch niemals so durchgreifend und unmittelbar wirksam aufgetreten ist als in diesen Tagen. Seine Thränen über die Verderbtheit und das endliche Verderben Jerusalems sind nicht das Ende seiner Thätigkeit, sondern die Grundlage einer neuen und erhöhten Thätigkeit. Nachdem er mit seiner göttlichen Liebesmacht den äußersten Widerstand seines Volkes gegen ihn in sich selber überwunden hat, wovon eben seine Thränen das unvergeßliche Denkmal sind, ist er ausgerüstet und gestärkt, Alles zu thun, um das letzte Aufleuchten der Empfänglichkeit seines Volkes wirksam zu machen. Wir dürfen auch nicht denken, daß das Gelingen dieser letzten erfolgreichen Thätigkeit in Jerusalem seinen Blick in den Ausgang etwa wieder verdunkelt habe. Sein Verhalten zeigt uns nämlich das Gegentheil. Trotzdem daß Jesus das Haus seines Vaters von dem ihn anhaftenden Greuel gereinigt und mit der Offenbarung seiner Wunderthaten und Lehren erfüllet hat, übernachtet Jesus nicht in Jerusalem, sondern wenn der Abend gekommen ist, geht er in diesen Tagen aus den Mauern der Stadt und begibt sich in sein liebes Asyl zu Betanien (s. Marc. 11,11.19. Matth. 21,17). Es erklärt sich dies am einfachsten, wenn wir annehmen, daß Jesus über Jerusalem in diesen Tagen ein ähnliches Gefühl hat, wie es David einst während einer schlimmen Zeit Psalm 55,7.8 ausgesprochen hat. Wie fest sein Urtheil steht über sein Volk, gibt Jesus eines Morgens als er von seiner Nachtherberge, in die Stadt zurückkehrt, durch ein symbolisches Wunder zu verstehen und hat damit sein Urtheil für immer so zu sagen verkörpert. Jesum hungerte und er sah einen Feigenbaum von ferne, der Blätter hatte und damit auch Frucht versprach. Er trat hinzu und fand keine Frucht, der Baum hatte ihn durch sein blätterreiches Ansehen getäuscht. Darum verfluchte er den Baum und derselbe verdorrte von Stund an (s. Matth. 21,18-22. Marc. 11,12-14). Der Baum ist das Bild Israels, welches im alten Testament so oft als eine Pflanzung Jehovas bezeichnet wird. Das Gleichniß wird noch anschaulicher durch die Bemerkung des Marcus: „es war nicht Zeit für Feigen.“ Der Baum, den Jesus sieht, ist also mit seinen Blättern allen übrigen Feigenbäumen vorausgeeilt. Israel ist ja aus allen übrigen Völkern auserwählt und von Jehova besonders genommen, gepflegt und gezogen worden, Israel sollte demnach nicht bloß Blätter haben, sondern auch die mit den Blättern gleichzeitigen reifen Früchte. Aber es sind nur Blätter, was an Israel dermalen zu sehen ist, sucht Jemand hinter diesen Blättern Früchte, so wird er getäuscht. So bildet denn der durch das Wort Jesu verdorrte Baum das künftige Schicksal Israels ab.

Johannes führt uns noch einen Schritt weiter, er zeigt, wie an diesem Tage das Gemüth Jesu selber von dem ihm bevorstehenden Ende erschüttert wurde, woraus wir uns denn noch weiter überzeugen, wie klar und lebendig der Ausgang Jesu vor der Seele stand. Johannes erzählt folgende Scene aus dieser Zeit der letzten öffentlichen Anwesenheit und Wirksamkeit Jesu in Jerusalem. Eines Tages wenden sich Hellenen an die Jünger Jesu und begehrten ihren Meister zu sehen (s. Joh. 12,21). Da eigens bemerkt wird, daß .die Hellenen zum Fest heraufgekommen waren und wir außerdem bei diesem Ereigniß das Volk in der Umgebung Jesu finden, so müssen wir uns diese Scene im Heiligthum vorstellen. Es wird nicht berichtet, daß Jesus sich mit den Hellenen eingelassen habe, aber daß das Verlangen dieser Heiden, ihn zu sehen, wahrend er im Begriff ist, sich vor seinem Volke zu verbergen (s. Joh. 12,36), um nach dem Vorbilde des Jona zu den Heiden zu gehen, ihn in eine gehobene Stimmung versetzte, ist selbstverständlich und erhellt auch aus den in diesem Anlasse gesprochenen Worten Jesu deutlich genug. „Die Stunde ist gekommen,“ beginnt Jesus, „daß des Menschen Sohn verkläret werde.“ Oft haben wir vernommen, daß die Stunde der Entscheidung noch nicht erschienen sei, jetzt erklärt Jesus selber, daß diese Stunde da ist. So wenig Jesus irgend Etwas versäumt, so wenig läßt er sich durch irgend Etwas überraschen. Die Stunde der Entscheidung tritt nicht ein, ohne daß er ihr Herankommen merkt, ja wie wir gleich sehen, fühlt. Er bezeichnet die Stunde als den Zeitpunkt seiner Verklärung und meint damit das Ende der Entscheidung. Diese Auffassung hängt wohl eng mit dem gegebenen Anlasse dieses Wortes, dem erhebenden Zeichen der Zukunft in der Frage der Hellenen zusammen. Daß aber Jesus bei dieser Auffassung den für dieses Ende nothwendigen Durchgang keineswegs übersieht, gibt er gleich zu verstehen, indem er hinzufügt, daß das Weizenkorn sterben müsse, um viele Frucht zu bringen. In dieser Naturordnung steht Jesus das Gesetz, das sich zunächst an ihm selber erfüllen wird, da aber sein Blick durch das Fragen und Verlangen der anwesenden Hellenen auf die ganze Zukunft gerichtet wird, stellt er dieses Gesetz des Fruchtschaffens durch Selbsthingabe als allgemeine Regel für alle seine zukünftigen Diener und Nachfolger auf (s. Joh. 12,25.26). Dann tritt eine Wendung ein, bei welcher wir deutlich merken, daß Jesus selber von dem Herannahen der Stunde, welche die Frucht der Verklärung nicht anders als nach der Finsterniß des Todes und Grabes ans Licht bringt, ein unmittelbares Gefühl hat. Während er sonst in der bezeichneten Richtung ruhig fortredet oder wenn er auch von seinem Leiden spricht, dieses thut ohne merkliche Gemüthsbewegung, nimmt er jetzt plötzlich eine Wendung, in welcher er unverhohlen die Erschütterung seiner eigenen Seele ausspricht. Jesus sagt: „jetzt ist meine Seele erschüttert und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber um deswillen bin ich in diese Stunde eingegangen. Vater, verherrliche deinen Namen“ (s. Joh. 12,27.28). Es ist das etwas ganz Neues, was sich uns hier aufthut. Wir fragen verwundert: wie? wankt denn auch die ewige Säule? Wir haben gesehen, daß Johannes der Täufer, dieser Heros der Geister, einmal zweifelnd fragen konnte, Petrus den Bekenner, den Felsenmann, haben wir wankend gefunden, aber so erschütternd uns dieses war, so beruhigten wir uns bald wieder, sobald wir den anschauten, den wir als den Zeugen der Wahrheit ohne Gleichen kennen gelernt, und diesen immerdar fest und ohne Wanken fanden. Wehe uns, wenn auch dieser Eine, den unsere Seele liebt und an dem allein sie sich halten kann auf dem sturmbewegten Meere dieser Welt, wanken sollte und wäre es auch nur auf eine Minute! Ich möchte selig preisen die Seele, welche nicht aus Vorwitz, sondern im ernsten Ringen nach ewiger Wahrheit sich in diesen Gedanken der Sorge und Angst vertieft, denn diese Seele ist auf dem geradesten Wege, auf ewig aller Sorge und Unruhe ledig zu werden. Auf diesem Wege einer in den innersten Grund des Seelenlebens Jesu hineinreichenden Frage kommen wir dazu, sein Inneres zu verstehen und hier für immer die Ruhe unserer Seele zu finden. Wir haben Fleiß dazu gethan, um uns eine lebendige Anschauung davon zu verschaffen, wie unser Herr sich in die verschiedensten Lagen der äußeren und inneren Welt hineinbegibt, zugleich aber auch, wie er in all diesen Verschiedenheiten und Mannigfaltigkeiten der Welt immer derselbe bleibt. Diese Einheit und Unwandelbarkeit seines Wesens und Lebens könnten wir aber möglicherweise immer noch so denken, daß wir uns vorstellten, er nehme zwar Theil an dem Wechsel der Welt und es sei deshalb die verschiedene Zuständlichkeit seines Lebens keine Unwahrheit, aber die großartige, wunderbare und unvergleichliche Einheit seines Lebens komme doch schließlich so zu Stande, daß der eigentliche Grund seines Wesens bei all der Mannigfaltigkeit des äußeren Lebens und auch der inneren Stimmung außenvor bleibe und dieser Grund eben wegen solcher gänzlichen Unverworrenheit mit der Welt unbeweglich und in sich einig sei. Viele Christen denken sich das Leben und die Geschichte Jesu wirklich so und berauben sich mit diesem Wahne der eigentlichen Grundkraft ihres Glaubens. Das ist nämlich erst die volle Wahrheit des Lebens und der Geschichte Jesu, daß eben sein innerster Wesensgrund in alle Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit eingeht und seine innere Einheit und Beständigkeit nicht dadurch behauptet, daß er außenvor bleibt, sondern dadurch, daß er eingehend in alle Dimensionen der Welt, diese in sich zur Einheit erhebt und mit Gott Eins macht. Darauf allein beruht unsere Versöhnung und Erlösung. Daß aber die Geschichte Jesu so und nicht anders zu verstehen ist, das erfahren wir vornehmlich bei dem Ausgang des Lebens Jesu und als das erste sicherste Zeichen davon stellt sich sein Selbstbekenntniß in dieser Stunde dar. Wir sehen hier ganz unzweifelhaft, daß Jesus mit seinem inneren Leben dem Gesetze der Zeit unterworfen ist. Warum sonst spricht er hier von seinem Leiden so ganz anders, als bei Cäsarea Philippi und da er von Galiläa aufbrach und sein Angesicht gen Jerusalem richtete? Offenbar fühlt er in seinem innersten Seelengrunde die Wucht der herangekommenen Stunde, welche ihm früher noch ferner stand und daher auch durch ihre Nähe nicht so unmittelbar belastete. Er spricht es geradezu aus: „jetzt ist meine Seele erschüttert.“ Das ist noch keine Verwirrung, noch kein Wanken, schon deshalb nicht, weil dieser Seelenstand Jesu sich selber offen und ohne Vorbehalt ausspricht. Eine verwirrte und wankende Seele spricht sich nimmer aus, sie kann es gar nicht einmal, zwar kann sie Zeichen ihrer Verwirrung von sich geben, aber die Verwirrung selber auszusprechen, ist ihr nicht möglich. Alle Verwirrung und alles Wanken der Seele ist Finsterniß und die Finsterniß kommt niemals von sich selber und durch sich selber ans Licht. Indem Jesus seine Seelenerschütterung selber ans Licht bringt, gibt er zu verstehen, daß er eine feindliche Macht empfinde, die einen Stoß ausübt auf seinen innersten Seelengrund, die daher abgesehen von der Widerstandskraft im Stande ist, Verwirrung und Wanken in ihm zu bewirken, daß aber sein Wille jener Macht Widerstand leiste, durch welchen Widerstand diese ebenso sehr als eine vorhandene und wirkende, als eine im Ueberwundenwerden und Unterliegen begriffene anerkannt und aufgewiesen ist. Sein Selbstbekenntniß kann nur in dem Lichte dieses heiligen Willens ruhen, daß aber die feindliche Macht noch vorhanden und wirksam, gibt Jesus noch deutlicher durch sein weiteres Bekenntniß zu verstehen. Was soll ich sagen? fragt er. Johannes konnte Jesum fragen, als er in Gefahr war, unsicher zu werden. Jesus kann Niemand fragen, außer sich selber. Wie tief die Erschütterung geht, sollen wir daraus erkennen, daß er in der That sich selber fragt und zwar vor den Ohren der Menschen, die ihm doch so wenig Antwort geben können, daß sie nicht einmal begreifen können, was er fragt. Aber dennoch spricht er diese innerlichen Erwägungen aus, gleichwie der erste Mensch die Namen der Thiere ausrief, ohne daß ihm Jemand zuhörte. Die Sprache ist nicht bloß um des Anderen willen da, sie ist die Vollendung des lebendigen Gedankens selber. Wir ersehen aber daraus die mächtige Erregtheit, in der wir uns den Herrn hier vorstellest müssen: die Gewalt seiner inneren Gedanken nöthigt ihn, daß er sie unwillkürlich ausspricht. Er erwägt, ob er den Vater bitten solle um Bewahrung vor der feindlichen Stunde. Er läßt uns damit deutlich merken und fühlen, wie bedrohlich und entsetzlich die Schrecken dieser Stunde auf ihn eindrangen. Wie dem Kinde beim Anblick einer Gefahr der Gedanke der schützenden und rettenden Mutter der nächste ist, so spricht Jesus hier sein Inneres unverhohlen aus, die Frage ist eine Erwägung, der es um Rath zu thun ist. Er selbst gibt sich den Rath, der dahin lautet, daß er diese Bitte an den Väter nicht richten wolle, denn er besinnet sich, daß er eben um die Schrecken der Stunde zu leiden, in diese Stunde eingegangen sei, jene Bitte will er nicht thun, aber eine andere thut er sofort: Vater verkläre deinen Namen. Damit läßt er seinen eigenen Zustand, aus dessen Bewegung heraus er geredet hatte, ganz fallen und auf sich beruhen, sein Wille erhebt sich zu dem einen und ewigen Ziele, daß des Vaters Name in dem Lichte seiner Ehre und Herrlichkeit strahlen und dadurch Alles, was finster ist, überwunden werden möge. Damit vollendet sich der Sieg des heiligen Willens Jesu, in dessen inneren Kampf wir hier einen Blick gethan haben. Von diesem Ende aus angesehen wird es ganz deutlich, daß das Bekenntniß der Erschütterung und der aus der Erschütterung hervorgehenden Fragen auf einen unvollendeten Moment hinweisen. Vollendet wird dieser Moment durch den Willensact, der sich in dem Gebete an den Vater ausspricht. Wenn Einer recht kämpfet, sagt Paulus, so wird er gekrönet. Einem Kampf und Sieg ohne Gleichen haben wir zugeschaut, demgemäß ist auch die Krone eine unvergleichliche. Als Jesus seinen ersten Kampf in der Wüste stegreich bestanden, traten die Engel Gottes zu ihm und dieneten ihm. Hier auf dem Tempelberge erschallt nach dem Kampf und Sieg eine himmlische Stimme: „wie ich habe verkläret, also werde ich abermals verklären.“ Diese Stimme ist die himmlische Antwort auf das. was Jesus gebeten hat und was er nicht gebeten hat. Jesus wollte Nichts bitten für sich selber, nur sprach er den Glauben aus, daß des Menschen Sohn verklärt werden werde und zwar nicht sowohl ungeachtet einer bevorstehenden schweren angstvollen Stunde, sondern eben wegen und in derselben, sein Gebet hatte sich endlich nur gerichtet auf Verklärung des göttlichen Namens. Die himmlische Stimme gibt die unmittelbare Verheißung, daß, sowie bisher Verklärung von dem, der im Himmel ist, bewirkt worden sei, es also auch hinwiederum geschehen werde. Wie die Erde ihre Bitte in ein kurzes Wort zusammengefaßt, so antwortet der Himmel gleichfalls mit kurzem Wort, aber doch ist Alles verständlich. Wenn sich die himmlische Antwort schon durch die Wiederholung des Hauptwortes des Bittenden, sowie durch die Thatsächlichkeit selber als Erfüllung der Bitte ankündigt, so kann der Sinn nur der sein: daß die Verklärung des göttlichen Namens eben in der Verklärung des Sohnes sich vollzieht, und darum diese Verklärung des Sohnes, wie sie schon bisher vom Himmel aus bewirkt worden, ebenso auch abermals vom Himmel aus durch denselben erfolgen werde. Kann es uns befremden, daß Johannes hinzufügt, das umstehende Volk, als es die himmlische Stimme vernahm, habe geglaubt, es donnere, und Andere hätten gesagt, ein Engel rede mit ihm? Merken wir denn nicht, daß hier ein Geheimniß waltet, für dessen Vernehmen und Verstehen nicht alle Ohren, welche irdische Stimmen vernehmen können, tauglich sein werden? Merken wir denn nicht, daß hier Erde und Himmel mit einander im Zwiegespräch stehen? Als die mütterliche Erde zum ersten Mal ihren Mund aufgethan, um unschuldiges Blut zu trinken, da schrie sie zum Himmel empor, und auch eine Antwort erfolgte vom Himmel her (s. 1. M. 4,10-12). Aber dieses erste Zwiegespräch zwischen Erde und Himmel endet mit dem Fluch des Menschen. In den vernommenen Worten Jesu auf dem heiligen Berge richtet abermals die Erde ihre Stimme zum Himmel, alle Angst und Noth, die in den Räumen der Erde beschlossen ist, hat sich der Seele Jesu bemächtigt und erschüttert ihre tiefsten Gründe, aber während sonst die Angst und Noth der Erde mit Banden der Finsterniß an den Abgrund gebunden ist und sich niemals ganz und rein aus diesem Grunde zum Himmel emporheben kann, spricht sich die Angst und Noth der Erde durch den Mund Jesu in klarem Worte aus und endlich erhebt sich der heilige Wille, nachdem er über diese unteren Gewalten gesiegt, mit der Bitte um Verklärung des göttlichen Namens als der reine Duft und Wohlgeruch von dem im Feuer verbrennenden Opfer zum Himmel empor. Wer dieses Klagen und Flehen der Erde vernommen hat, der wird sich nicht wundern, daß der Himmel sich aufthut und sein vieltausendjähriges Schweigen bricht, wer jene Stimme der Erde verstanden hat, der wird des Himmels Antwort vernehmen können. Offenbar aber waren die Jünger die Einzigen, welche von dem Sinn der Worte Jesu eine Ahnung hatten. Sie hatten die wunderbare Haltung und Festigkeit Jesu in den verschiedensten Lagen des Lebens gesehen und angebetet, ihnen kann es nicht entgehen, daß es etwas ganz Ungewöhnliches und Neues ist, wenn der Herr es offen ausspricht: „jetzt ist meine Seele erschüttert,“ Ihre Seele ist demnach soweit wenigstens empfänglich, um die Worte der himmlischen Stimme zu vernehmen. Bei dem umstehenden Volk fehlt diese geistige Empfänglichkeit und deshalb erhält es von dieser geheimnißvollen Thatsache göttlicher Offenbarung nur einen unbestimmten Eindruck, wie wir dies auch sonst bei ähnlichen Ereignissen der heiligen Geschichte finden (s. Apostelg. 9,5-7. 22,9). Es ist dies übrigens das dritte Mal, daß der Himmel mit menschlichen Worten sich über Jesum vernehmen laßt. Das erste Mal geschah es am Jordan bei der Taufe, das zweite Mal auf dem galiläischen Berge bei der Verklärung, und jetzt auf dem Tempelberge in Folge der Klage und Bitte Jesu. Je verdeckter die Herrlichkeit Jesu auf Erden ist, desto bedeutsamer ist diese unmittelbare Verherrlichung vom Himmel herab, darum ist aber dieselbe nirgends so wichtig wie hier, wo sich Jesus anschickt, in die tiefste und für die Meisten auf ewig verdeckte Entäußerung seines göttlichen Wesens einzutreten. Darum fügt auch Jesus hinzu: „diese Stimme ist um euretwillen geschehen,“ indem er natürlich zunächst seine Jünger, welche die Stimme nicht bloß gehört, sondern auch verstanden hatten, anredet.

Das klare und volle Selbstbewußtsein Jesu über seine augenblickliche Stellung in der Welt, welches aus allem diesem sich uns ergibt, ist ein heller Spiegel, in welchem sich die vollkommene Einsicht des Herrn in den sittlichen Stand seines Volkes, durch welchen sein eigenes Geschick in dieser gegenwärtigen Stunde bedingt ist, offenbar macht. Die Erschütterung seiner Seele, über welche er klagt, ist ja eben darin begründet, daß die Welt ihm nicht mehr als Gegenstand und Ort seiner Einwirkung erscheint, sondern lediglich als eine Macht, die auf ihn eindrängt. Von einer Einwirkung auf die Welt kann bei diesem Stande der Dinge erst dann wieder die Rehe sein, wenn die Macht der Welt, welche bis auf den innersten Grund der Seele eindringt, eben hier in dem Grunde der Seele überwunden ist und eben dadurch der Grund der Seele die Grundlage einer neuen Einwirkung wird. Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Erschütterung der Seele die nothwendige Bedingung der nunmehr allein noch möglichen Einwirkung auf die Welt, Also ungeachtet seiner Freude über die Begeisterung des Volkes, ungeachtet seines letzten Handelns auf Grund dieser Begeisterung hält der Herr die Einsicht in die Verderbniß seines Volkes, welche auf dem Punkte steht, sich zu vollenden, mit voller Klarheit und Sicherheit fest.

Die Klarheit und Bestimmtheit der Einsicht Jesu in die vorhandene Verderbtheit ermöglicht es ihm, noch in der letzten Stunde mit aller Kraft zu handeln, den Zustand der Verderbtheit in seiner lebendigen Wirklichkeit deutlich zu erkennen und richtig zu behandeln. Es gibt eine Ueberzeugung und Lehre von der Sünde des Einzelnen, wie des Geschlechtes, welche gefährlich und verderblich ist, das ist diejenige Auffassung, welche so zu sagen von der Macht der Sünde sich überwältigen läßt und nun die Sünde als eine allgemeine, Alles beherrschende und durchdringende Macht erkennt und fühlt, aber zu der Anschauung der jedesmaligen Correctheit und Wirklichkeit, welche die Sündenmacht in jedem Einzelneu wie in jeder größeren Gesammtheit annimmt und behauptet, nicht hindurchdringt. Ans dieser Betrachtung der Sünde erwächst zuletzt ein dumpfes Gefühl von der allgemeinen Uebermacht der Sünde, ein bewegungsloses Anstarren der bösen Gewalt, welche endlich nicht mehr sehr verschieden ist von dem Cultus der Jeziden, und jedenfalls sittliche Erschlaffung und Abstumpfung erzeugt. Diese Art von Sündenerkenntniß ist in unserer Zeit weit verbreitet und Manche halten diese Ansicht für einen hohen christlichen Stand. Darum ist es lehrreich, zu sehen, wie Jesus den vorhandenen Zustand allgemeiner und vollendeter Verderbtheit anschaut und behandelt. So tief er davon durchdrungen ist, daß die Verderbtheit das Ganze des Volkes ergriffen hat und nirgends mehr eine Stäte übrig geblieben ist, welche in Bewegung zu setzen und von der das Ganze in den rechten Stand zu bringen wäre, so weit ist er doch entfernt, das Ganze als eine unterschiedslose und wüste Masse der allgemeinen Verderbtheit anzusehen. Er bleibt dabei, wie er gleich Anfangs nach dem Vorgange des Täufers festgesetzt, daß die Hauptverantwortung und Schuld die geistlichen Führer des Volkes auf sich nehmen müssen. Dies hat sich ja auch niemals so deutlich herausgestellt, wie bei dem feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem. Das ganze Volk wird von einer freudigen und begeisterten Bewegung hingerissen, jenen geistlichen Oberen dagegen entfällt zwar der Muth, ihre bereits gefaßten boshaften Anschläge gegen Jesum auszuführen, aber innerlich beharren sie in ihrer Feindschaft. Nun darf allerdings Jesus von jedem einzelnen Israeliten und somit auch von dem ganzen Volk verlangen, daß sie ihn nicht bloß in Stunden erhöhter Stimmung für den König Israels halten, sondern diese Ueberzeugung für immer bewahren und zum Grunde ihres Lebens machen sollen, und demnach, wenn sie sehen, daß die ordnungsmäßigen und gefeierten Auctoritäten in ihrer Abwendung von Jesu beharren, muß es Allen gewiß sein, daß sie mit Abscheu von ihren bisherigen Führern sich wegzuwenden und um so fester an Jesum anzuschließen haben. Nun ergibt sich, daß das ganze Volk, sobald es gewahr wird, daß seine gewohnten und bestellten Führer in ihrer feindlichen Stimmung gegen Jesum beharren, in seiner Begeisterung für Jesum sich nicht zu halten vermag, sondern sich wiederum der althergebrachten Leitung der gewohnheitsmäßigen Auctorität überläßt und damit dann den, welchen es für den König Israels ausgerufen hat, nach Anleitung seiner Oberen Preis gibt und an die Heiden verräth. Darin offenbart sich die Verkehrtheit und Gewissenlosigkeit des ganzen Volkes, aber diese erscheint ganz deutlich bedingt und bestimmt durch die weit bewußtere und verantwortlichere Bosheit der Oberen. Die Sünde Israels gewinnt demnach die Gestalt eines organischen Wesens, in welchem es Bedingendes und Bedingtes, Leitendes und Folgendes gibt, oder noch bestimmter, die allgemeine Verderbtheit erscheint als ein Reichswesen, wie Jesus, sobald er die Sünde im Ganzen und Großen beschreibt, immer diese Form gebraucht. Nun aber ergibt sich weiter, und das zeigt erst die volle Gestalt der vorhandenen Sünde, daß die bewußteren und verantwortlicheren Leiter in dem Verrath gegen Jesum, in dieser Vollendung der israelitischen Sünde, eben dieselben sind, welche mit der geistlichen Leitung Israels betrauet sind, die gottbestellten Träger der israelitischen Obrigkeit. Darin ist ja enthalten, daß das Böse sich des göttlichen Organismus bemächtigt und seinen eigenen Organismus aus den Elementen des göttlichen Organismus erbauet hat. Nur wer diese Gestalt des Bösen erkannt hat, vermag auch in die ganze Tiefe der Sünde hineinzuschauen.

Darauf nun hat Jesus sein Wirken und Reden in den letzten Tagen angelegt, daß diese Gestalt der Verderbtheit offenbar werde, und sobald er das erreicht hat, verabschiedet er sich von seinem Volke. Da Jesus in diesen Tagen lehrend und heilend im Tempel auftritt, so beginnen die Volksleiter, weil sie aus Furcht vor dem Volke offen gegen Jesum nicht aufzutreten wagen, damit, daß sie verfängliche Fragen an ihn richten, und zwar nicht bloß die Pharisäer, sondern auch die Sadducäer, und jene sogar einmal in Verbindung mit der weltlichen Auctorität der Herodianer (s. Matth. 21,23. 22,15-22. 23-33. 34-40). Jesus macht nun jedesmal ihre List durch seine Ruhe und Ueberlegenheit zu Schanden und weiß sie außerdem durch Gegenfragen so in die Enge zu treiben, daß sie beschämt abziehen müssen (s. Matth. 21,27.22,22). Je deutlicher nun daraus die Verhärtung und Bosheit der Pharisäer und Sadducäer, der Schriftgelehrten und Hohenpriester hervorgeht, desto mehr sieht sich Jesus veranlaßt, entweder mit ausdrücklichen Worten oder in leicht verständlichen Gleichnißreden die Bosheit und Schuld dieser Volksführer ihnen ins Angesicht vorzuhalten. Er sagt ihnen: „die Zöllner und Huren kommen eher ins Himmelreich, als ihr“ (s. Matth. 21,31); er schildert die Bosheit, die sie gegen ihn als den Sohn ausüben werden, in dem Gleichniß von den bösen Weingärtnern und sie selber müssen sich ihr Urtheil sprechen (s. Matth. 21,23-41. vgl. 22,1-14), was sie nachher selber merken (s. Matth. 21,45). Er bezeichnet sie als die Bauleute, von denen der Psalmist sagt, daß sie den Eckstein verwerfen werden (s. Matth. 21,42); und sie macht er dafür verantwortlich, daß das Reich Gottes von ihnen genommen werden und einem anderen Volk gegeben werden wird, welches seine Frucht tragen wird, und bedroht sie damit, daß der Stein, den sie wegwerfen, eben sie selbst zermalmen werde (s. Matth. 21, 43.44). Indessen alle Belehrung, alle Beschämung, alle Ermahnung und alle Bedrohung gleitet an dem harten Herzen dieser israelitischen Volksführer ab. Johannes bemerkt zwar selbst von dieser letzten Zeit, daß Viele von den Obersten geglaubt haben, aber, fügt er hinzu, sie bekannten es nicht, damit sie nicht in den Bann kämen, denn sie hatten die Ehre der Menschen lieber, als die Ehre bei Gott (s. Joh. 12,42.43). Es war also der Stand dieser Obersten ein Glaube, der die Menschenfurcht nicht austrieb, sondern von der Menschenfurcht überwunden wurde, wie wir es heut zu Tage bei Vielen finden. Diesen Glauben rechnet Jesus für keinen und kann deshalb um eines solchen todten Glaubens willen sein Urtheil über den ganzen Stand der Obersten nicht ändern. Aber auch bei dem Volk erreicht Jesus die Frucht dieser seiner Kämpfe und Siege nicht. Das Volk verwundert sich freilich über die überlegene Weisheit und Kraft Jesu (s. Matth. 22,33), aber anstatt nun seine Begeisterung zu einer festen, entschiedenen Gesinnung für seinen göttlichen König reifen zu lassen, ermatten und erkalten die Juden allmälig in ihrer Begeisterung und nehmen die besseren Eindrücke ihres Gewissens gefangen unter die Gewohnheit des Auctoritätsgehorsams.

Sobald Jesus dieses Resultat seiner letzten Anstrengung wahrnimmt, zieht er die Summe und nimmt von seinem Volk Abschied. Die große und gewaltige Rede Jesu, welche Matthäus im 23. Kapitel mittheilt und von der er ausdrücklich bemerkt, daß sie vor den Volkshaufen und den Jüngern gesprochen wurde, während er unmittelbar nach dieser Rede erzählt, daß Jesus aus dem Tempel hinausgegangen sei (s. 24,1), ist diese feierliche Verabschiedung Jesu von Israel. Zweierlei setzt Jesus zuerst in seiner Rede fest. Zuvörderst erkennt er die Auctorität und Legitimität der Schriftgelehrten und Pharisäer ohne Vorbehalt an. Indem er damit anhebt: „auf Moses Stuhl setzten sich die Schriftgelehrten und Pharisäer,“ drückt er ihre amtliche Stellung und Würde so stark wie möglich aus. Er geht aber noch weiter, er fügt hinzu: „Alles nun, was sie euch sagen, das haltet und thut.“ Allerdings macht Jesus sonst auf falsche Lehren der israelitischen Auctoritäten damaliger Zeit aufmerksam (s. Matth. 5,43. 15,3-6. 19,3-6), und er kommt in seiner weiteren Rede auch hier auf dergleichen (s. Matth. 23,16-22), aber das hindert ihn nicht, im Ganzen und Großen ihnen die Anerkennung ihrer Orthodoxie auszusprechen. Da sie nämlich doch immer auf die Schriften Moses und der Propheten zurückgingen, so können ihre jeweiligen schriftwidrigen Zusähe leicht erkannt werden und dürfen demnach als etwas Verschwindendes angesehen werden. Das ist offenbar der Sinn des Herrn bei diesem großen Zugeständniß. Aber eben so entschieden, als er den Schriftgelehrten und Pharisäern die Richtigkeit und Reinheit ihrer Lehre zugesteht, spricht er ihnen die Richtigkeit und Reinheit ihres Wandels ab. „Nach ihren Werken,“ sagt er zu dem Volke und zu seinen Jüngern, „sollt ihr nicht thun, sie sagen es wohl, aber thun es nicht.“ Während nämlich Gesetz und Propheten neben Allem, was sie Aeußerliches vorschreiben, vor allen Dingen Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Glauben fordern,- also Reinheit und Richtigkeit des Herzens vor Gott und den Brüdern, haben die Schriftgelehrten und Pharisäer all ihr Thun nach außen gekehrt, „alle ihre Werke thun sie,“ sagt Jesus, „damit sie von den Leuten gesehen werden.“ Nicht auf das Wesen der Rechtschaffenheit haben sie ihren Sinn und ihren Fleiß gerichtet, sondern auf die Form und den Schein, bei den Gastmählern, in den Schulen und auf den Märkten (s. V. 6.7). Jesus weist demnach zwischen Lehre und Wandel der Schriftgelehrten und Pharisäer einen vollendeten Widerspruch aus. Damit ist nun eben die Nothwendigkeit dargethan, daß ein Neues erfolgen muß, denn wenn an der Stäte, von welcher das Licht Gottes in die Finsterniß hineinleuchten soll, der vollendete Widerspruch zwischen Wort und That seinen Sitz aufgeschlagen hat, so hat entweder die Finsterniß das Licht besiegt, oder es muß das göttliche Licht in der Welt eine neue Kraft empfangen. Da nun Jesus sich und die Seinen als das Licht der Welt ankündigt (s. Joh. 8.12. 9,5. 12,35.46. Matth. 5,14.16), so kann nur das Zweite Statt haben. In der That setzt nun Jesus jenem Widerspruch, der den Todeskeim des Bisherigen in sich schließt, sofort ein Neues entgegen und das ist das Zweite, was er im Anfang seiner Rede hervorhebt. Wir werden aber nach seiner ersten Aussage nicht erwarten dürfen, daß das Neue in einer neuen Lehre bestehen wird, und das ist auch durchaus nicht der Fall. Es behält sein Verbleiben und Bewenden bei der Lehre des Gesetzes und der Propheten, wie er gleich Anfangs feierlich verkündigt hat, daß er nicht gekommen sei, das Gesetz und die Propheten aufzulösen, nicht aufzulösen sei er gekommen, sondern zu erfüllen (s. Matth. 5,17), und damit stimmt auch die Versicherung des Apostel Paulus überein, daß er Nichts lehre, als was die Propheten und Mose vorausverkündigt hätten (s. Aposteln. 26, 22). Was aber anders und von Grund aus erneuert werden soll, das ist der Wandel und das Thun, dieses soll nämlich in völligen Einklang treten mit der göttlichen und unwandelbaren Lehre und dazu bedarf es einer Umwandelung und Erneuerung der Gesinnung. Bei den Schriftgelehrten und Pharisäern läuft alles Dichten und Trachten zuletzt darauf hinaus, daß ihre Auctorität von den Menschen anerkannt werde, daß sie auf den öffentlichen Plätzen als „Meister,“ „Meister!“ begrüßt werden (s. V. 7). Dem entgegen befiehlt nun Jesus den Seinen, daß sie von einander keine Ehrentitel annehmen sollten, sondern ihre gegenseitige Stellung sollte ruhen auf dem Bewußtsein, daß Alle unter einander Brüder seien, und zwar sollte dieses Bewußtsein der brüderlichen Gleichheit wiederum wurzeln in dem anderen Bewußtsein, daß sie allesammt einen Vater haben, nämlich Gott im Himmel, und einen Meister, nämlich Christus (s. V. 9.10). Diese Vorschrift .stimmt genau mit einem früheren Worte Jesu an die Juden: „wie könnet ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmet und die Ehre von Gott allein nicht suchet“ (s. Joh. 5,44). Diese gleiche Selbstständigkeit und gleiche Unterordnung Aller unter Gott dem Vater und dem Sohn ist aber nicht leblose Einerleiheit; da hier vielmehr das höchste und göttliche Leben waltet, so gibt es auch innerhalb jener unantastbaren und unzerstörbaren Einheit Verschiedenheiten, und indem auch dafür Jesus die Regel und Ordnung aufstellt vollendet er den Gegensatz der neuen Gemeinschaft, welche er stiftet, gegen den Charakter der Aeußerlichkeit, an welchem die bisherige Auctorität in den göttlichen Dingen zu Grunde geht. „Wer größer sein will unter euch,“ sagt er, „der sei euer Diener“ (s. V. 11). Die Grundlage aller Größe in dem neuen Reiche soll also die Demuth und das Dienen sein, welche Regel durch den heiligen Vorgang Jesu selber, der allein dadurch der Größeste und Höchste geworden ist, daß er sich am tiefsten erniedrigt hat und ein Diener Aller geworden ist, eine ebenso unverbrüchliche Sanctionirung, als unvertilgbare Klarheit empfangen hat.

Nachdem der Herr somit den unverfälschbaren Grundzug der Innerlichkeit seines Reiches gezeichnet, spricht er über die bisherigen Inhaber der heiligen Auctorität das Endurtheil. In einem achtfachen Wehe über die gegenwärtigen Nachfolger auf dem Stuhle Moses läßt er den Donner seines Gerichtes vor dem versammelten Volke auf dem heiligen Berge daherrollen. Wie er einst auf dem galiläischen Berge mit den Seligpreisungen begann, so schließt er hier auf dem Berge Moria seine Reden mit dem Weheruf und gibt damit auf das Deutlichste zu erkennen, daß alle Offenbarung seiner göttlichen Liebe und Menschenfreundlichkeit in Wort und That vergeblich gewesen ist und darum nothwendig in das Gericht ausgehen muß. Von der Meinung, welche jetzt bewußt und unbewußt zum unsäglichen Schaden der Seelen viele Gemüther verwirrt, als ob das Amt die Person decken müsse, wenigstens vor den Augen und Ohren des Volkes, finden wir hier das gerade Gegentheil. Die Amtlichkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer hat Jesus vollkommen anerkannt, aber eben ihr heiliges Amt macht ihr persönliches Verhalten in den Augen des Herrn nur um so verantwortlicher, und darum wendet er den ganzen göttlichen Ernst gegen die Verwerflichkeit ihres persönlichen Handelns. Es gibt prophetische Reden, in denen wir gleichfalls den Donner des göttlichen Gerichtes deutlich vernehmen, aber was diese Rede über alle ähnlichen hinaushebt, ist der Umstand, daß wir ihr Entstehen so zu sagen von Stufe zu Stufe verfolgen können. Nachweislich liegt es vor uns, wie die heilige Liebe Jesu, „welche den glimmenden Docht nicht auslöschen und das zerknickte Rohr nicht zerbrechen will“ (s. Matth. 12,19), welche alles Verlorene sucht und pflegt, welche Niemand von sich stößt, welche die leiseste Regung der Empfänglichkeit, gleichviel, in welcher Umgebung sie sich findet, wahrnimmt und an sich zieht, lediglich durch den wachsenden böswilligen Widerstand, der sich immer deutlicher in dem Stande der geistlichen Führer Israels concentrirt und verfestet, zu dieser Flamme des Zornes angefacht worden ist. Wir haben den vollen, lebendigen Eindruck, daß jedes Wort, in welchem das tödtende Schwert aus diesem heiligen Munde zuckt, getragen ist von der ganzen Hingebung und Liebe dieser Persönlichkeit. Darum ist diese gewaltige Drohrede nicht ein besonderer Auftrag Jehovas, wie ähnliche Verkündigungen der Propheten, sondern das geschichtliche Resultat eines ganzen Lebens und ungetheilten Wirkens. Und aus diesem Grunde müssen wir sagen, eine solche Rede hat Jerusalem, hat die Erde noch niemals vernommen. Auf das Einzelne dieser Rede einzugehen, müssen wir uns versagen, nur die Schlußwendung wollen wir uns merken.

Nachdem Jesus die Heuchelei der Schriftgelehrten und Pharisäer in ihren Haupterscheinungen offen und schonungslos nachgewiesen, nennt er sie schließlich Schlangen und Otterngezüchte (s. V. 33) und bezeichnet damit die Vollendung aller Lüge und Bosheit, welche durch die Schlange in die Welt gekommen ist. Er kommt damit wieder auf das Wort des Täufers im Anfang des Evangeliums (s. Matth. 3,7), sowie auf seine eigene Erklärung, in welcher er früher den Teufel als ihren Vater bezeichnet hatte (s. Joh. 8,44). In dieser Wiederholung liegt aber unter den obwaltenden Umständen nothwendig eine Steigerung. Wenn die Schriftgelehrten und Pharisäer in ihrem boshaften Lügenwesen der ganzen Offenbarung der Gnade und Wahrheit, die in Jesu Christo ist, gegenüber beharret sind, so muß sich nunmehr diese Lüge und Bosheit jetzt vollenden. Sie sind Söhne derer, welche einst die Propheten getödtet haben (s. V. 31), und ihr Vater im letzten Sinne des Wortes ist die Schlange, deren Same sie sind, dieser ist der Menschenmörder von Ansang (s. Joh. 8,44). Darum können sie nicht anders, sie müssen den, in welchem alles Prophetenthum seine Vollendung hat, den, in welchem die alte Menschheit ihren Abschluß und die neue Menschheit ihren Ursprung hat, vom Leben zum Tode zu bringen. Darum, sowie der Herr dereinst, als er auf dem Tempelberge sein Zeichen erhob und wegen der feindseligen Verschlossenheit kein Verständniß fand, die Leiter des Volkes aufforderte, den Tempel seines Leibes abzubrechen (s. Joh. 2,19), so fordert er sie jetzt wiederum auf mit den Worten: „und ihr, machet voll das Maß eurer Väter“ (s. V. 32). Er vergegenwärtigt sich die Feindschaft, welche Israel von Alters her gegen die Männer Gottes gehegt und geübt, es erscheint ihm das wie eine verhängnißvolle Verkettung von Blutthaten und die gegenwärtigen Inhaber des Stuhles Moses haben durch ihre Herzenshärtigkeit die Bestimmung über sich genommen, daß sie den vollendenden Schluß dieser fluchbelasteten Reihe hinzufügen müssen. Uebrig ist nämlich, und das ist eben das Vollmaß, daß sie ihn selber todten. Dies spricht der Herr hier nicht aus, aber er hat es schon früher ihnen deutlich genug gesagt, um ihnen auch jetzt, ohne es ausdrücklich zu nennen, verständlich zu sein. Bei diesem letzten Ausgange angelangt, blickt der Herr noch einmal zurück und schaut bis in den Anfang der Menschheitsgeschichte hinaus. Das erste unschuldige Blut, welches die Erde getrunken hat, kommt ihm in den Sinn, und er überblickt den ganzen Blutstrom, von dem Tode des gerechten Abel bis zu seinem eigenen und unmittelbar bevorstehenden Ausgang, in welchem der Menschenhaß seinen Gipfelpunkt erreicht; und so erscheint ihm in seinem eigenen Tode der Culminationspunkt der gesammten Sünde des Menschengeschlechtes, die in der Tödtung Abels zum ersten Mal ihren teuflischen Ursprung und Charakter offenbart. Die Angeredeten bezeichnet, Jesus als die Vollstrecker dieses alle Sünde der Menschheit vollendenden Abschlusses. Wenn er sich nur mit dem Gedanken trösten dürfte, daß sein Volk bis zu diesem Vollmaß der Bosheit seinen bisherigen Leitern nicht folgen werde! Aber es ist ihm auch in den letzten Tagen wieder gewiß geworden, daß Israel zu unselbstständig ist, um seine altgewohnten Auctoritäten, auch wenn sie ihre Lüge und Bosheit vollenden, mit festem Entschlusse fahren zu lassen; er weiß es nur zu gut, daß auch das Volk, verleitet durch die Meister auf dem Stuhle Moses, seinen Theil an dem Vollmaß der Sünde nehmen wird, und darum sagt er: „alles gerechte Blut wird von diesem Geschlechte gefordert werden“ (V. 36).

Wer nun meinen wollte, daß mit diesem Worte Jesus seinen Abschied von Israel vollzogen hätte, der würde ein wichtiges Moment unbeachtet lassen. Der eigentliche Schluß ist doch noch ein anderer. Ehe wir diesen erwägen, müssen wir beachten, wie Johannes den Zustand Israels auffaßt in dem Augenblick, als Jesus sich seinem Volke für immer entzieht (s. Joh. 12,36-41). Johannes bezeichnet zunächst den Unglauben als einen ganz allgemeinen, sodann sieht er in diesem Unglauben Israels eine Erfüllung der Weissagung des Jesaja von der Seltenheit des Glaubens (s. Jes. 53,1). Weiter aber bezeugt Johannes, sie konnten nicht glauben, weil nach einem anderen Worte desselben Propheten ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt war (s. Joh. 12,39-41. vgl. Jes. 6,9.10). Dem Propheten Jesaja wird bei einer feierlichen Berufung angekündigt, daß die nächste Folge seiner prophetischen Botschaft nicht die Annahme und der Glaube, sondern vielmehr die Verblendung und Verhärtung sein werde. Offenbar sieht Johannes, gleichwie auch Petrus (s. 1 Petr. 1,24.25), in dem Evangelium Jesu die Vollendung der Botschaft des Jesaja; demnach ist es eine Selbstfolge, daß er den allgemeinen Unglauben als die Vollendung derjenigen Verstocktheit, welche dem Jesaja vorhergesagt wurde, ansehen muß. Johannes weiß sich auch mit dieser Auffassung in Einklang mit den Aussprüchen des Herrn selber (s. Marc. 4, 11.12). Wir müssen uns demnach vorstellen, daß der Herr, als er von Israel scheidet, sein Volk für verhärtet und verstockt hält. Es ist aber dies nicht eine so oder so entstandene Annahme, sondern wenn ihm irgend Etwas erfahrungsmäßig klar geworden ist, so ist es eben diese Gewißheit über Israels Verstocktheit. Er weiß dieses daher, weil er selber Alles aufgeboten, was denkbar und was möglich ist, um Israel zu gewinnen, und das Ende von Allem eine gänzliche Abwendung von ihm ist. Nun sollte man denken, daß damit das Aeußerste ausgesagt wäre, und doch ist dies nicht der Fall. So sehr ist Jesus das Licht der Welt, daß die himmlische Klarheit seines Wortes selbst in diese Finsterniß des göttlichen Verhängnisses über Israel hineindringt. Mit der Macht seiner Alles überwindenden Liebe stellt er sich unter die Last der Verhärtung und Verstockung Israels, und dadurch erreicht er es, daß sein letztes Wort ein Wort der Hoffnung wird. Sein eigentlicher Abschied ist nämlich das Wort: „ihr werdet mich von nun an nicht sehen, bis ihr sprechet: gesegnet sei der da kommt im Namen des Herrn“ (s. V. 39). In diesen Worten leuchtet noch einmal hie Erinnerung an den feierlichen Einzug auf: bei diesem Einzug nämlich begrüßten ihn die Juden mit jenem Willkommen des 118. Psalmes. Jesus hat diese Begrüßung allerdings, wie wir gesehen haben, in vollen Ehren gehalten, aber das steht für ihn ebenso fest, daß es noch nicht die Begrüßung gewesen ist, die ihm als König von seinem Volke gebührt. An diese seine theuerste Erinnerung aus seinem Verkehr mit Israel anknüpfend, spricht er sein letztes Wort über die Zukunft: dereinst, nachdem die Macht der Verstockung überwunden sein wird, wird Jerusalem ihn noch einmal begrüßen mit demselben Psalmenwort, welches dann nicht bloß eine vorübergehende Bedeutung hat, sondern eine ewige Wahrheit in dem Volke Gottes sein wird.

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